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Full text of "Verwandtschafts- und Erbrecht samt Pfandrecht nach altnordischem Rechte"

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Vorlefungen 

Ober 



Hltnordüdie ReditsgefAidite 



von 

Konrad Maurer. 



Aus dem Nadilal des Verfalfers 

herausgegeben 

von der 

Gelellldiaft der WiUenIdiaiten.üi KriSlanla. 



Band III. 



Verioandtfdiafts- und Erbredit famt Pfandredit 
nadi altnordlldiem Redite. 



LEIPZIG. 

Jl. Del che rt' [die Verlassbudihandiung Nachf. 

(Georg Böhme). 

1908. 



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Verioandtfdiafts- und Erbretfit 



famt 



Pfandredit 

naA altnordifdieiR Redite. 



Von 



Konrad Manrer. 



flns dem Nachlal des Verfallers 

heraosgegeben 

ion der 

Gefellfdiaff der Wiffenfdiaften in Kriftiania. 



-<*>- 



LEIPZIG. 

fl. Deidiert'ldte VerlagsboAbandlong Nadtf. 

(Georg BOhme). 

1908. 



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Alle Rechte vorbehalten. 



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Vorwort des Herausgebers. 



Der dritte Band der Vorlesungen Konrad Maurers ist, wie man 
sieht, privatrechtlichen Inhalts, und der Stoff, wie auch im zweiten 
Band der Fall war, von „altnordischem", d. h. gemeinsamem nor- 
wegisch-isländischem Gesichtspunkte behandelt 



I. Verwandtschafts- und Erbrecht. 

Schon im Winter 1868 — 69 hat Maurer über „altnordisches Pri- 
vatrecht" gelesen und darunter auch „die Organisation des Geschlechts- 
verbandes" und „das Erbrecht" vorgetragen. Später ist er wiederholt 
zu diesen interessanten und schwierigen Gegenständen seiner Unter- 
suchungen zurückgekehrt, das letzte Mal um die Mitte der achtziger 
Jahre, aus welcher Zeit er eine besondere, leider aber undatierte 
Darstellung der „Verwandtschaft nach altnordischem Rechte" hinter- 
lassen hat, die er dann mutmaßlich im Sommer 1886, da er aufs 
neue über „ausgewählte Materien des altnordischen Privatrechtes" las, 
seinen Zuhörern vorlegte. Die ursprüngliche Absicht, jenes umfang- 
reiche Forschungsgebiet nach allen Richtungen hin klar zu legen 
(vgl seine Vorbemerkungen S. 5 — 7), hat er zwar nicht erreicht; es 
liegt aber doch, wie die erste Abteilung des gegenwärtigen Bandes 
zeigen wird, von seiner Hand eine so wertv^oUe und einheitliche 
Erörterung der äußeren Struktur der Verwandtschaft sowie auch der 
erbrechtlichen Verhältnisse vor, daß deren Veröffentlichung sich von 
selbst ergab. Einer ausdrücklichen Anweisung des Verfassers zufolge 
ist sein für die Ausgabe verwertetes Manuskript durch den aus dem 
Vorlesungsheft vom Winter 1868 — 69 entnommenen Schlußpara- 
graphen über den „Anfall der Erbschaft" (S. 319 — 35) ergänzt worden. 



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VI Vorwort des Herausgebers. 



IL Pfandrecht. 

Auch diesen Gegenstand hat Maurer mehrmals in Verbindung- 
mit anderen Materien des altnordischen Privatrechtes vorgetragen, 
so namentlich in den Sommersemestern 1872 und 1881, dann wieder 
im Winter 1887 — 88. Diese letzte Vorlesungsreihe tritt im nachge- 
lassenen Manuskript als eine zu Ende geführte Bearbeitung der 
nächstvorhergehenden aus dem Jahre 1881 hervor und ist hier voll- 
ständig und ohne Zufügungen gedruckt 

Die ungefähr gleichzeitigen „Beiträge" des Verfassers „zur Lehre 
vom tak", die 1888 in norwegischer Sprache in „Tidsskrift for Rets- 
videnskab" (I) erschienen, beschäftigen sich nur mit ein paar Einzel- 
fragen der Materie und zwar hauptsächlich mit dem sogenannten 
„heimildartak" (vgl unten S. 546 — 55). 

Kristiania, Mai 1908. 

Ebbe Hertzberg. 



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Inhalt des dritten Bandes. 



Seite 

Vorwort des Herausgebers V 

Erste Abteilung. 

Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 

§ I. Vorbemerkung 3 

Teil L Die äußere Erscheinung der Verwandtschafft. 

§ 2. Die Bezeichnungen der Verwandtschaft 7 

ij 3. Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft 10 

§ 4. Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. . . 31 

g 5. Die Weiber 76 

§ 6. Die uneheliche Geburt 124 

i$ 7. Die verwandtschafuähnlichen Verhältnisse 180 

Teil n. Das Erbrecht. 



§ 8. Die Terminologie der Quellen 199 

§ 9. Die Erbfähigkeit 201 

§ 10. Die Erbfolgeordnung 213 

§11. Die außerordentliche Erbfolge 273 

§12. Die letztwilligen Verfügungen 290 

§ 13. Der Anfall der Erbschaft 319 



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VIII Inhalt des dritten Bandes. 

Seite 
Zweite Abteilung. 

Altnordisches Pfandrecht. 

§ I. Einleitung 339 

Abschnitt I. Das veö. 

§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte 341 

§ 3. Das Recht des isländischen Freistaates 354 

§ 4. Nebenbildungen des isländischen Rechts 374 

§ 5. Der gemeinsame Ausgangspunkt des älteren norwegischen und 

isländischen Pfandrechtes 393 

§ 6. Die Gesetzgebung des Königs Magnus lagaboetir 408 

Abschnitt IL Der mili. 

§ 7. Die norwegischen Provinzialrechte 429 

§ 8. Das Recht des isländischen Freistaates 488 

§ 9. Die Gesetzgebung des Königs Magnus lagaboetir 507 

§ 10. Schlußbemerkungen 517 



Abschnitt IH. Das tak. 



11. Die norwegischen Provinzialrechte 527 

12. Die Gesetzgebung des Königs Magnus lagaboetir 564 



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Verwandtschafts- und Erbrecht 
nach altnordischem Rechte. 



Maurer, Verwandtschafts* und Erbrecht nach altnordischem Rechte. I 

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§ I. Vorbemerkung. ^) 

Wie überhaupt in den altgermanischen Rechten, so behauptet 
die Verwandtschaft auch speziell in den altnordischen eine sehr er- 
hebliche Bedeutung. In einer vorgeschichtlichen Zeit wurzelnd, nimmt 
ihre Bedeutung mit der allmählich steigenden Macht des Staates 
Schritt vor Schritt ab; sie ist aber nicht nur am Anfange der ge- 
schichtlich verfolgbaren Zeiten noch immer eine gewaltig eingreifende, 
sondern macht sich auch noch am Schlüsse der hier ins Auge zu 
fassenden Periode auf den verschiedensten Rechtsgebieten sehr ent- 
schieden geltend, so daß eine sorgfältige Betrachtung der Verwandt- 
schaft nach allen ihren Beziehungen im Rechte schlechterdings nötig 
ist, wenn wir von dem Rechtsleben der älteren Zeit ein klares und 
richtiges Bild gewinnen wollen. Zweierlei wird aber dabei in Be- 
tracht zu kommen haben, nämlich einerseits die äußere Erschei- 
nung der Verwandtschaft und weiterhin deren rechtliche 
Wirksamkeit 

In der ersteren Beziehung handelt es sich zunächst um die 
Ausdrücke, mit welchen die Nordleute die Verwandtschaft oder ein- 
zelne Arten derselben bezeichneten ; ferner um die Art, wie dieselben 
die Nähe der Verwandtschaft berechneten, und im Zusammenhange 
damit um die etwa von ihnen ihr gezogene Grenze. Weiterhin 
werden die engeren Gruppen zu besprechen sein, welche sich etwa 
innerhalb der Verwandtschaft gegenüberstehen, möge es sich nun 
dabei um den Gegensatz des Mannsstammes und Weibsstammes, 
oder um die Unterscheidung näherer und entfernterer Verwandter 
oder um beides zugleich handeln. Wiederum wird die eigentümliche 



') ^S^* Vilhjälmr Finsen, Fremstilling af den islandske Familieret efter 
Grägis, in den Annaler for nordisk Oldkyndighed og Historie, 1849, S* ^5^ — 33^ ^^^ 
1850, S. 121 — 272; femer meine Schrift: Island von seiner ersten Entdeckung bis 
zum Untergange des Freistaats (1874), S. 322 — 73. 



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A § I. Vorbemerkung. 

Stellung einerseits der Weiber und andererseits der unehelich Ge- 
borenen innerhalb der Verwandtschaft erörtert werden müssen; 
endlich aber werden auch noch gewisse verwandtschaftsähnliche und 
der wirklichen Verwandtschaft sich anreihende Verhältnisse zur 
Sprache zu bringen sein, wie die Schwägerschaft, die Gevatterschaft, 
endlich die durch die Pflegschaft begründeten Verhältnisse. 

In der zweiten Beziehung dagegen gilt es, die Aufgaben fest- 
zustellen, welche das altnordische Recht ganz oder teilweise der ver- 
wandtschaftlichen Verbindung überweist und zugleich die Verschieden- 
heit der Wege zu betrachten, auf welchen dasselbe sie deren Er- 
füllung erstreben läßt Die sämtlichen Angehörigen ihres Verbandes 
zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfassend, sehen wir die 
Verwandtschaft in der ältesten Zeit nach außen als eine Einheit 
auftreten, stets bereit, die Rechte und Interessen jedes einzelnen Ver- 
wandten mit gemeinsamer Hand zu verteidigen; nach innen aber 
sehen wir dieselbe ihren Angehörigen die heilige Pflicht auferlegen, 
unter sich Frieden zu halten, also jede Gewalttat zu unterlassen und 
zugleich sich gegenseitig positiv je nach Bedarf zu unterstützen und 
zu helfen. An sich nur natürlich, und wenn man will, sittliche Ver- 
pflichtungen begründend, wird die Verbindung doch auch von der 
Rechtsordnung anerkannt und soweit nötig geregelt; aber freilich 
umfaßt diese Regelung keineswegs den verwandtschaftlichen Verband 
in allen seinen Beziehungen. Vielmehr sind es immer nur einzelne 
Konsequenzen oder Gruppen von Konsequenzen desselben, welche 
zu einzelnen Rechtssätzen oder höchstens zu einzelnen Rechtsinstituten 
Veranlassung geben, und sie wird überdies durch das Interesse des 
Staates selbst modifiziert, welcher weder eine allzu starre Isolierung 
der einzelnen Geschlechter, noch vollends ein allzu schroffes Auf- 
treten derselben gegeneinander begünstigen, oder auch nur dulden 
konnte. Von hier aus erklärt sich eine Reihe von Verschiedenheiten, 
welche die Behandlung der Verwandtschaft in den verschiedenen 
germanischen Rechten zeigt; aber auch innerhalb eines und desselben 
Rechtes wird sich deren Behandlung zu verschiedenen Zeiten sehr 
verschieden gestalten, indem einerseits in den älteren Zeiten, in 
welchen der Staat noch wenig leistet, das Bedürfnis nach helfendem 
Eingreifen der Verwandtschaft am dringendsten und zugleich infolge 
der kleineren Verhältnisse und des geschlossenen Zusammenlebens 
der Verwandten deren Befähigung zu solchem Eingreifen am größten 
ist, andererseits in den späteren Zeiten mit der Lxjckerung des ver- 
wandtschaftlichen Verbandes dessen Leistungsfähigkeit abnimmt. 



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§ I. Vorbemerkung. c 

während zugleich die erstarkende Macht des Staates diesen befähigt, 
den bisher durch die Geschlechter befriedigten Bedürfnissen selbst 
abzuhelfen, und ihn auch eifersüchtiger werden läßt auf jede in 
seinem Innern sich erhebende allzu selbständige Macht. — Im alt- 
nordischen Rechte ist es, wie in den übrigen germanischen Rechten, 
zunächst der innerhalb der Verwandtschaft geltende besondere Frie- 
den, welcher vom Staate anerkannt wird, und zwar selbst in Fällen, 
in welchen es sich um einen Eingriff in seine eigenen Rechtspläne 
handelt Die Rekusabilität von Verwandten gewisser Grade als 
Richter, Geschworene, Zeugen beruht auf diesem Gesichtspunkte, 
gleichviel übrigens, ob dabei der Standpunkt des Verwandten be- 
stimmend wurde, welchem kein Auftreten gegen seinen Angehörigen 
zugemutet werden wollte, oder aber die Rücksicht auf den Prozeß- 
gegner, welchen man nicht der Gefahr aussetzen wollte, mit welcher 
ihn die vorauszusehende Parteilichkeit des Verwandten seines Gegners 
bedrohte. Unter den gleichen Gesichtspunkt gehört aber auch die 
Begünstigung, welche manche Rechte den Verwandten in Bezug auf 
die sonst verbotene Unterstützung friedloser Leute zuteil 
werden lassen, soferne in ihr, wenn auch nur im engstem Umfange, 
der Satz zur Anerkennung kommt, daß die verwandtschaftliche Ver- 
pflichtung unter Umständen der staatlichen vorgehen könne. Nicht 
minder wird aber die mit der Friedenspflicht auf das engste zu- 
sammenhängende Verpflichtung der Verwandten zu gegenseitiger 
positiver Unterstützung in gewissem Umfange vom Staate anerkannt 
und geregelt Von hier aus ergibt sich zunächst das Institut der 
verwandtschaftlichen Vormundschaft, möge diese nun zum 
Schutze minderjähriger oder gebrechlicher oder geisteskranker Per- 
sonen oder zum Schutze der Weiber zu führen sein, sowie die ver- 
wandtschaftliche Pflicht der Verpflegung armer, oder sonst hilfs- 
bedürftiger Leute, wie diese letztere zumal im isländischen Rechte 
eine sehr Selbständige Ausprägung erlangt hat. Andererseits ist vor- 
wiegend eine Folge der strengen Abgeschlossenheit, welche die Ver- 
wandtschaft nach außen zeigt, darin zu erkennen, daß der Staat den 
Verwandten einerseits das Recht der Blutrache, sowie des Be- 
zuges gewisser B u ß e n und Wergeid er zugesteht, andererseits sie 
aber auch der Blutrache ausgesetzt sein läßt, oder statt dessen der 
Verpflichtung zum Zahlen von Wergeldern unterwirft Unter den- 
selben Gesichtspunkt gehört ferner das Erbrecht, und soweit es 
überhaupt vorkommt, das Stammgüterrecht, soferne für das 
eine wie das andere der Grundgedanke maßgebend wird, daß das 



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^ § I. Vorbemerkung. 

Vermögen jedes einzelnen Geschlechtsangehörigen, und in ganz be- 
sonderem Grade dessen vom Geschlechte her erworbenes Grund- 
eigentum, in höherer Instanz dem gesamten Geschlechte gehöre und 
dessen Herrschaft in keiner Weise entzogen werden solle. Dabei 
äußert sich aber die Wirksamkeit des verwandtschaftlichen Verbandes 
keineswegs nach allen Seiten hin in derselben Weise. Vielmehr er- 
zeugt derselbe zum Teil Rechte und Verbindlichkeiten, welche dessen 
sämtlichen Angehörigen oder doch gewissen Klassen von solchen 
gleichzeitig zustehen und obliegen, zum Teil aber auch Rechte 
und Verbindlichkeiten eines mehr ausschließlichen Charakters, an 
welchen zwar prinzipiell ebenfalls die sämtlichen Verwandten Anteil 
nehmen, welche jedoch tatsächlich doch immer nur von einem ein- 
zigen oder doch nur von einigen wenigen unter ihnen übernommen 
und ausgeübt werden können, wobei dann die näheren Verwandten 
in einer der Gliederung der Verwandtschaft entsprechenden Reihen- 
folge von den entfernteren berufen erscheinen. So kommt z. B. 
die Rekusabilität der Verwandten, dann die durch die Kirche ein- 
geführte Bedeutung der Verwandtschaft als Ehehindemis, allen und 
jeden Verwandten gegenüber gleichzeitig in Betracht, welchen gegen- 
über sie überhaupt in der angegebenen Weise wirkt; an der Blut- 
rache ferner und am Bezüge des Wergeides, oder umgekehrt an der 
Entrichtung dieses letzteren, nehmen alle und jede Verwandte, wenn 
auch nicht alle in gleichem Maße Anteil, wenn einer ihrer Ange- 
hörigen widerrechtlich getötet wurde, oder umgekehrt einen anderen 
widerrechtlich getötet hat u. dgl. m. Andererseits ist aber die An- 
stellung der eigentlichen Blutklage um einen erschlagenen Ver- 
wandten, die Führung der Vormundschaft über einen Minderjährigen 
oder ein lediges Weib, die Verpflichtung zum Unterhalte eines hilfs- 
bedürftigen Verwandten, oder wieder der Anspruch auf den Nachlaß 
eines Verstorbenen, zunächst Sache des dem Grade nach nächst- 
stehenden Angehörigen, und können derartige Rechte uncf Pflichten 
nur unter der Voraussetzung an mehrere zugleich fallen, daß ent- 
weder mehrere dem Grade nach gleich nahe berufene Verwandte 
vorhanden sind, oder daß in einzelnen Beziehungen eine Überwachung 
des zunächst Berufenen durch die Gesamtheit aller Verwandten ein- 
zutreten hat Allerdings war in den Fällen dieser zweiten Kategorie 
die Reihenfolge der Berechtigten und Verpflichteten keineswegs nach 
allen Seiten hin ganz gleichmäßig geordnet; aber doch zeigt sich 
bei genauerer Betrachtung, daß die in den Quellen bemerkbare Un- 
gleichförmigkeit keineswegs prinzipieller Natur, und daß sie gutenteils 



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§ 2. Die Bezeichnungen der Verwandtschaft 7 

auch nicht einmal von Anfang an vorhanden war, vielmehr erst im 
Verlaufe der Zeiten durch von außen her hereinspielende Momente 
der verschiedensten Art hervorgerufen wurde, welche auf die ur- 
sprünglich einheitliche Struktur der Verwandtschaft im einzelnen in 
verschiedener Richtung modifizierend einwirkten. Auf der einen 
Seite ist es ein gewisses Schwanken in der Behandlung der Weiber 
sowie der unecht Geborenen und teilweise auch der Minderjährigen, 
welches, auf verschiedenen Gebieten in verschiedener Weise zutage 
tretend, jene Ungleichförmigkeit hervorgerufen hat; auf der anderen 
Seite ist es die in praktischen Rücksichten begründete Notwendig- 
keit, bei der Berufung zu gewissen Rechten und Pflichten neben der 
Verwandtschaft auch noch ganz andere Momente zu berücksichtigen, 
was in der gleichen Richtung wirkt, wie sich dergleichen z. B. in 
sehr augenfälliger Weise bei der Berufung zur Blutklage, zur Ge- 
schlechtsvormundschaft, oder zur Armenpflege geltend machte. In 
einem wie im anderen Falle liegt aber der Reihenfolge, in welcher 
die Berufung der einzelnen Verwandten zu den verschiedenen Rechten 
und Lasten erfolgt, in letzter Instanz die gemeinsame, ursprünglich 
völlig einheitlich gestaltete Struktur des Geschlechtsverbandes stets 
klar erkennbar zugrunde, und erweist sich dieselbe eben nur als 
durch einzelne, mit voller Sicherheit bestimmbare Motive in einzelnen 
Punkten modifiziert^) 



Teü I. 

Die äufsere Erscheinung der Verwandtschaft. 

§ 2. Die Bezeichnungen der Verwandtschaft. 

Als technische Bezeichnung für das, was die Römer gens nannten, 
wir aber Geschlecht nennen, gilt in der altnordischen Sprache das 

^) [Der Plan Maurers, die hier aufgezählten verschiedenen Zweige der verwandt- 
schaflsrechtlichen Wirksamkeit einheitlich zu behandeln, ist in seinen hinterlassenen 
Vorlesungen nur fttr das Erbrecht durchgeführt. Vgl. doch, insoweit das altisländische 
Recht in Frage kommt, die vollständige, obschon stark zusammengedrängte Darstellung 
in seinem Werke „Island", S. 366 — 73.] 



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3 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

Wort ätt oder aett, oder auch der zusammengesetzte Ausdruck 
aettbälkr (aettarbälkr), aettbogi (ättbogi), aettbarmr. Dasselbe Wort 
bezeichnete auch die Himmelsrichtungen, und da man den Horizont 
in acht Himmelsrichtungen einzuteilen pflegte, hat man dasselbe 
auch wohl von der Zahl „ätta" ableiten zu sollen geglaubt; jeden- 
falls ist dasselbe aber der altnordischen Sprache ausschließlich eigen. 
In gleichem Sinne wird aber auch der, allen germanischen Sprachen 
ganz gleichmäßig eigene, Ausdruck kyn gebraucht, welcher freihch, 
ganz wie unser „Geschlecht", andere Male auch wohl für sexus (z. B. 
karUcyn, kvennkyn), und wieder andere Male für genus = Gattung 
stehen kann (z. B. allskyns, annarskyns). Für den einzelnen Ange- 
hörigen des Geschlechts gilt die Bezeichnung fraendi, fraendkona, 
woraus sich wieder fraendsemi als Bezeichnung des Zustandes des 
Verwandtseins, und die Zusammensetzungen frasndbälkr, fraendgarör, 
fraendaliö u. dgL als Bezeichnungen für die Gesamtheit der Ver- 
wandten ableiten. Eine Partizipialform des nahezu absoluten Zeit- 
wortes frjä, d. h. lieben, bezeichnet das Wort fraendi eigentlich den 
Liebenden im Gegensatze zum Hassenden, dem fjändi oder Feinde; 
unbegründet ist es aber, wenn Guöbrandr Vigfüsson dessen Geltung 
für den Verwandten als eine ausschließlich altnordische ansehen will, 
da dieselbe vielmehr auch anderen germanischen Dialekten ganz 
gleichmäßig eigen ist, nur daß diese letzteren neben jener auch noch 
jene ursprüngliche Bedeutung des Wortes = amicus festgehalten 
haben. Dagegen ist zu beachten, daß zwei Ausdrücke, welche in 
anderen germanischen Sprachen ganz vorzugsweise für die Ver- 
wandtschaft gebraucht werden, im altnordischen nur für die mit ihr 
sich zwar nahe berührenden, aber doch von ihr wohl getrennt zu 
haltende Schwägerschaft verwendet werden. Einmal nämlich gilt 
dies von dem Worte mägr, w^elches immer nur den Verschwägerten, 
nie wie ahd. mag oder ags. maeg den Blutsfreund bezeichnet; daß 
goth. megs ebenfalls den Eidam bezeichnet, dürfte dabei auf das 
höhere Alter des an. Sprachgebrauches schließen lassen, und jeden- 
falls darf aus an. mögr = Sohn kein gegenteiliger Schluß abgeleitet 
werden, da dieses Wort, dem goth. magus = 7tali^ entsprechend, 
zufolge seines kurzen Vokales gänzlich abliegt Zweitens bezeichnet 
aber auch das Wort sifjar, ahd. sibba und ags. sibb entsprechend, 
nur die Schwägerschaft, nie, wie in jenen Dialekten, die Blutsfreund- 
schaft; indessen läßt goth. sibja = Verwandtschaft, in diesem Falle 
umgekehrt auf das höhere Alter der deutschen und englischen Be- 
deutung schließen, zumal da diese auch der Grundbedeutung des 



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§ 2. Die BezeichDUDgen der Verwandtschaft. O 

Wortes sibbe = Frieden besser entspricht, und überdies Zusammen- 
setzungen wie guösifjar, büsifjar im Altnordischen selbst auf eine 
weiter reichende Geltung des Ausdruckes hinweisen. Weiter, und 
über das Bereich der Verwandtschaft hinaus, greift dagegen der 
Ausdruck tengöir, dessen Anwendung freilich bald eine engere und 
bald eine weitere ist Das Zeitwort tengja, von welchem tengöir 
sich ableitet, bedeutet soviel wie verbinden, und die Redensart „at 
tengjast viö mann" oder „binda tengöir viö mann" mag von hier 
aus ganz wohl die Eingehung der Verschwägerung mit jemanden 
bezeichnen; so kommt denn auch der Ausdruck tengöir selbst öfter 
in diesem engeren Sinne vor, und die Zusammensetzungen tengöa- 
faöir, tengöamööir u. dgl. m. werden in der Tat immer nur in dieser 
engeren Bedeutung gebraucht; wenn ferner gelegentlich „fraendr ok 
tengöamenn" zusammen genannt und eben damit sich gegenüber- 
gestellt werden, so kann dies wohl ebenfalls nur in demselben Sinne 
verstanden werden. Aber an anderen Stellen beansprucht der Aus- 
druck denn doch entschieden umfassendere Geltung und begreift 
derselbe neben den Verschwägerten auch noch die Blutsfreunde in 
sich. Wenn z. B. in der Eyrbyggja Geirriör von Mäfahliö zugleich 
ihren Bruder und ihren Schwiegersohn als ihre tengöamenn be- 
zeichnet, oder wenn an einer anderen Stelle derselben Quelle „margir 
göögjarnir menn, |)eir er väru tengöamenn hväratveggja" zwei strei- 
tenden Parteien gegenübergestellt werden,^) so mag zwar dahinstehen, 
ob unter den tengöamenn nicht etwa außer den Verschwägerten und 
Blutsfreunden auch noch andere den betreffenden Personen irgendwie 
nahe stehende Leute mit inbegriffen zu denken seien ; den Ausdruck 
aber auf die Verschwägerten allein beziehen zu wollen, geht jeden- 
falls nicht an. In den isländischen Rechtsquellen vollends scheint 
der Ausdruck neben der Blutsfreundschaft und Schwägerschaft auch 
noch die Gevatterschaft, sowie die durch ein Pflegeverhältnis be- 
gründeten Verbindungen zu umfassen. Wiederholt sprechen die- 
selben nämlich von Leuten, welche „rettir at tengöum", „rettir at 
tengöum i kviö" u. dgl. seien, und darunter werden stets Leute ver- 
standen, welche mit Rücksicht auf ihre persönlichen Beziehungen zu 
den streitenden Teilen in einem Rechtsstreite als Geschworene u. dgl. 
auftreten können, ohne einer Rekusation ausgesetzt zu sein; nicht 
selten wird der Ausdruck dabei mit der anderen Formel „rettir at 



*) Eyrbyggja, 19/26 und 46/88 — 89; im übrigen vgl. wegen der Belegstellen 
zum Obigen meine Schrift: Island, S. 323 — 25. 



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lO Teil I. Die äufiere Erscheinung der Ven^'andtschafL 

leiöarlengö" zusammengestellt, welche Leute bezeichnet, die mit Rück- 
sicht auf die Entfernung ihres Wohnortes von einem bestimmten 
anderen Orte, sei dies nun der Ort der Tat oder der Wohnort eines 
der Streitteile oder ein wie immer sonst bezeichneter Ort, zum Gre- 
schworenendienste befähigt erscheinen, und gerade aus dieser Gegen- 
überstellung ergibt sich recht klar der weite Umfang der ersteren 
Bezeichnung. In ähnlich umfassendem Sinne wird auch das Wort 
heyrar genommen, welches immer nur im Dativ pluralis, in diesem 
aber in den verschiedensten Schreibweisen vorkommt (heyrom, haerom, 
hörum, herum; ferner hreyrom, hrörum) und vorläufig noch jeder 
sicheren etymologischen Erklärung sich entzieht Die beiden zuletzt 
erwähnten Ausdrücke sind ausschließlich der isländischen Rechts- 
sprache eigen, während sie der norwegischen fehlen; allgemein ver- 
breitet, aber ohne alle bestimmtere juristische Geltung, sind dagegen 
wieder die Ausdrücke skuldleikr, skuldleiki und die von ihnen 
sich ableitende Bezeichnung skuldingi für den einzelnen Ver- 
wandten. Sie weisen lediglich auf die innerhalb der Verwandtschaft 
bestehenden gegenseitigen Verpflichtungen hin und können darum 
gebraucht werden, so weit diese reichen. Auf Bezeichnungen aber, 
welche nicht für die Verwandtschaft im allgemeinen, sondern nur 
für bestimmte Grade oder Gruppen innerhalb derselben gebraucht 
werden, ziehe ich vor, erst später einzugehen, und sollen auch später 
erst die vielfach bestrittenen Ausdrücke niör oder niöi, sowie nefi 
erörtert werden. 



$ 3. Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 

Selbständige technische Bezeichnungen kennt die isländisch- 
norwegische Rechtssprache nur für den ersten Grad der Verwandt- 
schaft in der aufsteigenden, absteigenden und Seitenlinie, und zwar 
sind diese Bezeichnungen die allen germanischen Stämmen gemein- 
samen, faöir und mööir, sonr und döttir, dann brööir und 
systir. Von ihnen abgeleitet sind die knappen, und der nordischen 
Sprache ausschließlich eigenen zusammenfassenden Bezeichnungen 
feögin, systkin, für Eltern, dann für Geschwister verschiedenen 
Geschlechts, also für Vater und Mutter einerseits, dann für Bruder 
und Schwester andererseits, börn für Kinder, gleichviel welchen 
Geschlechts; ferner die ebenfalls zusammenfassenden Bezeichnungen 



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§ 3* Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 1 1 

feögar, moeögur für Vater und Sohn, dann Mutter und Tochter, 
sowie moeögiii für Mutter und Sohn. Über den ersten Grad hin- 
aus finden sich in der aufsteigenden Linie noch die Ausdrücke afi 
und amma für den Großvater und die Großmutter, dann äi und 
edda für den Urgroßvater und die Urgroßmutter gebraucht; aber 
diese Bezeichnungen sind den übrigen germanischen Dialekten nicht 
in gleicher Weise geläufig, und sie werden auch im Norden von den 
Rechtsquellen nicht, oder doch nur ganz vereinzelt gebraucht, ^) 
welche vielmehr mit den Zusammensetzungen fööurfaöir und foöur- 
mööir, mööurfaöir und mööurmööir sich behelfen, und von den Ur- 
großeltern zu sprechen ohnehin nicht leicht Veranlassung haben. 
Mag sein, daß dieser abweichende Sprachgebrauch der Rechtsquellen 
durch das Bedürfnis bedingt war, zwischen der Vatersseite und Mutters- 
seite genauer zu unterscheiden; mag sein aber auch, daß derselbe 
mit einer tieferliegenden Eigentümlichkeit des nordischen Rechtes 
in Verbindung zu bringen ist Für die Enkel zunächst kennt die 
altnordische Sprache überhaupt keine einfache und zusammenfassende 
Bezeichnung, und muß dieselbe sich somit auch außerhalb der Rechts- 
quellen mit den Zusammensetzungen sonarsonr und sonardöttir, 
döttursonr und dötturdöttir behelfen. In der Seitenlinie femer gibt 
es weder für Oheim und Muhme, noch für Neffe oder Nichte be- 
sondere Bezeichnungen, sondern müssen wiederum die Zusammen- 
setzungen fböurbrööir und mööurbrööir, fööursystir und mööursystir, 
dann brööursonr und systursonr, brööurdöttir und systurdöttir her- 
halten, und wenn zwar für Geschwisterkinder die Bezeichnungen 
brceörüngar, systrüngar und systkinabörn (systlf ngar *)) 
vorkommen, je nachdem es sich um die Kinder zweier Brüder, zweier 
Schwestern, oder eines Bruders und einer Schwester handelt, so sind 
diese doch nur Ableitungen von dem einfachen Worte brööir, systir, 
systkin, also ohne alle Selbständigkeit. Über die bisher aufgezählten 
Verwandtschaftsgrade reicht aber die Übereinstimmung der norwegi- 
schen und der isländischen Terminologie nicht mehr hinaus, und 



*) vgl. GI)L. 270: er afi hcfir afa leift. 

•) Da die sysüingar, welche m GI>L. 224 — 6 genannt werden, sowohl von den 
systrüngar als von den systursynir unterschieden werden, kann ich sie weder mit 
Eirfkr Jönsson für die Söhne einer Halbschwester, noch mit Fritzner und 
Möbius für Söhne einer Mutterschwester ansehen, obwohl auch GuÖbrandr Vig- 
füsson nur zwischen diesen beiden Möglichkeiten schwankt, sondern nur mit den 
systkinasynir identisch nehmen, d. h. als Söhne sei es nun eines Multerbruders oder 
einer Vatersschwester. 



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12 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

ich will, aus Zweckmäßigkeitsgründen, vorerst der isländischen nach- 
gehen. 

Jenseits der Geschwisterkinder kennt das isländische Recht 
nur noch drei einigermaßen selbständige, und dabei unter sich 
korrespondierende Bezeichnungen von Verwandtschaftsgraden, näm- 
lich die Ausdrücke: naesta brotöra, annarra brceöra und 
J)riöja broeöra. Keinem Zweifel kann unterliegen, daß unter den- 
selben der dritte, vierte und fünfte gleiche Grad kanonischer Kom- 
putation zu verstehen ist; bereits in einer Anmerkung zu der 
arnamagnaeanischen Ausgabe der Kristni saga (1773) ist diese ihre 
Bedeutung richtig erkannt, *) und später haben sie sowohl Vilhjälmr 
Finsen (1849)^} als ich selber (1855)*) in gleicher Weise vertreten, 
Jon Sigurösson aber, welcher mit manchen anderen Isländern die 
Ausdrücke früher anders gedeutet hatte (1858),*) ist hinterher der- 
selben Ansicht beigetreten, *) und auch Th. Möbius, welcher in seinem 
Glossare (1866) sich jener früheren Ansicht des Jon Sigurösson an- 
geschlossen hatte, hat sich in dem Nachtrage zu demselben der 
anderen Auslegung gefügt, so daß, da auch Fritzner sich sehr be- 
stimmt, und Guöbrandr Vigfusson wenigstens vorwiegend für die- 
selbe erklärt hat, *) diese Deutung der Ausdrücke nunmehr wohl als 
eine allgemein anerkannte bezeichnet werden darf. Vilhjälmr Finsen 
hat ferner bereits darauf aufmerksam gemacht, ') daß jene Ausdrücke 
in ihrer genitivischen Form nur elliptisch sich deuten lassen, nämlich 
als naesta brceöra börn usw., woraus hinwiederum folgt, daß die 
broeörüngar oder Geschwisterkinder mit anderem Namen auch als 
naestir broeör, d. h. nächste Brüder, die Nachgeschwisterkinder als 
aörir broeör, zweite Brüder, endlich deren Kinder als |)riöja broeör, 
dritte Brüder, in einer längst vergangenen Zeit bezeichnet worden 
sein mußten. Man wird gegen diese Schlußfolgerung nicht ein- 
wenden dürfen, daß ganz vereinzelt einmal „naesta broeörüngar" ge- 



*) ed. Arnamagn., S. 38 — 41, Anm. 57. 

-) Annalcr, 1849, S. 281. 

'j Die Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christentume, I, S. 378 — 79. 

*) Biskupa sögur, I, S. 10— ii, Anm. 5. 

*) Diplom, island. I, S. 384— 86 (1857-76). 

**) Guöbrandr Vigfiisson erklärt, s. v. annarra braftra, die n^sta brcjeÖra, 
annarra broeÖra und |)riÖja broeÖra für third, fourth und fifth cousins, und bleibt 
dieser Erklärung auch s. v. |)riftja broeÖra getreu, wogegen er s. v. nissta broeÖra 
diesen Ausdruck durch second cousins erklärt. 

') ang. O., S. 2S1-83. 



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§ 3- Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. ij 

nannt werden, ^) und an einer zweiten Stelle gar von einem „naesta 
brcEÖrüngr" die Rede ist, *) noch auch, daß an ein paar anderen 
Stellen die Singularform masc. nasstabrööir und fem. naestabroeöra 
vorkommt ;•) Formen der letzteren Art sind lediglich verkehrte Neu- 
bildungen, wie dies schon die Beibehaltung der Genetivform bei dem 
in der Zusammensetzung voranstehenden Adjektive zeigt, die Formen 
der ersteren Art beruhen vollends, wenn nicht auf einem Schreib- 
fehler, so doch auf einem groben Mißverständnisse des betreffenden 
Abschreibers. Halten wir aber an den bisher dargelegten Sätzen 
fest, so gewinnen wir aus denselben eine Reihe sehr bedeutsamer 
Ergebnisse in Bezug auf die Struktur der Verwandtschaft im alt- 
isländischen Rechte. Zunächst ergibt sich nämlich, daß der Aus- 
druck Bruder ursprünglich nicht auf den ersten Grad der Seiten- 
verwandtschaft beschränkt gewesen sein kann, daß er vielmehr sich 
ursprünglich auch auf alle anderen gleichen Grade der Seitenver- 
wandtschaft erstreckt haben muß, ganz wie dies bei einzelnen asiati- 
schen sowohl als amerikanischen Völkerschaften wirklich der Fall 
ist*) Zweitens ist klar, daß wie im kanonischen Rechte nur die 
gleichen Grade die Grundlage der Verwandtschaftsberechnung bil- 
deten, daher man nur für diese eigene Bezeichnungen besaß, während 
man die ungleichen Grade, ähnlich wie bei der kanonischen Kom- 
putation, nur durch Umschreibungen wie „manni nänari enn naesta 
broeöra", „manni firnari enn annarra brceöra" u. dgl. m. zu bezeichnen 
vermochte. Drittens folgt aus den obigen Angaben, daß man auf 
Island ganz ebenso, wie dies unser Sachsenspiegel tut, die Ge- 
schwister noch nicht in die Sibbezahl mit einbezog, soferne ja 
anderenfalls diese, und nicht erst ihre Kinder, als naestir brceör be- 
zeichnet und gezählt sein müßten, und diese Schlußfolgerung wird 
dadurch bestätigt, daß wiederholt gesagt wird, man solle von den. 
Geschwistern ab die Glieder zählen, wenn es gelte die zwischen zwei 
Personen bestehende Verwandtschaft zu berechnen, *) oder sogar aus- 

*) Konüngsbök, I13/201 (Baugatal). 

•) Legendarische Olafs s. helga, 70/54; wegen der Verwandtschaftsver- 
hältnisse der betreffenden Personen vgl. die Heimskr. Olafs s. Tryggvasonar, 
60/173. 

•) Belege gibt GuObrandr Vigfusson, h. v. 

*) vgl. Pischel, Völkerkunde, S. 239 — 40; vgl. aber auch die ähnlich ge- 
bildeten Bezeichnungen })ridde fader, feorda fader usw., dann feorda sunu, fifta sunu 
usw. bei den Angelsachsen, welche v. Amira, Erbenfolge, S. 77 nachgewiesen hat. 

*) Konüngsbök, 25/46 — 47: nüaÖr skal hefja fraendsemistölu at broeÖnim, eÖa 
at systkinum, eÖa at systrum, ok skal telja knerunnum; ebenso StaÖarhölsbök, 



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JA Teil I. Die äuöere Erscheinung der VerwandtschaA. 

drücklich ausgesprochen wird, daß die Zählung von den Geschwistern 
ab es sei, was eine Geschlechtslinie (knerunnr) bilde. ') Die isländi- 
sche Gradzählung mußte hiernach der des kanonischen Rechtes stets 
um eine Ziffer nachstehen, während sie im übrigen mit derselben 
genau auf derselben Grundlage ruht; ich brauche kaum darauf auf- 
merksam zu machen, daß diese gemeinsame Grundlage eine im 
wesentlichen gesamtgermanische ist, und verweise nur im Vorbei- 
gehen auf die interessante Erörterung, welche Karl von Amira neuer- 
dings auf Grund der älteren niederdeutschen Rechte geliefert hat ^ 
Viertens dürfte aber auch der Umstand, daß für über den fünften 
gleichen Grad kanonischer Komputation hinausliegende Verwandt- 
schaftsgrade keinerlei technische Benennungen mehr nachweisbar 
sind, den Schluß erlauben, daß man auf Island diesen fünften Grad 
als die Grenze betrachtete, jenseits welcher alle Verwandtschaft, oder 
doch alle mit rechtlichen Wirkungen bekleidete Verwandtschaft, auf- 
hörte, und auch für diesen letzteren Schluß fehlt es nicht an wei- 
teren, unterstützenden Behelfen. Einmal nämlich reicht die Beteili- 
gung am Wergeide nicht über den fünften gleichen Grad hinaus, 
und heißt es von diesem: „J)ar fellr saktala", hier hat die Bußtafel 
ihr Ende. *) Bei demselben Grade läßt femer das ältere Recht auch 
die Alimentationspflicht armen Verwandten gegenüber endigen,*) 
und wenn zwar bezüglich anderer verwandtschaftlicher Rechte und 
Pflichten die gleiche Beschränkung nicht gleich ausdrücklich ausge- 
sprochen wird, so wird deren Existenz doch nicht bloß durch den 
Parallelismus wahrscheinlich gemacht, welcher im übrigen zwischen 
den verschiedenen Rechten und Pflichten besteht, sondern es fehlt 
uns nicht an weiteren Anhaltspunkten, welche diesen Schluß be- 
stätigen. Einmal wird nämlich gelegentlich einer Besprechung der 
Armenalimentation geradezu der Satz aufgestellt;**) „ok er J)ä fraend- 
semi, ef |)riöja broeöra er eöa skyldara", und deutet die allgemeine 
Fassung dieses Satzes darauf hin, daß die in ihm gezogene Ver- 



89/118, nur daß es hier ausdrücklich heifit: ok telja siÖan knerunnu. Femer 
Koniingbök, 147/38: telja ))ä frsendsemi at dömi, hefja upp at systkinum, ok telja 
knerunnum; StaÖarhölsbök, 130/165. 

*) Konüngsbök, 1 18/220: enn {)at er kneniÖr, at telja frd systkinum ; StaÖar- 
hölsbök, 56/64. 

*) Erbenfolge und Verwandtschaftsglicderung nach den alt-niederdeutschen 
Rechten (1874). 

') Konüngsbök, 1 13/194; vgl. 80/136. *) ebenda, 143/25—26. 

») StaÖarhölsbök, 87/113. 



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§ 3- I^ie Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. ic 

wandtschaftsgrenze allerwärts, und nicht bloß auf dem Gebiete des 
Armenrechtes zu gelten hat; zweitens aber wird den Fremden nord- 
germanischer Abkunft nicht nur die Klage auf die Totschlagsbuße 
und Wergeid wegen eines auf Island erschlagenen Verwandten zu- 
gestanden, ^) sondern auch die Beerbungen eines hier verstorbenen, ^ 
und wird nicht nur gelegentlich der ersteren Bestimmung wieder 
ohne alle Einschränkung die Definition wiederholt: „fraendr enna 
vegno manna, |)at ero J)riöja broeörar eöa nänare menn", sondern man 
wird auch, da bezüglich der Untertanen des norwegischen Königs 
wenigstens das Prinzip der Gleichstellung mit den Einheimischen 
galt,^ und überdies kein Grund abzusehen ist, warum für solche 
Stammesvettem diese Gleichstellung nur bezüglich der Blutklage und 
des Wergeidsbezuges, nicht aber bezüglich der Erbberechtigung ge- 
golten haben sollte, den Schluß ziehen dürfen, daß auch für die Is- 
länder das Erbrecht wie der Wergeidsbezug usw. nur bis zum fünften 
gleichen Grade reichte. 

Neben den bisher besprochenen Bezeichnungen für die entfern- 
tere Verwandtschaft kennen nun freilich die isländischen Quellen 
noch eine zweite Reihe von solchen. Sie sprechen von „jjrimenn- 
ingar" und „fjörmennf ngar", oder von Leuten, welche mitein- 
ander „at fimta manni" oder „at setta manni" sind, und ver- 
stehen darunter Leute, welche im dritten oder vierten, beziehungs- 
weise im fünften oder sechsten gleichen Grade kanonischer Kompu- 
tation verwandt sind; für die in Mitte liegenden ungleichen Grade 
braucht man ferner die Bezeichnung: „at |)riöja ok fjöröa", „at 
fjöröa ok fimta" u.dgl., und versteht darunter Verwandte, deren 
einer im dritten, und deren anderer im vierten, oder wieder deren 
einer im vierten und deren anderer im fünften Grade vom gemein- 
samen Stammvater absteht Diese Bezeichnungen sind indessen un- 
zweifelhaft lediglich dem kanonischen Rechte entlehnt, und sie 
werden denn auch in den Rechtsquellen nur an Stellen verwendet, 
welche kirchlichen Ursprunges sind;*) nur sehr allmählich hat die 
neue und kirchliche Bezeichnungsweise die alte und nationale zu 
verdrängen gewußt, und es kommt vor, daß in geschichtlichen 
Quellen spätere Bearbeitungen an derselben Stelle die kirchliche Be- 



*) Konüngsbök, 97/172 und 173—74; StaÖarhölsbök, 300/340 — 41; 
vgl. 299/338. 

*) Konüngsbök, 120/229; vgl. 249/198; StaÖarhölsbök, 61/74 — 5. 

*) Konüngsbök, 247/195* 

*) z. B. Konüngsbök, 18/37; StaÖarhölsbök, 120/157 und 121/157. 



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l6 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Zeichnung der Verwandtschaftsgrade haben, an welcher ältere Bear- 
beitungen noch die nationale zeigen. ') Es wiederholt sich demnach 
hier dieselbe Erscheinung, welche auf Island auch bezüglich der für 
die Wochentage gebräuchlichen Bezeichnungen stattgefunden hat. 
— Beachtenswert ist übrigens, daß das isländische Recht der Kirche 
und ihren Eheverboten gegenüber jene ihm eigentümliche Verwandt- 
schaftsgrenze, welche soeben für dasselbe nachgewiesen wurde, keines- 
wegs völlig aufgab, wenn es dieselbe ihr gegenüber auch nicht völlig 
unverändert aufrecht zu halten vermochte. Schon seit dem 8. Jahr- 
hundert ging die Disziplin der römischen Kirche dahin, daß die Ehe 
unter Verwandten bis zum siebenten gleichen Grade einschließlich 
als verboten galt, und seit der zweiten Hälfte des ii. Jahrhunderts 
"war diese Regel für die gesamte abendländische Christenheit gesetz- 
lich anerkannt;*) die isländische Kirche dagegen behandelte bis in 
den Anfang des 13. Jahrhunderts hinein die Ehe nur bis zum fünften 
gleichen Grade einschließlich als absolut verboten, und im siebenten 
gleichen Grade sogar als absolut erlaubt, wogegen ihr im fünften 
und sechsten ungleichen Grade, dann im sechsten gleichen, sowie 
im sechsten und siebenten ungleichen Grade das Ehehindernis nur 
noch als ein relatives galt, soferne die angehenden Eheleute durch 
rechtzeitige Erlegung einer bestimmten Geldbuße an die lögretta 
sich von jeder weiteren Ansprache frei machen konnten. *) Das is- 
ländische Recht hielt demnach seine Verwandtschaftsgrenze, wie sie 
in weltlicher Beziehung galt, insoferne auch auf dem kirchlichen 
Gebiete fest, als nur innerhalb dieser die Verwandtschaft als impe- 
dimentum dirimens behandelt, und wenn zwar die Verwandtschaft 
auch jenseits dieser Grenze noch in gewissem Umfange als impedi- 
mentum impediens behandelt, und somit insoweit dem gemeinen 
kanonischen Rechte ein gewisses Zugeständnis gemacht wurde, so 
reichte doch auch dieses nicht mehr bis zum siebenten gleichen 
Grade, als welcher nach gemeinem Rechte verboten, nach isländi- 
schem Rechte aber schlechthin erlaubt war; selbst die kirchlichen 
Gewalten scheinen dabei diese nur sehr beschränkte Berücksichtigung 
des kanonischen Rechtes anerkannt zu haben, da sogar ein Erlaß 



*) vgl. z. B. die Kristni s., 6/10 — 11 mit der Olafs s. Tryggvasonar, 
142/285 der FMS. I und Flbk. I, S. 287. 

*) vgl. Richter-Dove, Lehrbuch des Kirchenrechts (ed. 7, 1874), S. 287. 

*) Konüngsbök, 144/31, dann 144/30 und 163/60— I. Die letzteren beiden 
Stellen weichen hinsichüich der Höhe der Dispensgelder voneinander ab und scheinen 
darum verschiedenen Zeiten anzugehören. 



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§ 3« Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 17 

des Erzbischofs Eirikr aus dem Jahre 1189 nur die Eingehung der 
Ehe im fünften gleichen Grade oder einem näheren mit der Ex- 
kommunikation bedroht ') Als ferner die Kirche zu Anfang des 
13. Jahrhunderts ihre Disziplin milderte, und das IV. lateranische 
Konzil im Jahre 121 5 das Eheverbot auf den vierten gleichen Grad 
der Verwandtschaft beschränkte, erließ man freilich zwei Jahre später 
(12 17) auch auf Island eine Novelle, welche dieser Veränderung 
Rechnung tragen sollte;*) aber diese Novelle, welche das ältere 
unserer beiden Rechtsbücher in ziemlich authentischer Form gibt, 
das jüngere dagegen interpolationsweise anstatt jener älteren Vor- 
schriften in seinen Text eingestellt hat,*) weicht ebenfalls wieder 
von den Vorschriften jenes neueren kanonischen Rechtes sehr erheb- 
lich ab. Der fünfte gleiche Grad gilt auch jetzt noch als ein ver- 
botener, nur freilich als ein dispensabler, und als dispensabel gilt 
auch noch der fünfte und sechste ungleiche, sowie der sechste gleiche 
Grad, wobei wieder die Geldbußen genau bestimmt sind, welche in 
jedem einzelnen Fallit zu entrichten kommen; im sechsten und 
siebenten ungleichen, dann im siebenten gleichen Grade erst wird 
die Eingehung der Ehe als eine schlechthin erlaubte betrachtet 
Mit anderen Worten : die Novelle schiebt die Vorschriften des älteren 
isländischen Rechtes nur um einen halben Grad zurück, während 
das lateranische Konzil die Vorschriften des älteren gemeinen Rechtes 
um volle drei Grade zurückgeschoben hatte; aber es entspricht den 
Konzilbeschlüssen ebensowenig, als das ältere isländische Recht dem 
älteren kanonischen Rechte entsprochen hatte. Der vierte und 
fünfte ungleiche Grad, welcher nach dem Konzile schlechthin erlaubt 
war, galt auf Island nach wie vor als absolut verboten ; von einem 
Erfordernisse der Dispensation in noch entfernteren Graden, und 
von einem Erkaufen dieser Dispensation gegenüber der weltlichen 
Behörde, wie beides aus dem älteren einheimischen Rechte in die 
Novelle übergegangen ist, wissen die Konzilbeschlüsse vollends nicht 
das mindeste, und das isländische Recht übertrifft demnach das ge- 
meine Kirchenrecht in eben dem Maße an Strenge, wie es vordem 
hinter diesem an Strenge zurückgeblieben war. — Das selbständige 
Verhalten der Novelle vom Jahre 12 17 gegenüber den Beschlüssen 
der rV. lateranischen Synode erklärt sich sehr einfach aus dem zähen 



*) Diplom, island. I, Nr. 71, S. 286. 

*) Annälar, a. 1217: fcerÖ fraendscmi ok ömegÖ i lögum; GuÖmundar 
bps. s., 67/507. [Vgl. übrigens diese Ausgabe Bd. II S. 552 ff.] 
') Koniingsbök, 18/36—37; StaÖarhölsbök, 127/157. 
Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 2 



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l8 Teil I. Die äußere Erscheinimg der Verwandtschaft 

Festhalten der Isländer an dem bei ihnen einmal geltenden Rechte ; 
minder klar liegen dagegen die Gründe, welche das ältere isländi- 
sche Recht bei seinem nicht minder selbständigen Verhalten dem 
älteren kanonischen Rechte gegenüber bestimmten. Es ist bekannt,*) 
daß im fränkischen Reiche während des 8. Jahrhunderts die Ehe nur 
bis zum dritten gleichen Grade schlechthin untersagt war, wogegen 
sie im vierten gleichen Grade, wenn sie eingegangen, nicht getrennt, 
vielmehr den Eheleuten nur eine Buße auferlegt wurde; daß ferner 
vom 9. Jahrhunderte an die deutsche Kirche zwar auch schon beim 
vierten gleichen Grade die Ehe trennte, aber doch wenigstens über 
diese Grenze hinaus der römischen Disziplin noch nicht folgte. Nicht 
minder ist auch bekannt,*) daß die englische Kirche, nachdem sie 
anfänglich mit der fränkischen Disziplin des 8. Jahrhunderts Hand 
in Hand gegangen war, jedenfalls schon am Anfang des 11. Jahr- 
hunderts den fünften gleichen Grad bereits als verboten betrachtete. 
Es besteht demnach die Möglichkeit, daß das isländische Recht seine 
von der römischen Disziplin so weit abweichenden älteren Vor- 
schriften aus dem Auslande, und zwar insbesondere aus England be- 
zogen, und vielleicht nur hinterher etwas eigentümlich ausgeprägt 
habe, um sie der römischen Disziplin mehr anzunähern. Eben damit 
entsteht aber für uns auch die Frage, ob nicht vielleicht der fünfte 
gleiche Grad als Grenze der Verwandtschaft in das weltliche Recht 
Islands erst vom geistlichen Rechte aus herübergenommen worden 
sei, während das ältere einheimische Recht eine Sibbezahl vielleicht 
überhaupt nicht gekannt hatte ; indessen kann diese Frage vom Stand- 
punkte des isländischen Rechtes aus nicht gelöst werden, und das 
Prinzip der Berechnung der Verwandtschaftsgrade läßt sie jedenfalls, 
wie sie auch entschieden werde, unberührt 

In den norwegischen Rechtsquellen werden hinwieder- 
um die Bezeichnungen: nsesta broeöra, annarra broeöra, |)riöja broeöra 
niemals gebraucht, so daß sie als spezifisch isländische betrachtet 
werden müssen; die norwegischen Quellen pflegen dieselben aber 
auch durch keine andere nationale Terminologie zu ersetzen, ge- 
brauchen vielmehr regelmäßig nur jene aus dem kanonischen Rechte 
entlehnten Bezeichnungen, welche wir bereits im isländischen Rechte 
neben den nationalen vorfanden, also Bezeichnungen wie „|)rimenn- 



*j vgl. Richter-Dove, ang. O, 

*j vgl. V. Amira, Erbenfolge, S. 80— 82. 



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§ 3« Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft jo 

i n g a r ", ^) „f e rmenningar'' oder „f j ö r m e n n i n g a r", *) oder 
wieder „3 manna fraendsemi",*) „|>eir sem fjöröa manne 
eru", „[>eir er fimta manne ero", „|>eir er setta manne ero 
at fraendsemi", *) dann „at fjöröa manni" „at fimta manni"**) 
u. dgL m. Indessen fragt sich doch, ob nicht etwa auch in Nor- 
wegen ursprünglich eine eigene und neutrale Art, die Grade zu be- 
rechnen und zu bezeichnen, gegolten habe, welche nur, ähnlich wie 
auf Island, hinterher durch jene kirchliche Bezeichnungs- und Be- 
rechnungsweise verdrängt wurde, und es scheint in der Tat mög- 
lich, noch ziemlich sichere Spuren einer solchen in unseren Rechts- 
büchern nachzuweisen.®) Das jüngste unserer Rechtsbücher, das 
von prändheimr,* spricht bei Gelegenheit der Regelung der verbotenen 
Verwandtschaftsgrade aus, ^ daß man bei Berechnung der Blutsfreund- 
schaft von zwei Geschwistern ab beiderseits sechs Personen herab- 
zählen, und erst bei der siebenten heiraten solle; daß ferner, wer 
die Witwe eines Verwandten heiraten wolle, von zwei Geschwistern 
herab vier Personen zählen, und erst bei der fünften heiraten solle; 
daß es endlich ebenso gehalten werden solle, wenn jemand eine 
Verwandte seiner früheren Frau heiraten wollte. Es werden dem- 
nach zwei bestimmt bezeichnete Fälle der Verschwägerung von dem 
Falle der Blutsfreundschaft unterschieden, und wird für jene der 
fünfte, für diesen aber der siebente gleiche Grad als der erste er- 
laubte bezeichnet; wenn dabei ferner zwar die gebrauchte Ausdrucks- 
weise an und für sich zweifelhaft lassen könnte, ob die Geschwister, 
von denen die Zählung der Grade ausgehen soll, in deren Zahl ein- 
gerechnet oder außerhalb der Zählung belassen sein will, ob also 
eine der isländischen oder eine der kanonischen Komputation ent- 



') neuerer BJKrR. 21; neuerer GJKrR. 30; Jons KrR. 47; aber auch 
LandsL, ErfÖat 7, Nr. 12. 

*) Lands!., Mannh. 8 und ii; Kaupab. 2. 

») FrJL. VIII, 9. *) ebenda, VI, ll; VIII, 15. 

*) neuerer B|)KrR. 21; neuerer G|>KrR. 30; Jons KrR. 47. 

•) vgl. meinen Aufsatz: „Die Berechnung der Verwandtschaft nach altnor- 
wegischem Rechte", in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie d. W., 1877, 
II, S. 235-53. 

"^ Fr|>L. III, i; Svä er maellt, at engl skal taka kono i sett sina annars kostar 
en msellt er ok biskup IceyfÖi ä Mostrart)iDgi, ok allir menn vurÖu asättir. Telja skal 
frd systkinum tveim 6 menn ä hvärntveggja veg, ok taka at hinum sjaunda; en ef 
xnadr vill taka kono ^i. er frsendi hans ätti, [)ä skal telja fjöra menn ä hvärntveggja 
veg frä brceÖrum tveim, ok taka at hinum fimta. Svä skal hitt sama telja, ef mn^r 
vill taka fraendkono j)eirrar, er bann atti dÖr. Wörtlich ebenso Sverris KrR. 56. 

2* 



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20 Teil I. Die äufiere Erscheinung der VerwandlschafL 

Sprechende Berechnungsweise zugrunde liege, so läßt sich doch dieser 
Zweifel durch Heranziehung der Schlußbestimmung des Paragraphen 
leicht beseitigen. Es wird nämüch hier gesagt, *) daß die Eingehung 
der Ehe unter Geschwisterkindern mit einer Buße von drei Mark 
belegt sei, und daß von hier ab die Buße mit jedem Grade um zwei 
Unzen Silberwerts falle, infolgedessen aber für den sechsten Grad 
auf eine Mark zu stehen komme. Da der Unzen acht auf die Mark 
gehen, ist klar, daß diese Bezeichnung nur zutreffen kann, wenn wir 
annehmen, daß erstens die drei Mark, welche von Geschwisterkindern, 
und die Mark, welche vom sechsten Grade zu erlegen sind, nicht in 
Silberwert, sondern in gewöhnlichem Zahlwerte vorgesetzt seien, 
welcher letztere, wie wir aus geschichtlichen Quellen wissen, nur 
halb so hoch stand als der erstere, und daß zweitens die Geschwister 
bereits als erster Grad gezählt wurden; unter dieser Voraussetzung, 
aber auch nur unter dieser, führt der dritte, vierte, fünfte und sechste 
gleiche Grad von den 3 Mark gewöhnlichen Zahlwertes der Ge- 
schwisterkinder oder des zweiten gleichen Grades auf 2^/2, 2, i^/a 
und I Mark desselben Wertes herab. Auch eine weitere Stelle des- 
selben Rechtsbuches spricht geradezu aus, daß der sechste gleiche 
Grad kanonischer Komputation der letzte verbotene sei, ^) indem hier, 
nachdem vorher die Wergeidsbezüge der Geschwisterkinder und 
Nachgeschwisterkinder besprochen worden waren, sofort zu den Be- 
zügen des vierten, fünften und sechsten Grades übergegangen, und 
sodann die Bemerkung beigefügt wird, daß über diesen Grad hinaus 
Wergeid nicht mehr gegeben noch genommen werde, weil mit ihm 
die Verwandtschaft zu Ende und die Heirat erlaubt sei. Vollkommen 
fest steht hiernach, daß unser Rechtsbuch der kanonischen Kompu- 
tation folgt, nicht der isländischen, und nicht minder fest, daß es 
zwar den siebenten gleichen Grad kanonischer Komputation ebenso 
wie das ältere isländische Recht als den ersten erlaubten hinstellt, 
aber von relativ erlaubten, resp. dispensablen Graden, wie sie dieses 
letztere Recht kannte, nichts weiß. Wir können aber überdies auch 
feststellen, daß der Text unseres Rechtsbuches an der hier fraglichen 
Stelle aus dem Schlüsse des 12. Jahrhunderts stammt Wenn näm- 
lich zwar im allgemeinen nicht bestritten werden kann, daß der uns 



*) ang. O. En ef raaÖr tekr broeörüng si'na efta systrüng, J)ä er ^r siÖast 3 
marka sekl. En upp frä {)vi sem fni-ndsemi 6skyldisl, {)a skulu falla 2 aurar silfr- 
metnir af kne hverju ; J)a verÖr |)al mörk al setta kne. Samu lund er um sifskapc. 
Ebenso Sverris KrR. 56 und BjarkR. III, 66. 

*) FrI)L. VI, II. 



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§ 3» I^ic Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 2I 

vorliegende Text der FrpL., und insbesondere des zu ihnen ge- 
hörigen Christenrechtes, wenn auch im großen und ganzen auf der 
zwischen K. Magnus Erlingsson und Erzbischof Eysteinn vereinbarten 
Redaktion beruhend, doch noch in späterer Zeit mehrfache Ver- 
änderungen und Zusätze erfahren hat, so ist doch klar, daß dies be- 
züglich unserer Stelle nicht der Fall ist. Wäre gelegentlich der Über- 
arbeitung des Rechtsbuches im Jahre 1244 oder wieder 1260 an 
dieser Stelle irgendwelche wesentliche Veränderung getroffen worden, 
so würde dieselbe zweifellos eine Berücksichtigung der vom IV. late- 
ranischen Konzile (12 15) getroffenen Neuerungen zeigen, wie dies 
bezüglich der Legislation des K. Magnus lagaboetir aus den Jahren 
1267 und 1268 wirklich der Fall ist;^) daß diese Neuerungen voll- 
kommen unberücksichtigt blieben, erklärt sich vielmehr nur aus dem 
Umstände, daß man es in der Frage beim hergebrachten Rechte 
belassen wollte, welches uns somit in unserem Texte unverändert 
vorliegt. Ob aber die betreffenden Bestimmungen unseres Textes 
durch die am Schlüsse des 12. Jahrhunderts entstandene Redaktion 
der FrpL. neu eingeführt, oder ob sie auch in diese nur aus einer 
noch älteren Redaktion derselben herübergenommen worden seien, 
wird natürlich damit noch nicht entschieden, daß der Eingang unserer 
Stelle auf die vom heil Olafr und seinem Hofbischofe Grimkell am 
Möstrar|)fnge getroffenen Bestimmungen Bezug nimmt; daß wenig- 
stens in Bezug auf die Wortfassung der Stelle die verlorene ältere 
Redaktion des Rechtsbuches von dessen uns vorliegendem Texte 
abwich, läßt sich vielmehr sogar direkt wahrscheinlich machen. Ein 
Auszug aus dem älteren Stadtrechte, welcher für die Stadt Niöarös 
bestimmt war und somit unzweifelhaft an die FrI)L. sich anlehnte, 
stellt an einer hierher gehörigen Stelle der Heirat mit einer Bluts- 
freundin die Heirat mit einer Gevatterin oder mit einer „fraendleiP* 
gegenüber;^) es wird demnach hier ein altertümlicher, übrigens auch 
in anderen älteren Christenrechten wiederkehrender Ausdruck für 
die Witwe eines Blutsfreundes gebraucht, während unser Text der 
FrpL. dafür die farblose Umschreibung gibt: „konu |)a er fraendi 
hans ätti", und kann doch kaum bezweifelt werden, daß dieser Aus- 
druck nur aus einer älteren Redaktion desselben Rechtsbuches her- 



») neuerer BJ)KrR. 21; neuerer GfKrR. 30. 

*) BjarkR. I, 9; Engi mafir skal laka fraendkono sina i kaupangc heldr en i 
heraÖe nanare en i lagum er roaelt En ef maÖr taekr guÖsifju sina i kaupange eÖa 
fraendleif sina, {)ä liggr sli'kt viÖ i kaupdnge scm i heraÖe. Sli'kan krislindom eigura 
ver at bafa 1 kaupange sem ma^lt er allra manna millum d Iög{)iDgi. 



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22 Teil 1. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft 

stammen konnte. In den GI)L. findet sich nun aber eine Vorschrift, 
deren Parallelismus mit den Bestimmungen der FrI)L. keinem Zweifel 
unterliegen kann, deren Ausdrucksweise jedoch in mehrfacher Be- 
ziehung eine sehr aufiallige ist Es heißt hier, ^) daß die Ehe unter 
Blutsfreunden erst im siebenten Knie und siebenten Gliede erlaubt 
sei, die Ehe mit anderen Weibern, welche unsere Blutsfreundinnen 
sind, erst im fünften Knie und fünften Gliede, endlich die Ehe eines 
Witwers mit einer Blutsfreundin seiner früheren Frau nur von dem- 
selben Grade an. Dieselben drei Fälle, welche in der oben be- 
sprochenen Stelle der FrpL. besprochen werden, sind demnach auch 
hier unterschieden, und ebenso ist die Grenze der verbotenen Grade 
hier wie dort ganz gleichmäßig gezogen ; sehr anstößig ist aber dabei 
einmal, daß erst der siebente und dann der fünfte gleiche Grad 
kanonischer Komputation zugleich als das siebente und resp. fünfte 
Knie und als das siebente und fünfte Glied bezeichnet wird, während 
doch die eine dieser Bezeichnungen völlig genügen müßte, wenn, 
wie dies die Gleichheit der Ziifern anzudeuten scheint, Knie und 
Glied wirklich gleichwertige Begriffe wären, anstößig aber zweitens 
auch, daß im zweiten Satz statt der „konur |)aer er fraendi hans ätti" 
der FrpL. nochmals die „fraendkonur" genannt werden, für deren 
Behandlung der vorangehende erste Satz doch bereits eine ganz an- 
dere Regel aufgestellt hatte. Die letztere Schwierigkeit läßt sich 
leicht heben, wenn man sich erinnert, daß in der ältesten Redaktion 
der FrpL. augenscheinlich für jene Weiber der Ausdruck fraendleifar 
gebraucht worden war, welcher erst hinterher mit jener Umschrei- 
bung vertauscht wurde; in der Ölafschen Redaktion der GI)L. wird 
eben auch dieselbe Bezeichnung gestanden sein, welche dann, früh- 
zeitig außer Gebrauch gekommen, sei es nun in der Magnüsschen 
Redaktion oder in dem kompilierten Texte, in welchem uns die 
Stelle, mit „Bäöir maelto })etta" bezeichnet, allein vorliegt, mit einem 
verständlicheren Ausdrucke vertauscht werden wollte, und, sei es nun 
bei dieser Gelegenheit oder auch nur durch einen späteren Ab- 
schreiber, mag der geläufigere, aber allerdings hier keinen ver- 
nünftigen Sinn gebende Ausdruck fraendkonur in den Satz gekommen 
sein. Die erstere Schwierigkeit läßt sich dagegen nicht ebenso ein- 

') GJ)L. 24: J)at er nii I)vi naest, at vdrr skal engi eiga frzendkono sina at 

kono ser. En oss er svä lofat at taka al sjaunda kne ok sjaunda liÖ fraendkonur 

varar; en konur J)3er aÖrar, er frsndkonur varar eru, at fimta kne ok fimta liÖ. Svä 
^xr konur, er jixr cigo frsendsemi saroan, kona sü er hann ätti äÖr, ok hin er hann 
tekr. — Fehlt in C. 



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§ 3» Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 23 

fach und bündig lösen; doch wird man bezüglich ihrer die Ver- 
mutung wagen dürfen, daß ursprünglich eine zweifache Berechnung 
der Grade, nach Knien und nach Gliedern, vorgelegen haben möge, 
von denen nur die eine die des kanonischen Rechts gewesen sei, 
während die andere abweichende Ziffern zeigte, welche erst hinterher 
durch den Kompilator oder auch den Schreiber unseres Textes 
mißverständlich gleichgemacht wurden ; mag sein, daß die kanonische 
Komputation der Magnüsschen Redaktion angehört hatte, während 
die Ölafsche noch eine andere und nationale Berechnungs- und Be- 
zeichnungsweise gekannt hatte. * Zu einer ähnlichen Vermutung 
drängt auch die Betrachtung des älteren Christenrechtes von Vfkin. 
Von den drei Rezensionen dieser Quelle, deren jede bezüglich der 
hier fraglichen Stelle nur durch eine einzige Hs. vertreten wird, sagt 
die erste, daß niemand eine Blutsfreundin heiraten dürfe, welche 
ihm näher verwandt sei als im fünften Knie, eine Witwe eines Ver- 
wandten (fraendleif) aber im fünften Grade ;^) nach der zweiten und 
dritten dagegen soll niemand eine Blutsfreundin heiraten dürfen, die 
ihm näher als im siebenten Knie verwandt ist, woneben der dritte 
Text die Ehe mit der fraendleif im fünften Grade zuläßt, der zweite 
dagegen die unverständlichen Worte beifügt : „und im fünften Grade 
der Verwandtschaft". *) Man sieht, aus der fraendleif, welche Text 
I und ni richtig festhalten, ist in Text II ähnlich wie in den GpL. 
„at fraendsemi" geworden, ein reiner Unsinn; man sieht aber auch, 
daß in Text I zwar bezüglich der fraendleif die Worte „at fimta 
manne" stehen wie in II und III, dagegen bezüglich der fraendkona 
„at fimta kn^", während 11 und HI „at sjaunda kne" lesen. Die letztere 
Lesart ist nun insoferne entschieden die korrektere, als sie die nach 
kanonischer Komputation richtige Ziffer bei der fraendkona bringt, wie 
sie die in allen Texten gleichmäßig wiederkehrende Benützung eben 
dieser Komputation bei der fraendleif fordert ; aber doch möchte ich 
daraus noch nicht folgern, daß in I die Ziffer 5 einfach in 7 zu 
emendieren sei. Bei der fraendleif wird in allen drei Texten der 
Ausdruck „at fimta manni" gebraucht, während bei der fraendkona 
alle drei vom „kn6" sprechen; möglich bliebe demnach, daß auch 
in diesem Rechtsbuche ursprünglich zwei verschiedene Berechnungs- 



^) B])L. I, 15: nii skal engl maÖr fä fraendkonu sina skyldri en at fimta kne, 
ok at fimta mann! fraendleif. 

^) B{>L. II, 6: nü skal engl maÖr fä fraendkonu sinnar skyldri en at sjaunda 
kne, ok fimta mann! at fraendsemi; ebenda, III, 6: nii skal engl maÖr fä fraendkonu 
sinnar skyldri en at sjaunda kne, ok at fimta maniii fraendleif. 



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24 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

und Bezeichnungsweisen nebeneinander gebraucht und nur hinterher 
in den uns vorliegenden, sämtlich ziemlich spät geschriebenen Texten 
in verschiedener Weise zurechtgelegt worden wären. Den Ausschlag 
geben dürfte aber die entsprechende Vorschrift des hochländischen 
Christenrechtes. Diese lautet nach der einen Hs. der älteren Re- 
daktion dahin, daß man bei der fraendkona die Verwandtschaft bis 
zum fünften Knie zählen und beim siebenten (d. h. Grade) heiraten 
solle, bei der fraendleif dagegen bis zum dritten Knie zählen und 
beim fünften (d h. Grade) heiraten ; ^) eine zweite Hs. derselben Re- 
daktion aber läßt bei der fraend5:ona die Verwandtschaft von dem 
Vater, und zwar vom sechsten Knie aus zählen und beim siebenten 
heiraten, bei der fraendleif aber bis zum vierten Knie zählen und 
beim fünften heiraten, '^) und mit ihr stimmt auch die jüngere und 
kürzere Redaktion überein. Nun ist zwar recht gut ersichtlich, wie 
die letztere Lesart durch bewußte Korrektur aus der ersteren, dem 
Schreiber nicht verständlichen entstehen konnte; nicht erklärbar wäre 
aber, wie aus der letzteren Lesart die erstere hätte werden und was 
irgend einen Schreiber hätte veranlassen sollen, sowohl das sechste 
Knie als das vierte in das fünfte und dritte zu ändern. Die erstere und 
nicht die letztere Lesart muß also als die ursprünglichere betrachtet 
werden ; sie zeigt aber deutlich eine zweifache Zählung unterschieden, 
deren eine, da das letzte verbotene „Knie" von dem ersten erlaubten 
Grade um zwei Ziffern absteht, der anderen um einen Grad nach- 
folgt Dabei ergibt die Vergleichung der übrigen Provinzialrechte, 
daß diejenige Zählung, welche die höheren Ziffern zeigt, die des ka- 
nonischen Rechtes ist; die andere, die niedrigeren Ziffern zeigende 
Zählung muß also eine ältere, nationale gewesen sein, und zwar ganz 
dieselbe mit der national-isländischen, da die um eine Ziffer der ka- 
nonischen nachstehende Zählung sich nicht füglich anders erklären 
läßt, als durch die Annahme, daß die Geschwister nicht in dieselbe 
einbezogen worden seien. Fasse ich das Ergebnis der bisherigen 
Erörterungen nochmals zusammen, so ergibt sich, daß von der ältesten 
christlichen Zeit an bis in den Anfang des 13. Jahrhunderts herab 
die Grenze der verbotenen Grade in allen vier Dingverbänden ma- 
teriell gleich gezogen war, daß aber die formelle Redaktion der be- 
treffenden Bestimmungen zu verschiedenen Zeiten und vielleicht 



*) EJ)L. I, 30: Nii skal telja fricndsemi ^eirra. i fimta kne ok taki at sjaunda ; 
cn at frxndleif teli {)riÖja kne, ok taki at fimta. 

^) ebenda; nii skal telja fra feÖr frsendsemi j)eirra, telja fra setta kne, ok taka 
at sjaunda; en frcendleifa skal telja i fjörÖa kne, ok taka at fimta. Ebenso II, 26. 



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§ 3» Die Berechnung der Nähe der Verwandtschaft 25 

Überdies auch noch in den verschiedenen Dingverbänden eine etwas 
verschiedene war, und zwar einmal insoferne, als die ältere Bezeich- 
nung der Witwe des verstorbenen Blutsfreundes als fraendleif (BpL. 
I und ni; EpL. I und II; BjarkR. I) hin und wieder in jüngeren 
Texten zu einer Korruptel geführt (GpL. und BI)L. ü), oder aber 
einer bloßen Umschreibung Platz gemacht hat (Fr[)L.), sodann aber 
auch insoferne, als in den älteren Texten eine nationale Art, die 
Verwandtschaftsgrade zu berechnen und zu bezeichnen, sei es nun 
allein oder neben der kanonischen gestanden war (EI)L. I, erste Hs.), 
welche in den späteren zu Korruptelen geführt hat (GpL.; BpL. I), 
wenn sie nicht völlig der kanonischen weichen mußte (Frl)L.; B[)L. 
n und ni; EI)L. I, zweite Hs. und II). Dabei scheint nach der äl- 
teren und nationalen Terminologie der Grad als „Knie" bezeichnet 
worden zu sein, welche Bezeichnung vielleicht erst hinterher auch 
auf die kanonische Komputation angewendet wurde (FrpL.; BjarkR. III; 
BpL. II und III; EI)L. I, zweite Hs. und II). Von diesem Ergebnisse 
aus scheint sich aber auch eine Stelle des kanonischen Rechts zu 
erklären, deren Auslegung nicht ohne Schwierigkeit ist, nämhch ein 
Erlaß des P. Cölestin III. (i 191—98), welcher in' die Dekretalen- 
sammlung des P. Gregor IX. übergegangen ist ^) Dem P. Cölestin 
war aber durch eine nicht genannte Persönlichkeit vorgetragen 
worden, daß sein Vorgänger, P. Hadrian IV., zu der Zeit, da er als 
Kardinallegat in Norwegen sich aufhielt, also im Jahre 1152, dem 
dortigen Volke die Indulgenz erteilt habe, im sechsten Grade hei- 
raten zu dürfen, und daß nun der Zweifel entstanden sei, was zu 
gelten habe, wenn von den beiden Ehestandskandidaten der eine im 
sechsten oder siebenten, der andere aber nur im zweiten oder dritten 
Grade vom gemeinsamen Stammvater abstehe. Der Papst antwortet, 
daß in solchem Falle die Ehe als verboten zu betrachten sei, indem 
dieselbe nur dann als erlaubt gelten könne, wenn beide Nupturienten 
im sechsten Grade von dem gemeinsamen Stammvater abstehen und 
zwar, wie diesmal ausdrücklich beigefügt wird, „cognatione secundum 
canones computata*^ Da erscheint nun in hohem Grade auffällig, 
daß nach der Dekretale die Ehe im sechsten gleichen Grade ka- 
nonischer Komputation bereits erlaubt sein sollte, während sie nach 
dem übereinstimmenden Zeugnisse der sämtlichen norwegischen 
Provinzialrechte in diesem Grade noch verboten und erst im siebenten 



*) Cap. 3, X, De consanguin. et affin. (IV, 14); vgl. Jaffe, Regesta 
pontificum, Nr. 10, S. 734. 



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26 Teil 1. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

erlaubt war und der Widerspruch uHrd um so anstößiger, wenn man 
erwägt, daß das Zeugnis der Dekretale auf die ganze zweite Hälfte 
des 12. Jahrhunderts sich bezieht, also genau auf dieselbe Zeit, aus 
welcher auch die entgegengesetzten Angaben unserer Rechtsbücher 
stammen. Es dürfte sich aber der Widerspruch sehr einfach durch 
die Annahme lösen lassen, daß der non\'egische Fragesteller, welcher 
sich an P. Cölestin wandte, der nationalen norwegischen Zählung 
der Verwandtschaftsgrade sich bedient habe, so daß sein sechster 
Grad in der Tat dem siebenten der kanonischen Komputation ent- 
sprach, und daß somit nur durch ein Mißverständnis des antwortenden 
Papstes die Deutung dieses Grades im Sinne des kanonischen Rechts 
und die Beifügung der Bemerkung „cognatione secundum canones 
computata" veranlaßt worden sei. Bestätigt wird diese Annahme 
durch den Umstand, daß auch nach dem älteren isländischen Rechte 
erst der siebente gleiche Grad kanonischer Komputation erlaubt, 
dagegen der sechste noch verboten, wenn auch dispensabel war; er 
legt die Vermutung nahe, daß in Norwegen wie auf Island, wahr- 
scheinlich durch die Disziplin der englischen Kirche veranlaßt, ein 
von den Vorschriften der römischen Kirche abweichendes und mil- 
deres Recht bezüglich der verbotenen Verwandtschaftsgrade sich 
eingebürgert habe, und daß P. Hadrian, selbst ein geborener Eng- 
länder, dieses mildere Recht ausdrücklich, wenn auch vielleicht nur 
in etwas modifizierter Gestalt anerkannt habe, natürlich für beide 
Länder zugleich, da er doch wohl nicht gegen die beiden isländischen 
Diözesen der norwegischen Kirchenprovinz anders verfahren konnte 
als gegen die fünf norwegischen. 

Durch das bisherige hat sich ergeben, daß ursprünglich in Nor- 
wegen eine nationale Art, die Verwandtschaftsgrade zu berechnen, 
gegolten hatte, welche vollkommen der isländischen entsprach, und 
daß diese nationale Berechnungs weise nur dort früher und voll- 
ständiger durch die kanonische Komputation verdrängt wurde als 
hier. Ob dabei auch die isländische Bezeichnung der gleichen Grade 
als n^sta broeöra, annarra broeöra, |)riöja brceöra dem norwegischen 
Rechte geläufig gewesen, oder ob sie erst in späterer Zeit auf Island 
aufgekommen sei, ist demgegenüber eine Frage sehr untergeordneten 
Werts und läßt sich überdies nicht mit Sicherheit bestimmen; die 
Altertümlichkeit der betreffenden Ausdrücke läßt mir indessen eine 
Entscheidung im ersteren Sinne wahrscheinlich vorkommen. Eine 
andere, und ungleich bedeutsamere Frage, welche indessen gleichfalls 
nicht mit voller Sicherheit beantwortet werden kann, ist dagegen 



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§ 3- I^ic Berechnung der Nähe der Verwandtschaft. 27 

die, ob das norwegische Recht ebenso wie das isländische auch auf 
weltlichem Gebiete eine bestimmte Grenze der Verwandtschaft ge- 
kannt habe, und wie dieselbe gezogen gewesen sei. Ohne den in 
anderem Zusammenhange nachfolgenden Erörterungen irgendwie vor- 
greifen zu wollen, will ich hier nur einige Bedenken zusammen- 
stellen, welche sich in dieser Richtung erheben. Nach einer Auf- 
zeichnung, welche sich selbst als ein Weistum bezeichnet, das eine 
Anzahl namentlich genannter isländischer Häuptünge in der zweiten 
Hälfte des ii. Jahrhunderts über die vom heil Ölafr den Isländern 
verliehenen Privilegien abgaben, wird den Isländern der Anspruch 
auf die Erbschaft seiner in Norwegen verstorbenen Verwandten unter 
der Voraussetzung zuerkannt, daß sie diesem „naesta broeöra eöa 
nänari", d h. mindestes im dritten gleichen Grade kanonischer Kom- 
putation verwandt seien. ^) Nun wissen wir, daß den Norwegern auf 
Island auf privatrechtlichem Gebiete ausdrücklich die Gleichstellung 
mit den Einheimischen eingeräumt war, ^j und daß sie insbesondere 
auch ihre auf Island versterbenden Verwandten bis zum fünften 
gleichen Grade beerbten;*) wir werden also doch wohl annehmen 
dürfen, daß volle Gegenseitigkeit gewährt werden wollte, und daß 
somit die hier und dort verschieden gezogene Verwandtschaftsgrenze 
eben die hier und dort für die eigenen Staatsbürger geltende ge- 
-wesen sei Das norwegische Recht gewährte dem Isländer für die 
Dauer seines Aufenthaltes in Norwegen die gleiche Buße nicht nur 
mit dem gewöhnlichen freien Manne, sondern sogar mit dem höldr 
oder Stammgutsbesitzer; wie sollte es da dazu gekommen sein, ihn 
im Erbrechte schlechter zu halten als den Einheimischen. Dazu 
kommt, daß die erbrechtHchen Bestimmungen der GI)L., so verwirrt 
sie sind, *) doch erkennen lassen, daß die Grenze des Erbrechtes auf 
die Nachgeschwisterkinder, also den dritten gleichen Grad, anfänglich 
gesetzt war, wenn dieselbe auch hinterher weiter herabgerückt worden 
sein mag; gerade die Abweichung des älteren Rechtes von dem 
neueren scheint in unserem kompilierten Texte die in ihm herr- 
schende Verwirrung angerichtet zu haben. Endlich ist auch zu be- 
achten, daß auch die FrI)L. ein Erbrecht zunächst nur bis zum 
dritten gleichen Grade einschließlich kennen, und weiterhin beifügen, 
daß erst die Könige Sigurör Jörsalafari, Eysteinn und Olafr dasselbe 



*} Konüngsbök, 248/195. 

^ ebenda, 247/195. *) ebenda, 120/229; Arfa J)., 6/188. 

*) GJL. 104 und 105. 



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2S Teil I. I>i€ äoÄCTc ErscheinoD^ der Verwand tschaft- 

bis zum fünften gleichen Grade einschließlich erstreckten ; M erst 
mittels einer den Jahren 1103 — 15 angehörigen Novelle wäre hier- 
nach dem vierten und fünften gleichen Grade ein Erbrecht zuge- 
standen worden. Auf Grund dieser drei wohl übereinstimmenden 
Zeugnisse sollte man meinen, daß das ältere norwegische Recht wenig- 
stens auf erbrechtlichem Gebiete die Verwandtschaftsgrenze schon 
beim dritten gleichen Grade gezogen, und erst am -anfange des 12. 
Jahrhunderts auf den fünften gleichen Grad erstreckt habe: indessen 
stehen einer solchen Annahme eben doch mancherlei Bedenken im 
Wege. Ganz abgesehen von der Analogie des islandischen Rechtes 
läßt sich nämlich gegen dieselbe geltend machen, daß auf anderen 
Gebieten die Verwandtschaftsgrenze im nomegischen Rechte selbst 
ungleich weiter hinausgerückt ist, wahrend doch kaum wahrschein- 
lich erscheint, daß dieselbe in verschiedenen Richtungen verschieden 
gezogen gewesen ist. So schließt zwar eine der verschiedenen Wer- 
geldstafeln, welche in die G1>L Aufnahme gefunden haben, die drei- 
teilige Klasse der uppnämamenn mit den Nachgeschwisterkindem ; 
aber sie billigt hinter diesen doch auch noch der entfernteren Ver- 
wandtschaft einen gewissen, nur freilich geringeren Anteil an dem 
Wergeide zu, -) und zwar eröffnet sie jenseits der uppnämamenn eine 
neue Zahlung, deren Ziffern von i — 13 fortlaufen, worauf mit den 
Worten geschlossen wird: „I)ä er fimtanda manne fraendseme |)eirra". 
Der 14. Mann scheint hiernach durch einen Schreibverstoß ausgefallen, 
aber noch zur Verwandtschaft gezahlt worden zu sein, wogegen 
der 15. kaum noch zu dieser im rechtlichen Sinne gehört zu haben 
scheint; an die kanonische Komputation darf aber selbstverständlich 
bei diesen Ziffern ebensowenig als an die ältere nationale Zählweise 
gedacht werden, da die Zittern erst nach dem dritten gleichen Grade 
zu laufen beginnen. Eine weitere Wergeldstafel desselben Rechts- 
buches '*; ist aui^enscheinlich nicht vollständig überUefert, und weiß 
doch wohl nur aus diesem Grunde von einer BeteiÜgung der ent- 
fernteren Verwandtschaft über die Geschwisterkinder hinaus am Wer- 
geide nichts mehr; die am Schlüsse des Rechtsbuches angehängte 
Wergeldstcifel des Bjarni Mari^arson^) aber laßt die Teilnahme am 
Wergeide bis zum sechsten gleichen Grade kanonischer Komputation 
einschließlich reichen, und denselben Weg geht auch das l)rändheimer 



»j Frl>L. VIII, 9 und 15. 

*j G1)L. 224-27; vgl. 234—35. ») ebenda, 243—52. 

*) ebenda, 316 — 19. 



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§ 3- Die Berechnung der Nähe der Verwandtschalt. 29 

Recht in seiner neuen Redaktion, ^) während sich aus dem dürftigen 
Fragmente einer älteren Redaktion, welche uns erhalten ist, ^) nicht 
erkennen läßt, ob auch diese bereits dieselbe Bestimmung enthalten 
hatte. Nun ist zwar allerdings richtig, daß diese letztere Bestimmung 
lediglich auf eine Einwirkung des geistiichen Rechtes auf das welt- 
liche zurückzuführen sein dürfte, wie sie denn auch in den Frl)L. 
ausdrücklich damit motiviert wird, daß „schwerlich beides sich ver- 
einigen läßt, Wergeidsbezug und Verschwägerung"; aber auf jene 
erstere Angabe der GI)L. kann ein derartiger Einwand keine An- 
wendung finden, und insoweit ergibt sich demnach immerhin auf 
dem Gebiete des Wergeidswesens über den dritten gleichen Grad 
hinausreichende Berücksichtigung der Verwandtschaft, deren Grenze 
sich freilich nicht wohl bestimmen läßt *) So wird ferner, und zwar 
nach den beiden Provinzialrechten, von denen überhaupt mehr als 
das Christenrecht erhalten ist, der Freigelassene und dessen Deszen- 
denz vom Freilasser und dessen Nachkommenschaft bis zum neunten 
Knie beerbt,*) worunter doch wohl nur der neunte gleiche Grad 
kanonischer Komputation verstanden werden kann; auch hier also 
liegt eine aus kirchlichen Einflüssen nicht zu erklärende, weit über 
den dritten Grad hinausreichende rechtliche Wirksamkeit der Ver- 
wandtschaft bezeugt vor. Endlich erscheint auch nicht wohl denk- 
bar, daß man mit dem unmittelbar vorhergehenden Grade, nämlich 
den Geschwisterkindern, eine neue Gradzählung nach Knieen ange- 
fangen haben würde, wenn die Verwandtschaft wirklich bereits mit 
dem dritten gleichen Grade kanonischer Komputation, also den 
Nachgeschwisterkindern, ihre Endschaft erreicht hätte, wogegen diese 
Zählweise vollkommen begreiflich wird, wenn man sich die Ver- 
wandtschaft noch, wie im isländischen Rechte, über eine längere 
Reihe von Graden erstreckt denkt Man möchte demgegenüber allen- 
falls auf den Gedanken verfallen, daß in Norwegen vorübergehend 
eine Beschränkung des Erbrechtes auf einen engeren Verwandten- 
kreis eingetreten sei, welche hinterher wieder aufgehoben worden 



1) FrI)L. VI, II. 

-) Norges gamle Love, II, S. 520— 21. 

') Eine Möglichkeit wäre freilich die, dafl man jenseits des dritten Grades in 
der Seitenlinie alle einzelnen gleichen und ungleichen Grade bis zum sechsten gleichen 
Grade einschließlich zu zählen hätte; mit Weglassung der Aszendenten fiele dann der 
sechste gleiche Grad richtig auf Ziffer 15; also ersten und vierten, zweiten und vierten, 
dritten und vierten ungleichen Grad; vierten gleichen Grad; ersten und fünften usw. 

*) GJL. 106; FrI>L. IX, 11. 



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^o Teil I. Die Sufiere Elrscbeinun^ der Verwandtschaft. 

wäre, und es fehlt in den Geschichtsquellen nicht ganz an Stütz- 
punkten für eine solche Vermutung. Wiederholt rühmen diese den 
Königen Eysteinn, Sigurör und Olafr die Abschaffung einer Reihe 
sehr drückender Vorschriften nach, welche unter der dänischen 
Herrschaft unmittelbar nach des heil. Olafr Tod erlassen worden 
waren; da liegt nun die Annahme nahe, daß auch die ihnen in den 
FrI)L. zugeschriebene Erweiterung des Erbrechtes nur als Beseitigung 
einer damals eingeführten Beschränkung desselben, und somit als 
Wiederherstellung eines älteren Rechtszustandes aufzufassen sein 
möge. Zu dem fiskalischen Geiste, welcher jene sämtlichen Gesetze 
aus der Alfifuöld charakterisiert, würde eine Beschränkung des Erb- 
rechtes im Hinblicke auf die dadurch bedingte Erweiterung der 
königlichen Ansprüche auf das danarfe recht wohl passen; die Ein- 
wendungen aber, welche sich gegen eine derartige Annahme erheben 
lassen, scheinen keineswegs schlechthin beweisend. Allerdings er- 
wähnen die Geschichtsquellen weder gelegentlich der Einführung der 
Gesetze in der dänischen Zeit eine damals eingetretene Beschränkung, 
noch gelegentlich der Wiederabschaffung jener Gesetze durch die 
genannten drei Könige eine damals wieder verwilligte Erweiterung 
des Erbrechtes ; aber wie wenig maßgebend dieses ihr Schweigen ist, 
zeigt der Umstand, daß diese Erweiterung wenigstens durch das 
ausdrückliche Zeugnis der FrI)L. festgestellt ist Allerdings wird 
ferner die Beschränkung des Erbrechtes auf den dritten gleichen 
Grad bereits in jenem Weistume als bestehend vorausgesetzt, welches 
über die vom heil. Olafr den Isländern verliehenen Privüegien ab- 
gegeben wurde; aber die Häuptlinge, welche dieses Weistum ab- 
gaben, beschworen ja nicht, daß die von ihnen aufgezählten Rechte 
vollständig mit den von dem heil. Könige erteilten zusammenfielen, 
sondern nur, daß dieselben nicht über das Maß der von diesem 
Könige verwilligten Privilegien hinausgingen, \) und es mochte dem- 
nach recht wohl geschehen, daß sie, von der durch ihn den Isländern 
gewährten Gleichstellung mit den Norwegern im Erbrechte ausgehend, 
diese Gleichstellung im Sinne ihrer Zeit ausdrückten, während die- 
selbe doch zu des heil. Olafr Zeit zufolge der damals in Norwegen 
noch weiter ausgedehnten verwandtschaftlichen Erbberechtigung dem 
Isländer wie dem Norweger ein viel weiter reichendes Maß von 
Rechten gewährt hatte. Mehr als der Wert einer Hypothese läßt 



*) Konüngsbök, 248/197: svörÖu til l)ess r^ttar, sem her er merkÖr, at'liani 
rett gaf Ölafr enn helgi Islendingum, eÖa betra. 

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§ 4« I^ic Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ^i 

sich indessen trotz allem dem der obigen Annahme nicht beilegen, 
und die Frage, ob und welche Verwandtschaftsgrenze das ältere 
norwegische Recht gekannt habe, läßt sich somit vorläufig mit 
Sicherheit nicht entscheiden. 

Bemerkt muß dagegen zum Schlüsse noch werden, daß in der 
späteren Zeit die Vorschriften der IV. lateranischen Synode über 
die kirchlichen Eheverbote wegen Verwandtschaft in Norwegen 
schlechthin rezipiert wurden, so daß also nach den Gesetzbüchern 
aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der vierte gleiche Grad 
kanonischer Komputation als der letzte verbotene galt;^) ja es ging 
dieselbe Verwandtschaftsgrenze durch das gemeine Landrecht und 
Stadtrecht auch in das Erbrecht über, *) während die Järnsföa die- 
selbe in dieser Beziehung, den FrpL. sich anschließend, noch beim 
fünften gleichen Grade hatte stehen lassen.*) Dieselbe Einwirkung, 
welche das ältere kanonische Recht in früherer Zeit auf die Wer- 
geldstafel einzelner norwegischer Rechtsquellen ausgeübt hatte, übt 
demnach hier das neuere auf das norwegische Erbrecht der späteren 
Zeit aus. 



§ 4. Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 

Innerhalb der Verwandtschaft scheidet sich nach altnordischem 
Rechte eine Reihe einzelner Gruppen von Verwandten aus, für deren 
Angehörige besondere Grundsätze der rechtlichen Behandlung gelten; 
indessen ist das Prinzip der Gruppierung sowohl als das Maß ihrer 
rechtlichen Wirksamkeit in verschiedenen Fällen ein durchaus ver- 
schiedenes, und spricht sich diese Verschiedenheit zunächst schon 
in einer Reihe technischer Bezeichnungen aus, welche für die ein- 
zelnen Gruppen gebraucht werden. Diese verschiedenen Gruppen 
sollen hier nun der Reihe nach besprochen werden: 

I. Die tölumenn. Das isländische Recht unterscheidet, 
zunächst freilich nur bezüglich des Erbrechtes, einen engeren 
Kreis von Verwandten von einem weiteren, und bezeichnet dabei 



*) neuerer BJKrR. 21; neuerer G|)KrR. 30; Jons KrR. 47 und Ar na 
bps. KrR. 20/140. 

*) Landslög, Erföat. 7; BjarkR. 7; auch Jönsbök, 13. 
*) Järnsi'Öa, ErfÖat. 15. 



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52 1'cil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

die Angehörigen jenes ersteren als Leute, „er talöir heita til 
arfs i lögum", ^) mit dem Beifügen : „at |)ar raeör eigi fraend- 
semi"; es sind also damit die jenen engeren Kreis bildenden Ver- 
wandten als Leute bezeichnet, deren Berufung zur Erbfolge sich 
nicht nach den sonst geltenden Regeln der Verwandtschaftsnähe be- 
mißt, und welche eben darum im Gesetze besonders in der Ord- 
nung aufgezählt werden müssen, in welcher sie aufeinander folgen 
sollen. Es sind 14 Personen, auf welche diese Bezeichnung An- 
wendung findet; dieselben bilden aber lediglich den ersten Grad der 
aufsteigenden, absteigenden und Seitenlinie, und ihre Zahl erklärt 
sich sehr einfach daraus, daß neben den Männern auch die Weiber, 
neben den Geschwistern vom Vater her auch die von der Mutter 
her, endlich neben den ehelichen Kindern und Geschwistern auch 
die unehelichen besonders gezählt sind. Der engere Kreis umfaßt 
demnach genau dieselben Verwandten, für welche die altnordische 
Sprache besondere, wurzelhafte technische Bezeichnungen hat, wenn 
wir nur von den Großeltern und Urgroßeltern absehen wollen, für 
welche sich auch noch solche, wiewohl seltener, gebraucht finden; 
genau dieselben Verwandten ferner, auf welche die dem isländischen 
Rechte eigentümliche Gradberechnung noch keine Anwendung fand, 
und zwar erklärt sich nunmehr diese Nichteinbeziehung des ersten 
Grades in die Gradberechnung einfach daraus, weil bei ihm nicht 
die für den weiteren Verwandtenkreis geltenden Prinzipien, sondern 
durchaus individuell geartete besondere Rücksichten die Reihenfolge 
der Berufung unter den einzelnen Verwandten regeln sollten. Aber 
die eigentümliche Behandlung jenes engeren Kreises beschränkt sich 
keineswegs auf das Erbrecht; dieselbe wiederholt sich vielmehr auch 

*) SlaÖarholsbok, 56/64; in der Konüngsbök, 1 18/220 nur als Refe- 
renz. In einem enjjeren Sinne bezeichnet der Ausdruck „talÖir til arfs i lö^um" nur 
die echt geborenen Erben ersten Grades in Konüngsbök, 143/43 und StaÖar- 
holsbok, 116 149; vgl. 1x1/142. Auch in Koniingsbök, 95/170 und Staöar- 
hölsbök, 297/33Ö ist der Ausdruck nur für den ersten Grad gebraucht, hier aber 
die unecht Geborenen mit einschließend; in Koniingsbök, 249/198 und StaÖar- 
hölsbök, 6174 dagegen bezeichnet er die Leute, die, obwohl unverwandt, doch 
zur provisorischen Beerbung von Ausländern zugelassen werden, weil Verwandte nicht 
anwesend sind; ganz begreiflich, weil auch bei ihnen ,,r^Ör eigi fnendsenri". Ab- 
norm wird der Ausdruck nur in S taftarh 61 sbo k , 80/102 gebraucht, nämlich für 
alle in der Erbentafel erwähnte eheliche Verwandte bis zum dritten gleichen Grade 
einschließlich ; aber dabei handelt es sich um ein sehr neues Gesetz. Dies gegen 
V. Finsen, Glossar, S. 584, welcher zwischen denen, „er heita talÖir til arfs i 
lögum", und denen, „er til arfs eru taU^ir i lögum" unterschieden wissen will. 



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§ 4« Die GliederuDg der Verwandtschaft in engere Gruppen. 25 

auf allen den anderen Gebieten, auf welchen sich die Verwandtschaft 
überhaupt wirksam zeigt, nur daß freilich je nach Umständen ein 
Teil der im Erbrechte jenem Kreise zugezählten Personen, wie z. B. 
Weiber, Geschwister von der Mutterseite her oder unecht Geborene, 
anderwärts außer Betracht bleibt. So gilt im Armenrechte die 
Regel, daß man seine Kinder, Eltern und Geschwister mit allen 
Mitteln und nötigenfalls mit der eigenen Hände Arbeit ernähren 
muß, ^) und daß man sich ihnen gegenüber von dieser Verpflichtung 
auch nicht durch Eingehung eines Verpfändungsvertrages losmachen 
kann, -) während man zur Verpflegung entfernterer Verwandter nur 
dann verpflichtet ist, wenn man ein bestimmtes Maß von Vermögen 
besitzt und durch einen bereits vor dem Anfalle der Alimentations- 
pflicht abgeschlossenen Verpfändungsvertrag ohne weiteres von aller 
und jeder Haftpflicht frei wird. Allerdings ist die Alimentations- 
pflicht des nächsten Erben seinem präsumptiven Erblasser gegen- 
über eine ganz ebenso strenge, wie die der Verwandten ersten 
Grades, ohne alle Rücksicht darauf, ob er in näherem oder fernerem 
Grade mit seinem Erblasser verwandt sei, und dasselbe gilt auch 
von der Alimentationspflicht des Freilassers gegenüber seinem Frei- 
gelassenen ; allerdings trifft ferner diese strengere Alimentationspflicht 
umgekehrt die unecht geborenen Kinder und Geschwister als solche 
nicht, oder vielmehr nur unter der Voraussetzung, daß sie zugleich 
ihrer Eltern oder Geschwister nächstberufene Erben sind, obwohl 
auch sie „talöir til arfs 1 lögum" sind.*) Aber jene erstere Tatsache 
tut der Eigentümlichkeit der Behandlung jenes engeren Verwandten- 
kreises keinerlei Abbruch, und diese letztere ist lediglich dadurch 
bedingt, daß die Stellung der unechten Geburt nur sehr allmählich, 
und darum auch nicht auf allen Gebieten des verwandtschaftlichen 
Rechtes gleichzeitig und gleichmäßig geordnet wurde. Bei der 
Altersvormundschaft ferner gilt der Anspruch des Vaters, der 
Mutter und des Bruders von der Vatersseite her als ein unentzieh- 
bares, während entfernteren Verwandten gegenüber ein Einstands- 
recht (undanboö) galt ; *) da von Kindern der Natur der Sache nach 
in diesem Falle nicht die Rede sein kann, bleibt demnach nur der 
Ausschluß der Schwester neben der Zulassung der Mutter, die Aus- 
schließung des Bruders von der Mutterseite her, endlich die Aus- 



*) SlaÖarhölsbök, 81/105; vgl. 111/142 und Konüngsbök, 143/23. 
«) StaÖarhölsbök, 81/103; Konüngsbök, 128/3. 
'j StaÖarhölsbök, 111/142; Cod. AM. 315, B fol., 1/227. 
*) Konüngsbök, 122/230 und 233; StaÖarhölsbök, 64/77 — 8 und 80. 
Maurer, Verwandtschafu- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 3 



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7A Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

Schließung der unechten Geburt auffällig, alles Abweichungen, welche 
sich ganz in derselben Weise wie die nicht volle Berücksichtigung 
der unechten Geburt im Armenrechte erklären. Bei der Ge- 
schlechtsvormundschaft, wie sich solche im Verlobungsrechte 
ausprägt, kommt, immer echte Geburt vorausgesetzt, neben dem 
Sohne, dem Vater und dem Bruder von der Vater- sowohl als 
Mutterseite, noch die Mutter für ihre Person in Betracht und die 
Tochter und Schwester insoweit, als sie verheiratet ist und somit 
einen Mann hat, der für sie die Verlobung vornehmen kann; da- 
gegen läßt unser älteres Rechtsbuch die unechte Geburt außer Be- 
tracht, ^) während andere Hss. dieselbe innerhalb derselben Grade, 
wie sie bezüglich der echten Geburt soeben aufgezählt wurden, be- 
rücksichtigen, ^) und unser jüngeres Rechtsbuch vollends auch noch 
die Großeltern und Enkel, sowie die Oheime und Neffen herein- 
zieht, *) welche letztere durchaus unorganische Bestimmung doch 
wohl eher aus einem Mißverständnisse des Kompilators als aus einer 
wirklichen Änderung des Rechts zu erklären sein dürfte. Die sämt- 
lichen Texte lassen nach den von ihnen namentlich aufgezählten 
Personen dem „nänasti niör", d. h. dem nächstberufenen Verwandten, 
das Verlobungsrecht überkommen, so daß also der Sinn der Unter- 
scheidung jenes ersteren engeren Verwandtenkreises von der ent- 
fernteren Verwandtschaft wie im Erbrechte nur der ist, daß die 
Regeln, welche bei dieser letzteren die Reihenfolge der Berufung 
regeln, innerhalb jenes ersteren keine Anwendung finden. Dabei 
fällt, im älteren Rechte wenigstens, jener engere Kreis wieder mit 
dem ersten Grade der Verwandtschaft zusammen, und macht auch 
hier wieder nur die Behandlung der Weiber und des Weibsstammes 
einerseits und der unechten Geburt andererseits dem Erbrechte 
gegenüber sich mehrfach als eine eigentümliche bemerkbar. Wenn 
ferner sechs Weiber aufgezählt werden, „|)aer er maör ä vigt um", 
d. h. deren geschlechtliche V^erletzung den Mann berechtigt, blutige 
Rache zu nehmen, so figurieren darunter wiederum nur Tochter, 
Mutter und Schwester, neben welchen nur freilich auch noch die 
Ehefrau steht, welche in der Verwandtschaftstafel keinen Platz findet, 
sowie die Pflegemutter und Pflegetochter, welche in einem verwandt- 
schaftsähnlichen Verhältnisse stehen.*) Das Klagerecht aber wegen 



*) Konüngsbök, 144/29. 

2) Cod. AM. 315, B. foL, 1/227; Belgsdalsbök, 48/240. 

3) StaÖarh6lsbök, 118/155. 

*) Konüngsbök, 90/164; StaÖarhölsbök, 293/331. 



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§ 4- I^Jc Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 7C 

Fleischesverbrechen, die legorössaka aöild also, gewährt eine, 
allerdings jüngere Hs. genau denselben Personen zu, welche talöir 
til arfe i lögum sind, und zwar genau in derselben Ordnung, in 
welcher sie zur Erbfolge berufen sind, ehe sie auf den nänasti niör 
zurückgreift, ^) wogegen die Staöarhölsbök die unecht geborenen 
Brüder und Schwestern,^) die Konüngsbök aber nicht nur alle un- 
echt Geborenen, sondern auch die echt geborenen Schwestern weg- 
läßt;^) ob der letzteren Auslassung nur ein Schreibverstoß zugrunde 
liegt, oder ob dieselbe mit einer nur allmählich und ungleichmäßig 
erfolgten Ausdehnung der Berechtigung der Weiber auf diesem Ge- 
biete zusammenhänge, muß dahingestellt bleiben. Beim Geben und 
Nehmen von Wergeid sind nur Vater, Sohn und Bruder zum 
höfuöbaugr, d. h. der Hauptzahlung berufen, *) und bei der Berufung 
zur Blutklage, der vigsakar aöild also, werden dieselben Personen 
zunächst allein genannt, sodann aber in einem besonderen Absätze 
die unecht geborenen Söhne und Brüder, oder auch nur die ersteren 
erwähnt, und schließlich wird dann in letzter Linie wieder der nänasti 
niör berufen.^) Beim Ablegen eines Zeugnisses endlich gelten 
Vater und Sohn, dann zwei Brüder nur als eine einzige Person, und 
dieselben Personen sind beim stefnuvaetti und vielleicht überhaupt 
der Regel nach bei Zeugnissen nicht verwendbar, ^) wogegen freilich 
bei einzelnen Arten des Zeugnisses, wie beim benjavaetti ') und beim 
säravaetti, *) die Unfähigkeit ungleich weiter sich erstreckt, nämlich 
bis zum dritten gleichen Grade einschließlich, wie beim Geschworenen- 
dienste. — Man sieht, in allen Beziehungen, in welchen die Ver- 
wandtschaft überhaupt ihre Wirkungen zu äußern pflegt, tritt der 
erste Grad der aufsteigenden, absteigenden und Seitenlinie als ein 
ganz vorzugsweise und in ganz eigentümlicher Art berechtigter und 
verpflichteter auf; die Besonderheiten aber, welche sich in Bezug auf 
seine Behandlung auf den verschiedenen hier einschlägigen Gebieten 
bemerkbar machen, beziehen sich lediglich auf die verschiedene 
Stellung, welche in verschiedenen Fällen den Weibern, den unehelich 
Geborenen und allenfalls auch noch der mütterlichen Verwandtschaft 



*) Belgsdalsbök, 51/242. -) Staöarhölsbök, 145/177. 

») Konüngsbök, 156/48. *) ebenda, 1 13/193. 

*) ebenda, 94/167—68; Staöarhölsbök, 297/334—5; Belgsdalsbök, 

56/244. 

«) Konüngsbök, 77/126—27. 

^ ebenda, 87/152; Staöarhölsbök, 280/310. 

») Staöarhölsbök, 281/311. 

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35 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

angewiesen wird, auf einen Punkt also, welcher teils der Natur der 
Sache nach in verschiedenen Richtungen verschieden geregelt werden 
mußte, teils aber erweislichermaßen in den nordischen Rechten im 
Verlaufe der Zeiten mehrfache Wandlungen durchgemacht hat, be- 
züglich deren es nur natürlich ist, wenn dieselben nicht auf allen 
Gebieten des verwandtschaftlichen Rechtes ganz gleichmäßig und 
gleichzeitig durchgeführt wurden. 

Im norwegischen Rechte zeigen sich nur sehr verloschene 
Spuren einer ähnlich bevorzugten Stellung des ersten Grades erhalten. 
Die GpL. sprechen auf erbrechtlichem Gebiete ebenfalls von Personen 
„er talder ero", ^) und es wird für diese in ihnen sogar die kürzere 
Bezeichnung als „tölumenn" gebraucht;^) aber diese Ausdrücke 
bezeichnen hier etwas anderes als im isländischen Rechte, nämlich 
die sämtlichen Verwandten männlichen Geschlechts bis zu den Nach- 
geschwisterkindern einschließlich, und dazu noch Tochter, Mutter und 
Schwester als die einzigen Weiber, welche als gleichfalls erbberechtigt 
zwischen jene Verwandte eingereiht erscheinen, sowie den ebenfalls 
zum Erbrechte zugelassenen unechten Sohn. Hiemach müßte also 
der Ausdruck tölumenn, so lange die Verwandtschaftsgrenze in erb- 
rechtlicher Beziehung mit dem dritten gleichen Grade kanonischer 
Komputation zusammenfiel, ursprünglich die gesamte erbberechtigte 
Verwandtschaft umfaßt haben, und wenn unser Text zwar neben 
ihnen noch eine weitere Kategorie von Erbberechtigten kennt, welche 
er als „jamnnanir tölumönnum" bezeichnet, so sind in ihr doch nur 
diejenigen Weiber begriffen, welche innerhalb der zu den tölumenn 
gerechneten Grade stehen, und hängt demnach dieses Auftreten einer 
den letzteren gegenüberstehenden Klasse von Erbberechtigten nur 
mit einer Erweiterung der den Weibern zustehenden Erbansprüche 
zusammen. . Da ist nun klar, daß der Ausdruck tölumenn an unserer 
Stelle unmöglich in seiner ursprünglichen Bedeutung stehen kann. 
So lange das Erbrecht wirklich nur bis zum dritten gleichen Grade 
gereicht und von den Weibern nur Tochter, Mutter und Schwester 
umfaßt hatte, bedurfte man eines Ausdruckes nicht, der eben nur 
die erbberechtigte Verwandtschaft als solche bezeichnete, da ja der 
Gegensatz fehlte, welcher allein jenen Ausdruck motivieren konnte; 



*) GJ)L. 104: Nu ero fr.TnderfÖir allar taldar ; l)eir skolo taka fyrst, er talder 
ero, ok aller aÖrer jamnnaner, fyrr en undir konong g^oge. Vgl. auch 105. 

*) ebenda, 105: Nu ero eigi tölumenn til, ok ero menn til i hofuÖbarm ok { 
kvensvifl, usw. Und öfter in diesem Paragraphen. 



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§ 4- Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. yj 

als ferner das Erbrecht der Weiber seine spätere Ausdehnung erhielt, 
konnte man sich zu der Erfindung des Ausdruckes tölumenn eben- 
sowenig veranlaßt sehen, da es ja genügte, die neu hinzugekommenen 
Erbberechtigten lediglich nach ihrem Geschlechte zu bezeichnen. 
Der Ausdruck tölumenn muß hiernach entweder ursprünglich für 
einen engeren Verwandtschaftskreis gegolten haben, ak für welchen 
ihn unser Text zu brauchen scheint, oder der Verwandtenkreis, für 
welchen ihn unser Text braucht, kann zur Zeit der Entstehung des 
Ausdruckes nicht die gesamte erbberechtigte Verwandtschaft um- 
faßt haben. Für die erstere Alternative spricht die Analogie des 
isländischen Rechts, und gegen die zweite der weitere Umstand, daß 
man, wie sich zeigen wird, für umfangreichere Gruppen innerhalb 
der Verwandtschaft bereits genügend mit anderen Bezeichnungen 
versehen war. So möchte ich demnach annehmen, daß der Aus- 
druck in Norwegen ursprünglich wie auf Island nur die Verwandten 
des ersten Grades in der aufsteigenden, absteigenden und Seiten- 
linie umfaßt habe, und hiermit mag es zusammenhängen, daß man 
den Weibern gerade nur in diesem Grade ursprünglich ein Erbrecht 
zugestand; als dann aber hinterher, sei es nun durch die Gesetze aus 
der Alfifuöld, oder die Neuerung des Sigurör Jörsalafari und seiner 
Brüder, oder die neue Redaktion des Rechtsbuches unter K. Magnus 
Erlingsson Veränderungen im Erbrechte sich ergaben, mag der Aus- 
druck seine Bedeutung gewechselt haben, falls nicht etwa gar, was 
ich im Grunde für das Wahrscheinüchste halten möchte, lediglich 
die heillose Unordnung, welche durch den Kompilator unseres Textes 
nachweisbar angerichtet wurde, nur der Schein eines solchen Wechsels 
in seiner Bedeutung erzeugt wurde. — Richten wir nun aber unseren 
Blick über das Erbrecht hinaus, so ergibt sich wenig Aufklärung. 
Blutige Rache wird um sieben Weiber zu nehmen erlaubt, nämlich 
um die Tochter, Mutter und Schwester, sowie um die Ehefrau, Stief- 
mutter, Schwiegertochter und Schwägerin ; ^) es ist also, wenn wir 
von den über die Verwandtschaft hinausreichenden Verhältnissen 
absehen, wie im isländischen Recht der erste Grad, welchem dieser 
energische Rechtsschutz zuteil wird. Aber hinsichtlich der Berufung 
zur Altersvormundschaft, dann zur Armenalimentation, wird einfach 
auf die bezüglich des Erbrechts geltenden Regeln verwiesen ; ^) be- 



') GI)L. l6o; ebenso Fr{)L. IV, 39, nur daß statt der Stiefmutter die Stief- 
tochter genannt ist; in B{)L. II, 15 werden dagegen statt der 7 Weiber 13 genannt, 
wobei mit der Sohnestochter, Bruderlochter und Schwestertochter auf den zweiten 
Grad übergegriffen wird. '^) ebenda, 115. 



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^8 Teil I. Die äuflerc Erscheinung der Verwandtschaft. 

züglich der Geschlechtsvormundschaft wird bei Besprechung der Ver- 
lobung nur der Vater und der Bruder genannt, ^) und bei Besprechung 
der Unzuchtsbußen neben diesen beiden nur noch der nächste Erbe 
erwähnt,^) welcher natürlich auch dort hinzuzudenken ist; über die 
Unfähigkeit zum Zeugnis wegen Verwandtschaft sprechen sich die 
Quellen überhaupt nicht aus, und da die Wergeldstafel einen höfuö- 
baugr an Vater und Sohn, einen broöurbaugr an den Bruder und 
» einen broeörüngsbaugr an die Geschwisterkinder geben heißt, ') läßt 
sich auch aus ihr ein hierher bezüglicher Schluß nicht ziehen. Aus 
den FrI)L. aber ist der Begriff der tölumenn bereits vollständig ver- 
schwunden, und die beiden anderen Provinzialrechte sind nur in 
ihrem kirchenrechtlichen Bestandteile erhalten, so daß sich aus ihnen 
über die hierher gehörigen Fragen lediglich gar nichts entnehmen 
läßt Entferntere Schlüsse, welche sich etwa aus der Gestaltung 
einzelner Rechtssätze und Rechtsinstitute ziehen lassen, behalte ich 
mir bevor später je an ihrem Orte nachzuziehen. 

2. Mannsstamm und Weibsstamm. In den norwegischen 
GI)L. wird, und zwar sowohl bei Besprechung des Erbrechtes als 
der Wergeldstafel, der Gegensatz der karlsvift und kvennsvift 
erwähnt,*) und auch im isländischen Rechte kommen beide Aus- 
drücke, in der Form karlsift, kvennsift, gebraucht vor. *) freilich hier 
nur im Baugatal, einem Abschnitte also, welcher sehr entschieden 
norwegischen Einfluß verrät Im gemeinen Landrechte wird ein 
paarmal die Bezeichnung karlleggr, kvennleggr gebraucht, •) 
doch so, daß dafür die Varianten karlsvift (karlsypt, kalswit) und 
kvennsvift (kvensypt, kvenswit), oder auch k a r 1 k n e und kvennkne 
vorkommen. In den geschichtlichen Quellen wechseln dieselben Aus- 
drücke miteinander ab, wenn z. B. die eine Quelle, von dem Thron- 
folgegesetz des K. Haraldr härfagri sprechend, sagt : „setti l)at i lögum, 
at hans aettmenn skyldi hverr konüngdöm eptir sinn fööur taka, en 
jarldöm sä er i kvennsvipt vseri af hans a^tt kominn", ') setzt die 
andere dafür : „6r kvennlcgg", ^) und eine dritte „kvennborinn" •) 



*) GI)L. 51. 2j ebenda, 197. 

^) ebenda, 2i8 — 20; 243. *) ebenda, 105; 234; 235. 

*) Koniingsbo k, 113 196. 

•) Lands log, Erfftat. 7, 9 und 12; ebenso BjarkR. 7, 9 und 12 und 
J6nsb6k, Erfflat. 9 und 12. 

^ II ei ras kr. Haralds s. harfagra, 35.74; ebenso EMS. I, 2/6; Olafs s. 
h e 1 g a , 14 (edd. Manch und Ungerj. 

'^) Flbk. I, 41. 0) EMS. IV, i.S. 



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§ 4«. Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ^q 

während wieder andere Male in Bezug auf dasselbe Gesetz auch der 
Ausdruck „karlsift" gebraucht steht;*) der Ausdruck „kvennkne" aber 
kommt nicht nur an einer weiteren Parallelstelle als Variante vor,^) 
sondern er steht anderwärts auch gebraucht für einen einzelnen 
weiblichen Grad in einer Verwandtschaftslinie.') Die Zusammen- 
setzung karlleggr, kvennleggr erklärt sich dabei sehr einfach, da leggr 
nicht nur das Bein am menschlichen Körper, sondern auch den 
Stamm bei baumartigen Gewächsen bezeichnet, und von hier aus 
vielfach zur Bezeichnung einer Linie in der Verwandtschaft verwendet 
wird (z. B. aettleggr, fraendleggr, mööurleggr). Da ferner kne nicht 
nur das Knie am menschlichen Körper, sondern auch den Grad in 
der Verwandtschaft bezeichnet, gelangt karlkne, kvennkne zunächst, 
wie eben bemerkt, zu der Bedeutung eines durch einen Mann oder 
ein Weib vertretenen Verwandtschaftsgrades, und von hier aus liegt 
dann die erweiterte Verwendung für den Mannsstamm einerseits und 
den Weibsstamm andererseits wieder nahe genug. Zweifelhafterer 
Natur ist dagegen die dritte Zusammensetzung karlsvift und kvennsvift, 
zunächst schon insoferne, als die verschiedene Schreibung ihrer 
zweiten Hälfte eine zweifache Ableitung nahe legt; wer die Schreib- 
art sift festhält, mag mit Guöbrandr Vigfüsson an sif, sifjar an- 
knüpfen, und somit in dem Worte die Bedeutung Verschwägerung, 
Verwandtschaft finden, wer dagegen die Schreibung svipt vorzieht, 
wird sich an das Wort svipr halten, welches neben so mancher 
anderen Bedeutung auch die von „Aussehen", „Beschaffenheit" hat 
(vgl z. B. aettursvipr, gleöisvipr, ähyggjusvipr), und von hier aus in 
der Zusammensetzung die Bedeutung männliche resp. weibhche Art 
finden, *) wie dies J. Fritzner tut Aus sprachlichen Gründen scheint 
die letztere Schreibart als die ursprünghchere betrachtet werden zu 
müssen, da svipt und svift nur verschiedene Schreibungen desselben 
Wortes sind, soferne die Aussprache die gleiche war und ist, aus 
svift aber ebensogut syft werden konnte wie aus tvisvar tysvar, aus 
kvikendi kykvendi oder aus kvikna kykna u. dgl. m., während hin- 
wiederum syft und sift der gleichen Aussprache wegen wechseln 
mögen, wogegen aus sift nicht wohl svipt zu werden vermochte. 
Alle drei Ausdrücke bezeichnen aber, welches auch ihre Ableitung 

») FMS. I, 105/220; Flbk. I, S. 240. 

*j Heimskr. Haralds s. härfagra, 35/112 (Folioausgabe). 
*) Häkonar s. gamla, 12/251 und 87/327. 

*) vgl. Hälfdanar s. Brönuföstra, 4/569: tvö tröU sälu viÖ eldinn, annjit 
kvcansvipt, cn annat karlsvipt. Die Quelle ist freilich eine sehr junge. 



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^O '^cii I* ^^c äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

sein möge, völlig übereinstimmend den Mannsstamm im Gegensatze 
zum Weibsstamme, also diejenigen Verwandten, deren Verwandtschaft 
auf lauter Mittelgliedern männlichen GescWechts beruht, im Gegensatze 
zu den anderen, deren Verwandtschaft wenigstens teilweise durch 
Personen weiblichen Geschlechts vermittelt wird. Einmal wird auch 
der Ausdruck höfuöjbarmr, d. h. Hauptschoß, im Gegensatze zu 
kvennsvipt gebraucht ; ^) hier wenigstens erscheint dieser Ausdruck 
somit offenbar für den Mannsstamm im ganzen gebraucht, wenn er 
auch an ein paar anderen Stellen *) in einem engeren Sinne ver- 
standen werden könnte, nämlich als Bezeichnung des väterlichen Ge- 
schlechtes im Gegensatze zum mütterlichen. Das Wort, welches 
auch in der jüngeren Edda unter den Verwandtschaftsbezeichnungen 
genannt wird, ^ und zwar unmittelbar nach den auf die Deszendenz 
bezüglichen, wird in der dichterischen Sprache auch sonst zur Be- 
zeichnung der männlichen Nachkommenschaft verwendet; *) beachtens* 
wert aber ist eine Schwierigkeit, welche die Etymologie des Wortes 
macht.*) Das Wort barmr nämlich bedeutet im Nordischen nur 
Kante, Rand, wogegen baömr, ursprünglich den Baum bezeichnend, 
auch die Bedeutung von Busen, Nachkommenschaft annimmt; erst 
hinterher scheint das letztere Wort mit dem ersteren sich verschmolzen, 
und damit barmr auch die letztere Bedeutung angenommen zu haben. 
Doch dürfte die Sache noch einigermaßen zweifelhaft sein, da zwar 
goth. bagms und barms auseinander liegen, von denen jenes altn. 
baömr, ags. beäm, nhd. Baum, und dieses altn. barmr, ags. bearm, 
ahd. param entspricht, aber goth. barms, ags. bearm, ahd. param be- 
reits die Bedeutung Busen, Schoß, zeigen. — Auffälliger ist, daß von 
den sämtlich genannten Bezeichnungen für den Mannsstamm einer- 
seits und den Weibsstamm andererseits unter den älteren Rechts- 
büchern nur die GpL. und die Grägäs Gebrauch machen; indessen 
dürfte diese Erscheinung doch nur mit einer Ausartung des Ge- 
brauches zusammenhängen, welcher in den FrpL. bezüglich der Aus- 
drücke bauggildi und nefgildi bemerkbar ist, und somit auf 
eine Verschiedenheit des materiellen Rechtes in keiner Weise schließen 
lassen. 

») G1)L. 105. 

*) ebenda, 53 und II7; die erstere Stelle ist auch in diejarns., Kvennag. 
2 und den neueren B|)KrR. 28 übergegangen. 
') Skäldskaparmäl, 67/534 und 75/561. 
*) Eigla, 55/117 und 81/204 f Arinbjarnardrapa, Str. 19). 
*) vgl. GuÖbrandr Vigfüsson, s. v. baömr und barmr, dann höfuÖbarnir. 



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§ 4» J^ic Gliedcnmg der Verwandtschaft in engere Gruppen. ai 

3. Bauggildi und nefgildi. An nicht wenigen Stellen der 
älteren Rechtsbücher wird zwischen bauggildi und nefgildi, 
bauggildismenn und nefgildismenn, oder allenfalls auch 
bauggildingar und nefgildingar unterschieden.^) Die Unter- 
scheidung hängt dabei zweifellos mit dem soeben besprochenen 
Gegensatze zwischen Mannsstamm und Weibsstamm zusammen; in- 
dessen scheint es doch nicht gerechtfertigt, wenn die neueren Lexiko- 
graphen nicht nur, sondern auch die neueren Juristen und Historiker 
beide Begriffsreihen geradezu als identisch ansehen. *) Allerdings ist 
richtig, daß in dem älteren isländischen Rechtsbuche, welches jene 
Ausdrücke übrigens nur in seinem Baugatal kennt, eine entsprechende 
Definition sich zu finden scheint, *) und richtig auch, daß die FrI)L., 
welche den Gegensatz am folgerichtigsten entwickelt zeigen, jene 
Ausdrücke nicht nur für die Verwandten vom Mannsstamme und 
Weibsstamme innerhalb gewisser näherer Grade, sondern auch noch 
für die beiderlei Verwandten entfernteren Grades gebraucht werden;*) 
indessen sind doch beide Tatsachen ohne erhebliche Beweiskraft 
Die Definition der ersteren Stelle will ihrem ganzen Zusammenhange 
nach keineswegs in Bezug auf die gesamte Verwandtschaft ver- 
standen sein, sondern nur in Bezug auf die Verwandtschaft innerhalb 
bestimmt bezeichneter Grade, soferne eben nur von diesem enger 
begrenzten Kreise überhaupt die Rede ist; der Sprachgebrauch der 
FrpL. aber kann nur als ein späterer und abgeleiteter betrachtet 
werden, welcher die ursprünglich nur für die vorher behandelten 
näheren Grade geltenden Bezeichnungen hinterher auch auf die ent- 
fernteren übertragen zeigt. Eine derartige Veränderung des Sprach- 
gebrauches konnte um so leichter eintreten, da die Wergeldstafel 
der FrI)L. nachweisbar in vergleichsweise später Zeit tiefgreifende 
Überarbeitungen erlitt, von welchen einerseits die Vergleichung des 
Membranfragmentes IV mit dem Texte des Cod. Resenianus, und 
andererseits die früher schon besprochene Übertragung der Verwandt- 
schaftsgrenze des geistlichen Rechtes auf die Wergeldstafel ein un- 
angreifbares Zeugnis gibt. Gewiß ist jedenfalls, daß der Gegensatz 
des bauggildi und nefgüdi von Anfang an kein in dem Maße er- 

*) Letzteres Konüngsbök, 1 13/198 — 199 

*) vgl. R. Keys er, Rechtsgeschichte, S. 301 —2; Munch, II, S. 969—70; Fr. 
Brandt, Forclaesninger, S.u. 

') Konüngsbök, 1 13/196: enda heita I)at bauggildi, er {)eir menn taka, er 
karlsift eru komnir, en }>at heita nefgildi, er |)eir menn taka, er kvennsift eru komnir. 

*) Fr{)L. VI, II — 12. 



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A2 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

schöpfender war, wie dies der Gegensatz des Mannsstammes und Weibs- 
stammes der Natur der Sache nach notwendig sein mußte; nicht nur 
zwischen einem mikla nefgildi und htla nefgildi konnte innerhalb 
desselben unterschieden, sondern es konnte überdies der Kreis der 
sakaukar ganz außerhalb desselben belassen werden, zu welchem doch 
Verwandte des Mannsstammes und Weibstammes zugleich gehörten.*) 
Femer sprechen die G1)L., welche übrigens den Namen des baug- 
gildi und nefgildi nur seltener nennen, einmal geradezu aus, daß 
neben dem Gegensatze des Mannsstammes und des Weibsstammes 
für den Begriff beider auch noch die Nähe des Grades in Betracht 
komme. *) Nur von hier aus wird femer begreiflich, daß im isländi- 
schen Baugatal der Ausdruck bauggildi auch wohl einmal für die 
ganze Verwandtschaft innerhalb der betreffenden Grade gebraucht 
werden kann, den Weibsstamm neben dem Mannsstamm umfassend;^) 
ganz wie an einer oben angeführten Stelle der FrI)L. nur der Gegen- 
satz von Mannsstamm und Weibsstamm festgehalten, die Begrenzung 
auf bestimmte Grade aber fallen gelassen wird, wird eben hier um- 
gekehrt an dieser Begrenzung einseitig festgehalten und dafür jener 
Gegensatz unbeachtet gelassen. — Beides war unter der Voraus- 
setzung erklärlich, daß beide Momente für den Begriff des bauggildi, 
resp. nefgildi, an und für sich nebeneinander maßgebend waren. 
Deutlicher noch wird diese letztere Tatsache, wenn man den Zu- 
sammenhang ins Auge faßt, in welchem jene Bezeichnungen mit der 
alten Wergeldstafel stehen; aber freilich macht dabei der Umstand 
gewaltige Schwierigkeiten, daß diese Wergeldstafel uns nirgends in 
ihrer ursprünglichen Gestalt überliefert ist, vielmehr von uns aus 
einer Reihe verschiedener Überarbeitungen rekonstruiert werden muß, 
welche dieselbe im Verlaufe der Zeiten auf den verschiedenen provin- 
ziellen Rechtsgebieten erlitten hat So ist, wie bereits bemerkt, die 
Wergeldstafel, welche das sechste Buch der Frl)L. enthält, eine 
wesentlich andere, als diejenige, von welcher das Membranfragment IV 
Zeugnis gibt ; *) dieses P>agment aber ist so geringen Umfanges und 
von einer so zerrütteten Beschaffenheit, daß sich aus demselben die 
Vorschriften der älteren Zeit sehr mangelhaft erkennen lassen. In 

*j FrJ)L. VI, 5 und 9. 

*i G{)L. 274: ef svä nän er frivndsemi |)cirra, at er i nefgildi cÖa i bauggildi. 

') Konun <^sb«'k , I1319S— 99: nü lifa enj^ir menn i bauggildi cns dauÖa, 
nema fo^orfartir eöa sonarsonr, mo(^orfatMr e^a dottorsonr, Nu lifa engl i baug- 
gildi ens vegna, nema toiNorbrö^ir e(^a br(>^orsonr, moöorbro^ir e5a systorsonr. 

*) Norges gamle Love, II, S. 520—21. 



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§ 4» Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. j_^ 

den GpL. ferner sind unmittelbar aufeinander folgend zwei ver- 
schiedene Wergeldstafeln eingestellt, ^) während am Schlüsse des 
Rechtsbuches noch ein drittes, neueres „saktal" angehängt ist, welches 
der Lögmann Bjarni Maröarson zu Anfang des 13. Jahrhunderts, wie 
es scheint für das ganze Land, und nicht bloß für das Gula|)ing ver- 
faßte- Endüch enthält die Konüngsbök auch noch ein „baugatal" 
für Island,^) während die Staöarhölsbök nur gelegentlich auf ein 
ebensolches Bezug nimmt, *) ohne dasselbe mitzuteilen, so daß sich 
nicht mit Sicherheit bestimmen läßt, ob dasselbe ebenso beschaffen 
gewesen sei wie das oben angeführte, oder aber anders. — Sucht 
man nun die gemeinsamem Grundsätze für die Berechnung des Wer- 
geides in der älteren Zeit zu ermitteln, so dürften dies die folgenden 
sein. In erster Linie besprechen die älteren Wergeldstafeln eine 
Reihe von Bezügen, für welche sie die gemeinsame Bezeichnung 
„bau gar", d. h. Ringe, brauchen. Der Ausdruck erklärte sich aus 
dem uralten Brauche, mit Metallringen nach dem Gewichte zu be- 
zahlen, da es an gemünztem Gelde noch fehlte, und derselbe wird 
auch sonst für legale Bußen verwendet, wie denn als baugr oder 
lögbaugr im norwegischen Rechte zumal eine Zahlung im Betrage 
von zwölf aurar bezeichnet zu werden pflegte, welche in gewissen 
Fällen als Friedensgeld an den König zu entrichten war. Die beiden 
Wergeldstafeln der GpL. kennen übereinstimmend drei baugar, näm- 
lich einen höfuöbaugr, an welchem Vater und Sohn Anteil nehmen, 
einen brööurbaugr, welcher dem Bruder, und einen broeörungsbaugr, 
welcher den Geschwisterkindern zufällt Das ältere Fragment der 
FrpL kennt dagegen vier baugar, was doch wohl damit zusammen- 
hängt, daß auch noch nach dem jüngeren Texte dieses Rechtsbuches 
die eftirbroeörasynir , d. h. Nachgeschwisterkinder, an den baugar 
Anteil nehmen. Die Konüngsbök endlich kennt ebenfalls der baugar 
vier, an deren vierten und letzten indessen nur noch die Geschwister- 
kinder Anteil nehmen. Dem gegenüber hält die jüngere Wergeids- 
tafel der FrI)L. den Gegensatz der baugar zu den übrigen Wergeids- 
beträgen allerdings auch noch fest, und läßt die ersteren, wie be- 
merkt, auch noch bis zu den Nachgeschwisterkindern reichen; aber 
auf eine strenge Sonderung der verschiedenen Klassen von baugar 



*) GJ)L. 218 — 37 und 243 — 52. Ich begreife nicht, warum Munch und 
Brandt die erstcre Wergeidstafel wieder in zwei zerlegen und die zweite mit § 224 
beginnen lassen wollen; R. Keyser hatte sich noch vorsichtiger ausgedrückt. 

*) Konüngsbök, 113/ 193 — 204; in Bezug genommen auch 80/136. 

') Staöarhölsbök, 294/333. 



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AA Teil I. Die äußere ErscbeinuDg der Verwandtschaft. 

ist sie nicht mehr gebaut, und die Wergeidstafel des Bjarni Maröarson 
läßt auch jenen Gegensatz völlig fallen. Aber auch noch in einem 
weiteren, hier sehr erheblichen Punkte gehen die VVergeldstafeln aus- 
einander, nämlich in Bezug aut die Behandlung des Weibsstammes 
zum Mannsstamme. Darin zwar stimmen sie alle überein, daß grund- 
sätzlich nur Männer, sei es nun als Gebende oder als Empfangende, 
an den baugar Anteil nehmen, und daß nur als ganz eng begrenzte 
Ausnahme der Begriff der baugrygjar auftrete, d h. der zum 
Geben und Nehmen von baugar berufenen Weiber. Der Umfang, 
innerhalb dessen diese Ausnahme zugelassen wird, ist in den ver- 
schiedenen Rechten etwas verschieden begrenzt Die FrpL. lassen 
als baugr}'gr nur die Tochter zu, welche des Erschlagenen, resp. des 
Totschlägers, einziges Kind ist, und selbst diese nur insolange als sie 
unvermählt bleibt ^) Genau dieselbe Begrenzung kehrt auch in dem 
isländischen Baugatal wieder,*) und es ist demnach ein Irrtum, wenn 
Guöbrandr Vigfüsson annimmt, das isländische Recht wisse nichts 
von einer Beschränkung des Rechtes der Tochter auf die Dauer 
ihres Jungfrauenstandes. Die Gl)L. dagegen kennen der baugr>''gjar 
zwei, nämlich außer der Tochter auch noch die Schwester, ^) und 
sie beschränken die Berechtigung beider wed^r auf die Dauer ihres 
jungfräulichen Standes, noch auf ihre Eigenschaft als eines einzigen 
Kindes, was doch kaum auf eine bloße Ungenauigkeit des Ausdruckes 
zurückzuführen ist Aber gegenüber dieser immerhin sehr weit- 
reichenden Übereinstimmung in Bezug auf den Ausschluß der Weiber 
steht die sehr bedenkliche Tatsache, daß nur die beiden Wergeids- 
tafeln der GI)L. und die der FrpL. den Anteil an den baugar auf 
den Mannsstamm beschränken, wogegen das isländische Baugatal 
dem Weibsstamme auf diese ebensogut einen Anspruch einräumt wie 
dem Mannsstamme, wenn auch beiden in sehr ungleich verteiltem 
Maße. Da ist nun aber klar, daß diese Verschiedenheit der Behand- 
lung keine ursprüngliche sein kann, und daß das Verfahren der 
beiden norwegischen Rechtsbücher das ältere, das Verfahren aber 
des isländischen Rechts das jüngere sein muß. Der Ausdruck baug- 
gildi nämlich kann seiner Etymologie nach zunächst nur die Gesamt- 
heit der Wergeidszahlungen bezeichnen, welche zu den baugar ge- 
rechnet werden, und in zweiter Linie mag er sodann allenfalls auch 
als Bezeichnung für die Gesamtheit derjenigen Personen dienen, 



») Frl)L. vi, 4. 

*) Koniingsbök, 113/200—201. ') G{)L. 275. 



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§ 4- Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. a^ 

welche aktiv und passiv an diesen Zahlungen Anteil nehmen ; es ist 
hiemach widersinnig, wenn das isländische Recht das nefgildi an den 
bau gar Anteil nehmen läßt, während es dasselbe doch ganz ebenso 
wie die norwegischen Rechte dem bauggildi als Gegensatz gegen- 
überstellt, dagegen vollkommen in der Ordnung, wenn diese norwe- 
gischen Rechte nur den Mannsstamm der betreffenden Grade zu den 
bau gar zulassen, d. h. eben die Gesamtheit der Personen, welche der 
Ausdruck bauggildi umfaßt Andererseits erklärt sich auch leicht, 
wie das isländische Recht zu der ihm eigentümhchen Neuerung ge- 
langen konnte. Nimmt man an, daß das bauggildi, von den hier 
völlig bei Seite liegenden baugrygjar abgesehen, ursprünglich nur 
die Verwandten männlichen Geschlechts und vom Mannsstamme, sei 
es nun bis zu den Geschwisterkindern (G1)L.), oder bis zu den Nach- 
geschwisterkindern (FrpL.) einschließlich umfaßte, und daß dann als 
nefgildi die Verwandten des Weibsstammes innerhalb der gleichen 
Gradesgrenze mit weiteren Wergeidsbeträgen bedacht gewesen waren, 
welche doch nicht zu den baugar gerechnet wurden, so erklärt sich 
sehr leicht, daß man auf den Gedanken verfallen konnte, die Wer- 
geldstafel dadurch zu vereinfachen, daß man dieselbe, statt sie primär 
auf den Gegensatz des Mannsstammes und Weibsstammes zu stützen 
und dann erst innerhalb jeder dieser beiden Gruppen den Unter- 
schied der Grade zu berücksichtigen, in erster Linie umgekehrt auf 
die Abstufung der Grade begründete, und dann erst innerhalb jedes 
einzelnen Grades den Gegensatz des Mannsstammes und Weibs- 
stammes zur Geltung brachte; man konnte nämlich unter dieser 
Voraussetzung für das Verhältnis des Mannsstammes zum Weibs- 
stamme ein für allemal einen bestimmten Maßstab aufstellen, auf 
Grund dessen dann bei jedem einzelnen Grade sich der Anteil des 
einen und des anderen sehr einfach berechnete, und wirklich stellt 
unser Baugatal die Regel auf, daß die jedem einzelnen Grade zu- 
fallende Buße, wenn innerhalb desselben beide Stämme nebeneinander 
vertreten sind, in fiinf Teile gehen solle, von welchen der Manns- 
stamm (bauggildi = karlsift) drei und der Weibsstamm (nefgildi = 
k\'ennsift) zwei zu nehmen habe. Das Prinzip also, auf welches die 
Veränderung begründet ist, ist klar ersichtlich; nach wie vor sollen 
zwar die beiden von Anfang an maßgebenden Momente, nämlich 
der Gegensatz zwischen Mannsstamm und Weibsstamm und die 
Gradesnähe, berücksichtigt werden, aber sie haben unter sich die 
Rollen vertauscht, und das früher nur in zweiter Linie wirksame 
Moment ist nunmehr zu dem in erster Linie maßgebenden geworden. 



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j.(5 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Nicht wohl erklärlich wäre dagegen, wie aus der isländischen Wer- 
geldstafel die der älteren norwegischen Rechte geworden sein sollte, 
und ein weiterer Blick auf die beiderseitigen Wergeldstafeln wird 
diesen Umstand noch des näheren erläutern. — An die baugar reiht 
sich nämlich noch eine Anzahl weiterer Zahlungen an, welche an 
andere Gruppen von Verwandten entrichtet werden als jene. Zu- 
nächst kennen die beiden Wergeldstafeln der G1)L. den Begriff der 
kvenngjafir, d. h. Weibergaben, ^) an welchen die Ehefrau, dann 
die Mutter, Tochter und Schwester des Erschlagenen Anteil nehmen, 
und an welchen sie, wenigstens nach der einen Tafel, auch mit zu 
zahlen haben; es werden diese Gaben gewissermaßen als ein An- 
hang zu den baugar behandelt und demgemäß auch dann erlegt, 
wenn bezugsberechtigte Weiber nicht vorhanden sind, nur daß sie 
solchenfalls an den Sohn zugleich mit dem höfuöbaugr fallen, wobei 
aber der Satz in Betracht kommt: „sä er sunr hins dauöa, er viö 
gjoldum tekr, hvärt sem hann er faöer eöa broöer, eöa hvigi skyldr 
sem hann er".-) Nach der Besprechung der Weibergaben erst folgt 
denn auch in der älteren Wergeldstafel der schließende Satz: „nii 
ero bauga skildir";^) diese Weibergaben, von denen übrigens weder 
die FrI)L. noch das isländische Baugatal wissen, und welche überdies 
selbstverständlich nur als eine mit der steigenden Berechtigung der 
Weiber zusammenhängende Neuerung aufgefaßt werden dürfen, sind 
somit ohne alle selbständige Bedeutung für die Wergeldstafel. An- 
ders steht es dagegen mit dem Begriff der sakaukar, d. h. Buß- 
vermehrer, und der sakaukaböt, wie die Frl)L. die an sie fallenden 
Bußbeträge nennt. In der älteren Wergeldstafel der G1)L. werden 
zunächst drei Personen als sakaukar bezeichnet, sunr l)yborinn, brööir 
l)yborinn und brööir sammoeöra, samt ihrer Nachkommenschaft;*) 
dann aber wird noch der mööurbrööir |>yborinn und mööurbrööir 
sammoeöra, und der fööurbrööir |>yborinn samt dem fööurbrööir 
sammcEÖra erwähnt und bemerkt: „sakaukar heita |)eir allir, er ek 
talöa nü", auch ausgesprochen, daß hier wie dort die Nachkommen- 
schaft der genannten Personen eintritt, wenn diese selbst fehlen, nur 
freilich mit gemindertem Rechte.*^) Nach einem nicht hierher ge- 
hörigen Einschiebsel folgen sodann noch besondere Ansätze für die 
„nämägar", d. h. die nächsten Grade der Verschwägerung, für Stief- 
vater und Stiefsohn, für Eidbrüder und Pflegebrüder, endlich für den 



*) G|)L. 221 und 245. *J ebenda, 222. ') ebenda. 

*) ebenda, 236. *) ebenda, 237. 



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§ 4« I^*c Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. aj 

mööurfaöir mööur manns ; ^) jedoch wird der Name der sakaukar 
diesen Personen nicht ausdrücklich beigelegt. Die Wergeidstafel 
der FrI)L. rechnet zu den sakaukar den sunr l)yborinn und den 
brööir sammoeftra, den fööurfaöir und den sunarsunr und bemerkt, 
daß auch deren Söhne und Sohnessöhne noch mit einem, freilich 
wesentlich geringeren, Bußbetrage bedacht werden. ^) Außerdem 
scheint auch noch der fööurbrööir sammoeöra und der brööursonr 
sammcEÖra hierher gerechnet werden zu wollen, von welchen 
gesagt wird, daß sie im saktal der Frostujifngslög gefehlt hätten;*) 
das ältere Fragment dieses Rechtsbuches aber nennt zwar den 
Namen der sakaukar, jedoch ohne erkennen zu lassen, wer zu 
diesen gerechnet werden wolle. Das isländische Baugatal endlich 
kennt fünf sakaukar, nämlich den unehelichen Sohn, den Stiefsohn 
und den Stiefvater, dann den Schwiegersohn und den Schwager.*) 
Trotz aller Verschiedenheit der Bestimmungen im einzelnen lassen 
sich hiemach die Vorschriften dieser drei Rechtsbücher unter folgende 
gemeinsame Gesichtspunkte bringen. Gezählt wird zu den sakaukar 
vor allem der unechte Sohn, wobei einer späteren Erörterung vor- 
behalten bleiben mag, ob darunter nur der sonr l}yborinn, oder auch 
der sonr laungetinn zu verstehen sei; die GpL. dehnen dabei die 
Berücksichtigung der unechten Geburt auch noch auf den brööir 
}>yborinn aus, und in zweiter Linie auf den fööurbrööir und mööurbrööir 
})yborinn, während die FrI)L. nur noch den brööir jiyborinn berück- 
sichtigen, und selbst diesen nicht unter den sakaukar, sondern unter 
den in der älteren Wergeldstafel vergessenen Personen, die sie am 
Schlüsse nachtragen.*) Gezählt wird ferner zu den sakaukar die 
Stiefverwandtschaft: und Schwägerschaft des ersten Grades, jedoch 
nur in den GI)L., welche noch obendrein ein weiteres der Verwandt- 
schaft ähnliches Verhältnis hierherziehen, nämlich das der Eidbrüder 
und Pfiegebrüder, und im isländischen Rechte, wogegen die FrpL. 
von einer Berücksichtigung der „nämägar" nichts wissen. Endlich 
stellen die GI)L. und FrpL. übereinstimmend hierher den brööir 
sammceöra, und berücksichtigen, nur freilich in etwas verschiedener 
Weise, auch noch die entferntere Verwandtschaft von der Mutterseite 
her, soferne die GI)L. in zweiter Linie noch den fööurbrööir und 



*) G{)L. 239; der vorangebende § 238, „um misvfgi", -bildet augenscheinlich 
mit dem Folgenden, § 240 — 42 ein Ganzes. Die zweite Tafel der G|)L. weiß nichts 
von sakaukar. 

*) Frj)L. VI, 5. ')ebenda,6; vgl. aber auch noch 9 — 10. 

*) Konüngsbök, 113201. ') FrJL. VI, lo. 



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^8 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

mööurbrööir sammoeöra, und weiterhin auch noch den mööurfaöir 
mööur manns heranziehen, wogegen die FrI)L. zunächst nur des 
fööurbrööir und brööursonr sammoeöra gedenken, sodann aber am 
Schlüsse unter den in der älteren Wergeldstafel Vergessenen auch 
noch den mööurbrööir und systursonr sammoeöra, die broeörasynir 
und eptirbroeörasynir sammoeöra, endlich die systkinasynir und systra- 
synir sammoeöra nachtragen. Das isländische Recht weiß von einer 
Hierherstellung der Mutterseite überhaupt nichts, da es diese bereits, 
wie den übrigen Weibsstamm, zu den baugar heranzieht; ganz ab- 
norm ist aber, daß die FrI)L. auch noch den fööurfaöir und sonar- 
sonr zu den sakaukar zählen. Es ist nach alledem klar, daß gerade 
die Klasse der sakaukar im Verlaufe der Zeit sehr erhebliche Ver- 
änderungen erlitten hat. Die Einschiebung zunächst des fööurfaöir 
und sonarsonr in dieselbe, wie sie die FrI)L. zeigt, ist völlig un- 
organisch, da beide Grade dem Mannsstamme angehören, und jeden- 
falls dem Grade nach den Geschwisterkindern nicht nachstehen, also 
am bauggildi Anteil haben müssen. Sie mochten in der älteren 
Wergeldstafel darum nicht ausdrücklich erwähnt worden sein, weil 
aus tatsächlichen Gründen vor ihrer Beteiligung nur sehr selten die 
Rede sein konnte, während sie in der Nennung der broeörüngar als 
stillschweigend mit einbegriffen gelten konnten, wie man denn über- 
haupt nur die gleichen Grade zu erwähnen pflegte ; der Überarbeiter 
unseres Textes aber, der ja überhaupt gerne seinen Scharfsinn an- 
strengte, um Verwandtschaftsgliedern zu ihrem vermeintlichen Rechte 
zu verhelfen, die er in seiner Vorlage vergessen -fand, ') hat dieselben 
an einem durchaus ungeeigneten Flecke aus eigener Willkür beige- 
fügt In gleicher Weise scheint aber auch die Berücksichtigang der 
entfernteren Grade der Mutterseite, dann der unechten Geburt, so- 
wie die Ausdehnung der Berechtigung der nämägar auf andere ver- 
wandtschaftsähnliche Verhältnisse lediglich auf einer mehr oder minder 
weit getriebenen Konsequenzmacherei hervorgegangen zu sein, wie 
dies der Verfasser der Wergeldstafel in den FrI)L. bezüglich der 
mütterlichen Verwandten ganz offen ausspricht, und nur der unechte 
Sohn, die drei nächsten Grade der Verschwägerung und der brööir 
sammoeöra scheinen ursprünglich die Klasse der sakaukar gebildet 
zu haben. Offenbar handelte es sich dabei ursprünglich um Ange- 
hörige, welche nach der Strenge des älteren Rechts zu den bauggildi 
nicht gehörten, während die Billigkeit doch forderte, daß der tat- 



») FrI)L. VI, 6 und 9. 

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§ 4- Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ac\ 

sächlichen Nähe ihrer Beziehungen zu der in Frage stehenden Per- 
son einigermaßen Rechnung getragen wurde, und man ließ dem- 
gemäß, weil man an dem festen Gefiige der alten Wergeldstafel zu 
rütteln noch nicht den Mut hatte, zu ihren Gunsten eine außerordent- 
liche Vermehrung der normalmäßigen Zahlung eintreten, von welcher 
sie eben ihren Namen der sakaukar haben. Während also die baugar 
unter allen Umständen gegeben werden mußten, und dem Erben 
des Erschlagenen ohne alle Rücksicht auf die Nähe seiner Verwandt- 
schaft mit diesem zufielen, wenn die zunächst berufenen baugamenn 
fehlten,^) oder doch wenigstens nur unter der Voraussetzung weg- 
fallen konnten, daß weder irgendwelche bezugsberechtigte noch irgend- 
welche zahlpflichtige baugamenn vorhanden waren,*) fällt die den 
sakaukar zugewiesene Buße ganz weg, wenn kein empfangsberech- 
tigter Vertreter dieser Klasse vorhanden ist;*) es gilt somit diese 
letztere Zahlung keineswegs als ein regelmäßiger Bestandteil des 
Wergeides, sondern nur als eine außerordentliche Zubuße zu dem- 
selben. Eis ist nur ein anderer Ausdruck desselben Grundgedankens, 
wenn die Wergeldstafel des Bjarni Maröarson, ohne den Namen der 
sakaukar zu nennen, dem Stiefvater und Stiefsohne, dann dem 
Schwager, eine Buße zuspricht, welche derjenige zu entrichten hat, 
^er viö gjöldum tekr*', d. h. der die Hauptzahlung zu empfangen hat,*) 
und es erklärt sich auch aus dem unregelmäßigen Charakter dieser 
Bezüge, daß die späteren Überarbeiter der älteren Wergeldstafeln 
darauf verfallen konnten, gerade in die Klasse der sakaukar diejenigen 
Verwandten einzustellen, die sie berücksichtigt wissen wollten, ohne 
sie doch in ihren Vorlagen berücksichtigt zu finden. Auf die sak- 
aukar läßt die Wergeldstafel der FrpL. sofort das n e f g i 1 d i folgen, und 
zwar geteilt in das mikla nefgildi und in das Iftla nefgildi;**) 
das ältere Fragment der FrI)L. aber kennt zwar auch das nefgildi, 
jedoch ohne daß sich bei dessen fragmentarischem Zustande erkennen 
ließe, ob auch ihm bereits dessen Zerlegung in zwei Klassen geläufig 
war oder nicht Zu dem großen nefgildi werden dabei gezählt der 
mööurfaöir und döttursonr, der mööurbrööir und systursonr, endlich 
die systkinasynir und systrasynir, also der erste und zweite ungleiche 
Grad, sowie der zweite gleiche Grad der Seitenlinie und der zweite 
Grad der aufsteigenden und absteigenden Linie, soweit dabei der 



^) Gj^L. 320. 

*) Konüngsbök, I13/199. ') ebenda, 113/201. 

*) GJL. 316. ») Fr>L. VI, 7—8. 

Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 



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ZZ TeJ L Ehe icicre Encheimnf der Vema<itsckifL 

Wcibsstamm in Frage ist; zu dem kleinen netjgikii dagegen gehört 
der sunard -ttursonr und dötturdottursonr. der brodurdöttursonr und 
sjsturGittursonr, endlich die systkinadcetras\'nir und s>'stradoetrasynir, 
also der Weibsstamm in der absteigenden sowohl als in der Seiten- 
linie bis zum dritten gleichen Grade einschheßlich, jedoch so, daß 
in beiden Klassen immer nur die Verwandten männlichen Geschlechts 
berücksichtigt werden. Hiemach ist klar, daß das nefgildi in eben 
dem Umfange die Ven**andten vom Weibsstamroe enthalt, in welchem 
das bauggildi die vom Mannsstamme, und daß die beiden Klassen 
desselben lediglich dem Grade nach sich scheiden, indem das große 
nefgildi den zweiten, das kleine aber den dritten Grad enthält; da- 
bei ergeben sich aber doch einzelne Abnormitäten. Zunächst fallt 
auf, daß, im kleinen nefgildi zumal, eine Reihe von Verwandten nicht 
aufgezählt wird, die doch innerhalb des dritten gleichen Grades 
stehen, so der Urgroßvater von der Mutter oder Großmutter her,, 
wahrend doch der Groß\'ater im großen nefgildi genannt ist, so der 
Bruder der Großmutter väterlicher Seite oder des Großvaters mütter- 
licher Seite u. dgL m., also der dritte Grad aufsteigender Linie und 
der erste und dritte, dann zweite und dritte ungleiche Grad, wenig- 
stens teilweise. Diese Unvollstandigkeit der Aufzählung wird man 
nun allerdings kaum hoch anschlagen dürfen. Aller Wahrscheinlich- 
keit nach liegt ihr nicht Absicht, sondern nur jenes Unvermögen^ 
die Mannigfaltigkeit der möglichen Verwandtschaftsbeziehungen zu 
erschöpfen, zugrunde, auf welches sich die GI)L. gelegentlich aus- 
drücklich berufen, * i und allenfalls auch ein bewußtes oder unbewußtes 
Auslassen solcher Grade, welche aus faktischen Gründen beim Geben 
und Nehmen von Wergeid nicht mehr in Betracht zu kommen 
pflegen, wie dies z. B. beim Urgroßvater der Fall sein wird, macht 
doch unsere Wergeldstafel selber anderwärts auf das seltene Vor- 
kommen einzelner Komplikationen aufmerksam,-» warum sollte sie 
da nicht solche Komplikationen ganz ausgelassen haben, die sie als 
völlig unpraktisch erachtete? Zum Teil, nämlich soweit die Ver- 
wandtschaft von der Mutterseite her im Gegensatze zu der von der 
\'aterseite in Betracht kommt, trägt unsere Wergeldstafel auch noch 
die übersehenen Komplikationen unter ausdrückücher Kritik ihrer 



' G|)L, 105: Nvi er j)eita erf?a skipan kailat; cn svi marga vega skyldlciki 
manna sanun at bera, at |)vi kann engl mai^r ül fuUs skipa erfT^am, ncma J>ä geri 
s«n I.kaäl {lykkir, er tU {>arf at taka. 

V FrJ»L. VI, 5: fo<5iirfa(Mr ok sonarsonr, er {)cir ero bäÖir til; en ]>at vcrÖr 

5 aldan- 



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§ 4« I^ic Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 1 1 

Vorlage am Schlüsse des nefgildi nach, ^) hiermit in ähnlicher Weise 
einen Nachtrag zu diesem liefernd, wie die sakaukar einen solchen 
zum bauggildi bilden ; aber freilich ergibt sich gerade dadurch wieder 
ein neuer Anstand. Einmal insofeme, als der brööir sammceöra, und 
an ihn anschließend noch ein paar andere Verwandte von der 
Mutterseite her unter den sakaukar figurieren, wogegen die ent- 
fernteren erst am Schlüsse des nefgildi aufgezählt werden, wohin 
doch jene ersteren an und für sich gleichfalls gehören würden; 
zweitens aber auch insoferne, als der mööurbrööir und systursonr 
sammceöra unter den in der älteren Wergeldstafel Vergessenen auf- 
gezählt werden, während sie doch vorher schon mit einem etwas 
höheren Ansätze innerhalb der großen nefgildi erwähnt worden waren, 
freilich ohne nähere Bezeichnung also doch wohl nur samfeöri. In 
letzterer Richtung muß entweder eine Verderbnis unseres Textes oder 
ein grobes Versehen des Überarbeiters unserer Wergeldstafel vor- 
liegen; in der ersteren Beziehung dagegen wäre möglich, daß man 
ursprünglich die Verwandtschaft von der Mutterseite her überhaupt nicht 
zum nefgildi gerechnet habe, und nur zugunsten des brööir sammceöra 
insoweit eine Ausnahme gemacht worden wäre, als er unter die 
sakaukar eingereiht wurde. — Demgegenüber wissen die beiden Wer- 
geldstafeln der GI)L. sowohl als die Wergeidstafeln des Bjarni Maröar- 
son nichts mehr von einem nefgildi, während doch der Gegensatz 
der bauggildismenn und nefgildismenn, wie sich unten noch zeigen 
wird, auch diesem Rechtsbuche ganz wohlbekannt war; wir werden 
hiernach an eine spätere Umgestaltung der Wergeldstafel denken 
müssen, welche den ursprünglich auch hier maßgebenden Begriff des 
nefgildi frühzeitig verschwinden ließ. Ganz ähnlich steht es mit dem 
isländischen Baugatal, als welches, wie oben schon zu bemerken 
war, seine nefgildingar unter die Geber und Nehmer der vier baugar 
einreihte, nur daß es sie freilich an diesen mit einem wesentlich ge- 
ringeren Betrage Anteil nehmen ließ als die bauggildingar. Nun 
haben wir oben bereits gesehen, wie sich die isländische Wergelds- 
tafel aus der älteren, und in den FrpL. ihren Grundzügen nach er- 
haltenen sehr einfach dadurch entwickelte, daß man, während ur- 
sprünglich bauggildi und nefgildi getrennt gehalten, und jenem mit 
Rücksicht auf die Nähe des Grades die verschiedenen baugar, diesem 
aber mehrfach abgestufte andere 21ahlungen zugewiesen worden waren, 
den Mannsstamm und Weibsstamm bis zu den für beide gleichmäßig 



^) FrJ>L. vi, 9 und lo. 

4* 



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C2 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

gezogenen Gradesgrenze zusammenwarf, für beide zusammen Grad 
für Grad eine gemeinsame Summe auswarf, für welche man den 
Namen der baugar beibehielt, endlich innerhalb jedes einzelnen Grades 
das bauggildi mit '/j, das nefgildi aber mit ^^ zum Zuge kommen 
ließ. Fragt sich nun, ob sich für die Umgestaltung der Wergelds- 
tafeln der GpL. und des Bjarni Maröarson ein ähnliches Prinzip auf- 
finden lasse. Es behalten aber die beiden Wergeldstafeln der GI)L. 
zunächst den Gegensatz der baugar und anderer Wergeldszahlungen 
bei, und sie lassen die erstere dem Mannsstamme bis zu den Ge- 
schwisterkindern einschließlich zufallen; beide reihen femer den 
baugar die kvenngjafir an. ^) Schon dabei ergeben sich freilich 
zwischen beiden erhebliche Unterschiede, und zwar nicht bloß inso- 
ferne, als die Beträge für die einzelnen baugar sowohl als die kvenn- 
gjafir in beiden verschieden hoch angesetzt sind, und als die erste Wer- 
geldstafel von keinem tryggvakaup, saettarkaup und skögarkaup weiß, 
von welchen Zahlungen doch die zweite Erwähnung tut, sondern auch 
noch in einem anderen, und hier bedeutsameren Punkte. Die erste 
Tafel sagt ausdrücklich, daß, wenn für den einen oder anderen baugr 
keine in erster Linie Empfangsberechtigte da sind, die Zahlung an 
die Empfänger der anderen baugar, und eventuell an den nächsten 
Erben des Erschlagenen gehen solle, so daß dieser letztere, gleich- 
viel wie nahe mit dem Erschlagenen verwandt, unter Umständen 
alle baugar beziehen könne; daß femer auch die kvenngjafir, soweit 
keine bezugsberechtigten Weiber vorhanden sind, an den Sohn des 
Erschlagenen fallen sollen, resp. an den Empfänger der Hauptzahlung, 
soferne dieser als Sohn gelte, welches auch seine Verwandtschafts- 
beziehung zum Erschlagenen sei. . Umgekehrt wird auch ganz folge- 
richtig gesagt, daß, wenn der eine oder andere primär Zahlpfiichtige 
fehlt, der Totschläger für ihn die Zahlung leisten soll, und weiter- 
hin verfügt: „en l)ä er vigandi verör dauör, |)ä tekr erfingi viö öxi", 
d. h. für den verstorbenen Totschläger habe dessen nächster Erbe 
in die Verpflichtung einzutreten, gleichviel wie es mit dessen Ver- 
wandtschaft bestellt seL Endlich wird bezüglich der in erster Linie 
Verpflichteten gesagt, daß der Totschläger dem Sohne des Er- 
schlagenen den hüfuöbaugr, der Bruder dem Bruder den brööurbaugr, 
endhch der broeörüngr dem brceörüngr den broeörüngsbaugr zu ent- 
richten habe, d. h. es wird scheinbar die Regel aufgestellt, daß jeder 
Grad als zahlungspflichtiger denselben Betrag zu bezahlen habe, 



GJL. 218—22 und 243 — 45. 

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§ 4- I^ic Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. qj 

welchen er als Empfangsberechtigter zu empfangen hätte, ganz wie 
diese Regel nach den FrI)L. gilt Dem gegenüber spricht sich die 
zweite Wergeldstafel über die Sukzession in die Empfangsberechtigung 
sowohl als in die Zahlpfiicht nicht aus, und läßt somit dahingestellt, 
ob sie eine solche auch ihrerseits anerkennen wolle oder nicht, be- 
züglich des Maßes aber der Zahlpflicht stellt sie den völlig ab- 
weichenden Grundsatz auf: ^) „baugamanna hverr skal boeta holfu 
minna en taka, ok fimtüngi meira", d. h. jeder im bauggildi stehende 
Verwandte soll nur ein Fünftel über die Hälfte dessen zahlen, was 
er zu bekommen hätte, was doch wohl dahin zu verstehen ist, daß 
der zu zahlende Betrag ^ '2 ^^s zu empfangenden und dazu noch ^1^ 
dieser Hälfte, also ^/^ des Ganzen ausmachen solle, während für die 
anderen '% der Totschläger oder dessen nächster Erbe als der Haupt- 
verpflichtete aufzukommen hatte. Hinter den baugar und den zu 
ihnen gewissermaßen einen Anhang bildenden kvenngjafir lassen so- 
dann beide Wergeldstafeln übereinstimmend andere Zahlungen folgen, 
für die sie die Bezeichnung ,.sakir", d. h. Bußen gebrauchen ; die erste 
Tafel scheint im gleichen Sinne auch den Ausdruck fraendbcetr, d. h. 
Verwandtschaftsbußen zu gebrauchen, welchen die FrI)L. erst für die 
Bezüge der entfernteren Verwandten brauchen, die weder zum baug- 
gildi, noch zum nefgildi, noch zu den sakaukar gehören. Die erste 
Wergeldstafel bespricht nun zunächst, in drei Klassen geteilt, die 
Verwandtschaft bis zum dritten gleichen Grade, wobei jedoch auf- 
fällt, daß dieser letztere Grad nicht mehr mit aufgezählt, sondern 
mit dem zweiten und dritten ungleichen Grade die Aufzählung be- 
schlossen wird; jede Klasse wird als „uppnäm", d. h. Gelderhebung 
bezeichnet, und als „uppnämamenn" werden ihre Angehörigen er- 
wähnt, am Schlüsse aber der Aufzählung der drei Klassen steht die 
Bemerkung: „nü ero uppnämamenn aller talder",-) welche zeigt, daß 
die Aufzählung als eine vollständige gemqint ist. Dabei wird jedem 
einzelnen Angehörigen jeder einzelnen Klasse ein gleicher Wergeids- 
betrag zugewiesen, und zwar sollen die Angehörigen der ersten 
Klasse eine Mark, die der zweiten sechs aurar und die der dritten 
eine halbe Mark erhalten, alles vom Totschläger selbst, wozu dann 
aber noch die Zahlungen kommen, welche die uppnämamenn vom 
Bruder des Totschlägers erhalten und welche für jede Klasse % ^^^ 
Betrages bilden, den der Totschläger selber zu entrichten hat, also 
5 ^'3 aurar für die erste, 4 aurar für die zweite und 2 ^'^ aurar für 



1) GI)L. 249. *) ebenda, 224. 



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54 Teil L Die äußere Erscheinung der VenrandtschafL 

die dritte Klasse, ') sowie die weiteren Zahlungen, welche die upp- 
nämamenn selbst wieder einander zu machen haben, ^) und welche 
man als [»versakir, d. h. Querzahlungen bezeichnete. Umgekehrt 
müssen auch die uppnämamenn nicht nur einander, sondern auch 
den Empfängern der baugar bestimmte Beträge zahlen und gilt in 
dieser Beziehung die Regel:'; ,Jiverr maör skal holfo minna boeta 
firi handaverk en taka ä jamskyldum manne"; eine Regel, welcher 
ganz entspricht, wenn z. B. gesagt wird, daß die erste Klasse dem 
Sohne des Erschlagenen ^ g Mark zahlt, während sie vom Totschläger 
eine Mark erhält, oder daß sie 5 \ , aurar vom Bruder des Totschlägers 
erhält, aber nur 2 % aurar an den Bruder des Erschlagenen zahlt, 
welche aber selbstverständlich auf die jiversakir keine Anwendung 
finden kann. Aber bei Betrachtung dieser Wergeidstafel ergibt sich 
sofort eine Reihe von Schwierigkeiten. Zunächst fällt auf, daß in 
die drei Klassen zwar sehr vorwiegend der Weibsstamm eingestellt 
ist, aber doch neben ihm zugleich auch einzelne Angehörige des 
Mannsstammes und darunter solche, die schon unter den baugamenn 
auftreten. So stehen in der ersten Klasse neben dem mööurfaöir 
und dem dottursonr auch der fööurbrööir und brööursonr, von denen 
wir doch mit Bestimmtheit annehmen müssen, daß sie im bauggildi 
mit inbegriffen waren, wenn auch nur die gleichen Grade ausdrück- 
lich genannt werden ; in der zweiten Klasse steht neben dem mööur- 
brööir und systursonr, dem brööurdöttursonr und systlingr auch der 
brcüörüngr, welchem doch der broeörüngsbaugr ganz eigentlich zu- 
gehörte ; in der dritten Klasse endlich steht neben dem systurdöttur- 
sonr und systrüngr, dann dem mööurbrööir mööur, noch das broeör- 
üngsbarn und, wiewohl nicht konsequent durchgeführt, der broeörüngr 
fööur, also der zweite und dritte ungleiche Grad des Mannsstammes, 
der zwar an den baugar nicht mehr beteiligt war, aber darum doch 
noch nicht mit dem Weibsstamme zusammengeworfen zu werden 
brauchte. Nicht minder auffällig ist, daß demgegenüber wieder 
mehrfach Grade des Mannsstammes fehlen, während die entsprechen- 
den Grade des Weibsstammes vertreten sind, und zwar nicht nur 
Grade, welche unter den baugamenn bereits aufgeführt waren (wie 
faöir und sonr), sondern auch solche, welche dort unberücksichtigt 
gelassen waren, wie z. B. fööurfaöir und sonarsonr, dann brööur- 
sonarsonr oder fööurbrööir fööur. Dabei macht sich allerdings das 



*) G{)L. 228. ") ebenda, 225—27. 

'^) ebenda, 224. 



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§ 4- I^ic Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 55 

Bestreben geltend, den Weibsstamm in geringerem Umfange an den 
Zahlungen zu beteiligen als den Mannsstamm, und wenn man be- 
achtet, daß z. B. fööurbrööir und brööursonr in der ersten Klasse, 
dagegen mööurbrööir und systursonr in der zweiten, oder broeörüngr in 
der zweiten Klasse, dagegen systrüngr in der dritten steht, und daß die 
erste Klasse zur zweiten, dann die zweite zur dritten sich ziemlich 
wie 3 : 2 verhält, so möchte man ja wohl annehmen, daß die Absicht 
des Bearbeiters unserer Wergeldstafel dieselbe oder doch eine ähn- 
liche gewesen sei, als die des Bearbeiters des isländischen BaugataL 
Auch hier könnte in der Tat eine Verschmelzung des bauggildi mit 
dem nefgildi beabsichtigt gewesen sein ; aber freilich wäre ein etwas 
abweichender Weg zu diesem Ziele eingeschlagen, und überdies mit 
diesem ersten noch ein zweites Ziel verbunden worden. Während 
im isländischen Rechte bauggildi und nefgildi jedes einzelnen Grades 
zusammengezogen und mit einer gemeinsamen Zahlung angesetzt 
wurden, an welcher dann die bauggildfngar mit drei, die nefgildingar 
aber nur mit zwei Teilen zu partizipieren hatten, werden nämlich 
in unserer Wergeldstafel drei Klassen von uppnämamenn gebildet, 
deren höhere sich zur nächstniedrigeren wie 3 : 2 verhält, und wird 
von gleichen Verwandtschaftsgraden der Mannsstamm der nächst- 
höheren, der Weibsstamm aber der nächstniederen Klasse zugewiesen; 
es erhalten demnach hier alle in einer Klasse beisammen Stehenden 
gleiche Beträge, stehen aber dafür die Verwandten desselben Grades 
in verschiedenen Klassen, je nachdem sie dem Mannsstamme oder 
dem Weibsstamme angehören. Doch ist dieser Weg selbst nicht 
mit voller Konsequenz verfolgt, soferne ja von den drei Klassen der 
uppnämamenn die drei baugar mit ihren Zahlungsgebern und 
-nehmern beibehalten sind, und der broeörüngr infolgedessen sogar 
doppelt auftritt; soferne überdies die drei Klassen nicht ausreichen, 
um alle vorkommenden Abstufungen voll zu berücksichtigen, wes- 
halb z. B. der systlingr neben dem broeörüngr in der zweiten Klasse, 
dagegen der systrüngr in der dritten steht, während jener doch eine 
Mittelstellung zwischen diesen beiden einzunehmen gehabt hätte; 
soferne endlich, wie schon bemerkt, eine weitere Rücksicht neben 
der zunächst allein beachteten mit unterlief. Ursprünglich scheint 
die Regel gegolten zu haben, daß jeder einzelne Grad der Verwandt- 
schaft des Totschlägers dem entsprechenden Grade der Verwandt- 
schaft des Erschlagenen den ihm gebührenden Betrag zahlte, so daß 
also jeder Grad ebensoviel zahlte als empfing; eine Regel, welche 
nur dadurch modifiziert wurde, daß einerseits gewisse Vervvandtschafts- 



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56 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

grade unter sich in einer engeren Verbindung miteinander standen^ 
vermöge deren sie vorkommenden falls füreinander vikariierten, und 
daß andererseits, bei den baugar wenigstens, der Totschläger und 
dessen nächster Verwandter alle Zahlungen leisten mußte, für welche 
die betreffenden Verwandten fehlten, dagegen der nächste Ver- 
wandte alle Zahlungen empfing, bezüglich deren empfangsberechtigte 
Verwandte fehlten. So stand die Sache nach den FrI)L., und so 
auch nach dem isländischen Baugatal; aber unsere Wergeldstafel 
stellt dafür, wie bemerkt, die Regel auf, daß jedermann einem ihm 
gleichverwandten Manne gegenüber nur halb so viel zahlen als emp- 
fangen solle ; eine Regel, welche sich sehr einfach aus dem Bestreben 
erklärt, die Verwandtschaft des Totschlägers möglichst von den 
Folgen einer Tat zu befreien, die sie doch nicht begangen hatte, 
welche aber notwendig zu einer ganz anderen Gestaltung der Wer- 
geldstafel führen mußte. Allerdings hätte man, im engeren An- 
schlüsse an das ältere Recht, sich in der Weise helfen können, daß 
man die hiernach ausfallende Hälfte der Zahlungen einfach dem 
Totschläger selbst und allenfalls noch eventuell seinem nächsten 
Erben überbürdet hätte, wie etwa in England das kentische Recht 
die Haftung der Verwandtschaft auf das halbe Wergeid für den Fall 
beschränkt, da der Totschläger selbst außer Landes entkommt ; *) man 
suchte sich aber statt dessen auf einem ganz anderen Wege zu helfen, 
durch Heranziehung nämlich auch der entfernteren Angehörigen des 
bauggildi und nefgildi zur Entrichtung der größeren baugar, und 
umgekehrt der näheren Angehörigen beider Klassen zur Entrichtung 
der Zahlungen an die entfernteren Verwandten innerhalb derselben 
Schranken. Dieser Ausweg ist jedenfalls schon sehr frühzeitig er- 
griffen worden, da bereits das der Ölafschen Rezension der GpL. 
angehörige Fragment C im wesentlichen denselben Text zeig^ wie 
der Codex Ranzovianus; mag sein, daß auf dessen Ergreifung noch 
ein weiteres und tiefergehendes Motiv bestimmend einwirkte, das Be- 
streben nämlich, durch Beteiligung jedes einzelnen Verwandten an 
der an jeden einzelnen Verwandten zu entrichtenden Zahlung alle 
einzelnen Angehörigen des Totschlägers allen einzelnen Angehörigen 
des Erschlagenen gegenüber um so sicherer zu stellen. Zu voller 
Klarheit dürfte sich übrigens die erste Wergeldstafel in den hier 
fraglichen Teilen nicht bringen lassen. Auf der einen Seite nämlich 
ist deren rechnerische Klarstellung dadurch sehr erschwert, daß, sei 



*) .-EÖelb. 23; vgl. Kritische Überschau, I, S. 59— 60. 



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§ 4* ^'c Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ti 

es nun der bestehenden Münzverhältnisse wegen oder weil man 
allzu komplizierte Brüche vermeiden wollte, in den Ansätzen selbst 
nicht immer jene volle mathematische Genauigkeit sich beobachtet 
zeigt, welche bei völlig scharfer Durchführung der maßgebenden 
Grundsätze zu erwarten wäre, und daß überdies an einzelnen Punkten 
auch wohl Korruptelen in einzelne Ansätze sich eingeschlichen haben. ^) 
Auf der anderen Seite aber scheint unser Text auch aus verschie- 
denen Redaktionen ziemlich ungeschickt kompiliert worden zu sein. 
Innerhalb des von den uppnämamenn selbst handelnden Stückes 
finden sich in § 232—234 Bestimmungen über Punkte vorgetragen, 
welche in § 225 — 227 bereits geregelt, und zwar nicht ganz bis ins 
kleinste herab gleichmäßig geregelt worden waren ; ^) der broeörüngr 
fööur hans wird in § 224 und 226 zu der dritten Klasse gerechnet, 
aber in § 225 und 227 ausgelassen; eben dahin dürfte ferner auch 
die schon gerügte Einstellung des broeörüngr unter die uppnäma- 
menn gehören, während ihm doch zuvor schon der dritte baugr zu- 
gesprochen worden war und Vater und Bruder unter jene nicht ein- 
gestellt sind Fragt sich nun, wie sich die zweite Wergeidstafel zu 
diesen Ergebnissen verhält und wieferne sich etwa aus ihr eine Auf- 
klärung der Punkte ergibt, welche die erstere dunkel läßt. Da zeigt 
sich zunächst schon bezüglich der baugar und dem, was mit ihnen 
zusammenhängt, auf der einen Seite eine große Übereinstimmung 
beider Tafeln, daneben aber auch eine gewaltige Verschiedenheit 
derselben. Während die erste Wergeldstafel die drei baugar zu 10, 
5 und 4 Mark ansetzt und daneben nur noch eine Mark kvenngjafir 
kennt, setzt die zweite zwar die drei baugar nur mit 6, 4 und 2 ^/^ 
Mark an, erhöht aber dabei die kvenngjafir auf 2 Mark 3 ^/g aurar, 
und setzt überdies noch ein skögarkaup zu 3 Mark, ferner tryggva- 
kaup zu 7 ^/j aurar, und wie es scheint überdies noch ein saettarkaup 
zu I V2 Mark, soferne am Schlüsse eine Gesamtsumme von 20 Mark 



*) So zeigt z. B. die Vergleichung von § 225 mit § 226 und 227, daß der 
foÖurbröÖir zwar an den föÖurbröÖir und an den broeörüngr ebensoviel zahlt, als er 
von ihm nimmt, dafi dagegen die erste Klasse an die dritte nur „fiorom penningum 
oc tveim sertogom*' zahlt, dagegen aber „3 penningum minna en eyri" von ihr er- 
hält; rechnet man, wie man doch wohl muß, 10 penningar auf den örtugr, so gibt 
die erste Zahlung 24, die letztere aber volle 27 Pfennige. Und doch hat Fragment 
C dieselben Ziffern! 

*) Nach § 226 zahlt die zweite Klasse an die erste „tveim lutum fimta pennings 
oc eyri", nach § 223 „fim penninga oc eyri*' ; die zweite Klasse zahlt an die zweite 
nach § 226: „3 penninga oc 2 a;rtogar", aber nach § 234: „7 penninga oc asrtog", 
also dort 23, hier 17 Pfennige! 



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f 3 'I'cil I- ^ic äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

und 2*/ft aurar herausgerechnet wird, während sich nur i8 Mark 
6^/5 aurar herausrechnen, wenn man das an einer augenscheinlich 
korrupten Stelle nur genannte, aber nicht in Geld angeschlagene 
saettarkaup außer Ansatz läßt^) Die einzelnen Ansätze also sind 
hier und dort wesentlich verschiedene ; aber doch bleibt die Gesamt- 
summe der beide Male sich berechnenden Ansätze eine ziemlich 
gleiche, nämlich 20 Mark nach der ersten und 20 Mark 2 -/^ aurar 
nach der zweiten TafeL Man scheint also an dem Gesamtbeträge, 
wie er einmal überliefert war, festgehalten, in Bezug auf dessen Ver- 
teilung aber sich große Willkür erlaubt zu haben, was sich auch 
recht wohl begreift, wenn man bedenkt, daß diese letztere im Grunde 
wohl Sache der betreffenden Familie war, welcher das einzelne „sak- 
tal" nur als Stützpunkt für ihr Verfahren, gewissermaßen beratend, 
dienen sollte. Beachtenswert ist aber ferner, daß das trj'^ggvakaup 
sowohl als die kvenngjafir nach der zweiten Tafel von den sämt- 
lichen beteiligten Personen der einen Familie an die sämtlichen be- 
teiligten Personen der anderen gegeben werden, also genau so wie 
die J)versakir bei den uppnämamenn in der ersten Tafel; das Be- 
streben, jeden einzelnen Angehörigen der Familie des Totschlägers 
mit jedem einzelnen Angehörigen der Familie des Erschlagenen 
eigens seinen Frieden machen zu lassen, tritt demnach in der zweiten 
Tafel bereits innerhalb der baugar her\'or, was in der ersten nicht 
der Fall ist, und der Ausdruck tryggvakaup, d. h. Friedenskauf, ist 
hierfür sehr bezeichnend. Hinter den baugamenn werden sodann 
auch in der zweiten Tafel noch weitere Verwandte besprochen. Zu- 
nächst werden dabei, unter der Überschrift „um sakir", vier Klassen 
von Leuten unterschieden, *) welche dann hinterher als uppnäma- 
menn bezeichnet und den baugamenn gegenübergestellt werden. ^) 
Die erste Klasse nimmt „12 aura sök" und zählt zu ihr der fböur- 
brööir und brööursonr, der brööir sammoeddr und sonr })yborinn, 
endlich der mööurfaöir und döttursonr. Die zweite Klasse nimmt 
„9 aura sök" und zählt zu ihr der mööurbrööir, systursonr und brööir 
l^yborinn. Die dritte Klasse nimmt „6 aura*' und bilden sie die syst- 
kinasynir. Endlich die vierte Klasse nimmt „merkr sök" und ge- 
hört in sie der fööurbrööir |)yborinn und der Sohn, den die döttir 
))yborinn mit einem jettborinn maör gewinnt. Dabei ist nun zu- 
nächst klar, daß die vierte Klasse erst hinterher angeflickt ist Schon 



*) G|)L. 243 — 45. *) ebenda, 246—48. 

^) ebenda, 249 — 50. 



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§ 4- Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. cg 

äußerlich weist hierauf der dreifache Umstand hia, daß dieselbe erst 
nach der dritten Klasse aufgeführt ist, während sie doch der Höhe 
ihres Bezuges nach zwischen dieser und der zweiten Klasse in der 
Mitte stehen müßte, — daß ferner ihr Bezug ein ziffernmäßig ganz 
unorganischer ist, indem zwar die Abstufung 12:9:6 = 4:3:2 
sich hören läßt, aber nicht 12:9:8:6, — daß endhch im weiteren 
Verlaufe der Wergeidstafel immer nur von jenen ersteren drei Klassen 
gesprochen wird, während auch unsere erstere Tafel nur drei Klassen 
von uppnämamenn kennt Nicht minder ist aber auch klar, daß 
zwar die erste Klasse hinsichtlich vier in ihr aufgeführter Verwandter 
der ersten Klasse unserer ersten Tafel völlig entspricht, im übrigen 
aber zwei Verwandte aufgenommen hat, welche jene unter die sak- 
aukar verweist, den J>yborinn sonr nämUch und den brööir sammoeöra; 
daß ferner die zweite Klasse zwar die zwei ersten in ihr genannten 
Verwandten mit der zweiten Klasse der ersten Tafel gemein hat, 
aber an dritter Stelle einen solchen nennt, der dort unter den sak- 
aukar steht, nämlich den brööir jiyborinn, während andererseits drei 
in der ersten Tafel genannte Verwandte fehlen (broeörüngr, systlingr 
brööurdöttursonr) ; daß endlich die dritte Klasse lediglich die syst- 
kinasynir umfaßt, unter welchen wir doch nur die in der ersten 
Tafel in die zweite Klasse versetzten systlingar verstehen können, 
während der ganze Bestand der dritten Klasse, wie ihn jene erste 
Tafel zeigt, fehlt Die Einstellung nun der sakaukar unter die upp- 
nämamenn hat nichts auffälliges, und mit ihr hängt auch die nach- 
trägliche Einstellung einer vierten Klasse von diesen zusammen; 
augenscheinlich will eben nur eine Kategorie von Leuten, welche 
bisher ganz unorganisch der Wergeidstafel angehängt gewesen war, 
nunmehr in deren Organismus hineingezogen werden. Auch das 
Fehlen gewisser in der ersten Tafel genannter Personen und die 
Versetzung der systHngar aus der zweiten in die dritte Klasse ist 
recht wohl erklärbar. Jene Auslassungen betreffen, wenn ich von 
den später noch zu besprechenden broeörüngr und systrüngr absehe, 
nur den brööurdöttursonr in der zweiten, sowie den systurdöttursonr, 
das broeörüngsbam, den mööurbrööir mööur und den brcüörüngr 
fböur, also lauter Verwandte, welche im ersten und dritten, oder 
aber im zweiten und dritten ungleichen Grade stehen; nimmt man 
also an, daß die drei Klassen der uppnämamenn nicht über die 
Grenze hinausreichen sollten, welche für die baugamenn gezogen 
war, so ist klar, daß jene ungleichen Grade bei strengerem Fest- 
halten jener Grenze ausgeschlossen bleiben mußten, weil sie auf der 



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(3o Teil I. Die Sufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

einen Seite über den zweiten gleichen Grad hinausreichten, während 
sie bei laxerem Verfahren aufgenommen werden mochten, weil sie 
auf der anderen Seite diese Grenze nur eben erreichten oder selbst 
hinter ihr zurückblieben. Dasselbe Schwanken bezüglich der Be- 
handlung der ungleichen Grade, von welchem eine früher schon be- 
sprochene Dekretale des P. Cölestin III. aus Anlaß der kirchlichen 
Eheverbote Zeugnis gibt, macht sich eben auch bei der Konstruktion 
der Wergeldstafel geltend, und folgt die eine der laxeren, die andere 
der strengeren Praxis. Die Auslassung ferner des broeörüngr ist 
vollkommen in der Ordnung, da dieser zu den baugamenn gehört 
und in die erste Tafel nur durch ein grobes Mißverständnis gekommen 
sein kann. Endlich das Fehlen der systrüngar und die Versetzung 
der systlingar aus der zweiten in die dritte Klasse scheinen unter 
sich im Zusammenhange zu stehen und sich einfach daraus zu er- 
klären, daß in unserer zweiten Tafel die ersteren unter den letzteren 
mit inbegriffen zu denken sind; man hätte dann eben den zweiten 
gleichen Grad des Weibsstammes in unserer zweiten Tafel der dritten 
Klasse zugewiesen, ohne dabei zwischen den beiden Fällen zu unter- 
scheiden, da ein Weib oder da zwei Weiber in Mitte liegen, während 
die erste Tafel, um diese beiden Fälle zu unterscheiden, den zweiten 
gleichen Grad des Weibsstammes teils der zweiten und teils der 
dritten Klasse überwiesen hätte. Die Abweichungen, welche zwischen 
beiden Tafeln bestehen, erweisen sich demnach auch in Bezug auf 
die uppnämamenn als wenig prinzipielle, und übersteigen nicht das 
Maß von Willkürlichkeit, das man sich bei der Konstruktion eines 
saktal zu gestatten pflegte. Um so auffälliger aber erscheint ein Zug, 
der unseren beiden Tafeln gemein ist Sehe ich nämlich von den 
eingestellten sakaukar ab, so enthalten die drei Klassen der zweiten 
Tafel lediglich den Weibsstamm innerhalb derselben Grenze, welche 
den baugamenn als dem Mannsstamme gezogen ist, jedoch mit Hinzu- 
fügung zweier dem Mannsstamme angehöriger Personen, des fööurbrööir 
nämlich und des brööursonr, zweier Personen also, welche auch die erste 
Tafel in ganz gleicher Weise behandelt Die FrI)L. rechnen beide 
Personen ganz unzweideutig zum bauggildi *) und auch schon das ältere 
Fragment IV geht entschieden denselben Weg,^j wie denn auch innere 
Gründe deren Einteilung unter die baugamenn fordern; wie soll sich 
nun die übereinstimmende Einreihung beider in die erste Klasse der 

>) FrI)L. VI, 2 und 3. 

*) Xorges gamle Luve, II, 521. Kbenso Konungsbök, 113 '196 — 7. 



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§ 4- I^ic Gliederung der Vcrwaodtscbafl in engere Gruppen. 6l 

uppnämamenn seitens unserer beiden Wergeidstafeln erklären ? Ich 
gestehe, die Frage nicht mit Sicherheit beantworten zu können. 
Man könnte etwa an ein Mißverständnis denken, ähnlich wie ein 
solches in der ersten Tafel bezüglich des brceörüngr begangen wurde 
aber dem steht entgegen, daß beide Tafeln in diesem Punkte über- 
einstimmen, während doch kaum angenommen werden darf, daß 
beide ganz gleichmäßig denselben groben Verstoß begangen haben 
sollten. Oder man könnte auf die Möglichkeit verfallen, daß die 
älteste Wergeldstafel des Gula})ings in der Seitenlinie wirklich nur 
die gleichen Grade berücksichtig^ hätte, für die man ja auch allein 
ursprünglich technische Bezeichnungen hatte; aber dem steht ent- 
gegen, daß nicht nur die FrI)L. und das isländische Baugatal einen 
anderen Weg gehen, sondern daß auch die beiden Tafeln der GI)L. 
im Weibsstamme den ungleichen Grad berücksichtigen. So mag 
denn die Erklärung der eigentümlichen Erscheinung dahingestellt 
bleiben. Aber noch in einer anderen Beziehung ergeben sich Schwierig- 
keiten, nämlich in Bezug auf die den drei Klassen der uppnämamenn 
gebührenden oder von ihnen zu entrichtenden Beträge. Nachdem die 
drei Klassen mit ihren Bezügen von zwölf, neun und sechs aurar 
aufgeführt worden sind, folgt nämlich der oben angeführte Satz: 
,3ciugamanna hverr skal boeta holfu minna en taka, ok fimtungi 
meira", und an ihn anschließend sofort die weitere Regel: „En upp- 
nämamenn aller taka tvä luti af vfganda, en |}riöjung af broeör 
viganda". ^) Dem Zusammenhange nach kann diese letztere Be- 
stimmung nur auf die unmittelbar vorher aufgezählten „sakir" be- 
zogen werden, und ergibt sich somit, daß die drei Klassen acht, 
sechs, vier aurar vom Totschläger, und vier, drei, zwei aurar von 
dessen Bruder erhielten, wobei man sich daran zu erinnern hat, daß 
in unserer ersten Wergeldstafel die Bezüge der drei Klassen vom 
Totschläger ganz ebenso geregelt waren, während freilich die Bezüge 
derselben vom Bruder etwas höher standen, soferne sie ^/.j, und nicht 
bloß ^/a von jenen ersteren betragen sollten ; die bessere Abrundung 
aber der Ansätze in der zweiten Tafel hat hier ermöglicht, daß die 
Beträge, die der Totschläger und die dessen Bruder zu erlegen hatte, 
wie eine Gesamtsumme zusammengezogen und als „sakir" voran- 
gestellt werden konnten. Auch hier reihen sich aber „l3versakir" an, 
deren Gegensatz zu den „sakir" nur noch ungleich deutlicher her- 
vortritt als in der ersten Tafel, und zwar enthält die erste Klasse 



») GI>L. 249. 

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62 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

vier örtugar von der ersten, drei von der zweiten und zwei von der 
dritten, während sich die der zweiten Klasse auf einen eyrir, % eyrir 
(skattvaran eyri) und V2 ^y^ir» und die der dritten Klasse auf zwei 
örtugar, i^/g örtugar und ein örtugr stellen, wobei immer die sich 
entsprechenden Verwandtschaftsgrade von der Familie des Totschlägers 
an die betreffenden Grade innerhalb der Verwandtschaft des Er- 
schlagenen die Zahlung zu leisten haben. Die Abstufung unter den 
drei Klassen ist demnach bezüglich der |)versakir genau dieselbe wie 
bezüglich der sakir, und die Gesamtbeträge der ersteren entsprechen 
genau einem Viertel des Gesamtbetrages dieser letzteren; wie nach 
der ersten Wergeldstafel gelten dabei die angesetzten Beträge gleich- 
mäßig für jeden einzelnen in die betreffende Klasse eingestellten 
Verwandten, so daß diese auch hier unter sich völlig gleichgestellt 
sind. Aber dabei bleiben noch zwei Schwierigkeiten. Die uppnäma- 
menn nehmen nämlich zunächst die jjversakir voneinander, die sakir 
aber von dem Totschläger und von dessen Bruder, also von den 
Vertretern des höfuöbaugr und des brööurbaugr, dagegen bleiben die 
Vertreter des brceörüngsbaugr ganz außer Ansatz, während doch 
augenscheinlich die Konsequenz, und der Grundgedanke, daß jeder 
einzelne Verwandte des Erschlagenen von jedem einzelnen Ver^ 
wandten des Totschlägers eine Zahlung erhalten solle, damit der 
Frieden allseitig sicher gestellt sei, auch ihre Berücksichtigung fordern 
müßte. Sodann aber werden zwar die sakir von dem Totschläger 
und seinem Bruder an die uppnämamenn bezahlt, aber umgekehrt 
ist nicht von Zahlungen die Rede, welche diese letzteren an die 
Vertreter der entsprechenden baugar zu machen hätten, während 
doch die Konsequenz sowohl als die Vergleichung der ersten Tafel 
auch solche fordert. In der letzteren Beziehung kann man nun zu 
der unmittelbar zuvor ausgesprochenen Regel seine Zuflucht nehmen, 
vermöge deren die baugamenn nur '^5 des Betrages zahlen sollen, 
welchen sie zu entrichten haben; sofeme nämlich ungesagt bleibt, 
woher die hiernach fehlenden */» eines jeden baugr gedeckt werden 
sollen, bleibt die Möglichkeit offen, daß es die uppnämamenn sind, 
welche hier einzutreten haben. Der ganze Zusammenhang der Stelle 
erweist sich mit diesem Auskunftsmittel günstig, und da bezüglich 
der sakir und der [)versakir das Verhältnis angegeben wird, in welchem 
die drei Klassen der uppnämamenn an den Zahlungen beteiligt sein 
sollen, kann als selbstverständlich gelten, daß dasselbe auch auf die 
von ihnen zu entrichtenden Anteile an den baugar Anwendung zu 
finden hat, so daß aus dem Schweigen der Stelle über diesen Punkt 



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§ 4- I^Jc Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 63 

keine Einwendung abzuleiten ist. Bedenklicher bleibt freilich, daß 
die Summen, welche unter jener Voraussetzung jede einzelne Klasse 
der uppnämamenn zu bezahlen hätte, mit den von ihr zu erhaltenden 
sich nicht decken, noch auch zu diesen in ein irgendwie paßliches 
Zahlenverhältnis bringen lassen, und bedenklicher auch, daß die 
Regel, vermöge deren die baugamenn nur '^ des Betrages zu zahlen 
haben, die sie bekommen, ausdrücklich auf alle baugamenn sich 
beziehen will, so daß also die Vertreter des broeörüngsbaugr von den 
uppnämamenn Zahlungen zu empfangen hätten, während sie doch 
an diese keine solche zu geben hatten. Hier liegt demnach ein 
dunkler Punkt vor, und es fällt auf, daß gerade die broeörüngar in 
unserer ersten Tafel in ganz abnormer Weise sich unter die upp- 
nämamenn selbst eingereiht fanden; alles in allem genommen läßt 
sich aber immerhin mit ziemlicher Sicherheit folgender Entwicklungs- 
gang ermitteln. Die erste Grundlage der Wergeidstafel scheint aller- 
wärts in Norwegen eine wesentlich gemeinsame gewesen zu sein, 
indem man in erster Linie den Mannsstamm, sei es nun bis zum 
zweiten oder bis zum dritten gleichen Grade einschließlich, ferner 
mit oder ohne eine Erweiterung durch kvenngjafir, zu den baugar 
berief, sodann den Weibsstamm innerhalb derselben Gradesgrenze 
mit den sakir bedachte, endlich noch anhangsweise bestimmte ein- 
zelne Personen, wenn sie anders vorhanden waren, als sakaukar mit 
außerordentlichen Ansätzen bedachte, sodann aber die entferntere 
Verwandtschaft folgen ließ, von welcher unten noch des näheren 
gesprochen werden soll. Schon frühzeitig scheint nun aber die 
Praxis auf jener ältesten Grundlage mit einer gewissen Freiheit weiter 
gebaut, und dabei auch wohl das überkommene Recht mehr oder 
minder tiefgreifend umgestaltet zu haben, was um so leichter ge- 
schehen konnte, weil die Wergeldszahlungen vielfach im Vergleichs- 
wege und durch Schiedsrichter statt durch förmliches Urteil festge- 
stellt wurden, und weil selbst dann, wenn die Gerichte zu sprechen 
hatten, das Interesse an der Sicherung des Landfriedens vielfach zu 
einer freieren Würdigung der Umstände des einzelnen Falles führen 
mußte. Die FrI)L. sprechen ausdrücklich aus, daß man sich gemeinig- 
lich nicht an die Wergeidssummen band, welche die älteren Texte 
des Rechtsbuches, ganz wie dies bei anderen germanischen Stämmen 
der Fall war, nach Geburt und Würde jedes einzelnen ein für alle- 
mal festgestellt hatten, vielmehr von Fall zu Fall beliebig die Summe 
festzusetzen pflegte, welche als Wergeid gegeben und genommen 



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()A Teil L Die äofiere Erscheinung der Vcnrandtschaft- 

werden sollte;') sie sprechen ferner aus, daß man je nach Willkür 
von dem Satze abzusehen sich erlaubte, daß die baugar unter allen 
Umständen gegeben und genommen werden sollten, indem man da- 
für die Regel im einzelnen Falle zur Geltung brachte, daß alle Be- 
träge ungezählt bleiben sollten, bezüglich deren primär Empfangs- 
berechtigte nicht vorhanden seien. *) Es kann nicht fehlen, daß die 
gleiche Freiheit der Behandlung der überkommenen Wergeldstafel 
auch seitens der Überarbeiter dieser letzteren sich geltend machte, 
und in der Tat sehen wir den Verfasser der Tafel in den FrJ)L. seine 
ältere Vorlage wiederholt ganz direkt kritisieren und nach eigenem 
Gutdünken ergänzen;*) die Vergleichung aber seiner Wergeldstafel 
mit der des älteren Fragmentes zeigt trotz aller Dürftigkeit dieses 
letzteren, daß seine Willkürlichkeit, oder sein Anschluß an eine vom 
älteren Rechte abweichende Praxis noch in ungleich weiterem Um- 
fange sich geltend gemacht hat, als er selbst dies andeutet So 
zeigt denn selbst die Wergeldstafel unserer FrI)L*, obwohl sie die 
ältere Güederung der Verwandtschaft in bauggildi, nefgildi und 
sakaukar, dann die Scheidung der \'ier baugar festhält, gar manche 
\'eränderungen, die durch das Fallenlassen einzelner älterer Ansätze 
»z. B. des tr>'gg\'akaup, welches das ältere Fragment noch kennt), und 
durch das Bestreben, die ältere Wergeldstafel zu vervollständigen 
und übersichtlicher zu machen, bedingt waren. Ohne mannigfache 
Änderungen in den für jeden einzelnen Verwandtschaftsgrad ausge- 
worfenen Ansätzen konnte es dabei nicht abgehen, und so erklärt 
es sich, daß wir in der neuen Tafel mehrfach Leute mit eigenen 
Beträgen angesetzt finden, von welchen ausdrücklich gesagt wird, 
daß sie in dem älteren saktal nicht zu finden gewesen waren, daß 
die für die einzelnen Klassen von Berechtigten angesetzten Beträge 
sich weder runden, noch zueinander in einem verständlichen Zahlen- 
verhältnisse stehen, daß endlich die aus den sämtlichen einzelnen 
Betragen sich ergebende Gesamtsumme, 4S Mark 5^^ aurar, eben- 
falls weder eine gerundete Summe, noch insbesondere den im Texte 
selbst angegebenen Betrag von 6 Mark Gold = 48 Mark Silber er- 
gibt Schon weiter, aber in durchaus verständlicher Weise, weicht 
das isländische Baugatal von der alten Grundlage ab, indem es die 
Verschiedenheit der Gradesnähe zum primären Einteilungsprinzip für 
die Verwandtschaft macht, und erst innerhalb jedes einzelnen Grades 



»; KrtL. VI, i. 

'ebenda, 2. * ebenda, 6, dann 9 — lo. 



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§ 4- t)Je Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 65 

den Weibsstamm vom Mannsstamme in der Art scheidet, daß beide 
in ungleichem Maße berücksichtigt werden. Die beiden Wergelds- 
tafeln der GpL. endlich gehen von der gemeinsamen Grundlage 
nicht minder weit ab, jedoch ohne zu gleich konsequent durchgebil- 
deten Neugestaltungen zu gelangen. An dem Begriffe der baugar 
und der baugamenn halten sie fest; aber den ihm gegenüberstehen- 
den Begriff der nefgildi haben sie fallen gelassen, indem sie in den 
Weibsstamm andere, nicht dahin gehörige Personen, sei es nun sak- 
aukar, wie die zweite Tafel, oder einzelne Angehörige des Manns- 
stammes, wie beide, einschoben, wobei dann höchstens durch Bildung 
verschiedener Klassen, und Einrückung des Mannsstammes in die 
höhere, des Weibsstammes aber in die niedere bei gleicher Grades- 
nähe der Vorzug des ersteren noch gewahrt blieb. Für die neu- 
gebildeten Klassen kommt, da die Bezeichnung als nefgildi auf sie 
nicht mehr anwendbar war, die farblose Benennung uppnäm auf; 
teils die Zersetzung des nefgildi, teils der im Interesse des Land- 
friedens aufkommende Gebrauch, alle einzelnen Verwandten an alle 
Zahlungen machen zu lassen, teils endlich auch der dem Rechts- 
gefühle entstammende Satz, daß jeder nur die Hälfte oder ^/^ von 
dem zahlen solle, was er zu empfangen habe, führte nun aber zu 
einer großen Unsicherheit in der Gestaltung des saktal. Nur beim 
ersten Grade, also Vater, Sohn und Bruder, hielt man die über- 
lieferte Sonderung von baugar und uppnäm völlig fest; den ersten 
und zweiten ungleichen, Vatersbruder und Sohnessohn, nahm man 
in beiden Tafeln, den zweiten gleichen, die broeörüngar, wenigstens 
in der ersten unter die uppnämamenn auf, obwohl man noch am 
broeörüngsbaugr festhielt, man ließ Sohn, Vater und Bruder Zah- 
lungen an die uppnämamenn machen und von ihnen nehmen, ver- 
gaß aber den gleichen Grundsatz auf die broeörüngar anzuwenden ; 
man ging auch wohl, in der ersten Tafel, bei den uppnämamenn 
bis zum zweiten und dritten ungleichen Grade vor, während man 
bei den baugamenn beim zweiten gleichen stehen blieb u. dgl. m. 
Die Wergeldstafel des Bjami Maröarson aber, welche augenscheinlich 
für das ganze Land bestimmt war, zeigt, obwohl sie älter ist als die 
unserer FrpL., doch bereits die alten Grundsätze vollkommen be- 
seitigt Nicht nur sind die althergebrachten festen Ansätze für das 
Wergeid je nach Stand und Würde des Einzelnen völlig fallen ge- 
lassen, und durch rein willkürliche Beträge von sechs, fünf, vier und 
drei Mark Gold ersetzt, sondern es ist auch der Gegensatz eines 
bauggildi und nefgildi gänzlich beseitigt, und sogar von uppnäma- 

M aurer, Verwnndtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 5 



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(36 "^^^ I* ^ic äoflcre Erscheinung der VerwandtschafL 

menn keine Rede mehr; hier werden vielmehr nur noch die ein- 
zehien Beteiligten einzeln mit den Beträgen aufgezählt, welche sie 
zu geben und zu nehmen haben, und die Verwandtschaft zeigt sich 
somit ohne alle Gliederung in ihre Atome aufgelöst Andererseits 
aber wird wieder die alte Regel aufgestellt: „slikt skal hverr taka 
af gjöldum eptir jamnskyldan mann, sem boeta meö jamnskyldum 
manni", und scheint sich in diesem Punkte der Einfluß der FrI)L. 
im Gegensatze zu den GI)L. geltend zu machen, wie denn auch Bjarni 
selbst dem ersteren Rechtsgebiete angehörte. 

Ehe ich die Bedeutung weiter verfolge, welche dem Begriffe 
des bauggildi einerseits und des nefgildi andererseits im älteren nor- 
wegischen und isländischen Rechte zukam, mag noch mit einigen 
Worten auf die Etymologie des Wortes nefgildi eingetreten 
werden. Zwei verschiedene Eridärungen des Wortes sind bisher auf- 
gestellt worden. Auf der einen Seite ist bekannt, daß das Wort 
„neP*, d. h. Nase, in der älteren Sprache oft ganz in derselben drasti- 
schen Weise als Bezeichnung der Person gebraucht wird, wie wir 
das Wort „Kopf* zu verwenden pflegen, und daß dieser Gebrauch 
des Wortes zumal da ein sehr beliebter ist, wo es gilt, die Ver- 
teilung irgend welcher Lasten und Leistungen nach der Kopfzahl 
hervorzuheben. So heißt es z. B. von Oöinn, daß er aus Schweden 
Schätzung bezogen habe „penning fyrir ncf hvert", M und von den 
Isländern, daß sie einmal auf K. Haraldr Gormsson Spottlieder dichten 
ließen „niövisu fyrir nef hvert, er ä var landinu";*) wenn es in einer 
Rezension einer Sage heißt: „|)ü munt nü vera lata sva büit um 
hefndir eptir I)orgeir, ok hefir |)ü |)ü leyst [imar hendr", so sagt eine 
andere im gleichen Sinne: „ok hefir |)ü nü |)ö gert f>Tir |)itt nef 
J>angat ut". ^) und wenn es gilt, seine Partei am Ding möglichst zu 
verstärken, verspricht der islandische Häuptling Gellir „e>Ti silfrs 
f\Tir nef hvert ok hverjum höföingja, er tu |)mgs riöi, haifa mörk", *) 
wobei die Verteilung des Betrages nach der Kopfzahl der Empfanger 
ganz ebenso ins Auge gefaßt scheint, wie anderwärts die Verteilung 
iier Last nach der Kopfzahl der Leistenden. Diese Bezeichnungs- 
Ä-eise ist insbesondere auch den norwegischen Rechtsquellen voll- 
kommen geläufig, und laßt z. B. die altere Redaktion der GI)L 

* Yn^::nga s., S9. 

' Hcimskr. Olafs s, Try j:^: v*son Ar, 30 I51. 

* Fi b k, II, 137 2:2, T^l. damii KonraÖ G;slasoos Aiisfabc der Föstbroeftra s^ 
V 9c HAük^b/K . 



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§ 4- Die Gliederung der VerwandtschaA in engere Gruppen. (yj 

„örtug fyrir 40 nefja" als Abgabe an den Bischof entrichten, *) und 
nach demselben Rechtsbuche hatte man „at sjaunda nefi" einen Mann 
zur Seewehr zu stellen;^) am Frostujjfnge bezeichnete man eine 
Person, welche am manntals|)inge richtig angesagt war, als „augljöst 
nef, *) und eine andere, die widerrechtlich verschwiegen worden 
war, umgekehrt als „leyndar nef';*) Befreiungen endlich voip Heer- 
dienste und von so manchen anderen mit diesem zusammenhängenden 
Lasten, wie solche der geistlichen und weltlichen Aristokratie ver- 
willigt zu werden pflegten, gewährte man bald „fyrir eitt nef, bald 
„tu tveggja nefja" oder „til {)riggja nefja".*) Von hier aus erklärt sich, 
daß der Ausdruck nefgildi selbst gelegentlich eine Kopfsteuer be- 
zeichnen kann; vom heil. Olafr z. B. wird erzählt, daß er von den 
Isländern „jiegngildi ok nefgildi" verlangte, „penning fyrir nef hvert, 
))aQn er 10 vaeri fyrir alin vaömäls", *) und wenn anderwärts von 
„nefgildis skattar" die Rede ist, welche K. Haraldr härfagri dem 
ganzen Lande auferlegt habe, ') so führt auch dies auf denselben 
Sprachgebrauch zurück. Hält man sich nun an diese quellenmäßig 
sattsam bezeugte Geltung des Wortes, so kann man, wie dies P. A. 
Munch^) und Fr. Brandt®) wirklich getan haben, darauf Gewicht 
legen, daß für die nefgildingar die ihnen zufallenden oder von ihnen 
zu entrichtenden Wergeidsbeträge nicht klassen weise festgestellt 
Ovaren wie die baugar, sondern speziell für jede einzelne Person an- 
gesetzt waren ; als Kopfgeld also im Gegensatze zu der Ringzahlung 
wäre diese von hier aus zu erklären. Auf der anderen Seite hat nun 
aber bereits Vilhjälmr Einsen das nefgildi als Kognatenbuße aufge- 
faßt, und von nefi, Kognat, abgeleitet; er hat ferner darauf aufmerk- 
sam gemacht, daß in den Rechtsbüchern einmal die Zusammen- 
stellung „näs niö eöa nefa" sich findet, und daraus den Schluß ge- 
zogen, daß niör den Agnaten, wie nefi den Kognaten bezeichne, und 
daß somit die fiir die Verwandtenbuße überhaupt gebräuchliche 
Bezeichnung niögjöld in einer Zeit entstanden sein müsse, in welcher 
nur die Agnaten wergeldsberechtigt waren, und darum die Agnaten- 



») GI)L. 9. *) ebenda, 297. 

^ FrI>L. VII, 10 und 14. *) ebenda, 8. 

*) vgl. die Verordnungen vom 13. September 1277, von 1308 — 9 yind vom 
15. Mai 1311; Norges gamle Love, II, S. 482 und III, S. 83 und 90. 
«) Heimskr. Olafs s. helga, 146/391. 
'') Fagrskinna, 32/20. 
») Det norske Folks Historie, II, S. 970. 
•) Forelsesninger, S. ii. 

5* 



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^ Teil I. Die iufierc Erschemong der Verwaadtschaft 

büße mit der \'envandtschaftsbuße zusammenfiel. * ) Dieser letzteren 
Auffassung hat sich sodann auch J. Fritzner*) und Guöbrandr Vig- 
füsson*) erklärt, letzterer jedoch nur in Bezug auf die Bedeutung 
von nefi und nefgjöld, wogegen er unter dem nidr einen entfernteren 
Vervrandten ohne Rücksicht auf den Gegensatz von Maimsstamm 
und Weibsstamm, und unter den niögjöld die an diese entfernteren 
Verwandten zu leistende Zahlung verstanden wissen will Ich ge- 
stehe, daß mir. trotz der namhaften Autoritäten, welche sich für sie 
eridärt haben« diese letztere Ableitung als eine völlig unstatthafte 
erscheint Schon die sprachüche Form des Wortes nefgildi scheint 
dieselbe bedenklich zu machen. Wenn es zwar keineswegs an Bei- 
spielen von Zusammensetzungen fehlt, deren erste Hälfte aus einem 
schwachen Substantive mit weggeworfenem Kasuszeichen besteht,*) 
so ist doch die Verwendung der Geneti\-form zur Bildung eines 
Kompositums in solchen Fällen die ungleich üblichere, und in 
unserem Falle hätte das Vorhandensein der Zusammensetzung nef- 
gildi von nef doch wohl die Entstehung einer zweiten ganz gleich- 
lautenden Form anstatt des ungleich naher liegenden nefagfldi 
schlechterdings verhindern müssen. Außerdem ist aber auch weder 
für nefi die Bedeutung Kognat noch für nidr die Bedeutung Agnat 
anderweitig irgendwie erweisbar. Daraus, daß in einem unserer is- 
ländischen Rechtsbucher einmal nefi und nidr alliterierend gesetzt 
stehen,*! laL^t sich n^Krh keineswegs daraufschließen, daß der eine 
dieser beiden Ausdrucke die Agnaten und der andere die Kognaten 
bezeichne, da ja beide recht wohl auch tauiologisch stehen können. 
Allerdings bezeichnet femer I»orarinn loftunga den Häkon Eiriksson, 
und l'jvxV hV skald den K. Sveinn 11 155 .^n als des K. Knütr nefi,*) 
wahrend beide anderwärts dessen Schwestersohne heißen; aber 
Sitihvatr skald nennt auch den westgotischen Jari Rogn\-aldr ,Jarla 



*i .\nai>r, 1S5VX S. 202—3, ^?1- ^ -Hö- 

* s. T. nc:^-^i:, ne*;; cid, acn. dian =:^^ cid, ni^r. 

* s, T. cfi: -i;. ne'j: jid. acr., dingen A'rwc:ch<rnd s. t. ni^cld, niÖr. 

* v^;. r. ?. die Fornncc a-;:* «, l-Gv^nr.. ^OJ:Tru^r, Auf das: ,,sa^ er fra 
hre cetla-ss ninr- ;s: M -Ish üi as t a ."^i, Str. 25, >ce ich kcnca Wert, obwohl 
0->rrA:i:ir -=:er <^-.i-^= Adder d* cr.ter Pc^vtcr^: au: d:«e Steiie erkUit: »kinless, 
crTtA=r-d, drs^'itc" ar:d v. s ted Ablei'.el M. l :**, im F'^Aaraagsbandc I tar Zeit- 
sei- t x\t dtzis^bc r:..l-jr^. S- €«<:, vjU ;c- crkl-t rsriii^r«": „ohne Xa»e**, nad 
scrcai dis Srr-.crwot .i:i5cr;r:n deui-chca- ,.w<r sich d:c Njlsc Abschneidet, schindet 
*«is Gcsirrf r; est>: rrcr.c::. 

* >:i*xrb.:*': ii, 2** ;c5 e: ifci=ii ^riVr $«r i^^^Ä, us ni* cÖa ncügu 

* Mf .njir. ^ liTs s, > eliii, .<^ 44: —d Mi?=-f5 s. c^Öft, 32540. 



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§ 4- Die Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ßo 

nefi", ^) während wir wissen, daß zwar dessen väterlicher Großvater,, 
^öglartosti, sich mit fürsüichen Herren als Genoß hielt, wenn er auch 
keinen tignamafn trug,-) und dessen Vater, Ülfr, als Bruder der 
Sigriör störräöa, welche K. Eirikr sigrsaell heiratete, *) recht wohl 
von seinem königlichen Schwager den Jarlstitel erhalten haben konnte, 
aber des Mannes Mutter nirgends genannt finden, so daß ihm schwer- 
lich von mütterlicher Seite her diese Würde zugekommen sein konnte. 
Muß demnach hier der Ausdruck nefi auf agnatische, nicht auf 
kognatische Verwandtschaft sich beziehen, so bezeichnet umgekehrt 
Hallfreör vandraeöaskäld einmal Freyr und Freyja zusammen als 
„Njaröar niöjar" *) und verwendet somit den Ausdruck niör unbe- 
denklich ebensowohl für Töchter wie für Söhne ; *) in unseren Rechts- 
büchern femer wird unter „hinn nänasti niör" stets der nächste Ver- 
wandte verstanden, ohne allen Unterschied zwischen Agnaten und 
Kognaten, ja unter Umständen in einem Zusammenhange, welcher 
jede Möglichkeit einer Beschränkung auf die ersteren geradezu aus- 
schließt*) Auf dasselbe Ergebnis führt auch die Vergleichung der 
übrigen germanischen Sprachen. Ulfila braucht das Wort ni))jis, 
gani|)jis und fem. ni{)jo als Übersetzung des griechischen avyysyqg^ 
und ags. niö steht sogar für Mensch; für nefa aber bieten ags. 
Quellen die Definition: „suna sunu, oööe broöor sunu, oööe suster 
sunu, l)ät is nefa",') oder: „nepos, suna sune, vel broöer sune, vel 
suster sune, pät is nefa", *) und auch in Deutschland brauchen wir 
das Wort für den Bruderssohn ebensowohl wie für den Schwester- 
sohn, wahrend die nichtel oder niftel des sächsischen Rechts, welche 
der nordischen „nipt" entspricht, sogar eine noch weitere Wortbe- 
deutung festgehalten hat. Die beiden, übrigens nur in der Dichter- 
sprache und in einzelnen Rechtsformeln noch festgehaltenen Aus- 
drücke können hiernach nur als gleichbedeutend betrachtet und ganz, 
gleichmäßig auf den allgemeinen Begriff der Verwandtschaft zurück- 
geführt werden, ohne daß dabei der Gegensatz von Mannsstamm 
und Weibsstamm irgendwie in Betracht käme. Im Einklänge hiermit 



') Heimskr. Olafs s. helga, 92/310. 

*) Legendarische Olafs s. helga, 5/4; Heimskr. Haralds s. gra- 
fcldar, 11/119. 

') Heimskr. Olafs s. helga, 21/230. 

*) HallfreÖar s., 6/95. ^) vgl. Gylfaginning, 24/96. 

•) vgl. z. B. StaÖarhölsbök, 83/107: ef launbörn ero, j)ä eigo jjcir i foÖurält 
at hverfa til franiferzlu, ])ar til er |)au ero 16 vetra, en siÖan ül ens nänasta niÖs. 

■) bei Ettmüller, S. 237. ^) bei Grein, II, S. 278—79. 



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•7Q Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschalt 

steht, daß niemalen niögildi als Synonym von bauggildi und als 
Gegensatz von nefgildi gebraucht wird, wie man doch erwarten 
müßte, wenn wirklich niör und nefi den Gegensatz von Agnaten 
und Kognaten bezeichnen würden; daß femer die Ausdrücke niö- 
gjöld und nefgjöld, welche sich wirklich nachweisen lassen, in einem 
ganz anderen als dem hiernach zu erwartenden Sinne gebraucht 
werden. Der Ausdruck nefgjöld zunächst kommt meines Wissens 
nur an einer einzigen Stelle vor;') gerade an dieser Stelle aber be- 
zeichnet er die Zahlung, welche die Söhne des Hundfngr, ausdrück- 
lich als niöjar bezeichnet, für die Tötung ihres Vaters beanspruchen, 
so daß die Identität der nefgjöld mit den niögjöld, und die Unmög- 
lichkeit, unter jenen die Kognaten- und unter diesen die Agnaten- 
büße zu verstehen, in die Augen springt Mag sein, daß die Heraus- 
geber des zweiten Bandes der Saemundar Edda (1818), dann Svein- 
bjöm Egilsson Recht haben, wenn sie das Wort überhaupt nicht 
mit nefi, sondern mit nef in Verbindung bringen und als gleichbe- 
deutend mit manngjöld, d. h. der Zahlung für eine erschlagene 
Person nehmen ; mag sein, daß umgekehrt Jon Ölafsson das richtige 
trifft, wenn er, von nefi ausgehend, dasselbe als Buße für einen er- 
schlagenen Verwandten auffaßt; *) im einen wie im anderen FaUe 
darf man den Ausdruck jedenfalls nicht auf einen engeren Kreis 
innerhalb der Verwandtschaft beschränken, und zumal nicht auf die 
Kognaten im Gegensatze zu den Agnaten beziehen. Anderenteils 
bezeichnet zwar die alte Edda als niögjöld die Zahlung, welche 
Fäfnir und Reginn für die Tötung ihres Bruders Otr fordern,*) und 
hier könnte demnach der Ausdruck allenfalls auf die an den Manns- 
stamm allein zu entrichtende Buße bezogen werden; aber notwendig 
ist diese Beschränkung seiner Bedeutung an dieser Stelle keineswegs, 
und wenn anderwärts dieselbe Bezeichnung für das Sühngeld ge- 
braucht wird, welches K. Häkon Aöalsteinsföstri von Amfiör jarl 
wegen der Tötung seiner Boten beansprucht, *) so ist dabei jede der- 
artige beschränkende Deutung schlechterdings ausgeschlossen, wie 



^) Helgakv. Hundingsbana, I, Str. 12: 
Letaf) buÖlungr 
bölir uppi, 
ne ni{)ia in hcldr 
nefgiold fa. 

*) De cognatione spirituali, Glossar., S. 40. 

') SigurÖarkv. Fäfnisbana, U, S. 214 

■*) Eigla, 76/575 (ed. Amamagn.). 



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§ 4* ^*c Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. ji 

denn auch an der betreffenden Stelle der Ausdruck manngjöld als 
Variante für niögjöld vorkommt In den Rechtsbüchern vollends 
bezeichnet der letztere Ausdruck zweifellos stets das ganze Wergeid 
und nicht bloß den dem Mannsstamme zufallenden Anteil an dem- 
selben. So wird z. B. ausgesprochen, daß der von einem Unmün- 
digen begangene Totschlag zwar zu keiner Ächtung des Täters führe, 
aber doch dessen Verwandten die Verpflichtung zur Bezahlung der 
niögjöld auferlege,*) welche nur freilich in diesem Falle ungeteilt 
dem vfgsakaraöili zufallen sollen.*) Die Wergeldsfälle werden ferner 
geradezu als solche bezeichnet, „er {)eir veröa skyldir til at lögum, 
at gjalda hinn aptr niögjöldum", ') und von dem saemär, skemär, 
galgnär, grafnär und fjallnär wird gesagt, „skal {)essa menn alla 
gjalda niögjöldum, {)öat jieir hafi lif sitt, svä sem |)eir se vegnir". *) 
Wiederum wird die Frage erörtert, wie weit neben den übrigen 
Verwandten auch der vfgsakaraöili an den niögjöld Anteil nehme;*) 
es wird gesagt, daß die niögjöld auch dann entrichtet werden müssen, 
wenn der Totschläger selber getötet oder doch in die Acht erklärt 
wird;*) es werden endlich auch wohl* die Formen angegeben, welche 
bei der Eintreibung der niögjöld einzuhalten sind ') u. dgl. m. Nach 
allem dem wird doch wohl jeder Gedanke an einen Zusammenhang 
des Ausdruckes nefgildi mit dem Worte nefi und an eine etymo- 
logische Zurückführung desselben auf den Begriff des Weibsstammes 
aufzugeben sein, und wird an der Zurückführung desselben auf den 
Begriff einer kopfweise zu entrichtenden und kopfweise zu be- 
ziehenden Zahlung festgehalten werden müssen, wie denn auch schon 
der zwischen den Ausdrücken bauggildi und nefgildi bestehende Par- 
allelismus zu fordern scheint, daß der letztere ebensogut wie der 
erstere von der Art der Zahlungsleistung und nicht von der Be- 
schaffenheit der Zahlpflichtigen hergenommen sei. 

Faßt man nun die Ergebnisse der bisherigen Beweisführung 
kurz zusammen, so zeigt sich, daß hinsichtlich der aktiven und pas- 
siven Beteiligung am Wergeide zunächst die näheren Grade einer- 
seits des Mannsstammes und andererseits des Weibsstammes zu be- 
sonderen Bezügen und Leistungen berufen wurden. Die baugar 
nahm und gab der Mannsstamm, und zwar bis zum zweiten gleichen 



*) Konüngsbök, 91/166; StaÖarhölsbök, 294/333. 

•) Baugatal, S. 194. *) StaÖarhölsbök, 304/343. 

*) ebenda, 360/380 und Baugatal, S. 202. 

*) Baugatal, S. 194, •) ebenda, S. 194—95. 'j ebenda, S. 202— 3. 



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^ 2 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

Grade einschließlich nach den GI)L. und dem isländischen Baugatale, 
bis zum dritten gleichen Grade aber nach den FrI)L.; persönliche 
Zahlungen dagegen leistete und empfing der Weibsstamm innerhalb 
derselben Gradesgrenze. Beiderseits wurden dabei prinzipiell nur 
die Männer berücksichtigt; doch bilden die baugrygjar eine Aus- 
nahme von dieser Regel, deren Begriff in den GI)L. etwas weiter 
gezogen ist als in den FrI)L. und im isländischen Rechte. Die tölu- 
menn sind dabei in die Einteilung mit inbegriffen, und nehmen 
innerhalb des bauggildi, soweit sie diesem überhaupt angehören, 
einen hervorragenden Platz ein; dagegen stehen die sakaukar ganz 
außerhalb der Einteilung, was zwar nicht bezüglich des |)yborinn 
sonr und der nämägar, wohl aber bezüglich des brööir sammoeöri 
auffällig ist und wohl nur durch die Annahme erklärt werden kann, 
daß ursprünglich die mütterliche Verwandtschaft nicht zum nefgildi 
gerechnet wurde. Zum Schlüsse muß nun aber noch hervorgehoben 
werden, daß der Gegensatz des bauggildi und nefgildi zwar in der 
Wergeidstafel seinen Ausgangspunkt findet, aber seine Wirkungen 
auch auf ganz andere Rechtsgebiete hinüber erstreckt Die GpL. 
z. B. lassen die bauggildismenn, nefgildismenn und nämagar nicht 
im skiladömr sitzen, *) und schließen dieselben Personen auch von 
der Verwendung beim lyrittareiör aus;^) sie gestatten ferner den 
Männern, welche „i bauggildi eöa i nefgildi" verwandt sind, Weibern 
gegenüber, welche ausnahmsweise zur Stammgutsfolge berufen sind, 
die Auslösung des Gutes um billigen Preis,') und bringen überdies 
auch den Begriff der baugrygjar im Stammgüterrechte zur Anwendung, 
indem sie die dahin gezählten Weiber nicht nur in ööal sukzedieren, 
sondern dieses auch jedem Auslösungsanspruche gegenüber behaupten 
lassen. *) Nach den FrpL. sollen im skiladömr weder bauggildismenn 
noch nefgildismenn sitzen und überdies auch keine nämägar, bam- 
föstrar oder J)yrmslumenn;*) die bauggildismenn und nefgildismenn, 
dann die nämägar eines Mannes, der am Ding einen Totschlag be- 
gangen hat, sollen nicht verpflichtet sein, an der Verfolgung des 
Totschlägers Anteil zu nehmen ; ®) Stammgut braucht nur den baug- 
gildismenn zur Übung des Vorkaufes angeboten zu werden ^) u. dgl. m. 
Selbstverständlich können übrigens auch Vorschriften, welche die 



1) G|»L. 37 und 266. 

'^) ebenda, 135. *) ebenda, 274. *) ebenda, 275. 
^) Fr|)L. X, 14. «) ebenda, IV, 9. 

") ebenda, XII, 4. Die bauggildismenn und nefgildismenn haben für die 
Flüchtung eines minderjährigen Totschlägers zu sorgen, ebenda, IV, 34. 



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§ 4« I^ie Gliederung der Verwand tscball in engere Gruppen. n^i 

Namen des bauggildi und nefgildi nicht nennen, zur weiteren Er- 
läuterung der beiden Verwandtschaftsgruppen zukommenden Bedeu- 
tung verwendet werden ; dabei wird indessen beachtet werden müssen, 
daß im Gulaj)inge und auf Island die in unseren Quellen ausge- 
sprochene Begrenzung derselben beim zweiten gleichen Grade nicht 
die ursprüngliche gewesen zu sein scheint, daß vielmehr auch hier 
die Grenze anfänglich wie im FrostuJ)ing auf den dritten gleichen 
Grad gefallen sein dürfte. Von hier aus würde sich erklären, warum 
das Erbrecht sich nur bis zu den „naestir broeöra sunum" oder „eptir 
broeöra sunu" erstreckte, ehe K. Sigurör Jörsalafari mit seinen Brüdern 
dasselbe bis zum fünften gleichen Grade erstreckte,^) und auch er- 
klären, warum das isländische Recht vier baugar kennt wie die 
FrI)L. und nicht bloß drei wie die GpL., warum ferner das islän- 
dische Recht die dömruöning und die kviöruöning, sowie die Fähig- 
keit zur Ablegung eines säravaetti oder benjavsetti, gerade bis zum 
dritten gleichen Grade einschUeßlich reichen läßt 

4- Die entferntereVerwandtschaft Hinter dem baug- 
gildi und nefgildi nehmen auch noch die entfernteren Verwandten 
am Wergeide Anteil; indessen läßt sich für diese keine eigentliche 
technische Bezeichnung mehr nachweisen. Das isländische Baugatal 
bezeichnet dieselben allenfalls mit den Worten „eptir b a u g a", ^) 
und die GpL. bezeichnen dieselben je nach ihrem Abstände von 
der letzten Klasse der uppnämamenn als „naestr at fraendsemi 
frä hinn oefsta uppnämi", „annar maör frä oefsta upp- 
nämi" usw.;*) aber beide Bezeichnungen sind lediglich negativer 
Art und von keinerlei Ursprünglichkeit Die FrI)L. femer bezeichnen 
die diesen entfernteren Verwandten zufallenden Beträge als „fraend- 
bcetr";*) aber auch dieser Ausdruck kann kaum als ein vollkommen 
technischer angesehen werden, da er im Grunde für alle und jede 
Wergeidsanteile irgend welcher Verwandter gebraucht werden kann. 
Innerhalb dieser entfernteren Verwandtschaft läßt nun das islän- 
dische Recht in der Art die Gradesnähe entscheiden, daß der 
zweite und dritte ungleiche Grad dem dritten gleichen, der dritte 
und vierte ungleiche dem vierten gleichen, endlich der vierte und 
fünfte ungleiche Grad dem fünften gleichen an Höhe der zu zahlenden 
und zu empfangenden Beträge vorgeht, während mit diesem letzteren 



') GI)L. 104; Fr|»L. VIII, 9. 

*) Konüngsb6k, II3/201— 2. ^) G|)L. 235. 

*) FrI)L. VI, U. 



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JA Teil I. Die äufierc Erscheinung der Verwandtschaft. 

die Wergeidstafel abschließt. ^) Von einem Vorzuge des Mauns- 
Stammes vor dem Weibsstamme ist dabei nicht die Rede, ohne daß 
man darum doch anzunehmen hätte, daß ein solcher ausgeschlossen 
werden wolle; da nämlich auch bezüglich der näheren Grade zu- 
nächst in derselben Weise verfahren, und erst hinterher bei deren 
Besprechung im einzelnen angegeben wird, daß das bauggildi stets 
^/j, das nefgildi aber nur 7» der angesetzten Beträge nehmen und 
geben solle, läßt sich recht wohl annehmen, daß die gleiche Regel 
stillschweigend auch für die entferntere Verwandtschaft aufgestellt 
werden wollte. Sehr beachtenswert ist aber, wie dies auch schon 
Vilh. Finsen sehr richtig hervorgehoben hat, -) daß zwar bei den 
baugar, wenn die zu einem derselben zunächst Berufenen fehlten, 
ein Eintreten der nächstvorhergehenden oder nächstfolgenden Klasse 
stattfand, obschon im letzteren Falle mit einiger Verkürzung der 
Beträge, und daß in gleicher Weise auch die verschiedenen Klassen 
der „eptir bauga" untereinander sich verhielten, wenn etwa die eine 
oder andere von ihnen unvertreten war, daß dagegen die Ver- 
wandten „eptir bauga" unter keinen Umständen auf die erledigten 
baugar und umgekehrt die bauggildingar unter keinen Umständen 
auf die etwa erledigten ferneren Bußbezüge einen Anspruch erheben 
konnten. Es zeigt sich in dieser Bestimmug sehr deutlich, daß man 
die nähere und die entferntere Verwandtschaft als unter sich durch 
eine unübersteigliche Kluft getrennt ansah, während dies bezüglich 
der verschiedenen Klassen innerhalb der einen oder anderen Gruppe 
ganz und gar nicht der Fall war; da das bauggildi und nefgildi im 
isländischen Rechte bereits zu einer Gruppe verschmolzen sind, kann 
natürlich zwischen diesen beiden Blassen der Verwandtschaft m 
jenem Rechte eine ähnliche scharfe Sonderung nicht mehr hervor- 
treten, auch wenn sie sich ursprünglich bezüglich derselben wieder- 
holt hatte. — In ganz ähnlicher Weise verfahrt auch das I)ränd- 
heimer Recht.*) Nach dem dritten gleichen Grade, mit welchem 
das bauggildi und nefgildi abschließen, beruft dasselbe die entferntere 
Verwandtschaft zu ihren fraendbcetr, bis zum sechsten gleichen 
Gradeeinschließlich, welcher, dem kirchlichen Rechte folgend, die 
Verwandtschaftsgrenze bildet; dabei wird wieder in erster Linie 
der Mannsstamm vom Weibsstamme geschieden und erst in 
zweiter Linie innerhalb jeder dieser beiden Gruppen eine weitere 



*) Konüngsbök, I13/193 — 94; vgl. 201 — 2. 

«) Annaler, 1850, S. 267—68. *) FrI)L. VI, 11—12. 



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§ 4* ^^^ Gliederung der Verwandtschaft in engere Gruppen. 73 

Abstufung nach Graden vorgenommen. Sehr unpassender Weise 
werden, wie oben schon bemerkt, die Ausdrücke bauggildi und nef- 
gildi dabei im Sinne von Mannsstamm und Weibsstamm gebraucht 
Da ausdrücklich gesagt wird, ^) daß alle baugamenn für alle baugar 
aufkommen müssen, wenn auch die eine oder andere Klasse der 
zunächst Verpflichteten unvertreten ist, darf natürlich als feststehend 
angenommen werden, daß dieselbe Regel auch umgekehrt in Bezug 
auf den Empfang der baugar gegolten haben werde ; ob freilich die- 
selbe Regel auch innerhalb der entfernteren Verwandtschaft gelte, 
und ob ein Sukzedieren in die Last oder Berechtigung auch von 
der einen Hauptklasse in die andere hinüber statthaft gewesen sei 
oder nicht, wird uns nicht gesagt Immerhin aber erhellt die scharfe 
Sonderung der engeren von der entfernteren Verwandtschaft bereits 
aus der Wiederkehr des Gegensatzes zwischen Mannsstamm und 
Weibsstamm in ihnen beiden, sowie aus der ganz verschiedenen Art, 
wie hier und dort die Gliederung innerhalb der beiden größeren 
Gruppen durchgeführt ist — Im Gulajjinge schließt die Gruppe 
der uppnämamenn ebenfalls prinzipiell mit dem zweiten gleichen 
Grade und ist es ohne Bedeutung, daß die erste Wergeldstafel auch 
noch den ersten und dritten, dann den zweiten und dritten ungleichen 
Grad zu denselben hinzurechnet, während die zweite Tafel beide 
ausschließt; hinter ihr folgt sodann nach der ersten Wergeldstafel 
gleichfalls noch die entferntere Verwandtschaft, jedoch so, daß dabei 
der Mannsstamm und Weibsstamm eines jeden Grades mit einer 
Gresamtzahlung bedacht wird, von welcher der erstere */5, der letztere 
aber nur ^/^ erhält^ Insoweit also folgt diese Wergeldstafel be- 
züglich der entfernteren Verwandtschaft genau demselben Prinzipe, 
welches das isländische Baugatal bereits in Bezug auf das bauggildi 
und nefgildi zur Geltung bringt; dagegen ist oben bereits bemerkt 
worden, daß sich die Grenze, mit welcher dieselbe die entferntere 
Verwandtschaft endigen lassen will, nicht mit voller Sicherheit be- 
stimmen läßt, soferne von der letzten Klasse der uppnämamen ab 
13 Nummern gezählt werden und hierauf die Schlußworte folgen : 
„l)ä er fimtända manne fraendsemi j)eirra". In der zweiten Wergelds- 
tafel aber wird die entferntere Verwandtschaft überhaupt nicht mehr 
erwähnt, sei es nun, daß man sie wirklich unberücksichtigt gelassen 
wissen wollte, oder daß man über sie sich nochmals auszusprechen 
für unnötig fand, weil bezüglich ihrer dieselben Regeln in Geltung 



*) FrI)L. VI, 2. «) GI)L. 235. 

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^6 Teil I. Die äuflere Erscheiiiiing der Verwandtschaft 

belassen werden sollten, wie solche die erste Tafel bereits au^e- 
sprochen hatte. — In der Wergeldstafel des Bjarni Maröarson 
endlich kann, nachdem das bauggildi und nefgildi sowohl als die 
das letztere vertretenden drei- Klassen der uppnämamenn weggefallen 
sind, auch die entferntere, über jene engeren Kreise hinausliegende 
Verwandtschaft nicht mehr als eine in sich abgeschlossene, besondere 
GrTuppe auftreten; hier ist vielmehr von einer Gliederung der Ver- 
wandtschaft in eine Mehrheit engerer und weiterer Kreise überhaupt 
nicht mehr die Rede, sondern die Reihenfolge, in welcher die ein- 
zelnen Verwandten aufgezählt werden, lediglich durch die Zählung 
der Grade bedingt, neben welcher selbst der Gegensatz des Manns- 
stammes und des Weibsstammes sich nur noch eine sekundäre Be- 
deutung bewahrt hat Wie weit aber die entferntere Verwandtschaft 
außeiiialb der W^ergeldstafel und auf anderen Gebieten des verwandt- 
schafüichen Rechtes noch ihre Bedeutung behauptet, wird besser 
erst im H. Teile dieser Darstellung, nämlich bei der Besprechung 
der einzelnen Wirkungen der verwandtschaftlichen Verbindung zu 
erörtern kommen. 



§ 5. Die Weiber. >) 

Neben der Gradesnähe und dem zwischen dem Mannsstamrae 
und Weibsstamme bestehenden Gegensatze macht sich innerhalb der 
Vemandtschaft auch noch der Gegensatz der Geschlechter geltend, 
und zwar in der Art, daß die Weiber von gewissen im Verwandt- 
schaftsverbande begründeten Rechten und Pflichten völlig ausge- 
schlossen, in Bezug auf andere aber den Männern gegenüber wenig- 
stens sehr entschieden verkürzt sind, wogegen auch umgekehrt wieder 
einzelne Rechtsinstitute und Rechtssätze ihren besonderen Schutz 
und Vorteil bezwecken. An sich den verschiedensten Rechtsgebieten 
und nicht bloß dem verwandtschaftlichen Rechte angehörig, und 
überdies zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Rechten sehr 
verschieden gestaltet, bedürfen diese die Weiber betreffenden Sat- 



*' vgl. Rive, De pupillorum et mulierum lutela in anüquo Scandinaviomm 
jure 11859} und dessen Geschichte der deutschen Vormundschaft, I (1862); dazu 
meine Bemerkungen in der Krit. Viertcl;ahre*;schrit't, II, S. 75 und fgg. und IV, S. 412 

und fgj:. 



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§ 5- Die Weiber. 77 

Zungen um so mehr einer vorläufigen einheitlichen Betrachtung, je 
größer die Schwierigkeiten sind, welche sie bei ihrer zeitlich wie 
räumlich so sehr ungleichförmigen Entwicklung einer einheitlichen 
Konstruktion des Verwandtschaftsrechtes in den Weg stellen. 

Der Grundsatz des älteren schwedischen Rechtes, daß Weiber 
stets unmündig seien, *) ist dem norwegischen sowohl* als dem is- 
ländischen Rechte, so wie es uns vorliegt, fremd; demgemäß läßt 
dieses letztere den Begriff der Minderjährigkeit und Voll- 
jährigkeit auf Weiber ebensogut Anwendung finden wie auf 
Männer, und es bestimmt sogar die Altersgrenze, welche beide Alters- 
perioden zu trennen bestimmt ist, für beide Geschlechter wesentlich 
gleichmäßig. Die GI)L. geben zwar nicht ausdrücklich an, mit 
welchem Jahre Weiber volljährig werden ; aber sie sprechen den Satz 
aus, daß: „l)egar maer er fulltföa, J)ä skal hon veita vorö fe sinu, ok 
svä taka viö fjär haldi", -) und wenden somit den Begriff der Voll- 
jährigkeit auf sie an, ohne eine eigentümliche Altersgrenze für sie 
zu bestimmen, so daß wir zu der Annahme berechtigt sind, daß diese 
wie bei Männern auf das erreichte 15. Jahr (früher das 12.) gesetzt 
sei. ^) Die FrpL. hinwiederum sagen ganz ausdrücklich, daß vom 
erreichten 15. Lebensjahre ab die Schwester ebensogut wie der 
Bruder zur Führung einer Altersvormundschaft berufen sei,*) und 
gestatten der Jungfrau von eben diesem Termine an wenigstens unter 
Umständen auch schon die Verehelichung;*) die letztere Vorschrift 
kehrt auch in der Järnsiöa wieder, •) und ist von hier aus doch wohl 
nur irrtümlich auch in eine Reihe von Hss. des gemeinen Land- 
rechtes übergegangen, welches im übrigen den Jungfrauen die Ver- 
waltung ihres eigenen Vermögens erst vom erreichten 20. Lebens- 
jahre an einräumt, ') ganz wie es auch bei Männern die Volljährig- 
keitsgrenze auf das erreichte 20. Jahr verlegte. Das ältere isländische 
Recht ferner gestattet zwar den Jungfrauen die Wahl ihres Domi- 
zües, *) die Selbstverwaltung ihres eigenen und die Administration 



^) WGL. I, |>iufvab. 5/2: konse ser ovormaghi. 

«) GI)L. 128. 

') vgl. über die VoUjährigkeitsgrenze meine Bemerkungen in der Krit. Viertel- 
jahresschrifl, II, S. 85—91. 

*) FrJ)L. IX, 23. ») ebenda, XI, 18. 

•) Järns., Kvennag. 3. 

') Lands!., ErfÖat 2. Der BjarkR. 2 und die Jönsbök, Kvennag. 2 
haben nur die zweite Bestimmung. 

*) Konüngsbök, 70/129 und 118/226; StaÖarhölsbök, 232/265 und 
59/69-70. 



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y^ Teil I. Die äofierc Erscheinung der Verwandtschaft 

eines fremden Vermögens, *) die Anstellung gewisser Klagsachen, *) 
sowie, unter gewissen Voraussetzungen, die Selbstverlobung') erst 
vom zurückgelegten 20. Lebensjahre an ; aber schon vom erreichten 
16. Lebensjahre an gilt ererbtes Vermögen als ihnen angefallen, und 
von diesem Termine an beziehen sie selber dessen Früchte, welche 
während der Dauer ihrer Minderjährigkeit ihrem Altersvormunde ge- 
hört hatten,*) und für Eheweiber und Witwen fallen überdies alle 
jene Beschränkungen weg, sogar wenn sie noch nicht einmal das 
16. Jahr erreicht haben,*) während andererseits das 20. Jahr auch 
bei Männern, wenn auch nur in untergeordneten Beziehungen seine 
Bedeutung behauptet •) Wenn demnach das isländische Recht zwar 
bei Weibern in mehrfacher Beziehung die Wirkungen der Volljährig- 
keit erst an einem späteren Termin knüpfte als bei Männern, welche 
mit dem erreichten 16. Lebensjahre zu ihrer vollen Handlungsfähig- 
keit zu gelangen pflegen, so ist doch diese Verschiedenheit der Be- 
handlung beider Geschlechter keine völlig durchgreifende, und über- 
dies läßt sie jedenfalls die Unterscheidung einer Periode der Voll- 
jährigkeit und Minderjährigkeit auch bei Weibern völlig unberührt 
Wenn aber das isländische und norwegische Recht in Bezug auf die 
eigentümliche Behandlung der Weiber zwar nicht so weit geht und 
nicht mit gleicher Folgerichtigkeit verfährt wie das schwedische 
Recht, so kennt es doch immerhin auch seinerseits eine lange Reihe 
von Beschränkungen der Weiber; die vielfach abweichende Gestal- 
tung- derselben im isländischen und im norwegischen Rechte läßt 
aber eine gesonderte Behandlung beider zweckmäßig erscheinen. 

Das isländische Recht zunächst schließt die Weiber von 
dem Genüsse politischer Rechte prinzipiell aus. Ein goöorö 
können dieselben zwar besitzen, da ein solches wie jedes andere 
Privatgut erworben werden kann ; aber sie können die mit der Würde 
verbundenen Befugnisse nicht selber ausüben, und müssen somit 
deren Führung einem ihrer eigenen Dingleute übertragen. ^ Daß 



*) KonUngsbök, 118/226; StaÖarhölsbök, 59/69—70- ' 

*) KonUngsbök, 94/170 und die Referenz S. 168, dann 238/184; StaÖar- 
hölsbök, 336/364 und 377;393' 

') StaÖarhölsbök, 119/156 und 125/162. 

*) KonUngsbök, 1 18/226; StaÖarhölsbök, 59/69 — 70. 

*) KonUngsbök, 118/225; StaÖarhölsbök, 59/69 und die oben ange- 
führten Stellen. 

•) vgl z. B. KonUngsbök, 118/223 und 172/76; StaÖarhölsbök, 58/67 
und 389/411. ') KonUngsbök, 84/142. 



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g 5. Die Weiber. 7^ 

Weiber weder zum Amte eines Gesetzsprechers berufen, noch als 
Ratgeber eines Goden in die lögretta ernannt, noch endlich als Gre- 
meindevorsteher gewählt werden konnten, wird uns zwar nirgends 
ausdrücklich gesagt, darf aber nichtsdestoweniger als sicher gelten; 
wenn demnach einmal erzählt wird, wie porbjörg hin digra im Vatns- 
fjörör für ihren abwesenden Mann, dem Vermundr mjöfi, die „heraös- 
stjörn" im Isafjörör geführt habe, und wenn dieselbe bei dieser Ge- 
legenheit auch wohl selber von ihren Dingleuten spricht,^) so ist 
dabei nur an den tatsächlichen Einfluß, nicht an die rechtliche 
Stellung dieses energischen Weibes zu denken. Ebensowenig konnten 
Weiber das Richteramt*) oder den Geschworenendienst versehen,**) 
und keinem Zweifel kann unterliegen, daß sie auch zum Zeugnisse 
nicht verwendet werden durften ; in einzelnen Fällen wird das männ- 
liche Geschlecht,*) oder auch die Wehrhaftigkeit *) ausdrücklich als 
Voraussetzung der Zulassung zum Zeugnisse bezeichnet, und bei 
Aufzählung der Verwandten, welche unfähig waren, ein Zeugnis ab- 
zulegen, werden nur Personen männlichen Geschlechts berücksichtigt*) 
Die Fällung eines Schiedsspruches dagegen konnte allenfalls auch 
Weibern übertragen werden, wie das Beispiel der l)ordfs späkona,') 
und das noch besser bezeugte Beispiel der Steinvör Sighvatsdöttir 
dartut ; *) aber eine derartige Verwendung fiel auch nicht unter den 
Begriff eines öffentlichen Dienstes, sondern erschien lediglich als Aus- 
fluß des persönlichen Vertrauens und des tatsächlichen Ansehens^ 
deren ein Weib ebensowohl als ein Mann seiner hervorragenden Eigen- 
schaften wegen bei seinen Nachbarn genießen konnte. 

Auf vermögensrechtlichem Gebiete gilt umgekehrt 
prinzipiell die Gleichstellung der Weiber mit den Männern ; indessen 
erleidet dieses Prinzip immerhin eine Reihe von Einschränkungen. 
Einmal nämlich wird den Weibern, wie oben schon bemerkt, die 
Verwaltung ihres eigenen Vermögens erst vom erreichten 20. Lebens- 
jahre ab eingeräumt, während dieselbe Männern bereits vom er- 
reichten 16. Jahre ab zusteht *) Allerdings soll diese Zurücksetzung 
nur für Jungfrauen gelten, während Ehefrauen und Witwen sogar 



*) Grcttla, 52/119. «) Koniingsbök, 20/38. 

*) ebenda, 89/161; StaÖarhölsbök, 289/322. 

*) Koniingsbök, 87/153; StaÖarhöUbök, 282/312. 

*) StaÖarhölsbök, 277/305. •) Konüngsbök, 77/126—27. 

') Vatnsdcela, 44/73—74- 

•*) Slurlünga, VII, 8/17 und 19; hinsichtlich ihrer Persönlichkeit vgl. 2/6— 7, 

*) Konüngsbök, 11/226; StaÖarhölsbök, 59/69 — 70. 



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So Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

schon vor dem zurückgelegten i6. Jahre von der Altersvormundschaft 
frei werden;^) aber da während der Dauer der Ehe das Gut der 
Frau unter der Verwaltung des Ehemannes steht, bedingt dieser 
Satz für Ehefrauen im Grunde nur einen Wechsel in der Person 
ihres Vormundes, wogegen er den Witfrauen allerdings ein höheres 
Maß persönlicher Freiheit sichert Wiederum bleiben die Weiber 
auch nach zurückgelegtem 20. Lebensjahre bezüglich ihrer Vermögens- 
verwaltung immerhin noch gewissen Beschränkungen unterworfen, 
denn: „ein Weib darf ohne die Zustimmung ihres Geschlechtsvor- 
mundes (an räö lögräöanda) kein Land verkaufen von der Größe 
^ines halben Hofes oder mehr, noch auch ein Godord, oder ein See- 
schiff, falls sie ein solches besitzt".*) Die ohne seine Zustimmung 
erfolgte Veräußerung darf der Geschlechts vorm und binnen Jahres- 
frist als ungültig anfechten, und der dritte Erwerber verfällt sogar 
der Landesverweisung, wenn er beim Abschlüsse des Vertrages von 
dessen Nichtein willigung Kenntnis hatte ; nur um den Unterhalt von 
ihr zu alimentierender Personen zu bestreiten, oder um Schulden zu 
bezahlen, darf das Weib, wenn ihm alle anderen Hilfsquellen fehlen, 
auch wider den Willen des Geschlechtsvormundes Land verkaufen; 
jedoch auch in solchem Falle nur um einen Preis, welcher dessen 
vollem Werte entspricht, und unter Vorbehalt eines dem Greschlechts- 
vormunde zustehenden Verkaufsrechtes. ') Beide Bestimmungen 
wollen augenscheinlich zunächst den W^eibern selbst gegen die Folgen 
jener „muliebris levitas" Schutz gewähren, welche ja auch das römi- 
sche Recht bei ihnen voraussetzen zu müssen glaubt; nicht minder 
unzweideutig tritt aber, wenigstens bei der zweiten, auch noch die 
weitere Rücksicht auf das Interesse der Verwandtschaft zutage, wie 
denn zumal das dem Geschlechtsvormunde eingeräumte Verkaufe- 
recht nur von diesem letzteren Gesichtspunkte aus sich erklären 
läßt Im übrigen gelten aber die Weiber auf rein vermögensrecht- 
üchem Gebiete so vollständig als handlungsfähig, daß sie sogar 
ebenso wie die Männer in Schuldhaft genommen werden können, 
wie denn die logskuldarkona in unseren Rechtsbüchern ebensogut 
genannt wird wie der lögskuldarmaör. *j Sogar auf Gebieten, auf 
welchen sich das öffentliche Recht mit dem Privatrechte berührt, 



*) Konüngsbük, 118.225; StaÖarholsbök, 59,69. 
*) Konungsbök, 152/45; StaAarhöIsbök, I4i;i74 und 390419. 
*) StaÖarhölsbük, 390 4I9 - 20. 

*) Konüngsbok, 15648; Staöarhölsbök, 145 177; vgl. auch Konungs- 
bök, I5S'53; StaÖarhülsbök, 156 185 und 105/194. 



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§ 5- Die Weiber. 8l 

macht sich dasselbe Prinzip geltend, wenn nur der vermögensrecht- 
liche Gesichtspunkt einigermaßen in den Vordergrund gerückt er- 
scheiilt. Zur Führung einer Altersvormundschaftz. B. konnten 
Weiber ganz ebensogut berufen werden wie Männer, weil ja das 
Recht auf deren Führung wesentlich unter den Gesichtspunkt eines 
nutzbringenden Anspruches gestellt war; nur war freilich die Fähig- 
keit zur Verwaltung eines fremden Vermögens bei Weibern ganz in 
derselben Weise an einen späteren Alterstermin gebunden, wie die 
Befähigung zur Verwaltung ihres eigenen Gutes, und überdies waren 
die Weiber auch hinsichtlich der Reihenfolge der Berufung zur Vor- 
mundschaft den Männern keineswegs völlig gleichgestellt Auch in 
Bezug auf die Armenpflege, dann in Bezug auf das Erbrecht, 
kehren Zurücksetzungen der letzteren Art wieder; von ihnen emp- 
fiehlt es sich indessen, zur Vermeidung von Wiederholungen, erst 
bei Besprechung dieser einzelnen Rechtsgebiete selbst zu handeln. 
Wiederum waren in strafrechtlicher Beziehung die Weiber 
den Männern prinzipiell gleichgestellt Ausdrücklich wird die Regel 
ausgesprochen: ,Jafnsek verör kona sem karlmaör, ef hon vegr karl- 
mann eör konu, eör vinnr ä, ok svä er um öU lagaafbrigöi maelt";^) 
wenn zwar die geächtete Frau während der Dauer ihrer Schwanger- 
schaft nicht getötet werden darf,*) und vielmehr im Widerspruche 
mit den sonst geltenden Rechtsgrundsätzen sogar bis zur Beendigung 
ihres Wochenbettes ungestraft verpflegt werden mag,*) so ist doch 
hierin keine Ausnahme von jener Regel, sondern nur eine jener 
zahlreichen Vergünstigungen zu erkennen, welche die sämtlichen 
germanischen Rechte den Weibern für die Dauer jenes Zustandes 
zu verwilligen pflegen. Der Grundsatz des altschwedischen Rechtes, 
daß Weiber und Unmündige niemals der Acht verfallen können, ist 
somit dem isländischen Rechte durchaus fremd; umgekehrt bestraft 
dieses aber auch das am Weibe begangene Verbrechen genau eben- 
so, wie wenn dasselbe an einem Manne begangen worden wäre. 
Allerdings wird dieser letztere Grundsatz nirgends in gleich allge- 
meiner Fassung ausgesprochen wie jener erstere ; aber es fehlt nicht 
an einzelnen Aussprüchen, welche dessen Geltung für bestimmte 
einzelne Fälle, wie z. B. den des einfachen Totschlages bezeugen, *) 
und überdies ergibt sich derselbe bereits mit voller Sicherheit aus 

') Staöarhölsbök, 318/350. 

f) Konüngsbök, 95/170— i; Staöarhölsbök, 297/336. 
*) Kooüogsbök, 161/59; Staöarhölsbök, 165/195. 
*) Staöarhölsbök, 318/350. 
Maar er, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 6 



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32 1*<^il I* I^i^ äufier« Erscheinung der VerwandtscbaA. 

der Tatsache, daß nirgends von einer besonderen Behandlung der 
an Weibern begangenen Verbrechen gesprochen wird, mit einziger 
Ausnahme einer einzelnen, bestimmt begrenzten Kategorie von Ver- 
brechen, welche unten noch des näheren zu besprechen sein wird. 
Doch sind die Weiber am Wergeide (niögjöld) sowohl aktiv als 
passiv grundsätzlich nicht beteiligt, was sich aus der ihnen fehlenden 
Waffenfähigkeit sehr einfach erklärt; die einzige Ausnahme von dieser 
Regel bildet, wie früher schon gelegentlich zu erwähnen war, die 
Tochter des Erschlagenen und beziehungsweise des Totschlägers, 
soferne diese als baugrygr den höfuöbaugr zu geben und zu nehmen 
hat, unter der doppelten Voraussetzung, daß sie noch unvermählt, 
und ihres Vaters einziges Kind ist^) Sehr beachtenswert ist aber, 
daß die Weiber zur gerichtlichen Vertretung der ihnen zu- 
stehenden Rechte nicht befähigt erscheinen, -) ein Satz, der zwar 
nirgends ausdrücklich ausgesprochen, aber allerwärts in unseren 
Rechtsbüchern stillschweigend vorausgesetzt wird, indem in allen 
Fällen, in welchen von Klagerechten der Weiber die Rede ist, stets 
nur von einem Einklagenlassen (scekja lata), oder von einem Über- 
tragen der Prozeßführung (selja sök) gesprochen wird, wobei in- 
dessen der VoUmachtsgeberin selbst in der Regel das Recht verbleibt 
zu bestimmen, ob und wie die Rechtssache geführt, und ob zumal 
in Strafsachen ein Vergleich eingegangen, oder nach strengem 
Rechte verfahren werden solle. So wird die Regel ausgesprochen, ") 
daß in Fällen eines gewaltsamen Angriffes (ählaup) oder einer ge- 
ringeren Verwundung (sär en minni) seine Witwe und eine minde- 
stens 20jährige Jungfrau selber zu bestimmen habe, ob sie jemanden 
mit der Sachführung beauftragen oder sich vergleichen wolle, voraus- 
gesetzt nur, daß sie nicht weniger als die legale Buße erhalte, wo- 
gegen das Klagerecht dem Geschlechtsvormunde (lögraöandi) anheim- 
fällt, wenn es sich um größere Wunden (sär en meiri) handelt, oder 
von dem Weibe die Sache lässiger betrieben wird. Ebenso stand 
es bezüglich der Klage um ein Liebesgedicht (mansöngr), welches 
jemand auf ein Weib gemacht hatte;*) war das Weib bereits 20 



*) Konüngsbök, 113/200—201. 

*) vgl. Theophil Wolff» Zur Geschichte der Stellvertretung vor Gericht 
nach Nordischem Recht, in der Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft, VI, 
S. 2—14. 

') Konüngsbök, 94/170 und als Referenz 168; StaÖarhölsbök, 336/364; 
Belgsdalsbök, $8 '245. 

*) Konüngsbök, 238/184; StaÖarhölsbök, 377/393. 



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§ 5- Die Weiber. gj 

Jahre alt, so stand die Klage zunächst ihr zu, während sie dem Ge- 
schlechtsvormunde (lögräöandi) zufiel, wenn sie die Klage nicht an- 
stellen lassen woUte. Ganz ebenso besteht es bezüglich der Klage 
wegen unerlaubten Küssens, Verführungsversuches, und aller ähn- 
licher Vergehen, so lange es nur nicht zum vollendeten Beischlafe 
kommt ;^) auch in derartigen Fällen hat also zunächst das Weib 
selbst, und eventuell erst ihr „lögräöandi" das Klagerecht, und es ist 
sicherlich nur zufällig, wenn dabei nur von einem Klagen, nicht 
Klagenlassen gesprochen wird. Allerdings wird uns dabei nicht ge- 
sagt, wie es mit der Vertretung der Weiber gehalten werden soUe; 
da jedoch für eine Reihe von Fällen ausdrücklich bestimmt wird, daß 
der Geschlechtsvormund nur dann zum Klagerecht berufen werden 
solle, wenn das Weib selbst von diesem keinen Gebrauch mache, so 
ist klar, daß nicht dieser von Rechts wegen zur Sachführung namens 
des Weibes berufen worden war, und daß somit dem Weibe die 
freie Wahl seines Vertreters im Prozesse zustand. So sehen wir denn 
auch in den geschichtlichen Quellen gelegentlich Weiber ihre Klagen 
durch selbstgewählte Vertreter vor Gericht bringen lassen, wie z. B. 
die Steinvör ihre Klage gegen porleifr hinn kristni wegen verweigerter 
Zahlung des Tempelzolles ; ^) die Unfähigkeit aber der Weiber, vor 
Gericht aufzutreten erweist sich sehr schlagend auch darin, daß in 
Fällen, in welchen jemand aus irgend einem Rechtstitel verpflichtet 
erscheint, die Geltendmachung eines eigenen Klaganspruches auf 
einen anderen zu übertragen, die Erklärung desselben, diese;5 Klag- 
recht nur dem berechtigten Weibe, aber sonst niemanden übertragen 
zu wollen, als Verweigerung der Übertragung gilt *) Übrigens gilt 
das Recht, sich den eigenen Vertreter selbst zu wählen, wie dies 
auch schon ein Teil der oben angeführten Stellen ausdrücklich hervor- 
hebt, nur für Witwen und für Jungfrauen, welche das 20. Lebens- 
jahr erreicht haben; für jüngere Mädchen hat der Altersvormund 
kraft eigenen Rechtes die Prozeßführung zu übernehmen, und in 
Bezug auf die Ehefrauen gilt der Satz: „büandi hennar verör aöili 
mala Jieirra allra, er hon var äör aöili at", *) d. h. der Ehemann tritt 
aktiv und passiv in die Führung aller Rechtssachen seiner Frau ein, 
und zwar, wie der Gebrauch des Wortes aöili zeigt, kraft eigenen 
Rechts und nicht vermöge einer von der Frau ausgehenden Ermäch- 



^) Konüngsbök, 155/47; StaÖarhölsbök, 144/176— 7. 

*) VäpnfirÖinga s., S. 10. 

*) StaÖarhölsbök, 106/136. *) ebenda, 167/199. 



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^A Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

tigung. Sogar für den Fall gilt dieses Recht des Mannes als be- 
gründet, wenn es sich um die Verfolgung, von Körperverletzungen 
handelt, welche einem Mündel der Ehefrau angetan,^) oder um 
Fleischesvergehen, welche mit einer weibUchen Angehörigen derselben 
begangen wurden ; *) nur freilich handelt es sich dabei immer nur um 
die Berechtigung zur Klage, nicht aber zum Bezüge derjenigen Bußen 
oder sonstigen Vermögensobjekte, welche den Gegenstand des Rechts- 
streites bilden. Ausdrücklich wird uns gesagt, daß die Ehefrau Bußen^ 
welche sie verwirkt, aus ihrem eigenen Vermögen zu entrichten 
habe;') da andererseits auch von Bußen die Rede ist, welche die 
Ehefrau neben ihrem Manne für die Tötung ihres Kindes, *) oder für 
die mit ihrer Tochter betriebene Unzucht erhält,*) ist klar, daß 
aktiv wie passiv der Bußbezug von der aöild geschieden, und nur 
die letztere auf den Mann übertragen wurde. Selbstverständlich 
wurde aber auch der Ehefrau wieder ein selbständiges Klagerecht, 
und die Befugnis, dasselbe durch einen selbstgewählten Vertreter 
geltend zu machen, zuerkannt, sowie es sich um eine rechtliche Aus- 
einandersetzung derselben mit ihrem Ehemanne selbst handelt Will 
7.. B. der Mann mit dem Vermögen seiner Frau durchgehen, so darf 
sie durch einen selbstgewählten Vertreter ihm die Abreise unter- 
sagen, und gegen ihn sowohl als gegen die Gehilfen bei seiner Flucht 
Klage stellen lassen. ^) Erlaubt femer der Bischof einem Weibe die 
Trennung von ihrem Manne, ohne daß doch eine eigentliche Schei- 
dung einträte, oder kommt es durch bösliches Verlassen der Frau 
seitens ihres Mannes zu einem ähnlichen Zustande, so ist die Frau 
berechtigt, auf die Herausgabe ihres Vermögens gegen den Mann 
klagen zu lassen. ') Dabei wird allerdings nicht ausdrücklich gesagt, 
daß sie berechtigt sei, sich ihren Vertreter selbst zu wählen, und an 
einer analogen Stelle wird sogar die Klagestellung ausdrücklich den 
Verwandten der Frau überwiesen ; *) indessen dürfte doch der Aus- 
druck der letzteren Stelle ungenau, und nur daraus zu erklären sein, 
daß tatsächlich regelmäßig einer der näheren Verwandten der Frau 
von ihr zur Führung ihrer Rechtssachen ausgewählt, und bei ihrer 



') StaÖarhölsbök, 340/366. *) ebenda, 167/199. 

•) Konüngsbök, 154/46; StaÖarhölsbök, 143/175. 

*) StaÖarhölsbök, 324/354; vgl. Konüngsbök, 95/171, wo freilich der 
Mann nicht genannt wird. *) StaÖarhölsbök, 140/173. 

•) Konüngsbök, 151/44; StaÖarhölsbök, 138/172. 
') StaÖarhölsbök, 168/200 und 171/204. 
*) Konüngsbök, 158/55; StaÖarhölsbök, 136/170— I. 



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§ 5- Die Weiber. 85 

Führung durch die übrige Verwandtschaft unterstützt zu werden 
pflegte, und schließt schon die Unbestimmtheit des Ausdruckes 
„fraendr" jedenfalls die Bezugnahme auf den „lögräöandi" aus. Eigen- 
tümlich ist übrigens noch die Stellung der Weiber zu den vigsakar 
aöild, d.h. zu der Erhebung der Blutklage in Totschlagsfällen, ge- 
regelt Es waren aber die Weiber in der ältesten uns verfolgbaren 
Zeit zu dieser zugelassen worden, was einigermaßen auffällig ist, weil 
die ihnen fehlende Waffenfähigkeit von vornherein ihre Ausschließung 
von der Blutklage erwarten ließe, wie sie denn auch wirklich von 
allem Anteile am Wergeide ausgeschlossen waren; man wird sich 
die Sache indessen immerhin durch die Annahme erklären können, 
daß, ähnlich wie bei der Altersvormundschaft, der Schwerpunkt auf 
die vermögensrechtliche Seite des Anspruches, also auf den Bezug 
der Totschlagsbuße, gelegt worden sei Durch ein besonderes Gesetz 
wurde aber ungefähr um das Jahr 994 sowohl den Weibern als den 
jungen Männern unter 16 Jahren jenes Recht entzogen, weil man 
die Erfahrung gemacht hatte, daß die in ihren Händen ruhenden 
Blutklagen nicht mit dem wünschenswerten Nachdrucke durchgeführt 
würden, *) und seitdem galt der Grundsatz: „alls hvergi hverfr vfgsök 
undir konu". *) Erkennbar bleibt übrigens die prinzipielle Berechti- 
gung der Weiber immerhin auch noch im späteren Rechte. Einmal 
nämlich verbleibt nach wie vor die Totschlagsbuße selbst dem Weibe, 
welches nach älterem Recht zur Blutklage berufen worden war, nur 
freilich mit Abzug eines Drittels ihres Betrages, welches an den nun- 
mehrigen Klageberechtigten fällt') Soweit ferner eine Rekusation 
von Richtern, Zeugen oder Geschworenen auf Grund ihrer Verwandt- 
schaft mit der Klagspartei in Frage steht, wird diese Verwandtschaft 
nach wie vor gegenüber der Person des bußberechtigten Weibes 
berechnet, nicht aber gegenüber der Person des klageberechtigten 
Mannes.*) Endlich steht die Klagsberechtigung auch nicht in allen 
Fällen den zunächst hinter dem Weibe berufenen männlichen Ver- 
wandten zu, sondern sie fällt unter Umständen an andere Personen,, 
welche ihren Anspruch lediglich von dem Weibe selbst abzuleiten 
vermögen ; so dem Ehemanne, wenn der Mündel seiner Ehefrau ge- 
tötet wurde,*) oder, wenn ein von einem Weibe als Gast aufge- 
nommener Fremder getötet wurde, dem rechtmäßigen Vertreter des 

*) Eyrbyggja, 38/69. *) StaÖarhölsbök, 297/335. 

•) ebenda, 324/354; feracr Konüngsbök, 95/171 uod Bclgsdalsbök,. 
59/245, welche letzteren beiden Texte freilich, doch wohl zufällig, des Abzuges nicht 
gedenken, *) Staöarhölsbök, 324/354. *) ebenda, 340/366. 



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36 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Weibes in seinen Dingpflichten, und eventuell dem Goden, zu dessen 
Dingverband dieses gehört^) Wenn demnach den Weibern, zwar 
bezüglich der Blutklage die aöild, und damit auch das Recht, den 
gerichtlichen Vertreter in der Führung der Sache sich selbst zu 
wählen, nach unserem Rechte entzogen ist, so bleibt ihnen doch 
immerhin noch ein nicht unbedeutender Überrest ihrer früheren Be- 
rechtigung auch in dieser Beziehung erhalten. 

Wenn nun die bisher besprochenen Zurücksetzungen der Weiber 
gegenüber den Männern ziemlich fragmentarischer Natur sind, und ein 
sie gemeinsam beherrschendes Prinzip kaum erkennen lassen, so ver- 
hält sich die Sache anders nach zwei anderen, unter sich in engerem 
Zusammenhange stehenden Richtungen, nämlich in Bezug auf das 
Verlobungsrecht und in Bezug auf die Verfolgung der Fleisches\^er- 
brechen. In Bezug auf das Verlobungsrecht zunächst galt im 
allgemeinen der Satz, daß kein Weib von einem Weibe verlobt 
werden könne, und daß demnach insbesondere auch kein Weib sich 
selber verloben dürfe; indessen erlitt diese Regel immerhin einzelne 
Ausnahmen. Zunächst durfte, wenn kein näherer Verwandter männ- 
lichen Geschlechts vorhanden war als ein brööir sammoeöri, die 
Mutter ihre Tochter verloben, und in Bezug auf diesen Fall wird der 
Satz ausgesprochen: „j)ar at eins fastnar kona konu";*) es ist nur 
eine Anwendung dieser Bestimmung, wenn Hallgerör Höskuldsdöttir 
ihre Tochter, l)orgerör Glümsdöttir, ihrerseits verlobt, obwohl der alte 
Höskuldr bei der Verlobung gleichfalls anwesend ist*) Weiterhin 
ist eine Jungfrau, deren Geschlechts\'ormund zwei an und für sich 
passende Bewerber um ihre Hand abgewiesen hat, den dritten zu 
nehmen berechtigt, wenn sich auch nur ein einziger ihrer Verwandten 
damit einverstanden erklärt, vorausgesetzt nur, daß sie mindestens 
20 Jahre alt ist, *) und in diesem Falle darf sie sich ausnahmsweise 
selbst verloben.*) Endlich gilt in Bezug auf Witwen nicht nur ganz 
dieselbe Bestimmung wie in Bezug auf die Jungfrauen, welche ihr 
20. Jahr erreicht haben, und zwar ohne daß in Bezug auf sie ihr 
Lebensalter irgendwie in Betracht käme, •) sondern es darf sich über- 



*) Konüngsbük» 97 173 vgl. mit 89 160— 61 und StaÖarhölsbök, 300/340; 
vgi. mit 289 322. 

•) Konüngsbök, 14429; StaÖarhölsbök, I18 155; Belgsdalsbök, 
4S 240. *) Njdla. 3451. 

*j StaÖarhülsbök, 119 156 und 125 162; Belgsdalsbök, 48/240—41. 

*) StaÖarhölsbök, 125,162; Belgsdalsbök, 48240 — 41. 

*} Konüngsbök, 144,29 — 30 und die in Anm. 31 angeführten Stdlcn, 



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§ 5. Die Weiber. Sj 

dies die geschiedene Ehefrau mit ihrem früheren Manne selbst wider 
den Willen ihres Geschlechtsvormundes neuerdings wieder verloben, 
wenn nur die Scheidung der Ehe nicht wegen Überhäufung der Ehe- 
leute mit alimentationsbedürftigen Verwandten erfolgt war, und auch 
keine Verwandtschaft oder Verschwägerung innerhalb der verbotenen 
Grade derselben im Wege steht. *) Nach einzelnen Angaben in ge- 
schichtlichen Quellen möchte es sogar scheinen, als ob das Recht 
der Witwen noch weiter gereicht hätte. Nach der Njäla verlobt sich 
Hallgerör Höskuldsdöttir nach dem Tode ihres ersten Mannes, des 
I)orvaldr Osvifsson, selbst mit Glümr Ölafsson, und zwar nicht nur 
in Anwesenheit und mit Zustimmung ihres Vaters und Vatersbruders, 
sondern auch mit Gutheißung des ausdrücklich befragten Gesetz- 
sprechers pörarinn Ragabrööir ; ^) bei ihrer dritten Verlobung mit 
Gunnarr Hämundarson verfährt dieselbe ferner nochmals in ganz 
derselben Weise, und zwar wiederum mit Zustimmung ihres Vaters 
und Vatersbruders. *) Die Laxdoela sodann läßt den Ösvifr gelegent- 
lich einer Werbung um seiner Tochter Guörün geradezu aussprechen, 
daß die Entscheidung bei dieser selbst stehe, da sie eine Witwe sei, 
wiewohl er selber allerdings in der Sache ebenfalls ein gewichtiges 
Wort mitzusprechen habe;^) die Witwe des DalakoUr, porgerör 
porsteinsdöttir, aber verlobt sich dem Herjülfr in zweiter Ehe gleich- 
falls selber, indem sie sich als Witwe hierzu berechtigt hält, und 
wenn zwar ihr Sohn erster Ehe, Höskuldr, diese zweite Ehe darum 
als ungültig behandelt wissen will, weil sie ohne seine Zustimmung 
eingegangen worden sei, so behauptet doch ihr Sohn aus der zweiten 
Ehe, Hrütr, gleichfalls deren Rechtsgültigkeit, indem seine Mutter 
voUkommen befugt gewesen sei, sich selber zu verloben.*) Auch 
gelegentlich der Verlobung der Guörün Ösvifsdöttir mit porkell 
Eyjülfsson zeigt dieselbe Sage, •) und gelegentlich der Verhandlungen 
über die Verlobung des Torfi mit der Witwe des Sigmundr zeigt 
die Vallaljöts saga ein gewisses Schwanken hinsichtlich des geltenden 
Rechtes, ') indem der Freier von der Mutter an ihre Söhne, und von 
den Söhnen an ihre Mutter verwiesen wird; wenn endlich nach einer 
weiteren Quelle die Witwe Droplaug wider den Willen ihres älteren 
Sohnes Helgi eine zweite Ehe eingeht, *) so mag dabei eine ähnliche 

*) Konüngsbök, 144/30; StaÖarhölsbök, I19/156. 
3) Njäla, 13/24. ») ebenda, 33/49. 

*) Laxdoela, 43/186. *) ebenda, 7/18 und 19/62. 

•) ebenda, 68/292—94. ') Vallaljöts s., 1/202. 

*) Droplaugarsona s., S. ii. 



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gg Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

unklare Anschauung über das der Witwe zustehende Recht im Spiele 
sein, obwohl in diesem Falle auch die andere Möglichkeit besteht, 
daß der jüngere Sohn, Grimr, sich für den Entschluß seiner Mutter 
erklärt haben könnte. Den bestimmten Ansprüchen der Rechts- 
bücher gegenüber bleibe allenfalls der Ausweg übrig, daß in der 
älteren Zeit den Witwen schlechthin das Recht, sich selbst zu ver- 
loben, zugestanden gewesen wäre, während die spätere Gesetzgebung 
dasselbe erst auf die oben erwähnten Ausnahmsfälle beschränkt hätte; 
indessen scheint doch auch eine derartige Annahme bedenklich, da 
die allgemeine Entwicklung des Weiberrechtes auf eine allmähliche 
Erweiterung, nicht auf eine allmähliche Schmälerung desselben hin- 
weist, und überdies zeigen die meisten der den Sagen entnommenen 
Stellen selbst eine so zweideutige und schwankende Haltung, daß 
man vielleicht richtiger eine andere Erklärung ihres Widerspruches 
mit den Rechtsbüchern aufsuchen wird. Nun wird sich zeigen, daß 
das norwegische Recht wirklich den Witwen schlechthin das Recht 
einräumte, sich selber zu verloben; da konnte nun leicht das nor- 
wegische Recht auf Island herübergewirkt und hier Zweifel über das 
geltende Recht veranlaßt haben, sei es nun, daß die Rechtsgültig- 
keit einer in Norwegen von einer isländischen Witwe eingegangenen 
Verlobung auf Island zu prüfen kam, wie dies bei der Ehe der 
pörgerör mit Herjülfr der Fall war, oder daß der spätere Schreiber 
oder Überarbeiter einer Sage durch das mittelst der Järnsida und 
Jönsbök nach Island verpflanzte norwegische Recht seine Darstellung 
der älteren Rechtszustände verwirren ließ. Wenn übrigens die Rechts- 
bücher außer den oben besprochenen keine weiteren Ausnahmsfälle 
kennen, in welchen Weiber sich selbst oder andere Weiber verloben 
dürfen, so können nach denselben Weiber doch immerhin noch in- 
sofeme Trägerinnen des Verlobungsrechtes werden, als sie, wenn 
verehelicht, diese Befugnis auf ihre Ehemänner hinüberleiten können. 
Über die Reihenfolge, in welchen die einzelnen Verwandten, und 
resp. die Ehemänner der weiblichen Verwandten zur Ausübung des 
Verlobungsrechtes berufen wurden, ist schon bei anderer Gelegen- 
heit das nötige mitgeteilt worden; hier mag dagegen noch bemerkt 
werden, daß der rechtmäßige Inhaber dieses Rechtes regelmäßig als 
„lögräöandi konu", seltener als „fastnandi konu" bezeichnet 
wird. Der letztere Ausdruck, eine Partizipialform des Zeitwortes 
fastna, d. h. festmachen, rechtsförmlich versprechen, insbesondere ver- 
loben, erklärt sich selber; der erstere dagegen, welcher sich in den 
Geschichtsquellen ebensogut gebraucht findet wie in den Rechts- 



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§ 5. Die Weiber. 89 

quellen, ^) und welcher in den ersteren allenfalls sogar von einer 
Witwe gebraucht steht, soweit sie als befugt betrachtet wird, sich 
selber zu verloben, ^) bedarf noch einer näheren Erläuterung. Das 
Zeitwort raöa wird aber nicht nur in der Bedeutung „raten", „be- 
raten", sondern auch in der Bedeutung „beschheßen", „verfügen", 
dann zumal auch „über etwas zu verfügen haben" gebraucht, und die 
Partizipialform räöandi, oder in verstärkender Zusammensetzung lög- 
raöandi, mag hiernach denjenigen bezeichnen, welcher über eine be- 
stimmte Person oder Sache ein gesetzliches Verfugungsrecht hat 
Wie man hiemach jede Vermögensverwaltung, gleichviel auf welchen 
Rechtstitel sie sich stützen mochte, als fjärforräö bezeichnete, so 
mochte auch der Ausdruck „lögräöandi fjärins" von demjenigen ge- 
braucht werden, welcher eine beliebige Vermögensmasse zu verwalten, 
und darum auch zum Zehnt einzuschätzen hat,*) gleichviel ob ihm 
diese Verwaltung als Eigentümer, als Altersvormund, als curator 
absentis oder in irgendwelcher anderen Eigenschaft zustehe. So wird 
denn auch insbesondere der Altersvormund gelegentlich als „lög- 
räöandi fjär enna üngo manna", *) oder selbst schlechthin als „lög- 
räöandi" bezeichnet ; ^) aber auch für das Godord wird ganz gewöhn- 
lich die Bezeichnung „mannaforräö" gebraucht, ganz wie man bei 
Königen von einem „räöa löndum", „räöa riki" u. dgl. sprach. Der 
Ausdruck lögräöandi scheint hiernach ursprünglich für jedes Gewalt- 
verhältnis über freie Personen ebensowohl wie über Sachen gegolten 
zu haben; während hinterher die einseitig vermögensrechtliche Aus- 
prägung der Altersvormundschaft für diese die Bezeichnung „fjärvarö- 
veizla" und für den Altersvormund selbst die Bezeichnung „fjärvarö- 
veizlumaör" gebräuchlicher werden ließ, scheint dagegen der Aus- 
druck „lögräöandi" erst hinterher jene beschränktere Geltung für 
denjenigen gewonnen zu haben, welchem jene persönliche, im Ver- 
lobungsrechte sich aussprechende Gewalt über Weiber zustand. 
Wie weit die von mir bereits mehrfach gebrauchte Übersetzung des 
Ausdruckes durch „Geschlechtsvormund" gerechtfertigt sei, mag einer 
späteren Erörterung vorbehalten bleiben; dagegen muß bereits hier 
die schwierige Frage noch etwas näher ins Auge gefaßt werden, 
wie weit das Verlobungsrecht selbst dem ihm unterworfenen Weibe 



') vgL z. B. Ljösvetninga s., 11/32. 

^) Laxdoela, 19/62: en Ilrütr let |)ä mö5ur sina lögräOandi. 

^) KonüDgsbök, 259/212; StaÖarhölsbök, 45/55. 

*) Konüngsbök, 4/17; StaÖarhölsbök, 14/19. 

*) Kooüngsbök, 4/17; StaÖarhölsbök, 14/20. 



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QQ Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

gegenüber reichte. Unsere Rechtsbücher sprechen sehr bestimmt 
aus, daß eine Witwe nur mit ihrer eigenen Zustimmung verlobt 
werden dürfe, es sei denn, daß sie ihr eigener Vater verlobe, dessen 
Wille schon für sich allein schlechthin maßgebend sei;') da Jung- 
frauen jedenfalls nicht freier gestellt sein konnten als Witwen, mög- 
licherweise aber ungleich strengeren Beschränkungen unterworfen 
sein mochten als diese, darf als sicher betrachtet werden, daß auch 
sie jedenfalls von ihrem Vater wider ihren Willen verlobt werden 
durften, während dahingestellt bleiben muß, ob ihnen gegenüber 
nicht vielleicht auch das Recht jedes anderen Geschlechtsvormundes 
ebensoweit reichte. Der Satz der Staöarhölsbök, daß selbst der 
Vater seine Tochter nicht zum Heiraten zwingen dürfe, wenn sie 
sich als Nonne weihen lassen wolle, *) bestätigt jedenfalls das dem 
Vater regelmäßig zustehende Zwangsrecht und steht selbst der An- 
nahme einer weiteren Ausdehnung desselben nicht im Wege; er 
gehört aber überdies augenscheinlich erst einer späteren Zeit an, 
wenn sich auch nicht mit Sicherheit bestimmen läßt, welcher. Vil- 
bjälmr Finsen hat zwar, unter Berufung auf des Finnus Johannaeus 
Historia ecclesiastica Islandise, IV, S. 77 und fgg. und S. 105 und fgg., 
darzutun gesucht, daß dieselbe in den Jahren 1189—1 210 entstanden 
sein müsse;*) indessen scheint mir seine Beweisführung keineswegs 
überzeugend. Allerdings nämlich ist richtig, daß das erste Frauen- 
kloster auf Island, das zu Kirkjuboer, im Jahre 1186 gegründet wurde 
und im Jahre 11 89 die Halldöra Eyjülfsdöttir als seine erste Äbtissin 
erhielt,*) daß dann aber nach dem Tode dieser letzteren (12 10)*) 
das Kloster eingegangen zu sein scheint, bis im Jahre 1293 eine 
neue Äbtissin namens Agatha für dasselbe geweiht wurde;*) es 
spricht hierfür nicht nur der Umstand, daß wir in der Zwischenzeit 
schlechterdings nichts von dem Kloster hören und daß insbesondere 
auch der in den Jahren 12 16 — 18 verfaßte mäldagi der Marienkirche 
zu Kirkjuboer von dem Bestehen eines Klosters daselbst keine Mel- 



') Koniingsbük, 144,29; Staj^ar holsbük« 119/156; HelgsdalsbOk, 
48240. 

•) Staöarhölsbök, 119 156. 

*j Annaler 1849, S. 208 — 9, Anm. ; vgl. auch Glossar, s. v. nunna, S. 655, wo- 
gegen ru bemerken, daß Hildr einsetukona „vigi lil nunnu** wurde durch Jon bp. 
Ögmundarson, Jons bps. s. 40194 und Jarteiuir, 2/204 *">d 3,205. 

*) fslenzkir Anndlar, h. a, 

*i ebenda, h. a,: (juÖraundar bps. s., 63502. 

•) fslenzkir Anndlar, h. a. 



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§ 5- Die Weiber. gl 

düng tut, ^) sondern auch die andere Tatsache, daß Digr helgi por- 
steinsson, welcher unter den Zeugen jenes mäldagi genannt wird 
und im Jahre 1234 — 35 starb, auf dem Hofe wohnte,*) und daß 
nach ihm sein Sohn Ögmundr, dann ein Priester Grimr Hölmsteinsson 
auf demselben hauste, ohne daß dabei eines Klosters gedacht würde,^) 
während des ersteren Tochter Arnbjörg wieder als Nonne bezeichnet 
wird.*) Richtig ist auch, daß das zweite Nonnenkloster auf der 
Insel, das zu Reynisstaör nämlich, gleichfalls erst nach dem Jahre 
^293 gegründet wurde; aber ein Schluß läßt sich aus diesen Daten 
dennoch nicht ziehen, da sich mit vollster Sicherheit erweisen läßt, 
daß auf Island nicht nur Klosterfrauen als „nunnur" bezeichnet wurden, 
sondern auch Einsiedlerinnen, wie solche bereits seit der ersten Hälfte 
des II. Jahrhunderts daselbst vorkamen, und daß auch bei diesen 
eine feierliche Einweihung beim Beginne ihrer frommen Lebensweise 
vollkommen üblich war. Wie es sich aber auch mit der dem Nonnen- 
tume verwilligten Begünstigung verhalten möge, fest steht jedenfalls, 
daß es in den Greschichtsquellen an Belegen für die Verlobung von 
Weibern ohne oder selbst wider ihren Willen keineswegs fehlt Der 
schon mehrfach genannte Höskuldr z. B. verlobt seine Tochter Hall- 
gerör dem porvaldr Ösvffsson, ohne sie um ihre Meinung zu fragen, 
was sie ihm freUich bitter übelnimmt;'^) porkell von Tünga verlobt 
seine Tochter Steingerör ganz gegen ihren Willen dem Hölmgöngu- 
Bersi, •) und noch in einer weit späteren Zeit wird von einer gewissen 
Ülfheiör Gunnarsdöttir gesagt: „hün er gipt nauöug";') ja Snorri 
goöi verlobt sogar seine verwitwete Schwester I)ürför mit I)öroddr 
skattkaupandi, ohne sich um ihre Neigung für einen ganz anderen 
Mann zu kümmern, ®) während doch Witwen nach den Rechtsbüchern 
in diesem Punkte freier gesteUt waren, u. dgL m. Selbstverständlich 
konnte es übrigens vorkommen, daß mehrere gleichnah verwandte 
Personen gleichzeitig zum Verlobungsrechte berufen waren. Ent- 
stand solchenfalls unter diesen eine Meinungsverschiedenheit, so 
sollte der ältere Bruder den Ausschlag geben, wenn es sich um, 
mehrere Brüder handelte, und wenn das Weib selbst keine eigene 



>) Diplom. Island. I, 99/394—95- 

«) Sturlünga, VII, 48/97; vgl. V, 50/188^ femer Islenzkir Anndlar, h.a. 

') Ar na bps. s., 2/680 und 12/696. 

*) Sturlünga, VII, 48/97. *) Njäla, 9— 10/17. 

•) Kormaks s., 7/58. 

') GuÖmundar bps. s., 2/409; Sturlünga, II, 39/109. 

«) Eyrbyggja, 29/50. 



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02 Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Meinung aussprach; dagegen sollte, wenn sie ihren eigenen Willen 
erklärte, die Stimme desjenigen unter den Verlobungsberechtigten 
durchdringen, welcher mit ihr übereinstimmte, falls anders die Partei 
eine ebenbürtige (jafnraeöi) war, und ebenso sollte es in allen Fällen 
gehalten werden, wenn die mehreren Verlobungsberechtigten nicht 
Brüder waren. *) 

Einer sehr eigentümlichen Behandlung sind sodann unter den 
Vergehen diejenigen unterstellt, bei welchen es sich um eine mehr 
oder weniger weit reichende Kränkung der weiblichen Ge- 
schlechtsehre handelt In derartigen Fällen konnte sich einer- 
seits leicht gegen das gekränkte Weib selbst der Verdacht einer 
Mitschuld erheben, und andererseits standen derartige Vergehen in 
einem engeren Zusammenhange mit dem Rechte des Geschlechts- 
vormundes, über die Verlobung seiner Pflegebefohlenen zu verfügen; 
von beiden Gesichtspunkten aus mußte man aber ganz gleichförmig 
zu einer ungleich weiter reichenden Berechtigung des Geschlechts- 
vormundes und allenfalls auch noch anderer Verwandter gelangen, 
als welche diesen bei anderen Verbrechen zugestanden wurde. Die 
Rechtsbücher behandeln die hierher gehörigen Übertretungen mit 
großer Ausführlichkeit, wogegen es hier selbstverständlich nur dar- 
auf ankommen kann, die maßgebenden Grundsätze in möglichster 
Kürze mitzuteilen, sofeme das Detail der Bestimmungen dem Straf- 
rechte zuzuweisen ist Es werden aber alle und jede Handlungen 
hierher gezogen, welche nur im entferntesten gegen die weibliche 
Schamhaftigkeit zu verstoßen scheinen, von dem Dichten eines 
Liebesliedes oder von dem einfachen Kusse angefangen bis hinauf 
zum Versuche der Notzucht,*) und galt in allen diesen Fällen die 
Regel, daß die Klagsberechtigung zunächst dem verletzten Weibe 
selber zustehe, dagegen ihrem Ehemanne oder Geschlechtsvormunde 
nur unter der Voraussetzung eingeräumt wurde, daß das Weib seiner- 
seits nicht klagt War es aber zum Beischlafe (legorö) selbst ge- 
kommen, so galt sofort der Geschlechtsvormund resp. Ehemann 
allein als klagsberechtigt, und an diesem Gesichtspunkte wurde so 
energisch festgehalten, daß man selbst für den Fall, da der bußbe- 
rechtigte Verwandte ein Mündel des geschwächten Weibes war und 



^) StaÖarhölsbök, 119/156; in der Konüngsbök, 144/29 scheinen einige 
Worte zu fehlen. 

«) Konüngsbök, 155/47 und 238.184; StaÖarhölsbök, 144/176— 77 und 
377/393; Belgsdalsbök, 50/241. 



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§ 5- Die Weiber. 93 

diesem letzteren somit kraft seiner vormundschaftlichen Gewalt die 
prinzipiell jenem gebührende Buße zuzufallen hatte, dem Weibe 
diesen Anspruch nicht zugestand.^) War das Verbrechen vollendet, 
so ging die Klage gegen den Schuldigen stets auf die strenge Acht, 
wenn es sich anders um ein freigelassenes und fest angesessenes 
Weib handelte, *) wogegen die Strafe bei unfreien nicht nur, sondern 
auch bei freigelassenen oder in Schuldknechtschaft begriffenen 
Weibern eine geringere war, und bei Bettelweibern auch wohl völlig 
wegfiel; immer war ferner mit der Straf klage noch der Anspruch 
auf eine Buße im Betrage von sechs Mark verbunden, welche dem 
Klagsberechtigten als solchem zufiel, *) und unter Umständen konnte 
mit der legorössök auch noch die eine oder andere weitere Klage 
verbunden werden, wie z. B. eine Paternitätsklage, oder eine Klage 
wegen widerrechtlicher Vergewaltigung. Ausnahmsweise konnte 
dabei auch vorkommen, daß das Recht auf den Bußbezug einer 
anderen Person zustand als die Klagsberechtigung, wie z. B. dann, 
wenn der Bußberechtigte noch minderjährig war, *) oder . wenn die 
Mutter an der Buße Anteil nimmt, welche durch die Kränkung ihrer 
Tochter verwirkt wurde;*) immer aber gilt die Regel, daß der 
Klag^berechtigte zwar befugt ist, dem Schuldigen im Vergleichs- 
wege die verwirkte Strafe nachzulassen, daß er aber auf die Er- 
legung jener Buße von sechs Mark unter keinen Umständen ver- 
zichten darf, vielmehr selber einer auf den gleichen Betrag gehenden 
Popularklage verfällt, wenn er sich beigehen läßt, beim Vertragsab- 
schlüsse weniger als diese Summe zu nehmen.®) Neben dem schul- 
digen Manne konnte der Klagsberechtigte überdies auch noch in 
gewissem Umfange das mitbeteiligte Weib in Anspruch nehmen, 
und zwar letzteres in zweifacher Richtung. Fürs erste nämlich war 
der Geschlechtsvormund eines unverehelichten Weibes, welches sich 
schwanger erwies, berechtigt zu fordern, daß sie ihm den Kindsvater 
nenne und den Ort bezeichne, an welchem sie sich mit diesem ein- 
gelassen habe; ') verweigert sie diese Angabe, so mag er sie insoweit 

») Konüngsbök, 161/59 und 127/249; SlaÖarhölsbök, 165/194 — 5; 173/ 
207 und 74/99. 

•) Konüngsbök, 155/47 — 8; StaÖarhölsbök, 144/177. 

•) vgl. z. B. Konüngsbök, 157/51—52; StaÖarhölsbök, 154/183. und die 
KJagformel ebenda, 166/198-99. 

*) StaÖarbölsbök, 172/207 und 173/207. 

*) ebenda, 140/173 und 143/176. 

^ Konüngsbök, 156/51; SlaÖarhölsbök, 153/183 und 169/202—3. 

') Konüngsbök, 161/58 und 59, dann 157/52 und 158/54, wo sich Referenzen 



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gA Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

der Tortur unterwerfen, ak dies geschehen kann, ohne ihr einen 
bleibenden Schaden zu hinterlassen. Fürs zweite aber kann der Gre- 
schlechtsvormund auch von dem Weibe selbst eine Buße von sechs 
Mark eintreiben, falls überhaupt irgend eine Mitschuld desselben 
vorliegt, und er darf sie sogar für diesen Betrag in Schuldhaft 
nehmen;') eine noch weiter gehende Bestimmung aber, kraft deren 
Weiber wegen fleischlicher Vergehen unter gewissen Voraussetzungen 
sogar ihre Erbfähigkeit einbüßen sollten,^) wurde hinterher abge- 
schafft') Endlich mag hier noch daran erinnert werden, daß in 
Unzuchtsfällen den nächsten Angehörigen in gewissem Umfange 
blutige Rache zu nehmen gestattet war, und zwar bis zum nächsten 
Alldinge, wenn das Verbrechen vollendet worden war, dagegen nur 
auf frischer Tat, wenn es beim bloßen Versuche verblieben war; 
diese Befugnis stand aber, wie früher schon zu bemerken war, nicht 
bloß dem Geschlechtsvormunde zu, und andererseits auch nicht jedem 
Geschlechtsvormunde, sondern nur dem Ehemanne, dem Vater, Sohn 
und Bruder, endlich dem Pflegevater und Pflegesohne des gekränkten 
Weibes.*) Doch ist dabei für den Fall, da ein anderer Mann als 
der legorössakar aöili die Rache geübt hat, und da dieser letztere 
die ihm zunächst zukommende Klage nicht anstellen will, dem 
ersteren das Recht eingeräumt, die zu seiner Verteidigung nötige 
Klage auf den toten Mann nun seinerseits anzustellen und alles zu 
deren Durchführung Nötige durchzuführen, wie wenn er selber der 
rechte Kläger wäre. 

Sehr erheblich waren hiemach die Zurücksetzungen immerhin, 
welchen das isländische Recht die Weiber um ihres Geschlechtes 
willen unterwarf. Völliger Ausschluß von allen und jeden politischen 
Rechten, späterer Eintritt der Befähigung zur Verwaltung des eigenen 
sowohl als eines fremden Vermögens, und die auf alle Zeit sich er- 
streckende Notwendigkeit eines verwandtschaftlichen Konsenses zur 
Veräußerung gewisser wichtigerer Vermögensstücke, Unfähigkeit zur 
eigenen Vertretung vor Gericht, und in der späteren Zeit auch noch 
völlige Ausschließung von der vigsakar aöild, neben einer nahezu 
völligen Ausschließung von aller aktiven wie passiven Beteiligung 



finden; ebenso StaÖarhölsbök, 153/182 — 3, dann 165/194 und 169/201 — 2, wo 
wieder bloß Referenzen stehen. 

*) Konüngsbök, 158/53; StaÖarhölsbök, 156/185 und 165/194. 

«j Konüngsbök, 127/249; 157/51- 

») StaÖarhölsbök, 78/101; AM. 315. fol. B, 3/288. 

*) Konüngsbök, 90/164 — 65; StaÖarhölsbök, 293/331. 



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§ 5. Die Weiber. 95 

an den niögjöld, Zurücksetzung in der Berufung zur Erbfolge, Alters- 
vormundschaft und Armenpflege, endlich Unterwerfung unter ein 
fremdes Verlobungsrecht, sowie unter das Klagerecht eines Dritten 
wegen legorössakir, das sind die Punkte, in welchen sich jene Zurück* 
Setzung sehr deutlich ausspricht Dabei ist aber nicht zu verkennen, 
daß die verwandtschaftlichen Rechte, welche diesen Zurücksetzungen 
der Weiber gegenüber stehen, vom Rechte keineswegs sämtlich in 
eine und dieselbe Hand gelegt waren, und daß somit eine scharf 
ausgeprägte, und in sich völlig abgerundete Geschlechtsvormundschaft 
nicht bestand, vielmehr die Stellung der Weiber zufolge der Zer- 
splitterung der ihnen gegenüberstehenden Rechte sich ungleich freier 
gestaltete, als sie dies bei einer Konzentrierung jener Befugnisse hätte 
werden können. Die legorössakaraöild freilich lag stets in derselben 
Hand wie das Verlobungsrecht, und wird diese Regel sowohl aus- 
drücklich ausgesprochen, ^) als auch durch die Angabe der Reihen- 
folge der zu beiden Rechten Berufenen bestätigt;^) wenn demnach 
die Konüngsbök an der einen ihrer hier anschlägigen Stellen den 
Vater vor dem Sohne und Schwiegersohne in die legorössakaraöild 
beruft, *) während er hinsichtlich des Verlobungsrechtes diesen folgt, 
so kann hierin, wie dies die übereinstimmenden Angaben einer 
zweiten Stelle derselben Hs., sowie der Staöarhölsbök und der Belgs- 
dalsbök zeigen, nur eine Textesverderbnis erkannt werden, welche 
allenfalls durch eine an die unrechte Stelle zu stehen gekommene 
Korrektur veranlaßt sein konnte. Dem lögräöandi fiel aber unter 
Umständen auch die Klagestellung wegen eines gewaltsamen An- 
griffs auf das Weib, oder wegen einer Verwundung eines solchen zu, 
sei es nun, weil es sich um eine schwerere Verwundung handelte, 
oder weil das primär klagberechtigte Weib selber die Sache zu lässig 
betrieb;*) ihm stand ferner auch die Befugnis zu, die Zustimmung 
zu Veräußerungsgeschäften des Weibes zu erteilen oder zu verweigern, 
soweit dieses überhaupt an einen verwandtschaftlichen Konsens ge- 
bunden war, und ihm kam das Einstandsrecht zu, falls eine derartige 
Veräußerung wegen ehehafter Not vorgenommen werden mußte.*) 



») Konüngsbök, 156/48; Staöarhölsbök, 145/177. 

■) vgl. die soeben angeführten Stellen und aufierdem Konüngsbök, 254/203 
mit 144/29 und Staöarhölsbök, 1 18/155, sowie Belgsdalsbök, 51/24 mit 48/240. 

») Konüngsbök, 156/48. 

*) Konüngsbök, 94/170; Staöarhölsbök, 336/364; Belgsdalsbök^ 
58/245. 

*) Konüngsbök, 152/45; Staöarhölsbök, 141/174 und 390/419—20. 



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g6 Teil I. Die äufierc Erscheinung der Verwandtschaft. 

Aber schon das ist nicht vollkommen richtig, wenn gelegentlich ge- 
sagt wird, daß die legorössakaraöild stets demselben Verwandten 
zustehe wie die vigsakaraöild; *) die Vergleichung der Reihenfolge 
für die Berufung in diese letztere zeigt nämlich, -) daß diese Regel 
wenigstens für die Zeit, welcher unsere Rechtsbücher angehören, 
keineswegs vollkommen zutreflfend ist, sofeme die vngsök nicht nur 
dem Weibe, sondern auch dem Ehemanne eines solchen der Regel nach 
nicht anheimgegeben wurde, während doch der letztere in die legorös- 
sök ohne weiteres berufen war. Immerhin bleibt indessen hier noch 
die Möglichkeit, daß jener Satz für eine frühere Zeit richtig war, in- 
dem ja möglicherweise auch bei der legorössakaraöild und bei dem 
Verlobungsrechte die Zulassung der Ehemänner in Vertretung ihrer 
Frauen erst in späterer Zeit aufgekommen sein mochte. Wiederum 
steht fest, daß auch die Berufung zur Altersvormundschaft nach 
mehrfach anderen Grundsätzen sich regelte, als die Berufung zum 
Verlobungsrechte und zur Klagestellung wegen Unzuchtsverbrechen, 
indem sie ebensogut wie die Berufung zur Erbfolge Weiber eben- 
sogut treffen konnte wie Männer, wenn auch nicht gerade schlecht- 
hin in derselben Weise wie diese; die mehr vermögensrechtliche 
Gestaltung der Altersvormundschaft scheint in dieser Beziehung maß- 
gebend gewesen zu sein, ganz wie der gleiche Grund in der älteren 
Zeit auch die Zulassung der Weiber zu der vigsakaraöild bewirkt 
hatte, und wie später noch bei der vigsök, und in einzelnen Fällen 
auch bei der legorössök, zwischen dem Bußanspruche und der Klags- 
berechtigung unterschieden, und der ersteren Person zugestanden 
wurde, welchen die letztere entzogen war, nur freilich mit dem, auch 
in anderen ähnlichen Fällen üblichem Abzüge eines Drittels des 
Bußbetrages, welcher dem wirklichen Klagsberechtigten verblieb. 
Ungesagt bleibt, wem die Verwaltung des Vermögens einer Jung- 
frau zustand, welche das i6. Lebensjahr überschritten und das 20. 
noch nicht erreicht hatte; indessen darf die Frage doch wohl zu- 
gunsten des Altersvormundes entschieden werden, da außerdem des 
dem lögräöandi zustehenden Rechtes, ihm die bisher von ihm ge- 
führte Vermögensverwaltung abzunehmen, doch wohl ausdrücklich 
gedacht sein müßte. Berücksichtigt man endlich noch, daß in allen 
Rechtssachen, in welchen die aöild dem Weibe selber zustand, dessen 



*) Konüngsbök, 254/203; StaÖarhölsbök, 145/177. 

*} Konüngsbök, 94/167 — 68; StaÖarhölsbök, 297/334—5; Bclgsdals- 
bök, 56/244. 



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§ 5- Die Weiber. 97 

Vertretung einem frei gewählten Bevollmächtigten übertragen werden 
konnte, so ist vollends klar, daß von einer einheitlich gestalteten 
und in sich abgeschlossenen Geschlechtsvormundschaft im isländi- 
schen Rechte, so wie es uns vorliegt, nicht gesprochen werden 
konnte. Nur das Verlobungsrecht des lögräöandi mochte sich dem 
Weibe unter Umständen empfindlich fühlbar machen; im übrigen 
aber war die Stellung des letzteren im privatrechtlichen Verkehre 
sicherlich eine wenig drückende. Eine andere Frage ist aber frei- 
lich die, wie wir uns die prinziplose Behandlung der Weiber in 
diesem Rechte zu erklären haben, ob nämlich aus einer späteren 
Zersetzung einer früheren folgerichtig ausgebildeten Geschlechtsvor- 
mundschaft, oder aus dem erst nach und nach sich geltend machen- 
den Bestreben, zu einer solchen zu gelangen ; die Beantwortung dieser 
Frage ist indessen von einer vorgängigen Prüfung des Verhaltens 
der norwegischen Provinzialrechte abhängig, und muß darum ihre 
Krörterung einem späteren Orte vorbehalten bleiben. 

Von ganz ähnlichen Gesichtspunkten wie das ältere isländische 
läßt sich auch das ältere norwegische Recht bei Behandlung 
der Weiber leiten. Auch dieses hält zunächst auf dem Gebiete des 
öffentlichen Rechts an dem Prinzipe ihrer AusschUeßung von 
aller und jeder Berechtigung fest Ausgeschlossen erscheinen dem- 
gemäß die Weiber vor allem von der Thronfolge. Schon die Thron- 
folgeordnung des K. Haraldr härfagri spricht diesen Grundsatz aus ; ') 
nicht minder folgt ihm aber auch das Thronfolgegesetz, welches 
Erh'ngr jarl mit Erzbischof Eysteinn vereinbarte (1164),^) dann das 
von K. Häkon gamli (1260),*) und das von K. Magnus lagaboetir 
erlassene Thronfolgegesetz (1273). *) Erst die von K. Häkon Magnus- 
sen im Jahre 1302 erlassene Thronfolgeordnung eröffnete auch den 
Weibern unter gewissen Beschränkungen die Thronfolge ; *) aber wenn 
es überhaupt jemals in rechtsgültiger Weise zustande kam, gewann 
dies Gesetz doch jedenfalls keinen bleibenden Bestand, so daß es 
auch für die spätere Zeit bei der Ausschließung der Weiber blieb, 
und überdies fällt dasselbe jedenfalls über die hier zu betrachtende 
Periode hinaus. Weiber erscheinen ferner prinzipiell vom Zeugnisse 
ausgeschlossen, und die Ausnahmsfälle sind eng begrenzt, in welchen 



*) Heimskr. Haralds s. hdrfagra, 35/74. 

*) G^L. 2. ') Järnsiöa, Krb. 3—4; neuerer GfKrR. 4—5. 

*) Landslög, Krb. 3 — 6 usw. 
*) Norges gamle Love, III, 14/45 — 55. 
Maarer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 7 

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q8 Teil I. Die äufiere Erscheinang der Verwandtschaft 

sie zu diesem zugelassen werden. Dies ist der Fall bezüglich der 
Aussage, welche ein Weib während der Geburt eines unehelichen 
Kindes über die Person seines Vaters macht, wobei das Zeugnis der 
Hebamme überdies doppelt so viel gelten soll als ein einfaches 
Zeugnis ; *) femer bezüglich des Tatbestandes einer aettleiöing, d. h. 
der Legitimation eines unehelichen Kindes ; *) endlich auch bezüglich 
der Behauptung eines Totschlägers, daß er den Erschlagenen auf 
unzüchtigem Verkehre mit einer seiner nächsten Angehörigen ertappt 
habe,*) sowie bezüglich eines Totschlages, der in rechter Heim- 
suchung begangen worden sein soll *) Aber freilich werden in dem 
zuletzt genannten Falle auch Unfreie neben Freien, 8jährige Kinder 
neben Erwachsenen zum Zeugnisse zugelassen, ganz wie in Notzuchts- 
fällen allenfalls auch schon ein 3 jähriges Kind gerichtlich vernommen 
wird, *) und überhaupt scheinen die sämtlichen aufgezählten Fälle so 
gelagert, daß es sich dabei weniger um ein formelles Zeugnis als um 
die Konstatier ung von Indizien für die Begehung eines seiner Natur 
nach schwer nachweisbaren Verbrechens, oder auch um den Beweis 
von Vorgängen handelt, welche Weibern ganz vorzugsweise bekannt 
werden müssen. Ebenso wird auch bei Besprechung der Eideshilfe 
nicht selten das männliche Geschlecht beiläufig als Erfordernis be- 
zeichnet, ®) und auch zu ihr werden Weiber nur in ganz vereinzelten 
Fällen zugelassen, wie etwa wenn es gilt ein Weib gegen die Be- 
schuldigung der Hexerei zu verteidigen ; ') daß aber in derartigen 
Fällen nicht öfter und nicht in bestimmten Worten der ausschließ- 
lichen Berechtigung der Männer gedacht wird, daß femer nirgends 
ausdrücklich gesagt wird, daß Weiber nicht als Beamte verwendet 
werden, und daß sie nicht als Richter in den Dinggerichten oder 
Privatgerichten sitzen dürfen, erklärt sich ebenfalls wieder teils aus 
der Doppelsinnigkeit des Wortes „maör", und teils aus dem anderen 
Umstände, daß gerade das im Volksbewußtsein am festesten Be- 
gründete am wenigsten ausgesprochen zu werden brauchte. 

Auf vermögensrechtlichem Gebiete stellt ferner auch 
das norwegische Recht die W^eiber den Männern grundsätzlich gleich, 
und es weiß sogar nichts von den Ausnahmen, welche das isländische 
Recht von dieser Regel macht Es ist denmach ^orab, wie oben 

»1 B^L. II, 14; III, la 

*' FrI>L. IX. 1. ») ebenda. IV, 39. *) ebenda, 5. 

^) Bi>L. n, 13; m. 9. 

•• r. B. GI)L. 135; Fr|>L. IV, 8; XV, II n. dgl. m. 
^ GI)L. 28; KrR. Sverris, 7S. 



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§ 5- Die Weiber. g^ 

schon bemerkt, der Volljährigkeitstermin für beide Geschlechter voll- 
kommen derselbe; die FrI)L. sagen ausdrücklich/) die Schwester sei 
zur Güterpflege ebensogut berufen wie der Bruder, sowie sie erst 
das 15. Jahr erreicht habe, und wenn die GI)L. ohne das entschei- 
dende Jahr zu nennen bemerken, ^) die Mädchen sollten die Ver- 
Tvaltung ihres eigenen Vermögens sowohl als eine fremde Güterpflege 
sofort nach erreichter Volljährigkeit übernehmen, so will damit 
zweifellos genau dasselbe gesagt sein. So wird denn auch das Recht 
der eigenen Vermögensverwaltung den Weibetn genau ebensolange 
gewährleistet als den Männern, nämlich auf so lange, als sie sich in 
ihrem Hochsitze aufrecht zu. halten vermögen.*) Endlich ist auch 
von keiner den Weibern eigentümlichen Beschränkung der Ver- 
äußerungsbefugnisse, sei es um Liegenschaften oder anderen Gegen- 
ständen gegenüber die Rede. Beschränkungen hinsichtlich der Werte, 
über welche sie verfügen dürfen, sind nur den Ehefrauen gesetzt,*) 
und fallen somit unter einen ganz anderen als den hier maßgebenden 
Gesichtspunkt; daß aber in Bezug auf liegende Güter keine die 
Veräußerungsgeschäfte der Weiber beschränkende Vorschrift nötig 
befunden wurde, wie das isländische Recht sie kennt, mag mit der 
eigentümlichen Gestaltung des norwegischen Stammgüterrechtes zu- 
sammenhängen, welche dem isländischen Rechte fremd ist Doch 
muß bemerkt werden, daß das norwegische Recht zwar, wie das is- 
ländische Recht, die Schuldhaft auf Weiber wie auf Männer anwendet; 
daß es jedoch den ersteren die Ergebung in dieselbe nur mit Zu- 
^mmung ihrer Verwandtschaft gestattet,^) so daß in dieser Bezie- 
hung das norwegische Recht die Weiber, zu ihrem Vorteile, einer 
Beschränkung unterwirft, von welcher das isländische Recht nichts 
i9veiß. Im Erbrechte setzt das norwegische Recht freilich die 
W^eiber ebensogut wie das isländische den Männern gegenüber zurück; 
indessen gewährt es ihnen doch auch seinerseits prinzipiell die Teil- 
nahme an der Erbfolge. Besonders energisch macht sich übrigens 
jene Zurücksetzung der Weiber in Bezug auf die Stammgutsfolge 
geltend, indem die Weiber nicht nur bei gleicher Nähe der Verwandt- 
schaft hinter die Männer zurückgestellt, und allenfalls auch nur inner- 
halb gewisser näherer Grade der Verwandtschaft berufen werden, 
sondern ihnen überdies auch noch, soweit sie wirklich in Stammgüter 



») Fr^L. IX, 23. «) G^L. 128. 

•) FrI)L. IX, 20; BjarkR. III, 165. 
*) GJL. 56; FrI)L. XI, 22. ») G^L. 71. 

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lOO Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

sukzedierten, diese durch die nächstverwandten Männer um einen 
bestimmten billigen Preis abgelöst werden konnten; nur die baug- 
rygjar, über welche bereits bei einer früheren Gelegenheit das nötige 
gesagt wurde, waren diesem Einlösungsrechte nach den GpL. nicht 
unterworfen, ^) und es mag ja wohl ein Zufall sein, daß die FrpL 
derselben im Stammgüterrechte nicht gedenken, während deren Wer- 
geldstafel doch ebenfalls von ihnen Meldung tut Beachtenswert ist 
demgegenüber, daß Weiber ebensogut wie Männer eine aettleiöing 
vornehmen durften, ^ wenn auch, wenigstens nach den FrpL., ') da- 
bei die Einschränkung galt, daß Männer nur durch Männer und 
Weiber nur durch Weiber legitimiert werden durften; daß ferner 
Weiber bei Vergabungen, die doch vorwiegend auch unter einen 
erbrechtlichen Gesichtspunkt fallen, nach den FrpL. in Bezug auf 
den Widerruf freier gestellt waren als die Männer, indem ihnen 
dieser zweimal, diesen dagegen nur einmal freistand.*) Genau die- 
selbe Zurücksetzung der Weiber wie bei der gewöhnlichen Erbfolge 
galt femer auch bei der Altersvormundschaft, sofeme hier 
wie dort die Reihenfolge der Berufung genau dieselbe war;*^) aus- 
drücklich wird dabei die Regel ausgesprochen, daß von dem nach 
dieser Reihenfolge Berufenen die Vormundschaft ganz gleichmäßig 
übernommen werden sollte, „hvort sem haldsmaör verör karlmaör 
eör kona", ®) oder daß „svo er systir komin til fjärhalds sem brööir, 
ef hon er 15 vetra gömul".') Von einer Ausschließung der Weiber 
von der Anstellung der Blutklage findet sich dagegen im nor- 
wegischen Rechte keine Spur, und da dieselbe auf Island erst in 
späterer Zeit durch einen bestimmt nachweisbaren Akt der Gesetz- 
gebung eingeführt wurde, ist dies auch nicht anders zu erwarten; 
dagegen erscheinen auch in Norwegen die Weiber von aller Teil- 
nahme am Wergeide ausgeschlossen, soweit nicht der in den 
GpL. und FrI)L. etwas verschieden begrenzte Begriff der baugrygjar,^) 
und was das erstere Rechtsbuch betrifft, überdies auch noch der 
Begriff der kvenngjafir reichte. *) Im übrigen geht das norwegische 
Recht in strafrechtlicher Beziehung zwar ganz wie das is- 
ländische von dem Grundsatze aus, daß die Weiber mit den Männern 
gleich zu behandeln seien; indessen zeigt dasselbe doch diesen 



*) GI)L. 275. «) ebenda, 58. 

^ Kr|)L. IX, 21. *) ebenda, 3—4; G|>L. 107. 

») GI)L. 115; FrI)L. IX, 22. «) GJL., ang. O. 

') FrJL. IX, 23. ^) GI>L. 275; PrjL. IV, 4. 

•) GJL. 221 und 245. 



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§ 5. Die Weiber. lOl 

Grundsatz nicht mit der gleichen Folgerichtigkeit durchgeführt, viel- 
mehr durch mehrfache Spuren einer völlig abweichenden Anschau- 
ungsweise durchbrochen. Das altschwedische Recht spricht kurz 
und bündig die Regel aus, „aei ma konae aellr owormaghi fri|) flyae",') 
und läßt das Weib wie den unmündigen Mann des Königs e[)zsöre 
nicht brechen, weil „han ma egh biltugha vara";^ es bestimmt 
ferner, daß ein Weib, außer wegen Zauberei, weder geköpft noch 
gehängt werden dürfe, „^y at konae aer ovormaghi".^) Dem gegen- 
über folgte das isländische Recht dem gerade entgegengesetzten 
Prinzipe: ,jafnsek verör kona sem karlmaör", *) während es gegen 
einen Minderjährigen, welcher diesen Totschlag begangen hatte, nicht 
auf Acht erkennen ließ, wenn auch die vfgsböt und die niögjöld er- 
legt werden mußten wie bei jedem anderen Totschlage.*) In den 
norwegischen Rechtsbüchem finden wir nun die Bestimmung, daß 
ein Weib, welches einen Totschlag begeht, geächtet und von ihren 
Verwandten aus dem Lande gebracht werden soll, jedoch nur dann 
von der Verwandtschaft des Erschlagenen getötet werden darf, wenn 
sie nicht binnen gesetzter Frist das Land verläßt;*) im unmittel- 
baren Zusammenhange hiermit wird ferner ausgesprochen, daß auch 
der Minderjährige, welcher einen Totschlag begeht, binnen gesetzter 
Frist von seinen Verwandten außer Lands gebracht werden soU, 
wobei dann sein Vermögen ihm verbleibt und die Verwandtschaft 
für seinen Unterhalt im Auslande zu sorgen hat, wogegen er mit 
allem seinem Gute der Acht verfällt, wenn er die ihm zur Flucht 
verstattete Frist unbenutzt verstreichen läßt, oder doch mit der ge- 
wöhnlichen Buße von 40 Mark von der Acht sich freikaufen muß.') 
Nur in dem Falle, da eine Ehefrau ihren eigenen Mann darum tötet 
oder töten läßt, weil sie sich mit einem anderen eingelassen hat 
oder einzulassen gedenkt, wird sie sofort der blutigen Rache und 
ihr Vermögen dem Verfalle an den König und die Verwandtschaft 
des Erschlagenen überantwortet, wogegen sie selbst in dem Falle^ 
da sie ihren Mann in der Hitze des Zornes getötet hat, nur außer 
Lands gehen und nach billiger Schätzung Buße zahlen soll, aber 
nach dem Rate des Erzbischofes und gegen Erläge des skögarkaup 



*) ULL., Kununxb. 8. ') ÖGL., EJizsörc, 15. 

») WGL. I, I)iuu3eb. 5/2; II, Jiufuab. 33. 

*) StaÖarhölsbök, 49/89. 

*) Konüngsbök, 91/166 und 113/194; StaÖarhölsbök, 3263. 

•) GJL. 159; FrJL. IV, 33; BjarkR. II, 51 und III, 97. 

^ GI>L. 159; FrJL. IV, 34; BjarkR. II, 49 und 51; III, 97. 



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I^^Xj Teil I. Die üufiere t^lrschemimg der VerwandtschafL 

JLU den König unter Umständen sogar wieder nach einiger Zeit ins 
l.4XKi zurückkehren darf. M Die Gleichstellung der Weiber mit den 
Miuvienahri^n wird demnach hier ganz ebensogut festgehalten, wie 
in den schweiiischen Rechtsbüchem, während das isländische Recht 
^ falten gelassen hat; dagegen zeigt sich bei beiden nicht mehr 
die Befreiung von der Acht >»*ie sie diese ihnen gewähren und wie 
5^"^ dvi5 islandische Recht wenigstens noch beim Minderjährigen fest- 
halt nwh auch die volle Unterwerfung unter dieselbe, wie sie dieses 
k totere Ixn den WeiU^m kennt; Welmehr wird für beide ein Mittel- 
ue^ eii\$:eschlai^n. auf welchen sich die Bezeichnung Acht ebenso- 
j^ut anwetuien licÄ wie die Gl^L^ oder nicht anwenden, wie die 
Kr^4* es Um* Gaur wie die KrJ^L einen Mann, der unversehens 
lyriiv. HvhtVacn einen Kameraden totlich \-erwundet hat innerhalb 
dvrÄ- '„vu Frist und «war i:leichfalls mir Erhaltung seines Vermögens, 
a;i;.vr laiivis ^chcu hei;?t. ^ w.ihreod die GJ^L-, einen etwas anderen 
\Vc^ eui>\ Moi^euvt m .ihtuichcn Fallen ;war das vcUe Wergeid, aber 
kc:n Fnev:eu<^Id entrichten lasj^eo. * sc^ honödi es sich sichtlich 
a^c:i u\ vicu vvn^en Falle in?, Gr^nce nicht um den Vollzug der 
mvv'.chc« Ach:, sonclcm vielmehr nur n.vh um das doppelte Be- 
>c*v\xnv c:ucr^";ts den xx-rcrcitea Ge*\*ii!e otfr Verwandtschaft des 
r :>vv. ^cwt^ v:aourv\i Recrr.j'^ xu tra^ec. cas r=aa den Totschläger 
ih. v:^ i^ ,ckvÄ ei'.cr.v hL u •:>: A;rucrer5e:ts -hn selchst voc Jeder Rache- 
hav . ^: s;x.vr stc l:, :^ >fccL,tcr .'-:^r>^r Sicz etTra hrrtreiiea lassen 
kvv ^N ,\ >' *v •:: .x SC-".' *: ;.^ c-" \^ — '--"n;!-*'^;!:: Bescr m m uggen der 
,\vM'*o^-^v"c* XvX^^C,..^x•^ e: :e N<:^cr-,\^ v-c:ulje:p;tx ccrcii welche 
X c a ^^ v * ", '. ^vv.: cc- W v_x- - c jle a-s ihr SLch ergebende 
:v V, *< xox Ac": * ic >c-a;r. *:v: s*? d::^' altsch *r-c5scise Recht 

.V*% ^ >»,^ ^< V ^t V.C* *,"-^-:\s c*c ^c^a-:^.^:I^eJJ; Seiarxilurig der 

v.\r ^ , \^ vvv. '^'.>* :"*• ' .-.c«" ^-v: .;■ o" j^v>^<-'ä>r* " t^^rLaaöer im 
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§ 5- Die Weiber. IO3 

werden sollen, während es für Minderjährige einen doppelten Alters- 
termin statuiert, und den, der jünger als 12 resp. 15 Jahre alt ist, 
keine Buße, den der zwischen 12 — 15 resp. 15 — 20 Jahre alt ist, 
halbe Buße geben und nehmen heißt*) Ganz ebenso verfahren auch 
die GpL., wenn sie bestimmen, daß Schläge, welche ein Mann einem 
Weibe oder ein Weib einem Manne gibt, mit dem vollen Bußbe- 
trage, wie er dem Verletzten gebührt, und einem Friedensgelde an 
den König gebüßt werden müssen, wogegen der Unmündige unter 
12 Jahren Buße weder nimmt noch gibt, und der Minderjährige im 
Alter von 12 — 15 Jahren nur halbe Buße nimmt und gibt;*) aber 
eigentümlich ist dabei die sofort sich anschließende Vorschrift, daß, 
Avenn Weiber sich untereinander prügeln, niemand etwas zu fordern 
habe außer ihnen selbst In derartigen Fällen soll also kein Friedcns- 
geld bezahlt werden, und sind dieselben eben damit im Grunde dem 
strafrechtlichen Gebiete entrückt; die Buße aber, welche wegen Ver- 
letzung eines Weibes bezahlt wird, scheint wie in diesem so auch 
in allen anderen Fällen dem verletzten Weibe selbst zufallen zu sollen, 
mit einziger Ausnahme der Unzuchtsfälle, als in welchen der Ge- 
schlechtsvormund, und bei einer Braut überdies auch noch der 
Bräutigam bußberechtigt ist ^) Wesentlich anders steht die Sache 
aber nach dem prändheimer Rechte. Nach ihm richtet sich die 
Höhe der Buße, welche für das einem Weibe zugefügte Unrecht er- 
legt werden muß, bei der Ehefrau nach dem Stande ihres Mannes, 
bei der Witwe nach dem Stande ihres verstorbenen Mannes, bei der 
Jungfrau aber, wenn es sich um Schläge handelt, nach dem Stande 
ihres nächsten Angehörigen, dagegen wenn es sich um landnäm 
handelt, nach dem Stande ihres Vaters;^) jedoch soll diesen Betrag 
der Regel nach nicht das Weib selbst nehmen, sondern der Ehe- 
mann, wenn es sich um eine Ehefrau, und der nächste Angehörige, 
wenn es sich um eine Jungfrau handelt,*^) wozu bei einer Braut 
allenfalls noch ein weiterer Anspruch des Bräutigams hinzukommen 
mag,*) und nur in dem Falle, da die Verwandten sich ganz und gar 
nicht um sie kümmern, soll auch die Jungfrau den Bußbezug er- 
balten, mit Ausnahme wiederum der Unzuchtsbußen, welche selbst 
unter dieser Voraussetzung ihrem nächsten Angehörigen vorbehalten 
bleiben.^ Schlägt aber eine Ehefrau einen Mann, so muß ihr Ehe- 

»j BjarkR. II, 49 und 51; III, 97- 

*^) GJL. 190. ») ebenda, 197 und 201. 

*) FrJL. X, 37 und XIII, 16. «*} ebenda, X, 37. «) ebenda, 38. 

') vgl. ebenda, X, 37 mit XI, 17. 



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I04 '^^^ ^- ^^^ äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

mann aus ihrem Vermögen volle Buße bezahlen, je nach dem Stande 
des Verletzten; schlägt eine solche aber ein anderes Weib, so hat 
ihr Ehemann die halbe Buße, wie sie mit Rücksicht auf den Stand 
des Ehemannes oder des Vaters der Verletzten sich bemißt, aus 
ihrem Vermögen zu entrichten, und ebenso wenn die Frau gestohlen 
hat und ein Vergleich hierüber zustande konmit^) Selbstverständlich 
müssen dieselben Regeln auch den Witwen und den Jungfrauen 
gegenüber analog angewendet werden und ergeben sich demnach 
für die Behandlung der Weiber auf dem Gebiete der Bußfalle fol- 
gende Grundsätze: Die Weiber nehmen die Buße, wie sie sich durch 
Geburt, bestehende Ehe oder frühere Ehe für sie feststellt, zwar der 
Regel nach nicht selber; vielmehr fällt sie an ihren Ehemann oder 
Geschlechtsvormund, und nur zugunsten der Witwe, dann der von 
ihren Verwandten gänzhch vernachlässigten Jungfrau wird von dieser 
Regel eine Ausnahme gemacht; aber der Betrag der Buße ist beim 
Weibe derselbe wie beim Manne, und darum ist auch umgekehrt 
für die vom Weibe verübte Tat an und fiir sich dieselbe Buße zu 
entrichten, wie wenn sie von einem Manne begangen worden wäre, 
nur daß es der Ehemann oder Greschlechtsvormund ist, welcher sie, 
aus dem Vermögen des Weibes, zu entrichten hat Nur in dem 
Falle, da Weiber sich untereinander schlagen, soll die Buße auf die 
Hälfte herabsinken; wenn dabei beigefügt wird, daß das Gleiche 
auch in Diebstahlsfällen zu gelten habe, so mag dahinstehen, ob 
diese Gleichstellung sich nur auf die Bezahlung der Buße durch den 
Mann und aus dem Vermögen der Frau, oder ob sie sich auch auf 
die Halbierung der Buße für den Fall beziehen wolle, da ein Weib 
die Bestohlene ist Immerhin zeigt sich, daß es bezüglich der FrpL. 
nicht begründet ist, wenn Rive leugnet,^) daß ein Bußanspruch des 
nächsten Angehörigen eines verletzten Weibes außerhalb des Be- 
reiches der Fleischesverbrechen vorgekommen sei; vielmehr ist nur 
für die GI)L. ein solcher Anspruch nicht nachgewiesen, und wenn 
man beachtet, daß auch das gemeine Landrecht allen unverheirateten 
Weibern die Buße für erlittene Schläge zu eigenem Rechte zuweist,*) 
so wird man in Anbetracht des gesamten Entwicklungsganges, welchen 
das Weiberrecht im Norden genommen hat, kaum bezweifeln können, 
daß die FrpL. auf diesem Punkte eine ältere Stufe dieser Entwick- 
lung repräsentieren, während die GpL. sich bereits zu einer späteren 



*) FrI)L. X, 38. *) Geschichte der Verwandtschaft, I, S. 89. 

•) Landslög, Mannhelgi, 29 in fin. 



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§ 5- Die Weiber. IOC 

fortgeschritten zeigen. Eigentümlich ist aber endlich auch noch die 
gerichtliche Vertretung der Weiber geordnet Das ältere 
Stadtrecht gestattet jedem einschichtigen Weibe, gleichviel ob Jung- 
frau oder Witwe, die freie Wahl ihres Vertreters, möge es sich nun 
um die Stellung einer Klage oder um die Führung einer Verteidi- 
gung handeln, nur mit der Einschränkung, daß der gewählte Ver- 
treter dem Vater der Jungfrau resp. dem früheren Mann der Witwe 
ebenbürtig sein müsse ; *) daß den Ehefrauen ein gleich wenig be- 
schränktes Wahlrecht nicht zukam, darf aus der Beschränkung der 
Stelle auf die „kona einhleyp" gefolgert werden, erklärt sich aber 
auch sehr einfach aus der eigentümlichen Beschaffenheit der ehe- 
herrlichen VogteL Wesentlich anders lauten die Vorschriften des 
I^randheimer Landrechtes.*) Wer ein einschichtiges Weib belangen 
vrill, der soll zunächst gegen dasselbe eine heimstefna erlassen, aber 
zugleich auch ihren Vertreter auffordern, sich rechtzeitig bei ihr ein- 
zufinden, eine Bestimmung, aus welcher man doch wohl wird 
schließen dürfen, daß dieser Vertreter nicht, wie nach dem Stadt- 
rechte, je nach Bedürfnis von Fall zu Fall, sondern ein für allemal 
gewählt werden mußte; als varnaöarmaör, d. h. Schutzmann, wird 
derselbe dabei bezeichnet Die Witwe soll dabei ein freies Wahl- 
recht haben, nur daß der Gewählte ihrem früheren Manne eben- 
bürtig sein muß und der Verlust ihres Prozesses darauf steht, wenn 
sie einen Mann besserer Geburt wählt; der Jungfrau dagegen soll 
ein gleich unbeschränktes Wahlrecht unter allen ihrem Vater Eben- 
bürtigen nur unter der Voraussetzung zustehen, daß sie weder Vater 
noch Bruder am Leben hat, oder aber diese, wenn am Leben, sich 
um ihre Geschicke schlechterdings nicht kümmern. Der letztere 
Satz wird an einer anderen, vorhin schon gelegentlich besprochenen 
Stelle dahin ausgedrückt, ^) daß ein Weib, welches von ihren An- 
gehörigen nicht . versorgt wird und somit genötigt ist, sich selbst 
seinen Unterhalt zu verschaffen, dafür auch berechtigt sein solle, 
über seine eigenen Angelegenheiten selber zu bestimmen (räöa svä 
sinu raöi sem [)aer' vilja), jedoch vorbehaltlich des Anspruches auf 
die Unzuchtsbuße, welcher auch in diesem Falle dem nächsten An- 
gehörigen verbleibt Weniger deutlich drücken sich die GpL. aus.*) 
Nachdem sie die Regel ausgesprochen haben, daß jeder im Lande 
anwesende, freie und volljährige Mann seine Rechtssachen selber zu 



>) BjarkR. m, 99. 

«) FrJL. X, 36. ^ ebenda, XI, 17. *) GfL. 47. 



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IO(5 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

führen habe, lassen sie den weiteren Satz folgen, daß man gegen 
ein einschichtiges Weib ebenso klagen solle wie gegen einen Mann, 
daß sie indessen berechtigt sei, ihre Klage wie ihre Verteidigung 
einem anderen zu übertragen, nur freiüch keinem Landherm oder 
sonst dem Gegner an Macht allzusehr überlegenen Manne. Dem 
Zusammenhange nach könnte man diese Vorschrift ebensogut auf 
ein dem Weibe zugestandenes, dem Manne aber versagtes Recht, 
sich durch einen Bevollmächtigten vertreten zu lassen, beziehen, als 
auf eine Verpflichtung des Weibes, sich einen Vertreter zu bestellen; 
indessen wird doch wohl nicht nur die Vergleichung der FrI)L. und 
des älteren Stadtrechtes der ersteren Auslegung im Wege stehen, 
sondern auch der weitere Umstand, daß die GpL. selbst an einer 
anderen Stelle ^) die Witwen sowohl als die volljährigen Jungfrauen 
anweisen, die Verkündigungen, welche in Stammgutssachen in ihrem 
Interesse am Ding notwendig werden, durch einen Bevollmächtigten 
vornehmen zu lassen, was denn doch zeigt, daß sie in eigener Person 
dieselben nicht vornehmen konnten. 

Aber auch diejenigen beiden Rechte, welche auf Island noch die 
freieste Ausprägung der verwandtschaftlichen Rechte den Weibern 
gegenüber gezeigt hatten, das Verlobungsrecht nämlich und der An- 
spruch auf die Unzuchtsbuße, sind im norwegischen Rechte nicht 
unwesentlich anders geordnet als im isländischen; nur sind leider 
die einschlägigen Bestimmungen keineswegs vollkommen klar und 
verständlich. Das Verlobungsrecht betreffend unterliegt freilich 
keinem Zweifel, daß die Witwe nach norwegischem Rechte sich 
selber verloben konnte;-) doch wird die so vollzogene Verlobung 
nach den GpL. nur unter der Voraussetzung unanfechtbar, daß die 
Freundschaft der Witwe bei derselben mitgewirkt hat, wogegen diese 
letztere das Verhältnis gegen Erläge von drei Mark handsalsslit wieder 
aufheben kann, wenn sie dasselbe ohne den Beirat ihrer Verwandten 
eingegangen hat Der Jungfrau aber gestatten die FrI)L. sich selber 
zu verloben, falls sie volljährig ist, und bereits etwas geerbt hat;*) 
doch soll sie dabei ihre nächsten und verstänSigsten Verwandten 
vom bauggildi sowohl als vom nefgildi zu Rate ziehen. Außerdem 
scheint auch denjenigen Jungfrauen das Selbstverlobungsrecht ver- 
willigt werden zu wollen, welche von ihren Angehörigen völlig sich 
selbst überlassen, und dadurch gezwungen werden, ganz fiir sich 



») G{)L. 291.. «) ebenda, 51; FrJjL. XI, 4. 

^) ebenda, XI, iS. 



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§ 5. Die Weiber. Iqj 

sdber zu sorgen;*) fraglich erscheint aber, ob jenes Recht nur auf 
diese beiden Fälle beschränkt war oder nicht Die GI)L. nämlich 
oennen als rechtmäßigen Verlober einer Jungfrau lediglich deren 
Vater, und eventuell deren Bruder, mit dem Beifügen, daß unter 
mehreren Brüdern nötigenfalls das Los zu entscheiden habe;^) die 
FrI)L. aber sprechen ebenfalls zunächst nur dem Vater und der Mutter 
das Veriobungsrecht ausdrücklich zu, ^) und wenn sie dabei zwar in 
allgemeinen Ausdrücken auch noch der Möglichkeit gedenken, daß 
auch wohl eine andere Person der richtige Verlobcr sein könne, so 
1^ die Vergleichung einer anderen Stelle nahe,*) daß auch dabei 
zunächst wieder an den Bruder zu denken sei. Erinnert man sich 
nun, daß ledige Weiber, welche weder Vater noch Bruder haben, 
nach den FrI)L. berechtigt sind, sich ihren gerichtiichen Vertreter 
selbst zu wählen, so könnte man sich zu der Vermutung hingezogen 
fühlen, daß das Verlobungsrecht wirklich nicht über den ersten Grad 
der Verwandtschaft hinausgegangen sei, und eine Bestätigung dieser 
Vermutung könnte man etwa in dem bereits angeführten Satze finden, 
daß die volljährige Jungfrau sich selber verloben dürfe, wenn sie 
bereits etwas geerbt hat; da nämlich die Tochter unmittelbar nach 
Sohn und Vater zur Erbfolge berufen ist, wird die Jungfrau, die 
weder Vater noch Bruder hat, in der Regel geerbt haben. Indessen 
will mir doch eine solche Annahme wenig wahrscheinlich vorkommen. 
Auf die GpL., welche unter allen Umständen die Jungfrau ihren ge- 
richtUchen Vertreter sich selber wählen lassen, also in dieser Beziehung 
zwischen den Verwandten ersten Grades und entfernterer Grade 
schlechterdings nicht unterscheiden, paßt jene Schlußfolgerung von 
vornherein nicht, und überdies ist zu beachten, daß dieses Rechts- 
buch an eben der Stelle, an welcher es von dem Verlobungsrechte 
des Vaters und Bruders spricht, dem geborenen Erben des Weibes 
zwar nicht das Verlobungsrecht, aber doch den Anspruch auf die 
Unzuchtsbuße zuerkennt, selbst für den Fall, da dessen Bräutigam 
sich mit ihm vor der Hochzeit einläßt, ^) während eine zweite Stelle 
die Unzuchtsbuße zunächst auch nur für den Vater und Bruder be- 
stimmt, dann aber beifügt, daß sie in gleicher Weise auch jedem 
geborenen Erben des Weibes zukomme, ^) und eine dritte Stelle 
vollends nur diesen letzteren erwähnt. ') Man wird wohl hiernach 



>) Fr|>L. XI, 17. «) GI)L. 51. 

») FrI>L. XI, 2. *) ebenda, 12. 

*) G|>L. 51. •) ebenda, 197. ') ebenda, 201. 



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Io8 '^'^^^ ^* ^^^ äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

annehmen müssen, daß es nur eine Ungenauigkeit des Ausdrucks ist; 
wenn in den GpL. das Verlobungsrecht nicht auch dem geborenen 
Erben als solchem eventuell zugeschrieben wird, und ist diese Un- 
genauigkeit gerade darum um so leichter erklärlich, weil sofort be- 
züglich der Unzuchtsbuße der nächste Erbe der Braut als berechtigt 
genannt wird. Bezüglich der FrpL. aber, für welche jene Schluß- 
folgerung allenfalls paßt, steht ihr denn doch entgegen, daß gerade 
in ihnen hinter Vater und Mutter der sonstige Verlober mit einem 
so allgemeinen Ausdrucke erwähnt wird, daß es schwer hält, unter 
ihm nur den einzigen Bruder verstanden zu denken, und überdies 
steht dem auf Vater und Bruder beschränkten legalen Vertretungs- 
rechte gerade in diesem Rechtsbuche der auch den entfernteren An- 
gehörigen des Weibes zukommende, weit über das Bereich der Unzuchts- 
vergehen hinausreichende Bußanspruch wegen dessen Verletzung ent- 
gegen. Eine, doch wohl durch kirchliche Einflüsse bewirkte, Abwei- 
chung vom isländischen Rechte zeigt sich übrigens auch darin, daß das 
Recht von prändheimr sowohl als von den Hochlanden schlechthin 
vorschreibt, daß bei der Verlobung neben dem Willen der Verwandt- 
schaft auch auf den des Weibes selber Rücksicht zu nehmen sei, ^) 
so daß jeder Zwang zur Eingehung einer Ehe nach ihnen schlecht- 
hin ausgeschlossen ist. Die GI)L. und BpL. enthalten keine ähnliche 
Vorschrift, und auf das ältere, nationale Recht ist somit aus jenen 
Satzungen nichts zu schließen. Die Terminologie aber, deren sich 
die norwegischen Rechtsbücher bedienen, ist eine der isländischen 
zwar ähnliche, aber doch keineswegs gleiche, und überdies nicht 
einmal völlig feststehende. Einerseits wird das Verlobungsrecht als 
ein „räöa fyrir konu",*) oder „eiga forraeöi ä konu"*) be- 
zeichnet, und der zu denselben berufene Verwandte „skyldastr 
til forraeöa",*) oder auch kurzweg als „forraeöismaör*';*) alles 
Bezeichnungen, welche an den lögräöandi des isländischen Rechts 
erinnern. Andererseits wird aber auch die den schwedischen Rechts- 
quellen geläufige Bezeichnung „giptingarmaör" für den Inhaber 
des Verlobungsrechtes gebraucht,*) welche sich aber mit dem fast- 
nandi des isländischen Rechtes berührt, und an sie schließen sich 
wieder Ausdrücke wie „räöa g i p t i n g u m" ') für den Besitz der 



*) Fr|>L. III, 22; E|)L. I, 22—23; Ilf 19—20. 
«) G|)L. 51. ») Fr|)L. III, 22. *) E|)L. I, 22; II, 19. 

*) Fr|)L. III, I und 12; XI, i. So auch noch im neueren B|>KrR. 2$^ 
während der ältere, II, 3 — 4 an der entsprechenden Stelle defekt ist 
®) Fr|)L. XI, 2 und 4. ') ebenda, 2. 



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§ 5. Die Weiber, IO9 

Berechtigung, oder „kona sü, er hann gipta skal"^) für das ihr 
unterworfene Weib an. Auch diese geringe Konstanz in der Ter- 
minologie dürfte aber darauf hindeuten, daß das Verlobungsrecht in 
unseren norwegischen Rechtsbüchem keineswegs mehr in seiner ur- 
sprünglichen Gestaltung und Geschlossenheit vorliegt 

Einer eigentümlichen Behandlung unterliegen endlich auch nach 
norwegischem Rechte die Unzuchtsvergehen. Auch hier kehrt 
zunächst der Satz wieder, daß den Angehörigen eines in dieser 
Weise verletzten Weibes in größerem Umfange erlaubt sei, blutige 
Rache zu üben; der Kreis der betreffenden Verwandten ist jedoch 
in den verschiedenen Rechtsbüchern verschieden abgegrenzt Die 
GpL. und die FrpL., welchen letzteren hier wie anderwärts auch 
das Stadtrecht folgt, nennen sieben Weiber, nämlich die Ehefrau, 
Mutter, Tochter und Schwester, sowie die Stiefmutter, Schwieger- 
tochter und Brudersfrau ; ^) das Recht von Vikin dagegen fügt noch 
die Schwiegermutter, Stieftochter und die Schwester der Frau, sowie 
die Sohnestochter, Bruderstochter und Schwestertochter bei, so daß 
die 2^hl der betreffenden Weiber auf 1 3 steigt ^) Von prinzipieller 
Bedeutung ist diese Abweichung wohl nur teilweise, da von den 
sechs in den BpL. beigefügten Weibern die drei ersten wohl nur 
eine Vervollständigung bringen, die in den anderen Quellen still- 
schweigend mit inbegriffen ist, während mit den drei letzten über 
die ursprünglich gezogene Grenze in einer Weise hinausgegriffen 
wird, welche doch wohl kaum auf eine spätere Zeit hinweist; um 
so bedeutsamer ist dagegen, daß die Bl)L. dem Erben des verletzten 
Weibes das gleiche Recht der blutigen Rache ohne alle Beschränkung 
auf einen bestimmten Verwandtschaftsgrad zugestehen, falls das Weib 
nur frei geboren war, während für Unfreie und Freigelassene die 
Grenze beträchtlich enger gezogen war. Ks läßt sich wohl nicht mit 
Sicherheit bestimmen, ob diese letztere Differenz zwischen den ver- 
schiedenen Provinzialrechten eine wirkliche oder nur eine scheinbare 
ist, soferne sich ja recht wohl denken läßt, daß die übrigen Rechts- 
bücher des geborenen Erben nur darum keine Erwähnung taten, 
weil sie bei ihm das gleiche Recht als selbstverständlich betrachteten. 
— Neben der blutigen Rache kommen ferner die Unzuchtsbußen in 
Betracht, und gehen auch bezüglich ihrer die BI)L. wieder ihren 



>) BjarkR. m, 123. 

*) G>L. 160; Fr|>L. IV, 39; BjarkR. II, 18 und III, 84. 

*) BJL. II, 15. 



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HO Teil I. Die äufiere Erscheiming der Verwandtschaft. 

eigenen Weg, indem sie, ähnlich wie dies beim Wergeide der Fall 
war, mehrfache Bußen an mehrfache Bezugsberechtigte nebeneinander 
entrichten ließen;') wegen des Beilagers mit einer Ehefrau oder 
Braut z. B. erhielt der Ehemann oder Bräutigam 6 Mark, der Vater 

3 Mark und ebensoviel der Sohn, woneben dann noch 3 Gaben 
fgjafir) von 6, 3 und 1V2 aurar zu entrichten waren, von welchen 
die beiden ersten an die Vaterseite, die dritte aber an die Mutter- 
seite fiel, und der nächste Verwandte hier wie dort den Bezug hatte. 
Da von einem derartigen Weibe gesagt wird: „hon er 12 marica 
kona", ist klar, daß nur die ersten drei Bezüge als ordentlich be- 
trachtet wurden, wogegen die drei Gaben nur als eine außerordent- 
liche Zugabe galten; die Zuweisung femer der letzteren an den 
nächsten Verwandten ist insofeme nicht ganz klar, als sich nicht 
recht ersehen läßt, warum der Bezug der Vaterseite in zwei Gaben 
zerfällt sei, wenn doch „hinn nänasti", also eine einzige Person, beide 
erhalten sollte. Man wird wohl annehmen dürfen, daß „hinn nänasti 
i bauggildi" und „hinn nänasti niör i nefgildi" zu verstehen sei, und 
kann unter dieser Voraussetzung unsere Stelle als einen willkommenen 
weiteren Beleg für die früher ausgesprochene Vermutung betrachten, 
daß das mööerni ursprünglich ganz außerhalb des Gegensatzes von 
bauggildi und nefgildi gestanden sei; man wird femer die ordent- 
lichen Bezüge auf die tölumenn, die außerordentlichen auf die entfern- 
tere Verwandtschaft beziehen, und das Fehlen des Bruders unter den 
ersteren sich vielleicht daraus erklären dürfen, daß im gegebenen 
Falle für den Ehemann Raum geschafft werden mußte. Wie dem 
aber auch sei, beachtenswert ist jedenfalls, daß auch im schwedischen 
und dänischen Rechte Überreste einer gleichzeitigen Heranziehung 
mehrfacher Verwandter zu den Unzuchtsbußen sich erhalten haben. 
Helsingelagen , welches Rechtsbuch überhaupt mehrfache Spuren 
ältesten Rechtes bewahrt hat, läßt für die mit einer Jungfrau be- 
gangene Unzucht 16 Unzen an deren Vater, 8 an deren Bmder und 

4 an deren Geschwisterkinder zahlen ; *) Södermannalagen dagegen 
läßt zwar die Unzuchtsbuße vom giptarma{)er beziehen, aber sie wird 
doch „at fraendae l)ocka" erlegt, d. h. für den der Verwandtschaft 
angetanen Schimpf, *) was doch wohl auf eine frühere Teilnahme der 
Verwandtschaft an dem Bezüge hinweist In ähnlicher Weise bemerkt 
ferner Skänelagen ausdrücklich, daß der Geschlechtsvormund die von 



J) BI>L. II, 12. «) HelsL., JEr{\t&h. 14, pr. 

») SML., iErftab. 3/1; vgl. Wilda, S. 351- 53. 



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§ 5- ^^^ Weiber. Uj 

ihm beigetriebene Unzuchtsbuße mit niemanden zu teilen verpflichtet 
sei, weil sie keine „skutaböt", d. h. keine von der Verwandtschaft 
des Schuldigen zusammengeschossene Buße sei, ') und eine ganz ähn- 
liche Bestimmung kennt auch das Jydske Lov;*) daß beide Rechts- 
bücher sich veranlaßt sahen, die Teilung der Unzuchtsbuße unter der 
Verwandtschaft ausdrücklich zurückzuweisen, scheint aber auch wieder 
darauf hinzudeuten, daß die Praxis in diesem Punkte unsicher war^ 
und daß ein älterer, noch unvergessener Rechtssatz bei der Unzuchts- 
buße wie beim Wergeide die Teilung gefordert hatte, ganz wie dies 
Helsingelagen und unsere BI)L. in der Tat noch tun. Von hier aus 
erhält nun aber auch dcis Recht der blutigen Rache eine unerwartete 
Beleuchtung, welche die sämtlichen nordischen Rechte den näheren 
Angehörigen eines Weibes wegen dessen geschlechtlicher Kränkung 
einräumen; offenbar hängt nämlich die hier wie dort gestattete Blut- 
rache mit der bei Unzuchtsvergehen wie bei Totschlägen wieder- 
kehrende Heranziehung der Verwandtschaft zum Bezüge, und doch 
wohl auch zur Entrichtung des Sühngeldes zusammen, und wird 
demnach anzunehmen sein, daß wie die erstere von sämtlichen nor- 
wegisch-isländischen Rechten zugelassen wird, so auch diese letzteren 
ursprünglich ihnen allen bekannt war, wenn auch die meisten dieser 
Rechte den Bezug der Unzuchtsbuße schon frühzeitig auf den Ge- 
schlechtsvormund beschränkten. Diesen letzteren Weg haben aber 
die übrigen norwegischen Rechte ebensogut eingeschlagen wie das 
isländische, mit Ausnahme höchstens etwa der EI)L., von deren Ver- 
halten in der Frage wir nichts wissen. Es sprechen aber zunächst 
die GI)L. dem Vater, Bruder und dem nächsten Erben eine Buße zu 
wegen jedes mit der Tochter, Schwester oder eventuellen Erb- 
lasserin begangenen Unzuchtsvergehens, und erstrecken diesen An- 
spruch eventuell auch noch auf den Hausherrn eines Weibes, welches 
im Inlande keinen geborenen Erben hat, indem sie zugleich das 
Recht des Bußberechtigten für den Betrag dieser Buße maßgebend 
sein lassen. *) Sie gewähren ferner neben diesem Bußanspruche des. 
Geschlechtsvormundes für den Fall, da die Unzucht mit einer Braut 
begangen wurde, auch noch dem Bräutigam einen solchen, *) während 
sie anderseits auch den Bräutigam selbst dem Geschlechtsvormunde 
bußfällig werden lassen, wenn er sich mit seiner eigenen Braut noch 
vor der Hochzeit vergeht*) Von einem Bußanspruche des Ehe- 



») Sk&nel. 213. «) Jydske Lov. II, 18. 

*) GJL. 197; vgl. auch 57. *) ebenda, 201. *) ebenda, 51. 



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112 Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

mannes wegen eines mit seiner Frau begangenen Ehebruches ist 
aber doch wohl nur darum nicht die Rede, weil bezüglich der Ehe- 
frauen ein für allemal der Satz galt: „slikan rett ä hverr maör ä 
konu sinni, sem ä själfum ser" ; ^) daß aber hier wie dort nicht, wie 
im isländischen Rechte, eine Klage auf Acht neben der Bußklage 
steht, ist doch wohl nur als eine spätere Neuerung aufzufassen, da 
die Zulässigkeit der blutigen Rache, wie zumal die zu ihrer Recht- 
fertigung nötige Klage auf den toten Mann zeigt, -) die Möglichkeit 
einer Klage voraussetzt, und auch die tryggöir, welche in allen FäUea 
des Ehebruchs oder der Kränkung anderer Weiber zu geben waren, 
wegen deren blutige Rache gestattet war, *) eben dahin weisen. In 
den FrpL. aber, sowie auch im Stadtrechte, kehrt zunächst die Be- 
stimmung wieder, daß der Bräutigam wegen vorzeitiger Berührung 
seiner Braut deren nächsten Verwandten die volle Buße zu ent- 
richten hat,*) und außerdem legt das letztere dem Ehebrecher die 
Entrichtung einer dreifachen Buße an den beleidigten Ehemann auf;*) 
da diese letztere Bestimmung auch in der Jämsiöa ganz gleichmäßig 
wiederkehrt,®) und überdies auch in dem Inhaltsverzeichnisse der 
FrI)L. erwähnt wird, während der Text der betreffenden Stelle ver- 
loren gegangen ist, ^ kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieselbe 
auch in diesem letzteren Rechtsbuche enthalten war. Weiterhin aber 
enthält nur das Stadtrecht den Satz, daß der Vater oder Bruder 
wegen der Kränkung seiner Tochter oder Schwester dieselbe Buße 
nehmen solle, welche ihm selber zukomme, jedoch nur ein erstes 
und zweites Mal, wogegen das Weib als Hure gelten solle, wenn 
ähnliches sich öfter wiederholt;*) nur das Stadtrecht bedroht ferner 
das freigeborene Weib für den Fall der Unkeuschheit mit der Knecht- 
schaft auf dem Königshofe, von welcher dasselbe allerdings durch 
seine Verwandtschaft freigekauft werden kann. ®) Soweit die erstere 
Stelle den Bußbetrag für Vater und Bruder reguliert, kann deren 
Fehlen in den FrI)L. nicht auffallen, soferne diese ja eine entsprechende, 
jedoch weit über das Gebiet der Unzuchtsvergehen hinausreichende 
Bestimmung kennen, und die eigentümliche auf den wiederholten 
Rückfall bezüghche Sitzung mochte recht wohl dem Stadtrechte aus- 
schließlich eigen sein; das Schweigen aber über die Berechtigung 

*) G|)L. 52. ') ebenda, 160. ») ebenda, 32. 

*) FrI)L. III, 13; BjarkR. III, 68. 

J^) BjarkR. III, 122. «) Jarns., Mannh. 25. 

') Fr|)L. V, Index, 24. «) BjarkR. III, 126. 

®) ebenda, 127. 



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§ 5- Die Weiber. Uj 

der entfernteren Verwandten, die etwa als geborene Erben zur Ge- 
schlechtsvormundschaft berufen sein konnten, wird kaum auch nur 
für das Stadtrecht ernstlich betont werden dürfen. Die zweite Stelle 
dagegen bedarf einer eingehenderen Erläuterung. Sie berührt sich 
aufs genaueste mit der Angabe einer geschichtlichen Quelle, ^) nach 
welcher K. Haraldr härfagri geboten haben soll, daß Weiber, welche 
sich eines Unzuchtsvergehens schuldig machen, dafür in des Königs 
Knechtschaft verfallen sollen, wenn ihre Verwandten sie nicht mit 
einer Zahlung von drei Mark auslösen, und man wird in dieser An- 
gabe zwar keinen unangreifbaren Beweis für die Begründung dieses 
Rechtssatzes in des K. Haraldr Gesetzgebung, aber doch immerhin 
ein unanfechtbares Zeugnis dafür erkennen dürfen, daß derselbe in 
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts galt, und als ein von alters- 
her überlieferter betrachtet wurde. Demgegenüber fällt zunächst auf, 
daß die G1)L. das freie Weib nur für den Fall mit der, um drei Mark 
abkauf baren, Knechtschaft auf dem Königshofe bedrohen, da sie sich 
mit einem unfreien Manne vergangen hat, während sie der Frei- 
gelassenen, wiederum nur unter derselben Voraussetzung, die um 
sechs Unzen ablösbare Knechtschaft auf dem Hofe ihres Freilassers 
androhen;'^) indessen scheint sich der anscheinende Widerspruch 
zmschen beiden Angaben durch die Vergleichung einer einschlägigen 
Stelle der BpL. heben zu lassen. Nach dieser greift nämlich für 
den Fall, daß das Weib nicht binnen gesetzter Frist den Kindsvater 
nennt, die Annahme Platz, daß dieser ein Unfreier sei, und tritt dann 
Schuldknechtschaft ein für den Betrag von drei Mark, ^) und ganz 
denselben Weg scheinen auch die FrpL. zu gehen. Allerdings 
sprechen sich dieselben zunächst nur dahin aus,*) daß für den Fall, 
da das Weib den Kindsvater zu nennen sich weigert, angenommen 
werden solle, daß dieser unfreien Standes sei, und daß solchenfalls 
das Weib drei Mark an den König verwirkt habe, ohne daß dabei 
der Schuldknechtschaft gedacht würde; aber da eine andere Stelle 
bemerkt, *) daß die Freigelassene solchenfalls drei Mark an ihren Frei- 
lasser zu entrichten hatte, und für diese persönlich haftbar war,*) 
scheint die Schuldknechtschaft auch von diesem Rechtsbuche beide 
Male in Aussicht genommen worden zu sein, zumal da eine dritte 
Stelle desselben die eines Unzuchtsvergehens sich schuldig machende 



*) Fagrskinna, 17/10. 

•) GI>L. 198. ») B|)L. U, 14. *) FrI)L. II, i. 

*) ebenda, IX, 16. •) ebenda, 16. 

Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 



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114 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Nonne in die Knechtschaft des Bischofs gehen heißt ^) Nach alle- 
dem wird somit, wie ich dies schon anderwärts ausgeführt habe,*) 
wohl anzunehmen sein, daß die vom Weibe selbst zu entrichtende 
Buße sowohl als die ihren Bezug sichernde Schuldhaft allerdings nur 
für den Fall gelten wollte, da dasselbe sich mit einem Unfreien ein- 
gelassen hatte; daß aber dieser Fall präsumiert wurde, wenn das 
Weib den Schuldigen nicht nennen wollte, und daß aus diesem 
Grunde auch wohl eine scheinbar schärfere Wortfassung in einzelne 
Quellenstellen eindringen mochte. — Eigentümlich gestaltet sich 
demgegenüber die Behandlung der Notzuchtsfälle, als in welchen 
jeder Verdacht einer Mitschuld des gekränkten Weibes wegfällt Die 
GI)L. lassen in solchem Falle den Schuldigen nicht nur das große 
Friedensgeld von 40 Mark verwirken, sondern auch noch einem An- 
sprüche des Weibes selbst auf doppelte Buße unterliegen. ^) Eine 
Novelle des K. Magnus Erlingsson ferner, welche sowohl in die GI)L 
als in die FrI)L. übergegangen ist,*) stellt den Weiberraub, welcher 
doch jedenfalls nicht strenger behandelt werden konnte als die Not- 
zucht, sogar unter die übötamäl, wogegen das Stadtrecht wieder,, 
doch wohl einem älteren Texte der Frl)L. folgend, das Weib mit 
seiner Freundschaft zwar auf Acht klagen läßt, wenn die Klage so- 
fort und mit Zeugen erhoben wird, aber bei späterer Kiagestellung 
den Beklagten zum Eide zuläßt, und die Regel aufstellt, daß dieser 
Eid halb der Klägerin, halb dem Könige und der Stadt gehöre, d. h. 
also den Fall als sühnbar behandelt, und die 40 Mark Buße zwischen 
der Klagspartei und der öffentlichen Gewalt teilt*) Die Bl)L. aber 
stellen gleichfalls die Schwere der Rechtsfolgen der Tat von der Art 
der Beweisführung abhängig, und diese wieder von dem Verhalten 
des gekränkten Weibes;*) allerdings wird dabei nur die Höhe der 
ihr gebührenden Buße normiert, aber damit dürfte doch nicht aus- 
geschlossen sein, daß ähnlich wie nach den GI)L. neben dieser Buße 
noch die Acht oder 40 Mark Buße herging. Da die Fagrskinna die 
40 Mark Buße als Folge der Notzucht bereits auf die Gesetzgebung 
des K. Haraldr härfagri zurückführt, ') wird man wohl annehmen 
müssen, daß diese in der Tat bereits dem ältesten Rechte angehörte. 



») Fr|)L. m, 14. 

2) vgl. meine Abhandlung über „Die Schuld knechtschafl nach altnordischem 
Rechte", S. ii— 15. 

*) GI>L. 199. ♦) ebenda, 32; Fr|>L. V, 45—46. 

») BjarkR. II, 46; III, 96. «) B|)L. II, 13; HI, 9. 

') Fagrsk. 17/10. 



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§ 5- Die Weiber. II 5 

Man sieht, die Zurücksetzungen der Weiber gegenüber den 
Männern sind im norwegischen Rechte im großen und ganzen von 
derselben Art wie im isländischen Rechte, während im einzelnen 
allerdings gewisse Abweichungen zwischen beiden, ja sogar zwischen 
den verschiedenen Provinzialrechten in Norwegen selbst vorkommen. 
Hier wie dort zeigen sich die Weiber von allen politischen Rechten 
prinzipiell ausgeschlossen, und einzelne Ausnahmen, welche das nor- 
wegische Recht in Bezug auf deren Zulassung zum Zeugnisse und 
zur Eideshilfe macht, sind ganz abnormer Art, und durch äußerliche 
Rücksichten begründet. In vermögensrechtlicher Beziehung dagegen, 
und zumal bezüglich ihrer Handlungs- und Dispositionsfähigkeit, 
stellt das norwegische Recht die Weiber den Männern sogar noch 
konsequenter gleich als das isländische; umgekehrt aber unterwirft 
es sie ganz wie dieses der Verpflichtung, vor Gericht sich durch 
Männer vertreten zu lassen. Bezüglich des Erbrechtes, dann der 
Altersvormundschaft setzt das norwegische Recht wie das isländische 
die Weiber den Männern nach, nur daß die Reihenfolge ihrer Be- 
rufung hier wie dort eine etwas verschiedene ist, und daß in Nor- 
wegen das nur hier vorkommende Stammgüterrecht noch ganz be- 
sonders weit reichende Zurücksetzungen derselben kennt Die nahe- 
zu gänzliche Ausschließung der Weiber von der Teilnahme am 
Wergelde kehrt in beiden Rechten ziemlich gleichmäßig wieder, wo- 
gegen das norwegische Recht wie das ältere isländische die Weiber 
zu der Blutklage zuläßt, nicht wie das spätere sie von derselben aus- 
schließt Bezüglich des Verlobungsrechtes ferner ist das norwegische 
Recht liberaler als das isländische, indem es den Witwen sehlechthin 
die Selbstverlobung gestattet, dagegen ist auf strafrechtlichem Ge- 
biete das norwegische Recht gleich streng, als es die Acht, wenn 
auch nur in etwas gemilderter Gestalt, auch auf die Weiber an- 
wendet, und insoferne strenger, als wenigstens die FrpL. auch in 
anderen als Unzuchtsvergehen dem Vater und Bruder des verletzten 
Weibes den Bußanspruch selber gewähren. Auch darin verhält sich 
das norwegische Recht ähnlich wie das isländische, daß hier wie 
dort die den Zurücksetzungen der Weiber entsprechenden Rechte 
der Männer nur einen sehr geringen Grad von Geschlossenheit zeigen, 
wie sich dies denn auch hier wie dort in dem Mangel einer scharf 
ausgeprägten Terminologie ausspricht Doch zeigt das norwegische 
Recht wenigstens innerhalb des nächsten Verwandtschaftskreises noch 
Spuren einer strenger angezogenen Berechtigung der Verwandtschaft, 
soferne dem Vater und Bruder nach den FrpL. von Rechts wegen 

8* 



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Ijg Teil I. Die Suflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

und mit Ausschluß jedes selbstgewählten Vertreters die gerichtliche 
Vertretung der Tochter und Schwester, sowie der Bußbezug wegen 
deren Verletzung zusteht ; von einer völlig abgerundeten Geschlechts- 
vormundschaft ist freilich im norwegischen so wenig als im isländi- 
schen Rechte die Rede. Vergleicht man indessen beide Rechte nicht 
nur miteinander, sondern auch mit den verschiedenen schwedischen 
und dänischen Rechten, so läßt sich der Grund jenes Mangels an 
System in der ganzen Behandlung der Weiber mit Sicherheit er- 
kennen. *) Diese Vergleichung zeigt nämlich, daß die prinzipieUe 
Ausschließung der Weiber von allen und jeden politischen Rechten 
sich ursprünglich auch auf das vermögensrechtliche und strafrecht- 
liche Gebiet herüber erstreckte, so daß die Weiber hier wie dort 
nicht als selbständige Angehörige des verwandtschaftlichen Verbandes 
galten, sondern gleich den Minderjährigen einer Vormundschaft unter- 
lagen. So lange diese Auffassung uneingeschränkt galt, konnten die 
W^eiber ebenso wie die Minderjährigen weder Rache üben noch der 
Rache verfallen, also auch weder geächtet werden, noch ein Friedens- 
geld verwirken oder am Wergeide teilnehmen. Von der Erbfolge 
ausgeschlossen, mußten sie von den männlichen Verwandten alimen- 
tiert werden, und diese hatten für die von ihnen begangenen Rechts- 
verletzungen mit Buße und Schadensersatz aufzukommen, aber dafür 
auch die Buße für gegen sie begangene Verbrechen zu beanspruchen ; 
ihre gerichtliche Vertretung war lediglich Sache der Männer, und 
von einer Befähigung der Weiber zur Führung einer Vormundschaft 
über irgendwelche andere Personen konnte der Natur der Sache nach 
vermöge ihrer eigenen Unmündigkeit nicht die Rede sein. Das Ver- 
lobungsrecht der männlichen Verwandten endlich bildete insolange 
nur eine einzelne Konsequenz dieser allgemeinen Lage der Weiber, 
und das Recht ihnen bezüglich ihrer Verehelichung rücksichtslos den 
eigenen Willen aufzuzwingen, war nur ein einzelner Ausfluß der 
viel weiterreichenden herrschaftlichen Stellung der Männer innerhalb 
der Verwandtschaft Dabei ist klar, daß, so lange die Weiber in 
einer so allseitig gedrückten Lage sich befanden, die ihrer Zurück- 
setzung entsprechenden Rechte ganz in derselben Weise in der Hand 
eines einzigen männlichen Verwandten vereinigt sein mußten, wie 
dies den Minderjährigen gegenüber auch später der Fall war, daß 
also der geborene Erbe zugleich die gerichtliche und außergericht- 
liche Vertretung des Weibes, die Sorge für dessen Unterhalt und 



vgl. KriL VierteljahresschriÜ, IV, S. 422 — 2$. 

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§ 5- Die Weiber. II7 

die Verlobung desselben zu übernehmen hatte ; mit anderen Worten, 
es gab eine Geschlechtsvormundschaft als ein völlig geschlossenes 
und in sich abgerundetes Institut, welche, der Altersvormundschaft 
völlig gleichartig zur Seite stehend, und wohl auch die technische 
Bezeichnung mit ilir teilend, ungeteilt in der Hand des zunächst be- 
rufenen männlichen Verwandten lag. Mit der Zeit begann jedoch 
das Privatrecht, welches ursprünglich durchaus von öffentlichen Ge- 
sichtspunkten beherrscht gewesen war, von dem öffentlichen Rechte 
sich zu lösen, und im Zusammenhange damit die Anschauung sich 
Bahn zu brechen, daß die früher für das Gebiet des öffentlichen 
Rechtes begründete Zurücksetzung der Weiber auf dem vermögens- 
rechtlichen Gebiete ohne Berechtigung sei. Eine durchgreifende Um- 
gestaltung mußte die Behandlung der Weiber erfahren, sowie dieser 
neue Gesichtspunkt erst praktische Geltung zu erlangen begann; 
aber so begreift sich, daß derselbe einerseits nicht für alle Gebiete 
der verwandtschaftlichen Berechtigung gleichzeitig und gleichförmig 
sich Bahn brach, und daß er überdies vielfach früher innerhalb der 
näheren Verwandtschaftsgrade durchdrang als bei den entfernteren. 
Nicht wenige Inkonsequenzen in der Behandlung der Weiber in 
jedem einzelnen Rechte erklären sich von hier aus sehr einfach; zu- 
mal aber erklärt sich von hier aus sehr leicht die große Verschieden- 
heit, welche sich bezüglich dieses Punktes zwischen den verschiedenen 
nordgermanischen Rechten bemerkbar macht Auf dem Gebiete des 
Erbrechtes scheint die Neuerung zuerst durchgedrungen zu sein, 
wenn auch zunächst nur in der Art, daß den nächstverwandten 
Weibern ein Erbanspruch für den Fall zugestanden wurde, daß 
nächstverwandte Männer fehlten; sowie aber den Weibern einmal 
die Möglichkeit eröffnet war, zu eigenem Vermögen, und damit zu 
ökonomischer Selbständigkeit zu gelangen, war auch bereits zu allen 
weiteren Umgestaltungen der Grund gelegt, wie denn das Weib von 
da ab zumal von ihm verwirkte Bußen aus eigenen Mitteln bestreiten 
konnte, was dann billigerweise auch dazu führen mußte, die ihm 
gegenüber verwirkten an es selber zahlen zu lassen u. dgl. m. Das 
altschwedische Recht beschränkt wirklich das den Weibern ver- 
willigte Zugeständnis noch wesentlich auf das Erbrecht Nach wie 
vor läßt es demnach die Weiber der gerichtlichen Vertretung durch 
ihren Vormund unterworfen, ohne daß ihnen die eigene Wahl ihres 
Vertreters gestattet wäre. Nach wie vor schließt es femer die Weiber 
von der Führung der Altersvormundschaft aus, und macht hiervon 
nur zugunsten der Mutter, und nur auf so lange, als sie ihren Witwen- 



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Il8 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

stuhl nicht verrückt, eine Ausnahme. Nach wie vor bleiben die 
Weiber auch von der Blutklage, dann von allem Anteile am Nehmen 
und Geben des Wergeides (aettarböt, oranböt) ausgeschlossen. Nach 
wie vor können Weiber Friedensbrüche ebensowenig begehen wie 
unmündige Knaben, und findet demnach weder Acht, noch Todes- 
strafe auf sie Anwendung, noch wird für von ihnen verübte Hand- 
lungen Geschlechtsbuße oder Friedensgeld bezahlt; die vorkommenden 
Abweichungen von diesen Regeln stehen ganz vereinzelt, und sind 
augenscheinlich nur als spätere Neuerungen aufzufassen. Daß die 
Tötung eines Weibes durch einen Mann umgekehrt strenger be- 
handelt wird als die Tötung eines Mannes, möge sie nun als buß- 
lose Tat gelten (WGL.), oder doch mit doppelter Buße belegt werden 
(ULL., WML.), ^) erklärt sich einfach daraus, daß die Rücksicht auf 
die sittliche Verwerflichkeit der Verletzung einer hilflosen Person 
über die Rücksicht auf den geringeren Wert des Weibes davonge- 
tragen hat, und ist somit nicht vom Standpunkte des Weibes aus zu 
erklären. Charakteristisch ist dagegen wieder, daß auch das Weib 
Bußen verwirken kann, für deren Entrichtung freilich der Vormund 
haftet, und daß umgekehrt Bußen auch dem Weibe zu entrichten 
sind, deren halber Betrag freilich dem Vormunde zufällt, der sie ein- 
zutreiben hat; nur die Unzuchtsbußen fallen diesem ungeteilt zu, 
und scheint dabei die Rücksicht auf sein Verlobungsrecht in erster 
Linie maßgebend gewesen zu sein, welches sich übrigens auch darin 
bemerkbar macht, daß ihm bei der Verlobung eine Gabe entrichtet 
werden mußte, die in den gotischen Rechten als vingaef, in den 
schwedischen aber als faestnada fae bezeichnet wird. Das Recht der 
Verlobung und das der gerichtlichen Vertretung erschienen dabei als 
so bezeichnend für die Geschlechtsvormundschaft, daß deren Inhaber 
ebensogut als giftarma|)er wie als malsma|)er bezeichnet werden konnte. 
Man sieht, im schwedischen Rechte wird das Weib noch prinzipiell 
als unmündig behandelt, und besteht dementsprechend noch eine 
fest ausgeprägte Geschlechtsvormundschaft in der Hand des nächst- 
berufenen männlichen Verwandten; nur in sehr beschränktem Um- 
fange zeigen sich demgegenüber die Anfänge einer beginnenden Zer- 
setzung, und nur sehr allmählich sehen wir diese mit der Zeit weiter 
vorschreiten. Vergleicht man aber mit ihm das norwegisch -isländische 
Recht, so zeigt dieses den gleichen Zersetzungsprozeß bereits in weit 
höherem Grade fortgeschritten, aber doch so, daß nicht alle ihm 



*) vgl. Wilda, S. 572 u. 649—52. 



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§ 5. Die Weiber. II9 

zugehörigen Rechtsquellen bei diesem Entwicklungsgange miteinander 
gleichen Schritt gehalten haben, vielmehr bald da bald dort Über- 
reste der älteren Rechtsordnung vereinzelt stehen geblieben sind. 
So hat z. B. die privatrechtliche Gestaltung des isländischen goöorö 
zur Folge gehabt, daß Weiber in dieses sukzedieren konnten, während 
das norwegische Recht sie von der Thronfolge ausschloß. Das pränd- 
heimer Recht hat die gerichtliche Vertretung der Weiber in der 
Hand der nächsten Verwandten als Ausfluß einer legalen Geschlechts- 
vormundschaft festgehalten, während die GpL. und das ältere Stadt- 
recht, sowie auch das isländische Recht den Weibern bereits die 
Wahl ihrer Vertreter freigeben. In vermögensrechtlicher Beziehung 
kennt nur das isländische Recht noch eine Überwachung der Weiber 
durch den Geschlechtsvormund, und nur ihm ist überdies der doppelte 
Volljährigkeitstermin bei den Weibern bekannt, in welchem doch 
wohl eine eigentümliche Zwischenbildung im Entwicklungsprozesse 
der weiblichen Freiheit zu erkennen ist In Bezug auf die Alters- 
vormundschaft und die Blutklage haben hingegen beide Rechte den 
Weibern eine Beteiligung eingeräumt, die ihnen das schwedische 
Recht versagt, wohl aus dem Grunde, weil sie, anders als dieses, die 
pekuniäre Seite beider Berechtigungen mehr in den Vordergrund 
rücken, und dieselben als Vorteile behandeln, die sich an das Erb- 
recht anschließen ; ^) daß das isländische Recht die Weiber hinterher 
von der Blutklage wieder ausschloß, darf als eine aus ganz speziell 
nachweisbaren strafprozessualischen Rücksichten hervorgegangene 
Neuerung füglich außer Betracht bleiben. Durch die Zulassung der 
Weiber zur Altersvormundschaft und zur Blutklage und durch die 
hierdurch bedingte Veränderung der Sukzessionsordnung bezüglich 
beider Rechte wurde aber selbstverständlich der innige Zusammen- 
hang aufgehoben, in welchem beide Institute ursprünglich mit der 
Geschlechtsvormundschaft gestanden waren, während die Freigebung 
der Wahl ihres Vertreters auch die gerichtliche Vertretung der 
Weiber von dieser loslösen mußte. Wenn demnach schon nach 
schwedischem Rechte der Geschlechtsvormund nicht mehr notwendig 
auch zugleich der geborene Erbe des Weibes zu sein brauchte, so 
konnte nach norwegischem oder isländischem Rechte allenfalls auch 
der Altersvormund und der Blutkläger und weiterhin auch der ge- 
richtliche Vertreter eines Weibes ein ganz anderer sein als dessen 



>) vgl. Konüngsbök, 1 18/225: at taka erföir, ok {)au g»Öi, er |)vi eigu at 
fylgja; StaÖarhölsbök, 75/99. 



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I20 Teil I. Die äufiere Erscheinung der VerwandtschafL 

Geschlechtsvormund, und die Zersplitterung der Geschlechtsvormund- 
schaft, welche wir in diesen letzteren Rechten vorfinden, stellt sich 
somit ganz einfach als eine Folge des Umstandes dar, daß an ein- 
zelnen ursprünglich in ihr mitbegriffenen Rechten hinterher auch 
die Weiber selbst Anteil erhielten, während andere nach wie vor 
bei der alten Ordnung blieben, und wieder andere einem beliebig 
vom Weibe gewählten Manne übertragen wurden. Sehr charakte- 
ristisch ist aber zumal die Verschiedenheit der Entwicklung auf dem 
strafrechtlichen Gebiete, Während das isländische Recht mit einziger 
Ausnahme der Unzuchtsvergehen den Grundsatz der Gleichstellung 
der Weiber mit den Männern hier ganz folgerichtig durchführt, zeigt 
das norwegische nicht nur bezüglich der Friedensbrüche einen sehr 
auffälligen Übergang von dem Systeme des schwedischen Rechts zu 
dem des isländischen, sondern auch bezüglich der Rechtsbrüche halten 
wenigstens die FrI)L. den Bußbezug als Ausfluß der Geschlechtsvor- 
mundschaft fest, soweit diese in der Hand des Vaters oder Bruders 
liegt, und sie zeigen sich insoweit sogar noch altertümlicher als die 
schwedischen Rechte, als sie dem Gechlechtsvormunde die ganze 
und nicht bloß die halbe Buße zuweisen, wogegen sie allerdings für 
die entfernteren Verwandten diesen Bußbezug vollständig fallen ge- 
lassen haben, gleich wie die GI)L., das ältere Stadtrecht und das 
isländische Recht von demselben sogar bei den nächsten Angehörigen 
nichts mehr wissen. Der exzeptionelle Charakter, welchen die FrpL. 
der Geschlechtsvormundschaft in der Hand des Vaters und Bruders 
anweisen, wiederholt sich übrigens, beiläufig bemerkt, in auffälligster 
Weise in einem unserer südgermanischen Rechte, nämlich in dem 
der Langobarden; hier wie dort scheint derselbe indessen kaum als 
ursprünglich betrachtet, sondern vielmehr nur auf eine spätere Ab- 
schwächung vordem auch der entfernteren Verwandtschaft zu- 
stehender Rechte zurückgeführt werden zu dürfen. Doch wäre da- 
bei immerhin möglicherweise auch der Gegensatz des engeren und 
weiteren Verwandtenkreises in Bezug auf wirtschaftliche Fragen in 
Betracht zu ziehen. Die Gründe aber, welche bei den Unzuchts- 
verbrechen den Bußanspruch des Geschlechtsvormundes auch nach 
denjenigen Rechten festhalten ließen, welche und soweit sie bei den 
übrigen Vergehen denselben fallen gelassen hatten, sind bereits 
früher angegeben worden, und mag hier nur noch darauf aufmerksam 
gemacht werden, daß das jüngere Christenrecht von Vikin deren 
engen Zusammenhang mit dem Verlobungsrechte sehr deutlich her- 



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§ 5« Die Weiber. 121 

vorhebt, wenn' es ausspricht,^) daß diese Vergehen darum einen 
ernsten Vorwurf für das schuldige Weib begründen, weil dieses nicht 
befugt sei, über sich selbst zu verfügen, solange es nicht von seiner 
Verwandtschaft verheiratet worden sei 

Zeigt sich hiernach das ursprüngliche System des Weiberrechtes 
bereits in den norwegischen Provinzialrechten und dem Rechte des 
isländischen Freistaates vollständig zerrüttet, so ist für die spätere 
Zeit selbstverständlich nur ein weiteres Fortschreiten dieses Auf- 
lösungsprozesses zu erwarten, und durch den Inhalt der späteren 
Gesetzbücher wird diese Erwartung ihrem vollen Umfange nach be- 
stätigt Die sämtlichen Gesetzbücher des K. Magnus lagaboetir lassen 
zwar die Ausschließung der Weiber von allen politischen Rechten 
ruhig fortbestehen und gestatten denselben auch nicht die eigene 
Selbstvertretung vor Gericht; aber sie räumen, hierin den G1)L. 
folgend, allen unverehelichten W^eibern die freie Wahl ihres Ver- 
treters ein, *) und befreien dieselben insoweit von dem weit drücken- 
deren Joche eines geborenen Geschlechtsvormundes. Sie kennen 
ferner, wie das ältere norwegische Recht, nur einen einzigen Voll- 
jährigkeitstermin für die Weiber, und zwar denselben, welcher auch 
für die Männer gilt; daß derselbe von ihnen vom 15. auf das 20. 
Lebensjahr vorgerückt wird, ist demgegenüber ohne alle Bedeutung.*) 
Dagegen ist dem Stadtrechte allein die Bestimmung eigen, daß 
Weiber zum Kaufen, und doch wohl auch zum Verkaufen, von 
Häusern oder Grundstücken der Genehmigung ihres Ehemannes oder 
ihres nächsten Erben bedürfen sollen;^) weder das gemeine Land- 
recht noch die Jönsbök weiß von einer ähnlichen Vorschrift, und 
beziehen sich die nach beiden den Dispositionsbefugnissen der Weiber 
gezogenen Schranken wieder nur auf die Ehefrauen, ^) gehören also 
nicht hierher. Da das ältere Stadtrecht sowohl als die Provinzial- 
rechte Norwegens gleichfalls keine derartige Beschränkung der Weiber 
kennen, wird wohl die Vermutung erlaubt sein, daß dieselbe ent- 
weder aus der Järnsiöa, welche in diesem Punkte dem älteren islän- 
dischen Rechte folgt, *) oder auch aus deutschen Stadtrechten in des 



*) neuerer BJKrR. 26: En kona sü, er liggr meÖ manni i launüngu, hön 
hcilir hörrsekja, l)vfat hön ä eigi själf forraeöi sin fyrr en frrendr hennar hafa gift 
hana heiman. 

*) Järns., Kaupab. 8; Landsl. 8; BjarkR. 24; Jönsbök, 10. 

') Landsl., ErfÖat. 2; BjarkR. 2; Jönsbök, Kvennag. 2. 

*) BjarkR., Kaupab. 6. *) Landsl., Kaupab. 21; Jönsbök, 24. 



•) Jdrns., Landabrb. 4. 



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122 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

K. Magnus Stadtrecht herübergekommen sein möge. Die Zurück- 
setzung der Weiber in Bezug auf die Erbfolge, und zumal in Bezug 
auf die Stammgutsfolge, ist stehen geblieben, wenn auch im ein- 
zelnen in etwas anderer Art gestaltet, als sie dies in den älteren 
Rechten gewesen war; nach wie vor ist ferner die Erbfolgeordnung 
auch für die Berufung zur Altersvormundschaft maßgebend ge- 
blieben.^) Im Strafrechte ist nunmehr die Gleichstellung der Weiber 
mit den Männern auch in Bezug auf die Friedensbruchsachen durch- 
geführt;*) die Bußen, welche für die Verletzung von Weibern fällig 
werden, sind jetzt stets an diese selbst zu entrichten, mit Ausnahme 
nur der Unzuchtsbußen, welche nach wie vor dem nächsten Erben 
männlichen Geschlechts gebühren,') und der Ehefrauen, für welche 
nach wie vor der Ehemann sämtliche Bußen nimmt;*) die Rache 
aber ist nunmehr auch für Unzuchtsfälle völlig beseitigt*) Das Ver- 
lobungsrecht endlich ist im wesentlichen noch in früherer Weise 
geordnet Nur die Witwe darf sich mit dem Beirate einiger Ver- 
wandter selber verloben, und die Jungfrau dann, wenn ihr Ge- 
schlechtsvormund sich beharrlich weigert, auf sich darbietende pas- 
sende Partien einzugehen ; abgesehen von diesen beiden Fällen aber 
verwirkt das Weib durch eigenmächtige Verlobung sein Erbrecht*) 
An einer Stelle, welche übrigens weder in das Stadtrecht noch in 
die Jönsbök übergegangen ist, bedroht das gemeine Landrecht außer- 
dem Männer wie Weiber für den Fall, daß sie sich ohne Zustimmung 
ihrer Verwandten verheiraten würden, mit dem Verluste ihrer An- 
sprüche auf die Früchte ihres beweglichen Gutes und auf die Pacht- 
gelder von ihrem Grundbesitze ; 'j diese Bestimmung kann sich je- 
doch, wie schon das angedrohte Präjudiz zeigt, augenscheinlich nur 
auf Minderjährige beziehen, und ist auch von neueren Schriftstellern 
ganz richtig nur auf solche bezogen worden.^) Das Verlobungsrecht 
steht übrigens, mit Ausnahme der Mutter, immer nur Männern zu; 
von einem Zwange zur Ehe, wie solchen der Geschlechtsvormund 

*i Landsl., ErfiNat, 14; BjarkR. 14; Jönsbök, 20. 

•i Landsl., Mannh. l; BjarkR. I, Anm. 12; Jönsbök, I. 

• Landsl., Mannh. 29; BjarkR. 29; Jönsb<»k, 31. 
*» LandsL, ErfiSat. 3; BjarkR. 3; Jonsbok, 3, 

*. Landsl., Mannh. 5; BjarkR. 4: Ji>nsbok, 2. 

• Landsl., Erf^at. 2; BjarkR. 2; Jonsbok, l: vgL auch neuerer 
B|)KrR. 26. 

^. Landsl., Erfi^aL 3. 

* I Tj:l. W i 1 d a , S. Soi , Anm. 2 ; R i v e , L S. 93 ; Brandt, Forel^esninger, 
S, 131. 



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§ 5. Die Weiber. 123 

ursprünglich zweifellos auszuüben berechtigt gewesen war, kann jetzt 
selbstverständlich keine Rede mehr sein, da die kirchlichen Anschau- 
ungen über das Wesen der Ehe nunmehr bereits zur unbestrittenen 
Herrschaft gelangt sind, welche die Ausübung eines solchen Zwanges 
schlechterdings ausschließen, ^) 

Aus dem Entwicklungsgange, welcher im Bisherigen für das 
Weiberrecht im ganzen nachgewiesen wurde, lassen sich sehr be- 
deutsame Ergebnisse für die verschiedensten Gebiete des verwandt- 
schaftlichen Rechtes gewinnen; auf eines der bedeutsamsten unter 
ihnen mag hier noch besonders aufmerksam gemacht werden, weil 
es eine Reihe solcher Gebiete gemeinsam betrifft, und überdies für 
die richtige Beurteilung der gesamten Struktur der Verwandtschaft 
von maßgebender Bedeutung ist Da wir die Zurücksetzung der 
Weiber, und zwar auf allen Rechtsgebieten, als einen Fundamental- 
satz des ältesten Rechtes kennen gelernt haben, welcher nur sehr 
langsam, und in verschiedenen Rechten auf verschiedene Weise Hbe- 
raleren Anschauungen wich, werden wir anzunehmen berechtigt sein, 
daß die, hinter der Entstehungszeit unserer Rechtsbücher allerdings 
weit zurückliegende, ursprüngliche Verwandtschaftstafel die Weiber 
völlig unberücksichtigt gelassen haben werde, und daß deren spätere 
Einschaltung in dieselbe innerhalb der verschiedenen Rechte zu sehr 
verschiedener Zeit, in sehr verschiedenem Umfange und zumeist auch 
überdies in verschiedenen Absätzen erfolgt sein werde. UngleiCh- 
förmigkeiten also, welche lediglich die Stellung der Weiber innerhalb 
der Verwandtschaftstafel betreffen, dürfen völlig unbeachtet bleiben, 
wenn es gilt, die ursprüngliche Struktur dieser letzteren festzustellen ; 
andererseits aber kann man aus der Vergleichung der verschiedenen 
non^-egischen Provinzialrechte unter sich und mit dem isländischen 
Rechte unter Umständen Schlüsse auf das relative Alter dieser oder 
jener einzelnen Bestimmung des Weiberrechtes ziehen, und da der 
Zeitpunkt der Abzweigung des isländischen Rechts vom norwegischen 
uns ziemlich genau bekannt ist, mag sich in einzelnen Fällen viel- 
leicht sogar das absolute Alter der einen oder anderen Neuerung 
wenigstens annähernd bestimmen lassen. 



*) neuerer G|»KrR. 23; Jons KrR. 40; Arria bps. KrR. 16. 



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124 '^^^^ '• ^^^ äußere Erscheinong der Verwandtschaft. 



$ 6. Die uneheliche Geburt.') 

Neben der auf die Ehe begründeten Verwandtschaft kommt im 
altnordischen Rechte auch die uneheliche in Betracht, jedoch nur in 
untergeordneter Weise, und so, daß die unehelich Geborenen den ehe- 
lich Geborenen an Rechten keineswegs gleich standen, vielmehr viel- 
fältig hinter ihnen zurückstehen mußten. Dabei war das Maß von 
Rechten, welches der unechten Geburt zu verschiedenen Zeiten und 
an verschiedenen Orten eingeräumt war, ein durchaus verschiedenes, 
und innerhalb der unechten Geburt selbst waren wieder vielfach 
weitere Unterscheidungen verschiedener Klassen derselben durchge- 
führt, so daß es ziemlich schwer hält, über die hier einschlägigen 
Bestimmungen zu voller Klarheit zu gelangen. 

Ich stelle einige Bemerkungen über die Terminologie 
unsererQuellen voran. Es werden aber die unehelich Geborenen 
zumeist als lau nbörn oder laungetnir menn, d. h. heimlich ge- 
borene Leute bezeichnet, und werden ihnen die ehelich Geborenen 
als skirgetnir oder skfrbornir menn, d. h. rein erzeugte oder geborene, 
oder auch skilbornir, skilgetnir oder skilfengnir menn, d. h. recht- 
mäßig erzeugte oder geborene Leute, gegenüber gestellt Hin und 
wieder werden auch Ausdrücke wie frilluborinn, frillubörn, 
frillusonr, frilludöttir in gleich allgemeinem Sinne gebraucht;*) 
eigentHch aber bezeichnen diese letzteren Ausdrücke nur die Kon- 
kubinenkinder, und erklärt sich jener ungenauere Gebrauch derselben 
nur aus der Tatsache, daß das spätere Recht die verschiedenen 
Klassen der unehelichen Kinder ziemlich gleich behandelte, und daß 
zumal die Kirche aus FeindseHgkeit gegen den Konkubinat dessen 
völlige Gleichstellung mit allen anderen Arten der außerehelichen 
Geschlechtsgemeinschaft nach Kräften beförderte. Im übrigen unter- 
schied das ältere norwegische Recht drei verschiedene Klassen von 
unehelichen Kindern, nämlich den hornüngr, hrisüngr und |)y- 



*) vgl. Wilda, Von den unechten Kindern (1855); dann meine Abhandlung 
über „Die unechte Geburt nach altnordischem Rechte", in den Sitzungsberichten der 
philos.-philol. und histor. Klasse unserer Akademie, 1883, S. 3 — 86. 

*) So z. B. Landslög, ErfÖat. 7, Nr. 2—3 oder He im skr. Olafs s. 
Trygg vasonar, 11/132, wo K. Sveinn tjüguskegg als des K. Haraldr frillusonr 
bezeichnet wird. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. 125 

borinn sonr,*) für welche Bezeichnungen sich die entsprechenden 
Femininformen homa, hrfsa und J)yborin döttir nachweisen lassen. 
Die GI)L. erklären dieselben in der Art, daß sie unter dem hrisüngr 
den Sohn eines freien Weibes verstehen, welcher mit diesem heim- 
lich erzeugt ist, also den laungetinn sonr im eigentlichsten Wort- 
sinne, unter dem hornüngr aber den Sohn eines freien Weibes, mit 
welchem der Kindsvater in einer dauernden und offenkundigen Ge- 
schlechtsverbindung zusammenlebte, ohne doch mit demselben recht- 
mäßig verheiratet zu sein, also den frillusonr im eigentlichen Sinne, 
unter dem Jjyborinn sonr endlich, wie dies bereits der Name an- 
deutet, den Sohn einer unfreien Mutter, wobei jedoch noch weiterhin 
vorausgesetzt wurde, daß derselbe von seinem Vater anerkannt und 
noch vor zurückgelegtem dritten Lebensjahre freigelassen worden 
war. Indessen fragt sich doch, ob diese Definitionen als schlechthin 
feststehende und altertümliche betrachtet werden dürfen. Bereits die 
FrpL. stimmen bezüglich derselben mit den GI)L. nicht vollständig 
überein, soferne sie zwar den Begriff des |)yborinn sonr ganz ebenso 
bestimmen wie diese, aber hrisüngr den Sohn nennen, welchen ein 
freier Mann mit einem freien Weibe im Walde erzeugt hat, und 
hornüngr denjenigen, welchen ein solcher mit einer Freien daheim 
im Hause erzeugte. Noch weiter weicht vollends das isländische 
Recht ab, welches überdies die im norwegischen Rechte übliche 
Nomenklatur noch durch einige weitere Benennungen bereichert. 
An einer anderen Stelle spricht dasselbe einmal von dem „sonr J)y- 
borinn eöa laungetinn", ^) und braucht demnach eine Bezeichnung, 
welche eigentlich nur den Sohn einer unfreien Mutter umfassen sollte, 
als identisch mit einer anderen, welche alle und jede unehelichen 
Kinder ganz gleichmäßig in sich begreift ; anderwärts aber ^) definiert 
es den hrisüngr als den Sohn einer Mutter, welche zur Zeit seiner 
Belebung im Mutterleibe noch unfrei gewesen, aber bereits vor seiner 
Geburt freigelassen worden war, und welcher darum einer Freilassung 
bedarf, um frei zu werden, obwohl er streng genommen frei geboren 
ist, den hornüngr als den Sohn, welchen eine freie Frau von ihrem 
eigenen Sklaven gewinnt, den sie freigelassen hat, um mit ihm leben 
zu können, den baesingr als den Sohn, welchen ein geächtetes Weib 
mit ihrem eigenen Manne, und den vargdropi als den Sohn, welchen 



») GI)L. 58 und 104; Fr|>L. VIII, 8 und X, 47. 

*) Konüngsbök, I13/201. 

») ebenda, 118/224; Staöarhölsbök, 59/68. 



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126 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

ein geächteter Mann mit seinem eigenen Weibe erzeugt, ^) und welche 
beide insofeme den unehelichen Kindern sich anreihen, als die Aus- 
stoßung des Geächteten aus dem Rechtsverbande auch dessen Ehe 
rechtlich aufhebt In den schwedischen Rechten endlich bezeichnet 
der Ausdruck rishöf |)i, welcher doch mit hrisüngr zweifellos gleicher 
Abstammung ist, den Sohn, welchen ein geächteter Mann mit seiner 
Frau erzeugt, ^ also dasselbe was das isländische Recht als vargdropi 
bezeichnet. Immerhin scheint sich der Sprachgebrauch der beiden 
norwegischen Rechtsbücher in Übereinstimmung bringen, und auch 
mit dem der schwedischen Rechte ganz befriedigend in Zusammen- 
hang bringen zu lassen. Von hris, d. h. Reisig, Buschwald abgeleitet, 
gelangt der Ausdruck hrishöföi oder auch hrisüngr zunächst ganz 
naturgemäß zu der Bedeutung, welche das schwedische Recht dem- 
selben beilegt. Wie die Ableitungen und Zusammensetzungen hrisnir, 
hrisgrisnir, hrisgrimnir als dichterische Bezeichnungen des Wolfes sich 
nachweisen lassen, so mochte ja auch der gleiche diesem unstät und 
gehetzt den Wald durchirrende Achter ebensogut als hrisüngr be- 
zeichnet werden, wie er nachweisbar wirklich als skögarmaör, d. h* 
Waldmann, oder auch als vargr, d. h. Wolf bezeichnet wurde, *) und 
mochte dieser Name auch auf seinen Sohn, den vargdropi, d. h. 
Wolfstropfen, ganz wohl übertragen werden. Andererseits aber konnte 
der Ausdruck ganz ebensogut auch auf den bei vorübergehender Be- 
gegnung erzeugten Bastard Anwendung finden, indem die Erzeugung 
im wilden Walde ja recht wohl als drastische Bezeichnung der Zu- 
fälligkeit des Zusammentreffens gelten konnte; zumal wenn man die 
Bezeichnung hornüngr demselben gegenübergestellt denkt, welche von 
hörn, d. h. Ecke abgeleitet, ganz treffend den daheim im Hause mit 
einer offenkundigen Zuhälterin erzeugten Sohn bezeichnet, welcher 

*) In Sigrdrifumal, 35 bezeichnet vargdropi freilich den Sohn des Feindes, 
von einer anderen metaphorischen Bedeutung des Wortes vargr ausgehend. 

«) WGL. IV, 2; ULL., .Erft^eb. 21/1 ; SML., /Erf|)aeb. 4, pr.; WML. II, 
.ErfJ)aeb. 16/ 1. In ganz anderem Sinne, nämlich als Bezeichnung eines widerrecht- 
lich errichteten Zaunes, steht das Wort in ÖGL., Bygdab. 28/4, und ebensowenig 
gehört der Gebrauch des Wortes hrisüngr für einen mit Buschwald bewachsenen 
Berg in der Ynglinga s., 39/31 hierher, wenn nicht, wie Jon |>orkelsson mich be- 
lehrt, die hier erwähnten „heipt hrisüngs", die „skriÖa mikil meÖ grjöti ok leiri" 
noch Erpr Jönakrsson bezeichnet, der auch in HamÖismäl 14 hornüngr heifit, während 
die Brüder, die ihn erschlugen, mit Steinen getötet wurden, ebenda, 25. 

') vgl. die tryggöamäl in der Konüngsbök, 115/206: svd vi'Öa vargr rsekr 
ok rekinn, sem menn viöast varga reka ; vgl. ferner die Ausdrücke : vargr i v^um, griÖ- 
vargr, gorvargr, morÖvargr u. dgl. m. 



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S 6. Die uneheliche Geburt. 



127 



aber doch dem echt geborenen gegenüber im Winkel stehen muß. 
Auch der letztere Ausdruck scheint echt und alt; wenn in einem 
Eddaliede Erpr von seinen Brüdern Hamöir und Sörli hornüngr ge- 
scholten wird, ^) so mag sich dies einfach aus der Annahme erklären, 
daß er, der „sundrmoeöri", von einem Kebsweibe geboren sein möge^ 
und wenn in einer mythischen Sage Hlöör oder Hlööverr zugleich 
als hornüngr und als |)yjarbarn bezeichnet wird, ^) so begreift sich 
auch dies sehr leicht, wenn man berücksichtigt, daß er von K. Heiö- 
rekr mit einer gefangenen Königstochter erzeugt worden war, welche 
dieser eine Zeit lang als Konkubine bei sich behalten, dann aber 
ihrem Vater zurückgeschickt hatte. Unerklärlich bleibt mir dagegen 
der Sprachgebrauch der isländischen Rechtsbücher, und fast möchte 
ich annehmen, daß diese eben nur willkürlich und spielend die ein- 
mal überkommenen Ausdrücke hnsüngr und hornüngr für Modalitäten 
der unechten Geburt verwendeten, welche bisher ohne besondere 
Bezeichnung geblieben waren, und doch einer gesonderten Hervor- 
hebung bedürftig schienen. In der Belgsdalsbök werden ganz die- 
selben Kategorien der arfgengnir menn aufgezählt, wie in der 
Konüngsbök und Staöarhölsbök, jedoch ohne daß dabei jene tech- 
nischen Bezeichnungen derselben genannt würden, ^) und es ist dem- 
nach recht wohl möglich, daß diese letzteren nur durch den Unver- 
stand eines einzelnen Bearbeiters oder Abschreibers in den Text jener 
beiden Hss. hineingekommen waren, oder daß sie auch wohl zwar 
durch den willkürlichen Einfall eines einzelnen Juristen eingestellt,, 
aber hinterher wieder weggelassen wurden, weil sie mit der ein- 
heimischen Überlieferung allzuwenig im Einklänge zu stehen schienen. 
Den Gewohnheiten der isländischen Verfasser des 13. Jahrhunderts 
würde jedenfalls ein so willkürliches Verfahren ganz wohl entsprechen, 
wie dies zumal so manche Zusammenstellungen von Wörtern in der 
jüngeren Edda beweisen. 

Ehe ich mich auf die Besprechung der Rechte einlasse, welche 
der unehelichen Verwandtschaft zugestanden waren, glaube ich noch 
die andere Frage erledigen zu müssen, ob die ihr zugestandenen Be- 
fugnisse, gleichviel welchen Umfanges sie seien, ihr nur gegenüber 
der Verwandtschaft des unehelichen Vaters, oder nur 
gegenüber der Verwandtschaft der unehelichen Mutter,. 



*) HamÖismdl, 14; vgl. 13. '') Hervarar s., 17/495; vgl. 13/455. 

^) Belgsdalsbök, 47/239 — 40. Dagegen kennt AM. 125, A., S. 413 — 14. 
die Bezeichnungen hnsüngr, hornüngr, vargdropi und bsesingr. 



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128 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

oder gegenüber der Verwandtschaft beider Eltern zugleich 
zugekommen seien. Bei Behandlung dieser Vorfrage erscheint mir 
ferner zweckmäßig, das isländische Recht von dem norwegischen 
getrennt zu halten, und das erstere als das durchsichtigere voran- 
zustellen. 

Für das isländische Recht kann zunächst der Grundsatz als 
schlechthin maßgebend bezeichnet werden, daß das uneheliche Kind 
seiner väterlichen Verwandtschaft gegenüber nur unter der Voraus- 
setzung irgendwelche Rechte anzusprechen hat, daß die Vaterschaft 
in Bezug auf dasselbe in rechtsgültiger Weise hergestellt ist Für 
die Anstellung der Paternitätsklage, welche keiner Verjährung unter- 
liegt, *) gilt der Ausdruck „soekja til faöernis"; für die Fest- 
stellung der Vaterschaft aber, möge dieselbe nur auf gerichtlichem 
oder außergerichtlichem Wege erfolgen, braucht man die weiter 
reichenden Ausdrücke „foera mann i aett", oder ,,bera mann i 
aett". Die beiden letzteren Bezeichnungen sind für uns insoferne 
jedenfalls von Bedeutung, als sie zeigen, daß man die unechten 
Kinder, wenn nur erst die Paternität hinsichtlich derselben ins klare 
gebracht war, als zum Geschlechte ihres Vaters gehörig ansah; da- 
gegen wird man aus demselben nicht, wie Vilhjälmr Finsen tun 
möchte, ^) auch noch den weiteren Schluß ziehen dürfen, daß das 
Kind durch die Feststellung der Paternität überhaupt erst zu einem 
Geschlechte komme, und somit zu dem Geschlechte seiner Mutter, 
welchem gegenüber diese Feststellung ohne Bedeutung ist, in gar 
keiner Beziehung stehe. Es ist denn doch recht wohl denkbar, daß 
man gerade umgekehrt die Zugehörigkeit des Kindes zu dem Ge- 
schlechte der Mutter als eine unter allen Umständen sich von selbst 
verstehende, weil von keiner vorgängigen Anerkennung oder Beweis- 
führung abhängige betrachtete, und daß man somit von einem foera 
1 aett sprechend lediglich an das Geschlecht des Vaters dachte, wie 
denn in der Tat an einer Stelle, an welcher die Konüngsbök von 
einem Manne spricht „er eigi er kominn i sett at lögum", die Staöär- 
hölsbük sagt „er eigi er at lögum kominn i fööur aett";') eine aller- 

*j StaÖarhülsbök, 163/192; vgl. 155 184 — 5 und 169/202; d-inn Konüngs- 
bök, 15854 als Referenz. 

') Annaler, 1849, S. 286; doch ist derselbe auf Grund der von mir, Island, 
S. 351 — 3 erhobenen Einwendungen nunmehr geneigt, diese Annahme fallen zu lassen, 
Glossar, s. v. laungetinn, S. 637. Vgl. auch meine Abhandlung „Die unechte Ge- 
burt nach altnordischen Rechten", S. 19 — 32. 

') Konüngsbök, 94/169; Staftarhölsbök, 34I/367; Tgl. kona i stt, 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. I2Q 

dings nicht strengstens genaue Ausdrucksweise, welche um so eher 
statthaft war, weil die mütterliche Verwandtschaft in der Tat, wie 
schon mehrfach zu bemerken war, ursprünglich auch bei der echten 
Geburt nur sehr wenig berücksichtigt wurde. Jedenfalls kann keinem 
Zweifel unterliegen, daß zu der Zeit, aus welcher unsere Rechts- 
bücher stammen, die unechten Kinder unbedingt dem Geschlechte 
ihrer Mutter zugezählt wurden. Ausdrücklich wird demjenigen, welcher 
„eigi til arfs alinn" ist, die Alimentationspflicht ebensogut seiner 
Mutter wie seinem Vater gegenüber auferlegt, ^) und niemand wird 
bestreiten wollen, daß dabei, wenn auch vielleicht nicht ausschließ- 
lich, so doch jedenfalls in erster Linie an die unehelichen Kinder zu 
denken sei ; eine, wie es scheint allerdings erst spätere, Bestimmung 
verpflichtet die unecht Geborenen sogar neben der Alimentation 
ihrer Eltern auch noch zu der ihrer Geschwister, ohne daß dabei 
zwischen der Vatersseite und Muttersseite unterschieden würde. -) 
Eine Stelle ferner, welche einläßlich das Erbrecht der unecht Ge- 
borenen ihren Eltern und Geschwistern gegenüber bespricht,*) unter- 
scheidet nicht zwischen Vater und Mutter, und beruft überdies aus- 
drücklich den brööir sammoeöri laungetinn und die systir sammoeöra 
laungetin zur Erbfolge. Nach neuerem Rechte können ferner die 
unecht Geborenen unter Umständen auch zur Stellung der Blutklage 
um einen brööir sammceöri, dann zur Verlobung einer systir sammoeöra 
oder zum Bezüge einer Unzuchtsbuße wegen einer solchen berufen 
werden, *) und nicht minder können auch unechte Kinder unter Um- 
ständen ihrer eigenen Mutter wegen zu einer Unzuchtsbuße berufen 
werden. *) Umgekehrt hat wenigstens in dem Falle, da die Paternität 
nicht hergestellt ist, die mütterliche Verwandtschaft den am unecht 
Geborenen begangenen Totschlag zu verfolgen und dessen Erbschaft 
zu beziehen,*) und daß dieselbe diesen gegenüber unter Umständen 
auch alimentationspflichtig war, wird sich ebenfalls gleich zeigen; 



Konüngsbök, 143/25 und AM. 125, A., S. 419, wo StaÖarhölsbök, 116/149 
beifügt „at faöemi"; auch StaÖarhölsbök, 163/192 und AM. 125, A., S. 423 
sprechen von faÖemi. 

>) Konüngsbök, 143/24; StaÖarhölsbök, 116/149. 

*) StaÖarhölsbök, I11/142; Finsen» Anhang II, 1/227; &uch StaÖar- 
hölsbök, 73/97 und AM. 173, D., 11/460 — i. 

») Konüngsbök, 1x8/218—19; StaÖarhölsbök, 56/63 und 73/97. 

*) StaÖarhölsbök, 73/97; Finsen, ang. O.; in der Konüngsbök, 118/ 
21S — 19 als Referenz am Rande nachgetragen. 

*) StaÖarhölsbök, 173/207. 

*) Konüngsbök, 94/169; StaÖarhölsbök, 341/367. 
Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach ahnordischem Rechte. 9 



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I^O Teil I. Die äuficre Erscheinung der Verwandtschaft. 

ganz allgemein werden demnach den unecht Geborenen der mütter- 
lichen sowohl wie der väterlichen Verwandtschaft gegenüber Rechte 
eingeräumt, und Pflichten auferlegt, und damit ist denn doch genug- 
sam dargetan, daß dieselben ganz ebensogut zu dem einen Ge- 
schlechte wie zu dem anderen gerechnet worden sein müssen. Aller- 
dings wird demgegenüber wiederholt ausgesprochen, ^) daß unehe- 
liche Kinder nach erfolgter Feststellung der Paternität ausschließlich 
von ihrem Vater und eventuell von ihren väterlichen Verwandten 
verpflegt werden sollen, bis sie ihr i6. Lebensjahr erreicht, und da- 
mit die Grenze des „ömagaaldr** überschritten hätten; aber indem 
diese Regel die ausschließliche Alimentationspflicht der väterlichen 
Verwandtschaft auf das erreichte i6. Jahr des unecht Greborenen 
beschränkt, spricht sie denn doch zugleich aus, daß nach diesem 
Jahre, also für den Fall, daß derselbe aus einem anderen Grunde als 
wegen seines jugendlichen Alters unterstützungsbedürftig wird, die 
Unterstützungspflicht dem unecht Geborenen gegenüber die Ver- 
wandtschaft zwischen der Vatersseite und Muttersseite trifft, und über- 
dies mußte denn doch trotz jener Regel die Alimentationspflicht 
selbst bei jugendHcherem Alter des unecht Geborenen dessen mütter- 
liche Verwandtschaft dann treffen, wenn alimentationsfähige Ver- 
wandte von der Vatersseite her nicht vorhanden waren, oder wenn 
die Paternität noch nicht festgestellt war, wie ja für diesen letzteren 
Fall auch die Berufung der mütterlichen Verwandtschaft zur Erb- 
folge und zur Blutklage ausdrücklich anerkannt war. *) Alle diese 
Tatsachen setzen aber wieder ganz bestimmt die Zugehörigkeit des 
unehelichen Kindes zum Geschlechte seiner Mutter voraus, und jene 
scheinbar abweichende Bestimmung ist hiemach auf die sehr nahe 
liegende Erwägung zurückzuführen, daß bei allen Fleischesvergehen 
der Mann als der vorzugsweise schuldige Teil zu gelten habe, und 
daß darum auch er, und subsidiär seine Verwandtschaft zunächst 
allein für die vermögensrechtlichen Folgen dieses Vergehens auf- 
kommen müsse. Daß dabei die Vollendung des i6. Lebensjahres 
des Kindes für diese intensivere Verpflichtung als Endgrenze be- 
zeichnet wurde, erklärt sich aber sehr einfach daraus, daß nur bis 
zu diesem Zeitpunkte die Last der Alimentation und Pflege als das 
Überwiegende galt, wogegen nach zurückgelegter „bamömegö" der 



*) Konüngsbök, 142/23; StaÖarh61sbök, 104/135 und 83/107; Konüngs- 
bök, 128/7; Staöarhölsbök, 85/111. 

*) Konüngsbök, 94/169; Staöarhölsbök, 341/367. 



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§ 6. Die uDeheliche Geburt. i^f 

Genuß der verwandtschaftlichen Rechte über die Last der verwandt- 
schaftlichen Pflichten das Übergewicht zu erlangen schien, so daß 
von hier ab eine ausschließliche Berücksichtigung der Vatersseite 
nicht mehr den Charakter einer Strafe, sondern umgekehrt den einer 
Belohnung für das Vergehen getragen hätte. — Über die Art, wie 
die Paternität hinsichtlich eines Kindes festgestellt wird, spricht sich 
aber eine Stelle unseres jüngeren Rechtsbuches sehr klar und er- 
schöpfend aus, indem sie sagt:^) „Fjörir eru |)eir hlutir, er menn 
berr i ätt ä landi her. Sä er einn hlutr, ef maör ä konu, |)ä er bann 
hvilir hjä, ok skal |)at hans barn vera, er sü kona elr. Sä er annarr 
hlutr, ef maör handsalar faöerni at bami, ok viö töku. Sä er hinn 
|)riöi hlutr, ef skirsla er gör, ok vinni hon menn sannan at faöerni 
bams. Sa er hinn fjöröi hlutr, ef kviör sannar mann at faöerni bams. 
At j)eim hlut nokkurum skal maör i ätt vera at lögum värum, sem 
nü er talit, en engum öörum. Eigi skal heimiskviö annan at henda 
eöa illtyngöir. Sü sök fyrniz aldrigi at soekja til faöemis." Es soll 
also nicht genügen, wenn etwa unter den Nachbarn das Gerede geht, 
daß dieser oder jener Mann der Vater eines bestimmten unehelichen 
Kindes sei, um ihn sofort rechtlich als solchen erscheinen zu lassen ; 
vielmehr wird, ganz wie andere Stellen zwischen dem „kendr nokorom 
manni at syni" und dem „kominn f aett at lögum" unterscheiden,*) 
oder bezüglich des Ehebruches sagen : „eigi skolo l)ar kvittir räöa", ^) 
zu solchem Behufe ein weit höherer Grad von Gewißheit erfordert, 
welcher nur auf vier bestimmt bezeichneten Wegen soll erbracht 
werden können. Fritzner freilich will an unserer Stelle sowohl als 
an einer anderen, der älteren Edda entnommenen,^) den heimiskviör 
als „Vidnesbyrd, som aflaegges af ens heimisbüar", also als ein förm- 
liches Nachbarzeugnis nehmen; aber augenscheinlich bezeichnet das 
Wort hier wie dort ganz ebensogut wie in einem von Fritzner an- 
geführten Bruchstücke der FrpL.,*) oder im älteren Stadtrechte, wo 
er mit beimiliskviör wechselt, ®) lediglich ein in der Heimat umher- 
laufendes Gerücht, also dasselbe, was anderwärts als heraösfleygt 
oder h^raösfle)^ bezeichnet wird, ') oder höchstens noch den über 



») StaÖarhölsbök, 163/1Q2. 

*) Konüngsbök, 94/169; StaÖarhölsbök, 341/367. 
') ebenda, 153/182. 
*) Sigrdrifumdl, 25. 

*) Fr. II, zu V, § 22, in Norges gamle Love, II, S. 505. 
•) BjarkR. H, 34—35 ^^ ^^h 92—94- 

') B^U I, 17; II, 26 und III, 23; StaÖarhölsbök, 333/359— 60. Vgl. 

9* 



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1^2 Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

die Existenz eines solchen Gerüchtes geführten Beweis. Der erste 
der vier vorgesehenen Fälle ist aber der, da ein Mann ständig mit 
einem bestimmten Weibe lebt, und dieses nun ein Kind gebiert wo- 
bei jedoch kaum, wie I)örör Sveinbjömsson tut, an das eheliche Ver- 
hältnis wird gedacht werden dürfen, welches in den ganzen Zu- 
sammenhang der Stelle nicht gehört, und auf welches auch deren 
Wortlaut kaum recht passen würde, sondern vielmehr an das Zu- 
sammenleben mit einer notorischen Konkubine (frilla, fylgikona, 
byrgiskona), so daß sich also die Vorschrift auf die Geburt eines 
frillusonr im streng technischen Sinne bezieht; ähnlich wie bei der 
ehelichen Geburt beseitigte auch in diesem Falle die Offenkundig- 
keit des zwischen Vater und Mutter bestehenden Verhältnisses jeden 
Zweifel an der Abkunft des Kindes, und konnte eben darum in 
diesem Falle von jeder weiteren Prüfung des Sachverhaltes Umgang 
genommen werden. Lag nun aber keine solche Notorietät vor, so 
war nur ein dreifacher Ausweg offen; entweder nämlich verstand 
sich der angebliche Kindsvater gutwillig und im Vertragswege zur 
Anerkermung der Vaterschaft (handselja faöemi at barni), oder es 
mußte gegen ihn eine Klage auf Vaterschaft, welche, wie bereits be- 
merkt, unverjährbar war, mit Erfolg durchgeführt werden, was wieder 
eine Beweisführung entweder durch den Wahrspruch von Ge- 
schworenen (kviör), oder aber durch ein Gottesurteil (skirsla) voraus- 
setzte. Aller dreier Möglichkeiten wird denn auch noch an einer 
weiteren Stelle gedacht, ^) während wieder andere Male nur des Ver- 
gleiches, *) oder umgekehrt nur des Wahrspruches und Gottesurteiles 
Erwähnung getan wird.*) Als regelmäßiges Beweismittel werden 
dabei in Vaterschaftssachen die Geschworenen gebraucht, deren, wie 
bei anderen Rechtssachen von nicht allzu großem Belange, regel- 
mäßig fünf beigezogen werden ; *) das Gottesurteil dagegen, welches 
beim Manne durch das Tragen des glühenden Eisens, beim Weibe 
aber durch den Kesselfang erbracht wurde,**) trug lediglich einen 

meine Abhandlung „Über das Verdachtszeugnis des allnorwegischen Rechts", in den 
Sitzungsberichten, 1883, S. 565—67. 

*) StaÖarhölsbök, 116/149; die Koniingsbök, 143/25 läßt freilich den 
Geschworenenbeweis aus, doch wohl nur aus Verschen. 

*) Koniingsbök, 142/23; StaÖarhölsbök, 104/135. 

') StaÖarhölsbök, 172/206. 

*) Konüngsbök, 156/48—49 und StaÖarhölsbök, 146/178; ferner 
Konüngsbök, 156/49; 158/53; 158/54; StaÖarhölsbök, I48/179; iSS/'^Si 
156/186; 169/202. 

*) StaÖarhölsbök, 172/206. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. I^^ 

subsidiären Charakter, und zwar wurde einerseits dem Manne das 
Recht zugesprochen, zur Eisenprobe zu greifen, ^) wie es scheint, um 
dadurch einen angebotenen Gegenbeweis abzuschneiden, oder auch 
einen bereits geführten zu entkräften, andererseits aber auch wohl 
vom Weibe der Kesselfang verlangt, *) wenn es eine Bettlerin, oder 
wie wir wohl generalisierend werden sagen dürfen, wenn es über- 
haupt bescholten war. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die 
erwähnten beiden Gottesurteile auf Island nicht beständig waren^ 
und nie recht in Aufnahme kamen. Durch kirchUchen Einfluß von 
Deutschland aus über Norwegen eingeführt, wurden sie nach den 
Rechtsbüchem lediglich nur in Vaterschafts- und Unzuchtsfällen an* 
gewandt, und auch die geschichtlichen Quellen erwähnen ihrer fast 
nur in Bezug auf solche Fälle, ^) obwohl sie dieselben allerdings aus^ 
nahmsweise auch ein paarmal in Diebstahlssachen gebraucht zeigen ; *) 
in ihrer Handhabung aber verrät sich hier wie dort eine höchst auf- 
fallende Unsicherheit Es kann vorkommen, daß ein Priester, welcher 
die Anstellung des Gottesurteiles geleitet hatte, wegen seines un- 
sicheren Erfolges dessen Wiederholung fordert,*) oder daß ein 
Bischof, nachdem er dessen Erfolg zuerst für vollkommen befriedigend 
erklärt hatte, hinterher dennoch zuungunsten des Beweisführers sich 
ausspricht;*) ja eine unserer Rezensionen des Christenrechtes spricht 
sogar dem Bischöfe ein für allemal die Befugnis zu, das Gottesurteil 
in Patemitätssachen so oft wiederholen zu lassen, als er wolle, wobei 
dann stets der Ausfall der letzten Probe als der entscheidende zu 
gelten habe.^ Derartige Vorkommnisse sind natürlich mit dem das 
Institut beherrschenden Grundgedanken schlechthin unvereinbar und 
lassen deutlich erkennen, wie wenig national dieses auf der Insel 
war; welches Beweismittel aber etwa vor der Einführung jener beiden 
fjottesurteile deren Stelle vertreten haben möge, läßt sich bei dem 
Schweigen der Quellen schlechterdings nicht bestimmen. 

Das norwegische Recht ferner folgt in Bezug auf unsere 
Frage ganz ähnlichen Grundsätzen wie das isländische, was natürlich 
nicht ausschließt, daß im einzelnen manches hier und dort in ganz 

») StaÖarhölsbök, 153/182. 
') ebenda, 146/178; Konüngsbök, 156/49. 

*) z. B. Ljösvetninga s., 23/77 — 78; Sturlünga, II, 14/65 und 21/76. 
*) z. B. SturlUnga, II, 11/56—58; III, 16/147. 
*) Ljösvetninga s., ang. O. <*) Sturlünga, II, 14/65. 

") Konüngsbök, 264/216; StaÖarhölsbök, 48/58; Skalholtsbök, 9/20; 
Bplgsdalsbök, 37/146; AM. 173, D, 2/456. 



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I^j. Teil I. Die äufiere Erscheinung der VerwandUchafL 

verschiedener Weise geregelt sein konhte. Seine eigenen Regeln 
hat das norwegische Recht zunächst in Bezug auf die Feststellung 
der Paternität, und zwar sind dieselben durch die eigentümliche Ge- 
staltung des Gerichtswesens in Norwegen bedingt Den FrpL, 
welche sich am klarsten über die Frage aussprechen,^) gilt ak 
oberster Grundsatz der, daß jedes Kind einen Vater habe, und daß 
als Vater derjenige gelte, welchen die Kindsmutter ak solchen nenne, 
sofeme er sich nicht von der Ansprache reinige; diese Reinigung 
aber soll, gleichviel ob die Kindsmutter freien oder unfreien Standes 
ist, sofort am ersten Gerichtstage mittels eines selbdritt geschworenen 
Eides erfolgen. Ist der von der Kindsmutter Benannte verstorben 
oder landesabwesend, so hat sie selbst den Beweis ihrer Angabe 
durch ein Gottesurteil zu führen; ist sie aber auch ihrerseits in- 
zwischen gestorben, so mag der Erbe des Verstorbenen (oder Ab- 
wesenden), den sie als Vater angegeben hatte, seinerseits den Gegen- 
beweis ihrer Behauptung gegenüber erbringen, und zwar nach eigener 
Wahl durch einen Dreiereid oder durch ein GottesurteiL Stirbt die 
Kindsmutter, ohne den Vater genannt zu haben, so mag zwar deren 
Geschlechtsvormund seinem eigenen Verdachte folgend klagen, gegen 
wen er will; aber der Beklagte kann ganz wie im obigen ersten 
Falle der Klage durch einen Dreiereid entgehen. Verweigert endlich 
die Kindsmutter beharrlich die Nennung des Vaters, so mag des 
Königs Vogt die Sache so ansehen, wie wenn dieser unfreien Standes 
wäre, und somit von dem Weibe selbst eine Buße von drei Mark 
eintreiben. Wesentlich gleiche Bestimmungen kehren auch in den 
GI)L. wieder, *) und tritt hier nur der weitere, übrigens selbstver- 
ständliche Satz hinzu, daß für den Fall, da ein Unfreier als Kinds- 
vater benannt wird, dessen Herr für ihn zu schwören oder zu zahlen 
hat, und daß für den anderen Fall, da der angebliche Kindsvater mit 
der Kindsmutter in näherem Grade verwandt ist, der Reinigungseid 
selbsechst statt selbdritt abzuschwören ist; letzteres natürlich eine 
Bestimmung, die nicht mit der Patemitätsfrage als solcher, sondern 
vielmehr mit den Strafen des Inzestes in Verbindung zu bringen ist 
Wie in derartigen Fällen der Reinigungseid zu formulieren ist, sagt 
uns weder das eine noch das andere Rechtsbuch ; dagegen hilft nach 
dieser Seite hin das ältere Stadtrecht aus,') indem es zeigt, daß 
man vollkommen richtig zwischen der Verteidigung gegen eine 



^) FrI)L. II, i; vgl. Sverris KrR. 29. 
«) GI)L. 57. >) BjarkR. III, 126. 



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§ 6. Die uneheliche GeburL j^c 

Paternitätsklage und der Verteidigung gegen eine einfache Straf- 
klage wegen außerehelichen Beilagers unterschied. Der ersteren Klage 
gegenüber stabte man den Eid einfach dahin: „at hann ä ekki J)at 
harn, er honum er J)ar kent", wogegen er der letzteren Klage gegen* 
über dahin lautete: „at hann kom aldrigi |)ä kostu hjä henni, at l)au 
maetti barn geta". Sehr eigentümlich sind aber die Bestimmungen 
der BpL. gestaltet ^) Sie lassen, wenn die Benennung des Vaters 
durch die Kindsmutter während der Geburt selbst erfolgt ist, gegen 
dieselbe nur eine halbe Verteidigung zu, soferne der Beamte zwar 
einen hälfr^ttiseiör schwören mag,*) aber dennoch die halbe Buße 
zu entrichten, die halben Unterhaltskosten für das Kind während 
seines ersten Lebensjahres zu bezahlen und dessen halber Vater zu 
heißen hat Erfolgt die Aussage der Kindsmutter dagegen erst nach 
der Geburt, aber doch noch innerhalb der ersten neun Tage nach 
derselben, so bleibt zwar der Eid derselbe, aber die Bußzahlung er- 
mäßigt sich auf zwölf aurar, welche „at tryggvakaupi" zu entrichten 
sind, während von Unterhaltskosten und Vaterschaft nicht mehr die 
Rede ist Erfolgt die Aussage ferner erst nach Ablauf des neunten 
Tages, aber doch noch binnen Monatsfrist, so fallt jede Zahlung 
weg, während doch auch in diesem Falle der gleiche Eid zu schwören 
ist Sagt endlich die Kindsmutter nicht einmal binnen Monatsfrist 
aus, so gilt ein Unfreier als Kindsvater und das Weib verfällt dem- 
zufolge einer Buße von drei Mark und der Schuldhaft auf dem 
Königshofe bis zu deren Entrichtung. Die ganze Satzung hat etwas 
sehr Verwunderliches, und diesem Umstände mag es gutenteils zu- 
zuschreiben sein, daß Fr. Brandt sich zu einer von der obigen sehr 
abweichenden Auslegung derselben hat bestimmen lassen;*) er be- 
jaht nämlich die Annahme einer halben Vaterschaft auf den Fall, 
„hvis Kvinden er berygtet for Letfaerdighed", so daß dieselbe also 
mit der sogenannten exceptio plurium concumbentium eine gewisse 
Verwandtschaft hätte. Ich kann indessen von einer derartigen Vor- 
aussetzung in unserer Stelle keine Spur finden. Wahrscheinlich hat 
der genannte Verfasser die Worte : „en ef sü kona er i heraöe, er |iat 
orölag hefir fengit, at heldr verör bot at hennar nävist en annarra 
kvenna, l)ä berr hon l>ar til tveggja manna vitni, ok heitir bjargrygr" 
so verstanden, als wenn sie sich auf Weiber bezögen, welche jeder- 

*) B|»L. II, 14 und III, 10. Der neuere B{)KrR. 3 hat weit abliegende, 
sehr modernisierte Vorschriften. 

*) d. h. doch wohl einen Sechsereid; vgl. BJ)L. I, 17; II, 26; III, 23. 
'} Forelsesninger, S. 172—73; Retshistorie, I, S. 132. 



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I^g '^cil '• ^i^ äiifiere Erscheinung der Verwandtschaft 

mann zu Willen sind, und mag ja sein, daß ihn der Gebrauch der 
Bezeichnung birgiskona oder byrgiskona für eine Konkubine, ^) dann 
byrgisskapr für das Beilager,*) byrgismenn für Zuhälter männlichen 
Geschlechts*) dabei bestimmte. Aber doch wird zunächst der Aus- 
druck bjargr3;^gr in ganz anderer Weise zu deuten sein; von bjarga 
abgeleitet, bezeichnet er das helfende Weib, also die Hebamme, wie 
dies auch Fritzner sowohl als Eirikr Jönsson bereits ganz richtig 
bemerkt haben, und diese kann an einer Stelle, wdche von der Ge- 
burt spricht, denn auch recht wohl als eine Person bezeichnet werden, 
von deren Gegenwart man mehr Hilfe hat als von der Anwesenheit 
anderer Weiber. Wenn ferner unmittelbar vor dem oben mitge- 
teilten Satze die andere Bestimmung steht: „ero svä konor vatt- 
baerar um |)at mal sem karlmenn", so erhält derselbe sehr einfach 
den Sinn, daß, wie in auf die Geburt bezügüchen Fällen aus leicht 
begreiflichen Gründen Weiber so gut zum Zeugnisse zugelassen 
werden sollen wie Männer, die Hebamme doppeltes Zeugnis leisten 
soll, weil sie gewissermaßen in dienstücher Funktion anwesend und 
darum doppelt glaubwürdig ist Ist aber der von Fr. Brandt einge- 
schlagene Ausweg unzulässig, so wird wohl dem ganzen Zusammen- 
hange der Stelle nach deren Erklärung nur darin gesucht werden 
dürfen, daß die Angabe der Kindsmutter um so glaubhafter er- 
scheint, je früher sie abgegeben wird, und daß ihre Glaubwürdig- 
keit, wenn sie unmittelbar bei der Greburt erfolgt war, allzu hoch 
angeschlagen wird, als daß sie durch irgend einen Reinigungseid 
vollständig widerlegt und in Bezug auf alle ihre Folgen entkräftet 
werden könnte; eine Anschauung, aus welcher hier freilich sehr 
barocke Schlüsse gezogen werden, aber doch nur in einer Weise, 
welche auch sonst für das ältere Recht nicht unbelegt ist*) Alles 
in allem genommen ergibt sich übrigens aus der bisherigen Dar- 
stellung immerhin, daß die Behandlung der Paternitätsklagen im 
norwegischen Rechte prinzipiell ebenso geordnet war wie im islän- 
dischen, nur daß anstatt des auf Island geltenden Geschworenen- 
beweises der in Norwegen übliche Eidhelferbeweis eintrat; insbe- 
sondere wird auch keinem Zweifel unterliegen können, daß auch in 
Norwegen eine vertragsweise Anerkennung der Vaterschaft jede ge- 
richtliche Verhandlung und Beweisführung über diese überflüssig 

*) BjarkR. III, 129; Hrafns s. Sveinbjarnarsonar, 14/663; Homilic- 
bök, S. 216, Zeile 15 (ed. Wisen). 

').I)ätlr af Hrömundi halta, 2/144—45. ') Lucie s., 2/434. 

*) vgl. z. B. BI)L. II, 13. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. i^y 

machen mußte, und werden wir überdies getrost annehmen dürfen, 
daß auch hier ein offenkundig bestehendes Konkubinatsverhältnis 
jeden Zweifel über die Paternität von vornherein beseitigt haben 
werde. Wir wissen ja, daß solche Konkubinate in Norwegen nicht 
nur unbeanstandet vorkamen, sondern selbst von den Rechtsbüchem 
in gewisser Weise anerkannt und geschätzt wurden, soferne sich 
nicht nur nach den GI)L. durch 20jährigen, nach den BpL. durch 
30jährigen ungestörten Bestand das Konkubinat in eine rechtmäßige 
Ehe verwandeln konnte,^) sondern auch nach dem älteren Stadt- 
rechte und dem sogenannten Christenrechte des K. Sverrir, welches 
in diesem Punkte nur auf einer älteren Redaktion der FrpL. beruhen 
kann, das Recht des Mannes auf eine Konkubine durch einen eigenen 
Bußbezug geschützt war ; *) wir wissen femer, daß der hornüngr oder 
frillusonr im norwegischen Rechte sehr bestimmt von den übrigen 
Arten der unechten Kinder geschieden war, und so mußte doch 
wohl gerade in Bezug auf die Vaterschaftsfrage in derselben Weise 
wie nach isländischem Rechte eine begünstigende Präsumption zur 
Seite gestanden sein. — Ist nun aber die Vaterschaft in der einen 
oder anderen Weise festgestellt, so gehören die unechten Kinder 
auch sofort ihrem Vater und seinem Geschlechte an. Das I)ränd- 
heimer Recht läßt sie solchenfalls ohne weiteres ihres Vaters Recht 
nehmen, d. k dessen Stand teilen, wenn nur die Mutter freien 
Standes war, wogegen der Sohn der Sklavin allerdings zunächst dem 
Stande seiner Mutter folgt und selbst dann, wenn ihm bereits in 
frühester Jugend die Freiheit geschenkt wird, doch nur eine um ein 
Drittel geringere Buße erhält, als welche sein Vater anzusprechen 
hat;') die GpL. aber lassen selbst den J)yborinn sonr, wenn er nur 
vor vollendetem dritten Lebensjahre freigelassen worden ist, das 
volle Recht seines Vaters nehmen, und halten natürlich bezüglich 
aller mit freien Weibern erzeugten unechten Kinder an derselben 
Regel nur um so mehr fest*) Umgekehrt ist aber auch klar, daß, 
wenn der auf Vaterschaft Belangte seinen Reinigungsbeweis führt, 
weder ihm selbst noch seinem Geschlechte gegenüber von irgend 
welcher Verwandtschaft mit dem unehelich geborenen Kinde mehr 
die Rede sein kann,*) und nicht minder klar, daß dieses Kind 

») GJL. 125; BJL. II, 10. 

*) BjarkR. III, 129; KrR. Sverris, 69; vgl. meine Studien über das soge- 
nannte Christenrecht des K. Sverrir, S 50 — 53. 

») FrjL. X, 47. *) GJL. 57 und 104. 

*) ebenda, 57: Jjä er {)at 1 engum äbyrgÖum viÖ bann, ne viÖ fraendr hans. 



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I^g Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschafl. 

solchenfalls hinsichtlich seiner Alimentation lediglich auf seine Mutter 
angewiesen sein kann, *) und eventuell doch wohl auch auf deren 
Verwandtschaft ; sogar in dem Falle soll das Kind der Mutter folgen, 
wenn sie dasselbe als freies Weib mit einem Unfreien gewonnen 
hat,') und es steht hiermit vollkommen in Einklang, daß das Kind 
das Recht seines mütterlichen Großvaters haben soll, wenn die 
Mutter keinen Kindsvater nachzuweisen vermag.') Die Sache stand 
somit, ganz wie auf Island, dahin, daß das Kind, solange die Pater- 
nität in Bezug auf dasselbe nicht festgestellt war, zwar zum Ge- 
schlechte seiner Mutter in Beziehungen stand, wogegen solche Be- 
ziehungen auch zum Geschlechte seines Vaters sich knüpften, sowie 
erst die Vaterschaftsfrage erledigt war; unter dieser letzteren Vor- 
aussetzung trat dann aber das väterliche Geschlecht auch sofort in 
den Vordergrund, und nach ihm bemaß sich fortan zumal der Stand, 
welchem das Kind zugehörte. 

Die Rechte und Pflichten, welche der unechten Geburt 
zuerkannt und auferlegt wurden, waren in den verschiedenen Rechten 
sehr verschieden begrenzt, und zumal war auch die Schranke ver- 
schieden gezogen, innerhalb deren die unehelich Greborenen über- 
haupt noch zur Verwandtschaft gerechnet wurden. 

Das isländische Recht hat in Bezug auf die unechte Ge- 
burt im Verlaufe der Zeiten eine Reihe von Wandlungen durchge- 
macht, welche zunächst in Bezug auf das Erbrecht klar erkenn- 
bar sind, und auch bereits von Vilhjälmr Finsen richtig erkannt 
wurden.*) In der ältesten Zeit scheinen die unehelich Geborenen 
überhaupt nicht erbfähig gewesen zu sein. Ausdrücklich finden wir 
noch den Satz ausgesprochen, daß der Mann nicht erbfähig (eigi 
arfgengr) sei, dessen Mutter nicht rechtsförmlich mit dessen Vater 
verheiratet gewesen sei, *) und ganz allgemein werden Ausdrücke wie 
arfgengr, arfborinn, til arfs alinn in den Rechtsbüchem gebraucht, 
um die ehelich Geborenen im Gegensatze zu den unecht Geborenen 
als den eigi til arfs alnir u. dgl. m. zu bezeichnen ; beides nur unter 
der Voraussetzung verständlich, daß die unechte Geburt ursprünglich 
vom Erbrechte ganz und gar ausgeschlossen gewesen war.*) Ein 



*) FrI)L. II, i: hyggi sjalf fyrir barni. 

*) ebenda: ein barn skal möÖur fylgja; vgl. BI)L, II, I4. 

') FrI)L. II, i: {)a taki j)at rett eptir möÖur feÖr sinum. 

*) Annaler, 1849, S. 295 — 96. 

*) Konüngsbük, 118222; Staöarh ölsbök, 58'66. 

**) So auch V. Finsen, Glossar, s. v. arfi, S. 584. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. I^O 

paar weitere Stellen bestätigen diese Folgerung, indem sie dieselbe 
allerdings einigermaßen beschränken. Auf der einen Seite nämlich 
wird ganz unzweideutig ausgesprochen, daß der unehelich Geborene 
gleich dem ehelich Geborenen seine eigenen Kinder und seinen 
eigenen Freigelassenen beerbe,^) und wir haben allen Grund anzu- 
nehmen, daß dieser Satz alten Rechtens sei, da ja die unechte Ge- 
burt einer Person selbst bei strengster Auffassung nur zur Folge 
haben konnte, daß deren Beziehung zu deren Vater und Mutter, so- 
wie zu der Verwandtschaft ihrer beiden Eltern ignoriert wurden, 
aber doch kaum dazu führen konnte, dem unecht Geborenen die 
Rechte zu verkümmern, welche ihm aus einem Patronatsverhältnisse 
seinem Freigelassenen, oder durch die Eingehung einer rechtsgültigen 
Ehe seinen ehelichen Kindern gegenüber erwuchsen. Auf der anderen 
Seite war aber auch dem Vater verstattet, seinem natürlichen Sohne 
eine Zuwendung bis zum Werte von zwölf aurar zukommen zu lassen, 
ohne daß er hierfür der Zustimmung seiner geborenen Erben be- 
durfte, vorausgesetzt nur, daß jeder der gesetzlichen Erben auf seinen 
Erbteil mindestens ebensoviel erhielt*) Ein eigentümlicher Bericht 
einer geschichtlichen Quelle zeigt, daß auch diese letztere Bestimmung 
althergebracht war.**) Nach ihm ging der alte Höskuldr DalakoUsson 
(t um 985) auf seinem Sterbebette seine beiden ehelichen Söhne an, 
ihm die arfleiöing seines unechten Sohnes, des Ölafr pä, zu ge- 
statten, und diesem damit den Anspruch auf gleiche Teilung des 
väterlichen Nachlasses mit ihnen einzuräumen ; als die echtgeborenen 
Söhne hierauf einzugehen sich weigerten, forderte sie der Vater so- 
fort auf, ihm wenigstens zu gestatten, daß er von seinem Rechte 
Gebrauch mache, und ihrem unechten Bruder eine Vergabung von 
zwölf aurar Wert zuwende; nachdem er endlich hierzu die Zu- 
stimmung der beiden erhalten hatte, schenkte er dem Ölafr Kleinodien 
im Werte von zwölf Unzen Goldes. Damit war nun freilich in 
hohem Grade hinterlistig gehandelt, da die zwölf aurar des Gesetzes 
unzweifelhaft lögaurar und nicht Unzen Goldes waren, welches letztere 
achtmal höher im Werte stand als Silber, *) und da die Zustimmung 
der echtgeborenen Söhne sich offenbar nur auf den gesetzlich vor- 
gesehenen W^ert bezogen hatte ; aber immerhin wird durch den Vor- 
gang die Existenz der gesetzlichen Bestimmung für den Schluß des 



*) Konüngsbök, 127/247; Staöarhölsbök, 66/85. 

*) ebenda. 

•) Laxdcjela, 26/102 — 4. *) vgl. Konüngsbök, 246/193. 



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Ij^O Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

lO. Jahrhunderts, oder doch für eine ziemlich weit zurückliegende 
Zeit bezeugt, und in der Tat dürfte diese ihre Entstehung einer Zeit 
verdanken, welche von einem gesetzlichen Erbrechte der unehelichen 
Kinder ihren Eltern gegenüber noch nichts wußte, wenn dieselbe 
auch in der späteren Zeit einem bloß subsidiären gesetzlichen Erb- 
rechte derselben gegenüber immer noch eine gewisse Bedeutung be- 
hielt Demgegenüber beruft nun aber die Erbschaftstafel unserer 
beiden Rechtsbücher ^) unmittelbar nach den echtgeborenen Söhnen 
und Töchtern, Eltern und Geschwistern auch den Sohn und die 
Tochter, den Bruder und die Schwester von unechter Geburt, und 
zwar die Geschwister sowohl von der Vaterseite als von der Mutter- 
seite, während zugleich kategorisch ausgesprochen wird, daß in den 
entfernteren Graden nur noch ehelich Geborene berücksichtigt werden. 
In der Staöarhölsbök findet sich femer an einer anderen Stelle -) eme 
weitere Bestimmung, welche nicht nur das Erbrecht der unehelich 
Geborenen in ganz derselben Weise regelt, sondern nur auf andere 
verwandtschaftHche Rechte und Pflichten derselben sich bezieht; in 
der Konüngsbök ist diese Bestimmung zu der vorigen am Rande 
als Referenz nachgetragen, und auch in der Belgsdalsbök und einer 
weiteren Hs., AM. 315 B. fol., sind Teile derselben vorgeschrieben,*) 
während dieselbe in der Staöarhölsbök am Rande ausdrücklich als 
nymseli bezeichnet ist*) Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es 
sich demnach dabei um ein weit über das Erbrecht hinausgreifendes, 
die sämtlich den unecht Geborenen zukommenden Rechte und 
Pflichten umfassendes Gesetz, durch welches ein gesetzliches Erbrecht 
derselben ihren Eltern sowohl als ihrer väterlichen Verwandtschaft 
gegenüber erst nur eingeführt wurde, und wurde von diesem Gesetze 
eben nur vielleicht der erbrechtliche Teil früher eingeführt als dessen 
übrige Bestandteile, und dann hinterher bei der Einführung dieser 
letzteren um der Vollständigkeit willen nochmals mit etwas anderen 
Worten eingestellt. Ungerechtfertigt scheint mir dagegen Vilhjälmr 
Finsens Annahme, daß zwischen die völlige Ausschließung der un- 
echten Geburt vom Erbrechte und ihre Zulassung zu demselben in 

*) Konüngsbök, 118/218— 19; Staöarhölsbök, 56/63 und 64; ebenso auch 
Belgsdalsbök, 45/238 — 39. 

2) Staöarhölsbök, 73/97; in Konüngsbök, 1 18/2 18 — 19 als Referenz. 

*) Belgsdalsbök, 46/239; Anhang II, 1/227 (AM. 315, B); AM. I 73, D., 
11/460— I. 

*) vgl. Vilh. Finsen, Om de islandske Love i Frislatstiden, 8. 227, Anm. (in 
den Aarb0ger for nordisk Oldkyndighed og Historie, 1873). 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. I4I 

dem eben bezeichneten Umfange noch ein Übergangsstadium sich 
in die Mitte geschoben habe. Er glaubt die gelegentliche Angabe 
einer weiteren Stelle *) auf ein solches beziehen zu sollen, daß un- 
eheliche Kinder beerben sollen „ef engi hefir J)eirra manna, er til 
arfs ero talöir at lögum", oder wie er übersetzt : „efter de Maend, der 
skulle tage Arv efter Lovene" ; aber diese letzteren Worte dürfen nicht 
auf das Fehlen aller und jeder erbberechtigter Verwandter, sondern 
nur auf das Fehlen solcher Verwandter bezogen werden, welche das 
Gesetz technisch als „talöir til arfs i lögum" bezeichnete, also auf 
den ersten Grad der Deszendenz, Aszendenz und Seitenlinie, und so 
verstanden sagt die Stelle dann nicht, wie Finsen will, daß nur die 
unechten Kinder ihren Eltern gegenüber, und auch diesen gegenüber 
nur für den Fall erbberechtigt sein sollen, daß überhaupt keinerlei 
erbberechtigte Verwandten von ehelicher Abkunft vorhanden seien, 
sondern sie sagt nur, daß die unehelichen Kinder ihre Eltern beerben, 
sowie eheliche Kinder, Eltern und eheliche Geschwister derselben 
nicht vorhanden sind, also ganz dasselbe, was auch an den vorhin 
besprochenen beiden Stellen gesagt wird. Richtig ist dagegen aller- 
dings, daß sich in dem Kapitel, mit welchem die Staöarhölsbök ihren 
erbrechtlichen Abschnitt schließt, *) umgekehrt eine in der Konüngs- 
bök fehlende Bestimmung eingeschaltet zeigt, nach welcher in Er- 
mangelung ehelich geborener Personen, welche im dritten gleichen 
Grade oder näher mit dem Erblasser verwandt sind, dessen unecht 
geborene Verwandte bis zu demselben Grade zur Erbfolge berufen 
werden sollen, und zwar in ganz derselben Reihenfolge, wie solche 
für die echt Geborenen vorgeschrieben war. Berücksichtigt man, 
daß für die eheliche Geburt die Grenze des Erbrechtes erst auf den 
fünften gleichen Grad gesetzt war, so ist klar, daß selbst diese zweite 
und letzte Ausdehnung der den unecht Geborenen eingeräumten 
erbrechtlichen Befähigung noch immer hinter der für die eheliche 
Verwandtschaft bestehenden Grenze nicht unerheblich zurückblieb, 
füglich der Altersvormundschaft ferner galt die Regel : „svä 
skal til fjär varöveizlu taka, sem til arfs";*) näheres aber über die 
Handhabung dieser Regel gegenüber den unecht Geborenen wird 
uns nicht angegeben. Hinsichtlich der Alimentationspflicht 

^) Konüngsbök, 143/24; Staöarhölsbök, 116/149. 
') Staöarhölsbök, 80/102. 

*) Konüngsbök, 122/230 und Staöarhölsbök, 64/78; vgl. Staöar- 
isbök, 57/64, was in der Konüngsbök, 118/220 nur als Referenz einge- 
^agen ist. 



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IA2 Teil I. Die äuflcrc Erscheinung der Verwandtschaft 

sodann werden zunächst bezüglich des ersteren Grades der aufsteigen- 
den, absteigenden und Seitenlinie einige besondere, und von der 
Regel des Erbrechtes teilweise abweichende Vorschriften ausge- 
sprochen, und wird weiterhin der Satz aufgestellt, daß jedermann, 
den Besitz genügenden Vermögens vorausgesetzt, die Person zu ali- 
mentieren habe, deren geborener Erbe er sei, ^) womit denn doch 
auch wieder die prinzipielle Identität der Reihenfolge, in welcher 
man zur Alimentationspflicht und zur Erbfolge berufen wird, ausge- 
sprochen erscheint; doch finden wir neben dieser allgemeinen Regel 
auch noch eine Reihe besonderer Bestimmungen, welche gerade in 
Bezug auf die den unecht Geborenen obliegende Alimentationslast 
diesen Paralleüsmus mit dem Erbrechte des näheren ausführen. Ob 
zu irgend einer Zeit die unecht Geborenen von jeder Alimentations- 
pflicht ihren Eltern und ihrer elterlichen Verwandtschaft gegenüber 
völlig frei waren, wird uns nicht gesagt, und läßt sich auch nicht 
mit voller Bestimmtheit aus der Analogie des Erbrechtes erschließen; 
dagegen erfahren wir, daß zu der Zeit, in welcher dieselben ihre 
Eltern und Geschwister beerbten, wenn echt geborene Verwandte 
des ersten gleichen Grades fehlten, auch die Alimentationspflicht 
diesen gegenüber ihnen oblag, und zwar aller Wahrscheinlichkeit 
nach auf Grund derselben Novelle, welche ihnen jene Erbberechtigung 
eingeräumt hatte. Jetzt galt demnach die Regel,*) daß nicht nur 
der unehelich Geborene seine eigenen Kinder ganz in derselben 
Weise zu alimentieren hatte wie der echt Geborene, was sich doch 
wohl unter allen Umständen von selbst verstand, sondern daß auch 
die unecht Geborenen ihre Eltern und ihre Geschwister zu alimen- 
tieren schuldig waren, falls keine zur Erbfolge näher berufenen Per- 
sonen vorhanden waren, u^id falls sie selbst ein bestimmtes Maß von 
Vermögen besaßen. Wie ihr Erbrecht, so war demnach auch ihre 
Alimentationspflicht nur eine eventuelle, und diese letztere war über- 
dies auch noch insofeme eine minder drückende, als eheliche Kinder 
sich für ihre Eltern nötigenfalls sogar der Schuldknechtschaft unter- 
werfen, und eheliche Geschwister für einander wenigstens noch mit 
ihrer eigenen Hände Arbeit einstehen mußten, während den unecht 
Geborenen die erstere Verpflichtung überhaupt nicht, und die letztere 
wenigstens nur unter der Voraussetzung oblag, daß sie des Alimen- 
tationsbedürftigen nächste Erben waren. Ausdrücklich wird dabei 



>) Konüngsbök, 128/3; StaÖarhölsbök, 81/103. 
') Staöarhölsbök, 111/142. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. I^j 

bemerkt, daß die Alimentationspflicht der unecht Geborenen über 
die bezeichnete Grenze nicht hinausreiche, und es ist somit voll- 
kommen richtig, wenn eine zweite Bearbeitung der betreflendeo 
Novelle den Grundsatz ausspricht: „ok skal svä fara ömegö sem arf?', 
und „eptir fimari menn ero skirgetnir menn til arfs ok ömegöar, ef 
eigi taka systkin", ^) oder wenn die Staöarhölsbök anderwärts noch 
eine Einschaltung zeigt, welche ebenfalls wieder die Gleichheit der 
Begrenzung der Alimentationspflicht und des Erbrechtes für die un- 
echte Geburt ausspricht. *) Endlich dehnt aber auch dasselbe Kapitel 
dieses letzteren Rechtsbuches, welches den unecht Geborenen ein 
eventuelles Erbrecht bis zum dritten gleichen Grade einschließlich 
einräumt, deren eventuelle Alimentationspflicht ebensoweit aus,*) so- 
daß also die Alimentationspflicht der unecht Geborenen genau den- 
selben Entwicklungsgang nahm wie deren Erbrecht Eine völlig 
andere Frage als die nach der Alimentationspflicht der unecht Ge- 
borenen war natürlich die nach ihrer Alimentationsberechti» 
gung; indessen mag auch diese gleich hier noch besprochen werden. 
Es wurde bereits gelegentiich erwähnt, daß uneheliche Kinder, die 
Feststellung der Paternität natürlich vorausgesetzt, bis zum zurück- 
gelegten i6. Lebensjahre von ihrem Vater und ihrer väterlichen Ver- 
wandtschaft alimentiert werden mußten, wogegen nach Überschreitung 
dieser Altersgrenze der nächste Verwandte ohne Unterscheidung 
zwischen der väterlichen und mütterlichen Verwandtschaft zu ihrer 
Pflege berufen wurde;*) indessen ist doch jene Verpflichtung der 
väterlichen Verwandtschaft keine unbeschränkte. Einmal nämlich 
braucht die Verwandtschaft des Kindsvaters nicht mehr als vier un- 
eheliche Kinder desselben zu übernehmen, und zwar so, daß je zwei 
derselben auf des Kindsvaters väterliche und mütterliche Verwandt- 
schaft fallen. *) Zweitens aber brauchte man von einem Verwandten, 
dem man nicht näher stand als im vierten gleichen Grade, über- 
haupt nicht mehr als zwei uneheliche Kinder zu übernehmen, wenn 
nicht durch Kastration des Vaters gegen eine weitere Vermehrung 



*) Staöarhölsbök, 73/97; Belgsdalsbök, 46/239; in AM. 315, B. fol.^ 
1/227 «cigt die Stelle eine Lacune^ in Konüngsbök, 1 18/218 — 19 ist sie nur als 
Referenz eingestellt. 

') Staöarhölsbök, 56/63. 

*) ebenda, 80/102. 

*) Konüngsbök, 128/7 und 142/23; Staöarhölsbök, 85/111 und 104/ 135 ^ 
<lann 83/107. Wegen des Vaters vgl. auch ebenda, 173/207. 

*) Konüngsbök, 143*28; Staöarhölsbök, I16/150. 



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IAA Teil I. Die ändere Erscheinung der Verwandtschaft. 

seiner Kinderzahl volle Sicherheit geboten ist ^) Endlich braucht 
man auch die unehelichen Kinder eines Mannes nicht zu übernehmen, 
welchen man seinerzeit selbst mindestens zur Hälfte alimentiert hatte, 
wenn dies anders nur zufolge einer subsidiären, nicht primären 
Alimentationspflicht geschehen war. *) Wer die Verpflegung der- 
jenigen launbörn zu übernehmen hatte, welche nach diesen Regeln 
der väterlichen Verwandtschaft nicht überbürdet werden konnten, 
wird uns nicht gesagt; mag sein, daß dabei mit V. Finsen an die 
Gemeinde zu denken ist, *) welche ja überhaupt für die Armenpflege 
eventuell einzustehen hatte, mag aber auch sein, daß vor ihr noch 
die mütterliche Verwandtschaft herzuhalten hatte, wie sie dem mündig 
gewordenen unecht Geborenen gegenüber einzutreten hatte, und 
jedenfalls werden wir annehmen dürfen, daß diese letztere dann in 
erster Linie haftbar war, wenn die Paternität nicht festgestellt, und 
somit eine väterliche Verwandtschaft nicht vorhanden war, welche 
angegriffen werden konnte. Auffallen könnte allerdings, daß die 
Alimentationspflicht der väterlichen Verwandtschaft bis über den 
vierten gleichen Grad hinaus erstreckt wird, während doch sonst die 
Verbindung der unecht Geborenen mit ihrem Geschlechte anfangs 
auf den ersten, und selbst später noch wenigstens auf den dritten 
gleichen Grad beschränkt war; indessen läßt sich diese Abnormität 
immerhin teils aus dem halbwegs deUktmäßigen Ursprünge der Ver- 
pflichtung, und teils aus der Rücksicht auf die eventuelle Haftung 
der Gemeinde erklären. Bezüglich des Verlobungsrechtes 
gehen unsere verschiedenen Texte auseinander. Die Staöarhölsbök 
beruft an der dieses Recht speziell behandelnden Stelle *) die unecht 
Geborenen zu demselben nur innerhalb des ersten Grades der ab- 
steigenden und Seitenlinie, und zwar an derselben Stelle und in der- 
selben Reihenfolge, in welcher sie zur Erbfolge berufen werden, nur 
mit dem Unterschiede, daß Weiber das Verlobungsrecht nicht selber 
ausüben, sondern nur auf ihre Ehemänner übertragen können, wenn 
sie verheiratet sind ; für die entfernteren Grade wird durch die Ver- 
weisung auf den „nanasti niör karlmanna arfgengra" jede Berechti- 
gung der unechten Geburt ausdrücklich ausgeschlossen. Demgegen- 
über erwähnt die Konüngsbök an der betreflfenden Stelle der unecht 
geborenen Kinder und Geschwister nicht, *) und da auch sie nach 



*' Konungsbok, 143 26; Sta^arholsbok, I16150. 

*» Konungsbok. 14324; SlaÖarhulsbok, IIb 149. 

'■ Annaler, 1S50, S. I71. 

*) Sla^arholsbuk, I1S155. *- K.onüngsbuk, 144^*29. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. jaC 

Besprechung des ersten Grades der ehelichen Verwandtschaft auf 
den nänasti niör karlmanna arfgengra verweist, sind diese damit von 
jeder Berufung ausgeschlossen ; an einer späteren Stelle freilich kehrt 
dieselbe Bestimmung nochmals wieder, ^) jedoch mit der Abweichung, 
daß das Wörtchen „arfgengra" fehlt, was zwar nicht zufällig sein 
mag, vielleicht aber auch bedeutsam ist, indem durch diese Streichung 
möglicherweise die Miteinbeziehung der unecht Geborenen in dem- 
selben Umfange bewirkt werden wollte, in welchem sie zur Erbfolge 
herangezogen wurden. Dieselbe Verschiedenheit der Haltung beider 
Rechtsbücher kehrt ferner auch gelegentlich der Berufung zur Un- 
zuchtsklage wieder. Die Konüngsbök schweigt auch hier wieder 
gänzlich von der unechten Geburt, und verweist an einer Stelle 
lediglich auf die Reihenfolge der Berufung zum Verlobungsrechte, -) 
und von einer zweiten auf die Reihenfolge der Berufung zur Blut- 
klage;*) die Staöarhölsbök dagegen beruft wieder nach dem ersten 
Grade der ehelichen Verwandtschaft den unehelichen Sohn und den 
Ehemann der unehelichen Tochter, und wenn sie die unehelichen 
Geschwister nicht ausdrücklich erwähnt, so sind dieselben doch durch 
die ausdrückliche Verweisung auf die Analogie des Verlobungsrechtes 
mit inbegriffen, welche hier neben der Verweisung auf die Analogie 
der Blutklage steht. *) In Bezug auf beide Rechte hilft uns aber jene 
Stelle der Staöarhölsbök weiter, welche als Referenz auch in die 
Konüngsbök übergegangen ist, und welche mit den Rechten der 
unecht Geborenen überhaupt sich beschäftigt ; '^) sie beruft sowohl 
den brööir laungetinn samfeöri und sammoeöri, als auch den Ehemann 
der systir laungetin samfeöra und sammoeöra zu den festar sowohl 
als zur legorössök, und zwar an derselben Stelle, wie sie zur Erbfolge 
berufen wären, und auch ein paar kleinere Handschriftenfragmente 
wiederholen denselben Satz in ähnlichem Zusammenhange.^) Daß 
dabei der uneheliche Sohn sowohl als der Ehemann der unehelichen 
Tochter ungenannt bleiben, tut nichts zur Sache, da wir die frag- 
liche Novelle nirgends in ihrer authentischen Fassung, sondern über- 

*) Konüngsbök, 253/203. 

^) ebenda, 156/48. ') ebenda, 254/203. 

*) Staöarhölsbök, 145/177; vgl. wegen der unechten Kinder ebenda, 
173/207. 

*) ebenda, 73/97; vgl. Konüngsbök, 118/218— 19. 

•) Belgsdalsbök, 46/239; AM. 315, B. fol., 1/227. ^n ^^^ Belgsdals- 
b6k, 51/242 stehen ferner über die legorÖssakaraÖild dieselben Bestimmungen wie in 
Staöarhölsbök, 145/177. 

Maurer, Verwaadtscbafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. lO 



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1^6 Teil I. Dk äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

all nur in mehr oder minder verschieden gefaßten Auszügen vor ans 
haben; immerhin aber zeigt sich, daß die unehelichen Kinder und 
Geschwister auch von diesen beiden Rechten ursprünglich ausge- 
schlossen gewesen waren, und erst durch jene Novelle zu denselben 
berufen wurden. Dagegen findet sich von einer noch weiteren Aus- 
dehnung der Rechte der unechten Geburt, wie solche für das Erb- 
recht und die Alimentationspflicht nachzuweisen war, auf dem Ge- 
biete des Verlobungsrechtes und der Unzuchtsklage keine Spur. 
Hinsichtlich der Berufung zur Blutklage stellt die Konüngsbök 
dieselbe Reihenfolge auf wie bezüglich der Berufung zur Erbfolge, 
nur mit dem Unterschiede, daß die Weiber sowohl als deren etwaige 
Ehemänner von der Klagestellung gänzlich ausgeschlossen sind; es 
erscheinen demnach nur der unechte Sohn und Bruder berufen, und 
zwar gleich nach den ehelich geborenen Brüdern, wogegen hinter 
jenen wieder nur die entferntere eheliche Verwandtschaft zum Zuge 
kommt ^) Dieselbe Bestimmung kehrt auch in der Belgsdalsbok 
wieder, *) und es ist sicherlich nur ein gekürzter Ausdruck, wenn die 
Staöarhölsbök, im übrigen konform, nur den unehelichen Sohn nennt, 
ohne des Bruders zu gedenken, welcher sich aus den unmittelbar 
vorhergehenden Bestimmungen über die ehelichen Söhne und Brüder 
einfach ergänzen ließ;*) an jener anderen mehrerwähnten Stelle 
der beiden letzten Rechtsbücher, welche als Referenz in die Konüngs- 
bök übergegangen ist, *) werden denn auch richtig der brööir sam- 
feöri und sammoeöri als zur vfgsakaraöild berufen ausdrücklich ge- 
nannt Nicht vollkommen genau ist es hiemach, wenn an ein paar 
bereits angeführten Stellen die Berufung zur vigsök als gleichartig 
zusammengestellt wird, *) sofeme ja bei der letzteren die Ehemänner 
verheirateter Weiber berücksichtigt werden, bei der ersteren dagegen 
nicht ; indessen ist eine derartige Ungenauigkeit doch so unbedeuten- 
der Art, daß sie nicht ernsthaft in Betracht kommen kann. Im 
Baugatal aber wird der sonr ))yborinn eöa laungetinn nur unter die 
sakaukar gestellt, und ihm somit am Wergeide kein regelmäßiger 
Anteil eingeräumt;®) von dem unecht geborenen Bruder aber wird 
vollends überhaupt nicht in der Wergeldstafel gesprochen. Unter den 
Personen endlich, welche wegen der legorössök Blutrache zu 

*) Konüngsbök, 94/168. 

*) Belgsdalsbok, 50/244. ») Staöarhölsbök, 297/335. 

*) ebenda, 7397; Belgsdalsbok, 46/239; Konüngsbök, 118/21S--19- 

*) Konüngsbök, 254203; Staöarhölsbök, 145/177. 

*j Konüngsbök, 113^201. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt I47 

nehmen berechtigt sind, oder welche als Richter, Zeugen oder Ge- 
schworene einer Rek US ation unterliegen, werden unehelich Geborene 
uns überhaupt nicht genannt — Alles in allem genommen haben 
wir hiemach in der Geschichte der unechten Geburt und ihrer Stel- 
lung zur Verwandtschaft drei Stufen zu unterscheiden. In der ersten 
Periode erscheint dieselbe von allen verwandtschaftlichen Rechten 
und Pflichten so gut wie völlig ausgeschlossen; insbesondere gelten 
die unehelich Geborenen, soweit nicht etwa die ßeerbung ihrer 
eigenen ehelichen Kinder oder ihrer Freigelassenen, oder ihre Berück- 
sichtigung durch besonders gemachte Zuwendungen in Frage steht, 
als vollkommen erbunfähig, wogegen sie allerdings Alimentations- 
ansprüche gegen ihre Eltern bereits gehabt haben mögen. In der 
zweiten Periode wurde den unehelichen Kindern und Geschwistern 
ein Anteil an den verwandtschaftlichen Rechten und Pflichten ein- 
geräumt; jedoch nur hinter den ehelichen Kindern und Geschwistern 
und unter Ausschluß aller entfernteren Grade der unechten Geburt' 
von aller und jeder Berechtigung. Die dritte Periode endlich ge- 
währte den unehelich Geborenen bis zum dritten gleichen Grade 
einschließlich eine eventuelle Berechtigung für den Fall des Nicht- 
vorhandenseins irgendwelcher ehelicher Verwandter innerhalb des- 
selben Grades, wogegen noch entferntere Grade der unechten Ge- 
burt auch jetzt noch unberücksichtigt blieben. Der erste Blick zeigt, 
wie dieser allmähliche Fortschritt im Wachstume der den unehelich 
Geborenen eingeräumten Rechte mit der früher erörterten Gliederung 
der Verwandtschaft zusammenhängt. Der erste Schritt gewährt nur 
denjenigen laungetnir menn, welche dem Grade nach zum engsten 
Verwandtenkreise gehören würden, Rechte und Pflichten, und zwar 
hinter den ehelich geborenen Angehörigen dieses Kreises; sie ge- 
hören fortan mit zu den talöir menn i lögum, und schließen als 
solche die dem Grade nach entferntere Verwandtschaft von ehelicher 
Abstammung aus. Der zweite Schritt gewährt sodann, wenn wir 
einer früher ausgesprochenen Vermutung über die ursprüngliche 
Begrenzung des bauggildi und nefgildi vertrauen dürfen, auch den- 
jenigen unecht Geborenen verwandtschaftliche Rechte und Pflichten, 
welche ihrer Grradesnähe nach zu diesen beiden Kategorien gehören 
würden, und zwar wiederum in der Art, daß sie unmittelbar nach 
der ehelichen Verwandtschaft beider Klassen in einem Haufen be- 
rufen werden, unter sich nach Maßgabe derselben Reihenfolge, welche 
für die eheliche Verwandtschaft die entscheidende war und mit Aus- 
schluß aller entfernteren Verwandten von ehelicher Abkunft Insoweit 

10* 



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1^8 Teil I. Die äiifiere Erscheinung der Verwandtschaft 

also wäre alles klar, und wenn zwar die einzige von einer Ausdeh- 
nung der verwandtschaftlichen Berechtigung bis zum dritten gleichen 
Grade handelnde Stelle nur vom Erbrechte und von der Armen- 
alimentation spricht, so werden wir doch hieraus keineswegs ohne 
weiteres den Schluß ziehen dürfen, daß sich die betreffende Bestim- 
mung wirklich nur auf diese beiden Gebiete bezogen habe. Wir 
haben ja gesehen, wie zumal die Konüngsbök in ihrer Textesge- 
staltung noch vielfach zwischen dem ersten und dem zweiten Sta- 
dium der Entwicklung hin und her schwankt, was wir doch nur aus 
der Annahme erklären können, daß deren Kompilator für die ver- 
schiedenen Abschnitte seines Rechtsbuches Vorlagen verschiedenen 
Alters benützte, und nicht immer mit genügender Umsicht das neuere 
Recht in die älteren Texte hineinzukorrigieren wußte. Es fehlt auch 
nicht an Belegen für die Begehung ganz ähnlicher Verstöße auf 
anderen Gebieten, wie denn z. B. die Novelle über die verbotenen 
• Verwandtschaftsgrade und die verwandtschaftliche Armenpflege vom 
Jahre 12 17 in demselben Rechtsbuche zwar am Schlüsse des Christen- 
rechtes eingestellt ist, aber dennoch hinterher weder im Armenrechte 
noch im Eherechte sich berücksichtigt zeigt; da besteht denn aller- 
dings auch die Möglichkeit, daß von jenem jüngeren Gesetze über 
die unechte Geburt von dem Kompilator der Staöarhölsbök eben 
nur zufällig in Bezug auf andere Gebiete als das der Armenpflege 
und des Erbrechtes keine Notiz genommen worden sein könnte. 
Nicht mit völliger Sicherheit bestimmbar dürfte auch die Zeit 
sein, welcher die beiden hier in Betracht kommenden Neuerungen 
angehören. Doch läßt sich vermuten, daß das letzte Gesetz, welches 
nur in der Staöarhölsbök, und auch in dieser nur am Schlüsse des 
Erbrechtes berücksichtigt ist, erst nach dem Abschlüsse der Konüngs- 
bök, also etwa in den Jahren 1260 — 70, werde erlassen worden sein' 
daß ferner auch das frühere Gesetz, welches nur die unehelichen 
Kinder und Geschwister zu verwandtschaftiichen Rechten und Pflichten 
heranzieht, nicht vor der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden 
sein werde. Die Ungleichförmigkeit der Berücksichtigung dieses 
älteren Gesetzes in der Konüngsbök, dann auch der durchgängige 
Gebrauch der Bezeichnung eigi arfgengr, eigi til arfs alinn u. dgl. 
für den unecht Geborenen, lassen darauf schließen, daß die Zeit, in 
welcher die unechte Geburt von den verwandtschaftlichen Rechten 
und insbesondere vom Erbrechte noch völlig ausgeschlossen gewesen 
war, nicht allzuweit hinter der Entstehungszeit jenes älteren Rechts- 
buches zurücklag; überdies machte gerade die wilde Sturlüngenzeit 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. iaq 

welche auch auf geschlechtlichem Gebiete die äußerste Zerrüttung 
zeigt, die Notwendigkeit einer gewissen Berücksichtigung der un- 
echten Geburt zumal den angeseheneren Häusern des Landes nahe- 
gelegt haben. Die Art, wie in unseren beiden Rechtsbüchem am 
Eingange des Erbrechtes der unechten Geburt gedacht und dann 
hinterher eine umfassendere Novelle über ihre Stellung entweder in 
einem eigenen Kapitel nachgetragen oder auch als Referenz am 
Rande jener ersteren vermerkt wird, könnte die Vermutung erwecken, 
daß etwa die Berücksichtigung der unehelichen Kinder und Ge- 
schwister zuerst auf das Erbrecht sich beschränkt habe und erst 
hinterher auch auf die übrigen Rechtsgebiete erstreckt worden sei; 
indessen läßt sich über diesen Punkt kaum mit einiger Sicherheit 
sprechen. Auffällig erscheint endlich noch, daß zwischen den ver- 
schiedenen Klassen der unecht Geborenen nirgends unterschieden 
wird, mit einziger Ausnahme des Vorzuges, welcher dem frillusonr 
in Bezug auf die Feststellung der Vaterschaft eingeräumt wird; in- 
dessen hängt diese Erscheinung sichtlich mit der oben bereits er- 
wähnten Feindseligkeit der Kirche gegen die Konkubinenkinder zu- 
sammen, und sie steht vollkommen mit der auch schon besprochenen 
Tatsache in Einklang, daß man auf Island um die Entstehungszeit 
unserer Rechtsbücher bereits über den richtigen Gebrauch von Aus- 
drücken wie hornüngr und hrisüngr nicht mehr im klaren war. 

Weit weniger durchsichtig ist die Geschichte der unechten Ge- 
burt nach norwegischem Rechte, und es fehlt nicht an gar 
mancherlei Schwierigkeiten, welche in Bezug auf dieselbe zu lösen 
sind. Es wurde bereits bemerkt, daß nach den FrI>L. der uneheliche 
Sohn, welcher von einer freien Mutter geboren ist, seines Vaters 
Recht nimmt, sowie nur erst die Vaterschaft festgestellt ist, wo- 
gegen der })yborinn sonr unter der Voraussetzung, daß er rechtzeitig 
freigelassen und dann frei auferzogen wurde, nur um ein Drittel 
weniger an Buße erhält;*) daß aber andererseits das uneheliche 
Kind, dessen Vater nicht nachgewiesen werden konnte, seiner Mutter 
folgt und somit das Recht seines mütterlichen Großvaters erhält -) 
Nicht minder wurde auch bereits erwähnt, daß nach den GpL. so- 
gar der j)yborinn sonr seines Vaters Recht ungeschmälert erhält, 
wenn er nur in frühester Jugend freigelassen und sodann als frei 
behandelt worden war.') Daß uns im isländischen Rechte keine 

») FrI)L. X, 47. *) ebenda, II, i. 

») GJL. 57 und 104. 



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I ro 'Teil ^- ^ic äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

analoge Bestimmung begegnet ist, erklärt sich sehr einfach daraus, 
daß auf Island alle und jede freigeborenen I^ute gleichen Rechtes 
waren, und kann somit diese Tatsache nicht benützt werden, um 
das Alter der norwegischen Unterscheidung anzuzweifeln; dagegen 
fällt auf, daß nicht noch weiter zwischen dem hornüngr und dem 
hrisüngr unterschieden wird, und möchte man, wiewohl mit Un- 
recht, geneigt sein, hierin, was das I)rändheimer Recht betrifft, eine 
Neuerung zu sehen, welche in GpL. nur noch weiter fortgesetzt 
worden wäre. Zur Erbfolge ferner berufen die GI>L.^) zunächst 
nur die uneheUchen Söhne, und zwar den J)yborinn sonr ebensowohl 
wie den hornüngr und hrisüngr an siebenter Stelle, unmittelbar nach 
den broeörasynir, also den Geschwisterkindern im Mannsstamme, und 
zwar sollen sie in das Stammgut ebensowohl folgen als in die Fahr- 
habe; der J)yborinn sonr wird dabei ausdrücklich als „üleiddr i aett 
efter faöur sinn" bezeichnet, und wird somit bezüglich seiner von 
den weiterreichenden Wirkungen einer Legitimation ganz abgesehen. 
Ganz folgerichtig werden femer die frilludoetr unmittelbar nach den 
broeöradoetr berufen, *^) wogegen das Rechtsbuch von einem Erb- 
rechte der entfernteren Grade der unechten Geburt nichts weiß. 
An derselben Stelle berufen auch die FrI)L. die unechten Söhne, 
nur daß sie zwischen ihnen und den broeörasynir noch die Mutter 
und die Vatersschwester einschieben;*) auch sie stellen alle drei 
Kategorien derselben ganz gleich, aber sie berufen unmittelbar hinter 
ihnen auch noch den brööir frillusonr und nach diesem die homa, 
hrisa und J)yborinn döttir, ehe noch die Erbfolge an den dritten 
gleichen Grad der echten Geburt fällt Daneben ist aber noch die 
auffällige Erscheinung zu verzeichnen, daß der Vorzug der echten 
Geburt vor der unechten auch nach Richtungen hin in Betracht 
kommt, welche mit den Beziehungen des Berufenen zum Erblasser 
nur weit entfernter zusammenhängen. So wird bei Enkeln, dann 
auch bei Neffen, nicht nur ihre eigene echte oder unechte Geburt 
in Betracht gezogen, sondern auch die ihres Vaters, und geht dem- 
nach der echtgeborene Enkel, dessen Vater gleichfalls von echter 
Geburt war, dem anderen vor, dessen Vater ein unehelicher Sohn 
war;*) aber andererseits geht dieser letztere Enkel, weil selber echt 
geboren, dem unecht geborenen Sohne vor, so daß er bei Beerbung 



*j GI)L. 104. *) ebenda, 105. 

») FrJL. VIII, 8; Fragm, III, S. 518—19. 

*J ebenda, 3; Fragm. II, S. 508. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. ^ci, 

seines Großvaters seinen eigenea Vater ausschließt. Maa mag mit 
dieser Bestimmuog etwa den anderen Satz desselben Rechtsbuches 
vei^leichen, daß der echt geborene Sohn eines |)yborinn sonr die 
volle Buße seines Großvaters nehmen soll, während doch ihr Vater 
um ein Drittel geringeres Recht gehabt hatte, weshalb denn auch 
solche Leute als betrfeörüngar bezeichnet werden. ^) So wird femer 
auch an zwei verschiedenen Stellen, welche das Erbrecht der Mutter 
ihrem eigenen Kinde gegenüber besprechen, *) darauf Gewicht ge- 
legt, daß sie selber von ehelicher Geburt sei, während dieser Um- 
stand doch nach unseren Begriffen für deren Beziehungen zu ihren 
eigenen Kindern ohne alle Erheblichkeit sein müßte. Man wird viel- 
leicht den Umstand zur Vergleichung heranziehen dürfen, daß auch 
im isländischen Rechte einmal die Berufung des Ehemannes zur 
legorössök wegen Verletzung seiner Ehefrau an die Bedingung ge- 
knüpft wird „ef til arfs er alinn", *) was man nicht auf einen Schreib- 
fehler zurückführen darf, obwohl eine zweite Stelle den Beisatz 
nahezu völlig ausläßt,*) ein anderes Rechtsbuch nur wenige Reste 
desselben zeigt, ^) und ein drittes Rechtsbuch ihn völlig beseitigt;*) 
man möchte sich versucht fühlen, hier wie dort einen Zusammen- 
hang der verwandtschaftlichen Berechtigung mit den Standesrechten 
des unecht Geborenen zu vermuten, welcher freilich für das islän- 
dische Recht noch weit schwerer als für das norwegische zu be- 
greifen wäre. Weiterhin wird aber in den FrI)L. auch noch bemerkt, 
daß K. Sigurör Jörsalafari mit seinen Brüdern Eysteinn und Ölafr 
hinter dem dritten gleichen Grade des ehelichen Mannsstammes und 
einigen an ihn sich anschließenden Angehörigen des Weibsstammes 
noch dem unecht geborenen Vatersbruder und Bruderssohne ein 
Erbrecht eingeräumt habe, und zwar beiden zunächst unter der Vor- 
aussetzung, daß sie samfeöra, also von der Vatersseite her verwandt 
seien, eventuell aber beiden unter der anderen Voraussetzung, daß 
sie sammoeöra, also von der Mutterseite her verwandt sind ; ") eventuell 



*) FrJL. X, 47. Nicht richtig; es ist für skilgetin nach Fragm. III, S. 518 
und JärnsfÖa, Erf9at. 4 zu lesen skilfeagin, d. h. rechtmäßige Ehefrau. 

*) ebenda, VIII, 5 und 7. *) Konüngsbök, 156/48, 

*) ebenda, 254/205; nur die Worte „ef er" sind stehen geblieben. 

*) StaÖarhölsbök, 145/177: ef hann er. 

*) Belgsdalsbok, 51/242. Nicht richtig; die ursprüngliche Lesung ist sicher: 
ef er oder ef hann er; vgl. meine Abhandlung über die unechte Geburt, S. 50. 

') FrJL. VIII, 15; Fragm. II, S. 509 und III, S. 519. Doch Kest Fragm. II 
bröÖarsynir statt broeÖrasynir, und ist dies das richtige. 



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152 Teil I. Die Sufiere Erscheintmg der Verwandtschaft. 

sollen jeder von beiden Gruppen die gleichnahe verwandten Weiber 
sich anschließen und sollen hinter der zweiten Gruppe auch noch 
die broeörasynir sammoeöra, gleichviel ob von echter oder von un- 
echter Geburt, zum Zuge kommen, ehe noch die entferntere eheliche 
Verwandtschaft bis zum fünften gleichen Grade einschließlich be- 
rufen wird. Von irgend welchen Sukzessionsrechten der entfernteren 
unehelichen Verwandtschaft ist dagegen nicht mehr die Rede. Ob 
diese Neuerung von den genannten drei Königen nur für die Land- 
schaft I)rändheimr verwilligt, oder aber fiir ihr gesamtes Reich zu- 
gestanden wurde, bleibt ungesagt; doch ist das letztere wahrschein- 
licher, da deren Verwilligungen auch im übrigen sich auf ganz Nor- 
wegen erstreckten; in den GI)L. mochte ja die betreffende Be- 
stimmung recht wohl an der Stelle nachgetragen gewesen sein, an 
welcher unser Text seine große Lücke zeigt (zwischen § 150 und 
1 5 1), gleichwie ja die Novellen der Könige Magnus gööi und Häkon 
I)örisföstri sich wirklich nur wenig früher (§ 148) eingeschaltet finden. 
Lediglich an die bisher besprochenen Stellen uns haltend, gewinnen 
wir hiernach für das Erbrecht der unechten Geburt folgende Ent- 
wicklungsstufen. Anfänglich beschränkt sich dasselbe lediglich auf 
die Kinder, und läßt die eigentümliche Art, wie die FrpL. den un- 
echt geborenen Bruder hinter den unehelichen Söhnen einschieben, 
den Schluß zu, daß selbst dieser erst durch eine nachträgliche Inter- 
polation in den Text des Rechtsbuches gekommen sein werde; 
eine weitere Ausdehnung ihrer Erbrechte aber erlangten die unecht 
Geborenen erst am Anfange des 12. Jahrhunderts, und auch diese 
reicht nur bis zum ersten und zweiten ungleichen Grade, oder doch 
höchstens, nach einer anderen Lesart, bis zum zweiten gleichen 
Grade. Eine andere Frage ist aber die, ob auch nur jenes erste, 
beschränkte Erbrecht denselben von der ältesten Zeit an zugekommen 
sei, und es fehlt nicht an Anhaltspunkten für eine verneinende Be- 
antwortung dieser Frage. Ich will darauf nicht gerade viel Wert 
legen, daß die FrpL., nachdem sie ausgesprochen haben, unter 
welchen Voraussetzungen Brautkinder gleich den ehelichen erbbe- 
rechtigt sein sollen, noch weiter beifügen: „en i engom staö aörum 
koemr maör til arfs, nema moöer se myndi kceypt, eöa hann se 
meft lagum i aett leiddr*'.^) Da gerade das Christenrecht der FrpL 
zweifellos im wesentlichen auf der Redaktion des K. Magnus Eriingsson 
beruht, kann der Satz für die Zeit, in welcher dessen uns vorliegender 



») FrI)L, III, 13. 

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§ 6. Die uneheliche Geburt. 157 

Text entstand, unmöglich mehr richtig gewesen sein, und ließe sich 
demnach ebensogut an eine ungenaue Fassung desselben denken, 
als daran, daß derselbe aus einer älteren Vorlage unbedacht herüber- 
genommen worden wäre, obwohl allerdings die Analogie des islän- 
dischen Rechtes für die letztere Annahme spricht Um so ent- 
schiedener ist aber zu beachten, daß die Verweisung der unecht 
geborenen Kinder auf Vergabungen, welche ihr Vater ihnen zu- 
wenden darf, ohne dabei an die Zustimmung seiner geborenen Erben 
gebunden zu sein, in den norwegischen Rechtsbüchern ganz eben- 
sogut vorkommt wie in den isländischen. Nach den FrpL. soll der 
höldr seinem J)yborinn sonr nicht mehr als zwölf Unzen Silbers ohne 
Zustimmung der Erben geben dürfen, und der ärborinn maör nicht 
mehr als eine Mark ; ^) nach der Verschiedenheit der Stände soll 
sich die Wertgrenze auch für die Angehörigen anderer Klassen ab- 
stufen, immer aber dieselbe Regel wie für den Sohn der Sklavin 
auch für den föstri, d. h. Pflegesohn gelten. Nach den GpL. da- 
gegen darf der Landherr seinem j)yborinn sonr sechs Mark, der höldr 
dem seinigen drei Mark, der einfache Bauer zwölf Unzen geben, vor- 
ausgesetzt nur, daß keiner der geborenen Erben einen geringeren 
Betrag auf seinen Teil erhalte; ^) dabei wird aber noch ausdrücklich 
beigefugt, daß man ebensoviel wie dem j))^borinn sonr auch dem 
homüngr und hrisüngr geben dürfe. Berücksichtigen wir, daß der 
sakmetinn eyrir am Schlüsse des 12. Jahrhunderts nur halb so viel 
wert war als der silfrmetinn eyrir, so ist klar, daß die Ansätze für 
den höldr in beiden Rechten vollkommen gleich sind und anderer- 
seits fallen die zwölf Unzen des einfachen Bauern in den GI)L. genau 
mit dem Betrage zusammen, welchen das isländische Recht als 
Wertgrenze setzt Dabei ist zu beachten, daß die Bestimmung in 
den beiden norwegischen Rechtsbüchern im Zusammenhange mit 
der Verzehntung des eigenen Vermögens zu frommen Zwecken be- 
sprochen wird, und daß dabei in den GpL. nicht nur von der 
im Jahre 1152 erfolgten gesetzlichen Erweiterung der Wertgrenze 
für Vergabungen dieser letzteren Art keine Notiz genommen, 
sondern auch die „tiund" in einer Weise besprochen wird, welche 
auf die Zeit vor der Einführung des Erti-agszehntes unter K. Sigurör 
Jörsalafari zurückzuweisen scheint ^) Neben diesen Bestimmungen 



') FrI>L. IX, 17. «) G1)L. 129. 

') vgl. meine Abhandlung: „Über den Hauptzehnt einiger nordj^crmanischer 
Rechte", S. 232 — 33. 



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I 54 "r^*^ ^- ^^^ äuflcre Erscheinimg der VemraadtschafL 

Über die Vergabungea kommt femer zu berücksichtigeii, daß oach 
den GI)L. bei der aettleiAfng der geborene Erbe sowohl als der 
nächste Stammgutsfolger demjenigen, welcher legitimiert werdea 
sollte, ausdrücklich das Erbrecht sowohl als die Stammgutsfolge ein- 
räumen mußte, welche dieser also vor erfolgter Legitimation nicht aa- 
zusprechen gehabt haben konnte;') minder deutlich zwar, aber doch 
immer noch klar erkennbar, wird die gleiche Regel auch in den 
FrI)L. ausgesprochen, ^) wobei nicht übersehen werden darf, daß der 
eheliche Sohn in der betreffenden Stelle dem unehefichen gegenüber 
ausdrücklich als arfgengr bezeichnet wird, ganz in Übereinstimmung 
mit jener oben schon angeführten Stelle desselben Rechtsbuches, 
welche, den Fall der Brautkinder ausgenommen, uneheliche Kinder 
nur durch die aettleiöing Erbrecht gewinnen läßt Beide Rechtsbücher 
besprechen übrigens die aettleiöing ebenfalls wieder zunächst nur mit 
Bezugnahme auf den |)yborinn sonr, und lassen erst hinterher die 
Bemerkung nachfolgen, daß es beim hornüngr und hrisüngr, oder 
anders ausgedrückt bei dem unehelichen Kinde eines freien Weibes, 
ebenso zu halten sei. Auch in den GpL. werden gelegentlich die 
unecht geborenen Kinder dem Manne gegenübergestellt, der arfgengr 
ist, •^) was doch auch wieder voraussetzt, daß die ersteren ursprüng- 
lich nicht erbberechtigt waren. Man möchte aus diesen Tatsachen 
schließen, daß ursprünglich die unehelichen Kinder in Norwegen 
ebenso wie auf Island vom Erbrechte gänzlich ausgeschlossen ge- 
wesen seien; indessen fragt sich doch, ob ein solcher Schluß vdl- 
ständig begründet wäre. Nur von den Vergabungen an den j>yborinn 
sonr handeln die FrpL., und auch die GI)L. gehen zunächst nur von 
ihm aus, wogegen sie erst hinterher beifügen, daß der hrisüngr und 
hornüngr mit ihm gleich zu behandeln seien. Die aettleiöing wird 
gleicherweise in beiden Rechtsbüchern in erster Linie nur in Bezug 
auf jenen besprochen, und hinterher erst der letzteren beiden als 
gleichmäßig zu behandelnder Leute gedacht Wir dürfen beifügen, 
daß die GpL. bei Besprechung der Alimentationspflichten, welche 
mit dem Nachlasse auf den Erben übergehen, nur die |)ybomir neben 
den „körlum ok kerlingum" nennt,*) was doch ebenfalls wieder 
darauf hinweist, daß nur diese als von der Elrbfolge ausgeschlossen, 
und darum einer Alimentation bedürftig galten, gleich den abgelebten 
Greisen. Man wird sich nun daran erinnern dürfen, daß zwar die 



•) G1)L. 58. «) Frl)L. IX, I. 

^) z. B. GJ)L. 125; 129. *) ebenda, II 5. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt 155 

GI)L. dem |)y^borinn sonr ebensogut wie dem hornüngr und hrisüngr 
das volle Recht seines Vaters einräumen, daß aber die FrpL. nur 
die letzteren beiden in dieser Weise behandeln, dagegen des ersteren 
Buße um ein Drittel niederer ansetzen, und erst den ehelich ge- 
borenen Sohn des l)>'^borinn sonr in das volle Recht seines Groß- 
vaters eintreten lassen. Diesen letzteren Satz haben wir oben bereits 
mit der anderen Vorschrift desselben Rechtsbuches in Verbindung 
gebracht, daß der eheliche Sohn eines unehelichen Sohnes bei der 
Beerbung des Großvaters seinen eigenen Vater ausschließt; ist aber 
dieser Zusammenhang begründet, so ergibt sich, daß auch dieser 
letztere Satz wieder ursprünglich nicht von edlen unehelichen Söhnen 
und ihren Kindern, sondern nur von den l)ybornir gegolten haben 
kann, wenn man nicht annehmen will, wozu jeder Anhaltspunkt 
fehlt, daß umgekehrt jene Zurücksetzung in der Buße ursprüngUch 
den hornüngr und den hrisüngr ganz ebenso wie den |)yborinn sonr 
betroffen habe. Endlich wird man aber auch nicht unbeachtet lassen 
dürfen, daß hinsichtlich der Thronfolge unecht geborene Söhne aber 
jeher als vollkommen ebensogut berechtigt galten, wie die ehelich 
geborenen. Wir wissen, daß K. Häkon gööi ein Sohn der pöra 
Möstrstöng war, eines Weibes aus sehr angesehenem Hause, von 
welchem es aber allerdings heißt: „hon var köUuö konüngs ambätt";^) 
dennoch aber machte derselbe sein Recht auf die Thronfolge sogar 
seinem echt und vornehm geborenen Bruder Eirikr blöööx gegen- 
über mit Erfolg geltend, wie denn auch des K. Haraldr Thronfolge- 
ordnung dessen sämtlichen Söhnen ein Thronfolgerecht gewährte, 
obwohl diese von ganz verschiedenen Müttern, und sicherlich nicht 
alle ehelich geboren waren. Wiederum war Magnus gööi ein un- 
echter Sohn des heil. Ölafr, seine Mutter, Alfhildr, war der Königin 
Waschfrau,^) und wurde „konüngs ambätt" genannt, obwohl sie von 
guter Abkunft war;^) obwohl nur wenige Vertraute des Königs um 
dessen Vaterschaft wußten, und obwohl somit Magnus nur als ein 
hrisüngr gelten konnte, folgte er dennoch ohne Anstand seinem 
Vater auf dem Throne nach. Ein unechter Sohn des K. Olafr kyrri 
war Magnus berfoettr, und zwar war derselbe als ein hornüngr zu 
betrachten, da seine Mutter, welche bald I)öra Arnadöttir, bald pöra 
Jöansdöttir genannt wird, des K. Ölafr „frilla" heißt*) So waren 

*) Heimskr. Haralds s. härfagra, 4078; Fagrsk. 21/13 u. dgl. m. 

*) Legendarische Olafs s. helga, 46/34. 

^ Heimskr. Olafs s. helga, 131/365 u. dgl. m. 

*) Fagrsk. 221/150; Morkinsk. 126. 



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Icö Teil I. Die äiiflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

ferner die Brüder Eysteinn, Sigurör und Ölafr uneheliche Söhne, eben 
dieses K. Magnus; nur von der Mutter des letztgenannten, der Sigriör 
Saxadöttir, wird gesagt, daß sie von angesehener Herkunft, und daß 
sie des Königs „frilla" gewesen sei,') während sich des Eysteinn Mutter 
nicht einmal genannt, sondern nur als sehr niedrigen Standes be- 
zeichnet findet Wiederum stützten Haraldr gilli, dann Sigurör 
slembidjäkn, ihre Ansprüche auf den Thron lediglich auf die Be- 
hauptung, daß sie uneheliche Söhne desselben K. Magnus berfoettr 
seien, und führte der erstere in Norwegen durch die Eisenprobe den 
Beweis dieser seiner Behauptung, während der letztere sich auf ein 
angeblich im Auslande von ihm bestandenes Gottesurteil sich be- 
rief; *) Magnus blindi aber war ein Sohn, welchen K. Sigurör Jörsala- 
fari mit seiner „frilla", der Borghildr Olafsdöttir, erzeugte.') Von 
den Söhnen des K. Haraldr gilli war nur Ingi in der Ehe erzeugt, 
wogegen Sigurör munnr, ein Sohn seiner Konkubine, I)öra Guöorms- 
döttir, Eysteinn aber gar ein Sohn der Irländerin Bjaöök war, welcher 
ohne Eisenprobe, auf das bloße Wort des gemeinsamen Vaters hin 
von den beiden Brüdern anerkannt wurde;*) dennoch aber sukze- 
dierten unbedenklich alle drei Brüder nebeneinander. Wiederum war 
K. Häkon heröibreiör von K. Sigurör munnr in flüchtigster Begeg- 
nung mit der Dienstmagd eines Bauern erzeugt, *) und auch K. 
Sverrir war im günstigsten Falle ein unehelicher Sohn desselben 
Vaters. Die Thronfolgeordnung freilich des K. Magnus Erlingsson 
änderte insofern diese Zustände, als sie sehr bestimmt den Ausschluß 
der unehelichen Söhne durch die ehelich geborenen aussprach;*) 
aber da sie für den Fall des Nichtvorhandenseins ehelicher Söhne 
auf das gemeine Erbrecht verwies, ließ auch sie dieselben wenigstens 
an einer späteren Stelle noch zu, und so blieb tatsächlich die Sache 
ziemlich beim alten. Die verschiedenen Parteikönige der Baglar, wie 
Sigurör, Vikarr, Jon, geben sich selbst nur für unechte Söhne des 
K. Magnus Erlingsson aus, und andererseits war K. Häkon gamli 
von K. Häkon Sverrisson mit der Inga außer der Ehe erzeugt worden, 

*) He im skr. Magniiss s. berf<Etts, 1 8 '653— 54; FMS. VII, 32,63; vgl. 
lagrsk. 241/159 und Morkinsk., 174. 

^jHeimskr. SigurÖar s. Jorsalafara, 34/691 — 92 und Haralds s. 
gilla, 14/718 — 19 u. dgl. m. 

^) Heim skr. SigurÖar s. Jorsalafara, 24/680. 

*) Heimskr. Haralds s. giUa, 1/704 und Inga s. Haraldssonar, 
13737—38. 

*) Heimskr. Inga s. Haraldssonar, 18740 — 41. •) G^h. 2. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. jtj 

von deren Verhältnis zu ihm doch nur wenige vertraute Männer 
wußten J) Eben dieser K. Häkon gamli sah sich freilich veranlaßt, 
um zu einer feierlichen Krönung gelangen zu können, sich durch P. 
Innocenz IV. förmlich legitimieren zu lassen (1246), und seine Thron- 
folgeordnung von 1260 beruft den unecht geborenen Sohn zwar un- 
mittelbar nach dem echtgeborenen Sohne und Enkel zur Thronfolge, 
aber doch nicht mehr neben diesem ; ^) die Thronfolgeordnung des 
K. Magnus lagabcetir von 1273 aber beruft den unecht geborenen 
Sohn vollends erst an siebenter Stelle, hinter den echt geborenen 
broeörüngar. **) Bis in das 13. Jahrhundert herein waren hiemach die 
unechten Söhne den echten in Bezug auf die Thronfolge völlig gleich- 
gestellt gewesen, sowie nur die Vaterschaft bezüglich derselben, sei 
es nun zufolge eines offenkundig bestehenden Konbubinatsverhältnisses 
unzweifelhaft, oder im gegebenen Falle durch die Anerkennung seitens 
des Vaters oder eine legale Beweisführung sicher gestellt schien. 
Zwischen dem hornüngr und hrisüngr wurde dabei nachweisbar kein 
weiterer Unterschied gemacht, als der bereits angedeutete hinsicht- 
lich der Beweisfrage; dagegen läßt sich für die Gleichstellung des 
|)yborinn sonr mit beiden, oder überhaupt für dessen Berechtigung 
zur Thronfolge kein Beweis erbringen, da die Nennung einer „konüngs 
ambätt" als Kindsmutter an ein paar Stellen als solcher nicht gelten 
kann. Ausdrücklich wird in den einschlägigen Fällen die freie Ver- 
wandtschaft, und unter Umständen sogar die angesehene Herkunft 
der betreffenden Weiber hervorgehoben, so daß das Dienstverhältnis, 
in welchem dieselben standen, nicht das von Unfreien gewesen sein 
kann; mag sein, daß Joh. Fritzner und Guöbrandr Vigfüsson Recht 
haben, wenn sie unter der konüngs ambätt einfach eine frilla des 
Königs verstehen. Nun wird man kaum annehmen dürfen, daß die 
Thronfolge, für welche es auch in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- 
hunderts als eine Neuerung galt, wenn der unechte Sohn auch nur 
hinter den echten zurückgestellt werden wollte, sich in einem so 
wesentlichen Punkte von Anfang an von der gewöhnlichen Erbfolge 
unterschieden habe, will man aber diese Annahme vermeiden, so 
bleibt kaum etwas anderes übrig als die Vermutung, daß ursprüng- 
lich alle Söhne freier Weiber ganz gleichmäßig erbfähig gewesen 
seien, gleichviel ob sie ehelicher oder unehelicher Herkunft waren, 
wogegen der |)yborinn sonr anfangs von allem Erbrechte ausge- 

*) Häkonar s. gamla, 1/230. 

*) neuerer GJ)KrR. 5; Järns., Krb. 4. 

^) Lands!., Krb. 5. 



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icg Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

schlössen gewesen sein mochte. Dieser letztere allein wäre hiemach 
ursprünglich „eigi arfgengr", und lediglich auf jene Vergabungen be- 
schränkt gewesen, welche ihm sein Vater unabhängig vom guten 
Willen des geborenen Erben zuwenden durfte, und er allein hätte 
darum auch einer aettleiöfng bedurft, um erbfähig zu werden; höch- 
stens läßt sich noch ergänzend beifügen, daß bei dem zwar mit 
einem freien Weibe, aber außerhalb eines geordneten Konkubinats- 
Verhältnisses erzeugten Sohne die Herstellung der Vaterschaft nahe- 
zu ganz von der Anerkennung durch den Vater abhängen mußte, 
so lange die Einführung der kirchlichen Gottesurteile in den Pater- 
nitätsprozeß die Beweisführung noch nicht erleichtert hatte. Ein 
vereinzelter Überrest dieser ältesten Behandlung der unechten Geburt 
liegt aber noch in FrI)L. IX, § 7, vor, wo es heißt: „Ef maör kallar 
til fööurarfs sfns, ok hinn jättar |)vi, at hann er [)ess sonr, er hann 
segir, ok af frjälsum kviöi, ok til arfs kominn, ok er hann innan 
lands getinn, jiä mä hann ganga til fööur arfs sins." Es entspricht 
aber dieser Zustand vollkommen dem Charakter der älteren Zeit, 
welcher einerseits die zwischen den Freien und Unfreien bestehende 
Standesverschiedenheit mit voller Schärfe betonte, andererseits aber 
sowohl die Vielweiberei duldete, als auch den Weiberraub als eine 
ganz gewöhnliche Erscheinung kannte, welche zwar in das Recht 
der Verwandtschaft der Geraubten gewaltsam eingriff, im übrigen 
aber für den Stand der letzteren nicht notwendig ernstere Folgen 
hatte. Als eine Neuerung müßte demgegenüber betrachtet werden, 
daß hinterher der unechten Geburt ohne Unterschied zwischen der 
Abstammung von einer freien oder unfreien Mutter ihr eigener Platz 
in der Erbentafel angewiesen wurde, und wäre hierin ein Fortschritt 
für den j)yborinn sonr, aber zugleich auch ein sehr fühlbarer Rück- 
schritt zu erkennen für den hrisüngr, und zumal für den homüngr; 
mag sein, daß bei dieser Ausgleichung der Einfluß der Kirche im 
Spiele war, welche ja, wie oben schon bemerkt, den Konkubinen- 
kindern ebenso feindselig war wie den übrigen unehelichen Kindern, 
und jedenfcills hängt es damit zusammen, daß von jetzt ab die Be- 
zeichnung frillusonr, frilludöttir, ohne weiteres für alle und jede un- 
ehelichen Kinder gebraucht werden konnte, ^) und daß andererseits 
auch wirkliche Konkubinenkinder zu denen gerechnet werden mochten, 
welche nicht „arfgengir** sind, ^) wenn man nämlich diesen letzteren 



») So z. B. schon FrI)L. VIII, 8 und 15; G1)L. 105. 
*) GI)L. 125; FrJL. III, 13. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. ica 

Ausdruck im altüblichen Sinne als -Gegensatz zu den ehelicheix Ge- 
borenen und ihrem Rechte nehmen wollte. Sowie aber erst die 
verschiedenen Klassen der unecht geborenen Kinder im Erbrechte 
einander gleichgestellt waren, Ueß sich auch die aettleiöing, dann die 
Bestimmung über das Maß von Vergabungen, welche einseitig an 
sie gemacht werden durften, nicht mehr auf die j)ybornir allein be- 
schränken, und lag andererseits auch kein genügender Grund mehr 
vor, um diese in dem Betrage ihrer Buße den unechten Söhnen einer 
freien Mutter nachzusetzen; es ist ein Anachronismus, wenn die 
FrI)L diese letztere Zurücksetzung nach wie vor aufrecht erhielten. 
Von hier aus begreift sich übrigens, daß die Unterscheidung der 
drei Klassen von unechten Kindern, welche in unseren Rechtsbüchern 
ziemlich müßig dasteht, für die ältere Zeit von großer Erheblichkeit 
sein mußte. Zwischen dem |)yborinn sonr und den unechten Söhnen 
eines freien Weibes lag eine tiefe Kluft, welche beide geradezu als 
Angehörige verschiedener Stände, und auch als der Verwandtschaft 
gegenüber ganz verschieden gestellt erscheinen ließ; der hornüngr 
aber unterschied sich vom hrisüngr, mit welchem er allerdings nach 
gleichem Rechte lebte, immerhin noch sehr wesentlich dadurch, daß 
zur Feststellung der Paternität bei ihm, anders als bei diesem, kein 
besonderer Beweis und keine besondere Anerkennung der Vaterschaft 
erforderlich ist. — Bezüglich der Altersvormundschaft galt 
aber die Regel, daß der nächste Erbe sie zu übernehmen habe, ^) und 
ebenso bezüglich der Armen alimentation;^) doch fanden bei 
der letzteren mancherlei Besonderheiten statt. So soll nach des 
Vaters Tod zunächst die Mutter die Alimentation der gemeinsamen 
Kinder übernehmen, obwohl sie zu deren Beerbung erst nach dem 
väterlichen Großvater und den Geschwistern von der Vatersseite her 
berufen ist;*) wenn femer beide Eltern verarmen, sollen auf den 
Vater und seine Verwandtschaft ^s» ^^^ ^^^ Mutter dagegen und 
deren Verwandtschaft nur Vs der Kinder treffen, *) was augenschein« 
lieh nur eine Konsequenz der anderen Regel ist, daß für die legale 
Gütergemeinschaft unter Ehegatten dieses Verhältnis hinsichtlich des 
Anteiles beider Ehegatten am gemeinen Gute als maßgebend galt,*) 
und kann darum diese Regel auch nur für den Fall zur Anwendung 
gekommen sein, da diese legale Gütergemeinschaft zur Anwendung 



») GJL. 115; FrJL. IX, 22. 

•) G|>L. 115; vgl. 127 und 130; FrJ)L. IX, 25; vgl. XI, 5. 

*) G|>L. 117; vgl. 103. *) ebenda, 118. 

*) ebenda, 53; vgl. 64. 



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l6o T^*l ^* ^^^ äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

kam, wogegen in anderen Fällen der speziell ausbedungene Maß- 
stab der beiderseitigen Anteile am gemeinen Gute entscheiden 
mußte, vermöge der Regel : *) „l)ä skal svä skuldum gegna, sem feiag 
|)eirra var; svä skal körlum skipta ok kerlingum, ok J)ebomum, sem 
öörum skuldum, ok j)eirra börnum". Bezüglich des Verlobungs- 
rechtes wurde anderwärts schon bemerkt, daß dasselbe nicht nur 
Witwen gegenüber völlig wegfiel, sondern auch Jungfrauen gegen- 
über nur dem Vater und Bruder schlechthin, entfernteren Verwandten 
aber nur dann zukam, wenn das Mädchen entweder noch minder- 
jährig, oder ökonomisch völlig hilflos, und darum bezüglich seines 
Unterhaltes ganz auf seine Verwandten angewiesen war; daß aber 
unter diesen letzteren Voraussetzungen der rechte Erbe auch der 
rechte Verlober sein mußte, dürfte sich aus dem über die Altersvor- 
mundschaft und die Alimentationspflicht gesagten von selbst ergeben. 
Der Anspruch auf die Unzuchtsbuße wird denn auch, nach Vater 
und Bruder, dem nächsten Erben ausdrücklich zugesprochen,*) wo- 
gegen ein Anspruch des Geschlechtsvormundes auf andere Bußen 
nur noch in den FrI)L. erhalten ist In allen diesen Fällen ist unter 
dem Bruder natürlich immer nur der ehelich geborene Bruder zu 
verstehen, und der unehelich geborene Bruder kann somit zu den 
betreffenden Rechten immer nur unter der Voraussetzung berufen 
werden, daß ihm die Eigenschaft des nächsten Erben zukommt Am 
Wergeide endlich nehmen die |3ybornir menn immer nur als sak- 
aukar Anteil, und zwar berufen die GI)L. zunächst nur den unecht 
geborenen Sohn und Bruder, und in zweiter Linie auch noch den 
unecht geborenen Oheim und Neffen, *) während die FrI)L. zunächst 
nur den |)yborinn sonr zu den sakaukar rechnen, jedoch mit dem 
Bemerken, daß die Söhne der sakaukar ein Drittel weniger als ihr 
Vater, und deren Söhne wiederum ein Drittel weniger als der ihrige 
erhalten sollen, sodann aber doch auch noch den |>yborinn brööir 
bedenken;*) in der Wergeldstafel des Bjarni Maröarson aberleuchtet 
der außerordentliche Charakter der Berücksichtigung zwar auch noch 
durch, wird jedoch anstatt des l)yborinn sonr der friölusonr genannt^) 
Daß die älteren Wergeidstafeln aber nur die j)ybornir menn bedenken, 
ohne den hornüngr und den hrisüngr irgendwie zu berücksichtigen, 
wird ebenfalls wieder nur unter der Voraussetzung verständlich, daß 



') G^L. 115. 

*) ebenda, 197. ^) ebenda, 236—37 und 246—48. 

*) FrI)L. VI, 5 und 10. »j GJL. 316. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. l5l 

diese letzteren beiden den ehelich Geborenen gleich gehalten wurden. 
JedenfaUs wird man der Vermutung, daß der hrfsüngr und homüngr 
erst spät, und nur durch kirchlichen Einfluß auf die gleiche Stufe 
mit dem |)yborinn sonr herabgedrückt worden sei, nicht den Um- 
stand entgegenhalten können, daß das isländische Recht ursprünglich 
alle unechte Geburt ohne Unterschied von den verwandtschaftlichen 
Rechten ausgeschlossen habe. Da die uns erhaltenen isländischen 
Rechtsbücher erst der Mitte oder der zweiten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts angehören, ist vielmehr recht wohl mögHch, daß selbst der 
älteste Rechtszustand, von welchem sie Zeugnis geben, nicht mehr 
der ursprüngliche, sondern bereits ein durch kirchliche Einflüsse er- 
heblich umgestalteter war. 

Im späteren Rechte finden sich vergleichsweise nur wenige, 
und wenig bedeutsame Bestimmungen über die unechte Geburt 
Die Feststellung der Paternität zunächst zeigt sich in das 
Christenrecht hereingezogen, wie dies allerdings auch schon in den 
FrI)L und den jüngeren Redaktionen der BI)L. der Fdl gewesen 
war, und kirchliche Einflüsse machen sich denn auch bereits geltend 
in Bezug auf die Gestaltung der einschlägigen Rechtsregeln. Nach 
den übereinstimmenden Vorschriften der beiden Christenrechte des 
K. Magnus lagabcetir *) soll zunächst derjenige als Kindsvater gelten, 
den die Kindsmutter als solchen benennt, es sei denn, daß er sich 
durch einen Dreiereid reinige. Ist aber der von der Mutter Benannte 
bereits tot, so soll die bloße Aussage dieser letzteren vollen Beweis 
machen, vorausgesetzt, daß sie bei der Geburt des Kindes selbst ge- 
macht worden war. daß hierüber durch die eidüche Aussage von 
Weibern Beweis erbracht wird, welche bei der Geburt anwesend ge- 
wesen waren, endlich daß dieselbe von der Kindsmutter selbst 
hinterher eidUch bestätigt wird, ohne daß dieselbe jemals eine ab- 
weichende Angabe gemacht hätte; fehlt dagegen etwas an diesen 
Voraussetzungen, so soll man versuchen, ob sich etwa durch ander- 
weitige Zeugen ein geschlechtlicher Umgang des Benannten mit der 
Kindsmutter in seiner Zeit erweisen lasse, welche einigermaßen zu 
der Zeit der Geburt des Kindes stimme, und sollen verständige 
Männer nach bestem Wissen und Gewissen die Entscheidung fällen. 
Gleicht vollends das Kind seinem angeblichen Vater oder dessen 
Verwandten, so soll die Vaterschaft sofort als hergestellt gelten, so- 
wie nur ein geschlechtlicher Umgang des angeblichen Kindsvaters 



*) neuerer BI)KrR. 3; neuerer GJ)KrR. II. 
Maurer, Verwandtschafls- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 



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l62 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

mit der Kindsmutter anderweitig erwiesen ist, d. h. es wird sokhen- 
falk der benannte Vater nicht einmal zum Reinigungseide zugelassen, 
und wenn er ihn bereits geschworen hat, ehe jene beweisende Ähn- 
lichkeit am Kinde zutage tritt, so soll er als des Meineides schuldig 
betrachtet werden, die betreffende Buße zahlen, Ersatz für die Kosten 
der bisherigen Alimentation des Kindes leisten, und dieses als das 
seinige zu sich nehmen. Eine wesentlich gleichartige Bestimmung^ 
findet sich auch in den Christenrechten des Erzbischofes Jon und des 
Bischofes Ami, ^) nur daß in diesen die Sachverhandlung ausdrück- 
lich an das Gericht des Bischofes oder seines Vertreters gewiesen, 
und diesem auf die Bestimmung der Beweisauflage ein maßgebender 
Einfluß eingeräumt wird; daß ferner hier auch der Fall vorgesehen 
wird, da die Kindsmutter stirbt, ohne den Kindsvater genannt zu 
haben, indem solchenfalls dem Geschlechtsvormunde anheim gegeben 
wird, zu klagen gegen wen er will, jedoch so, daß er zunächst den 
Beweis des geschlechtlichen Umganges zu fuhren befugt, und der 
Beklagte zur Reinigung durch einen Dreiereid nur dann berechtigt 
ist, wenn jene Beweisführung mißlingt; daß endlich auch noch der 
Fall berücksichtigt wird, da das Weib die Nennung des Kindsvaters 
verweigert, welchenfalls sie, wie nach älterem Rechte, eine Buße von 
drei Mark an den König verwirkt, das Kind der Mutter folgt, und 
das Recht seines mütterlichen Großvaters nimmt — Über die 
Rechte und Pflichten dagegen, welche der unechten Geburt 
zustehen und obliegen, sprechen sich die weltlichen Gesetzbücher 
aus. Es folgt aber zunächst in Bezug auf das den unecht Geborenen 
zustehende Erbrecht die Järnsiöa im wesentlichen den Vorschriften 
der FrI)L., ^) jedoch mit einigen die Stellung der echtgeborenen 
Mutter betreffenden Änderungen, und ohne noch die drei verschie- 
denen Arten der unechten Kinder zu unterscheiden. Bezüglich der 
Altersvormundschaft hält sie an dem Satze fest, daß die Berufung zu 
derselben denselben Regeln folge wie die Berufung zum Erbe, nur 
mit der Beschränkung, daß der Berufene jetzt Sicherheit zu bestellen 
hat, und ausgeschlossen wird, wenn er dies nicht kann;^) ebenso 



*) Jons KrR. 4; Ärna bps. KrR. 2/14 — 18. 

2) vgl. JürnsiÖa, ErfÖatal, 2 mit Frl)L. VIII, 3, 



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15. 



') Jarns., ErfÖatal, 24. 

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§ 6. Die uneheliche Geburt. jg^ 

bezüglich der Alimentationspflicht, ') und wenn bezüglich des Ver- 
lobungsrechtes auf die nächsten Verwandten verwiesen, -) oder be- 
züglich der Unzuchtsbuße auf den Verwandten verwiesen wird, 
welcher diese gesetzlich zu beziehen habe, *) so will damit sicherlich 
dasselbe gesagt sein. Etwas selbständiger verhalten sich die Vor- 
schriften des gemeinen Landrechtes und der ihm folgenden Gesetz- 
bücher, des gemeinen Stadtrechtes also und der Jönsbök; doch sind 
es nicht so sehr neue Gesichtspunkte, welche dieselben in die Behand- 
lung der unechten Geburt eingeführt zeigen, als vielmehr mit pedan- 
tischem Scharfsinne durchgeführte Konsequenzen älterer Gesichts- 
punkte, und willkürliche Änderungen im einzelnen, welche durch 
solche bedingt sind. So wird jetzt der frillusonr nicht nur . den 
brceöra synir und broeöra doetr nachgesetzt, wie dies schon nach 
den FrpL. der Fall gewesen war, sondern auch den systkinasynir 
und systkinadoetr, dann den systrasynir und systradcetr, welche ihm 
früher nachgestanden waren;*) so wird ferner aUes Erbrecht den 
unehelichen Söhnen entzogen, welche im Ehebruch oder Inceste 
erzeugt sind, letzteres eine Bestimmung kirchlichen Ursprungs, welche 
übrigens, was die adulterini betrifft, auch schon die GpL. gekannt 
hatten, *) während in ersterer Beziehung die veränderte Stellung des 
Mannsstammes zum Weibsstamme maßgebend geworden ist So wird 
ferner die frilludöttir jetzt erst weit hinter dem frillusonr berufen,^) 
was teils durch die Vorrückung der Nachgeschwisterkinder, teils aber 
durch eine viel weiter als früher getriebene Unterscheidung der 
mütterlichen Verwandtschaft von der väterlichen, und der halbbürtigen 
Verwandtschaft von der vollbürtigen bedingt ist Hinter ihr werden 
ferner die entfernteren unechten Verwandten berufen bis zu den 
Geschwisterkindern einschließlich, während über diesen Grad hinaus 
die unechte Verwandtschaft unberücksichtigt bleibt ; "^ außerdem zeigt 
sich aber auch weit konsequenter und spitzfindiger als früher der 
Umstand berührt, ob die Voreltern des einzelnen Verwandten echt 
oder unecht geboren waren. ®) Im gemeinen Stadtrechte lauten alle 
diese Bestimmungen ganz ebenso wie im Landrechte, und ebenso 
kehren sie in der Jönsbök gleichlautend wieder, jedoch hier mit 
einer bedeutsamen Einschränkung; während nämlich das norwegische 

*) Jdrns., ErfÖat 25. 

^) KvenDagiptfngar, l. *) ManDhelgi, 36. 

*) Lands!., Erföat. 7, Nr. 6. «^j GJL. 25. 

•) Landsl., ErfÖat. 7, Nr. 13. ^) ebenda. 

»j ebenda, 7, Nr. 2, 3, 4, 6, li. 



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164 '^^^^ '• ^*^ äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Landrecht und Stadtrecht an 13. Stelle die frilludöttir beruft, und 
hinter ihr die uneheliche Seitenverwandtschaft bis zu den Geschwbter- 
kindem einschließlich, weiß die Jönsbök von einem Erbrechte der 
frilludöttir nichts, und beruft vielmehr an der betrefienden Stelle') 
zunächst die unehelichen Enkel, dann aber die uneheliche Seiten- 
verwandtschaft bis zu den Geschwisterkindern einschließlich, jedoch 
mit ausführlicherer Aufzählung, und teilweise auch veränderter Reihen- 
folge der einzelnen Grade ; hinter den unehelichen Geschwisterkindern 
wird sodann der vierte gleiche Grad der ehelichen Verwandtschaft 
berufen, sodann aber auch noch die unechte Verwandtschaft bis zu 
demselben Grade. Bezüglich der Altersvormundschaft und Alimen- 
tationspflicht folgen das gemeine Landrecht und Stadtrecht ganz 
gleichmäßig wie das ältere Recht der Regel des Erbrechtes;*) die 
Jönsbök aber folgt zwar bezüglich der Altersvormundschaft der 
gleichen Regel, jedoch in ganz anders gefaßten Worten,') und be- 
züglich der Armenalimentation stellt sie ledighch die Regel auf, daß 
jedermann, gleichviel ob ehelich oder unehelich geboren, seine eigenen 
Eltern und Kinder ernähren müsse,*) während weiterhin nur die 
entferntere Verwandtschaft nach Maßgabe des Erbrechts herangezogen 
wird, ohne Rücksicht auf den Unterschied zwischen echter und un- 
echter Geburt, außer etwa einer Bestimmung über die unechten 
Kinder fremder Gäste,*) welche, wenn auch in sehr selbständiger 
Weise, doch unverkennbar an eine analoge Bestimmung der Rechts- 
bücher aus der freistaatlichen Zeit anknüpft®) Bezüglich des Ver- 
lobungsrechtes ') und der Unzuchtsbuße **) drücken sich endlich die 
Gesetzbücher der späteren Zeit des K. Magnus lagaboetir um nichts 
bestimmter aus als die Järnsiöa, mit Ausnahme nur der Jönsbök, 
welche die Unzuchtsbuße ausdrücklich dem nächsten geborenen Erben 
männlichen Geschlechts zuweist®) Endlich mag noch bemerkt 
werden, daß eine Verordnung vom 2. Mai 13 13 der Mutter, wenn 
sie nur selber ehelich geboren ist, ihrem unehelichen Kinde gegen- 
über ein Erbrecht unmittelbar hinter dem frillusonr zubilligt, voraus- 
gesetzt nur, daß dieses Kind weder ein adulterinus, noch ein damnato 

») Jönsbök, Erföat. 13. 

') Landsl., Erföat. 14. '*) Jönsbök, Erföat. 20. 

*} ebenda, Framfccrzlub. I. *) ebenda, 6. 

**) Konüngsbök, 143/25; StaÖarhölsbök, 116/149. 

') Landsl., ErfÖat. I; ebenso BjarkR. und Jönsbök. 

**) Landsl., Mannh. 29; ebenso BjarkR. 

®) Jönsbök, Mannh. 31. 



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g 6. Die uneheliche Geburt. 165 

coitu procreatus sei;^) ausdrücklich wird dabei angeführt, daß in der 
Erbentafel vorher ein Erbrecht der unehelichen Mutter nicht er- 
wähnt gewesen sei, und ist dies allerdings richtig, nur daß man 
daraus nicht wird schließen dürfen, daß die uneheliche Mutter vor- 
dem nicht ganz ebenso wie die eheliche geerbt haben werde. 

Zum Schlüsse muß endlich hier noch über die Legitimation 
unehelicher Kinder gesprochen werden. Das ältere islän- 
dische Recht kennt keinen derartigen Rechtsakt mit Ausnahme 
einer bereits besprochenen Stelle einer Geschichtsquelle, *) welche 
des „leiöa til arfs" Erwähnung tut; da sie ganz vereinzelt steht, läßt 
sich nicht mit Sicherheit bestimmen, ob sie uns einen Überrest eines 
frühzeitig erloschenen Rechtsbrauches aufbewahrt hat, oder ob nicht 
vielmehr bei ihr die Bekanntschaft mit dem norwegischen Rechte 
auf den Bericht über Vorgänge aus der Vorzeit Islands störenden 
Einfluß geübt hat Jedenfalls behandeln femer die Rechtsbücher 
der Insel nicht nur das Kind als ein unfreies, dessen Mutter zur 
Zeit seiner Empfängnis unfrei gewesen, aber noch vor dessen Geburt 
freigelassen worden war,*) sondern auch das Kind als ein unehe- 
liches, dessen Eltern einander zwar noch vor dessen Geburt, aber 
doch erst nach dessen Empfängnis geheiratet haben,*) so daß also 
auch die von der Kirche so sehr begünstigte legitimatio per sub- 
sequens matrimonium dem Rechte des Freistaates vollständig fremd 
war. Ganz anders steht die Sache dagegen bereits nach dem älteren 
norwegischen Rechte. Von einer Adoption oder Arrogation 
zwar weiß dieses ebensowenig wie das isländische Recht, und nicht 
minder sind die kirchenrechtlichen Regeln über die Legitimation nur 
in sehr beschränktem Umfange zur Anwendung gelangt*) Nach 
den Frl)L sollen Brautkinder nur unter der Voraussetzung als ehelich 
geborene gelten, daß deren Vater innerhalb des nächsten Jahres 
nach der Verlobung verstorben ist, •) und erklärt sich diese Frist- 
bestimmung aus der Vorschrift, daß die Hochzeit innerhalb Jahres- 
frist nach der Verlobung erfolgen solle ; ') da bei dieser letzteren 



*) Norges gamle Love, III, Nr. 36, § 3, S. 100. 

•) Laxdoela, 26/102. 

*) Konüngsbök, I18/224; StaÖarhölsbök, 59/68. 

*) Konüngsbök, 142/23; StaÖarhölsbök, 104/135. 

*) vgl. Fr. Brandt, Forelaesninger, S. 173 — 74; dann meine: Studien über 
das sogenannte Christenrecht des K. Sverrir, S. 75 — 77 und meinen Artikel: Gula- 
|>ingslög, S. 42. 

•) FrI)L. III, 13; ebenso BjarkR. III, 68. ') Fr^L. III, 12. 



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l66 T^il '• Die äufiere Erscheinung der Verwrand tschaft. 

Vorschrift ehehafte Not und gegenteilige Verabredung zwischen dem 
Bräutigam und dem Verlober der Braut ausdrücklich vorbehalten 
sind, wird man diesen Vorbehalt wohl auch als stillschweigend für 
jene erstere Regel geltend betrachten und somit diese Regel dahin 
erweitern dürfen, daß Brautkinder überhaupt als eheliche gelten 
sollen, wenn deren Vater unter Umständen stirbt, welche erkennen 
lassen, daß der Vollzug der Hochzeit von ihm noch beabsichtigt 
war, wie denn auch nur unter dieser Voraussetzung sich erklärt, daß 
sofort beigefügt wird, es solle nichts nützen, wenn jemand seine 
eigene Konkubine sich verlobe, um ihre Kinder damit erbberechtigt 
zu machen, oder auch die Hochzeit sonst verzögere, indem weder 
ein Betrug an den geborenen Erben, noch eine Verunehrung der 
Hochzeit durch die Bestimmung ermöglicht werden wolle. ^) Nach 
einer zweiten Bestimmung desselben Rechtsbuches -) soll femer die 
nachfolgende Ehe unter Personen, welche bereits vor deren Ein- 
gehung miteinander Kinder erzeugt haben, diesen Kindern nur unter 
der Voraussetzung die Rechte von ehelichen verschaffen, daß auch 
nach eingegangener Ehe noch weitere Kinder von ihnen erzeugt 
werden, wobei übrigens die bloße Geburt derartiger Kinder ent- 
scheidet, ohne daß auf deren Fortleben etwas ankäme, und überdies 
dem vorehelichen Kinde, welches auf Grund dieser Bestimmung 
etwas von seinem Vater geerbt hat, sofort das volle Erbrecht auch 
allen übrigen Verwandten gegenüber gesichert ist. Beide Bestim- 
mungen sind ohne Zweifel durch den Einfluß der Kirche in das 
Rechtsbuch gekommen, entsprechen indessen dennoch keineswegs 
völlig deren Vorschriften. Auf der einen Seite nämlich läßt die 
Kirche die sponsalia de futuro durch die nachfolgende copula car- 
nalis in eine vollgültige Ehe sich verwandeln, ohne dieserhalb irgend 
welche Zeitgrenzen aufzustellen ; ^) auf der anderen Seite aber läßt 
sie die unehelichen Kinder durch die nachfolgende Ehe ihrer Eltern 
schlechthin legitimieren, ohne daß irgend etwas darauf ankäme, ob 
diese Eltern nach eingegangener Ehe noch weitere Kinder mitein- 
ander erzeugen oder nicht, *) so daß also der Grundsatz unseres 
Rechtsbuches : „|)ä helga |iau, er eptir brullaup eru foedd, hin til arfs, 
er fyrir brullaup väro" keineswegs der des kanonischen Rechtes ist 

') FrI)L. III. 13; BjarkR. III, 68. *) Fr^L. III, II. 

*j c. 15 et 30 X, de sponsal. (IV, 1), und ist die erste Stelle von P. Alex- 
ander III. (1159—81), die zweite von P. Gregor IX. (1227 — 41); ferner c. 12 X, 
qui filii sint legitimi (IV, 17), von P. Innocenz III. (II 98). 

*) c. 6, X, qui filii sint legitimi; von Alexander IV. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. l6j 

Die späteren Rechtsbücher suchen sich denn auch den Vorschriften 
des kanonischen Rechtes immer mehr zu nähern. Das sogenannte 
Christenrecht des K. Sverrir zunächst hält zwar die Bestimmungen 
der FrI)L. über die legitimatio per subsequens matrimonium unver- 
ändert fest;^) aber in der Bestimmung über die Brautkinder be- 
seitigt es die auf die Jahresfrist bezüglichen Worte, obwohl es die 
Vorschrift beibehält, daß binnen dieser Frist die Hochzeit der Ver- 
lobung zu folgen habe, ^) und gelangt somit zu der dem kanonischen 
Rechte völlig entsprechenden Bestimmung, daß Brautkinder unter 
allen Umständen gleich den ehelich geborenen erben sollen, wenn 
ihr Vater vor der Hochzeit gestorben ist Die beiden Christenrechte 
des K. Magnus lagaboetir lassen ebenfalls die Brautkinder schlechthin 
erbfähig werden gleich den ehelichen, auch wenn die Hochzeit nicht 
nachfolgt,^ und sie fordern zu solchem Behufe nicht einmal den 
Tod des Vaters; da sie sich dabei ausdrücklich auf das gemeine 
Recht der gesamten Christenheit beziehen, ist klar, daß sie eben mit 
diesem die sponsalia de futuro durch die eingetretene copula car- 
nalis in sponsalia de praesenti, resp. eine vollgültige Ehe sich ver- 
wandeln lassen. Weiterhin aber lassen sie durch die Geburt von 
Brautkindern solche Kinder legitimieren, welche von den Brautleuten 
vor ihrer Verlobung erzeugt worden waren, und sie substituieren 
demnach, der Konsequenz des kanonischen Rechtes folgend, den Akt 
der Verlobung auch hier dem der Hochzeit; aber sie weichen doch 
wieder darin vom kanonischen Rechte ab, daß sie nicht mit der 
bloßen Hochzeit sich begnügen, sondern daneben noch die Geburt 
von Kindern fordern, die nach erfolgter Verlobung zur Welt kommen. 
Noch weiter geht die Jämsiöa, *) indem sie als im ganzen Lande 
gesetzlich eingeführt die Bestimmung bezeichnet, daß eine rechts- 
gültig eingegangene Verlobung alle Kinder erbfähig mache, welche 
die Verlobten miteinander vor eingegangener Verlobung erzeugt 
haben oder nach dieser erzeugen; dieser Satz aber ist in ganz der- 
selben Fassung auch in das gemeine Landrecht und Stadtrecht über- 
gegangen, ^) wogegen er in der Jönsbök anfangs keine Stelle ge- 
funden hatte, vielmehr erst hinterher auf Grund der Verordnung 
des K. Häkon Magnüsson vom 14. Juni 13 14, § 13, in dieselbe mit 
dem Beisatze eingestellt wurde, daß die Vorschrift auf im Ehebruch 

*) Sverris KrR. 65. «) ebenda, 67; vgl. 66. 

') jüngerer BI)KrR. 16; jüngerer GJiKrR. 24. 
*) Jims., ErfÖat. 14. 
*) Lands!., ErfÖat 7, Nr. i, fin. ; BjarkR. ebenda. 



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l68 '^ci^ I- ^i^ äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

erzeugte Kinder keine Anwendung finde. ') Es ist hiemach ganz 
verkehrt, wenn pörör Sveinbjömsson unter dem in jener Einschaltung 
in der Jönsbök genannten K. Häkon den K. Häkon gamli verstehen 
will. Das Christenrecht des Erzbischofs Jon aber baut auf der so 
gelegten Grrundlage fort, nur noch unzweideutiger die Gesichtspunkte 
des kanonischen Rechtes festhaltend. Schon in den Christenrechten 
des K. Magnus lagaboetir war der Grundsatz ausgesprochen worden,^ 
daß eine rechtsgültige Verlobung durch hinzutretende copula car- 
nalis in eine vollgültige Ehe sich verwandle, auch wenn keine förm- 
liche Hochzeit gehalten werde, und daß von da ab die Ehe nur noch 
wegen Ehebruchs geschieden werden könne; jetzt aber wird ge- 
radezu die Regel aufgestellt :•) „nü ef hjünskapr er fullkomin med 
Ifkams losto, |)ö at eigi se brüöhlaup gjört, |)ä mä j)ann engi hlutr 
skilja"; weiterhin femer wird auch noch speziell gesagt,*) es sei all- 
gemeines Recht der Christenheit, daß Brautkinder in allen Be- 
ziehungen als eheliche gelten, auch wenn keine Hochzeit gehalten 
worden sei, und daß die Kinder, welche jemand mit einer Konkubine 
gewinnt, mit der er sich hinterher verlobt, eheliche Kinder werden, 
gleichviel ob noch andere Kinder nach der Verlobung erzeugt werden 
oder nicht, vorausgesetzt nur, daß sie nicht im Ehebruch erzeugt 
seien und daß der Eingehung der Ehe seitens der Eltern auch sonst 
keine impedimenta dirimentia entgegenstehen. Dieselbe Bestimmung 
findet sich endlich auch in dem neueren isländischen Christenrechte, 
jedoch in etwas eigener Wortfassung;*) einmal nämlich fehlt hier 
der Beisatz, welcher erklärt, daß nichts darauf ankomme, ob nach 
eingegangener Verlobung noch weitere Kinder geboren werden oder 
nicht, und es begreift sich dieses leicht, da das ältere isländische 
Recht nicht, wie das ältere norwegische, zu einer solchen Klausel 
Veranlassung bot, sodann aber ist der auf die adulterini bezügliche 
Vorbehalt hier weiter dahin gefaßt, „nema nokkut standi |)at fyrir, 
J)ä er J)au börn väru getin, at t)au mättu l)ä meö öngu möti rettliga 
eigaz", womit zugleich auch die ex damnato coitu procreati mit in- 
begriffen sind, welche freilich im Christenrechte Jons durch die 
Klausel „festir hann hana meinbugalaust" ebenfalls ausgeschlossen 
waren. Dieselben beiden Christenrechte lassen femer auch den 
Kindern aus einem matrimonium putativum die gleiche Behandlung 

^) J6nsbök, ErfÖat. I; Lovsamling for Island, I, S. 38— 29. 
^) jüngerer BI)KrK. 18; jüngerer GJjKrR. 26. 
') Jons KrR. 44. *) ebenda, 46. 

*) Arna bps. KrR. 16/112—14. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. 169 

wie den ehelichen Kindern angedeihen, vorausgesetzt nur, daß die 
Eltern vor Eingehung der Ehe die vorschriftsmäßige Verkündigung 
vornehmen ließen und somit das ihrige getan haben, um etwa be- 
stehende Ehehindernisse rechtzeitig in Erfahrung zu bringen;^) dies 
ein Satz, welcher ebenfalls im kanonischen Rechte begründet, ') aber 
hinterher auch in das weltliche Recht übergegangen ist, soferne eine 
Verordnung aus dem Jahre 1280 in ihrem § 6 bestimmt, daß die 
Kinder aus einer Ehe, welche wegen hinterher aufkommender Ehe- 
hiodernisse getrennt werden muß, dennoch als eheliche behandelt 
werden sollen, soferne nur die Aufgebote in vorschriftsmäßiger Weise 
ergangen seien,') wobei doch wohl guter Glaube der Eheleute an 
die Rechtsbeständigkeit ihrer Ehe vorausgesetzt werden muß, ob- 
wohl die Verordnung dieser Voraussetzung nicht ausdrücklich ge- 
denkt Ganz abgesehen aber von diesen mehr oder minder getreu 
dem kanonischen Rechte entlehnten Sätzen kennt das norwegische 
Recht auch noch eine nationale Form der Legitimation, für welche 
die älteren Quellen die technische Bezeichnung aettleiöfng brauchen, 
während in späteren Quellen auch wohl die Bezeichnung arfleiöing 
gleichbedeutend vorkommt*) In einem königlichen Erlasse vom 
28. März 13 18 wechseln bereits beide Formen, '^) und ebenso in einer 
Urkunde vom 11. September 1338;*) in ein paar Urkunden vom 
18. November 1345 und 15. Januar 1373 wird nur noch von arf- 
leiöing gesprochen,') wogegen eine solche vom J.April 1344, dann 
vom Jahre 1316, von 1400 — 1410 nur von der aettleiöfng spricht*) 
Doch darf nicht übersehen werden, daß in isländischen Quellen der 
Ausdruck „leiöa til arfs" sowohl in Bezug auf Vorgänge in Nor- 
wegen *) als in Island selbst ^^) schon frühzeitig gebraucht wird und 
daß die Ama bps. saga sowohl als die Annalen den von der aett- 
leiöing handelnden Abschnitt der Järnsiöa als das „um arfleiöing" 
handelnde Kapitel bezeichnen ; * ') es mag hiernach wohl sein, daß 

') Jons KrR. 42; Ärna bps. KrR. 16/114 — 16. 

*) vgl. cap. 3 X, de clandestina desponsalione (IV, 3), von P. Inno- 
ccnz III; dann cap. 14 X, qui filii sint legitimi (IV, 17), von demselben. 
*) Norgcs gamle Love, III, Nr. i, S. 5. 
*) vgl. Fr. Brandt, Forelaesningcr, S. 28 — 31. 
*) Norgcs gamle Love, III, Nr. 50, S. 129—31. 
•) Diplom, norveg. I, 253/202 — 3. 
') ebenda, IV, 294/239 — 40 und II, 426/330. 
*) ebenda, V, 169/131 ; VI, 88/89—90 und 374/409. 
^ Eigla, 57/125; Njäla, 2/4. ^^) Laxdcela, 26/102. 

") Arna bps. s., 9/688; Anndlar, a. 1271. 



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I'TO Teil I. Die äuficre Erscheinung der Verwandtschaft 

beide Ausdrücke von Anfang an nebeneinander gebraucht worden 
waren, und daß nur etwa darum in späterer Zeit der Ausdruck arf- 
leiöing etwas häufiger gebraucht wurde, weil in der Tat die erb- 
rechtlichen Wirkungen der Legitimation immer mehr überwogen. 
Die Form aber, in welcher sich die Einführung in den Geschlechts- 
verband vollzog, wird in den beiden Provinzialrechten ziemlich über- 
einstimmend geschildert und ist augenscheinlich uralten Rechtens.') 
Zumeist scheint es der Vater gewesen zu sein, welcher sein unehe- 
liches Kind legitimierte, und umgekehrt scheint die Legitimation 
ursprünglich nur zugunsten des ))yborinn sonr in Anwendung ge- 
kommen zu sein, wogegen unsere Rechtsbücher freilich nach beiden 
Seiten hin schon weiter gehen; sie erklären einerseits, daß die astt- 
leiöing auf den hornüngr und hrisüngr ganz ebensogut Anwendung 
finden möge, wie auf den l»yborinn sonr, und gestatten andererseits 
auch, daß der Bruder den Bruder, der Oheim den Neffen, ja auch 
noch entferntere Verwandte einander legitimieren, nur daß die Frl)L 
solche Befugnisse auf die freigeborenen (aettbornir) Verwandten 
innerhalb der näheren Grade des Mannsstammes (bauggildismenn) 
beschränken und überdies die Regel beifügen, daß niemalen ein 
Mann durch ein Weib oder ein Weib durch einen Mann legitimiert 
werden dürfe, ^) letzteres eine Bestimmung, deren Grund nicht recht 
abzusehen ist, welche aber eine Parallele in dem anderen Satze der 
FrI)L. findet, daß Männer und Weiber sich gegenseitig kein ööal 
zum Verkaufe anbieten sollen. ^) Bemerkenswert ist auch, daß die 
GI)L. ausdrücküch die Legitimation desjenigen gestatten, welchen 
sein Vater vor erreichtem 15. Lebensjahre freigelassen habe; die Be- 
stimmung scheint aus einer Zeit zu stammen, welche die Legitimation 
noch auf den J»yborinn sonr beschränkt kannte und nun diese Be- 
schränkung insoferne mildern wollte, als sie die ursprünglich nur den 
innerhalb der ersten drei Lebensjahre freigelassenen Söhnen zugute 
kommende Wohltat auch noch den etwas später freigelassenen zu- 
gänglich machte, l'brigens darf der Legitimierende, wer er auch 
sei, nicht völlig eigenmächtig verfahren; er muß vielmehr, wenn 
die Handlung rechtlich wirksam sein soll, die Zustimmung der ge- 
borenen Erben zu derselben erholen, über deren Rechte ja niemand 
verfügen kann als sie selber. Hat demnach der Vater des unehelichen 
Kindes bereits ehelich geborene Söhne, so ist deren Zustimmung er- 



') GI)L. 58; Frl)L. IX, i. 

«J FrI)L. IX, 21. 3j ebenda, XII, 5. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. jjl 

forderlich ; doch soll, wenn nur einer von diesen volljährig ist, dessen 
Zustimmung genügen, und somit auch für seine minderjährigen oder 
noch ungeborenen Brüder bindend sein. Fehlen eheliche Söhne, 
oder sind die vorhandenen alle minderjährig, so tritt statt ihrer der 
nächstberufene Erbe ein, und zwar wenn etwa die Stammgutsfolge 
von der gemeinen Erbfolge abgeht, sowohl der gemeine Erbe als 
der Stammgutsfolger ; von einer Beteiligung der entfernteren Ver- 
wandtschaft wissen nur die GI)L., und auch nach ihnen scheint diese 
nur eine formelle gewesen zu sein, wie etwa die FrI)L. umgekehrt 
den Vater seine unmündigen Söhne bei der Handlung auf dem Arme 
tragen lassen, um sie formell zu dieser heranzuziehen. Im übrigen 
war vor allem ein gewisses Quantum Bier zu einem gemeinsamen 
Gelage zu bereiten; dann war ein 3 jähriger Ochs zu schlagen, und 
sollte diesem die Haut des rechten Hinterfußes vom Kniegelenk ab- 
wärts im ganzen abgezogen werden, oder nach den GI)L. die Klauen - 
haut vom rechten Vorderfuße. Aus dieser Haut sollte ein Schuh 
gemacht, und bei dem Bierfasse niedergesetzt werden ; hemfngr heißt 
diese Haut in den FrpL., aber fit in den GpL., und der aus ihr ge- 
machte fitskör wird noch von Sigurör jarl in der Schlacht bei Rc 
getragen (1163), vielleicht um auf dem Eise besser stehen zu können.^) 
Weiterhin soll dann der Vater, welcher seinen Sohn legitimieren 
will, zuerst in diesen Schuh steigen, und nach ihm der zu legitimie- 
rende Sohn selbst; hierauf der nächste Erbe, wer dies auch sei, so- 
wiG der nächste Stammgutsfolger; sodann aber, nach den GI)L., die 
entfernteren Verwandten, natürlich doch wohl nur soweit sie eben 
anwesend waren. Dabei hat der Legitimierende folgende Formel zu 
sprechen: „ek leiöi |)enna mann til fjär I)ess, er ek gef hanom, ok 
til gjalds ok til gjafar, ok til sess ok til saetis, ok til böta ok til 
bauga, ok til alls rettar, svo sem mööir hans vaeri mundi keypt". 
Durch diese Formel wird unzweideutig die volle Gleichstellung des 
Legitimierten mit dem ehelich Geborenen in Bezug auf Buße und 
VVergeld ausgesprochen, und ist demnach klar, daß dieselbe zu einer 
Zeit entstanden sein muß, in welcher die GpL. diese Gleichstellung 
dem l)yborinn sonr vor der aettleiöing noch nicht eingeräumt hatten ; 
sess und saeti mögen auf die Einräumung eines geehrteren Platzes 
in der Halle sich beziehen, in der ja bekanntUch die Gäste wie die 



') Heimskr. Magnüss s. F.rl ingssonar, 13,790; FMS. VII, 5297; 
Fagrsk. 264/176. Vgl. auch lleimskr. Olafs s. helga, 151405—0; FMS. \\\ 
137/336 usw. 



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1^2 Teil I. Die äuflere ErscheinuDg der Verwandtschaft. 

Hausgenossen bei festlichen Gelegenheiten nach ihrem Range (mann- 
viröfng) zu sitzen pflegten; gjald und gjöf aber wird man vielleicht 
am besten auf den Gebrauch beziehen, unter Befreundeten Gaben 
und Gegengaben auszutauschen, so daß auch damit wieder nur eine 
Anerkennung der Ebenbürtigkeit ausgesprochen wäre ; das gegebene 
Gut endlich dürfte auf den durch eine spätere Urkunde bestätigten 
Gebrauch hinweisen, ^) gleich bei der Legitimation selbst dem Legi- 
timierten eine Gabe zum Wahrzeichen zu geben. Auffällig bliebe 
dabei allerdings, daß das Erbrecht in der Formel bei solcher Deutung 
gar nicht gedacht wäre, während doch die Fr[)L. ausdrücklich, *) die 
GpL. aber wenigstens mittelbar die Gleichstellung des Legitimierten 
mit dem ehelich Geborenen in diesem Punkte aussprechen, indem 
sie das oben schon abgehandelte eventuelle Erbrecht der unehelichen 
Kinder nur für die eintreten lassen, welche „üleiddir i aetf* sind.*) 
Die FrpL. teilen die Formel nicht mit, welche bei der aettleiöing 
zu gebrauchen war, aber sie sprechen von einem „leiöa ä reka skaut 
ok rygja", und wird wohl dieser Ausdruck der gebrauchten Formel 
entlehnt sein; man möchte mit Guöbrandr Vigfüsson emendieren: 
„ä rekks skaut ok rygjar", oder noch näher liegend „ä rekka skaut 
ok rygja", und übersetzen „in den Schoß von Mann und Weib", 
so daß also der Legitimierte in die Lage eines neuerdings ehelich 
Erzeugten und Geborenen versetzt werden wollte. Weiterhin hat 
der nächstgeborene Erbe und der Stamm gutsfolger seinerseits die 
Einräumung von Erbrecht und Stammgutsrecht ausdrücklich zuzu- 
sichern, und eine ähnliche Erklärung mochten wohl auch die ent- 
fernteren Verwandten abzugeben haben. Wird aber hinterher die 
Vornahme der Legitimation bestritten, so sollen alle bei derselben 
Anwesenden über dieselbe Zeugnis geben können, Weiber wie Männer, 
und soll überdies als ein weiteres Wahrzeichen der bei derselben 
gebrauchte Schuh vorgewiesen werden. Nach den GpL., welche kein 
Zeugnis länger als 20 Jahre vorhalten lassen, muß aber alle 20 Jahre 
eine feierliche Bekanntmachung der aettleiöing erfolgen, damit durch 
deren Beweis der Beweis des Aktes selbst ersetzt werde; doch ist 
von dem Momente an, da der Legitimierte auf Grund der aettleiöfng 
jemanden beerbt hat, keine weitere lysing mehr nötig, indem von 
da ab der Besitz der Erbschaft selbst als genügender Ausweis für 
das Recht des Besitzers gilt Die spätere Gesetzgebung hat im 



^) Diplom, norvcg. I, 253/202 — 3 (1338). 
-) Frl)L. III, 13; IX, I. ^) GI)L. 104. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. J7^ 

wesentlichen auf der im bisherigen geschilderten Grundlage fortge- 
baut, wenn sie auch im einzelnen mancherlei an den älteren Rechts- 
sätzen verändert hat Zunächst wurde die aettleiöing in ihrer Form 
einigermaßen umgestaltet Das Trinkgelage, Ochsenschlachten und 
Schuhsteigen wird bereits in der Jämsiöa beseitigt, ^) und durch eine 
halbwegs kirchliche Form ersetzt Der Legitimierende soll mit dem, 
der legitimiert werden soll, sowie mit dem nächsten geborenen Erben 
und dem Stammgutsfolger vor der Kirchentür unter gemeinsamer 
Berührung der heiligen Schrift die entscheidende Erklärung abgeben, 
deren Formel noch ganz die der GpL. ist, nur daß die Bezugnahme 
auf eine sofort zu machende Gabe an deren Spitze nunmehr weg- 
gefallen ist An der Befugnis der entfernteren Verwandtschaft, die 
Legitimation vorzunehmen, wird festgehalten, dagegen aber der Satz 
der FrpL. fallen gelassen, daß kein Weib einen Mann, und kein 
Mann ein Weib legitimieren dürfe ; nach wie vor soll femer der voll- 
jährige Sohn durch seine Zustimmung auch seine minderjährigen 
und noch ungeborenen Brüder verpflichten, muß ferner die aettleiöing 
alle 20 Jahre öffentlich bekannt gemacht werden, so lange nicht der 
Legitimierte auf Grund derselben geerbt hat; nach wie vor ist end- 
lich die Bedeutung des Aktes dieselbe geblieben, und beerbt dem- 
gemäß der Legitimierte seinen Vater zugleich mit dem echt geborenen 
Sohne. ^) Das gemeine Landrecht schließt sich hinwiederum eng an 
die Bestimmungen der Järnsföa an, doch nicht ohne sie in einzelnen 
nicht unerheblichen Punkten zu verändern. *) Festgehalten wird vor 
allem die neue, halb kirchliche Form der aettleiöing, und daraus mag 
es sich erklären, daß die Kirche diese unumwunden anerkannte, *) 
während sie doch sonst die Lehre von der Legitimation ihrer eigenen 
Jurisdiktion vindizierte; doch ist die bei dem Akte zu sprechende 
Formel neuerdings wieder umgestaltet, und dabei einerseits die Be- 
zugnahme auf das sofort zu gebende Gut wieder aufgenommen, 
andererseits aber die Verweisung auf Buße und Wergeid als nunmehr 
nicht mehr passend beseitigt. Der Satz, daß die Zustimmung des 
volljährigen Sohnes auch für dessen minderjährige und ungeborene 
Brüder bindend sei, wird jetzt ausdrücklich aufgegeben, und dafür 
die umgekehrte Regel ausgesprochen, daß der Legitimierte durch die 
Legitimation nur so viel Recht erwerbe, als der Konsentierende selbst 
anzusprechen hatte; außerdem wird aber auch die Wirkung des 



») Jdrns., ErfÖat. 16. *) ebenda, l* 

^ Landsl., ErfÖat 8. *) Jons KrR. 46. 



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lyA Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Aktes insoferne abgeschwächt, als der Legitimierte nunmehr nicht 
mehr dem echt geborenen Sohne, sondern erst hinter diesem und 
hinter dem echt geborenen Sohne desselben erben soll ^) Genau 
dieselben Bestimmungen enthält das gemeine Stadtrecht, *) sowie auch 
die Jönsbök, *) nur daß diese letztere den Termin für die lysing des 
Aktes auf lo Jahre herabsetzt statt auf 20 ; durch die Verordnung 
aber des K. Häkon Magnüsson vom 14. Juni 1314 wurde bestimmt, 
daß niemand vor zurückgelegtem 20. Lebensjahre auf sein Erbrecht 
verzichten könne,*) und daß der eheliche Sohn eines Legitimierten 
unmittelbar hinter seinem Vater zur Erbfolge berufen werden solle, 
wenn dieser bereits verstorben sei zu der Zeit, da sich der Erbfall 
ereigne. *) Beides Bestiitimungen, die auch in die Jönsbök eingerückt 
wurden, die sich aber im Grunde von selbst verstanden, da die 
erstere nur eine Folge der Verschiebung des VoUjährigkeitstermines 
auf das vollendete 20. Jahr, die letztere aber nur eine analoge An- 
wendung der für ehelich geborene Söhne und Enkel geltenden Regel 
ist. Ein Zusatz, welchen eine Hs. zu des K. Eirikr Magnüsson Verord- 
nung von 1280, eine andere zu des K. Häkon Magnüsson Verordnung 
vom 25. November 131 5 machen,®) bestimmt, daß der Legitimierte 
von seiner Mutter seines Vaters Erbe nehme, oder von seinem Vater 
noch seiner Mutter Recht nehme, wenn näher Berufene nicht vor- 
handen sind, und daß der unechte Sohn, welcher per subsequens 
matrimonium legitimiert sei, seinen Vater wie sein ehelicher Sohn 
beerbt, auch wenn sein Vater zwischen seiner Geburt und seiner 
Legitimation ein anderes Weib geheiratet und mit ihm eheliche 
Kinder erzeugt habe; letzteres ein Satz, der in der Konsequenz des 
Rechts liegt, und sich somit im Grunde von selbst versteht, ersteres 
dagegen rein unverständlich, wenn man sich nicht zu einer Korrektur 
entschüeßt, welche zu dem Sinne verhilft, daß der Legitimierte seines 
Vaters oder seiner Mutter Erbe nehmen soll, je nachdem diese oder 
jener ihn legitimiert hat Endhch kommt noch ein Erkenntnis des- 
selben K. Häkon Magnüsson vom 28. Mai 13 18 in Betracht,') durch 
welches einer Meinungsverschiedenheit über die Auslegung der land- 
rechtlichen Bestimmung über die Legitimation ein Ende gemacht 
wurde. Die „lögmenn" hatten nämlich darüber nicht einig werden 

^) Landsl., Erfftat 7, Nr. 2. 

2y BjarkR., Erföal. 8 und 7, Nr. 2. ») Jönsbök, ErfÖat. 15 und 2. 

*) Lagasafn, I, S. 29,15. *) ebenda, 16. 

•j Norges garale Lo vc, III, Nr. i, S. II ; vgl. Nr. 44, S. II5. 

^} ebenda, Nr. 50, S. 129 — 31. 



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i} 6. Die uneheliche Geburt. i^t 

können, ob der Legitimierte nur die Erbschaft des Legitimierenden 
zu nehmen berechtigt sei, oder auch die Erbschaft der übrigen Ver- 
wandtschaft dieses letzteren, und der König entscheidet die Frage 
dahin, daß derselbe alle Erbschaften, welche anfallen können, nehmen 
solle, wie wenn er ein rechtmäßiger Sohn der Ehefrau des Legiti- 
mierenden wäre, wobei selbstverständlich vorausgesetzt wird, daß die 
aettieiöing vollkommen rechtsgültig, und somit auch mit Zustimmung 
aller der Personen erfolgt ist, deren Zustimmung überhaupt gesetzlich 
erforderlich war. Wenn übrigens nach dem Erkenntnisse der Legitimierte 
stets als eheliches Kind des Legitimierenden gelten soll, wird doch wohl 
der gewählte Ausdruck einer Beschränkung bedürfen; für den Fall, 
welcher die Entscheidung veranlaßt hatte, ist nämlich der Satz zwar 
vollkommen zutreffend, weil in diesem ein Vater seine eigenen 
Kinder legitimiert hatte, aber er würde für solche Fälle nicht richtig 
sein, in welchen die Legitimation von entfernteren Verwandten aus- 
ging. Richtig ausgedrückt würde demnach die Regel dahin lauten, 
daß durch die aettleiöfng der Legitimierte immer in die Stellung 
eines ehelichen Sohnes den Eltern gegenübergebracht werde, welche 
ihn außer der Ehe erzeugt hatten ; jene unkorrekte Fassung derselben 
erklärt sich aber sehr einfach daraus, daß nicht nur im gegebenen 
Falle, sondern gewiß überhaupt in weitaus den meisten Fällen der 
Vater selbst die Legitimation vornahm, und somit jene an und für 
sich nicht schlechthin zutreffende Ausdrucksweise zumeist wirklich 
richtig war. In der angegebenen Gestalt bestand nun die aettleiöfng 
das ganze Mittelalter hindurch fort, und kann zum Zeugnisse dessen 
auf die Urkunden aus den Jahren 1316, 1338, 1344, 1345, 1373 und 
1400 — 1410 verwiesen worden, welche oben bereits bei Erörterung 
des Sprachgebrauches der Quellen angeführt wurden; es läßt sich 
aber nicht verkennen, daß bereits durch das gemeine Landrecht und 
die an dasselbe sich anschließenden Gesetzbücher die ursprüngliche 
Gestaltung des Institutes in zwiefacher Beziehung nicht unerheblich 
verändert wurde. Einmal nämlich hatte dieses ursprünglich zweifel- 
los eine völlige Gleichstellung des Legitimierten mit dem ehelich 
Geborenen in Bezug auf alle und jede verwandtschaftlichen Rechte 
und Pflichten bezweckt; nach dem gemeinen Landrechte dagegen 
sollte derselbe erst hinter dem ehelichen Sohne und Enkel zur Erb- 
folge berufen werden. Das setzt voraus, daß der Gesetzgeber nicht 
nur jene völlige Gleichstellung nicht mehr durchgeführt wissen 
wollte, sondern daß er auch bei der Aufstellung seiner Erbentafel 
nur den gewöhnlichen Fall im Auge hatte, da die Legitimation vom 



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176 Teil I. Die äuflcre Elrscheinung der Verwandtschaft. 

Vater ausging, obwohl er nach wie vor gestattete, daß dieselbe auch 
wohl von anderen Verwandten vorgenommen werden konnte; uir 
werden also bezüglich der Beerbung anderer Verwandten analog 
verfahren, und den aettleiöingr dem skilbörinn maör stets um einen 
Grad, aber auch nur um einen, nachstellen müssen. Zweitens aber 
hatte vordem zur Sicherung der aettleiöing genügt, wenn zu den- 
selben der nächste geborene landrechtliche Erbe und der nächste 
Stammgutsfolger konsentiert hatten, wobei noch überdies unter 
mehreren gleich nahe Verwandten die minderjährigen und unge- 
borenen durch die Erklärung der volljährigen gebunden waren; das 
gemeine Landrecht aber hat diese Regel beseitigt, und durch die 
andere ersetzt, daß der Konsens immer nur den Konsentierenden 
selbst, und wie wir beifügen dürfen, dessen Rechtsnachfolger binde, 
und daß somit der Legitimierte immer nur soviel Anspruch erwerbe, 
als denen zukam, welche konsentierten. Die allseitige Wiricung der 
aettleiöing konnte also fortan nicht mehr durch die bloße Mitwirkung 
des nächsten Erben zu Landrecht und Stammgutsrecht gesichert 
werden, sondern sie erforderte die Mitwirkung aller und jeder Erben 
und Stammgutsfolger, nur etwa mit Ausnahme derjenigen, die durch 
einen anderen bereits vertreten waren. In dem Gesetzbuche d^ K. 
Christian IV. endlich tritt uns das Institut in einer völlig veränderten 
Gestalt entgegen. ^) In diesem wird bestimmt, daß man „etlcde" 
dürfe, wen man wolle, soferne nur der hierzu Erwählte ehelich ge- 
boren und unbescholten sei ; auf die unehelich Geborenen, für welche 
dasselbe ursprünglich allein bestimmt gewesen war, konnte das In- 
stitut demnach nicht mehr Anwendung finden, und aus einer Legi- 
timation ist dasselbe nunmehr zu einer Adoption geworden. Damit 
hängt denn auch zusammen, daß der „etleding" nunmehr schlecht- 
hin wie ein ehelicher Sohn dessen behandelt werden soll, der den 
Akt vorgenommen hat, welcher Regel gegenüber freilich die Beibe- 
haltung der älteren Vorschrift keinen Sinn mehr hat, daß ein Bruder 
den anderen, ein Oheim den Neffen „etlede" dürfe, da ja genau das- 
selbe auch unter völlig Fremden galt Die Formalien des Aktes 
sind dieselben geblieben wie im gemeinen Landrechte, und insbe- 
sondere bindet der von jedem einzelnen Erben oder Stammgutsfolger 
erklärte Konsens nach wie vor nur ihn selbst; nur wird jetzt noch 
eine nachfolgende Erklärung am Ding, und deren urkundliche Ferti- 
gung erfordert, sowie auch die Frist für die lysing nunmehr auf 10 



^J Arvebolk, 8. 

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§ 6. Die uneheliche Geburt. j^j 

Jahre herabgesetzt ist, wie dies freilich auch schon in der Jönsbök 
geschehen, und durch spätere Korrektur in eine Reihe von Hss. des 
Landrechtes hineingetragen worden war. Die Wirkung des Aktes 
aber ist insoferne noch weiter abgeschwächt, als der „etleding" nun- 
mehr erst in die fünfte Erbenklasse eingereiht, und erst nach den 
Geschwisterkindern zur Erbschaft berufen wird;^) damit ist derselbe 
in die Stelle eingerückt, welche das gemeine Landrecht des K. Magnus 
den nicht legitimierten unechten Kindern angewiesen hatte, und von 
seiner ursprünglichen Gleichstellung mit dem ehelich Geborenen ist 
somit die letzte Spur verschwunden. — Sieht man nun aber von 
dieser letzten Umgestaltung des Institutes ab, und faßt man lediglich 
deren Bedeutung im älteren Rechte ins Auge, so fällt sofort als in 
hohem Maße charakteristisch der Umstand auf, daß bei demselben 
der Schwerpunkt ganz und gar nicht, wie bei der Legitimation, 
Adoption und Arrogation des römischen Rechtes, auf die väterliche 
Gewalt oder überhaupt auf das Verhältnis des Vaters zu seinem 
Kinde fällt, sondern vielmehr lediglich auf den Geschlechtsverband 
und die Stellung des Kindes zu seiner gesamten Verwandtschaft. 
Von der aett und der Einführung in dieselbe ist bereits die Bezeich- 
nung der aettleiöing hergenommen, und es ist nur eine Konsequenz 
desselben Standpunktes, daß der Akt von entfernteren Verwandten 
den unehelich Geborenen ganz ebenso vorgenommen werden kann 
wie von dessen eigenem Vater; daß tatsächlich die aettleiöing regel- 
mäßig allerdings vom Vater vorgenommen zu werden pflegte, und 
daß dieser Fall darum auch von den Quellen stets in erster Linie 
ins Auge gefaßt wird, ist dem gegenüber lediglich auf den doppelten 
Umstand zurückzuführen, daß dieser das nächste persönliche Inter- 
esse an der Legitimation seines Kindes zu haben pflegte, und daß 
es zunächst sein Vermögen und die Stellung in seinem Hause war, 
um dessen Regelung es sich bei dieser handelte. Es stimmt übrigens 
diese Behandlung der Legitimation vollkommen mit der anderen 
Tatsache überein, daß die altnordische Rechtssprache weder für 
den Begriff der Familie noch für den der väterlichen Gewalt eine 
technische Bezeichnung besitzt, während sie an Ausdrücken, welche 
die „gens" bezeichnen, sich umgekehrt sogar überreich erweist. 
Zweitens aber lassen sich auch noch einzelne Spuren eines Zusammen- 
hanges nachweisen, in welchem ursprünglich die aettleiöing mit der 
Freilassung gestanden zu haben scheint, obwohl dieser Zusammen- 



*) Arvebolk, 7. 
Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 



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1^3 Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

hang allerdings in den uns erhaltenen Quellen bereits sehr verdunkelt 
ist Wir wissen, daß nach einigen älteren schwedischen Provinzial- 
rechten, nach WGL. nämlich und ÖGL., ein „aettleda" sich an die 
Freilassung als solche anschloß, und daß man darunter die Aufnahme 
des Freigelassenen in irgend ein freies Geschlecht verstand, welche 
als schlechterdings notwendig galt, wenn dieser das volle Freienrecht 
gewinnen sollte. ') Wir wissen ferner, daß auch nach dem ältesten 
unter den dänischen Rechtsbüchern, nach SKL. nämlich, ein ganz 
ähnlich benannter Akt, das „takae man i a^t mae|) sae", zum gleichen 
Behufe erforderlich war,-) und in der Tat hat es bei der ebenso 
tiefgreifenden als umfassenden Bedeutung der Verwandtschaft im 
ältesten Rechte nichts auffälliges, wenn man beim Freigelassenen, 
welcher von Hause aus keine freie Verwandtschaft hatte, einen 
künstlichen Ersatz für dieselbe als notwendig betrachtete. Nun wurde 
oben bereits wahrscheinlich zu machen gesucht, daß in Norwegen 
die aettleiöing ursprünglich nur für den |)yborinn sonr erforderlich 
und gebräuchlich gewesen sei, also für den Sohn, den ein freier 
Mann unehelich mit einem unfreien Weibe erzeugt hatte, und welcher 
zwar demzufolge unfrei zur Welt gekommen, aber in frühester 
Jugend freigelassen, und sodann als Freier auferzogen worden war. 
Andererseits kennt das altnorwegische Recht bei den Freigelassenen 
überhaupt neben dem Akte der Freilassung selbst, dem gefa frelsi, 
noch einen zweiten Akt, das gera frelsisöl sitt, an dessen Vornahme 
sich die Befreiung des Freigelassenen von einer Reihe sehr drückender 
Lasten, Beschränkungen und Zurücksetzungen knüpfte, welchen der- 
selbe bis dahin trotz der Freilassung noch unterworfen gewesen war. 
Dieser zweite Akt war der aettleiöing ähnlich gestaltet und kam hier 
wie dort ein Trinkgelage, nach den FrpL. überdies auch das Schlachten 
eines Widders vor, dessen Hals bei dem Akte eine besondere Rolle 
spielte ; *) ausdrücklich wird aber erklärt, *) daß beim |)yborinn sonr 
dieser zweite Akt nicht vorgenommen zu werden brauche, daß viel- 
mehr bei ihm die Konsequenzen desselben auch ohne seine Vor- 
nahme eintreten. Berücksichtigen wir nun, daß bei dem Geschlechte 
des Freigelassenen jene Lasten und Zurücksetzungen, denen der 



*) Am klarsten ÖGL., -^irfjiab. 20; vgl. 25 pr. Siehe auch Nordstrom, 
I, S. 100, Aom.; Gjessing, Annalcr 1862, S. 267 — 69; Wilda, Unechte Kinder, 
S. 25—27. 

*) Sk&nel. 123 — 24; Andreas Sunesen, 52 und 73. 

») GI)L. 62; brI)L. IX, 12. 

*) GI>L. 61; FrI)L. X, 47. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. Ijq 

letztere samt seinen Nachkommen zunächst unterliegt, auch ohne 
Haltung des frelsisöl von selbst wegfallen, und zwar nach den GpL. 
bereits beim Enkel, nach den FrI)L. aber, die in diesem Punkte 
augenscheinlich das ältere Recht geben, bei dem Sohne des Ur- 
enkels,') daß sodann bei dem Freigelassenen höherer Ordnung noch- 
mals die vierte Generation vorübergehen muß, bis dessen Nach- 
kommenschaft völlig frei wird, ^) und daß der Vollfreie im Gegensatze 
zum Freigelassenen und seiner Nachkommenschaft innerhalb der be- 
zeichneten Grenze technisch als aettborinn bezeichnet zu werden 
pflegt,'*) so dürften sich mit einem ziemhchen Grade von Wahr- 
scheinlichkeit folgende Schlüsse ziehen lassen. Es war der Mangel 
jedes Geschlechts, was den Freigelassenen geringerer Klasse mit 
seinem Sohne, Enkel und Urenkel, dann der Mangel eines genügend 
unabhängigen Geschlechts, was den Freigelassenen höherer Klasse 
mit seinem Sohne, Enkel und Urenkel von dem vollfreien Manne 
schied, welcher darum emphatisch als zu einem Geschlechte geboren 
bezeichnet wurde. Dem ersteren Mangel konnte, außer dem Ab- 
laufe der vierten Generation, auch durch einen Formalakt ein Ziel 
gesetzt werden, mittels dessen der Freilasser, der bisher den Frei- 
gelassenen noch in einem halbwegs sklavischen Abhängigkeitsver- 
bande gehalten hatte, auf seine einschlägigen Rechte verzichtete, 
während verwandtschaftsähnliche Beziehungen, wie eventuelles Erb- 
recht, Alimentationspflicht u. dgl., ihn nach wie vor mit diesem ver- 
knüpften. In einer ähnlichen Stellung wie der Freigelassene höherer 
Ordnung befand sich aber der |)yborinn sonr schon von seiner Frei- 
lassung ab, da er zu sklavischem Dienste nicht verwendet wurde 
und als halbwegs zum Geschlechte seines Vaters gehörig diesem 
noch enger verbunden war, als der leysingi seinem skapdröttinn ; 
darum bedurfte es bei ihm jenes Formalaktes nicht Die aettleiöing 
aber, welche den j)yborinn sonr zum vollberechtigten Mitgliede seines 
Geschlechtes machte, und ihm eben damit auch den Anspruch auf 
die volle Buße seines Vaters gab, fand zwar in dem Übertritte in 
die Klasse der Vollfreien ihr Analogon, welche sich in der Person 
des Ururenkels des Freigelassenen höherer Ordnung vollzog, und 
durch welche dieser die Buße des aettborinn maör oder ärborinn 
maör erhielt, während dessen Vater noch die des leysfngjasonr be- 
zogen hatte; aber eines Formalaktes wird nicht gedacht, durch dessen 



') GI)L. 66; FrI)L. IX, u. «) GJ^L. io6; FrJjL. IX, ii. 

') z. B. GI>L. 63 und 71; FrI)L. II, i; BjarkR. III. 127 usw. 

12» 



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igQ Teil I. Die äuficre Erscheinung der Verwandtschaft 

Vornahme die zweite Periode des Freigelassenenstandes in derselben 
Weise hätte abgekürzt werden können, in welcher die Haltung des 
frelsisöl die erste abkürzte. Da legt nun die Analogie des schwe- 
dischen Rechtes die Vermutung nahe, daß die aettleiöing ursprünglich 
bei dem gewöhnlichen Freigelassenen ebensogut wie bei dem |)y- 
borinn sonr, wenn auch wohl in etwas anderer Gestalt und mit 
etwas anderer Wirkung, eingetreten sein möge, und daß sie somit 
eben jener Formalakt war, durch welchen der leysingi oder leysingja- 
sonr in einen aettborinn maör verwandelt werden konnte. Zu dieser 
Annahme stimmt auch recht wohl, daß unechte Kinder freier Eltem 
unter allen Umständen zu den aettbornir menn gehören, und somit 
einer aettleiöing nicht bedürfen; ist bei ihnen die Paternität nicht 
hergestellt, so gehören sie doch zum Geschlechte ihrer Mutter und 
nehmen dessen Rechte, ist sie hergestellt, so nehmen sie das Recht 
ihres väterlichen Geschlechtes, und genügt ein bloßes bera i a;tt 
oder foera i aett, um das letztere Ergebnis zu bewirken, ohne daß 
dazu ein Formalakt nötig wäre, weil es sich um keine Standeser- 
höhung, kein „boeta räö sunar sins", wie beim J)yborinn sonr handelt 
Höchstens könnte noch etwa in Betracht kommen, ob nicht etwa, 
wie nach älterem dänischen Rechte, ^) ursprünglich auch die Her- 
stellung der Paternität, soweit sie nicht durch ein Konkubinatsver- 
hältnis von selbst gegeben war oder im Prozeßwege erfolgte, einer 
am Ding abgegebenen Erklärung des Vaters bedurfte. 



§ 7. Die verwandtschaftsähnlichen Verhältnisse.*) 

Als zur Verwandtschaft nicht gehörige, aber doch an dieselbe 
sich anreihende und mit ihr in einzelnen Beziehungen analog be- 
handelte Verhältnisse kennt das ältere nordische Recht, wie dies 
früher schon erwähnt wurde, drei, nämlich die Schwägerschaft 
samt der an sie sich anreihenden Stiefverwandtschaft, die 
Gevatterschaft und die Pflegeverwandtschaft Jedes 
dieser drei Verhältnisse muß nun noch eigens behandelt werden. 

I. Die Seh Wäger Schaft. Es ist oben bereits erwähnt 

*) vgl. Stcmann, S. 381—90. 

^) vgl., was Island betrifft, m e i n c Schrift : Island von seiner ersten Entdeckung 
bis zum Untergange des Freistaats, S. 357—63. 



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g 7. Die verwandtschaftsähnlichen Verhältnisse. igi 

worden, daß für die Verschwägerung die Ausdrücke maegöir, 
mägsemd, dann sifjar, sifskapr gelten, und daß der einzelne 
Verschwägerte als mägr, die einzelne Verschwägerte aber als mäg- 
kona oder sifkona bezeichnet wird; für die Stiefverwandtschaft 
aber stehen die Ausdrücke stjüpfaöir und stjüpmööir (stjüpa), 
dann stjüpsonr (stjüpr) und stjüpdöttir, oder zusammenfassend 
stjüpbörn zu Gebote, wofür in den Hss. auch wohl stypfaöir, 
stjükfaöir u. dgl. geschrieben steht. Es galt aber die Schwägerschaft 
zunächst ebensogut als Ehehindernis wie die Blutsfreundschaft, nur 
daß bei ihr die Grenze der verbotenen Grade enger gezogen war 
als bei dieser. Die norwegischen Provinzialrechte erlauben nämlich 
die Ehe mit Verschwägerten vom fünften gleichen Grade ab, wäh- 
rend der vierte gleiche Grad noch als verboten gilt, und zwar gleich- 
viel, ob es sich dabei um die Ehe mit der Witwe eines Blutsfreundes 
(fraendleif), oder um die Ehe mit einer Verwandten der eigenen 
früheren Frau handle;*) sie behandeln ferner selbstverständlich den 
außerehelichen geschlechtlichen Verkehr mit Verschwägerten vöUig 
ebenso wie die Eingehung der Ehe mit solchen ; sie rechnen endlich 
die nächsten Grade der Schwägerschaft mit zu denjenigen, deren 
Verletzung als eine schlechthin bußlose Tat gilt, und zwar ist es 
nach der älteren Rezension der GpL. die Stiefmutter, Schwieger- 
mutter und Brudersfrau, und nach der neueren überdies noch die 
Stieftochter und Frauenschwester, welche dabei in Betracht kommt,-) 
eine übrigens bedeutungslose Differenz, da auch schon die ältere 
Rezension durch die Klausel: „ok konor l>aer allar aörar er jamn- 
skyldar ero" die nicht namentlich genannten mit inbegriffen hat, — 
nach den FrpL. aber ist es die Stiefmutter und Stieftochter, die 
Schwiegermutter und Schwiegertochter, endlich die Schwägerin, 
gleichviel übrigens, ob des Bruders Witwe oder der Frau Schwester,^) 
und genau ebenso nach den BI)L. und EpL., *) und ist gewiß die 
Auslassung der Schwiegermutter in den GI)L. nur etwas Zufälliges, 
da augenscheinlich der erste Grad in der aufsteigenden, absteigenden 
und Seitenlinie gemeint ist. Das isländische Recht aber hatte gleich- 
falls von jeher im fünften gleichen Grade der Schwägerschaft die 
Ehe erlaubt, wogegen sie im vierten und fünften ungleichen noch 



*) GI)L. 24; FrJjL. III, I und Svcrris KrR. 56; BJjL. I, 15; II, 6 und 
ni, 6; EfL. I, 30 und II, 26. 

«) GI)L. 24. ») FrI)L. III, 3. 

*) BfL. I, 15; II, II und III, 8; E^L. I, 52 und II, 42. 



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l32 'I'cil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

als verboten galt;*) das Gesetz vom Jahre 1217 aber, welches für 
die Blutsfreundschaft die verbotenen Grade enger begrenzte, ließ 
dieselben für die Schwägerschaft unverändert, und galt somit von 
da ab für diese dieselbe Grenze wie für die Blutsfreundschaft.-) Da 
diese Neuerung auf den Beschlüssen der IV. lateranischen Synode 
von 121 5 beruhte, welche gleichmäßig für die Verwandtschaft und 
Schwägerschaft den vierten gleichen Grad als den letzten verbotenen 
erklärt hatten,') erklärt sich sehr einfach, daß dieselbe auch in den 
späteren noru egischen Christenrechten gleichmäßig wiederkehrt Die 
neueren Christenrechte für Vikin und für das Gulat^ing bestimmen 
demgemäß, daß für die Blutsfreundschaft wie für die Schwägerschaft 
der fünfte gleiche Grad der erste erlaubte sei,*) und in den Christen- 
rechten des Erzbischofs Jon und des Bischofs Arni kehrt dieselbe 
Bestimmung in der Art wieder, daß in ihnen der vierte gleiche Grad 
als der letzte verbotene bezeichnet wird;*) die letztere Wortfassung 
entspricht vollkommen den Beschlüssen der genannten Synode, und 
wird die erstere doch wohl nur eine ungenauere sein und um so 
weniger die Meinung haben, daß auch noch der vierte und fünfte 
ungleiche Grad verboten sein solle, als ja auch das weltiiche Recht 
nunmehr den vierten gleichen Grad als den letzten im Erbrechte 
berücksichtigten behandelte, •) während die Jämsiöa allerdings noch 
den fünften gleichen Grad in älterer Weise berücksichtigt hatte.') 
Als bußlose Tat gilt aber auch nach den neueren Christenrechten 
nur der fleischliche Umgang mit der Stiefmutter und Stieftochter, 
Schwiegermutter und Schwiegertochter, oder endlich mit der Schwä- 
gerin.*) so daß also insoweit bezüglich der Schwägerschaft im Grunde 
alles beim alten geblieben ist — Über diese durch das Kirchenrecht 
an die Hand gegebenen Bestimmungen geht nun aber die Berück- 
sichtigung der Schwägerschaft noch weit hinaus, nur daß auf welt- 
lichem Gebiete die Grenze, innerhalb deren sie berücksichtigt wird, 
unj^^leich enger gezognen ist. Das isländische Recht zunächst zählt 



'' Konungsbok, 144 131 ; StaiSarh ö lsbi.> k , 121,157. 
*^ Konungsbt>k, 1S37; SlaöarhvUsb ok , 120 157. 
' cap. 8 X, de consa ni:uinitate et affiniiate (^IV, 14'. 
*^ neuerer Bl)KrR. 21; neuerer G|)KrR. 30. 
•^ Jt»ns KrK. 47; Arna bps. KrR. 20. 

*^ Lanilsl., FrtiNat. 7, Nr. 13: H arkR. 7, Nr. 13: Jonsbük, 13. 
■ J a r n s,, F r t ^ a t. 15. 

^^ neuerer BJ)KrR. 22; neuerer G|)KrR. 31; Jods KrR. 49; Arna 
^ s. KrR. 20- 



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§ 7* ^ic verwandtscbaftsähnlicben Verbältnisse. ig^ 

bei der Verteilung des Wergeides zu den sakaukar die drei nächsten 
Verschwägerten (nämägar), d. h. den Stiefvater, Schwiegersohn und 
den Mann der Schwester und außerdem noch den Stiefsohn, welcher 
also hier zu den „mägar" nicht gerechnet wird ; ^) dieselben drei 
nämägar gelten femer als Richter und als Geschworene für reku- 
sabel,^) ohne daß dabei des Stiefsohnes gedacht würde, und umge- 
kehrt gelten als legale Vertreter des Mannes, der ehehaft verhindert 
ist, selber das Ding zu besuchen, von den Verschwägerten nur der 
Stiefsohn und der Schwiegersohn, ^) also weder der Schwager, noch 
der Stiefvater oder Schwiegervater. Wiederum darf der Schwieger- 
sohn seine Schwiegermutter, der Schwager die Schwester seiner 
Frau und überhaupt der Mann die Verwandte seiner Frau verloben, 
wenn näher verwandte Männer nicht vorhanden sind,*) und ähnlich 
steht es auch bezüglich der Berechtigung zur Stellung der Unzuchts- 
klage;*) in diesen Fällen ist es aber freilich im Grunde nur das 
Recht seiner Frau, welches der Mann auszuüben berufen ist, und es 
erklärt sich von hier aus sowohl der Umstand, daß hier die Berufung 
der Verschwägerten an keine bestimmte Grenze gebunden ist, als 
auch die andere Tatsache, daß nicht alle näheren Verschwägerten 
eintreten, z. B. nicht der Stiefsohn, und daß unter den sechs Weibern, 
wegen deren geschlechtlicher Kränkung der Mann befugt ist, blutige 
Rache zu nehmen, keine Verschwägerte genannt wird. •) In ähn- 
licher Weise zeigen unter den norwegischen Rechten die GI)L. zwei 
nämägar, nämlich den Schwiegersohn und den Schwager und neben 
ihnen noch den Stiefvater und den Stiefsohn am W^ergelde beteiligt,^ 
und zwar, wie es scheint, alle in der Eigenschaft von sakaukar; in 
der Wergeidstafel des Bjarni Maröarson wird neben dem Stiefvater 
und Stiefsohne nur noch der Schwager berücksichtigt, *) und aus 
der Wergeidstafel der FrI>L. ist vollends die Verschwägerung ganz 
verschwunden. Dagegen werden in beiden Rechtsbüchem neben 
den bauggUdismenn und nefgildismenn auch die nämägar als Per- 
sonen bezeichnet, welche man als Richter zu rekusieren befugt sei,*) 



M Konüngsbök, 113/201. 

*) ebenda, 25/47; 35/62; 98/158; SlaÖarh ölsbök, 286/318. 

*) Konüngsbök, 89/160; StaÖarhölsbök, 289/322. 

*) Konüngsbök, 144/29; StaÖarhölsbök, I18/155. 

*) Konüngsbök, 156/48; StaÖarhölsbök, 145/177. 

®) Konüngsbök, 90/164; StaÖarhölsbök, 293/331. 

■) GI>L. 239. «) ebenda, 316. 

•) ebenda, 37 und 266; FrJ>L. 14. Nach den G|)L. 59 sind dieselben 



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igi Teil I. Die äufiere Elrscheinung der Verwandtscbail. 

und nach den FrpL. sind ferner diese wie jene nicht verpflichtet, an 
der Verfolgung eines Totschlägers sich zu beteiligen;^) aber welche 
Grade der Verschwägerung unter dieser Bezeichnung zu verstehen 
seien, wird uns weder hier noch da gesagt Unter den sieben 
Weibern, deren Kränkung blutig gerächt werden darf, werden femer, 
anders als im isländischen Rechte, auch die nächsten Verschwägerten 
aufgezählt, und zwar nennen die GI)L. die Stiefmutter, die Schwieger- 
tochter und die Schwägerin,^) das ältere Stadtrecht folgt ihnen,') 
wogegen die FrI)L. statt der Stiefmutter die Stieftochter nennen,*) 
die BI)L. endlich gedenken der Stiefmutter und Stieftochter, der 
Schwiegermutter und Schwiegertochter, endlich der Frau des Bruders 
und der Schwester der Frau nebeneinander. *) Wir werden wohl 
diese Ungleichförmigkeit in der Aufzählung der einzelnen Schwäger- 
schaftsverhältnisse kaum ernsthaft zu nehmen, vielmehr nur auf eine 
zufällige Ungcnauigkeit in der Redaktion der betreffenden Bestim- 
mung anzusehen haben, und darf somit wohl als feststehender Satz 
gelten, daß in Norwegen wie auf Island außerhalb der Lehre von 
den verbotenen Verwandtschaftsgraden immer nur der erste Grad 
der Verschwägerung in der aufsteigenden, absteigenden und Seiten- 
linie in Betracht kam, dieser aber auch voll und allseitig. Teils 
diese von der kirchlichen weit abstehende Begrenzung der Ver- 
schwägerung, teils die durchaus nationale Terminologie für dieselbe 
und zumal die mehrfach bemerkbare Abtrennung der Stiefverwandt- 
schaft von der Verschwägerung im engeren Sinne, lassen aber darauf 
schließen, daß diese von jeher im altnordischen Rechte ihre Rolle 
gespielt haben werde und nicht erst durch kirchlichen Einfluß in 
dieses eingedrungen sei. Von den späteren Gesetzbüchern steht 
aber die Järnsiöa noch wesentlich auf der Grundlage des älteren 
Rechtes, und insbesondere folgt dieselbe bezüglich der blutigen Rache 
wegen der geschlechtlichen Kränkung von Weibern den GpL.,*) be- 
züglich der Verfolgung von Totschlägern den FrpL.,^ bezüglich der 
Zeugnisfähigkeit wieder den GpL.;^) ganz anders steht die Sache 
dagegen bei dem gemeinen Landrechte und den ihm folgenden 



Personen auch unfähig, Zeugnis für ihren Angehörigen ru leisten, sofemc sie nicht 
etwa mit beiden Streitteilen gleichnahe verwandt sind. 

1) Fr^L. IV, 9. 2) G^L. 160. 

») BjarkK. II. 18 und III, 84. *) Frl)L. IV, 39, 

'') BfL. II, 15. 

®) Järns., Mannh. 10; vgl. G^L. 160. 

') ang. O., 13; vgl, Fr^L. IV, 9. ®) Kaupab. 2; vgl. GJjL, 59. 



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§ 7« Die verwandtscbaAsähnlicben Verbältoissc. ige 

Quellen. Bezüglich der geschlechtlichen Kränkung von Weibern 
gehören die Verschwägerten nach ihnen nicht mehr zu den privi- 
legierten Personen, welche das an die Stelle der Rache getretene 
Wergeid zu beziehen haben ; ^) dagegen sind nunmehr von der Ver- 
pflichtung, den Totschläger zu verfolgen, die Verschwägerten gleich 
den Verwandten befreit bis zum vierten gleichen Grade einschließ- 
lich ; *) bis zu demselben Grade erstreckt sich ferner bei beiden ganz 
gleichmäßig die Unfähigkeit zum Zeugnisse,*) und nicht minder auch 
die Rekusabilität als Richter in Stammgutssachen.*) Anderweitige 
auf die Verschwägerung bezügliche Bestimmungen weiß ich in den 
späteren Gesetzbüchern nicht nachzuweisen; die angeführten aber 
genügen, um zu beweisen, daß des K. Magnus lagaboetir gemeines 
Landrecht ebenso wie dessen Stadtrecht und die Jönsbök die kirchen- 
rechtliche Ausdehnung der Schwägerschaft auch für das weltliche 
Recht rezipiert haben, soweit nicht etwa das Bestreben, die Blut- 
rache und was mit ihr zusammenhing in möglichst enge Schranken 
zu verweisen, eine völlige Streichung ihrer Rechte zur Folge hatte. 
2. Die Gevatterschaft.*) Die technische Bezeichnung der 
Gevatterschaft im isländischen Rechte sowohl als im norwegischen 
lautet guösifjar, und als guösifi mögen Gevattern beiderlei Ge- 
schlechts, als guösifja die Gevatterin bezeichnet werden. Der Aus- 
druck ist zweifellos aus dem ags. Rechte entlehnt, welches neben 
den Bezeichnungen godfasder, godsunu auch die Bezeichnung godsibb 
kennt, die sich im engl, gossip erhalten hat In der ags. Sprache 
erklärt sich der Ausdruck denn auch sehr gut, da diese, anders als 
das Altnordische, das Wort Sippe als Bezeichnung der Blutsfreund- 
schaft, nicht der Schwägerschaft gebraucht, so daß ihr godsibb die 
wörtliche Übersetzung der „cognatio spiritualis" des kanonischen 
Rechtes wird. Es führen aber zunächst die GpL. sehr verschiedene 
Arten der Gevatterschaft auf/) je nachdem dieselbe durch die Hal- 
tung eines anderen unter die Kreuzesbezeicbnung (die prfmsigning, 
d. h. prima signatio) oder unter die Taufe, durch das Ausziehen der 
weißen Gewänder nach der Taufe, das Halten unter des Bischofs 
Hand bei der Firmung, die Lösung der Firmbinde, oder endlich durch 

*) Lands 1., Mannbelgi, 5; BjarkR. 4; Jönsbök, 2 fin. 
«) Landsl., Mannhelgi, 8; BjarkR. 8; Jönsbök, 7. 
') LandsL, Kaupab. 2; BjarkR. 3; Jönsbök, 2. 
*) Landsl., ÖöalsbrigÖi, 8. 

*) ^g^ J^^*^ Olafs son, Diatribe historica ecclcsiastica de cognatione spirituali, 
Hafni« 1771, [sowie diese Ausgabe II, S. 434— 47I **) G^L. 26. 



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lg6 '^^^^ I* ^ic äußere Elrscheinuog der Verwandtschaft 

die Kirchführung einer Wöchnerin begründet wurde; sie bemerken 
ferner dabei, daß nur in dem zuletzt genannten Falle die Gevatter- 
schaft sich auf die Person der Kirchgängerin beschränke, wogegen 
sie in den fünf anderen Fällen wie dem Kinde, so auch dessen 
Eltern gegenüber bestehe. Dieselben Bestimmungen kehren ganz 
gleichmäßig auch in den FrI)L. wieder, ^) jedoch mit der Einschrän- 
kung, daß diese den letzten der sechs Fälle unerwähnt lassen, und 
in dieser Gestalt sind dieselben auch in das sogenannte Christen- 
recht des K. Sverrir übergegangen. *) Das Recht von Vfkin dagegen 
kennt nur drei Fälle der Gevatterschaft, nämlich die durch das 
Halten unter die primsignfng, unter die Taufe und unter die Firmung 
entstehende, ^) und es spricht sich darüber nicht aus, wie vielen Per- 
sonen gegenüber in jedem dieser Fälle eine solche bestehe. End- 
lich das Recht der Hochlande kommt an zwei ganz verschiedenen 
Stellen auf die Gevatterschaft zu sprechen. An der ersteren, welche 
von den Eheverboten handelt, erklärt dasselbe in aller Kürze,*) 
daß diese sich auf alle Gevatterinnen beziehen, mit einziger Aus- 
nahme der Frau, welche man bei ihrer Kirchführung geleitet, „|)vi 
at j)at er ekki nema kosgirni ein", was doch wohl zu übersetzen 
sein wird: „weil es sich dabei nur um einen Akt der Eitelkeit 
handelt". An einer zweiten, vom Inceste handelnden Stelle setzt 
aber dasselbe Rechtsbuch weiterhin auseinander,*) daß durch die 
Taufe eine geistliche Verwandtschaft nicht nur zwischen dem Täuf- 
linge einerseits und dem taufenden Priester und den Taufpaten 
andererseits entstehe, sondern auch zwischen dem Taufenden einer- 
seits und den Taufpaten sowie den Eltern des Täuflinges anderer- 
seits, endlich auch noch zwischen dem Täuflinge einerseits und den 
leiblichen Kindern des Taufenden und der Taufpaten andererseits, 
weshalb der Priester zu allen Kindern, die er getauft habe, und deren 
Eltern in geistlicher Verwandtschaft stehe, und des Priesters Kind 
mit keiner der Personen, welche jener getauft habe, sich geschlecht- 
lich vereinigen dürfe; ja sogar zwischen dem Täuflinge und dessen 
Eltern einerseits und dem Ehegatten des Taufpaten andererseits soll 
geistliche Verwandtschaft entstehen, wenn auch dieser Ehegatte 
selber bei der Patenschaft gar nicht beteiligt gewesen war. Man 



») FrI)L. III, 8. 

«) Sverris KrR. 62. »j B^L. I, 15; III, 6. 

*) E^L. I, 30; noch kürzer II, 26. 

*) ebenda, I, 53; II, 43. 



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§ 7. Die verwandtschaftsäbnlichen Verhiltnissc. l8r 

möchte annehmen, daß die erstere Stelle, gleichwie sie die Ent- 
stehung einer Gevatterschaft aus Anlaß der Kirchführung ausdrück- 
lich verwirft, während die FrpL. solche stillschweigend fallen lassen, 
auch in Bezug auf die von ihr als gültig anerkannten Entstehungs- 
arten der Gevatterschaft demselben Rechtsbuche folgen, und somit 
die obigen fünf Fälle stillschweigend sanktionieren wollte; ob aber 
die Bestimmungen, welche die zweite Stelle über die Ausdehnung 
der gelegentlich der Taufe entstehenden geistlichen Verwandtschaft 
auch auf alle vier anderen Fälle Anwendung finden sollten oder 
nicht, muß dahingestellt bleiben. In ganz ähnlicher Weise bezeichnet 
auch das ältere isländische Recht einerseits das Halten unter die 
primsigning, unter die Taufe, oder unter die Firmung, und anderer- 
seits die Erteilung der Taufe als den Entstehungsgrund der geist- 
lichen Ven\'andtschaft, deren Ausdehnung jedoch auch auf diejenigen 
sich erstrecken soll, welche den Kindern des anderen Teiles einen 
derartigen Dienst erwiesen haben. ^) In den späteren Christenrechten 
aber tritt zunächst dieselbe Bestimmung wieder auf, welche die EI)L. 
an der zweiten der oben angeführten Stellen gibt, jedoch teilweise 
in etwas verstümmelter oder der Wortfassung nach veränderter Ge- 
stalt;^} dabei fügt aber das Christenrecht des Erzbischofes Jon und 
Bischofes Ami, sowie eine Hs. des jüngeren BpKrR. ausdrücklich 
bei, daß dieselben Sätze, welche von der durch die Taufe begründeten 
geistlichen Verwandtschaft galten, auch auf die durch die Firmung 
begründete Anwendung finden sollen. Sucht man nun aber in diese 
verschiedenen Angaben einigen geschichtlichen Zusammenhang zu 
bringen, so wird man wohl zunächst die Entstehung einer geistlichen 
Verwandtschaft aus Anlaß der primsigning, Taufe und Firmung als 
alt und ursprünglich betrachten dürfen. Die sämtlichen älteren 
Christenrechte, welche sich überhaupt auf eine Aufzählung der ver- 
schiedenen Entstehungsarten der guösifjar einlassen, nennen diese 
drei Fälle, und wenn in den späteren Christenrechten zwar nur noch 
Taufe und Firmung berücksichtigt werden, so mag sich dies daraus 
erklären, daß die primsigning in der späteren Zeit zumeist mit der 
Taufe zusammenzufallen pflegte; überdies steht fest, daß selbst das 
kanonische Recht sie ebensogut wie die Taufe geistlicher Verwandt- 

') Konüngsbok, 144/31; StaÖarhölsbö k, 121157 — 8; vgl. auch Skal- 
holtsbük, 2/6. 

*} Am korrektesten im neueren G{)KrR. 32; minder gut und in einer Hs. 
^ehr abweichend im neueren BI)KrR. 23; besser wieder in Jons KrR. 50 und 
Arna bps. KrR. 21. 



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l88 Teil l. Die äuficre Erscheinung der Verwandtschaft 

Schaft entstehen ließ.') Schwerer ist es, bezüglich der übrigen drei 
in den GI)L. genannten Fälle ins Klare zu kommen. Bezüglich keines 
derselben läßt sich, soviel ich sehen kann, im gemeinen kanonischen 
Rechte ein Anhaltspunkt finden, und ebenso kennen die späteren 
Christenrechte keinen dieser Fälle; aber auch die alten BpL. kennen 
dieselben nicht, und die EI)L. und FrI)L. verwerfen wenigstens einen 
der drei Fälle. Da dürfte denn kaum etwas Anderes übrig bleiben 
als die Annahme, daß wir es hier mit einer nur vorübergehenden, 
und vielleicht sogar nur lokalen reicheren Ausgestaltung der ursprüng- 
lichen drei Fälle zu tun haben, die geschichtlich ganz isoliert steht, 
und somit auch keinen Wert hat Dagegen scheint jene andere, 
weitläufige Bestimmung über die Ausdehnung der durch die Taufe 
begründeten geistlichen Verwandtschaft mit dem Entwicklungsgange 
des gemeinen kanonischen Rechtes in Verbindung zu stehen, welches 
gerade in der zweiten Hälfte des 12. und im 13. Jahrhunderte einen 
erheblichen Aufschwung der geistlichen Verwandtschaft in der an- 
gegebenen Richtung zeigt In die EI)L. freilich scheint die Be- 
stimmung erst hinterher Aufnahme gefunden zu haben, wie sie denn 
auch an deren äußerstem Ende zu stehen gekommen ist. — Die 
Gevatterschaft kommt übrigens in den älteren sowohl als jüngeren 
norwegischen Rechtsquellen lediglich gelegentlich der verbotenen 
Verwandtschaftsgrade zur Sprache, möge es sich nun dabei um die 
Lehre von den Ehehindernissen handeln oder. um die Strafe des In- 
cestes; die FrpL. sowohl als das Christenrecht des Erzbischofes Jon 
erklären das zwischen dem Täuflinge und dem Taufpaten selbst 
geknüpfte Band für so eng,-) daß dessen Verletzung durch Incest zu 
den bußlosen Taten gerechnet wird. Wenn hiemach in den älteren 
sowohl als jüngeren norwegischen Rechts- und Gesetzbüchern von 
einem Herüberwirken der geistlichen Verwandtschaft auf das Gebiet 
des weltlichen Rechts keine Spur zu entdecken ist, steht die Sache 
hinsichtlich des älteren isländischen Rechtes allerdings etwas anders. 
Auch hier ist es nämlich wohl zunächst die Lehre von den ver- 
botenen Verwandtschaftsgraden, für welche die Gevatterschaft in Be- 
tracht kommt; aber daneben gilt doch der nächste Grad der Ge- 
vatterschaft auch als Rekusationsgrund dem Richteramte sowohl als 
dem Geschworenendienste gegenüber, soferne Leute, die einander 



*)cap. 5 X, de cognatione spirituali (IV, ii), von P. Clemens HI. 
(1 187— 91). 

*) FrjjL. III, 3; KrR. Jons, 49. 



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§ 7- Die verwandtschaftsähDiichen Verhältnisse. ign 

gelegentlich der primsignfng, Taufe oder Firmung Patendienst ge- 
leistet haben, ab rekusabel gelten. ^) Eine unserer Geschichtsquellen 
bietet wirklich einen Beleg für die Rekusation eines Geschworenen 
wegen geistlicher Verwandtschaft;*) viel Wert möchte ich indessen 
dieser ganz isoliert stehenden Berücksichtigung der guösifjar im 
weltlichen Rechte nicht beilegen. Wir wissen ja aus geschichtlichen 
Quellen, daß die Patenschaft allerdings nach der allgemeinen Auf- 
fassung der Zeit eine engere persönliche Verbindung unter den Be- 
teiligten knüpfte, welche bei deren gegenseitigem Verhalten respektiert 
werden mußte. Wir erfahren z. B., daß Hallfreör vandraeöaskäld 
sich nur unter der Bedingung zum Empfange der Taufe verstehen 
wollte, daß K. Ölafr Tryggvason selbst bei ihm die Patenstelle ver- 
trete, und daß er in seinen Liedern oft genug dieses seines vor- 
nehmen Paten sich rühmte ; wir wissen aber auch, daß gerade diese 
Patenschaft dem heißblütigen Dichter das Leben rettete, als ihn der 
König wegen eines an seinem Hofe begangenen Totschlages töten 
lassen wollte.^) Wir erfahren ferner, daß Ragnhildr, des Erlfngr 
Skjälgsson Tochter und des porbergr Arnason Frau, den Isländer 
Steinn Skaptason auf alle Gefahr hin gegen des heil. Olafr Rache in 
Schutz nimmt, weil er ihre Tochter über die Taufe gehalten hatte,*) 
und wie noch in späterer Zeit der junge Sveinn Sturluson sich 
weigert, den Priester Erlendr umzubringen, wie ihn sein Vater hieß, 
weil er meinte : „|)at hefir ekki, |)vf hann er skirifaöir minn". *) Nun 
begreift sich, daß einer solchen Auffassung der Gevatterschaft gegen- 
über das Recht der Überzeugung sich nicht verschließen konnte, 
daß dieselbe jene volle Unparteilichkeit zu trüben imstande sei, welche 
das Richteramt und der Geschworenendienst erforderte, und daß es 
somit recht wohl Gevattersleute für rekusabel ganz ebenso erklären 
konnte, wie es dies umgekehrt bei Feinden (sökunautar) der Parteien 
tat; eine Anerkennung der Gevatterschaft als einer verwandtschaft- 
lichen Verbindung ist aber damit noch nicht ausgesprochen, und 
zum Genüsse irgendwelcher verwandtschaftlicher Rechte oder zur 
Übernahme irgendwelcher verwandtschaftlicher Pflichten werden nach 
isländischem Rechte die Gevattersleute keineswegs herangezogen. 



*) Konüngsbök, 25/47 und 48; 35/62; 89/158; StaÖarhölsbö k, 286/318. 
«) Njäla. 143/235- 

•) HallfreOar s. vandraeÖaskalds, 6/96; FMS. II, 174/55—56; Flbk. 
'» 273/328. 

*) Hcimskr. Olafs s. helga, 148/393 u. dgl. m. 
*) Sturlünga, III, 15/57. 



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igO Teil 1. Die äuflere Erscheinung der Verwandtscbafl. 

Ist aber hiernach der Einfluß der geistlichen Verwandtschaft ledig- 
lich auf das mehr oder minder von der Kirche beherrschte Gebiet 
der verbotenen Verwandtschaftsgrade beschränkt, so werden wir 
auch nicht irre gehen, wenn wir deren Einführung in das altnordi- 
sche Recht lediglich auf die Kirche zurückführen. Allerdings darf 
nicht unerwähnt bleiben, daß vereinzelte Spuren schon auf das Vor- 
kommen eines ähnlichen Verhältnisses im Heidentum hinzudeuten 
scheinen. Bei dem Kampfe des Helgi Droplaugarson mit Helgi 
Asbjarnarson ist özurr von As anwesend, ohne doch gegen den 
ersteren kämpfen zu wollen,') obwohl er mit dem letzteren verschwägert 
ist, ^) und Helgi Droplaugarson selbst erklärt, ihm gegenüber sich 
nicht vorsehen zu wollen : „jjvi at |)ü jöst mik vatni". *) Der Vorfall 
gehört dem Schlüsse des lo. Jahrhunderts, also dem Ende der heid- 
nischen Zeit an, und der gebrauchte Ausdruck weist auf die im 
Heidentume übliche Wasserweihe und nicht auf die christliche Taufe 
hin, wie denn auch der erschlagene Helgi nach heidnischem Brauche 
in den Hügel gelegt wird. So wird ferner auch das Bestehen einer 
engeren Verbindung zwischen Hrani viöförli und dem heil Ölafr 
angedeutet, welcher diesen mit Wasser begossen und hinterher auf- 
erzogen hatte;*) aber wenn zwar derartige Berichte die Vermutung 
begründen könnten, daß schon im Heidentume die Vornahme der 
Wasserweihe eine engere Beziehung zwischen dem Kinde und dem 
sie Vornehmenden geknüpft habe, so steht doch einem solchen 
Schlüsse der Verdacht im Wege, daß solche ganz vereinzelt stehende 
Angaben die Anschauungen der späteren, christlichen Zeit einfach 
in die ältere, heidnische zurückgetragen haben, oder daß dieselben 
doch lediglich für die letzten Zeiten des erlöschenden Heidentumes 
Geltung gehabt haben möchten, in welchen christlicher Brauch sich 
bereits mit dem heidnischen mischte. 

3. Die Pflegeverwandtschaft Wenn wir in der Gevatter- 
schaft ein nicht nationales, vielmehr erst durch die christliche Kirche 
eingeführtes, und auch in seinen Wirkungen nahezu ganz auf das 
kirchliche Gebiet beschränktes Institut zu erkennen hatten, so dürfte 
die Pflegeverwandtschaft umgekehrt als ein durchaus nationales, der 



*) Droplaugarsona s., S. 23. 

*) ebenda, S. 8. ») ebenda, S. 25. 

*) Legendarische Olafs s. ens hclga, 4/3-4; Heimskr. Olafs s. 
Tryggvasonar, 49/163 und Olafs s. helga, 1/218; ed. Munch und üngcr, 
18/14-15; FMS. IV, 18/32 und 20/35; Flbkll, 8/10 und 15/14. Auch die Fagrsk. 
86/70 und 87/72 nennt den Hrani Olafs fösirfaÖir. 



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§ 7- I^ic verwandtscbaftsähnlicbcn Verhältnisse. IqI 

ältesten Vorzeit angehöriges, aber dafür auch schon frühzeitig im 
Absterben begriffenes Verhältnis zu betrachten sein. Man spricht 
aber sowohl von einem Pflegevater (föstrfaöir, föstri), und einer 
Pflegemutter (föstrmööir, föstra) gegenüber einem Pflegesohne 
(föstrsonr, föstri) oder einer Pflegetochter (föstrdöttir, föstra), 
als auch von Pflegebrüdem (föstrbroeör) oder Pflegeschwestem 
(föstrsystr). und zwar dieses wie jenes nicht immer in ganz dem- 
selben Sinne. Nach altem Brauche gab man die eigenen Kinder 
gern zur Erziehung außer Haus, zumal an treue Freunde und An- 
hänger der Familie, und galt die Übernahme einer Pflegschaft dieser 
Art stets als ein Bekenntnis, dem leiblichen Vater des Kindes gegen- 
über der geringere Mann zu sein ; ') andere Male dagegen ließ man 
auch wohl das Kind zwar im eigenen Hause erziehen, gab ihm aber 
doch aus der Zahl der untergeordneten, ja allenfalls sogar unfreien 
Hausangehörigen einen Erzieher oder eine Erzieherin bei. Auf beide 
Fälle der Pflegschaft wurde die oben bezeichnete Terminologie ganz 
gleichmäßig angewandt; aber nur auf die erste Art der Pflegschaft 
scheinen sich die rechtlichen Wirkungen zu beziehen, welche hin 
und wieder an diese geknüpft erscheinen. Es scheint aber bei dieser 
hier allein in Betracht kommenden Art der Pflegschaft ursprünglich 
eine förmliche Annahme des Pflegekindes üblich gewesen zu sein, 
und das Setzen des Kindes auf das Knie als solche gedient zu haben 
(setja 1 kne oder ä kne; knesetja), weshalb denn auch der 
Pflegesohn ebensogut als Kniesetzling (knesetningr) bezeichnet 
werden konnte.') Das isländische Recht regelt nun zunächst 
die vermögensrechtliche Seite des Vertrages, und erörtert die Vor- 
aussetzungen, unter welchen derselbe einseitig aufgehoben werden 
kann, sowie die Folgen dieser einseitigen Aufhebung. *) Es läßt 
ferner neben dem Sohne, Stiefsohne und Schwiegersohne auch den 
Pflegesohn den Dingbesuch für einen Banern übernehmen, welcher 
selber nicht imstande ist, zum Dinge zu kommen;*) auch zählt es 

*) Hölmvcrja s., 9/23; Laxdoela, 27/108; Heimskr. Haralds s. här- 
fagra, 42/79—80; Morkinsk., S. 2 und FMS. VI, 1/4— 5 usw. Vgl. übrigens 
Klland, Familielivet pä Island (Aarb0ger for nordisk Oldkyndlghed og Historie, 
1870), S. 279—82. 

*) vgl. Heimskr. Haralds s. hdrfagra, 42/79 — 80 mit der Fagrsk. 21/13; 
FMS. I, 8,16; Flbk. I, 94; ferner Heimskr. Häkonar s. göÖa, 10/89 und 
Olafs $. Tryggvasonar, 10/133 mit der Fagrsk. 28/18, FMS. I, 19/30 und 
50/85, Flbk. I, 18/54 und 57/83. 

') Konüngsbök, 141/22; StaÖarhölsb6k, 103/133 — 4. 

*) Konüngsbök, 89/160; StaÖarhölsbök, 289/322. 



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IQ2 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

die Pflegemutter sowohl als die Pflegetochter zu den Weibern, deren 
geschlechtliche Kränkung den Mann zur sofortigen blutigen Rache 
berechtigt. *) Aber jene ersteren Regeln halten sich ganz im Rahmen 
eines kontraktlichen Verhältnisses, und die beiden letzteren Be- 
stimmungen wollen möglicherweise auch nur die eigentümlich ge- 
staltete häusliche Gemeinschaft zur Anerkennung bringen, welche den 
Pflegesohn ebensogut wie den Stiefsohn oder Schwiegersohn mit 
dem Hausvater und der Hausmutter verband; von einer sonstigen 
Heranziehung aber des ersteren zu verwandtschaftlichen Rechten und 
Pflichten vermag ich im isländischen Rechte keine unzweideutigen 
Spuren zu entdecken. Doch darf nicht unbemerkt bleiben, daß die 
Geschichtsquellen nicht nur sehr zahlreiche und schlagende Belege 
dafür bieten, daß die Verbindung der Pflegeeltern mit ihren Pflege- 
kindern als eine überaus enge angesehen wurde, und daß der leib- 
liche Vater dieser letzteren, was auch die Rechtsquellen voraussetzen,') 
als moralisch verpflichtet galt, dem Pflegevater unter allen Umständen 
seinen Schutz angedeihen zu lassen,') sondern daß sie auch zeigen, 
wie durch besonderen Vertrag neben den in den Rechtsbüchem 
vorgesehenen Wirkungen des Pflegeverbandes noch ganz andere 
Folgen an diesen geknüpft werden konnten. Wenn z. B. der alte 
I)örör goddi den Olafr pä, des Höskuldr DalakoUsson Sohn, zur Pflege 
übernimmt, sichert er ihm zugleich die Erbfolge in sein gesamtes 
Vermögen zu,*) was er kann, weil er keine geborene Erben im 
Lande hat; wenn ferner Hcensna-pörir des Amgrimr goöi Sohn als 
Pflegesohn annimmt, sichert er ihm die Hälfte seines Gutes zu,*) 
und Hallvarör, des Vigfüss Vigaglümsson Pflegevater, überträgt diesem 
ebenfalls durch handsöl den Anspruch auf sein Vermögen ;•) Ketill 
von Mörk aber muß sich, als er seinen Neffen Höskuldr als Pflegesohn 
übernimmt, dazu verpflichten, ihn nicht nur bestens zu halten, bis er 
erw^achsen sei, sondern ihn auch auszusteuern, wenn er heirate, und ihn 
zu rächen, wenn er erschlagen werde.') Durch Vertrag also konnte 
das Verhältnis sehr verwandtschaftsähnlich gestaltet werden, und ich 
möchte um so mehr annehmen, daß dasselbe in der Vorzeit schon 
von Rechts wegen eine derartige Ausprägung gehabt haben werde, 



*) Konüngsbök, 90/164; StaÖarhölsbök, 293/331. 

*) Konüngsbök, 141/22; StaÖarhölsbök, 103/134. 

*) Ein auffälliges Beispiel bietet die Vigaglüms s., 17 — 18/364—65. 

*) Laxdoela, 16/50—52. 

'^) Hoensna})öris s., 2/125. ®) Vigaglüms s., 17/364. 

') Njala, 94/146. 



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§ 7* I^ic verwandtscbafUähnlicben Verhältnisse. |q^ 

da auch das isländische Sprichwort: „fjöröüngi bregör til föstrs"^) 
zeigt, wie tiefgewurzelt die Überzeugung war, daß gerade dieses 
Verhältnis ein ganz besonders enges und tiefgehendes sei. Bestätigt 
wird aber diese Vermutung dadurch, daß auch das norwegische 
Recht eine Reihe sehr altertümlicher Bestimmungen über den 
Pflegeverband bietet, welche ebenfalls ganz den Eindruck vereinzelt 
stehengebliebener Überreste einer ursprünghch viel weiter reichenden 
Ausprägung desselben machen. Nach den FrI)L. sollen „bamföstrar'' 
eines Mannes ebensowenig im Gerichte sitzen als dessen bauggildis- 
menn oder nefgildismenn, nämägar oder |)yrmslumenn.^) Nach dem- 
selben Rechtsbuche wird femer die Vergabung, welche man dem 
eigenen föstri, d. h. Pflegesohne zuwendet, ganz in demselben Um- 
fange ohne Rücksicht auf die mangelnde Zustimmung des geborenen 
Erben aufrecht erhalten, in welchem dies bezüglich der Vergabung 
an den |)yborinn sonr der Fall ist, *) und daraus, daß im engsten 
Anschlüsse an diese Zuwendungen auch von den Seelgaben ge- 
sprochen wird, wie sie auf Grund eines Gesetzes aus dem Jahre 
II 52 als tiundargjöf und fjöröüngsgjöf gestattet waren,*) darf man 
natürlich nicht schließen, daß auch jene ersteren erst in diesem 
Jahre aufgekommen seien. In den GpL. aber wird neben der Ver- 
gabung an den ()yborinn sonr und an andere unechte Kinder, dann 
den Vergabungen des Königs und an den König, endlich den Frei- 
lassungen und den leysingsaurar nicht nur ebenfalls wieder die „tiund" 
genannt, worunter doch nur der Hauptzehnt, wie er vor dem Jahre 
1152 bestand, verstanden werden kann, sondern auch noch die „barn- 
föstrslaun", d. h. der für die Pflege eines Kindes gegebene Lohn,*) 
und sollen alle diese Vergabungen ganz gleichermaßen unanfechtbar 
sein. Nach einer anderen Stelle desselben Rechtsbuches soll ferner 
Land, welches als „barnföstrlaun" gegeben ist, ganz ebensogut als 
ööal oder Stammgut gelten, wie wenn es von den Voreltern her 
ererbt, oder als „branderfö" genommen, als „mannsgjöld" an Zahlungs- 
statt empfangen, gegen ööal eingetauscht, oder vom Könige als 
>,heiöfe*', d. h. ab Lohn für geleisteten Gefolgsdienst, oder als „drekku- 
laun", d. h. Trinklohn, vom Könige gegeben worden wäre.®) Man 
sieht, die Pflegschaft wird hier wie dort als ein verwandtschafts- 



») NjdU, 42/64. 2) FrI>L. X, 14. 

») ebenda. IX, 17. *) ebenda, 18. «^j G^L. 129. 

•) ebenda, 270. Die föstriaun, welche ebenda, 66 und 129 erwähnt werden, 
.gehören nicht hierher, da es sich dabei um einfachen Ersatz von Alimentationskosten 
handelt 

Maurer, Venrandtschafts« und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 13 



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ig^ Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft 

ähnliches Verhältnis betrachtet, und gilt eben darum alles, was aus 
Anlaß derselben gegeben oder empfangen wird, als auf einen fa- 
milienrechtlichen Titel hin gegeben und genommen ; daß aber diese 
Auffassung des Verhältnisses eine wirklich altertümliche sei, dürfte 
dyrch die Vergleichung des ags. Rechtes eine sehr auffällige Bestä- 
tigung finden. Gleichwie nämlich in diesem die Gabe des Königs 
samt dem rätselhaften Trinklohne als „hlafordes gifu" und „drinclein" 
sich unter den Leistungen genannt finden, welche unter allen Um- 
ständen gültig bleiben sollen, ^) tritt in einer anderen Rechtsauf- 
zeichnung, welche jedenfalls spätestens dem lo. Jahrhundert ange- 
hört, ^) das „fosterlean" auf, und zwar als eine Zahlung, welche der 
Bräutigam bei der Verlobung zu versprechen und für deren Ent- 
richtung er zugleich Bürgschaft zu bestellen hat Es wird diese 
Zahlung hiernach doch wohl mit der „gift" einer zweiten ^ und dem 
„ceäp" einer dritten Stelle*) identisch sein, und wird in ihr jener 
Betrag zu erkennen sein, welchen andere Rechte unter dem Namen 
des mundr oder mundium, der vingjaef oder des faestna)}a fae kennen, 
und welcher, ursprünglich wenigstens, als eine für die Verlobung 
dem Geschlechtsvormunde der Braut zu entrichtende Zahlung er- 
schien. Man wird doch wohl aus der gebrauchten Bezeichnung 
schließen dürfen, daß diese Zahlung in England an denjenigen ging, 
der die Braut erzogen hatte, und somit an den Pflegevater, wenn 
dieser etwa auch eine ganz andere Person war als der Vater oder 
der sonstige nächste Verwandte der Braut; unter solcher Voraus- 
setzung wird dieser Pflegevater aber doch wohl auch an der Ge- 
schlechtsvormundschaft über seine Pflegetochter beteiligt gewesen 
sein, was wieder vortrefflich zu der Tatsache stimmt, daß das ältere 
isländische Recht diesen auch zur Übung der Rache wegen ge- 
schlechtlicher Kränkung seiner föstra berechtigt erklärt An der 
einzigen weiteren Stelle freilich, an welcher meines Wissens das 
Wort fosterleän in ags. Quellen nachgewiesen worden ist, *) bedeutet 
dasselbe „merces nutritionis" nur in figürlichem Sinne, soferne es für 
den Lohn gebraucht steht, welchen die Jungfrau Maria für die Ge- 
burt Christi erhielt ; eine derartige Verwendung des Ausdruckes kann 

*) Cnüt, II, 8i; Northumbrisches Privatgesetz, 67/1 ; die hlafordes 
gifu auch schon i^^Öelraed, III, 3. 

-) Be wifmannes beweddunge, 2. 

^) Ina, 31. *) .'EÖelbirht, 77. 

*) Menologium, 152; angeführt bei Grein, II, S. 4; ebenso Borworth- 
Toller. 



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§ 7- Die verwand tschaflsähnlicben Verbältnisse. ige 

aber natürlich zur Aufhellung des juristischen Sprachgebrauches in 
Bezug auf denselben nicht benützt werden. — Eine weitere Bestäti- 
gung der im Obigen vertretenen Auffassung des pflegeväterlichen 
Verhältnisses scheint mir aber in den Angaben der Quellen über 
diePflegebrüderschaft zu liegen. ^) Der Ausdruck föstbrööir 
bezeichnet aber in den norwegisch-isländischen Geschichtsquellen 
zwar noch oft genug den Pflegebruder; aber noch häufiger fast wird 
derselbe auf Leute angewandt, welche mittels eines in bestimmten 
Formen abgeschlossenen Vertrages unter sich gegenseitige Brüder- 
schaft eingegangen hatten. Man stach drei Rasenstreifen, manchmal 
auch nur einen einzigen, in der Art aus, daß sie sich in die Höhe 
heben ließen, während sie doch zugleich mit ihren beiderseitigen 
Enden mit der Erde verbunden blieben. Man stützte dieselben sodann 
mit Speeren so, daß sie reichlich in Mannshöhe aufgerichtet stehen 
blieben, und ließ sodann die Personen, welche sich miteinander ver- 
brüdern wollten, unter denselben durchgehen. Außerdem hatte jeder 
von diesen sich, etwa in der flachen Hand, blutig zu ritzen ; das herab- 
tröpfelnde Blut ließ man in die durch das Ausstechen des Rasens 
entstandenen Gruben rinnen und rührte es hier mit der Erde durch- 
einander. Die Männer aber reichten sich die Hände, fielen auf die 
Knie nieder und schworen unter Anrufung der Götter, daß sie, 
wenn einer unter ihnen erschlagen werden sollte, umeinander Rache 
üben wollten wie um leibliche Brüder, So der Bericht der Quellen, 
der freilich selbst in Bezug auf die Formalien des Aktes manches 
unaufgeklärt läßt.^) Ich habe bereits an einem anderen Orte darauf 
aufmerksam gemacht, ^) daß der Gang unter den Rasenstreifen auch 
als Bestätigungsmittel gelegentlich einer Zeugenaussage, *) dann ge- 
legentlich eines Vergleichsabschlusses ^) angewandt wird, und daraus 
den Schluß gezogen, daß derselbe lediglich als ein Verstärkungs- 
mittel eines, gleichviel ob assertorischen oder promissorischen, Eides 
zu betrachten sei, indem der Glaube herrschte, daß die Rasenstreifen 



*) vgl. Kälund, ang. O., S. 290 — 93; dann Pappenheim, Die altdänischen 
Schutzgildcn, S. 18—54, dessen Ergebnisse mir aber unannehmbar scheinen. 

*) vgl. zumal die Gisla s. Sdrssonar, S. ii und die FöstbroeÖra s., 2/6; 
ferner Flbk. I, 415/525 (Orms J). Störölfssonar), und von den erdichteten Sagen die 
t>orsteins s. Vikingssonar, 21/445. 

^ Das Gottesiuteil im altnordischen Rechte, in der Germania, XIX, S. 145 
—48, wo man auch die ältere Literatur angeführt findet. 

*) Laxdoela, 28/58—60. 

*) Vatnsdoela, 33/53; Landndma, III, 4/181 (Melabök). 

13* 

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Iq5 Tq^I I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

auf den unter ihnen Durchgehenden fallen würden, wenn sein Eid 
nicht rein sei ; von hier aus ergibt sich dann aber, daß der Eid ge- 
schworen worden sein muß, ehe der Gang unter den Rasen erfolgte, 
nicht erst nach diesem letzteren. Ältere Lieder und Sagen gedenken 
ferner nicht nur der Mischung des Blutes bei der Eingehung der 
Bundbrüderschaft, ^) sondern sie sagen auch ausdrücklich, daß diese 
Mischung des Blutes in der Fußspur der angehenden Bundbrüder 
erfolgt sei, ^) womit zugleich eine Unklarheit in den oben angeführten 
Berichten aufgehellt und der Akt näher an die bei der settleiöing 
beobachteten Gebräuche herangerückt wird. In anderweitigen Quellen 
wird femer auch wohl angedeutet, daß neben der Verpflichtung zur 
gegenseitigen Blutrache auch die Eingehung einer Gemeinschaft aller 
Güter ^) und die Verpflichtung, für die Beerdigung des vorverster- 
benden Bundbruders zu sorgen, ^) an die Eingehung der Bundbrüder- 
schaft sich knüpfte; in der christlichen Zeit aber, in welcher das 
Institut sich forterhielt, obwohl es gelegentlich als ein halbwegs 
heidnischer Brauch angesehen wurde, *) traf man umgekehrt bei der 
Eingehung des Verbandes auch wohl die Abrede, daß es erlaubt 
sein sollte, anstatt der wirklichen Ausübung der Blutrache sich mit 
der Landesverweisung des Gegners oder der Zahlung eines Wergeides 
durch denselben zu begnügen, ®) und so mochte jetzt der Ausdruck 
„sverjaz i broeöralag" unbedenklich auf die Eingehung eines Erb- 
vertrages unter K. Magnus gööi von Norwegen und K. Höröaknütr 
von Dänemark angewandt werden ') (1038), bei dem doch wohl 
kaum mehr von der Einhaltung der alten Formen bei Eingehung 
der Verbindung, noch auch von der Übernahme einer Verpflichtung 
zur Blutrache die Rede sein konnte. Der Umstand, daß der frei 
eingegangene Bund vielfach als föstbroeöralag bezeichnet wird, zeigt 
unverkennbar, daß derselbe von Anfang an nur eine Nachahmung 
oder Befestigung der Verbindung gewesen sein konnte, welche unter 
Pflegebrüdern ganz von selbst bestand; es begreift sich aber auch 
recht wohl, daß man, nachdem derselbe sich zu einem eigentüm- 



*) Lokaglepsa, 9; Völsünga s., 31/204; vgl. 26/183. 

') Brot af SigurÖarkviÖa, 17; Saxo Grammaticus, I, S. 40. 

^) Gulll)öris s., 2/46; Egils s. ok Äsmundar, 6/375 — 76; Sörla j)., 
^.399» *) Kgils s. ok Äsmundar, ang. O. 

•*) vgl. FöstbrceÖra s., ang. O. 

®) Bjarnar s. Hitdcelakappa, S. 58. 

') Heimskr. Magndss s. gööa, 7/519 — 20; vgl. FMS. VI, 41/27—28 
u. dgl. m. 



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§ 7. DJe verwand Ischafttähnlichen Verhältnisse. Iqt 

liehen Institute herausgebildet hatte, farblosere oder auch eigene 
Bezeichnungen für denselben zu wählen begann, welche lediglich den 
Charakter der Verbindung als einer Brüderschaft, oder auch deren 
eidliche Eingehung betonen, ohne speziell an die Pflegebrüderschaft 
zu erinnern. War schon gelegentlich des Erbvertrages aus dem 
Jahre 1038 der Ausdruck „sverjaz 1 brceöralag" gebraucht worden, 
so kehrt derselbe um ein Jahrhundert später wieder bei Besprechung 
einer ähnlichen Verbindung, welche K. Haraldr gilli mit dem Dänen- 
könige Eirikr Eymuni einging,^) wie es scheint im Jahre 11 33;-) 
die Bundbrüder selber aber findet man jetzt wohl als svarabroeör *) 
oder eiöbroeör*) bezeichnet, und zwar letzteres noch gelegentlich 
eines Vorganges, welcher der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts an- 
gehört Nun finden wir in einer der Wergeidstafeln der GpL. neben 
dem Schwager und Schwiegersohne, dann dem Stiefvater und Stief- 
sohne auch die eiöbroeör und von ihnen gesondert die föstbroeör 
unter die sakaukar gerechnet und bei den Wergeidsbeträgen berück- 
sichtigt;*) die letzteren werden dabei durch die Worte : „foeddir upp 
saman, ok hafa drukkit bäöer spena einn" ausdrücklich als Milch- 
brüder bezeichnet, und sieht man demnach hier die auf einem Ver- 
trage beruhende Bundbrüderschaft von der auf gemeinsamer Er- 
ziehung beruhenden Pflegebrüderschaft, mit welcher sie sonst den 
Namen zu teilen pflegt, zwar sprachlich unterschieden, aber doch 
rechtlich mit ihr völlig gleich behandelt, und zwar gleich behandelt 
gerade in derselben Richtung, welche in den Greschichtsquellen stets 
als charakteristisch für die Bundbrüderschaft bezeichnet zu werden 
pflegt, nämlich in Bezug auf die Verfolgung des Totschlages. Daß 
dabei eine Beteiligung am Wergeide an die Stelle der wirklichen 
Übung der Blutrache getreten ist, kann zumal nach dem oben aus 
der Bjarnar saga Hftdoelakappa beigebrachten Belege nicht auffallen, 
und ebenso wird man sich nicht darüber verwundern können, daß 
in den späteren Gesetzbüchern aus der zweiten Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts keine Spur einer rechtlichen Berücksichtigung, sei es nun 
der eigentlichen Pflegebrüderschaft oder der künstlich eingegangenen 
Bundbrüderschaft, mehr zu finden ist, wie denn auch das pflegeelter- 
liche Verhältnis in derselben nicht mehr berücksichtigt wird. 

') Heimskr. Haralds s. gilla, 3/706; FMS. VII, 5/179; Kn^tlinga,. 
100/343. *) vgl. Munch, II, S. 726. 

*) FöstbrcBÖra s., 20/62; Kn^^tlinga, 100/343, Anm. I und 21/206; Gisla 
s. Surssonar, S. 21. 

*) Hakonar s. gamla, 58/294. *) G|>L. 239. 



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Iq3 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft 

Zum Schlüsse bemerke ich übrigens noch ausdrücklich, daß die 
Bestimmungen des älteren isländischen Rechtes über die Ansprüche, 
welche der Gesellschafter (felagi) oder Speisegenosse (mötunautr) eines 
unterwegs zu Schiffe oder auch auf Island erschlagenen oder gestor- 
benen Fremden unter Umständen auf dessen Wergeid und Erbschaft 
zu erheben hat,*) mit der Bundbrüderschaft nichts gemein haben, so- 
ferne es sich bei ihnen nur, wie bei ähnlichen Bestimmungen der 
norwegischen Rechte,^) um die Ordnung der provisorischen Auf- 
bewahrung solcher Gelder handelt, bis sich der berufene Erbe oder 
Blutkläger meldet; noch weniger finde ich aber Grund zu der von 
K. Weinhold aufgestellten Vermutung,'*) daß der G^sellschaftsvertrag 
(felag), der in unseren Rechtsquellen sowohl als Geschichtsquellen 
oft genug erwähnt wird, mit dem föstbroeöralag irgend etwas zu 
tun habe. Dieser letztere ist, ganz wie die römische societas, eine 
lediglich zu vermögensrechtlichen Zwecken eingegangene und dem- 
gemäß auch lediglich von vermögensrechtlichen Gesichtspunkten aus 
geregelte Verbindung, bei deren Begründung demgemäß auch keine 
irgendwie auf das sittliche Gebiet hinüberweisende Formen einge- 
halten werden; die Bundbrüderschaft dagegen wird, auch nachdem 
die Mischung des Blutes und der Gang unter den Rasenstreifen auf- 
gegeben wurde, doch immerhin noch eidlich eingegangen und sie 
bewahrt, auch nachdem sie ihren ursprünglichen Zusammenhang mit 
der Pflegebrüderschaft aufgegeben und ihre Beziehung zur Blutrache 
fallen gelassen hat, selbst noch in ihren letzten Ausläufern einen 
über das vermögensrechtiiche Gebiet hinausgreifenden, noch immerhin 
verwandtschaftsähnlichen Charakter, wie denn auch ihr allmähliches 
Abkommen, sowie das allmähliche Abkommen des ihr analogen 
pflegeelterlichen Verbandes im nordischen Rechte unverkennbar mit 
der sich vermindernden Bedeutung der verwandtschaftlichen Ver- 
bindung selbst im engsten Zusammenhange steht 



*) Konüngsbük, 97/172 — 73 und 120/228 — 29 und 249/192; StaÖarhöls- 
bok, 61/73—5 ^^ 299/338—9. 

«) z. B. G^L. 109— 113; Fr^L. IX, 5—6. 
■'') Altnordisches Leben, S. 289. 



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§ 8. Die Terminologie der Quellen. Iqq 

Teü II. 

Das Erbrecht. 

§ 8. Die Terminologie der Quellen. 

Die Erbschaft, d. h. den Nachlaß eines Verstorbenen, welcher 
dem Erbgange verfällt, bezeichnet der Ausdruck arfr, d. h. Erbe, 
oder auch erfö; doch wird das letztere Wort häufiger für die Be- 
erbung, also den Erbgang selbst gebraucht Für das Erben, d. h. 
eine Erbschaft nehmen, gilt der Ausdruck taka arf, wobei indessen 
zu beachten ist, daß dasselbe für jedes Nehmen einer Erbschaft, also 
auch für das nicht kraft Erbrechts erfolgende gebraucht wird, wie 
z. B. für die Besitzergreifung desjenigen, welcher in Abwesenheit des 
rechten Erben für diesen die Erbschaft in Verwahrung nimmt Das 
von hier aus gebildete Hauptwort arf taka kann ebenfalls wieder 
nicht nur die wirkliche Erwerbung einer Erbschaft, ^) sondern auch 
die Ergreifung des Besitzes einer solchen durch eine Person bezeichnen, 
welche sie wieder herausgeben muß, wenn sich der geborene Erbe 
meldet^) Das Wort erfi dagegen,') gleichbedeutend mit erfiöl,*) 
bezeichnet das feierliche Mahl, welches zu Ehren des Verstorbenen 
gehalten zu werden pflegte, und ebenso pflegt das Zeitwort erfa 
regelmäßig für die Haltung dieses Mahles gebraucht zu werden, also 
gleichbedeutend mit gera erfi oder drekka erfi zu stehen; doch hat 
Fritzner aus norwegischen Urkunden auch den Gebrauch des Wortes 
in der Bedeutung erben oder Erbe nehmen nachgewiesen, ^) und in 
späteren isländischen Quellen wird dasselbe in diesem Sinne sehr 
häufig gebraucht Mag sein, daß dabei schwedischer, dänischer oder 
deutscher Sprachgebrauch maßgebend geworden ist Für den Erben, 



*) z. B. StaÖarhölsbök, 73/97: um arftökur manna; FrfL. X, 47: at arf- 
töku allri. 

') Konüngsbök, 249/198: goÖi sa er til arftöku er taldr; StaÖarhöls- 
bök, 61/74. 

») EJL. I. 49. *) G^L. 23. 

*) Diplom, norveg. II» 16/14: ^a skal stadrinn arfua ^at aer epler l)a laeif- 

^i«t (1276); ebenda, 411/322; um alt {)at godz sem Brynilder kona Val{)iofs 

«rfde epptir bom sinn {1370). 



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200 "l'cil II. Das Erbrecht. 

und zwar gleichviel, ob ihm die Erbschaft bereits angefallen ist, oder 
ob er nur einem Lebenden gegenüber präsumptive zu dieser berufen 
ist, gilt zunächst die Bezeichnung arfi,^) oder in femininer Form 
arfa,-) wofür die isländischen Rechtsquellen indessen lieber die 
verstärkende Zusammensetzung skaparfi brauchen; da andere Zu- 
sammensetzungen wie skapdröttinn, skap|)ing zur Seite stehen, scheint 
der letztere Ausdruck im nordischen Rechte von Anfang an in diesem 
weiteren, und nicht zunächst in dem engeren Sinne für die bloße 
Deszendenz gebraucht worden zu sein, wie im schwedischen Rechte. 
Als eine der älteren Rechtssprache angehörige Wortform wird wohl 
arfuni,*) oder skaparfuni *) zu fassen sein, wogegen die 
jüngere Rechtssprache mit Vorliebe die abgeleitete Form erfingi 
gebraucht, welche bereits in unseren isländischen Quellen vorherrscht, 
oder auch die Zusammensetzung arftökumaör; dagegen gehörea 
Bezeichnungen wie arfny^ti, arf jiegi, arfvörör, oder wieder erfir, erfinyli, 
erfivörör, erfimeiör lediglich der Dichtersprache an, Für den Erb- 
lasser fehlt wunderlicherweise jede technische Bezeichnung, und muß 
man sich mit Umschreibungen helfen, wie etwa „sä maör, er 
maör ä arf eptir at taka". 

Der allen diesen Ausdrücken gemeinsam zugrunde liegende 
Wortstamm kehrt bekanntlich in den sämtlichen germanischen Dia- 
ektcn wieder, und entspricht z. B. dem altnordischen arfr nicht nur 
altschwedisch und altdänisch arf und arver, sondern auch gotisch 
;u*bi, althochdeutsch eq^i. altsachsisch erbi, angelsächsich erfe und 
\*rfe, friesisch arve. Verschiedentlich hat man bereits darauf aufmerk- 
sam gemacht, daß im ^Angelsächsischen >Tfe sowohl Elrbe als Vieh 
bedeutet, w.ihrend orf, worauf doch >Tfe zurückzufuhren scheint, nur 
Vieh. o<ler allenf.ills in weiterem Umfange Fahrhabe bedeutet;') 
daß femer in altschwedischen Rechtsbüchem „arf ok orf* als alliti- 
rierende Ikzeichiauni^ des ganzen Vermögens nach seinen beiden 
Hauptbestandteilen, nämlich liegendem Gute und Fahrhabe, vor- 
kommt.*^ Auch auf isländisch-norwegischem Gebiete scheint eine 
ähnliche Gegenüberstellung ursprunglich vorgekonmien zu sein. Die 
SkaUiskapamial rechnen z, T. unter Berufung auf ältere Quellen, so- 

»^ c, B- 0>L. 103; K:I)l. VIi:. 4; X::i. i; Stiöarhölsbök. 7296. 

^ S'-ia* visk AT A r mal» 07 534: 75 >:»:. 

* Kon u n ^ ^ b .^ k . l X. 

^ T^». R .• i r h o l a 5 c h nv: d , $. v. orf u:: i y:^r ; G r i m m > Wörterbach, s. t. ^^' 

* v^l. 1 h a e . s- V. urt\ S h l y i vT r . *. t, ort. 



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§ 9- Die Erbfähigkeit. 20I 

wohl arfr als arfuni zu den „öxnaheiti", ^) und auch in einer Strophe 
des Grettir Asmundarson steht „arfs ok gneista aflfang" als Um- 
schreibung des von porbjöm yxnamegin geführten Beinamens ; ^) fiir 
arfuni kommt mehrfach die Variante örfuni und orfuni vor, und 
könnte man, an diese anbindend, auf einen Stamm orfr, orfuni neben 
arfr, arfuni schließen, wobei nur anzunehmen wäre, daß die beiden 
im Ablautsverhältnisse zueinander stehenden und in ihrer Bedeutung 
unterschiedenen Stämme sich hinterher im Gebrauche nach Form 
und Bedeutung gemischt hätten. , Die Bezeichnung jörmuni, jormuni, 
welche sowohl unter den ' „hestaheiti" ') als unter den „öxnaheiti" 
auftritt, gehört jedenfalls nicht hierher, und ebensowenig das Wort 
orf als Bezeichnung des Sensengriffes, welches vielmehr mit unseren 
dialektischen „worb" zusammenzuhängen scheint 



$ 9. Die Erbfähigkeit. 

Bei der Erörterung der Voraussetzungen, an welche die Erbfähig- 
keit geknüpft war, empfiehlt es sich, das isländische Recht vor- 
anzustellen, weil dessen Quellen ungleich reichlicher fließen, als die 
des norwegischen Rechtes;*) doch ist auch bezüglich jenes ersteren 
Rechtes über einen gewissen Mangel an Präzision in der Behandlung 
dieses Gegenstandes zu klagen, der freilich gutenteils durch Ver- 
änderungen bedingt zu sein scheint, welche das Recht im Verlaufe 
der Zeiten in Bezug auf ihn erlitten hat Es wird aber die Erbfähig- 
keit bezeichnet durch den Ausdruck arfgengr, wofür seltener die 
Bezeichnung arftoekr gebraucht wird, ^) während der Ausdruck 
arfborinn, til arfs alinn vorwiegend nur die echte Geburt 

') Skäldskaparmäl, 58/484, dann 75/587 und 588; vgl. Bd. II, S. 483 
und 567. 

^) Greltla, 48/110. 

») Skäldskaparmdl, S. 487 und 571 in Bd. II. 

*) vgl. Schlegel, Commentatio, S. CXXVIII^XXXIII; Bald vin Einarssan, 
S. 316— 24; zumal aber Vilhjälmr Finsen, Annalcr 1849, S. 290— 325, dann S. 
222—24 und 287—89. Dagegen sind Gans, IV, S. 510—49 und Dahlmann, II, 
S. 256 — 59 antiquiert. Für das norwegische Erbrecht vgl. neben Gans, IV, S. 575 
—86 zumal Munch, S. 974 — 76, R. Keyser, S. 330 — 41 und Fr. Brandt, Fore- 
Iwningcr, S. 17 — 36. 

*) In der Eigla, 57/124 z. B. steht arftoekr, aber ebenda, S. 125 gleichbe- 
deutend arfgengr. 



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202 Teil IL* Das Erbrecht . 

gegenüber der unechten zu bezeichnen scheint;^) aber im Gebrauche 
selbst des ersterwähnten Ausdruckes macht sich ein gewisses Schwanken 
bemerklich, welches eine auffällige Unsicherheit im Auseinanderhalten 
verschiedener Gesichtspunkte verrät Auf der einen Seite nämlich 
ist man sich des Gegensatzes nicht recht bewußt, welcher zwischen 
der Erbfähigkeit an und für sich, und der Fähigkeit, eine bestimmte 
Person oder Kategorie von Personen zu beerben, besteht, und man 
weiß auch nicht scharf zu scheid.en zwischen der völligen Ausschließung 
von dem Erbrechte, und der ßloßen Versagung des vollen und so- 
zusagen regelmäßigen Erbrechtes; auf der anderen Seite aber hält 
man auch nicht genug den prinzipiellen Anspruch auf die Erbfolge 
selbst, und die Berechtigung zum Ergreifen des Besitzes der Erb- 
schaft, und zur Verwaltung des in ihr begriffenen Vermögens aus- 
einander, und wenn demnach dort die Grenze zwischen einer abso- 
luten und einer nur relativen Erbunfähigkeit schwankend zu werden 
droht, so ist hier dasselbe der Fall bezüglich der Grenze zwischen 
der Unfähigkeit, zu erben, und der Unfähigkeit, das Beerbte zu ver- 
walten. Dies vorausgeschickt, mag nun auf die einzelnen Bestim- 
mungen eingegangen werden, welche sich in den Rechtsquellen über 
die Erbfähigkeit finden. * . 

Da tritt nun zunächst die Regel auf: „barn [)at, er mööir er 
mundi keypt, er |)ä arfgengt, er lifandi kemr i Ijös, ok matr kemr i 
munn", welche ziemlich übereinstimmend in unseren beiden Rechts- 
büchern zu finden ist, ^) während an einer zweiten Stelle des jüngeren 
Rechtsbuches, welche in dem älteren als Referenz eingetragen ist 
der Satz lautet: „ef sä maör andaz, er barn ä f vonum, j)ä er barn 
eigi arfgengt, nema lifanda komi i Ijös, ok matr komiz niör*'.') Diese 
letztere Stelle ist in beiden Rechtsbüchem als ein nymaeli bezeichnet, 
und doch zeigt deren Vergleichung mit der ersteren, von welcher 
nicht das Gleiche gesagt wird, keinen hinreichenden Unterschied, 
um dieselbe ihr gegenüber als ein anderes und neueres Recht er- 
scheinen zu lassen. Allerdings spricht nur die letztere Stelle aus- 
drücklich aus, daß dieselbe auf die Geburt eines posthumus sich be- 
ziehen wolle; aber die Wortfassung der ersteren ist eben nur eine 
weitere, und schließt eben diesen Fall mit ein, wenn sie sich auch 

*) So sagt die Olafs s. Tryggvasonar, 51/86 in den FMS. I: eigi arf- 
borinn, wo die Heimskr. 11/132: frilluson. 

*) Konüngsbök, 118/222 und SlaÖarhölsbök, 73/98, wo • indessen die 
letzten Worte lauten: „ok matr kemr niÖr". • 

') StaÖarholsbök, 59/68; vgl. Konüngsbök, I18/223 — 24. 



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§ 9. Die Erbfähigkeit. 203 

6 

nicht auf ihn beschränkt Man wird sich hiemach die zweimalige 
Aufnahme der wesentlich gleichartigen Stelle wohl nur in der Art 
erklären können, daß dieselbe aus einer Novelle in zwei verschiedenen 
Kompilationen in unbedeutend verschiedener Fassung herüberge- 
nommen, und aus diesen dann wieder in unsere beiden Rechtsbücher 
aus Versehen doppelt statt einfach übertragen worden sei, und 
spricht hierfür zumal auch der Umstand, daß in beiden Rechtsbüchem 
dieselbe Fassung als nymaeli bezeichnet wird, obwohl dieselben diese 
an ganz verschiedene Stelle bringen, was denn doch voraussetzt, 
daß auch deren Bezeichnung als nymaeli schon im Originale stand. 
Der Satz selbst, daß nur dasjenige Kind erbfähig sei, welches lebend 
zur Welt kommt, hat nichts Auffälliges, da die Erbfähigkeit Persön- 
lichkeit voraussetzt, und auch der Umstand, daß man sich nicht mit 
dem einfachen Beweis des Lebens begnügte, vielmehr noch den 
weiteren Beweis forderte, daß das Kind Nahrung zu sich genommen 
habe, erklärt sich leicht Es wird sich dabei kaum, wie bei dem 
„Beschreien der vier Wände" mancher deutscher Rechte nur um ein 
recht unzweideutiges und zugleich auffälliges Lebenszeichen gehandelt 
haben, sondern wohl eher nur um ein tieferliegendes Moment W^ir 
wissen, daß zur Zeit des Heidentumes im Norden neugeborene 
Kinder ausgesetzt werden durften, so lange sie noch nicht mit W^ asser 
begossen worden waren, während von da ab ihre Tötung umge- 
kehrt sogar als Mord galt, und daß man darum die Wasserweihe 
verschob, so lange man noch nicht darüber schlüssig war, ob das 
Kind leben oder sterben solle. ^) Wir wissen ferner, daß bei den 
heidnischen Friesen die Aussetzung des Kindes bereits von dem 
Augenblicke an als strafbar galt, in welchem dasselbe irgendwelche 
Speise gekostet hatte, *) und scheint demgegenüber doch wohl be- 
achtenswert, daß auch im Norden Leute, welche wider ihren Willen 
genötigt wurden, Kinder auszusetzen, ihnen wohl ein Stückchen 
Fleisch oder Speck in den Mund steckten;^) mag ja sein, daß man 
ursprüngüch beide Akte, wenn das Kind zum Leben bestimmt 
werden wollte, in unmittelbarer Folge vorzunehmen pflegte, und daß 
dieselben die zweifache Annahme des Kindes durch Vater und 
Mutter bezeichnen sollten. Bei der Annahme des Christentumes, 



*) Hölmverja s., 8/22, vgl. S. 19. 

*) Vita Sancti Lindgeri, I, cap. 6 — 7 (Pcrtz, II, S. 406) ; vgl. J. Grimm, 
RA., S. 457 — 59 und W. Platz, Geschichte des Verbrechens der Aussetzung, 
S. 36-38. 

') Flbk. T, 204/252 ({>orsteins {>. uxaföts); Finnboga s. ramma, 2/212. 



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204 



Teil II. Das Erbrecht. 



oder vielmehr einige wenige Jahre nach derselben, wurde aDerdings 
die Aussetzung der Kinder schlechthin verboten, aber in der oben 
angeführten Bestimmung scheint immerhin eine letzte Spur des alt- 
heidnischen Rechtes zu finden zu sein, wie ja auch in dem Satze 
von ULL., daß die Tötung eines heidnischen, d. h. ungetauften 
Kindes nur halb so hoch bestraft werden solle als die eines ge- 
tauften, ') dann in dem Satze des Jydske Lov, daß nur das getaufte 
Kind erbt, die gleiche Grundanschauung noch erkennbar ist. 

Selbstverständlich sind ferner Fremde nur in dem Umfange be- 
fähigt, auf Island anfallende Erbschaften anzusprechen, als ihnen 
diese Fähigkeit durch das isländische Recht ausdrücklich zugestanden 
wird. Norwegern, Schweden und Dänen wird aber wie den Is- 
ländern selbst der Anspruch auf die Erbschaft sowohl als auf das 
Wergeid eines auf Island erschlagenen Angehörigen bis zum fünften 
gleichen Grade der Verwandtschaft zugestanden ; anderen Ausländern 
dagegen nur im ersten Grade der aufsteigenden, absteigenden und 
Seitenlinie, und selbst dann nur, wenn sie zuvor schon auf Island 
bekannt gewesen waren. *) In diesem Falle handelt es sich freilich 
im Grunde nicht um die Erbfähigkeit, sondern nur um die Befähi- 
gung zur Geltendmachung der an und für sich begründeten Erban- 
sprüche ; nur von hier aus erklärt sich, daß bei dem Fremden nicht 
nordischer Nationalität darauf Gewicht gelegt wurde, ob man auf 
Island bereits um ihn Bescheid wußte oder nicht, daß femer, wenn 
Verwandte der angegebenen Grade nicht vorhanden waren, der 
fremde Kompagnon des Verstorbenen dessen Nachlaß erhält, der 
doch selbstverständlich, in die ausländische Heimat zurückkehrend, 
dort von den ausländischen Verwandten ohne weiteres auf Heraus- 
gabe des Übernommenen belangt werden kann. Mag sein, daß 
darum an den einschlägigen Stellen nicht der Ausdruck „arfgengr" 
gebraucht, sondern nur der etwas vagere Ausdruck: „eiga at taka 
arf" gebraucht wird, welcher hinwiederum auf den nur provisorisch 
den Besitz übernehmenden Kompagnon, Schiffsherrn u. dgl. ganz 
ebenso Anwendung findet wie auf den Verwandten selbst, bei wel- 
chem letzteren überdies gar nicht unterschieden wird, ob er in der Tat 
der nächste Erbe sei oder nicht, und ob er demnach nur provisorisch 
oder definitiv den Besitz der Erbschaft erwerbe. 



') ULL., Manhoelghisb. 11/7 vgl. mit 2. 

*) Konüngsbök, 120/228— 29 und 249/197— 99 vgl. mit 97/172—74; StaÖar- 
hölsbök, 61/73 — 76 vgl. mit 299/338—9 und 300'339— 41. 



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§ 9. Die Erbfähigkeit 20$ 

Als „eigi arfgengt" wird feraer das Kind bezeichnet, welches 
ein geächteter Mann oder eine geächtete Frau mit ihrem nicht ge- 
ächteten Ehegatten gewinnt, der vargdropi also und der baesingr;^) 
jedoch fallen unter diese Regel solche Kinder von Achtem oder 
Landesverwiesenen nicht, welche von solchen im Auslande in einer 
nach dortigem Rechte rechtmäßig eingegangenen Ehe gewonnen 
werden, vielmehr sind solche Kinder auch auf Island „arfgeng". ^) 
Die letztere Bestimmung, welche in der Konüngsbök nur als Referenz 
eingestellt, und überdies ausdrücklich als nymaeli bezeichnet ist, wird 
sich wohl nur auf solche Achter beziehen können, welchen gleich 
den bloß des Landes Verwiesenen das Verlassen des Landes erlaubt 
war, und sie ist in dieser Beschränkung nur eine Konsequenz der 
allgemeinen Regel, daß derartigen Leuten, so lange sie pflichtgemäß 
ihren Aufenthalt im Auslande nehmen, auch nach isländischem Rechte 
die volle Rechtsfähigkeit zukommt; eben darum wird dieselbe auch 
wohl auf die Kinder ausgedehnt werden müssen, welche von solchen 
Leuten auswärts in einer Ehe gewonnen werden, welche bereits 
vor ihrer Verurteilung auf Island selbst von ihnen eingegangen 
worden war. 

Schon bei dieser letzteren Bestimmung kann füglich bezweifelt 
werden, ob der Ausdruck „eigi arfgengr" bei derselben wirklich eine 
völlige Entziehung aller Erbfähigkeit, oder nicht etwa bloß eine Aus- 
schließung von der Erbfolge in den Nachlaß des schuldigen Teiles 
der Eltern bedeuten solle, und beim vargdropi wenigstens ist schwer 
einzusehen, warum demselben dasjenige Erbrecht seiner Mutter und 
der mütterlichen Verwandtschaft gegenüber sollte entzogen gewesen 
sein, welches selbst dem illegitimen Kinde derselben von einem un- 
bekannten Vater zukommen würde. Derselbe Zweifel kehrt aber 
auch bei einer Reihe anderer Vorschriften wieder. Das zwar ist voll- 
kommen in der Ordnung, daß der Sohn eines Weibes, welches zur 
Zeit seiner Empfängnis noch unfrei gewesen, also vor dem Zeit- 
punkte seiner Geburt bereits freigelassen worden war, nichtsdesto- 
weniger als nicht erbfähig und als einer Freilassung bedürftig erklärt 
wird;^) gleichwie nämlich das isländische Recht bei der Frage nach 
der ehelichen oder uneheUchen Geburt von Kindern den Moment 



^) Konüngsbök, 118/224; StaÖarhölsbök, 59/68; Belgsdalsbök , 
47/240. 

') StaÖarhölsbök, 59/70; in der Konüngsbök, 118/226 nur als Referenz. 

*) Konüngsbök, 118/224; StaÖarhölsbök, 59/68; Belgsdalsbök, 
47/239. 



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206 Teil II. Das Erbrecht. 

der Empfängnis und nicht den Moment der Geburt entscheiden 
läßt, ^) muß das Gleiche auch bei der Frage nach Freiheit und Un- 
freiheit derselben, sowie nach deren Erbfähigkeit geschehen, und 
muß somit das Kind einer Mutter, welche zur Zeit seiner Empfängnis 
unfrei war, als unfrei, und eben darum auch als nicht erbfähig gelten. 
Aber wenn auch der Sohn, den ein Unfreier mit einem freien Weibe 
erzeugt,®) ja sogar der Sohn, welchen ein freies Weib mit einem 
Manne gewinnt, der ihr eigener Unfreier gewesen, aber von ihr frei- 
gelassen worden war, damit sie mit ihm leben könne, als eigi arf- 
gengr bezeichnet wird,*) so fällt doch auf, daß ein solches Kind 
auch von der Erbfolge in den Nachlaß seiner Mutter und seiner 
mütterlichen Verwandtschaft ausgeschlossen sein sollte, da nicht ab- 
zusehen ist, warum dasselbe schlechter gehalten sein sollte als ein 
Kind, dessen Vater überhaupt nicht bekannt ist. Denkbar wäre aller- 
dings, daß in derartigen Fällen wie in dem des vargdropi der be- 
sondere Abscheu gegen derartige Verbindungen zu einer über die 
Konsequenz des Rechts hinausgehenden Härte geführt hätte; aber 
wenn wir bedenken, daß an derselben Stelle, an welcher jene Be- 
stimmungen sich finden, auch derjenige als „eigi arfgengr" bezeichnet 
wird, dessen Mutter nicht die rechtmäßige Ehefrau seines Vaters ge- 
wesen war,*) und uns daran erinnern, daß als arfgengr oder arfborinn 
ganz vorzugsweise der echt geborene Sohn dem laungetinn sonr 
gegenüber bezeichnet zu werden pflegt, *) während doch den unechten 
Kindern keineswegs alles Erbrecht fehlte, vielmehr deren Erbrecht 
nur ein beschränkteres und dem der ehelichen Kinder nachstehendes 
war, so werden wir uns geneigt zeigen, auch an jenen anderen Stellen 
den Ausdruck in einem nur relativen Sinne zu deuten. 

Ganz ähnlich wird die Sache ferner auch in folgenden Fällen 
stehen. W^enn zunächst ein Ehegatte den anderen verläßt, ohne vom 
Bischof die Erlaubnis zur Eingehung einer zweiten Ehe erhalten zu 
haben, und dann dennoch eine solche eingeht, so sollen dessen 
Kinder aus dieser zweiten Ehe „eigi arfgeng" sein;®) eine andere 

^) Koniingsbök, 142/23; StaÖarhölsbök, 104/135. 

^) Konüngbök, 118/224; StaÖarh ölsbök , 59/68; Bclgsdalsbök, 47/239- 

^) Konüngsbök, I18/224; StaÖarhölsbök, 59/68; Bclgsdalsbök, 
47/239—40. 

*) Konüngsbök, 118/222; StaÖarhölsbök, 59/66. 

^) Konüngsbök, 118/218— 19; StaÖarhölsbök, 56/63 und 80/I02; weitere 
Belege gibt Vilhjalmr Finsen, in den Annaler 1849, S. 295, Anm. I. 

•) Konüngsbök, 118/224; StaÖarhölsbök, 59/68—69. 



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§ 9- Die Erbfähigkeit. 207 

Stelle, die freilich nur in der Belgsdalsbök sich findet, spricht diese 
Regel in noch etwas allgemeinerer Fassung dahin aus, daß überhaupt 
der Sohn aus einer bigamistischen Ehe „eigi arfgengr'* sei, ^) wogegen 
die beiden anderen Rechtsbücher je nach dem Orte unterscheiden, 
an welchem die zweite Ehe eingegangen wurde. Nach ihnen sollen 
nämlich, wenn ein Mann „h^r i landi eöa i örum lögum", also auf 
Island oder allenfalls in Grönland zwei Weiber hat, die Kinder aus 
dessen zweiter Ehe „eigi arfgeng" sein, und ebenso soll, wenn ein 
Mann, der auf Island eine Frau hat, im Auslande und zwar außer- 
halb der Staaten des Königs von Norwegen eine zweite Ehe eingeht, 
das Kind aus dieser zweiten Ehe „eigi arf taka" ; ^) dagegen soll aber 
nicht nur das Kind, welches ein Mann, der auf Island keine Frau 
hat, in einer Ehe gewinnt, die er auswärts in einem Lande nordi- 
scher Zunge nach dortigem Rechte rechtsgültig eingegangen hat, 
auch in Island „taka arf', ') sondern es sollen auch die Kinder, welche 
ein auf Island verheirateter Mann, welcher innerhalb der Staaten des 
Königs von Norwegen eine zweite Ehe nach dortigem Landrechte 
rechtsgültig eingeht, aus dieser zweiten Ehe gewinnt, auf Island „arf 
taka", soweit sie in jenem Lande geboren sind. *) Ich lasse hier da- 
hingestellt, wie sich diese Begünstigung der im norwegischen Rechte 
eingegangenen bigamistischen Ehen erkläre, und ob nicht vielleicht 
durch die Verweisung auf das dortige Landrecht, welches ja eben- 
falls die Bigamie ausschloß, nur der Einheit der Kirchenprovinz 
Rechnung getragen, und bei durchgeführtem Beweise der recht- 
mäßigen Eingehung der zweiten Ehe in Norwegen als feststehend 
angenommen werden wollte, daß die zweite Ehe eben keine bigami- 
stische sei; gewiß ist aber, daß, abgesehen von diesem abnormen 
Falle, die zweite Ehe in der Tat als ungültig, und somit das in ihr 
geborene Kind als ein uneheliches angesehen werden mußte, daß 
jedoch, wenigstens für den Fall, da die zweite Frau in bona fide ge- 
wesen war, ein solches Kind doch wenigstens keiner härteren Be- 
handlung verfallen konnte als andere uneheliche Kinder, und daß es 
somit wenigstens in Bezug auf den Nachlaß seiner Mutter und seiner 
mütterlichen Verwandten ebensogut erbfähig sein mußte wie diese, 



*) Belgsdalsbök, 47/240. 

*) Koniingsbök, 118/226; StaÖarhölsbök, 59/70. 
') StaÖarhölsbök, 59/70. 

*) ebenda, 59/70 zweimal ; die zweite Stelle als Referenz auch in Koniingsg 
bök, 118/226. 



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2o8 Teil II. Das Erbrecht 

wenn auch dem Vater gegenüber dessen Eigenschaft als adulterinus 
em anderes mit sich bringen mochte. 

Wiederum wird von dem Kinde, welches auf dem Bettelgange 
geboren ist, gesagt, es sei „eigi arfgengt", es wäre denn, daß die 
Eltern ohne ihr eigenes Verschulden bettelten, und das Kind über- 
dies während einer bestimmten Zeitfrist wieder ein festes Domizil 
gewonnen hätte ; *) dagegen heißt es von dem Bettler selber, der aus 
eigener Schuld bettelt und darum auf die Dauer seines Bettleriebens 
rechtlos wird, er solle insolange „eigi arf taka". *) Wiegen gewisser 
fleischlicher Vergehen sprach ferner das ältere Recht den Weibern 
die Befugnis ab „arf at taka", •) während das spätere Recht sagt, sie 
sollten fortan „arfgengjar" sein, während sie bisher „öarfgengjar" ge- 
wesen seien.*) Wenn aber in diesen Fällen wirklich die gesamte 
Erbfähigkeit den betreffenden Personen um ihres Mißverhaltens willen 
abgesprochen werden mochte, so muß doch wohl ein anderes gelten, 
wenn gesagt wird, daß derjenige, welcher einen anderen tötet oder 
einen dritten zu dessen Tötung anstiftet, nicht „arf taka at ))ann 
mann" solle;*) in diesem Falle wird nämlich ganz unverhohlen aus- 
gesprochen, daß die Entziehung des Erbrechtes keine allgemeine 
sein, vielmehr nur in der Richtung auf eine ganz bestimmte Person 
erfolgen solle. In gleicher W^eise wird gesagt, daß das Kind eines 
mindestens 80jährigen Mannes aus einer Ehe, welche derselbe ohne 
die Zustimmung seines geborenen Erben eingegangen hat, „eigi hans 
arf taka" soll, wobei aber sofort beigefügt wird: „en |)at skal taka 
allan annan" ; ®) auch in diesem Falle ist also an eine allseitige Erb- 
unfähigkeit nicht zu denken, sondern nur an die Ausschließung des 
Anspruches auf eine bestimmte Erbschaft. In ähnlichem Sinne wird 
wohl auch die andere Bestimmung ausgelegt werden müssen, nach 
welcher das Kind „eigi arf taka" soll, welches ein Geisteskranker in 
einer Ehe erzeugt, die er ohne die Zustimmung seines geborenen 
Erben eingegangen hat, ') und wird hier wie dort doch wohl nur die 

*) Konüngsbök, 118/224 und 225; StaÖarhölsbök, 59/68 und 75/99i 
vgl. Konüngsbök, 143/28 und StaÖarhölsbök, 117/150— 51. 

*) Konüngsbök, 118/225; StaÖarhölsbök, 63/77 und 73/98. 

•) Konüngsbök, 127/249 und 157/51. 

*) StaÖarhölsbök, 78 loi ; AM. 315, fol. B, 3/228. 

^) StaÖarhölsbök, 341/367. 

•) Konüngsbök, 188/224; StaÖarhölsbök, 59/68; Bclgsdalsbö.k, 
47/240. 

') Konüngsbök, 1 18/223; StaÖarhölsbök, 59/67. 



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§ 9- Die Erbfähigkeit. 209 

Rücksicht auf das Interesse des geborenen Erben maßgebend ge- 
worden sein. Aber auch von dem Geisteskranken selbst wird ge- 
sagt, er sei „eigi arfgengr", ^) dennoch aber wird die Erbschaft, 
welche ihm früher zufallen würde, wenn er geistig gesund wäre, 
einstweilen nur in die Hand der nächsten Verwandten gelegt wie 
Mündelgut, um dann mit gewissen Beschränkungen an den wieder 
Gesundenden hinausgegeben zu werden, und es steht demnach bei 
ihm die Sache wesentlich ebenso wie bei dem Minderjährigen, wel- 
chem eine Erbschaft zufällt, wie denn auch wirklich von diesem 
letzteren ebenfalls gesagt wird, daß er noch nicht berechtigt sei „arf 
at taka". ^ 

Man sieht, die eingangs erwähnte Unsicherheit der Begriffe und 
des Sprachgebrauches macht sich allerwärts geltend. Einzelne Stellen 
scheinen freilich eine gewisse Neigung zu verraten, wenigstens die 
Erbunfähigkeit von der Unfähigkeit zum Erwerbe des Besitzes und 
der Verwaltung der Erbschaftsmasse zu unterscheiden, und die Be- 
zeichnung „eigi arfgengr" auf jene erstere zu beschränken, dagegen 
in Bezug auf diese letztere nur von einer Unfähigkeit „at taka arf" 
zu sprechen, aber konsequent durchgeführt wird diese Unterscheidung 
keineswegs. In mehrfachen, sehr wichtigen Richtungen läßt sich 
nun aber nachweisen oder doch dringend wahrscheinlich machen, 
daß dieses Schwanken in den Begriffen und in der Terminologie 
mit Veränderungen zusammenhängt, welche das materielle Recht im 
Verlaufe der Zeiten erlitten hat Es begreift sich ganz gut, daß ebenso 
wie dem posthumus erst durch eine spätere Novelle ein Erbrecht 
verwilligt wurde, welche ihm ursprünglich nicht zugekommen war, 
auch anderen Personen dasselbe nach älterem Rechte abgesprochen 
worden wäre, welche zurzeit des Anfalles der Erbschaft zur Ergreifung 
ihres Besitzes und zur Führung der Verwaltung des in ihr begriffenen 
Vermögens nicht befähigt waren; Minderjährige sowohl als Geistes- 
kranke mochten hieraus ursprünglich wirklich als nicht erbfähig ge- 
golten haben, und erst später zur Erbfolge zugelassen worden sein, 
wodurch sie dann, wenn man die oben angedeutete Scheidung der 
Terminologie verwenden will, „arfgengir" wurden, obwohl sie nach 
wie vor unfähig blieben „at taka arf*. Da das norwegische Recht 
w^enigstens auch solchen Leuten, welche wegen Altersschwäche außer 



*) Kondngsbök, 118/222; Staöarhölsbök, 58/66; Belgsdalsbök, 
47/239. 

«) Konüngsbök, 118/225—26; Staöarhölsbök, 59/69. 
Maurer, Verwandtschafu- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. I4 



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2IO Teil IL Das Erbrecht. 

Stande waren, ihr Vermögen selber zu verwalten, dieses frischweg^ 
absprach, *) das isländische Recht aber wenigstens für den Fall ebenso 
verfuhr, da deren Verstandeskräfte sich unzureichend erwiesen,*) da 
ferner nicht nur die norwegischen Rechtsquellen den Ausdruck ömagi 
ausdrücklich auch auf solche altersschwache Leute anwenden/) 
während sie anderwärts denselben für die Minderjährigen gebrauchen, 
und da auch die isländische Rechtssprache mit demselben Ausdrucke 
alle und jede hilfsbedürftige Personen bezeichnet, gleichviel auf 
welchem Grunde deren Hilfsbedürftigkeit beruht, da endlich das nor- 
wegische Recht ausdrücklich bestimmt, daß das Vermögen des ömagi, 
der am Ding als solcher bekannt gegeben wurde, „tekinn arfr** ist,*) 
also bei ihm eine antizipierte Erbfolge eintreten läßt, was doch zweifel- 
los seine eigene Erbfähigkeit ausschließt, hat jene Vermutung in der 
Tat keine geringe Wahrscheinlichkeit für sich ; man scheint eben der- 
artige Personen lediglich als eine Last betrachtet zu haben, welche 
auf dem Vermögen lag, und mit diesem auf den nächsten selbstän- 
diger Verwaltung fähigen Erben überging. Außerdem war bezüglich 
der unehelichen Kinder, zu welchen selbstverständlich auch die Kinder 
aus der zweiten Ehe eines Bigamisten gehören, bereits bei anderer 
Gelegenheit hervorzuheben, daß sie eine Zeit lang wirklich von allem 
Erbrechte ausgeschlossen gewesen waren ; dem väterlichen Geschlechte 
gegenüber sehr begreiflich, mochte diese Ausschließung dem mütter- 
lichen Geschlechte gegenüber sich entweder daraus erklären, daß 
diesem gegenüber überhaupt kein Erbrecht in der betreffenden Zeit 
entwickelt war, oder auch, und dies ist das Wahrscheinlichere, daraus, 
daß ursprünglich die ganze Bestimmung sich nur auf die Söhne un- 
freier Mütter bezogen hatte. Hier wie dort scheint nun die von 
alters her übliche Bezeichnung der betreffenden Personen als „eigi 
arfgengir" auch in der Zeit stehen geblieben zu sein, in welcher 
diese erbfähig geworden waren, und erklärt sich dies leicht, wenn 
man bedenkt, daß dieselben eben doch teils nicht sofort, in den Be- 
sitz und Genuß der Erbschaft traten, teils nicht in demselben Um- 
fange und an derselben Stelle zur Erbfolge berufen wurden, wie 
beides bei geistig gesunden, volljährigen und echt geborenen Personen 
der Fall war. Sehen wir aber von diesen beiden Kategorien von 
Leuten ab, so blieben als von Anfang an nicht erbfähig übrig die 



V) G^L. 126; FrI)L. IX, 20; BjarkR. III, 165. 

2) KonUngsbök, 126/246; StaÖarh ölsb ök, 66/83—84 und 73,98. 

') G|)L. 127 und 130. *) ebenda, 127. 



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§ 9. Die Erbfähigkeit. 211 

totgeborenen Kinder, die Kinder unfreier Mütter, soweit sie nicht 
durch Freilassung in frühester Jugend und Anerkennung seitens ihres 
Vaters ein besseres Los erreichten, die Weiber, welche sich gewisser 
fleischlicher Vergehen schuldig machten, sowie die Bettler samt ihren 
Kindern, bei welchen allen die Erbunfähigkeit Folge ihrer Recht- 
losigkeit war, endlich vielleicht auch die Kinder geächteter Eltern, 
sowie die Kinder, welche eine freie Mutter mit einem unfreien Vater 
gewonnen hatte, sofeme man bei diesem wie bei jenem an die straf- 
weisen Folgen des unwürdigen Verhältnisses denken kann. Dagegen 
liegt nur eine relative Erbunfähigkeit vor bei den Kindern, die ein 
Greis oder ein Geisteskranker in einer ohne die Zustimmung seines 
geborenen Erben eingegangenen Ehe erzeugt hat, sowie bei dem- 
jenigen, welcher den Tod seines Erblassers verschuldet hat; bei 
Fremden aber handelt es sich weder um eine absolute noch um eine 
relative Erbunfähigkeit, sondern nur um die Befugnis, das ihnen etwa 
zustehende Erbrecht auf Island geltend zu machen und die dort 
liegende Erbschaft als Erbe oder sonst in Empfang zu nehmen, wes- 
halb denn auch bezüglich ihrer nur erörtert wird, wieweit sie, gleich- 
viel ob erbberechtigt oder nicht, berechtigt seien „at taka arf, 
nirgends aber die Bezeichnung „eigi arfgengir" auf sie Anwendung 
findet 

Im Anschlüsse an das Bisherige ist noch einer eigentümlichen 
Bestimmung zu gedenken, welche sich auf die Schuldknechte bezieht 
Der in gesetzmäßiger Weise in Schuld genommene Mann soll näm- 
lich, so lange dieses sein Abhängigkeitsverhältnis dauert, nur „arfi 
ens friöa, en eigi ens öfrföa" werden, wogegen er beides erbt, sowie 
er erst aus dem Schuldverhältnisse gelöst ist ') Ich habe ander- 
wärts diesen Gegensatz auf den Gegensatz der Fahrhabe und des 
liegenden Gutes bezogen, *) und die Bestimmung daraus erklärt, daß 
das vom Schuldknechte Geerbte seinem Herrn zugute kommt, wäh- 
rend die Liegenschaften der Familie bewahrt werden sollen, in deren 
Besitz sie einmal sich befinden; indessen soll nicht verschwiegen 
werden, daß gegen diese Auslegung Einwendungen erhoben werden 
können. An einer anderen Stelle der Rechtsbücher wird nämlich 
gesagt, daß bei einem Vergleichsabschlusse nicht nur die Höhe der 
zu entrichtenden Zahlung zu bestimmen sei, sondern auch die Be- 



>) Koniingsbök, I18/225; StaÖarhölsbök, 72/96. 

•) vgl. meinen Aufsatz über „Die Schuldknechtschaft nach altnordischem 
Rechte", S. 44. 

14* 

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212 Teil II. Das Erbrecht 

schaffenheit der Zablmittel, in welchen diese zu erlegen sei, und 
werden dabei die Worte gebraucht: „hve margir aurar skolo i grip- 
um eöa hve margir frföir";^) die friöir aurar werden also hier 
anderen Mobilien gegenübergestellt, und können somit an dieser 
Stdle > unmöglich die gesamte Fahrhabe bezeichnen. In einer Ur- 
kunde,: welche Jon Sigurösson dem Jahre 1224 zuweist, werden eben- 
falls ,iioliundruö^i metfe" weiteren „tfu hundruö friösfjär" entgegen- 
gesetzt, ') und wenn dabei sofort beigefügt wird : „ok umfram kyr 
4 ok ^k kugildan", so zeigt dies, daß Vieh einen Bestandteil des 
fritt f6J bildete, wenn es nicht ganz mit diesem zusammenfiel. Wenn 
ferner io- einer anderen, der Mitte des 12. Jahrhunderts zugewiesenen 
Urkunde von einem „viröa til friös" die Rede ist, *) muß der Aus- 
dnifck Jiuch auf gewisse Arten der Fahrhabe eingeschränkt gedacht 
werden^ und wenn in einem, wie es scheint dem Schlüsse des Mittel- 
alters angdiörigen Dokumente der Gegensatz „i friöu ok üfriöu" 
„fritt eöa üfirftt" vorkommt, *) so scheint dem Zusammenhange nach 
auch' dabei an verschiedene Arten von Mobilien, nicht an den 
Gegensatz von Mobilien und Immobilien gedacht werden zu müssen. 
Heutigen Tafges wird jedenfalls, wie der erste Blick in die Büalög 
oder die nächste beste Verölagsskra zeigt, unter friör penfngr nur 
das Hausvieh verstanden, und in diesem Sinne erklären denn auch 
die , satntlich^n Lexikographen den Ausdruck. Wenn ich nichtsdesto- 
weniger; an unserer Stelle den Ausdruck auf die gesamte Fahrhabe 
beliebe,; 90 bestimmt mich hierzu lediglich die Erwägung, daß nur 
unter dieser Voraussetzung die Bestimmung erklärbar wird; die Be- 
rechtigung aber zu einer solchen Aiwlegung scheint mir in der sehr 
überwiegei)(den Bedeutung des Viehstandes zu liegen, wie solcher in 
den wirtschafdicben Zuständen Islands begründet ist 

Demgegenüber kennt das norwegische Recht zwar auch 
seinerseits die Bestimmung, daß derjenige, welcher einen Verwandten 
getötet hat, dessen Erbschaft nicht anzusprechen befugt sei,*) und 
dieselbe ist durch die Gesetzgebung des K. Magnus lagaboetir so- 
wohl für Norwegen •) als für Island ') beibehalten worden ; im übrigen 
aber läßt sich dasselbe nur sehr wenig auf die Frage nach der Erb- 



. ^) Konüngsbök, 71/121; StaÖarhöUbök, 254/284.^ 
*) Diplom. Island. I, 1 18/465. ') ebenda, 31/199. 

*) bei Finnr Jönsson, Hist. eccles. I, S. 561, Anm. a. 
») GI)L. 164; FrI)L. IV, 31 und VIII, 14. 
<») Landsl., Erföat. 9; BjarkR. 9. 
■) Jdrns., Mannh. 8 und Erföat. 13; Jönsbök, ErfÖat. l6v 



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§ lo. Die ErbfolgeordDung. 213 

fahigkeit ein. Doch heißt es von dem Kinde aus der zweiten Ehe 
eines Bigamisten, es solle niemandes Erbschaft nehmen außer allein 
die seines Freigelassenen, ^) oder anders ausgedrückt, es sollen diese 
Kinder „eigi arfgeng" sein;*) bezüglich der unehelichen Kinder 
überhaupt aber, dann bezüglich der Minderjährigen und der Geistes- 
kranken steht es nach norwegischem Rechte wesentlich ebenso wie 
nach isländischem. 



$ 10. Die Erbfolgeordnung. 

Das altnordische Recht kennt regelmäßig nur eine Erbfolge 
auf Grund des Geblütsrechtes, während Vergabungen auf den Todes- 
fall nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen ; die Erbfolgeordnung 
ist demgemäß wesentlich durch die Struktur der Verwandtschaft be- 
dingt, was übrigens mancherlei Eigentümlichkeiten im Detail nicht 
ausschließt, wie solche teils durch die Verschiedenheit der Provinzial- 
rechte, teils durch Ungleichförmigkeiten bedingt sind, welche sich 
auf die Stellung der Weiber, del* unehelichen Kinder, oder auf einzelne 
andere Punkte beziehen. 

Es stellt aber zunächst das isländische Recht als eine erste 
AbteUung innerhalb seiner Erbentafel jene 14 Personen hin, welche 
es als „talöir til arfs 1 lögum" bezeichnet,*) also den ersten Grad 
der absteigenden, aufsteigenden und Seitenlinie, und zwar werden 
dieselben in folgender Reihenfolge berufen: der eheliche Sohn, die 
eheliche Tochter, der Vater, der ehelich geborene Bruder vom Vater 
her, die Mutter, die ehelich geborene Schwester vom Vater her, der 
ehelich geborene Bruder von der Mutter her, und die ehelich ge- 
borene Schwester von der Mutter her; ferner von unehelich Geborenen 
der Sohn, die Tochter, der Bruder vom Vater her, die Schwester 
vom Vater her, der Bruder von der Mutter her, endlich die Schwester 
von der Mutter her. Es wird also zunächst die gesamte eheliche 
Verwandtschaft des ersten Grades vor der unehelichen berufen, und 



') GJ)L. 25; FrI)L. III, 10; KrR. Sverris, 64. 

») E1)L. I, 22; II, 18. 

') Konungsbök, 118/218— 19 und 220; StaÖarhölsbök, 56/62 und 64; 
ferner StaÖarhölsbök, 73/97, wozu eine Referenz in der Konungsbök, 118/ 
218—19 und Belgsdalsbök, 45/238 stimmt; daß letztere Stelle ein n^mseli ist, 
wurde schon anderwärts bemerkt. 



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214 



Teil II. Das Erbrecht. 



diese letztere hinwiederum vor den entfernteren Verwandten, wenn 
diese auch ehelich geboren sind; doch wird unter den unehelich 
Geborenen die aufsteigende Linie nicht erwähnt, weil die Regel gilt, 
daß die unehelich geborenen Eltern ihre Kinder ganz ebenso be- 
erben wie die ehelich geborenen, ^) weshalb denn auch innerhalb 
der ersten Gruppe Vater und Mutter ohne irgend einen, auf den 
Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Erzeugung hindeuten- 
den Beisatz berufen werden. Im übrigen wird der absteigenden 
Linie der Vorzug vor der aufsteigenden, und dieser letzteren wieder 
der Vorzug vor der Seitenlinie eingeräumt, und innerhalb der Seiten- 
linie der väterlichen Verwandtschaft oder dem Mannsstamme der 
Vorzug vor der mütterlichen oder dem Weibsstamme ; im allgemeinen 
folgen femer die Weiber unmittelbar hinter den Männern gleicher 
Kategorie, jedoch mit der Ausnahme, daß die Mutter statt unmittel- 
bar nach dem Vater erst nach dem brööir samfeöri eingeschoben 
wird. Daß die Mutter nach einer anderen Stelle *) das Gut, welches 
sie selbst oder eine Person, deren Erbe sie geworden ist, für ihre 
Kinder ausgelegt hat, nach deren Tode selbst mit Ausschließung 
des Vaters zurückerhält, und daß solches sogar, wiederum unter 
Ausschließung des Vaters, ihren übrigen Kindern zufällt, wenn sie 
den Tod des Empfängers nicht erlebt, gehört nicht hierher, da es 
sich insoweit um einen Heimfall handelt und nicht um eine Erb- 
folge ; jene prinzip widrige Zurücksetzung aber der Mutter bleibt um 
so merkwürdiger, als gerade sie sonst zu den Weibern gehört, denen 
am allerersten Konzessionen gegenüber dem älteren^ strengeren 
Weiberrechte gemacht wurden. — Sind Personen des ersten Ver- 
wandtschaftsgrades nicht vorhanden, so geht das Erbe an die ent- 
ferntere Verwandtschaft, innerhalb deren jedoch nach unserer 
Erbentafel nur noch die echte Geburt berücksichtigt wird;*) aber 
auch bei der entfernteren Verwandtschaft sind wieder mehrere 
Gruppen voneinander zu unterscheiden. Zunächst folgen Vatervater 
und Muttervater, Sohnessohn und Tochtersohn ; zunächst nach diesen 
Vatermutter und Muttermutter, Sohnestochter und Tochtertochter; 
drittens sodann Vaterbruder und Mutterbruder, Bruderssohn und 
Schwestersohn ; endlich viertens Vaterschwester und Mutterschwester, 



*) Konüngsbök, 127/247; StaÖarhölsbök, 66/85. 

*) Konüngsbök, I18/220 und 221—22; StaÖarhölsbök, 57/64—5 und 
65—66. 

') Konüngsbök, 118/219— 20; StaÖarhölsbök, 56/64 und 73/97 ; ßclgs- 
dalsbök, 45/238—39 und die Referenz in der Konüngsbök, 118/218—19- 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 215 

Bruderstochter und Schwestertochter. Es ist also der zweite Grad 
der aufsteigenden und absteigenden Linie, und der erste und 
zweite ungleiche Grad der Seitenlinie, welcher insoweit berufen 
wird, und zwar so, daß die aufsteigende und absteigende Linie neben- 
einander berufen werden, beide aber der Seitenlinie vorgehen und 
daß dabei zwischen dem Mannsstamme und Weibsstamme nicht 
unterschieden wird, aber die Männer stets vor den Weibern berufen 
werden. Sind aber auch Personen dieser Grade nicht vorhanden, 
so sollen sofort die Geschwisterkinder zum Zuge kommen, und zwar 
die broeörüngar und systrüngar, selbstverständlich also auch die 
systkinaböm, ganz gleichmäßig, jedoch mit der Einschränkung, daß, 
wenn Verwandte dieses Grades sowohl von der Vatersseite als von 
der Mutterseite her vorhanden sind, zunächst zwischen der Vatersseite 
und der Muttersseite nach Hälften geteilt wird, und dann erst inner- 
halb jeder Seite nach Köpfen die weitere Teilung erfolgt Auch 
scheint der etwas später ausgesprochene Grundsatz hierher be- 
zogen werden zu müssen, daß bei gleicher Gradesnähe jederzeit 
der Mann dem Weibe vorzugehen habe. Es folgt demnach auf den 
ersten und zweiten ungleichen Grad der Seitenlinie deren zweiter 
gleicher Grad, und wiederholt sich dabei sowohl der Vorzug 
der Männer vor den Weibern, als die Gleichstellung des Manns- 
stammes mit dem Weibsstamme, ganz wie beides bei der vorigen 
Gruppe vorgekommen war; wenn aber die eigentümliche Teilung 
der Vatersseite und Muttersseite nach Hälften statt nach Köpfen 
hier erwähnt wird, während sie bei der vorigen Gruppe unerwähnt 
geblieben war, so mag dabei möglicherweise nur eine Ungeschick- 
lichkeit des Ausdruckes zu Grunde liegen, indem bei der zweiten 
Gruppe eine Regel besprochen wurde, welche doch auf beide Gruppen 
ganz gleichmäßig Anwendung zu finden hatte. Ich erinnere aber 
daran, daß auch das isländische Baugatal die baugar bei den Ge- 
schwisterkindern endigen läßt, und dabei ebenfalls die broeörüngar, 
systkinasynir und systrüngar sich völlig gleichstellen ; hält man hieran 
fest und berücksichtigt man weiterhin, daß die Wergeidstafel eben- 
falls den Mannsstamm und Weibsstamm zusammengeworfen hat, so 
ist klar, daß die soeben besprochenen beiden Gruppen zusammen- 
genommen das alte bauggüdi und nefgildi nach Abzug der tölumenn 
umfassen. Noch weiter herab läßt sich die Parallele mit der Wer- 
geldstafel führen, wenn man nur berücksichtigt, daß in dieser die 
Weiber keine Stelle fanden. Den ersten baugr nehmen Vater, Sohn 
und Bruder, und den vierten die Geschwisterkinder; den zweiten 



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2l6 Teil II. Das Erbrecht 

baugr aber nehmen Großvater und Enkel und den dritten Oheim 
und Neffe. Die Zusammenstellung also des zweiten Grades der auf- 
und absteigenden Linie und die Bevorzugung beider vor der Seiten- 
linie, dann die Abtrennung des ersten und zweiten ungleichen Grades 
von dem zweiten gleichen innerhalb dieser letzteren, kehren ebeo- 
falls in der Wergeldstafel wieder. Sind nun aber auch keine Ver- 
wandte des zweiten gleichen Grades vorhanden, so soll „hinn 
nänasti niör frj als bor in na man na, ok arfgengr" berufen 
werden, d. h. der nächste Verwandte, wenn er nur freigeboren und 
ehelicher Abkunft ist; jedoch erleidet dieser Satz eine zweifache 
Einschränkung, indem bei gleicher Nähe der Verwandtschaft stets 
die Männer den Weibern vorgehen sollen, und wenn gleichnahe 
Verwandte aus verschiedenen Linien (knerunnar) vorhanden waren, 
unter ihnen nach Stämmen und nicht nach Köpfen zu teilen war, 
was man „deildararfr** nannte. Der letztere Satz sollte dabei ganz 
gleichmäßig zum Zuge kommen, ob nun Männer mit Männern oder 
Weiber mit Weibern konkurrierten. Nach welchen Grundsätzen 
sich die Nähe der Verwandtschaft unter diesen entfernteren Ver- 
wandten bemesse, wird uns nicht ausdrücklich gesagt; da aber ein 
Vorzug der einen Linie vor der anderen durch die Vorschrift der 
gleichen Teilung unter allen Linien bei gleicher Nähe der Verwandt- 
schaft schlechthin ausgeschlossen ist, von einem Vorzuge des Manns- 
stammes vor dem Weibsstamme mit keinem Worte gesprochen wird, 
endlich die ganze Struktur der Verwandtschaft auf die deutsche 
oder kanonische Komputationsweise gebaut ist, kann keinem Zweifel 
unterliegen, daß lediglich diese für die Berechnung der Grade zu- 
grunde zu legen ist. In der Tat hat diesen Punkt bereits Schlegel 
richtig hervorgehoben, wogegen Vilh. Finsen durch Hereinziehung 
der römischen Komputation das Verständnis der isländischen Suk- 
zessionsordnung wieder einigermaßen getrübt hat Unbegründet 
scheint, wenn Vilh. Finsen bei der entfernteren Verwandtschaft nur 
noch die Seitenlinie berücksichtigt wissen will, dagegen weder die 
aufsteigende noch die absteigende Linie; da der Ausdruck niöjar 
für die Deszendenz sowohl als Aszendenz oft genug gebraucht wird, 
liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß unter dem nänasti mir 
ihre Angehörigen nicht mit inbegriffen sein sollten, und wird sich 
nach dem über die Großeltern und Enkel Bemerkten vielmehr an- 
nehmen lassen, daß die aufsteigende und absteigende Linie bei 
gleicher Gradesnähe sich gleichstellt, aber beide gemeinsam dem be- 
treffenden Grade der SeitenUnie vorgezogen wurden. Im übrige^ 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 217 

aber galt der Vorzug des Grades unbeschfänkt, so daß von keinem 
Repräsentationsrechte die Rede war. 

Die aus der Erbschaftstafel gewonnenen Ergebnisse bedürfen 
nun aber noch teils einer näheren Erläuterung und Vervollständigung 
in Bezug auf einzelne Punkte, teils auch einer Ergänzung in Bezug 
auf einzelne Wandlungen, welche das isländische Recht im Verlaufe 
der Zeiten durchgemacht hat Zunächst ist klar, daß von der Regel, 
nach welcher die aufsteigende Linie mit der absteigenden gleichge- 
stellt ist, beim ersten Grade eine Abweichung gemacht wird, indem 
nicht nur der Sohn, sondern auch die Tochter vor dem Vater, nicht 
neben oder nach ihm berufen wird; es erklärt sich die Abweichung 
indessen, wenn man berücksichtigt, daß die Beerbung der Eltern 
durch die Kinder als das natürliche erschien,^) wogegen es als un- 
natürlich angesehen wurde, wenn Eltern ihre eigenen Kinder über- 
lebten. Klar ist ferner, daß auch von der weiteren Regel, daß bei 
gleicher Nähe des Grades der Mann dem Weibe vorgehe, wogegen 
das Weib den entfernter stehenden Mann ausschließt, beim ersten 
Grade eine Ausnahme gemacht wird, indem die Mutter nicht un- 
mittelbar nach dem Vater berufen wird, sondern erst hinter dem 
brööir samfeöri; man möchte fast annehmen, daß hier ein Überrest 
älteren Rechtes vorliege, nämlich aus einer Zeit, welche die Mutter 
noch allein unter allen Weibern zum Erbrechte zugelassen hatte, und 
daß diese anfängliche Begünstigung derselben erst hinterher zu einer 
Benachteiligung derselben geworden sei, indem man bei späterer 
weiterer Ausdehnung des Erbrechtes der Weiber die Mutter ver- 
kehrterweise an der ihr einmal angewiesenen Stelle stehen ließ. Ein 
paar anderweitige Stellen, welche man etwa zur Erklärung heran- 
ziehen könnte, helfen nicht viel weiter. Wenn die Rechtsbücher 
gelegentlich aussprechen, daß Eheleute, welche miteinander in Güter- 
gemeinschaft leben, auch den Nachlaß ihrer versterbenden Kinder 
nach Maßgabe ihres Anteiles am gemeinen Gute teilen sollen,*) so 
möchte ich darauf, anders als Vilh. Finsen dies tut,'*) gar kein Ge- 
wicht legen; die Vorschrift erscheint mir als eine Folge der be- 
stimmten Gestaltung des ehelichen Güterrechtes, nicht aber erbrecht- 
licher Natur, wie sie denn auch als erbrechtiiche Satzung vollkommen 
unorganisch wäre, da sie ein gleichzeitiges Erbrecht beider Eltern 



*) vgl. Ft^L. VlII, I: ef at sköpum ferr, — ef illa verÖr. 
*) Konüngsbök, 154/46; StaÖarhölsbök, 143/176. 
') Annaler, 1849, S. 296. 



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2i8 Teil II. Das Erbrecht 

gegenüber ihren Kindern statuieren würde. Wiederum hat Schlegel 
darauf aufmerksam gemacht, daß eine geschichtliche Quelle in der 
zweiten Hälfte des lo. Jahrhunderts die Hallfriör porkelsdöttir, nach- 
dem ihr Mann Vigfüss unter Hinterlassung eines Sohnes und kurz 
darauf auch dieser Sohn gestorben war, die Hälfte seiner Erbschaft 
nehmen läßt, während deren andere Hälfte an des Vigfüss Bruder, 
Glümr und an die überlebende Mutter beider Brüder, Astriör, ficl.M 
Das letztere erklärt sich einfach, da Glümr zur betreflfenden Zeit 
noch minderjährig war und seine Mutter somit als seine Vormünderin 
in Betracht kommen konnte ; aber nach unseren Rechtsbüchem hätte 
Hallfriör, da ihr verstorbenes Kind weder Vater, noch Kinder, noch 
Geschwister hinterließ, dasselbe allein zu beerben, und nicht mit 
dessen Vaterbruder die Erbschaft zu teilen gehabt Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ist indessen nur der Ausdruck unserer Stelle ein 
ungenauer, und berichtet dieselbe nicht juristisch präzis über die 
Auseinandersetzung des letzten Erbfalles, sondern über das Gesamt- 
schicksal des Vermögens im Hause des alten Eyjülfr; dieses war, da 
ein dritter Sohn schon gelegentlich seiner Verehelichung abge- 
schichtet worden war, zwischen Glümr und Vigfüss in zwei Hälften 
gegangen, und war die Hälfte des Vigfüss nach seinem und seines 
Kindes Tod auf die Hallfriör übergegangen. So verstanden steht 
die Stelle aber mit unseren Rechtsquellen völlig in Einklang. End- 
lich kommt noch eine weitere Stelle einer anderen Geschichtsquelle 
in Betracht, welche von einem um das Jahr 960 spielenden Vor- 
gange berichtet*) In jenem Jahre ertrank der angesehene Häuptling 
I)orsteinn surtr zugleich mit seiner Tochter Ösk, ihrem Manne 
pörarinn und ihrer Tochter Hildr, und von der Reihenfolge, in 
welcher diese vier Personen den Tod gefunden hatten, hing ab, wer 
ihrer aller Erbe sein solle; da hatte nun der Mann der zweiten 



') Vigaglüma, 5/334; der Stammbaum ist folgender: 
O Eyjülfr A Astriör 

A Hallfriör Q Vigfüss Q Glümr 

^) Laxdoela, 18/56 — 58; der Stammbaum ist dieser: 

I {>orsteinn surtr 



Q Jörarinn A Ösk GuÖriör A O I>orkell trefiU 



O^' 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 210 

Tochter des I)orsteina, der Guöriör, einen aus dem Schiffbruche ge- 
retteten Mann zu der Aussage bestimmt, daß zuerst porsteinn, dann 
pörarinn, dann Hildr und zuletzt erst Ösk den Tod gefunden habe, 
weil bei dieser Reihenfolge der Guöriör nicht nur die Erbschaft ihres 
Vaters, sondern auch die ihrer Schwester und ihres Schwagers zu- 
fiel Damals also mußte nicht nur die Mutter ihr Kind, sondern 
auch die Tochter ihren Vater und die Schwester ihre Schwester 
bereits beerbt haben, wenn anders der Bericht unserer Quelle ver- 
lässig ist, was ich um so weniger bezweifeln möchte, als im An- 
schlüsse an denselben der höchst merkwürdige Bericht über die 
Verwendung des Ganges unter den Rasenstreifen als Bestärkungs- 
mittel eines Zeugeneides mitgeteilt wird, dessen oben schon gelegent- 
lich zu erwähnen war. — Weiterhin ist noch als auffällig zu be- 
merken, daß sich zwar unter den Geschwistern der Vorzug der 
consanguinei vor den uterini sehr energisch gewahrt zeigt, soferne 
ihm sogar der Vorzug des männlichen Geschlechtes vor dem weib- 
lichen weichen muß, daß aber schon beim zweiten Grade der auf- 
und absteigenden Linie, dann beim ersten und zweiten ungleichen 
Grade der Seitenlinie weder von einem Vorzuge der väterlichen 
Verwandtschaft vor der mütterlichen, noch überhaupt von einem 
Vorzuge des Mannsstammes vor dem Weibsstamme mehr die Rede 
ist Berücksichtigt man, daß in Bezug auf anderweitige verwandt- 
schafdiche Berechtigungen dieser Vorzug auch auf die entfernteren 
Grade sich erstreckt und daß in der Wergeldstafel augenscheinlich 
erst hinterher nefgildi und bauggildi zu einer Einheit zusammenge- 
zogen wurden, so wird man wohl den Schluß ziehen dürfen, daß 
auch im Erbrechte jene Gleichstellung des Weibsstammes mit dem 
Mannsstamme erst späteren Rechtes sein werde. — Als zweifelhaft 
mag ferner gelten, ob die Teilung zu gleichen Hälften unter Vater- 
freunden und Mutterfreunden, wie sie für die Geschwisterkinder aus- 
drücklich vorgeschrieben ist, auch für andere Verwandte, und zwar 
entfernteren sov/ohl als näheren Grades, gelten solle, und ob hin- 
wiederum die Teilung nach Linien statt nach Köpfen, wie solche 
für die entferntere Verwandtschaft angeordnet ist, umgekehrt auch 
für die nähere Anwendung zu finden hat Das letztere wenigstens 
will mir wahrscheinlich vorkommen, und lassen sich die am Schlüsse 
der ganzen Materie stehenden Regeln auch ganz gut auf das Vor- 
hergehende in weiterem Umfange beziehen; für die erstere Annahme 
dagegen dürfte jeder Anhaltspunkt fehlen. — Endlich darf hier noch- 
mals in aller Kürze auf die früher schon hervorgehobenen Entwick- 



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220 Teil II. Das Erbrecht. 

lungsstufen in der Berechtigung der unechten Geburt erinnert werden, 
von welchen ja unsere Rechtsbücher noch deutlich Zeugnis geben. 
Während die Terminologie derselben, indem sie Ausdrücke wie arf- 
gengr, til arfs alinn, arfborinn für die ehelich Geborenen als solche 
verwendet, noch deutlich an eine Zeit erinnert, in welcher der un- 
echten Geburt alles Erbrecht fehlte, und auch sonst noch einzebe 
Stellen als Überbleibsel derselben Entwicklungsstufe sich darstellen, 
läßt unsere Erbentafel dieselbe innerhalb des ersten Grades der auf- 
steigenden, absteigenden und Seitenlinie zum Erbrechte zu, sofeme 
nur ehelich Geborene des gleichen Grades nicht vorhanden sind. 
Es ist bereits erwähnt worden, daß eine weitere Stelle auf ganz 
demselben Standpunkte steht, welche die unecht Geborenen dann 
zur Erbfolge beruft, „ef engi lifir |>eirra manna, er til arfe ero taldir 
i lögum" ; ^) erwähnt wird aber auch, daß eine dritte, nur in der 
StaÖarhölsbök enthaltene Stelle von einer weiteren Ausdehnung der 
Rechte der unechten Geburt Zeugnis gibt, *) indem sie in Ermange- 
lung echt geborener Verwandter innerhalb des dritten gleichen 
Grades einschließlich die unecht geborenen Verwandten bis zu dem- 
selben Grade beruft, und zwar ganz in derselben Ordnung, in welcher 
die echt geborenen Verwandten berufen werden. 

Ungleich minder durchsichtig als die Bestimmung des isländi- 
schen Rechtes sind die der norwegischen Provinzialrechte, 
und wird die Schwierigkeit ihrer richtigen Auffassung dadurch sehr 
gesteigert, daß erstens zwischen den beiden uns einigermaßen voll- 
ständig erhaltenen Rechtsbüchern keine völlige Übereinstimmung 
besteht, und daß zweitens nach beiden die fiir die gewöhnliche Erb- 
folge geltenden Regeln in ihrer Anwendung auf die Stammgutsfolge 
nicht unerheblich modifiziert waren. Ich lasse aber die Eigentüm- 
lichkeiten der Stammgutsfolge vorläufig ganz außer Betracht, und 
halte mich lediglich an die gewöhnliche Erbfolge. 

Es soll aber nach den Gula|)ingslög*) an erster Stelle der 
Sohn den Vater beerben, oder der Vater den Sohn, wenn beide zu 
verschiedener Zeit sterben; aus ein paar anderen Stellen ergibt sich 
hierzu die Vervollständigung, daß die Kinder ihre Mutter in ganz 
derselben Weise beerben wie ihren Vater.*) An zweiter Stelle soll 

*) Koniingsbök, 143/24; Staftarholsbök, 1 16/149. 

2) StaÖarholsbok, 80/102. 

^) GI)L. 103-5. 

*) ebenda, 53 und 63. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung.* 221 

sodann die Tochter erben, und neben ihr der Sohnessohn, beide zu 
gleichen Hälften ; sollten aber. Nachkommen (börn, d. h. Nachkommen 
männlichen Geschlechts) nicht vorhanden sein, so erbt neben ihr in 
gleicher Weise der Vatervater; der dabei gemachte Zusatz: „ok 
verör hon aura arve, enn hann oörla", soll erst später seine Erklärung 
finden. An dritter Stelle beerbt der Bruder den Bruder, und be- 
erben sich auch Geschwister verschiedenen Geschlechts (systkin), 
vorausgesetzt nur, daß sie „samfeöra", und ehelicher Abkunft sind. 
An vierter Stelle beerbt die Mutter ihre Kinder, und lautet der sie 
betreffende Satz: „sü er hin fjöröa (erfö), er mööir verör magar arve". 
An fünfter Stelle erben der Vatersbruder und der Bruderssohn, einer 
den anderen; sie nehmen aber beide eines Mannes Erbe, wenn es 
sich so trifft, d. h. wenn der Erblasser zugleich einen Vatersbruder 
und einen Bruderssohn hinterläßt, so beerben ihn beide zugleich. 
An sechster Stelle erben die Söhne von Brüdern (broeöra synir), und 
neben ihnen der brööir sammoeöra, falls ein solcher vorhanden ist, 
wobei wieder die später erst zu erklärende Vorschrift wiederkehrt: 
„verör hann aura arve, en t)eir oörla". An siebenter Stelle treten 
die Söhne ein, vorausgesetzt, daß sie nicht legitimiert sind, jedoch 
ohne Unterschied zwischen ihren verschiedenen Klassen; dagegen 
wird der unehelich geborenen Töchter ebensowenig gedapht wie der 
entfernteren unehelichen Verwandten. An achter Stelle folgen so- 
dann „|)eir menn, er naestir eru brceöra sonum, hvärr eftir annan", 
also die Nachgeschwisterkinder vom Mannsstamme und männlichen 
Geschlechts untereinander, oder der dritte gleiche Grad. Nun kommt 
an neunter Stelle der Muttervater und Tochtersohn ; dann an zehnter 
Stelle der Mutterbruder und Schwestersohn „hvärr eptir annan". An 
elfter Stelje folgen sodann die systkinasynir, also die Söhne einer 
Vatersschwester oder eines Mutterbruders, an zwölfter Stelle die 
systrasynir, also die Söhne einer Mutterschwester; an dreizehnter 
Stelle steht die „üborins erfö", d. h. das Erbrecht des Ungebore- 
nen, mit welchem es folgende Bewandtnis hat Stirbt eine Frau, 
die nach dem Zeugnisse zweier anderer Hausfrauen in der Hoffnung 
ist, so gilt das ungeborene Kind als Erbe der „tilgjöf", wogegen die 
„heimanfylgja" an die Erben der Verstorbenen hinauszugeben ist. 
Es handelt sich also nicht um ein beim Tode der Mutter noch lebend 
zur Welt gekommenes Kind, sondern um eine ausgetragene Leibes- 
frucht, welche mit der sterbenden Mutter zugrunde geht; da unter 
der heimanfylgja die Mitgift der Frau zu verstehen ist, unter der 
tilgjöf aber die Widerlage, welche der Ehemann ihr gegenüber aus 



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222 Teil II. Das Erbrecht. 

seinem eigenen Vermögen macht, so ist überdies auch klar, daß das 
Erbe des Ungeborenen überhaupt kein Erbe ist, und in das eheliche 
Güterrecht, nicht in das Erbrecht gehört Nach seiner Besprechung 
folgt nun aber der schwer verständliche Satz: „Nu ero fraenderfSir 
allar taldar; |)eir skolo fyrst er taldir ero, ok aUir aörir jamnnänir, 
fyrr en undir konüng gange". Zweifellos will mit demselben gesagt 
sein, daß die Erbfolge auf Grund der Verwandtschaft durch die bis- 
herige Aufzählung erschöpft sei, daß sie also über den dritten gleichen 
Grad nicht hinausreiche; dagegen ist schwer zu bestimmen, welche 
Leute unter denen „er taldir ero", und welche unter den „allir aörir 
jamnnänir" zu verstehen seien, und möchte man fast meinen, daß 
hier eine Korruptel des Textes vorliege. Unter denen, „er taldir ero", 
möchte man zunächst an die mit denselben Worten bezeichnete 
Klasse des isländischen Rechts denken, und hierzu stimmt ganz 
wohl, daß von ihnen gesagt wird, daß sie „fyrst", d. h. in erster 
Linie, das Erbe nehmen; aber mit dieser Deutung ist unvereinbar, 
daß außer den so bezeichneten Personen nur noch die „jamnnänir" 
folgen sollen, ehe der Nachlaß an den König fällt, worunter doch 
nur gleich nahe Verwandte verstanden werden können. So wird 
also nichts übrig bleiben, als unter den „taldir" alle unter den voran- 
gehenden 13 Nummern aufgezählten Personen zu verstehen, unter 
den „jamnnänir" aber die im nächstfolgenden Paragraphen genannten; 
unter dieser Voraussetzung aber wird sehr auffällig, daß mitten in 
der Erbschaftstafel gesagt sein soll, daß der Nachlaß erst dann an 
den König fallen solle, wenn weder die bereits aufgezählten, noch 
auch die erst noch aufzuzählenden Verwandten vorhanden seien, 
während doch dieser Satz augenscheinlich erst an den Schluß der 
Tafel gehört, und noch auffälliger, daß derselbe durch die Bemerkung 
eingeleitet wird „nü ero fraenderföir allar taldar", wie wenn er wirk- 
lich am Schlüsse des ganzen stände. Man möchte auf eine Umge- 
staltung des Textes raten, wie sie bei der Herstellung unserer Kom- 
pilation aus zwei ganz verschiedenen Redaktionen desselben wohl 
sich ergeben konnte, und die Betrachtung des folgenden Paragraphen 
dürfte in der Tat diese Annahme bestärken. Unter der Überschrift 
„fraenderföir" folgt aber zunächst eine Reihe von Bestimmungen all- 
gemeiner Art Sind keine „tölumenn" da, heißt es, dagegen Leute 
aus dem Mannsstamme (höfuöbarmr) und aus dem Weibsstamme 
(kvennsvift), und alle dem Grade gleich nahe, so sollen die vom 
Mannsstamme das Erbe nehmen ; sind dagegen die vom Weibsstamme 
näher, so sollen sie es haben. Wo immer ein Grad in der Erben- 



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§ lo. Die Elrbfolgeordnung. 223 

tafel sich ergibt (verör kneskot f erföum)/) da soll der das Erbe 
nehmen, welcher der nähere ist Findet jemand aber seine Stelle 
in der einen Linie (kvfsl), aber nicht in der anderen, so steht es 
ebenso, wie wenn er in beiden seine Stelle fände, d. h. doppelte 
Verwandtschaft gilt nicht mehr als einfache. Sind aber keine „tölu- 
raenn" vorhanden, dagegen Leute, welche gleich nahe verwandt sind 
wie diese (jamnnänir tölumönnum), da sollen die das Erbe nehmen, 
welche gleich nahe verwandt sind mit den vorhin Aufgezählten. Die 
Sohnestochter nimmt zuerst unter den unaufgezählten Weibern das 
Erbe. Nach diesen allgemeineren Bestimmungen nimmt sodann unser 
Text einen neuen Anlauf, um zu dem speziellen Gegenstande zu ge- 
langen, welchen der Schluß jener ersteren bereits angekündigt hatte; 
er fährt nämlich fort: „Nun folgt das, was die nehmen sollen, welche 
nicht aufgezählt sind", und beruft für den Fall, daß niemand von 
den Aufgezählten vorhanden sein sollte, in erster Linie die Sohnes- 
tochter und Vatermutter, an zweiter Stelle die Vatersschwester und 
Sohnestochter, an dritter Stelle die Töchter zweier Brüder (broeöra 
doetr), an vierter Stelle die unehelichen Töchter (frillu doetr), an 
fünfter Stelle aber die Weiber, deren Väter Söhne von Brüdern waren ; 
weiterhin werden dann aber noch berufen die Muttermutter und 
Tochtertochter, nach ihnen die Mutterschwester und Schwestertochter, 
nach ihnen die Töchter von Geschwistern verschiedenen Geschlechts 
(systkina doetr), endlich nach diesen die Töchter zweier Schwestern 
(systra doetr). Weiter reicht die Erbentafel nicht; vielmehr folgt nun 
zunächst die Erklärung, daß bei der großen Mannigfaltigkeit der 
denkbaren Verwandtschaftsverhältnisse niemand eine völlig er- 
schöpfende Erbentafel zu entwerfen vermöge, und daß man darum 
in der Praxis sich nach Analogie der aufgestellten Regeln helfen 
müsse, weiterhin aber der Schlußsatz: „Nun sind alle die aufgezählt, 
welche den in der Männererbentafel (i karlerföum) Aufgezählten gleich 
nahe stehen; es soll jede dieser Personen stets an der Stelle Erbe 
nehmen, an welcher sie aufgezählt ist, nur daß die Tochter früher 
Erbe nimmt als der Vater." — Man sieht, die Überschrift „frasnderföir" 
weist auf eine Abteilung der Erbentafel hin, welcher eine andere 
gegenüberstehen muß, die wir nur in den „tölumenn" oder „taldir** 



^) Kneskot darf an unserer SteUc nicht, wie GuÖbrandr Vigfüsson h. v. 
will, mit: „a disbonour, bumiliation, ofamember of a family" wiedergegeben werden, 
londcrn mitEirikrJönsson h. v. mit : „Forskjel af set Slaegtled". In der S n o r r a - 
Edda, II, S. 493 figuriert „skotblaÖ" unter den „säÖsheiü" und wird von beiden 
Lexikographen ganz richtig als das Keimblatt der Ähre erklärt 



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224 



Teil II. Das Erbrecht. 



erkennen können. Zu den fraenderföir werden dabei Leute vom 
Mannsstamme wie vom Weibsstamme berufen, jedoch immer erst 
dann, wenn tölumenn nicht vorhanden sind ; aber doch werden hinter- 
her unter der Bezeichnung „jamnnänir tölumönnum" nur Weiber von 
denselben Verwandtschaftsgraden aufgezählt, in welchen die vorher 
schon aufgezählten Männer standen, während die Bezeichnung 
fraenderföir doch auf etwas ganz anderes hinzuweisen scheint als aui 
eine bloße Parallele zu den karlerf5ir, und auch die bezüglich der- 
selben aufgestellten allgemeinen Vorschriften keinen Sinn haben, 
wenn sie sich nur auf jene „jamnnänir tölumönnum" beziehen sollen. 
Dagegen würde der Gegensatz seinen vollkommen befriedigenden 
Sinn erhalten, wenn wir unter den tölumenn dasselbe verstehen 
dürften, was das isländische Recht unter den taldir til arfs i lögum 
versteht, nämlich die Verwandten des ersten Grades, unter den fraendr 
dagegen die entferntere Verwandtschaft; in diesem Falle würde sehr 
wohl verständlich, daß gelegentUch der fraenderföir erst die allge- 
meinen Bestimmungen über die Sukzessionsordnung vorgetragen 
worden wären, und dürfte man sjch überdies daran erinnern, daß 
auch im schwedischen Rechte die fraender gelegentlich dem Sohne, 
Vater und Bruder als gesonderte Kategorie gegenübergestellt werden. 
Die Regeln selbst, welche für die Ordnung der entfernteren Ver- 
wandtschaft aufgestellt werden, sind ferner ganz anders, als welche 
der Aufzählung der einzelnen Verwandtschaftsgrade zugrunde liegen; 
nach ihnen soll der Mannsstamm bei gleicher Gradesnähe dem 
Weibsstamme vorgehen, aber hinwiederum der nähere Grad des 
Weibsstammes den entfernteren des Mannsstammes ausschließen, die 
Erbentafel selbst aber läßt den fööurbrööir und brööursonr an fünfter 
Stelle, dagegen den mööurbrööir und systursonr erst an zehnter 
Stelle sukzedieren, also nach den Greschwisterkindem und Nach- 
geschwisterkindern des Mannsstammes u. dgL m. Es bleibt dem- 
gegenüber nur eine doppelte Möglichkeit, sofeme entweder die auf- 
gestellten Regeln sich auf die vorher besprochenen Verwandtschafts- 
grade, die im ganzen dem bauggildi und nefgildi entsprechen, be- 
ziehen müssen, oder aber auf die entferntere Verwandtschaft jenseits 
des bauggildi und nefgildi; im einen wie im anderen Falle aber 
müßten sie sich auf eine ganz anders geartete Erbentafel beziehen 
als die uns vorliegende, soferne diese ersterenfalls im bauggildi und 
nefgildi die Verwandten in einer anderen Reihenfolge aufgezählt, 
anderenfalls aber der Sukzessionsberechtigung der entfernteren Ver- 
wandtschaft doch irgendwie gedacht haben müßte. Wunderlich ist 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 225 

ferner, daß in den Schlußworten der ganzen Erbentafel eine Korrektur 
ihrer selbst gegeben wird, indem hier die Tochter vor dem Vater 
berufen werden will, welchem sie doch vorher ausdrücklich nach- 
gesetzt ist Endlich ist auch ein Mangel an Parallelismus in der 
Erbentafel auffallig. Es werden nämlich zwar an achter Stelle die 
naestir brceöra sonum aufgeführt, aber unter Nummer elf und zwölf 
nur die systkinasynir und systrasynir, dann unter den jamnnänir zwar 
die „konor l)aer, er feör l)eirra vära brceöra synir", d. h. die broeörünga- 
doetr, aber hinterher nur die systkinadcetr und systradoetr, so daß 
also hier wie dort der Weibsstamm mit dem zweiten, der Manns- 
stämm mit dem dritten gleichen Grade schließt. So ist denn auch 
von erheblicher Bedeutung, daß die Erbentafel der GpL. von der 
des isländischen Rechtes so vielfach abweicht, während wir 
doch wissen, daß dieses letztere Recht sich erst um das Jahr 930 
von dem des GulaJ)inges abzweigte. Keinen Wert lege ich freilich 
auf die ungleiche Behandlung der unechten Geburt in beiden 
Rechten. Allerdings berücksichtigen die GpL. nur die unehelichen 
Kinder, nicht wie das isländische Recht auch noch die unehelichen 
Geschwister, oder vollends auch noch alle übrigen unecht geborenen 
bis zum dritten gleichen Grade, und berücksichtigen überdies jene 
selbst die unechten Kinder erst nach den ehelich geborenen Ge- 
schwisterkindern, während dieses alle unecht Geborenen des ersten 
Grades nach dem ersten Grade der ehelichen Geburt beruft. Aber 
insoweit haben wir es ja mit einer Kategorie von Verwandten zu 
tun, die nachweisbar erst spät und nur allmählich ihre Anerkennung 
sich errang, und erklärt sich somit leicht, daß in dieser Beziehung 
das isländische Recht weiter vorgeschritten sich zeigt als das norwegi- 
sche. ÄhnUch steht die Sache auch bezüglich der Berücksichtigung 
der Weiber. Während das isländische Recht konsequent die 
Weiber unmittelbar hinter den Männern des gleichen Grades beruft, 
und von diesem Prinzipe nur hinsichtlich der Mutter eine Ausnahme 
macht, behandeln die GpL. die Weiber ungleich härter, und zugleich 
durchaus inkonsequent. Die Tochter wird nicht nur hinter den 
Sohn, sondern auch hinter den Vater zurückgestellt, und muß sogar, 
wenn sie in Ermangelung beider sukzediert mit dem Sohnessohne 
und Vatervater teilen; erst ein späteres Einschiebsel läßt sich vor 
dem Vater einreihen, wie dies nach isländischem Rechte der Fall 
war. Die soror consanguinea dagegen erbt, wie auf Island, gleich 
hinter dem frater consanguineus, während die soror uterina voll- 
ständig vergessen ist Die Mutter wird nicht nur, wie auf Island, 

Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. I5 



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226 Teil II. Das Erbrecht 

hinter dem frater consanguineus berufen, sondern sogar erst hinter 
der soror consanguinea, welcher ae auf Island voi^eht. Alle ent- 
fernter verwandten Weiber endlich, werden erst hinter den Männern 
des dritten gleichen Grades vom Mannsstamme als eine Gesamtheit 
berufen, was denn doch deutlich erkennen läßt, daß ihnen erst weit 
später als jenen näher verwandten ein Erbrecht eingeräumt wurde. 
Auch an diesem Punkte weist die Verschiedenheit beider Rechte 
deutlich auf eine Zeit hin, da die Weiber vom Erbrechte noch völlig 
ausgeschlossen waren, und auch hier wieder zeigt sich das isländi- 
sche Recht weiter fortgeschritten ; auffällig aber ist, daß das isländi- 
sche Recht trotz aller sonstigen Abweichungen von den GI)L. doch 
der Mutter bereits genau dieselbe Stelle, hinter dem frater consan- 
guineus, anweist wie diese, während doch diese Stelle zu seinem 
sonstigen Prinzipe hinsichtlich der Behandlung der Weiber keines- 
wegs stimmt Berücksichtigen wir nun, daß gerade das Erbrecht der 
Mütter in den GpL. sowohl als FrpL. durch die altertümliche Be- 
zeichnung „l)ä verör mööir magar arfi" als ein uraltes sich erweist, zu- 
mal da bei keines anderen Weibes Erbrecht eine ähnliche technische 
Bezeichnung sich findet, so liegt die Vermutung nahe, daß zu der Zeit, 
da das isländische Recht sich von dem des Gula|)inges abzweigt 
also um das Jahr 930, das Erbrecht der Mutter zwar bereits in diesem 
letzteren anerkannt war, aber auch nur dieses. Setzt man voraus, 
wie man doch wohl darf, daß dazumal auch die mütterliche Ver- 
wandtschaft noch kein Erbrecht besaß, also der frater uterinus noch 
keine Stelle in der Erbentafel hatte, so wird die der Mutter einge- 
räumte Stellung sehr begreiflich; sie stand am Schlüsse der tölu- 
menn im älteren Sinne des Wortes, und nach ihres Sohnes Erben, 
wenn solche nicht vorhanden waren, unmittelbar vor dem bauggildi. 
FreiUch zeigt die oben besprochene Stelle der Laxdcela, daß schon 
drei Jahrzehnte später, um 960, neben dem Erbrechte der Mutter 
auch das der Tochter und der Schwester auf Island anerkannt war; 
aber es läßt sich ja wohl denken, daß gerade die Ülfljötslög es 
waren, welche, neben so manchen anderen Modifikationen des aus 
Norwegen überkommenen Rechtes, auch jene erste Erweiterung des 
Weiberrechtes eingeführt haben mochten, und daß von da ab dessen 
Entwicklung bereits in Norwegen und auf Island verschiedene Wege 
ging. Eine dritte Verschiedenheit bezieht sich femer auf den Vor- 
zug des Mannsstammes vor dem Weibsstamme. Das isländi- 
sche Recht weiß von einem solchen nur in Bezug auf den frater 
consanguineus und die soror consanguinea gegenüber den uterini, 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 227 

wogegen es in den entfernteren Graden einen solchen niclit mehr 
anerkennt; die GI)L. dagegen lassen erst den ganzen Mannsstamra 
bis zujn dritten gleichen Grade einschließlich sukzedieren, und dann 
erst den Weibsstamm eintreten, jedoch selbst an dieser Stelle nur 
bis zum zweiten gleichen Grade einschließlich, und wenn zwar auch 
sie den frater uterinus eine Ausnahme machen lassen, so berufen sie 
ihn doch erst neben den Geschwisterkindern vom Mannsstamme, 
nicht aber unmittelbar hinter den consanguinei, wie das isländische 
Recht Das Unorganische dieser Ausnahme in beiden Rechten ist 
klar; aber auch die Regel der GpL. stimmt nicht zu dem oben er- 
wähnten Grundssttze, daß nur bei gleicher Gradesnähe der Manns- 
stamm den Weibsstamm ausschließen solle, wogegen der nähere 
Grad dem entfernteren schlechthin ohne Rücksicht auf diesen Unter- 
schied vorzugehen habe. Wenn wir nun die vorwiegende Nicht- 
berücksichtigung des Gegensatzes zwischen Mannsstamm und Weibs- 
stamm im isländischen Rechte als das Produkt einer späteren Ent- 
wicklungsstufe bezeichnen durften, so liegt die Folgerung nahe, daß 
in den GpL. die Zurücksetzung des gesamten Weibsstammes hinter 
den gesamten Mannsstamm alten Rechtes gewesen sein müsse, wenig- 
stens soweit der Gegensatz des bauggildi und nefgildi reichte, wo- 
gegen die andere Frage eben bleibt, ob nicht etwa schon in der 
älteren Zeit die andere Regel, daß Grad für Grad der Weibsstamm 
dem Mannsstamme auf dem Fuße folge, für die entferntere Verwandt- 
schaft gegolten haben möge. Die abnorme Bevorzugung der uterini 
freilich scheint, wie ihre Behandlung als sakaukar in der Wergeids- 
tafel zeigt, einer noch älteren Zeit anzugehören, in welcher entweder 
ein nefgildi überhaupt noch nicht neben dem bauggildi stand, oder 
doch die mütterliche Verwandtschaft in diesem noch nicht neben 
dem Mannsstamme von der Vatersseite her Platz gefunden hatte; 
die Lozierung des frater uterinus aber neben den Geschwisterkindern 
wäre sehr erklärlich, wenn man annehmen durfte, daß derselbe einer 
Zeit angehörte, in welcher das bauggildi mit den Geschwisterkindern 
schloß, und würde unter dieser Voraussetzung auch das Abbrechen 
des nefgildi mit demselben Grade sich erklären. Was endlich die 
Berechnung der Nähe der Verwandtschaft betrifft, zeigen 
die Gl)L., vom isländischen Rechte abweichend, die aufsteigende und 
absteigende Linie ohne Rücksicht auf die Nähe des Grades der 
Seitenlinie vorgesetzt, und zwar im Weibsstamme sowohl als im 
Mannsstamme, vorbehaltlich nur der dem frater uterinus eingeräumten 
ganz exzeptionellen Stellung; allerdings geht dabei die Erbentafel 

15* 



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228 Teil II. Das Erbrecht. 

nicht Über die Großeltern einerseits und die Enkel anderseits herab, 
aber dies erklärt sich leicht daraus, daß tatsächlich selten jemand 
von seinem Urenkel, oder vollends von seinem Urgroßvater^ beerbt 
werden wird, und ist demnach, da Enkel und Großvater vor den 
Geschwistern erben, immerhin anzunehmen, daß eventuell der gleiche 
Vortritt auch dem Urenkel und Urgroßvater hätte eingeräumt werden 
wollen, wenn man sich veranlaßt gesehen hätte, auch ihrer zu ge- 
denken. Im übrigen scheint der absteigenden Linie bei gleicher 
Gradesnähe der Vorzug vor der aufsteigenden eingeräumt gewesen 
zu sein, wogegen von einem Repräsentationsrechte ebensowenig wie 
auf Island die Rede war. Ebensowenig ist in den GI>L. von einer 
Teilung unter väterlichen und mütterlichen Verwandten nach gleichen 
Hälften, oder von einer Teilung nach Stämmen statt nach Köpfen 
die Rede, wie solche auf Island vorkommt; wenn nämlich Tochter 
und Sohnessohn „hälft hvärr l)eirra" erben sollen, oder Vaterbruder 
und Brudersohn „hvärr eftir annan; taka l)eir bäöir eins manns arC 
ef svä berr til", so ist damit doch wohl nur die gleiche Teilung 
unter beiden Kategorien von Verwandten, aber darum noch nicht 
die Teilung nach Stämmen ausgeschlossen, welche ja auch inner- 
halb jeder einzelnen Kategorie von solchen wirksam werden müßte. 
Wieder anders gestaltet sich die Erbfolgeordnung nach den 
Frostu|)iftgslög, und nahezu ebenso undurchsichtig, wie dies 
nach den GpL. der Fall ist. ') An erster Stelle wird auch hier der 
Sohn, und zwar der legitimierte sowohl als der echt geborene,* zur 
Erbschaft seines Vaters berufen, und eventuell der Vater zur Erb- 
schaft seines Sohnes. An zweiter Stelle wird die Tochter berufen 
und neben ihr der Sohnessohn, vorausgesetzt, daß nicht nur er selbst, 
sondern auch sein Vater echter Geburt ist; beide Kategorien teDen 
dabei immer nach Hälften, auch dann, wenn mehrere Enkel mit 
<,nner Tochter oder mehrere Töchter mit einem Enkel konkurrieren. 
Fehlen beide Kategorien, so wird noch an derselben Stelle die 
Sohnestochter berufen, jedoch so, daß sie mit dem ehelich geborenen 
Sohne eines unehelich geborenen Sohnes ebenso zu teilen hat, wie 
die Tochter mit dem Sohnessohne zu teilen hätte, d. h. nach Hälften, 
ohne Rücksicht auf die Kopfzahl; hat aber der Sohn eines unehelich 
geborenen Vaters einmal in dieser Weise geerbt, so nimmt er fortan 
Jedes Erbe ganz wie wenn er durchaus von ehelicher Abkunft wäre.') 

*) Fr{)L. VIII, 1—15; vgl. Fragra. II, S. 508—10 und III, S. 518—19 "^^ 
JarnsiÖa, Erfftat. I — 13 und I5. • 

*) Stande i Öllom erfT^om uppi fra j)vi ; über den Sinn der Formel vgl. Frf L.III, n. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 220 

Daß Übrigens, wovon die Erbentafel nicht spricht, die Kinder auch 
ihre Mutter beerben, jedoch so, daß dabei die Tochter in eigentüm- 
licherweise mit dem Sohne konkurriert, ist aus einer anderen Stelle 
zu ersehen, ^) auf deren Erklärung ich später noch einzugehen haben 
werde. An der dritten Stelle wird der frater consanguineus berufen, 
und für den Fall, daß ein solcher nicht vorhanden sein sollte, die 
soror consanguinea. An vierter Stelle sind zunächst berufen der 
Vatervater, Vaterbruder und Brudersohn, und zwar so, daß jede dieser 
drei Kategorien ihren gleichen Anteil erhält, ohne Rücksicht auf die 
Kopfzahl, durch welche sie vertreten ist, wogegen selbst eine einzige 
Person die ganze Erbschaft nehmen kann, wenn eben nur sie vor- 
handen ist Fehlen aber Vertreter dieser drei Kategorien völlig, so 
wird zunächst die Vatermutter berufen, und sie allein; erst wenn 
auch sie nicht vorhanden ist, werden, immer an derselben Stelle, die 
ehelich geborene Vatersschwester und Bruderstochter berufen, aber 
neben beiden auch noch die Mutter, soferne sie eine rechtmäßige 
Ehefrau ist*) Dabei soll die Mutter die halbe Erbschaft erhalten, 
während die andere Hälfte von der Vatersschwester mit der Bruders- 
tochter zu teilen hat, jedoch so, daß der Anteil der Mutter nicht 
wächst, wenn auch von den letzteren beiden Kategorien nur die eine 
vertreten ist; fehlt umgekehrt die Mutter, so teilen jene anderen 
beiden Kategorien die ganze Erbschaft zu gleichen Hälften, und zwar 
ebenfalls wieder ohne alle Rücksicht auf die Kopfzahl, durch welche 
die eine und die andere von ihnen vertreten ist; ist endlich weder 
eine Vaterschwester noch eine Brudertochter vorhanden, so soll die 
die Mutter überhaupt nicht an dieser vierten Stelle erben. Bemerkt 
muß übrigens noch werden, daß bei Besprechung der Sohnessöhne, 
deren Vater unechter Geburt ist, beigefügt wird, bei Bruderssöhnen 
entsprechender Abkunft solle es ebenso gehalten werden wie bei 
jenen;*) damit will aber doch wohl gesagt sein, daß ehelich ge- 
borene Söhne eines unehelich geborenen Bruders zwar nicht mit den 
ehelich geborenen Söhnen eines ehelich geborenen Bruders, aber 
doch gleich hinter diesen mit dem nächsten Grade innerhalb der 
gleichen Klasse konkurieren sollen, d. h. mit der Vatermutter. An 
fünfter Stelle werden aber die broeörasynir berufen, zugleich mit dem 

') FrtL. IX, 9. 

*) Im Cod. Rescn. 5 steht freilich: föÖor systir skilgetln, ok mööir skilgetin, 
ok bröÖordöttir skilfengin, aber Fragm. III gibt: faÖur systir skilgeten, ok mööcr 
skilfengeo, ok bröÖordöttir skilgeten, und ähnlich die JamsiÖa. 

«) FrjL. VIII, 3. 



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230 



Tci! IL Das Erbrecht 



brööir sammoeöra, und zwar so, daß, wenn auch nur die eine dieser 
beiden Kategorien vertreten ist, diese die ganze Erbschaft nimmt; 
eventuell treten dann noch die systir sammoeöra und die broeöra- 
doetr nebeneinander ein, und zwar unter ganz denselben Bedingungen. 
Nun erst, also an sechster Stelle, wird die Mutter als „magar arfi" 
berufen, vorausgesetzt daß sie eheliche Frau ist;^) neben ihr wird 
die ehelich geborene Vaterschwester berufen, die doch schon an 
vierter Stelle berufen worden war, so daß also hier eine Änderung 
des Rechts eingetreten zu sein scheint An siebenter Stelle werden 
sodann die unehelichen Söhne berufen, und zwar ebenfalls wieder, 
ohne daß zwischen ihren verschiedenen Klassen unterschieden würde; 
hinter ihnen treten auch noch die unehelichen Töchter ein, und 
überdies auch noch, jedoch wie es scheint nur vermöge eines späteren 
Zusatzes, der unecht geborene Bruder. An achter Stelle folgen ferner 
zunächst die Nachgeschwisterkinder männlichen Geschlechts und vom 
Mannsstamme (eptir brceöra sunu), oder, wie sie auch bezeichnet 
werden, die Verwandten des dritten gleichen Grades (|)riöja manne 
fraendsemi), und in ihrer Ermangelung die Weiber der gleichen 
Gradesnähe (eptir broeöradoetr). An neunter Stelle werden sodann 
berufen der Muttervater und der Tochtersohn, und in Ermangelung 
beider die Muttermutter und die Tochtertochter; an zehnter Stelle 
aber der Mutterbruder und der Schwestersohn, und in Ermangelung 
beider die Mutterschwester und die Schwestertochter, hier wie dort 
immer so, daß die zwei Zusammengenannten ein Erbe nehmen, und 
daß das Wegfallen des einen dem anderen das ganze Erbe zuwachsen 
läßt An elfter Stelle folgen die systkinasynir, und wenn solche 
fehlen die systkinadoetr. ^) An zwölfter Stelle kommen die systra- 
synir zu stehen, und hinter ihnen die systradoetr; am Schlüsse der 
auf sie bezüglichen Bestimmung finden sich aber die abschließenden 
Worte : „svä er ok maelt, at i |)eirri erfö skal hverr taka arf, er hann 
er taldr i, ok eigi taka arf fyrir hendr öörum fram", Worte, die in 
den schließenden Worten der Erbentafel der GpL. ihre Parallele 
finden, hier jedoch auffällig sind, weil die Erbentafel eben nicht mit 
ihnen schließt Unter der Überschrift: „um 13 erfö, ok l)at at maör 
engl vegi mann til arfs", wird nämlich zunächst der bekannte Satz 
ausgesprochen, daß derjenige, der seines Erblassers Tod verschuldet 



*) Auch hier liest Cod. Rescn. 7 wieder: skilgetin, wofür zu setzen sein wird: 
skilfengiu. 

*) Der Cod. Resen. 12 liest freilich: systkina dcetra synir; aber die Berichtiguag 
ergibt sich aus Fragra. II und III, sowie aus dem Kontexte. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 231 

hat, von dessen Beerbung ausgeschlossen sein solL An vierzehnter 
SteHe wird endlich noch einer Erweiterung des Erbrechtes gedacht, 
welche „die Söhne des Magnus, Sigurör und Eysteinn und Ölafr" 
verwilligt hatten, und welche somit den Jahren 1103 — 15 ihre Ent- 
stehung verdanken muß ; jedoch muß bemerkt werden, daß Fragment 11 
und in, sowie die Järnsiöa diese Erweiterung des Erbrechtes als „hin 
|»rettanda erfö" zählen, wogegen Fragment DI jene erstere Bestimmung 
ülDer den Mann, welcher seines Erblassers Tod verschuldet, ungezählt 
läßt, was vielleicht auch in Fragment II der Fall war, wo sich an 
der entscheidenden Stelle eine Lücke findet. Nach jener NoveHe 
der drei Könige sollen aber in Ermangelung der bisher aufgezählten 
Grade zunächst berufen werden der unecht geborene Vaterbruder 
und Brudersohn, sowie der echtgeborene Vaterbruder und Bruder- 
sohn, die nur sammoeöra sind, und zwar sollen sie alle nach Köpfen 
teilen ; fehlen sie aber alle, so sollen die gleichnahe berufenen Weiber 
in ganz derselben Weise erben. Sind auch solche nicht vorhanden, 
so tritt der unecht geborene fööurbrööir sammoeöri ein, und neben 
ihm die brööursynir sammoeöra, gleichviel ob echter oder unechter 
Geburt, und zwar teilen auch sie alle wieder nach Köpfen ; ^) fehlen 
sie, so treten ebenfalls wieder die gleichnahe verwandten Weiber 
ein, mit derselben Teilungsweise. Fehlen aber auch diese, so wird 
noch die gesamte entferntere Verwandtschaft berufen bis zum fünften 
gleichen Grade einschließlich, und erst wenn auch innerhalb dieser 
Grenze niemand vorhanden ist, soll die Erbschaft dem Könige ver- 
fallen. — Vergleicht man nun diese Erbentafel der FrpL. mit der 
der GpL., so ergeben sich wieder neben sehr wesentlichen Über- 
einstimmungen nicht minder auffällige Abweichungen. Was zunächst 
die unechte Geburt betrifft, so muß das prändheimer Recht ur- 
sprünglich mit dem des GulaJ)inges völlig gleichartig gewesen sein. 
Hier wie dort sind ursprünghch nur die unehelichen Söhne berück- 
sichtigt gewesen, und hier wie dort selbst diese erst hinter den Ge- 
schwisterkindern des Mannes ; daß dieselben sogar hier wie dort ganz 
gleichmäßig die siebente Stelle einnehmen, trotz aller Abweichungen, 
welche sich inzwischen hinsichtlich der Reihenfolge der Berufenen 
ergeben haben, kann als ein weiterer Beleg für die ursprüngliche 



*) So auch Fragm. II, wogegen der Cod. Rcsen. 15 br<tÖrasynir sammoeöra 
nennt, und die JdmsiÖa 15 zunächst die broeÖrasynir sammoeöra neben dem fÖÖur- 
br<>Öir sammceöri beruft, dann aber auch noch den bröÖursonr sammceöri eigi skil- 
fctbn. Fragm. III ist hier defekt. 



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232 Teil II. Das Erbrecht 

Gleichheit ihrer Behandlung in beiden Rechten angesehen werden. 
Abweichend ist freilich in diesen die Stellung der unehelichen Töchter 
geregelt, soferne diese in den FrI)L, unmittelbar hinter den unehe- 
lichen Söhnen, in den GpL. dagegen erst weit hinter diesen unter 
den jamnnänir tölumönnum stehen; allein dies ist lediglich eine 
Folge der verschiedenen Stellung, welche das eine und das andere 
Recht den Weibern überhaupt anweist, und daher erst im Zusammen- 
hange mit dem Weiberrechte zu erörtern. Hinterher haben sich 
freilich, wie es scheint, die FrpL. der unechten Geburt günstiger er- 
wiesen als die GI)L., indem sie zunächst den unecht geborenen 
Bruder, ganz wie das isländische Recht dies tut, gleich hinter den 
unecht geborenen Kindern einschieben, dann aber vermöge jener 
auf K. Sigurör Jörsalafari und seine Brüder zurückgeführten Novelle 
auch noch dem unecht geborenen Vatersbruder und Bruderssohne, 
mögen beide nun samfeöra oder sammceöra sein, ein Erbrecht ein- 
räumen, wenn auch erst nach dem dritten gleichen Grade des 
Mannsstammes, und dem zweiten gleichen Grade des Weibsstammes 
ehelicher Abkunft; indessen fragt sich doch, ob dabei nicht etwz 
bloß in unserem Texte der GI)L. die spätere Rechtsänderung nach- 
zutragen versäumt wurde. Auffälliger ist, daß, wie schon früher be- 
merkt, die FrI)L. bei Sohnessöhnen sowohl als Bruderssöhnen neben 
der eigenen echten oder unechten Geburt auch die des Vaters mit 
berücksichtigen, wozu weder die GI)L. noch das isländische Recht 
eine Parallele bieten ; da indessen auch die FrI)L. selbst diese weitere 
Unterscheidung in den entfernteren Graden nicht mehr berücksich- 
tigen, und da überdies die gelegentlich der Sohnessöhne in Bezug 
auf dieselbe gemachte Beschenkung augenscheinlich ein späteres Ein- 
schiebsel ist, welches den Zusammenhang der Worte „nü er önnur 
erfö, er tekr döttir ok sunarsunr" (§ 2), und der Worte : „En l)ö at 
döttir se ein" usw. (§ 3) in aufialligster Weise unterbricht, haben 
wir es insoweit wohl nur mit den ersten Anfängen einer doktrinären 
Ausklügelei von Feinheiten zu tun, welche hinterher im gemeinen 
Landrechte noch viel weiter ausgesponnen wurde. Bezüglich der 
eigentümlichen Behandlung der Mutter endlich, soweit bei derselben 
darauf Gewicht gelegt wurde, ob sie skilgetin resp. skilfengin sei 
oder nicht, darf ich mich auf das früher schon Bemerkte beziehen. 
Weiter noch geht das I)rändheimer Recht von dem des Gula))inges 
ab in Bezug auf die Behandlung der Weiber; aber auch in 
dieser Beziehung ist sein Verhalten ein keineswegs vollkommen 
konsequentes. An einer bisher noch nicht in Betracht gezogenen 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 233 

Stelle^) sprechen die FrpL. die Regel aus, daß in allen Fällen, da 
ein Mann und ein Weib dem Erblasser gleich nahe verwandt sind, 
der Mann zum Erbe gehen soll, das Weib aber davon, soferne nur 
beide dem bauggildi oder beide dem nefgildi angehören, daß da- 
gegen das Weib dem Manne vorgehen soll, wenn es auch nur um 
einen einzigen Grad näher verwandt ist als dieser; aber diese Regel, 
welche mit der des isländischen Rechtes überraschend übereinstimmt, 
zeigt sich in der Erbentafel keineswegs folgerichtig durchgeführt 
Die Tochter zunächst wird nicht nur, wie nach den GpL., dem 
Vater ebensogut wie dem Sohne nachgesetzt, sondern sie wird auch, 
wie dort, genötigt, mit dem Sohnessohne zu teilen, wenn auch nicht 
mit dem Vatervater. Dem unecht geborenen Bruder ferner folgt 
nicht sofort die unecht geborene Schwester, was allerdings mög- 
licherweise auf eine bloße Unachtsamkeit des Kompilators unseres 
Textes zurückzuführen sein mag, da auch der erstere erst durch 
Interpolation an seine Stelle zu stehen gekommen ist, während die 
letztere überhaupt nicht in der Erbentafel figuriert Um so bedenk 
lieber ist aber die Stelle, welche die FrI)L. der Mutter einräumen 
Während die GpL. diese wenigstens noch an vierter Stelle, un 
mittelbar hinter den Geschwistern von der Vatersseite her berufen, 
erbt dieselbe nach den FrpL. regelmäßig erst an sechster Stelle, un 
mittelbar nach den broeörüngar beiderlei Geschlechts und den Ge 
schwistern von der Muttersseite her; dennoch aber wird sie auch 
hier als „magar arfi" bezeichnet, also mit demselben Ausdrucke wie 
in den GI)L. Aber noch mehr. Neben der Mutter wird an sechster 
Stelle auch noch die Vatersschwester berufen; aber diese letztere 
sehen wir andererseits auch schon mit der Bruderstochter zugleich 
an der vierten Stelle eingerückt, und zwar mit dem Bemerken, daß, 
wenn eine von ihnen vorhanden ist, auch die Mutter von der sechsten 
auf die vierte Stelle vorrücke, um neben jenen die halbe Erbschaft 
zu nehmen, wogegen die Mutter erst an sechster Stelle erbt, wenn 
keine von beiden vorhanden ist. Augenscheinlich liegt hier ein 
Widerspruch vor, der nur unter der Voraussetzung sich lösen läßt, 
daß älteres und neueres Recht hier irrtümlich nebeneinander stehen 
gelassen worden sei. Augenscheinlich ist der Grundsatz, daß die 
Weiber zwar bei gleicher Gradesnähe den Männern weichen müssen, 
aber, wenn um einen Grad näher verwandt, ihnen vorgehen, erst 
später aufgekommen, und zwar zu einer Zeit, da wenigstens die 



*) FrJL. IX, 8; Järns., ErfÖat. 20. 

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234 ^^^^ ^^' ^** Erbrecht. 

nächstverwandten Weiber bereits in die Erbentafel eingestellt waren, 
und erklärt sich von hier aus, daß die Einreihung dieser letzteren 
nach ganz anderen Grundsätzen erfolgte. Dürfte man annehmen, 
daß die FrI)L. ursprünglich ebenso wie die GI)L. das bauggildi mit 
den Geschwisterkindern endigen Ueßen, so würde sich die Stellung 
der Mutter an sechster Stelle sehr einfach erklären; man hätte sie 
im I)rändheimischen am Ende des bauggildi eingeschaltet, wie sie 
im Gula[)inge am Schlüsse der tölumenn im älteren Sinne des Wortes 
eingeschaltet worden war. Die Mutter scheint aber, worauf ja auch 
sonst so manche Spuren hinweisen, unter allen Weibern zuerst und 
anfänglich allein berücksichtigt worden zu sein; an zweiter Stelle 
dürfte sich dann die Berücksichtigung der Tochter eingefunden 
haben, die im isländischen Rechte bereits unmittelbar hinter dem 
Sohne und vor dem Vater ihren Platz erhielt, in den beiden nor- 
wegischen Rechten dagegen erst zwischen Vater und Bruder. Man 
wird hieraus allerdings nicht ohne weiteres schließen dürfen, daß 
ihre Einstellung in die Elrbentafel erst nach dem Jahre 930 erfolgt 
sei; die Gl)L. zeigen, daß auch auf ihrem Gebiete die Tochter mit 
der Zeit dem Vater vorgesetzt wurde, dem sie anfanglich nachge- 
standen hatte, und somit besteht die Möglichkeit, daß dieselbe auch 
auf Island jene bessere Stelle erst durch eine. spätere Neuerung er- 
langt haben könnte. Indessen ist uns von einer solchen für Island 
nichts bezeugt, und wird somit jener Schluß immerhin eine gewisse 
Wahrscheinlichkeit für sich haben. An dritter Stelle muß dann 
wohl die Schwester in die Erbentafel gekommen sein; aber sie wird 
bereits, und zwar die soror uterina sowohl als die consang^uinea, un- 
mittelbar hinter dem Bruder eingestellt, so daß, bewußt oder unbe- 
wußt, bei ihr bereits der neuere Grundsatz zum Zuge kommt Be- 
züglich aller entfernteren Weiber hört nun aber in den verschiedenen 
Rechten alle Gleichförmigkeit gänzlich auf. Die GI)L. berufen sie 
alle in einer Gruppe, welche erst hinter den Männern vom dritten 
gleichen Grade des Mannsstammes und vom zweiten gleichen Grade 
des Weibsstammes eingeschoben ist; das isländische Recht dagegen 
führt den Grundsatz konsequent durch, daß das Weib bei gleicher 
Gradesnähe dem Manne weichen muß, aber bei größerer Nähe des 
Grades ihm vorgeht; die FrpL. endlich folgen gleichfalls diesem 
letzteren Grundsatze, jedoch mit einer sehr beachtenswerten Schwen- 
kung bezüglich des vierten und sechsten Grades. Während an vierter 
Stelle Vatervater, Vaterbruder und Brudersohn zu gleichen Teilen 
nebeneinander berufen werden, wird hinter ihnen zunächst die Vater- 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 235 

mutter allein berufen, und erst in deren Ermangelung die Vater- 
schwester und Brudertochter; den letzteren beiden wird ferner die 
Mutter beigesellt, die doch erst an sechster Stelle erben soll, wenn 
sie nicht vorhanden sind, an sechster Stelle wird die Vaterschwester 
nochmals neben der Mutter berufen, während sie doch unter allen 
Umständen schon an vierter Stelle zu erben hatte. Augenscheinlich 
hat der Kompilator unseres Textes hier, ungeschickt genug, ver- 
schiedene Vorlagen zugleich benützt, und war in diesen Vorlagen 
auf verschiedenen Wegen versucht worden, die überlieferte Stellung 
der Mutter mit den Veränderungen der Erbentafel auszugleichen, 
welche die Aufstellung des neuen Grundsatzes für die Behandlung 
der Weiber mit sich führte. Leider fehlen die beiden einschlägigen 
Stellen in Fragment II ganz, während in Fragment III die erhaltenen 
Worte auf einen dem Cod. Resenianus wesentlich gleichen Text 
schließen lassen; in der Järnsiöa dagegen zeigen sich beide Stellen 
in einer, übrigens ziemlich gewalttätigen Weise so überarbeitet, daß 
einige Einheit in das System hereinkommt^) Erheblich sind drittens 
auch die Abweichungen, welche sich bezüglich des Verhältnisses 
des Mannsstammes zum Weibsstamme ergeben. Nach einer 
oben schon einmal herangezogenen Stelle*) sollen die bauggildis- 
menn schlechthin den nefgildismenn vorgehen, und soU wenigstens 
der Vorzug, welchen sonst bei gleicher Gradesnähe das Geschlecht 
dem Manne vor dem Weibe gewährt, demgegenüber zurückstehen; 
ob auch der Vorzug der größeren Gradesnähe in gleicher Weise 
dem Vorzug des Mannsstammes zu weichen habe, spricht die Stelle 
allerdings nicht ebenso bestimmt aus, indessen zeigt ein Blick auf 
die Erbentafel, daß auch von ihm dasselbe zu gelten hat. Wir 
finden nämHch, vorbehaltlich einer einzigen Ausnahme, in dieser zu- 
nächst nur den Mannsstamm berücksichtigt bis zu den Nachge- 
schwisterkindern einschließlich, also bis zu gerade derselben Grenze, 
bis zu welcher nach den FrpL. auch die Beteiligung an den baugar 
reicht;*) dann erst finden wir den Weibsstamm eingestellt, und zwar 
diesen nur bis zu den Geschwisterkindern einschließlich, also gerade 
bis zu der Grenze, bis zu welcher das mikla nefgildi reicht,*) so 
daß es gerade die Vergleichung der Wergeldstafel ist, welche erklärt, 
warum das Erbrecht des Weibsstammes an dieser Stelle um einen 
Grad weniger weit sich erstreckt als das des Mannsstammes. Läßt 



*) Jdrns., Erfftat. 4 und 6. ^) FrI)L. IX, 8; Jarns., Erföat. 20. 

«) FrJL. VI, 3. *) ebenda, 7. 



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236 Teil II. Das Erbrecht. 

man zunächst die von K. Sigurör Jörsalafari und seinen Brüdern 
verwilligte Novelle außer Betracht, so bilden wieder die einzige Aus- 
nahme von jener Regel die fratres uterini und sorores uterinae, als 
welchen an fünfter Stelle ihr Platz neben den broeörasynir und 
broeöradoetr angewiesen ist; genau dieselbe Stelle nimmt aber der 
frater uterinus auch nach den GpL. ein, und zwar in genau ebenso 
unorganischer Weise, da auch in diesem der Weibsstamm im übrigen 
erst nach dem dritten gleichen Grade des Mannsstammes folgt, und 
zwar ebenfalls nur bis zum zweiten gleichen Grade reichend Da 
fällt nun auf, daß gelegentlich des den unechten Kindern einge- 
räumten Erbrechtes ausgesprochen wird, daß alle ihnen in der Erben- 
tafel Vorgehenden „i bauggildi" seien, ^) was doch auf den frater 
uterinus nicht paßt; fällt femer auf, daß die Wergeidstafel den brööir 
sammoeöra zwar nicht zum bauggildi, aber auch ebensowenig zum 
nefgildi rechnet, vielmehr nur in die Ausnahmskategorie der sak- 
aukar stellt.^) Man möchte hiernach annehmen, daß noch zu der 
Zeit, in welcher dem unechten Bruder ein Erbrecht hinter den un- 
ehelichen Kindern eingeräumt wurde, nur das bauggildi vor diesen 
erbberechtigt gewesen war, also dem brööir sammoeöra ein Erbrecht 
noch nicht zugestanden hatte; das schließt natürlich nicht aus, daß 
das nefgildi gleichzeitig doch schon hinter dem bauggildi und den 
unechten Kindern sukzediert haben könnte, nur müßte unter dieser 
Voraussetzung angenommen werden, daß die mütterliche Verwandt- 
schaft damals noch nicht zum nefgildi gerechnet worden sei AufTällig 
ist freilich, daß die abnorme Behandlung des frater uterinus auch dem 
isländischem Rechte geläufig ist, wenn auch in ganz anderer Art ab 
dem der FrpL. und GpL. und daß die beiden letzteren Rechtsbücher ihn 
wesentlich an derselben Stelle in ihre Erbentafel eingeschoben haben, 
so verschieden diese auch im übrigen in beiden gestaltet ist; indessen 
erklärt sich die erstere Erscheinung, wenn wir annehmen, daß die 
Behandlung des })yborinn sonr und des brööir sammoeöra als sakaukar 
in der Wergeidstafel möglicherweise für deren nachträgliche Ein- 
stellung in die Erbentafel maßgebend geworden sein mochte, und 
die letztere Tatsache aus der Vermutung, daß irgend eine für ganz 
Norwegen verwilligte „rettarböt" die Einstellung beider in diese 
Erbentafel begründet habe. Fragt man aber nach dem Verhältnisse, 
welches zwischen Mannsstamm und Weibsstamm auf Grund der 
Novelle des K Sigurör und seiner Brüder hinsichtlich der erst durch 



*) FrI)L. VlII, 8. «) ebenda, VI, 5 und 9. 

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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 237 

sie zum Erbrechte zugelassenen Verwandten bestand, so ist es schwer, 
eine befriedigende Antwort zu geben. Die in dieser Novelle zunächst 
einzeln aufgeführten Verwandten, nämlich fööurbrööir und brööur- 
sonr samfeöra von unechter Geburt, dann fööurbrööir und brööur- 
sonr sammoeöra von echter wie unechter Geburt, hier wie dort samt 
den gleich nahe verwandten Weibern, bilden nur Nachträge zu den 
vordem schon berücksichtigten Erbenklassen, indem bis dahin vom 
Erbrechte ausgeschlossene entferntere Grade der unechten Geburt, 
oder bis dahin unberücksichtigt gelassene Grade der mütterlichen Ver- 
wandtschaft nunmehr zum Erbrechte zugelassen wurden; bezüglich 
ihrer also kann obige Frage gar nicht entstehen, da es sich insoweit 
eben nur um eine nachträglich beigefügte Aushilfskategorie handelt, 
und kann höchstens auffallen, daß bei deren Aufstellung nicht um- 
sichtiger verfahren wurde, indem z. B. der unehelich geborene Enkel 
fehlt, der doch dem unehelich geborenen Oheim und Neffen vorzu- 
gehen hätte. Wenn aber weiterhin nach diesen speziell genannten 
Verwandten auch noch die ganze entferntere Verwandtschaft jenseits 
des dritten und resp. zweiten gleichen Grades bis zum fünften 
gleichen Grade einschließlich zur Erbfolge berufen wird, so wird da- 
bei in keiner Weise angedeutet, ob auch innerhalb ihrer noch dem 
Mannsstamme ein Vorzug vor dem Weibsstamme zukomme oder 
nicht Der Umstand, daß auch die Erbentafel der GI)L. den Weibs- 
stamm bis zum zweiten gleichen Grade erst nach dem Mannsstamme 
bis zum dritten gleichen Grade folgen läßt, dann aber hinterher doch 
die Regel ausspricht, daß bei entfernteren Verwandten der Manns- 
stamm nur bei gleicher Gradesnähe dem Weibsstamme vorzugehen 
habe, könnte die Vermutung nahe legen, daß auch für die FrpL. 
derselbe Grundsatz gegolten haben möge, zumal wenn man an der 
früher bereits erörterten Vermutung festhalten zu sollen glaubt, daß 
K. Sigurör Jörsalafari mit seinen Brüdern für sein ganzes Reich das 
Erbrecht erst auf den vierten und fünften gleichen Grad der Ver- 
wandtschaft erstreckt habe. Indessen darf doch andererseits auch 
nicht übersehen werden, daß die Wergeldstafel der FrpL. auch bei 
der entfernteren Verwandtschaft den Weibsstamm vom Mannsstamme 
vollkommen getrennt hält, und daß sie die Ausdrücke bauggildi, 
nefgildi, wenn auch sehr uneigentlich sie gebrauchend, geradezu auch 
auf die entferntere Verwandtschaft anwendet, ja sogar eine nef- 
gildis fraendböt^) oder fraendböt 1 nefgildi,^) der frsendböt i baug- 



*) FrJ>L. VI, 12, 26, 40, 47. *) ebenda, 19, 26, 33. 

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238 Teil II. Das Erbrecht. 

gildi ^) oder bauggUdis fraendböt *) entgegensetzt ; von hier aus würde 
sich umgekehrt im Hinblick auf den zwischen der Wergeidstafel und 
der Erbentafel zu vermutenden Parallelismus eine gewisse Wahrschdn- 
lichkeit für die entgegengesetzte Annahme ergeben, daß auch im 
Erbrechte der Weibsstamm als geschlossene Gruppe in der entfern- 
teren wie in der näheren Verwandtschaft von den FrI)L. erst hinter 
dem Mannsstamme gewesen sein werde; ja man könnte sogar, wenn 
man auf die oben schon angeführte Regel: „en baugildismenn ero 
fyrri i arfi, hvärt sem er karlmaör eöa kona, heldr en nefgildismenn*,*) 
den eben besprochenen ungenaueren Sprachgebrauch Anwendung 
finden lassen wollte, in ihr eine direkte Bestätigung dieser letzteren 
Annahme suchen. Man hätte also solchenfalls anzunehmen, daß ge- 
legentlich der Einführung der Novelle des K. Sigurör und seiner 
Brüder die proendir an dem für die nähere Verwandtschaft herge- 
brachten scharfen Unterschiede zwischen Mannsstamm und Weibs- 
stamm auch für die entferntere Verwandtschaft festgehalten, und 
eben darum auch die Terminologie bauggildi und nefgildi auf diese 
übertragen hätten, wogegen die Gulajirngsmenn jenen Unterschied, 
einem gesunden Fortschritte huldigend, auf diesem neueren Gebiete 
nur sehr gemildert und ermäßigt durchgeführt hätten, und eben 
darum auch mit geänderter Terminologie. Was endlich die Be- 
rechnung der Nähe der Verwandtschaft betrifft, so ist zu- 
nächst das Verhältnis der aufsteigenden und absteigenden Linie zur 
Seitenlinie, dann das Verhältnis der ersteren beiden zueinander wieder 
etwas anders geordnet als in den GpL., und zugleich anders als im 
isländischen Rechte. Über die Großeltern einerseits und die Enkel 
andererseits gehen auch die FrI)L. nicht hinaus; auch sie lassen 
ferner den Sohn dem Vater, und den Enkel dem Großvater vor- 
gehen, in letzterer Beziehung den GpL. folgend und nicht dem is- 
ländischen Rechte, welches letztere den Großvater mit dem Enkel 
konkurrieren läßt. Aber, während das isländische Recht den Vor- 
zug des Grades schlechthin wirken, und somit den Bruder sowohl 
dem Enkel als den Großvater vorgehen läßt, und während die GpL 
umgekehrt den Vorzug der Anwendung und Deszendenz vor den 
Kollateralen konsequent festhalten, und somit den Enkel wie den 
Großvater vor dem Bruder berufen, gehen die FrI)L. einen Mittel- 
weg, indem sie nur den Enkel dem Bruder vorgehen, dagegen den 



^) FrI)L. VI, II, 18, 25, 32. 46. «) ebenda, 39. 

^) ebenda, IX, 8. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 23O 

Großvater diesem folgen lassen, welcher noch überdies nach ihnen 
mit dem Vaterbruder und Bruderssohne, also dem ersten und zweiten 
ungleichen Grade, teilen muß, welchem er doch nach den GpL. so- 
wohl als dem isländischen Rechte vorgeht Das Bestreben, zunächst 
die absteigende, dann aber auch die aufsteigende Linie von der 
Seitenlinie zu bevorzugen, findet sich demnach in den Frl)L. zwar in 
höherem Maße als auf Island, jedoch in geringerem Grade als nach 
dem Rechte des Gula|)inges; wunderlich aber ist, daß es auch nach 
den FrpL. innerhalb des Weibsstammes insoweit energischer hervor- 
tritt als innerhalb des Mannsstammes, als Muttervater und Tochter- 
sohn nebeneinander vor dem Mutterbruder und Schwestersohn erben, 
während Vaterbruder und Brudersohn mit dem Vatervater konkur- 
rieren, und nur der Sohnessohn allen dreien vorgeht. In gleicher 
Weise ist ferner auch im Mannsstamme die Vatermutter vor die 
Vatersschwester und Schwestertochter gestellt, während die Sohnes- 
tochter ihnen allen vorgeht, und im Weibsstamme stehen wieder 
Muttermutter und Sohnestochter zusammen vor der Mutterschwester 
und Schwestertochter; wenn sich demnach das nefgildi gegen die 
neuemde Tendenz weniger spröde verhalten hat als das bauggildi, 
so gilt das Gleiche auch von den Weibern im Vergleiche mit den 
Männern, und erklärt sich dies doch wohl hier wie dort gleicher- 
maßen daraus, daß der Weibsstamm wie die Weiber erst später zu 
ihrem Erbrechte gelangten. Von einem Repräsentationsrechte wissen 
die FrpL. nichts, und ebensowenig von einer Teilung der väterlichen 
und der mütterlichen Verwandtschaft zu gleichen Hälften, die hier 
sogar in verstärktem Maße durchgeführte Zurücksetzung des frater 
uterinus gegenüber dem consanguineus dürfte sogar sehr bestimmt 
gegen das Bestehen einer Auffassung Zeugnis geben, wie sie einer 
solchen Teilung zugrunde liegen müßte. Was endlich die Teilung 
nach Stämmen betrifft, so wird zwar die Teilung nach Hälften für 
den Fall ausdrücklich angeordnet, da eine Tochter mit mehreren 
Sohnessöhnen konkurriert oder umgekehrt, denn da ein Vaterbruder 
mit mehreren Bruderssöhnen konkurriert oder umgekehrt, da ferner 
die Mutter mit Vatersschwester und Bruderstochter, oder da eine 
Vatersschwester mit mehreren Bruderssöhnen konkurriert und umge- 
kehrt, endlich da fratres uterini mit broeörungar konkurrieren ; ^) aber 
man darf in diesen Bestimmungen keineswegs die Anordnung einer 



*) Die Lesart der JärnsiÖa, 5: hälft hvärir tvcggja i$t klarer als das einfache 
hvÄrtveggja der FrJL. 



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240 



Teil II. Das Erbrecht. 



Teilung nach Stämmen suchen, sondern nur die Vorschrift, daß ver- 
schiedene Kategorien von Verwandten, welche zusammen an einer 
Stelle zur Erbfolge berufen werden, nach einem ein für allemal fest- 
stehenden Maßstabe miteinander teilen sollen, und es ist demnach 
für derartige Fälle zwar die Teilung nach der Kopfzahl ausgeschlossen, 
aber darum doch keineswegs die Teilung nach Stämmen eingeführt 
Insoweit also stand die Sache nach den Frl)L. ganz ebenso A*ie nach 
den GI)L.; in den Graden dagegen, auf welche erst K. Sigurör mit 
seinen Brüdern das Erbrecht ausdehnte, galt, soweit die einzehen 
Verwandtschaftsklassen angegeben werden, umgekehrt das Prinzip 
der Teilung nach der Kopfzahl (at mannmergö), wogegen ungesagt 
bleibt, ob dasselbe Prinzip auch für die entfernteren Grade zu gelten 
habe, denen die Novelle erst ein Erbrecht eröffnete. In der Tat 
spricht denn auch der Ausschluß jedes Repräsentationsrechtes gegen 
die Annahme einer Teilung nach Stämmen, und wenn das isländi- 
sche Recht dennoch diese letztere kennt, während sie das erstere 
gleichfalls ausschließt, so wird man doch wohl berechtigt sein, hierin 
den Anfang einer Neubildung zu erkennen, welche mit dem in allen 
Beziehungen vorgeschritteneren Charakter gerade dieses Rechtes sehr 
wohl stimmt. 

Fasse ich nun zum Schlüsse die Hauptpunkte der bisherigen Er- 
örterungen zusammen, so ergeben sich folgende für die Gesamtent- 
Wicklung der germanischen Rechte nicht unwichtige Resultate. Nur 
die Männer berücksichtigend, und zugleich den Mannsstamm scharf 
vom Weibsstamme trennend, stellte das altnordische Recht ur- 
sprünglich hinter einer engsten, lediglich den ersten Grad (also Vater, 
Sohn und Bruder) umfassenden Gruppe beide Hälften der Verwandt- 
schaft als völlig in sich abgeschlossen nebeneinander. Beide waren 
dabei gleichmäßig organisiert, und beide mögen wohl von Anfang 
an nur bis zum zweiten gleichen Grade (also den Geschwisterkindern, 
gereicht haben, nur daß beim bauggildi schon frühzeitig der dritte 
Grad als ebenfalls berechtigt hinzutrat, während beim nefgildi zwar 
die Wergeldstafel der FrI)L. diesen als litla nefgildi hinter dem stora 
nefgildi ebenfalls zuläßt, dagegen die Erbentafel der beiden norwegi- 
schen Rechtsbücher ihn gleichmäßig unberücksichtigt zeigt Aber 
das nefgildi wurde nur eventuell zur Erbfolge berufen, wenn das 
bauggildi nicht vertreten war; die entferntere Verwandtschaft aber 
bis zum fünften gleichen Grade einschließlich, wurde erst durch eine 
Novelle des K. Sigurör Jörsalafari und seiner Brüder hinter beiden 
Gruppen zur Sukzession zugelassen, und wurde innerhalb ihrer der 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. iac 

Besprechung des ersten Grades der ehelichen Verwandtschaft auf 
den nänasti niör karlmanna arfgengra verweist, sind diese damit von 
jeder Berufung ausgeschlossen ; an einer späteren Stelle freilich kehrt 
dieselbe Bestimmung nochmals wieder, ^) jedoch mit der Abweichung, 
daß das Wörtchen „arfgengra" fehlt, was zwar nicht zufällig sein 
mag, vielleicht aber auch bedeutsam ist, indem durch diese Streichung 
möglicherweise die Miteinbeziehung der unecht Geborenen in dem- 
selben Umfange bewirkt werden wollte, in welchem sie zur Erbfolge 
herangezogen wurden. Dieselbe Verschiedenheit der Haltung beider 
Rechtsbücher kehrt ferner auch gelegentlich der Berufung zur Un- 
zuchtsklage wieder. Die Konüngsbök schweigt auch hier wieder 
gänzlich von der unechten Geburt, und verweist an einer Stelle 
lediglich auf die Reihenfolge der Berufung zum Verlobungsrechte, -) 
und von einer zweiten auf die Reihenfolge der Berufung zur Blut- 
klage;'*) die Staöarhölsbök dagegen beruft wieder nach dem ersten 
Grade der ehelichen Verwandtschaft den unehelichen Sohn und den 
Ehemann der unehelichen Tochter, und wenn sie die unehelichen 
Geschwister nicht ausdrücklich erwähnt, so sind dieselben doch durch 
die ausdrückliche Verweisung auf die Analogie des Verlobungsrechtes 
mit inbegriffen, welche hier neben der Verweisung auf die Analogie 
der Blutklage steht. ^) In Bezug auf beide Rechte hilft uns aber jene 
Stelle der Staöarhölsbök weiter, welche als Referenz auch in die 
Konüngsbök übergegangen ist, und welche mit den Rechten der 
unecht Geborenen überhaupt sich beschäftigt ; **) sie beruft sowohl 
den brööir laungetinn samfeöri und sammoeöri, als auch den Ehemann 
der systir laungetin samieöra und sammoeöra zu den festar sowohl 
als zur legorössök, und zwar an derselben Stelle, wie sie zur Erbfolge 
berufen wären, und auch ein paar kleinere Handschriften fragmente 
wiederholen denselben Satz in ähnlichem Zusammenhange.*) Daß 
dabei der uneheliche Sohn sowohl als der Ehemann der unehelichen 
Tochter ungenannt bleiben, tut nichts zur Sache, da wir die frag- 
liche Novelle nirgends in ihrer authentischen Fassung, sondern über- 

*) Konüngsbök, 253/203. 

') ebenda, 156/48. ^) ebenda, 254/203. 

*) Staöarhölsbök, 145/177; vgl. wegen der unechten Kinder ebenda, 
173/207. 

*Wbenda, 73/97; vgl. Konüngsbök, I18/218— 19. 

•) Belgsdalsbök, 46/239; AM. 315, B. fol., 1/227. In der Belgsdals- 
^<5k, 51/242 stehen ferner über die legorÖssakaraÖild dieselben Bestimmungen wie in 
Staöarhölsbök, 145/177. 

Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. %0 



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Ia6 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

all nur in mehr oder minder verschieden gefaßten Auszügen vor uns 
haben; immerhin aber zeigt sich, daß die unehelichen Kinder und 
Geschwister auch von diesen beiden Rechten ursprünglich ausge- 
schlossen gewesen waren, und erst durch jene Novelle zu denselben 
berufen wurden. Dagegen findet sich von einer noch weiteren Aus- 
dehnung der Rechte der unechten Geburt, wie solche für das Erb- 
recht und die Alimentationspflicht nachzuweisen war, auf dem Ge- 
biete des Verlobungsrechtes und der Unzuchtsklage keine Spur. 
Hinsichtlich der Berufung zur Blutklage stellt die Konüngsbök 
dieselbe Reihenfolge auf wie bezüglich der Berufung zur Erbfolge, 
nur mit dem Unterschiede, daß die Weiber sowohl als deren etwaige 
Ehemänner von der Klagestellung gänzlich ausgeschlossen sind; es 
erscheinen demnach nur der unechte Sohn und Bruder berufen, und 
zwar gleich nach den ehelich geborenen Brüdern, wogegen hinter 
jenen wieder nur die entferntere eheliche Verwandtschaft zum Zuge 
kommt. ^) Dieselbe Bestimmung kehrt auch in der Belgsdalsbok 
wieder, ^) und es ist sicherlich nur ein gekürzter Ausdruck, wenn die 
Staöarhölsbök, im übrigen konform, nur den unehelichen Sohn nennt, 
ohne des Bruders zu gedenken, welcher sich aus den unmittelbar 
vorhergehenden Bestimmungen über die ehelichen Söhne und Brüder 
einfach ergänzen ließ;^) an jener anderen mehrerwähnten Stelle 
der beiden letzten Rechtsbücher, welche als Referenz in die Konüngs- 
bök übergegangen ist, *) werden denn auch richtig der brööir sam- 
feöri und sammceöri als zur vigsakaraöild berufen ausdrücklich ge- 
nannt Nicht vollkommen genau ist es hiemach, wenn an ein paar 
bereits angeführten Stellen die Berufung zur vigsök als gleichartig 
zusammengestellt wird, '^) soferne ja bei der letzteren die Ehemänner 
verheirateter Weiber berücksichtigt werden, bei der ersteren dagegen 
nicht ; indessen ist eine derartige Ungenauigkeit doch so unbedeuten- 
der Art, daß sie nicht ernsthaft in Betracht kommen kann. Im 
Baugatal aber wird der sonr jiyborinn eöa laungetinn nur unter die 
sakaukar gestellt, und ihm somit am Wergeide kein regelmäßiger 
Anteil eingeräumt;®) von dem unecht geborenen Bruder aber wird 
vollends überhaupt nicht in der Wergeidstafel gesprochen. Unter den 
Personen endlich, welche wegen der legorössök Blutrache zu 

^) Konüngsbök, 94/168. 

*j Belgsdalsbok, 56/244. «) Staöarhölsbök, 297/335. 

*) ebenda, 73/97; Belgsdalsbok, 46/239; Konüngsbök, 118/218-19- 

*) Konüngsbök, 254/203; Staöarhölsbök, 145/177. 

•*) Konüngsbök, II3/201. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. iaj 

nehmen berechtigt sind, oder welche als Richter, Zeugen oder Ge- 
schworene einer Rekusation unterliegen, werden unehelich Geborene 
uns überhaupt nicht genannt — Alles in allem genommen haben 
wir hiemach in der Geschichte der unechten Geburt und ihrer Stel- 
lung zur Verwandtschaft drei Stufen zu unterscheiden. In der ersten 
Periode erscheint dieselbe von allen verwandtschaftlichen Rechten 
und Pflichten so gut wie völlig ausgeschlossen; insbesondere gelten 
die unehelich Geborenen, soweit nicht etwa die ßeerbung ihrer 
eigenen ehelichen Kinder oder ihrer Freigelassenen, oder ihre Berück- 
sichtigung durch besonders gemachte Zuwendungen in Frage steht, 
als vollkommen erbunfähig, wogegen sie allerdings Alimentations- 
ansprüche gegen ihre Eltern bereits gehabt haben mögen. In der 
zweiten Periode wurde den unehelichen Kindern und Geschwistern 
ein Anteil an den verwandtschaftlichen Rechten und Pflichten ein- 
geräumt; jedoch nur hinter den ehelichen Kindern und Geschwistern 
und unter Ausschluß aller entfernteren Grade der unechten Geburt 
von aller und jeder Berechtigung. Die dritte Periode endlich ge- 
währte den unehelich Geborenen bis zum dritten gleichen Grade 
einschließlich eine eventuelle Berechtigung für den Fall des Nicht- 
vorhandenseins irgendwelcher ehelicher Verwandter innerhalb des- 
selben Grades, wogegen noch entferntere Grade der unechten Ge- 
burt auch jetzt noch unberücksichtigt blieben. Der erste Blick zeigt, 
wie dieser allmähliche Fortschritt im Wachstume der den unehelich 
Geborenen eingeräumten Rechte mit der früher erörterten Gliederung 
der Verwandtschaft zusammenhängt. Der erste Schritt gewährt nur 
denjenigen laungetnir menn, welche dem Grade nach zum engsten 
Verwandtenkreise gehören würden. Rechte und Pflichten, und zwar , 

hinter den ehelich geborenen Angehörigen dieses Kreises; sie ge- 
hören fortan mit zu den talöir menn i lögum, und schließen als 
solche die dem Grade nach entferntere Verwandtschaft von ehelicher 
Abstammung aus. Der zweite Schritt gewährt sodann, wenn wir 
einer früher ausgesprochenen Vermutung über die ursprüngliche 
Begrenzung des bauggildi und nefgildi vertrauen dürfen, auch den- 
jenigen unecht Geborenen verwandtschaftliche Rechte und Pflichten, 
welche ihrer Gradesnähe nach zu diesen beiden Kategorien gehören 
würden, und zwar wiederum in der Art, daß sie unmittelbar nach 
der ehelichen Verwandtschaft beider Klassen in einem Haufen be- 
nifen werden, unter sich nach Maßgabe derselben Reihenfolge, welche 
für die eheliche Verwandtschaft die entscheidende war und mit Aus- 
schluß aller entfernteren Verwandten von ehelicher Abkunft. Insoweit 

lO* 

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1^8 Teil I. Die äufiere Erscheinung der Vcrwandtschafu 

also wäre alles klar, und wenn zwar die einzige von einer Ausdeh- 
nung der verwandtschaftlichen Berechtigung bis zum dritten gleichen 
Grade handelnde Stelle nur vom Erbrechte und von der Armen- 
alimentation spricht, so werden wir doch hieraus keineswegs ohne 
weiteres den Schluß ziehen dürfen, daß sich die betreffende Bestim- 
mung wirklich nur auf diese beiden Gebiete bezogen habe. Wir 
haben ja gesehen, wie zumal die Konüngsbök in ihrer Textesge- 
staltung noch vielfach zwischen dem ersten und dem zweiten Sta- 
dium der Entwicklung hin und her schwankt, was wir doch nur aus 
der Annahme erklären können, daß deren Kompilator für die ver- 
schiedenen Abschnitte seines Rechtsbuches Vorlagen verschiedenen 
Alters benützte, und nicht immer mit genügender Umsicht das neuere 
Recht in die älteren Texte hineinzukorrigieren wußte. Es fehlt auch 
nicht an Belegen für die Begehung ganz ähnlicher Verstöße auf 
anderen Gebieten, wie denn z. B. die Novelle über die verbotenen 
Verwandtschaftsgrade und die verwandtschaftliche Armenpflege vom 
Jahre 1217 in demselben Rechtsbuche zwar am Schlüsse des Christen- 
rechtes eingestellt ist, aber dennoch hinterher weder im Armenrechte 
noch im Eherechte sich berücksichtigt zeigt; da besteht denn aller- 
dings auch die Möglichkeit, daß von jenem jüngeren Gesetze über 
die unechte Geburt von dem Kompilator der Staöarhölsbök eben 
nur zufällig in Bezug auf andere Gebiete als das der Armenpflege 
und des Erbrechtes keine Notiz genommen worden sein könnte. 
Nicht mit völliger Sicherheit bestimmbar dürfte auch die Zeit 
sein, welcher die beiden hier in Betracht kommenden Neuerungen 
angehören. Doch läßt sich vermuten, daß das letzte Gesetz, welches 
nur in der Staöarhölsbök, und auch in dieser nur am Schlüsse des 
Erbrechtes berücksichtigt ist, erst nach dem Abschlüsse der Konüngs- 
bök, also etwa in den Jahren 1260 — 70, werde erlassen worden sein* 
daß ferner auch das frühere Gesetz, welches nur die unehelichen 
Kinder und Geschwister zu verwandtschaftlichen Rechten und Pflichten 
heranzieht, nicht vor der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden 
sein werde. Die Ungleichförmigkeit der Berücksichtigung dieses 
älteren Gesetzes in der Konüngsbök, dann auch der durchgängige 
Gebrauch der Bezeichnung eigi arfgengr, eigi til arfs alinn u. dgl 
für den unecht Geborenen, lassen darauf schließen, daß die Zeit, in 
welcher die unechte Geburt von den verwandtschaftlichen Rechten 
und insbesondere vom Erbrechte noch völlig ausgeschlossen gewesen 
war, nicht allzuweit hinter der Entstehungszeit jenes ältieren Rechts- 
buches zurücklag; überdies machte gerade die wilde Sturlüngenzcit 



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Die uneheliche Geburt. 



149 



welche auch auf geschlechtlichem Gebiete die äußerste Zerrüttung 
zeigt, die Notwendigkeit einer gewissen Berücksichtigung der un- 
echten Geburt zumal den angeseheneren Häusern des Landes nahe- 
gelegt haben. Die Art, wie in unseren beiden Rechtsbüchem am 
Eingange des Erbrechtes der unechten Geburt gedacht und dann 
hinterher eine umfassendere Novelle über ihre Stellung entweder in 
einem eigenen Kapitel nachgetragen oder auch als Referenz am 
Rande jener ersteren vermerkt wird, könnte die Vermutung erwecken^ 
daß etwa die Berücksichtigung der unehelichen Kinder und Ge- 
schwister zuerst auf das Erbrecht sich beschränkt habe und erst 
hinterher auch auf die übrigen Rechtsgebiete erstreckt worden sei; 
indessen läßt sich über diesen Punkt kaum mit einiger Sicherheit 
sprechen. Auffällig erscheint endlich noch, daß zwischen den ver- 
schiedenen Klassen der unecht Geborenen nirgends unterschieden 
wird, mit einziger Ausnahme des Vorzuges, welcher dem frillusonr 
in Bezug auf die Feststellung der Vaterschaft eingeräumt wird; in- 
dessen hängt diese Erscheinung sichtlich mit der oben bereits er- 
wähnten Feindseligkeit der Kirche gegen die Konkubinenkinder zu- 
sammen, und sie steht vollkommen mit der auch schon besprochenen 
Tatsache in Einklang, daß man auf Island um die Entstehungszeit 
unserer Rechtsbücher bereits über den richtigen Gebrauch von Aus- 
drücken wie hornüngr und hrisüngr nicht mehr im klaren war. 

Weit weniger durchsichtig ist die Geschichte der unechten Ge- 
burt nach norwegischem Rechte, und es fehlt nicht an gar 
mancherlei Schwierigkeiten, welche in Bezug auf dieselbe zu lösen 
sind. Es wurde bereits bemerkt, daß nach den FrI)L. der uneheliche 
Sohn, welcher von einer freien Mutter geboren ist, seines Vaters 
Recht nimmt, sowie nur erst die Vaterschaft festgestellt ist, wo- 
gegen der t>yborinn sonr unter der Voraussetzung, daß er rechtzeitig 
freigelassen und dann frei auferzogen wurde, nur um ein Drittel 
weniger an Buße erhält ; *) daß aber andererseits das uneheliche 
Kind, dessen Vater nicht nachgewiesen werden konnte, seiner Mutter 
folgt und somit das Recht seines mütterlichen Großvaters erhält. -) 
Nicht minder wurde auch bereits erwähnt, daß nach den GI)L. so- 
gar der t)yborinn sonr seines Vaters Recht ungeschmälert erhält, 
wenn er nur in frühester Jugend freigelassen und sodann als frei 
behandelt worden war. ^) Daß uns im isländischen Rechte keine 



>) FrJ)L. X, 47. «) ebenda, II, i. 

*) GJ)L. 57 und 104. 



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iCQ Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

analoge Bestimmung begegnet ist, erklärt sich sehr einfach daraus, 
daß auf Island alle und jede freigeborenen Leute gleichen Rechtes 
waren, und kann somit diese Tatsache nicht benützt werden, um 
das Alter der norwegischen Unterscheidung anzuzweifeln; dagegen 
fällt auf, daß nicht noch weiter zwischen dem hornüngr und dem 
hrisüngr unterschieden wird, und möchte man, wiewohl mit Un- 
recht, geneigt sein, hierin, was das I)rändheimer Recht betrifft, eine 
Neuerung zu sehen, welche in GI)L. nur noch weiter fortgesetzt 
worden \yäre. Zur Erbfolge ferner berufen die GI)L. ^) zunächst 
nur die unehelichen Söhne, und zwar den j)yborinn sonr ebensowohl 
wie den hornüngr und hrisüngr an siebenter Stelle, unmittelbar nach 
den broeörasynir, also den Geschwisterkindern im Mannsstamme, und 
zwar sollen sie in das Stammgut ebensowohl folgen als in die Fahr- 
habe; der |jyborinn sonr wird dabei ausdrücklich als „üleiddr i aett 
efter faöur sinn'' bezeichnet, und wird somit bezüglich seiner von 
den weiterreichenden Wirkungen einer Legitimation ganz abgesehen. 
Ganz folgerichtig werden ferner die frilludoetr unmittelbar nach den 
broeöradoetr berufen, ') wogegen das Rechtsbuch von einem Erb- 
rechte der entfernteren Grade der unechten Geburt nichts weiß. 
An derselben Stelle berufen auch die FrI)L. die unechten Söhne, 
nur daß sie zwischen ihnen und den broeörasynir noch die Mutter 
und die Vatersschwester einschieben;^) auch sie steDen alle drei 
Kategorien derselben ganz gleich, aber sie berufen unmittelbar hinter 
ihnen auch noch den brööir frillusonr und nach diesem die homa, 
hrisa und |)yborinn döttir, ehe noch die Erbfolge an den dritten 
gleichen Grad der echten Geburt fällt Daneben ist aber noch die 
auffällige Erscheinung zu verzeichnen, daß der Vorzug der echten 
Geburt vor der unechten auch nach Richtungen hin in Betracht 
kommt, welche mit den Beziehungen des Berufenen zum Erblasser 
nur weit entfernter zusammenhängen. So wird bei Enkeln, dann 
auch bei Neffen, nicht nur ihre eigene echte oder unechte Geburt 
in Betracht gezogen, sondern auch die ihres Vaters, und geht dem- 
nach der echtgeborene Enkel, dessen Vater gleichfalls von echter 
Geburt war, dem anderen vor, dessen Vater ein unehelicher Sohn 
war;*) aber andererseits geht dieser letztere Enkel, weil selber echt 
geboren, dem unecht geborenen Sohne vor, so daß er bei Beerbung 



') Gj)L. 104. *) ebenda, I05. 

») FrJ)L. VIII, 8; Fragm. III, S. 51S— 19. 

■*) ebenda, 3; Frujjm. II, S. 50S. 



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g 6. Die uneheliche Geburt. j-j 

seines Großvaters seinen eigenen Vater ausschließt Man mag mit 
dieser Bestimmung etwa den anderen Satz desselben Rechtsbuches 
vergleichen, daß der echt geborene Sohn eines J)yborinn sonr die 
volle Buße seines Großvaters nehmen soll, während doch ihr Vater 
um ein Drittel geringeres Recht gehabt hatte, weshalb denn auch 
solche Leute als betrfeörüngar bezeichnet werden. ^) So wird ferner 
auch an zwei verschiedenen Stellen, welche das Erbrecht der Mutter 
ihrem eigenen Kinde gegenüber besprechen, ^) darauf Gewicht ge- 
legt, daß sie selber von ehelicher Geburt sei, während dieser Um- 
stand doch nach unseren Begriffen für deren Beziehungen zu ihren 
eigenen Kindern ohne alle Erheblichkeit sein müßte. Man wird viel- 
leicht den Umstand zur Vergleichung heranziehen dürfen, daß auch 
im isländischen Rechte einmal die Berufung des Ehemannes zur 
legorössök wegen Verletzung seiner Ehefrau an die Bedingung ge- 
knüpft wird „ef til arfs er alinn", ^) was man nicht auf einen Schreib- 
fehler zurückführen darf, obwohl eine zweite Stelle den Beisatz 
nahezu völlig ausläßt,*) ein anderes Rechtsbuch nur wenige Reste 
desselben zeigt, ^) und ein drittes Rechtsbuch ihn völlig beseitigt ; ®) 
man möchte sich versucht fühlen, hier wie dort einen Zusammen- 
hang der verwandtschaftlichen Berechtigung mit den Standesrechten 
des unecht Geborenen zu vermuten, welcher freilich für das islän- 
dische Recht noch weit schwerer als für das norwegische zu be- 
greifen wäre. Weiterhin wird aber in den FrI)L. auch noch bemerkt, 
daß K Sigurör Jörsalafari mit seinen Brüdern Eysteinn und Ölafr 
hinter dem dritten gleichen Grade des ehelichen Mannsstammes und 
einigen an ihn sich anschließenden Angehörigen des Weibsstammes 
noch dem unecht geborenen Vatersbruder und Bruderssohne ein 
Erbrecht eingeräumt habe, und zwar beiden zunächst unter der Vor- 
aussetzung, daß sie samfeöra, also von der Vatersseite her verwandt 
seien, eventuell aber beiden unter der anderen Voraussetzung, daß 
sie sammoeöra, also von der Mutterseite her verwandt sind ; ") eventuell 



*) FrJL. X, 47. Nicht richtig; es ist für skilgetin nach Kragm. III, S. 518 
und JarnsiÖa, ErfÖat. 4 zu lesen skilfengin, d. h. rechtmäßige Ehefrau. 

*) ebenda, VIII, 5 und 7. ^) Konüngsbök, 156/48. 

*) ebenda, 254/203; nur die Worte „ef er" sind stehen geblieben. 

*) StaÖarhölsbök, 145/177: ef hann er. 

^) Belgsdalsbok, 51/242. Nicht richtig; die ursprüngliche Lesung ist sicher: 
<?f er oder ef hann er; vgl. meine Abhandlung über die unechte Geburt, S. 50. 

') FrJ)L. VIII, 15; Fragm. II , S. 509 und III, S. 519. Doch liest Fragm. II 
br6Öar«ynir statt broeÖrasynir, und ist dies das richtige. 



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1^2 '^cil I* ^^^ äuficre Erscheinung der Verwandtschaft. 

sollen jeder von beiden Gruppen die gleichnahe verwandten Weiber 
sich anschließen und sollen hinter der zweiten Gruppe auch noch 
die broeörasynir sammceöra, gleichviel ob von echter oder von un- 
echter Geburt, zum Zuge kommen, ehe noch die entferntere ehelicbe 
Verwandtschaft bis zum fünften gleichen Grade einschließlich be- 
rufen wird. Von irgend welchen Sukzessionsrechten der entfemtereo 
unehelichen Verwandtschaft ist dagegen nicht mehr die Rede. Ob 
diese Neuerung von den genannten drei Königen nur für die Land- 
schaft I)rändheimr verwilligt, oder aber für ihr gesamtes Reich zu- 
gestanden wurde, bleibt ungesagt; doch ist das letztere wahrschein- 
licher, da deren Verwilligungen auch im übrigen sich auf ganz Nor- 
wegen erstreckten; in den GI)L. mochte ja die betreffende Be- 
stimmung recht wohl an der Stelle nachgetragen gewesen sein, an 
welcher unser Text seine große Lücke zeigt (zwischen § 150 und 
151), gleichwie ja die Novellen der Könige Magnus gööi und Hakon 
I)örisföstri sich wirklich nur wenig früher (§ 148) eingeschaltet finden. 
Lediglich an die bisher besprochenen Stellen uns haltend, gewinnen 
wir hiernach für das Erbrecht der unechten Geburt folgende Ent- 
wicklungsstufen. Anfänglich beschränkt sich dasselbe lediglich auf 
die Kinder, und läßt die eigentümliche Art, wie die FrI)L. den un- 
echt geborenen Bruder hinter den unehelichen Söhnen einschieben, 
den Schluß zu, daß selbst dieser erst durch eine nachträgliche Inter- 
polation in den Text des Rechtsbuches gekommen sein werde; 
eine weitere Ausdehnung ihrer Erbrechte aber erlangten die unecht 
Geborenen erst am Anfange des 12. Jahrhunderts, und auch diese 
reicht nur bis zum ersten und zweiten ungleichen Grade, oder doch 
höchstens, nach einer anderen Lesart, bis zum zweiten gleichen 
Grade. Eine andere Frage ist aber die, ob auch nur jenes erste, 
beschränkte Erbrecht denselben von der ältesten Zeit an zugekommen 
sei, und es fehlt nicht an Anhaltspunkten für eine verneinende Be- 
antwortung dieser Frage. Ich will darauf nicht gerade viel Wert 
legen, daß die FrpL., nachdem sie ausgesprochen haben, unter 
welchen Voraussetzungen Brautkinder gleich den ehelichen erbbe- 
rechtigt sein sollen, noch weiter beifügen: „en 1 engom staö aörum 
koemr maör til arfs, nema moöer sc myndi koeypt, eöa hann se 
meö lagum i sett leiddr".^) Da gerade das Christenrecht der FrI)L 
zweifellos im wesentlichen auf der Redaktion des K. Magnus Erlingsson 
beruht, kann der Satz für die Zeit, in welcher dessen uns vorliegender 



FrI)L. III, 13. 

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§ 6. Die uneheliche Geburt. 155 

Text entstand, unmöglich mehr richtig gewesen sein, und ließe sich 
demnach ebensogut an eine ungenaue Fassung desselben denken, 
als daran, daß derselbe aus einer älteren Vorlage unbedacht heriiber- 
genommen worden wäre, obwohl allerdings die Analogie des islän- 
dischen Rechtes für die letztere Annahme spricht Um so ent- 
schiedener ist aber zu beachten, daß die Verweisung der unecht 
geborenen Kinder auf Vergabungen, welche ihr Vater ihnen zu- 
wenden darf, ohne dabei an die Zustimmung seiner geborenen Erben 
gebunden zu sein, in den norwegischen Rechtsbüchern ganz eben- 
sogut vorkommt wie in den isländischen. Nach den FrI)L. soll der 
höldr seinem })yborinn sonr nicht mehr als zwölf Unzen Silbers ohne 
Zustimmung der Erben geben dürfen, und der ärborinn maör nicht 
mehr als eine Mark;^) nach der Verschiedenheit der Stände soll 
sich die Wertgrenze auch für die Angehörigen anderer Klassen ab- 
stufen, immer aber dieselbe Regel wie für den Sohn der Sklavin 
auch für den föstri, d. h. Pflegesohn gelten. Nach den GI)L. da- 
gegen darf der Landherr seinem [)yborinn sonr sechs Mark, der höldr 
dem seinigen drei Mark, der einfache Bauer zwölf Unzen geben, vor- 
ausgesetzt nur, daß keiner der geborenen Erben einen geringeren 
Betrag auf seinen Teil erhalte; ^) dabei wird aber noch ausdrücklich 
beigefügt, daß man ebensoviel wie dem [)yborinn sonr auch dem 
hornüngr und hrisüngr geben dürfe. Berücksichtigen wir, daß der 
sakmetinn eyrir am Schlüsse des 12. Jahrhunderts nur halb so viel 
wert war als der silfrmetinn eyrir, so ist klar, daß die Ansätze für 
den höldr in beiden Rechten vollkommen gleich sind und anderer- 
seits fallen die zwölf Unzen des einfachen Bauern in den GpL. genau 
mit dem Betrage zusammen, welchen das isländische Recht als 
Wertgrenze setzt Dabei ist zu beachten, daß die Bestimmung in 
den beiden norwegischen Rechtsbüchern im Zusammenhange mit 
der Verzehntung des eigenen Vermögens zu frommen Zwecken be- 
sprochen wird, und daß dabei in den GI)L. nicht nur von der 
im Jahre 11 52 erfolgten gesetzlichen Erweiterung der Wertgrenze 
für Vergabungen dieser letzteren Art keine Notiz genommen, 
sondern auch die „tiund" in einer Weise besprochen wird, welche 
auf die Zeit vor der Einführung des Ertragszeh ntes unter K. Sigurör 
Jörsalafari zurückzuweisen scheint^) Neben diesen Bestimmungen 



') FrI)L. IX, 17. *) GI)L. 129. 

*) vgl. meine Abhandlung: „Über den Hauptzehnt einiger noTdgcimamscV\CT 
Rechte", S. 232—33. 



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I CA Teil I. Die äufiere Erscheinung der Verwandtschaft. 

Über die Vergabungen kommt ferner zu berücksichtigen, daß nach 
den GI)L. bei der aättleiöing der geborene Erbe sowohl als der 
nächste Stammgutsfolger demjenigen, welcher legitimiert werden 
sollte, ausdrücklich das Erbrecht sowohl als die Stammgutsfolge ein- 
räumen mußte, welche dieser also vor erfolgter Legitimation nicht an- 
zusprechen gehabt haben konnte ; ') minder deutlich zwar, aber doch 
immer noch klar erkennbar, wird die gleiche Regel auch in den 
FrI)L. ausgesprochen, *) wobei nicht übersehen werden darf, daß der 
eheliche Sohn in der betreffenden Stelle dem unehelichen gegenüber 
ausdrücklich als arfgengr bezeichnet wird, ganz in Übereinstimmung 
mit jener oben schon angeführten Stelle desselben Rechtsbuches, 
welche, den Fall der Brautkinder ausgenommen, uneheliche Kinder 
nur durch die aettleiöing Erbrecht gewinnen läßt Beide Rechtsbücher 
besprechen übrigens die settleiöing ebenfalls wieder zunächst nur mit 
Bezugnahme auf den l)yborinn sonr, und lassen erst hinterher die 
Bemerkung nachfolgen, daß es beim hornüngr und hrisüngr, oder 
anders ausgedrückt bei dem unehelichen Kinde eines freien Weibes, 
ebenso zu halten sei. Auch in den G1)L. werden gelegentlich die 
unecht geborenen Kinder dem Manne gegenübergestellt, der arfgengr 
ist, '*) was doch auch wieder voraussetzt, daß die ersteren ursprüng- 
lich nicht erbberechtigt waren. Man möchte aus diesen Tatsachen 
schheßen, daß ursprünglich die unehelichen Kinder in Norwegen 
ebenso wie auf Island vom Erbrechte gänzlich ausgeschlossen ge- 
wesen seien; indessen fragt sich doch, ob ein solcher Schluß voll- 
ständig begründet wäre. Nur von den Vergabungen an den |)yborinn 
sonr handeln die FrI)L., und auch die GI)L. gehen zunächst nur von 
ihm aus, wogegen sie erst hinterher beifügen, daß der hrisüngr und 
hornüngr mit ihm gleich zu behandeln seien. Die aetüeiöing wird 
gleicherweise in beiden Rechtsbüchern in erster Linie nur in Bezug 
auf jenen besprochen, und hinterher erst der letzteren beiden als 
gleichmäßig zu behandelnder Leute gedacht. Wir dürfen beifügen, 
daß die GI)L. bei Besprechung der Alimentationspflichten, welche 
mit dem Nachlasse auf den Erben übergehen, nur die l>ybomir neben 
den „körlum ok kerlingum" nennt,*) was doch ebenfalls wieder 
darauf hinweist, daß nur diese als von der Erbfolge ausgeschlossen, 
und darum einer Alimentation bedürftig galten, gleich den abgelebten 
Greisen. Man wird sich nun daran erinnern dürfen, daß zwar die 



'j GI)L. 58. 2, FrJ)L. IX, I. 

^) z. B. GpL. 125; 129. *) ebenda, II5. 



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§ 6. Die uneheliche Geburt. ICC 

GI)L. dem |)yborinn sonr ebensogut wie dem hornüngr und hrisüngr 
das volle Recht seines Vaters einräumen, daß aber die Frl)L. nur 
die letzteren beiden in dieser Weise behandeln, dagegen des ersteren 
Buße um ein Drittel niederer ansetzen, und erst den ehelich ge- 
borenen Sohn des |)yborinn sonr in das volle Recht seines Groß- 
vaters eintceten lassen. Diesen letzteren Satz haben wir oben bereits 
mit der anderen Vorschrift desselben Rechtsbuches in Verbindung 
gebracht, daß der eheliche Sohn eines unehelichen Sohnes bei der 
Beerbung des Großvaters seinen eigenen Vater ausschließt; ist aber 
dieser Zusammenhang begründet, so ergibt sich, daß auch dieser 
letztere Satz wieder ursprüngHch nicht von allen unehelichen Söhnen 
und ihren Kindern, sondern nur von den Jiybornir gegolten haben 
kann, wenn man nicht annehmen will, wozu jeder Anhaltspunkt 
fehlt, daß umgekehrt jene Zurücksetzung in der Buße ursprünglich 
den homüngr und den hrisüngr ganz ebenso wie den Jjyborinn sonr 
betroffen habe. Endlich wird man aber auch nicht unbeachtet lassen 
dürfen, daß hinsichtHch der Thronfolge unecht geborene Söhne aber 
jeher als vollkommen ebensogut berechtigt galten, wie die ehelich 
geborenen. Wir wissen, daß K. Häkon gööi ein Sohn der I)öra 
Möstrstöng war, eines Weibes aus sehr angesehenem Hause, von 
welchem es aber allerdings heißt: „hon var kölluö konüngs ambätt";^) 
dennoch aber machte derselbe sein Recht auf die Thronfolge sogar 
seinem echt und vornehm geborenen Bruder Eirikr blöööx gegen- 
über mit Erfolg geltend, wie denn auch des K. Harald r Thronfolge- 
ordnung dessen sämtlichen Söhnen ein Thronfolgerecht gewährte, 
obwohl diese von ganz verschiedenen Müttern, und sicherlich nicht 
alle ehelich geboren waren. Wiederum war Magnus gööi ein un- 
echter Sohn des heil. Olafr, seine Mutter, Alfhildr, war der Königin 
Waschfrau,^) und wurde „konüngs ambätt" genannt, obwohl sie von 
guter Abkunft war;^) obwohl nur wenige Vertraute des Königs um 
dessen Vaterschaft wußten, und obwohl somit Magnus nur als ein * 
hrisüngr gelten konnte, folgte er dennoch ohne Anstand seinem 
Vater auf dem Throne nach. Ein unechter Sohn des K. Olafr kyrri 
war Magnus berfoettr, und zwar war derselbe als ein hornüngr zu 
betrachten, da seine Mutter, welche bald l)öra Arnadöttir, bald I)öra 
Jöansdöttir genannt wird, des K. Olafr „frilla" heißt.*) So waren 

*) Heimskr. Haralds s. harfagra, 4078; Fagrsk. 21/13 u- ^^r^- ^^ 

*) Legendarische Olafs s. helga, 4634. 

^) Heimskr. Olafs s. hcl^ja, 131/30$ u. dgl. in. 

•*) Fagrsk. 221/150; Morkinsk. 126. 



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I c6 Teil I. Die äuflere Erscheinung der Verwandtschaft. 

ferner die Brüder Eysteinn, Sigurör und Ölafr uneheliche Söhne eben 
dieses K. Magnias; nur von der Mutter des letztgenannten, der Sigriör 
Saxadöttir, wird gesagt, daß sie von angesehener Herkunft, und daß 
sie des Königs „frilla" gewesen sei,*) während sich des Eysteinn Mutter 
nicht einmal genannt, sondern nur als sehr niedrigen Standes be- 
zeichnet findet Wiederum stützten Haraldr gilli, dann Sigurör 
slembidjäkn, ihre Ansprüche auf den Thron lediglich auf die Be- 
hauptung, daß sie uneheliche Söhne desselben K. Magnus berfoettr 
seien, und führte der erstere in Norwegen durch die Eisenprobe den 
Beweis dieser seiner Behauptung, während der letztere sich auf ein 
angeblich im Auslande von ihm bestandenes Gottesurteil sich be- 
rief; *) Magnus blindi aber war ein Sohn, welchen K. Sigurör Jörsala- 
fari mit seiner „frilla", der Borghildr Olafsdöttir, erzeugte.') Von 
den Söhnen des K. Haraldr gilU war nur Ingi in der Ehe erzeugt, 
wogegen Sigurör munnr, ein Sohn seiner Konkubine, I)öra Guöorras- 
döttir, Eysteinn aber gar ein Sohn der Irländerin Bjaöök war, welcher 
ohne Eisenprobe, auf das bloße Wort des gemeinsamen Vaters hin 
von den beiden Brüdern anerkannt wurde;*) dennoch aber sukze- 
dierten unbedenklich alle drei Brüder nebeneinander. Wiederum war 
K. Häkon heröibreiör von K. Sigurör munnr in flüchtigster Begeg- 
nung mit der Dienstmagd eines Bauern erzeugt, *) und auch K. 
Sverrir war im günstigsten Falle ein unehelicher Sohn desselben 
Vaters. Die Thronfolgeordnung freilich des K. Magnus Erlingsson 
änderte insofern diese Zustände, als sie sehr bestimmt den Ausschluß 
der unehelichen Söhne durch die ehelich geborenen aussprach;*) 
aber da sie für den Fall des Nichtvorhandenseins ehelicher Söhne 
auf das gemeine Erbrecht verwies, ließ auch sie dieselben wenigstens 
an einer späteren Stelle noch zu, und so blieb tatsächlich die Sache 
ziemlich beim alten. Die verschiedenen Parteikönige der Baglar, wie 
Sigurör, Vikarr, Jon, geben sich selbst nur für unechte Söhne des 
K. Magnus Erlingsson aus, und andererseits war K. Häkon gamli 
von K. Häkon Sverrisson mit der Inga außer der Ehe erzeugt worden, 



*) Heimskr. Magnüss s. berfoetls, 18/653—54; FMS. VII. 32/63; vgl. 
Fagrsk. 241/159 und Morkinsk., 174. 

-) Heimskr. SigurÖar s. Jörsalafara, 34/691—92 und Haralds s. 
gilla, 14/718—19 u. dgl. m. 

*) Heimskr. SigurÖar s. Jörsalafara, 24/680. 

*) Heimskr. Haralds s. giUa, 1/704 und Inga s. Haraldssonar, 
13/737—38. 

*) Heimskr. Inga s. Haraldssonar, 18/740 — 4I. •) CpL, 2. 



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§ 6. Die uneheliche Geburl. 1 c 7 

von deren Verhältnis zu ihm doch nur wenige vertraute Männer 
wußten.') Eben dieser K. Häkon gamli sah sich freilich veranlaßt, 
um zu einer feierlichen Krönung gelangen zu können, sich durch P. 
Innocenz IV. förmlich legitimieren zu lassen (1246), und seine Thron- 
folgeordnung von 1260 beruft den unecht geborenen Sohn zwar un- 
mittelbar nach dem echtgeborenen Sohne und Enkel zur Thronfolge, 
aber doch nicht mehr neben diesem ; ^) die Thronfolgeordnung des 
K. Magnus lagaboetir von 1273 aber beruft den unecht geborenen 
Sohn vollends erst an siebenter Stelle, hinter den echt geborenen 
broeörüngar. *) Bis in das 13. Jahrhundert herein waren hiemach die 
unechten Söhne den echten in Bezug auf die Thronfolge völlig gleich- 
gestellt gewesen, sowie nur die Vaterschaft bezüglich derselben, sei 
es nun zufolge eines offenkundig bestehenden Konbubinatsverhältnisses 
unzweifelhaft, oder im gegebenen Falle durch die Anerkennung seitens 
des Vaters oder eine legale Beweisführung sicher gestellt schien. 
Zwischen dem hornüngr und hrisüngr wurde dabei nachweisbar kein 
weiterer Unterschied gemacht, als der bereits- angedeutete hinsicht- 
lich der Beweisfrage; dagegen läßt sich für die Gleichstellung des 
t^yborinn sonr mit beiden, oder überhaupt für dessen Berechtigung 
zur Thronfolge kein Beweis erbringen, da die Nennung einer „konüngs 
ambätt" als Kindsmutter an ein paar Stellen als solcher nicht gelten 
kann. Ausdrücklich wird in den einschlägigen Fällen die freie Ver- 
wandtschaft, und unter Umständen sogar die angesehene Herkunft 
der betreffenden Weiber hervorgehoben, so daß das Dienstverhältnis, 
in welchem dieselben standen, nicht das von Unfreien gewesen sein 
kann; mag sein, daß Joh. Fritzner und Guöbrandr Vigfüsson Recht 
haben, wenn sie unter der konüngs ambätt einfach eine frilla des 
Königs verstehen. Nun wird man kaum annehmen dürfen, daß die 
Thronfolge, für welche es auch in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- 
hunderts als eine Neuerung galt, wenn der unechte Sohn auch nur 
hinter den echten zurückgestellt werden wollte, sich in einem so 
wesentlichen Punkte von Anfang an von der gewöhnlichen Erbfolge 
unterschieden habe, will man aber diese Annahme vermeiden, so 
bleibt kaum etwas anderes übrig als die Vermutung, daß ursprüng- 
lich alle Söhne freier Weiber ganz gleichmäßig erbfähig gewesen 
seien, gleichviel ob sie ehelicher oder unehelicher Herkunft waren, 
wogegen der {)yborinn sonr anfangs von allem Erbrechte ausge- 

') Häkonar s. gamla, 1/230. 

*) neuerer GJ)KrR. 5; Jarns., Krb. 4. 

') Landsl., Krb. 5. 



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icS Teil I. Die äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

schlössen gewesen sein mochte. Dieser letztere allein wäre hiemach 
ursprünglich „eigi arfgengr", und lediglich auf jene Vergabungen be- 
schränkt gewesen, welche ihm sein Vater unabhängig vom guten 
Willen des geborenen Erben zuwenden durfte, und er allein hätte 
darum auch einer aettleiöing bedurft, um erbfähig zu werden; höch- 
stens läßt sich noch ergänzend beifügen, daß bei dem zwar mit 
einem freien Weibe, aber außerhalb eines geordneten Konkubinats- 
Verhältnisses erzeugten Sohne die Herstellung der Vaterschaft nahe- 
zu ganz von der Anerkennung durch den Vater abhängen mußte, 
so lange die Einführung der kirchlichen Gottesurteile in den Pater- 
nitätsprozeß die Beweisführung noch nicht erleichtert hatte. Ein 
vereinzelter Überrest dieser ältesten Behandlung der unechten Geburt 
liegt aber noch in FrI)L. IX, § 7, vor, wo es heißt: „Ef maör kallar 
til fööurarfs sins, ok hinn jättar |)vi, at hann er |)ess sonr, er hann 
segir, ok af frjälsum kviöi, ok til arfs kominn, ok er hann innan 
lands getinn, {)ä mä hann ganga til fööur arfs sfns." Es entspricht 
aber dieser Zustand vollkommen dem Charakter der älteren Zeit, 
welcher einerseits die zwischen den Freien und Unfreien bestehende 
Standesverschiedenheit mit voller Schärfe betonte, andererseits aber 
sowohl die Vielweiberei duldete, als auch den Weiberraub als eine 
ganz gewöhnliche Erscheinung kannte, welche zwar in das Recht 
der Verwandtschaft der Geraubten gewaltsam eingriff, im übrigen 
aber für den Stand der letzteren nicht notwendig ernstere Folgen 
hatte, Ais eine Neuerung müßte demgegenüber betrachtet werden, 
daß hinterher der unechten Geburt ohne Unterschied zwischen der 
Abstammung von einer freien oder unfreien Mutter ihr eigener Platz 
in der Erbentafel angewiesen wurde, und wäre hierin ein Fortschritt 
für den |)yborinn sonr, aber zugleich auch ein sehr fühlbarer Rück- 
schritt zu erkennen für den hrisüngr, und zumal für den hornüngr; 
mag sein, daß bei dieser Ausgleichung der Einfluß der Kirche im 
Spiele war, welche ja, wie oben schon bemerkt, den Konkubinen- 
kindern ebenso feindselig war wie den übrigen unehelichen Kindern, 
und jedenfalls hängt es damit zusammen, daß von jetzt ab die Be- 
zeichnung frillusonr, frilludöttir, ohne weiteres für alle und jede un- 
ehelichen Kinder gebraucht werden konnte, ') und daß andererseits 
auch wirkliche Konkubinenkinder zu denen gerechnet werden mochten, 
welche nicht „arfgengir" sind, ^) wenn man nämlich diesen letzteren 



») So z. B. schon FrJL. VIII, 8 und 15; GJL. 105. 
2) GI)L. 125; FrI)L. III, 13. 



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ij 6. Die uneheliche Geburt. 



159 



Ausdruck im altüblichen Sinne als Gegensatz zu den ehelichen Ge- 
borenen und ihrem Rechte nehmen wollte. Sowie aber erst die 
verschiedenen Klassen der unecht geborenen Kinder im Erbrechte 
einander gleichgestellt waren, ließ sich auch die aettleiöing, dann die 
Bestimmung über das Maß von Vergabungen, welche einseitig an 
sie gemacht werden durften, nicht mehr auf die })ybornir allein be- 
schränken, und lag andererseits auch kein genügender Grund mehr 
vor, um diese in dem Betrage ihrer Buße den unechten Söhnen einer 
freien Mutter nachzusetzen; es ist ein Anachronismus, wenn die 
Frl)L. diese letztere Zurücksetzung nach wie vor aufrecht erhielten. 
Von hier aus begreift sich übrigens, daß die Unterscheidung der 
drei Klassen von unechten Kindern, welche in unseren Rechtsbüchern 
ziemlich müßig dasteht, für die ältere Zeit von großer Erheblichkeit 
sein mußte. Zwischen dem |)yborinn sonr und den unechten Söhnen 
eines freien Weibes lag eine tiefe Kluft, welche beide geradezu als 
Angehörige verschiedener Stände, und auch als der Verwandtschaft 
gegenüber ganz verschieden gestellt erscheinen ließ; der hornüngr 
aber unterschied sich vom hrisüngr, mit welchem er allerdings nach 
gleichem Rechte lebte, immerhin noch sehr wesentlich dadurch, daß 
zur Feststellung der Paternität bei ihm, anders als bei diesem, kein 
besonderer Beweis und keine besondere Anerkennung der Vaterschaft 
erforderlich ist. — Bezüglich der Altersvormundschaft galt 
aber die Regel, daß der nächste Erbe sie zu übernehmen habe, ^) und 
ebenso bezüglich der Armenalimentation;^) doch fanden bei 
der letzteren mancherlei Besonderheiten statt. So soll nach des 
Vaters Tod zunächst die Mutter die Alimentation der gemeinsamen 
Kinder übernehmen, obwohl sie zu deren Beerbung erst nach dem 
väterlichen Großvater und den Geschwistern von der Vatersseite her 
berufen ist;*) wenn femer beide Eltern verarmen, sollen auf den 
Vater und seine Verwandtschaft ^/g, auf die Mutter dagegen und 
deren Verwandtschaft nur Va ^^^ Kinder treffen, *) was augenschein- 
lich nur eine Konsequenz der anderen Regel ist, daß für die legale 
Gütergemeinschaft unter Ehegatten dieses Verhältnis hinsichtlich des 
Anteiles beider Ehegatten am gemeinen Gute als maßgebend galt,*) 
und kann darum diese Regel auch nur für den Fall zur Anwendung 
gekommen sein, da diese legale Gütergemeinschaft zur Anwendung 

^ G>L. IJ5; FrJ)L. IX, 22. 

*) GJL. 115; vgl. 127 und 130; FrI)L. IX, 25; vgl. XI, 5. 

') GJL. 117; vgl. 103. *) ebenda, 118. 



') ebenda, 53; vgl. 64. 



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l6o '^^'^ '• ^*^ äußere Erscheinung der Verwandtschaft. 

kam, wogegen in anderen Fällen der speziell ausbedungene Maß- 
stab der beiderseitigen Anteile am gemeinen Gute entscheiden 
mußte, vermöge der Regel : *) „|)ä skal svä skuldum gegna, sem fel^ 
t)eirra var; svä skal körlum skipta ok kerlingum, ok })ebomum, sem 
öörum skuldum, ok j)eirra börnum". Bezüglich des Verlobungs- 
rechtes wurde anderwärts schon bemerkt, daß dasselbe nicht nur 
Witwen gegenüber völlig wegfiel, sondern auch Jungfrauen gegen- 
über nur dem Vater und Bruder schlechthin, entfernteren Verwandten 
aber nur dann zukam, wenn das Mädchen entweder noch minder- 
jährig, oder ökonomisch völlig hilflos, und darum bezüglich seines 
Unterhaltes ganz auf seine Verwandten angewiesen war; daß aber 
unter diesen letzteren Voraussetzungen der rechte Erbe auch der 
rechte Verlober sein mußte, dürfte sich aus dem über die Altersvor- 
mundschaft und die Alimentationspflicht gesagten von selbst ergeben. 
Der Anspruch auf die Unzuchtsbuße wird denn auch, nach Vater 
und Bruder, dem nächsten Erben ausdrücklich zugesprochen,*) wo- 
gegen ein Anspruch des Geschlechtsvormundes auf andere Bußen 
nur noch in den FrI)L. erhalten ist In allen diesen Fällen ist unter 
dem Bruder natürlich immer nur der ehelich geborene Bruder zu 
verstehen, und der unehelich geborene Bruder kann somit zu den 
betreffenden Rechten immer nur unter der Voraussetzung berufen 
werden, daß ihm die Eigenschaft des nächsten Erben zukommt Am 
Wergeide endlich nehmen die t>ybornir menn immer nur als sak- 
aukar Anteil, und zwar berufen die GI)L. zunächst nur den unecht 
geborenen Sohn und Bruder, und in zweiter Linie auch noch den 
unecht geborenen Oheim und Neffen, ') während die FrI)L. zunächst 
nur den {)yborinn sonr zu den sakaukar rechnen, jedoch mit dem 
Bemerken, daß die Söhne der sakaukar ein Drittel weniger als ihr 
Vater, und deren Söhne wiederum ein Drittel weniger als der ihrige 
erhalten sollen, sodann aber doch auch noch den t>yborinn brööir 
bedenken;*) in der Wergeldstafel des Bjarni Maröarson aberleuchtet 
der außerordentliche Charakter der Berücksichtigung zwar auch noch 
durch, wird jedoch anstatt des |»yborinn sonr der friölusonr genannt*' 
Daß die älteren Wergeidstafeln aber nur die j)ybomir menn bedenken, 
ohne den hornüngr und den hrisüngr irgendwie zu berücksichtigen, 
wird ebenfalls wieder nur unter der Voraussetzung verständlich, daö 



') G1)L. 115. 

*) ebenda, 197. '^j ebenda, 236 — 37 und 246—48. 

*) FrI)L. VI, 5 und 10. »^i GI)L. 316. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 2^7 

das Erbrecht, wie z. B. die Weglassung des Unfreien untei* den 
Zahlmitteln, die bei der Einlösung von ööal zu verwenden sind;') 
zum Teil aber haben sie ernsthaftere Bedeutung, und rechne ich 
hierher die Bestimmung, daß an vierter Stelle nach dem Vatervater, 
Vaterbruder und Brudersohn in erster Linie die „mööir skilfengin" 
das ganze Erbe nehmen soll, und erst wenn auch sie fehlt, die 
Vatermutter, Vaterschwester und Bruderschwester, und zwar zu 
gleichen Teilen, erben sollen, *) während dann an sechster Stelle die 
Vaterschwester, die zwar selber ehelich geboren, deren Vater aber 
unehelicher Geburt ist, berufen wird, und neben ihr der ehelich ge- 
borene hälfbroeörüngr, d. h. Sohn eines halbbürtigen Vaterbruders 
des Verstorbenen, der jedoch consanguineus sein mußte, eventuell 
das gleich nahe verwandte Weib,*) — femer die unmittelbar vor der 
Novelle des K. Sigurör und seiner Brüder eingeschobene neuere Be- 
stimmung über das Erbrecht der Brautkinder und der durch die Ver- 
lobung legitimierten Kinder.*) Ungleich selbständiger verhält sich da- 
gegen das gemeine Landrecht des K.Magnüs lagabcjetir, 
welchem auch dessen gemeines Stadtrecht und die J6nsb()k 
folgen, wenn auch die letztere nicht ohne mehrfache Abweichungen. 
Auch dieses Gesetzbuch schließt sich freilich im großen und ganzen 
noch ziemlich genau an die Bestimmungen der FrpL an; jedoch 
bringt es in manchen Beziehungen sehr erheblich abweichende Vor- 
schriften, bezüglich deren zum Teil dahingestellt bleiben muß, wie 
weit dieselben als wirkliche Neuerungen aufzufassen seien, oder wie 
weit deren Inhalt etwa dem einen oder anderen der uns nicht er- 
haltenen Provinzialrechte, den EpL. also oder den BI)L, entnommen 
sein dürfte.^) Eine erste Neuerung besteht darin, daß die ab- 
steigende Linie fortan der aufsteigenden schlechthin vorgehen soll, 
ohne Rücksicht auf die Nähe des Grades, vorausgesetzt nur, daß 
der Berufene durchgehends von ehelicher Geburt, oder aber per sub- 
sequens matrimonium legitimiert ist Gleichgültig ist dabei, ob es 
sich um die Beerbung des Vaters oder der ehelichen Mutter handle ; 
neu ist aber sowohl das Verhältnis der Tochter zum Sohne, als 
auch des Sohnessohnes zu beiden geordnet. Es soll nämlich die 



M Jarns., ErfÖat. 2 vgl. mit Fr|>L. VIII, 3 und Fragm. II, S. 508—9. 
«) Järns., ErfÖat 4 vgl. mit Fr|>L. VIII, 5. 
>) Järns., ErfÖat 6 vgl. mit Fr|>L. YIII, 7. 
*) Järns., ErfÖat 14. 

*) Siehe Landslög, ErfÖat 7/80—84; BjarkR. 7/230—33; J6nsb6k, 
^-13. 

Maurer, Venrandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 17 



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258 Teil H. Das Erbrecht. 

Tochter nunmehr bei Beerbung der Eltern, beiderseits eheliche 
Abkunft vorausgesetzt, mit dem Sohne konkurrieren, jedoch so, daß 
sie nur ein Drittel der Erbschaft erhält, während zwei Drittel der- 
selben an den letzteren fallen. Ist femer ein Enkel von einem vor- 
verstorbenen Sohne vorhanden, so soll auch dieser konkurrieren, 
unter der doppelten Voraussetzung, daß erstens er selbst sowohl ak 
sein Vater ehelich geboren ist, und daß zweitens der letztere nicht 
etwa schon bei seinen Lebzeiten abgefunden worden war; jedoch 
soll der Enkel nur den Anteil einer Tochter erhalten, also halb so- 
viel wie der Sohn, mit welchem er konkurriert. Ist endhch eine 
ledige Tochter vorhanden, jedoch nicht mehr bei ihren jungfräu- 
lichen Ehren, so wird sie, wenn ein ehelicher Sohn vorhanden ist, 
von allem Erbrechte Vater und Mutter gegenüber ausgeschlossen, 
dagegen auf die Hälfte dessen herabgesetzt, was ihr an und für sich 
gebühren würde, wenn neben ihr nur eine andere Tochter, oder ein 
Enkel von einem verstorbenen Sohne her vorhanden ist; nur wenn 
auch solche fehlen, erbt sie trotz ihres Fehltrittes den ganzen Nach- 
laß. Die letztere Bestimmung findet sich auch in der Jönsbök; 
durch die Verordnung des K. Eirikr Magnüsson vom 15. Juli 1294, 
§ 18,^) kam aber für Island noch die weitere Vorschrift hinzu, daß 
Weiber, welche nicht Witwen sind, durch Eingehung einer Ehe 
ohne Zustimmung ihres Geschlechtsvormundes ihr Erbrecht diesem 
ihrem Vormunde gegenüber einbüßen, es sei denn, daß dieser sie 
an einer für sie passenden Heirat zu hindern suche. Außerdem be- 
stimmt § 25 der Verordnung von 1280^) für Norwegen, daß die 
obige Regel über die Teilung des Sohnessohnes mit der Tochter 
nur für den Fall gelten solle, da von je einem Sohne nur je ein 
Sohnessohn vorhanden sei, wogegen für den anderen Fall, da mehrere 
Sohncssöhne von einem Sohne her da sind, diese alle zusammen 
nur den Anteil nehmen sollen, welchen ihr verstorbener Vater er- 
halten haben würde, wenn er den Erbanfall erlebt hätte; dorch 
§ 16 der Verordnung vom 14. Juni 1314 auch auf Island erstreckt,') 
führt diese Vorschrift, wie man sieht, für die Enkel das Prinzip der 
Teilung nach Stämmen statt nach Köpfen ein, wobei indessen zu 
beachten ist, daß dieselbe sich in die Form einer authentischen 
Interpretation einkleidet. Modifiziert werden übrigens die obigen 
Grundsätze schon nach dem Landrechte selbst für den Fall, da 



^) Lagasafn, I, S. 19. ^) Norgcs gamlc Lovc, UI, Nr. I, S. 9- 

') Lagasafn, I, S. 29. 



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§ lO. Die Erbfol^ordming. 250 

Stammgut vorhanden ist Dieses sollen nämlich die Söhne allein 
erhalten, wogegen die Töchter ihren Anteil in Kaufeigen und eventuell 
in Fahrhabe erhalten sollen; doch erhält der Enkel von einem ver- 
storbenen Sohne her seinen Anteil an der Erbschaft ebenfalls in 
Stammgut, und er hat überdies das Recht, was ihm hiernach noch 
an dem Anteile fehlt, welchen sein verstorbener Vater an dem 
Stammgute zu beanspruchen gehabt hätte, mit ^/g des Schätzungs- 
wertes seinen Oheim abzulösen, falls nur der Großvater bereits ge- 
storben oder doch in Austrag gegangen ist Neu tritt dabei die 
Bestimmnng auf, daß, wenn der Stammgüter mehrere sind, der 
Haupthof (höfuöböl) stets dem ältesten Sohne zufallen solle, wogegen 
die übrigen Brüder mit anderen Stammgütern gleichen Wertes ab- 
zufinden sind. Es ist dieses der erste Anfang des später so be- 
deutsam auftretenden Ansiedehechtes (Aasaedesretten), welches frei- 
lich später seinen ursprünglichen Zusammenhang mit dem Stamm- 
güterrechte aufgab ; ob die für den Ansiedel beabsichtigte Sukzessions- 
ordnung Primogenitur oder Majorat sein solle, wird dabei allerdings 
nicht klar ausgesprochen, indessen scheint doch letzteres gemeint zu 
sein. Wunderlicherweise gibt auch das Stadtrecht die auf die Stamm- 
güter bezügUchen Bestimmungen unverändert wieder,^) obwohl es 
in den Städten keine Stammgüter gab ; die Jönsbök dagegen scheint 
zwar die auf das ööal bezüglichen Bestinmiungen, weil auch auf 
Island solches nicht vorkam, beseitigen und nur die auf den An- 
siedel bezüglichen stehen lassen zu wollen, verfährt indessen auch 
ihrerseits dabei nicht konsequent, indem eben doch einige auf das 
ööal bezügliche Satzungen in ihr stehen geblieben sind. *) In welcher 
Weise die entferntere Deszendenz sukzedierte, wird uns nicht gesagt,, 
vielmehr nur ausgesprochen, daß auch der posthumus schlechthin 
erbberechtigt war, wenn er nur lebendig zur Welt kam und die 
Taufe empfing; dagegen wird ausdrücklich ausgesprochen, daß der 
Vater nur unter der Voraussetzung zur Erbfolge berufen wurde,, 
daß gar keine eheüche Deszendenz des Erblassers vorhanden sei, 
was indessen bezüglich der Sohnestöchter und Tochtersöhne, wie 
sich zeigen wird, eine Einschränkung erleidet Die Mutter aber erbt 
zunächst nicht neben dem Vater, außer insoferne, als sie dasjenige 
zurückerhält, was sie selbst etwa dem verstorbenen Kinde zu seiner 
Ausfertigung gegeben hätte, in Bezug auf Vermögensstücke aber 
schließt nicht nur sie selbst, sondern schließen auch für den Fall 



') neuerer BjarkR. V, 7, Nr. I. ^) Tonsbök, U 

17* 



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26o Teil II. Das Erbrecht 

ihres frühern Todes ihre anderweitigen Kinder den Vater aus, ohne 
daß dabei zwischen einbändigen und zweibändigen Geschwistern 
unterschieden würde. Die letztere Bestimmung scheint aus dem 
älteren isländischen Rechte entlehnt zu sein. Hinter dem Vater folgt 
der väterliche Großvater, wie in den GpL. der Vater und Vatervater 
noch in der ersten Erbenklasse gestanden waren; unter Kindern 
aber gilt eine Kollationspflicht bezüglich alles dessen, was sie etwa 
aus dem Vermögen ihrer Eltern gelegentlich ihrer Verehelichuag 
als Ausfertigung erhalten haben, und müssen sie das so Empfangene 
nicht nur bei der Erbteilung sich auf ihren Anteil anrechnen lassen, 
sondern sogar das etwa zuviel Bekommene bei dieser herauszahlen. 
— In der zweiten Erbenklasse folgt sodann der aettleiöingr, welcher 
soweit nunmehr dem echtgeborenen Sohne sowohl als dem durch 
nächfolgende Ehe legitimierten nicht mehr gleichsteht. Mit ihm 
konkurriert aber der echtgeborene Sohn eines unecht geborenen 
Sohnes, und der echt geborene Sohn einer echt geborenen Tochter, 
und zwar sukzedieren alle diese Personen in liegende wie in fahrende 
Habe, und alle zu gleichen Teilen, so daß auf die jede einzelne 
Kategorie repräsentierende Kopfzahl kein Gewicht gelegt, viehnehr 
jeder Kategorie als ihr gleicher Anteil zugewiesen wird. Ist von allen 
diesen Personen auch nur eine einzige vorhanden, so nimmt sie die 
ganze Erbschaft, ist keine von ihnen da, so erbt in dieser Klasse noch 
die eheliche Tochter einer ehelichen Tochter. Nach § i6 der Verord- 
nung vom 14. Juni 13 14 tritt aber auch der echtgeborene Sohn eines 
verstorbenen aettleiöingr an die Stelle dieses seines Vaters neben den 
mit ihm konkurrierenden Personen ein. — In der dritten Klasse erbt 
zunächst der ehelich geborene frater consanguineus, und in seiner 
Ermangelung die ehelich geborene soror consanguinea; fehlen beide, 
so tritt die Mutter ein, vorausgesetzt daß sie des Vaters rechtmäßige 
Ehefrau sei. Hinter der Mutter erbt die eheliche Tochter eines un- 
ehelichen Sohnes, und der eheliche Sohn einer unehelichen Tochter, 
und wenn beide fehlen, die eheliche Tochter einer unehelichen 
Tochter. Erst wenn alle diese Personen fehlen, kommt der Mutter- 
vater zum Zuge, und neben ihm die Vatermutter, falls sie recht- 
mäßige Ehefrau ist; sind auch solche Personen nicht vorhanden, so 
tritt die Muttermutter unter derselben Voraussetzung ein. — In der 
vierten Klasse erbt nun der Vaterbruder, wenn er der ehelich ge- 
borene Sohn eines ehelich geborenen Vaters ist, dessen Sohn zu- 
gleich des Erblassers Vater war, und neben ihm der Bruderssohn 
unter analogen Voraussetzungen, sowie der ehelich geborene frater 



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§ 10. Die Erbfolgeordnung. 201 

uterinus, dessen Mutter ebenfalls ehelich geboren ist ') Alle drei 
erben dabei zu gleichen Teilen, jedoch wiederum so, daß jede der 
drei Kategorien ihr Drittel ganz gleichmäßig erhält, ohne alle Rück- 
sicht auf die Zahl der Köpfe, durch welche sie vertreten ist Von 
hier ab soll diese Regel in allen Fällen gelten, wo immer eine Tei- 
lung unter verschiedene Linien (kvisl) in Frage kommt, und nicht 
minder soll auch die andere Regel von hier ab allgemein gelten, 
daß derjenige, dessen Vater oder Mutter echt geboren ist, bei gleicher 
Nähe der Verwandtschaft stets vor dem den Vorrang haben soll, 
dessen Vater oder Mutter unecht geboren ist, je nachdem es der 
Vater oder die Mutter ist, welcher die Berechtigung zu der frag- 
lichen Erbschaft vermittelt, wogegen aber auf die echte oder un- 
echte Geburt des anderen Elternteiles nichts ankommen soll. Der 
erstere Satz ist insoferne nicht unauffällig, als die Regel der gleichen 
Teilung ohne Rücksicht auf die Kopfzahl an unserer Stelle zunächst 
gar nicht für den Fall der Konkurrenz verschiedener Linien, sondern 
nur für den ganz anderen Fall einer Konkurrenz verschiedener Kate- 
gorien von Verwandten aufgestellt worden war, deren jede wieder 
recht wohl verschiedene Linien umfassen konnte; es begreift 
sich indessen leicht, daß man dazu kommen konnte, die ursprüng- 
lich nur von Verwandtschaftskategorien geltende Regel hinterher auch 
auf Linien auszudehnen, und dies zumal in den entfernteren Ver- 
wandtschaftsgraden. Ist übrigens von den beiden bezeichneten Per- 
sonen innerhalb der vierten Erbenklasse niemand vorhanden, so erbt 
in ihr die Vatersschwester und die Bruderstochter, soferne beide echt 
geboren und die Väter consanguinei waren, sowie die echtgeborene 
soror uterina, unter der obigen Voraussetzung; doch wird in Bezug 
auf die ganze vierte Klasse bemerkt, daß bei ihr unter Umständen 
die Stammgutsfolge von der gemeinen Erbfolge abgehe, eine Be- 
merkung, welche ungeschickter Weise auch in das Stadtrecht und 
in die Jönsbök übergegangen ist — An fünfter Stelle erben sodann 
Mutterbruder und Schwestersohn, oder wenn diese fehlen, Mutter- 
schwester und Schwestertochter, alle vier jedoch nur unter der 
doppelten Voraussetzung, daß sie ehelicher Geburt sind, und von 
consanguinei oder consanguineae abstammen. — An sechster Stelle 
erben Geschwisterkinder männlichen Geschlechts, wenn sie selber 



*) So nach den Landslög und dem BjarkR., dann den Ausgaben der 
jönsbök von 1578 und 1709, wogegen die Ausgaben von 1707 und 1858 statt 
brööir sammoeddr vielmehr „barnfoeddr" lesen. 



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202 Teil H. Das Erbrecht. 

sowohl als ihre Väter von ehelicher Geburt, und die letzteren über- 
dies consanguinei sind; hinter ihnen kommen eben solche Greschwister- 
kinder zu stehen, deren Väter von unehelicher Geburt sind Siad 
weder diese noch jene vorhanden, so folgen zunächst Geschwister- 
kinder weiblichen Geschlechts unter denselben Voraussetzungen, also 
ebenfalls in zwei Gruppen geteilt; hinter diesen kommen echt ge- 
borene systkinasynir, und nach ihnen echt geborene systkinadcetr 
zum Zuge, wieder unter im übrigen gleichen Voraussetzungen ; fehlen 
aber auch sie, so werden, wieder unter denselben Voraussetzungen, 
echt geborene systrasynir, und eventuell echt geborene systradcetr 
berufen. Ist aber von allen diesen Personen keine vorhanden, so erbt 
als der letzte in dieser Erbenklasse der unehelich geborene Sohn, 
vorausgesetzt nur, daß er weder in Ehebruch noch in Blutschande 
erzeugt ist — An siebenter Stelle werden nun nebeneinander be- 
rufen der echt geborene Vatersbruder und Bruderssohn, bei welchen 
die Verwandtschaft von der Mutterseite her stammt, also der frater 
uterinus des Vaters, und der Sohn des frater uterinus; hinter ihnen 
tritt aber, unter der gleichen Voraussetzung die echt geborene Vaters- 
schwester und Schwestertochter ein. — An achter Stelle nehmen 
sodann Mutterbruder und Schwestersohn, und hinter ihnen Mutter- 
schwester und Schwestertochter die Erbschaft, diese wie jene wieder 
unter denselben Voraussetzungen der ehelichen Geburt und der Ver- 
wandtschaft von der mütteriichen Seite her. — An neunter Stelle 
beerbt man sein broeörüngsbarn, vorausgesetzt, daß an der Spitze 
beider Stämme fratres consanguinei standen, eventudl sein systkina- 
barn, und subeventuell sein systrüngsbarn, unter analoger Vor- 
aussetzung;') wenn dabei ausdrücklich bemerkt wird, daß selbst die 
erstgenannten nur berufen sein sollen „nema manni skyldare finnizt*, 
indem in dieser Klasse immer der nähere Grad vorgehe, so verrat 
sich hierin nur eine, übrigens sehr begreifliche Unsicherheit der 
Verfasser des Gesetzbuches in Aufstellung ihrer Erbentafel. — Die 
zehnte Stelle nehmen die echt geborenen Nachgeschwisterkinder ein, 
die von consanguinei herstammen, und zwar zunächst die eptir 
broeörabörn, dann die eptir systkinaböm, und zuletzt die eptir systra- 
börn; dabei schließt aber immer bei gleicher Nähe der Verwandt- 
schaft der Mann das Weib aus. — An elfter Stelle folgen nun die 



*) Die Korrektur „af samfcettom syskinom" für sammoeddom ergibt sich aui 
dem Zusammenhange, sowie aus der Vergleichung des BjarkR. und der Jönsbök. 
Auch die Hss. der Landslög schwanken übrigens. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 263 

echt geborenen brceörasynir, deren Väter gleichfalls echt geboren, 
aber fratres uterini waren, und hinter ihnen stehen solche Männer 
gleicher Verwandtschaft, deren Väter unecht geboren waren. Fehlt 
es an beiden, so folgen erst die broeöradcetr, dann die systkinasynir, 
dann die systkinadcetr, hierauf aber die systrasynir und schließlich 
die systradoetr, alle unter im übrigen gleichen Voraussetzungen. — 
An zwölfter Stelle konunen diejenigen Personen zu stehen, welche 
im übrigen in derselben Weise verwandt sind wie die oben an 
neunter und zehnter Stelle Aufgeführten, nur daß bei ihnen statt 
der consanguinei vielmehr uterini an der Spitze der Stämme stehen. 
— Endlich an dreizehnter Stelle erbt zunächst die unehelich geborene 
Tochter; hinter ihr der unecht geborene frater consanguineus, und 
nach ihm die unecht geborene soror consanguinea; fehlen auch 
diese, so erben nebeneinander und zu gleichen Teilen der Vaters- 
bnider und der Bruderssohn, deren Eltern consanguinei waren, sowie 
der frater uterinus, vorausgesetzt, daß sie alle von unechter Geburt 
sind, und hinter ihnen allen stehen dann zunächst noch die gleich 
nahe verwandten Weiber, natürlich doch wohl in derselben Gliede- 
rung. Fehlt es auch an diesen, so sollen die broeörüngar eintreten, 
natürlich wohl auch wieder die unecht geborenen, da die echt ge- 
borenen bereits an einer viel früheren Stelle berufen wurden, und 
sollen dabei immer die Männer den Weibern vorgehen. Sind aber 
auch solche nicht vorhanden, so erbt schließlich noch die Verwandt- 
schaft bis zum vierten gleichen Grade einschließlich, echte Geburt 
derselben vorausgesetzt, und zwar mit der Maßgabe, daß diejenigen, 
deren Stammeshäupter consanguinei waren, stets denjenigen voran- 
gehen sollen, deren Stammeshäupter uterini waren. Erst wenn es 
an allen diesen Personen fehlt, soll die Erbschaft an den König 
fallen, übrigens aber jeder nur in der ihm zugewiesenen Klasse erben, 
und keiner dem änderen vorgreifen. Während aber das Stadtrecht 
auch bezüglich der dreizehnten Klasse völlig dem Landrechte folgt, 
zeigt die Jönsbök an dieser Stelle beträchtliche Abweichungen, und 
eine weit günstigere Behandlung der unechten Geburt Sie läßt die 
unehelich geborene Tochter weg, doch wohl weil sie dieselbe auf 
Grund des § 14 der Verordnung vom 14. Juni 1314^) bereits am 
Schlüsse der sechsten Erbenklasse eingestellt hatte. Sie nennt da- 
gegen noch vor dem frater consanguineus den Sohnessohn und die 
Sohnestochter, den Tochtersohn und die Tochtertochter; sie schiebt 



') Lagasafn, I, S. 29. 

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264 '^^^ ^^' ^** Erbrecht. 

femer zwischen den frater consanguineus und die soror consanguinea 
den frater uterinus ein, und nach der soror consanguinea die soror 
uterina. Nach ihr läßt sie den Vaterbruder und Brudersohn folgen, 
wobei diejenigen, deren Väter consanguinei waren, den Vorrang vor 
denen haben, deren Väter uterini waren; hinter ihnen aber stehen 
zunächst in gleicher Weise die Vatersschwester und Schwestertochter, 
sodann aber der Mutterbruder und Schwestersohn, und hinter ihnen 
die Mutterschwester und Schwestertochter. Jetzt folgen die broeörüngar, 
dann die systkinaböm und zuletzt die systraböm, wobei immer der 
Mann dem Weibe vorgeht Bei allen bisher genannten Verwandten 
wird unechte Greburt vorausgesetzt; in Ermangelung ihrer wird aber 
zunächst die echt geborene Geburt bis zum vierten gleichen Grade 
einschließlich berufen, hinter ihr aber auch noch die unechte Ge- 
burt bis zu demselben Grade und zwar so, daß zunächst der zweite 
und dritte ungleiche Grad berufen wird, dann der dritte gleiche, 
dann der dritte und vierte ungleiche, und zuletzt der vierte gleiche, 
wobei überdies wie bei der echten Geburt immer diejenigen, deren 
Stammeshäupter consanguinei waren, den anderen vorgehen, welche 
von uterini abstammen. Es ist schwer abzusehen, wie diese eigen- 
tümlichen Bestimmungen in die Jönsbök gekommen sind. Da erst 
im Jahre 13 14 die unecht geborene Tochter in die sechste Erben- 
klasse vorgerückt wurde, kann deren Text nicht vor diesem Jahre 
seine derzeitige Gestalt erlangt haben; andererseits aber zeigt schon 
das Recht aus der letzten Zeit des Freistaates eine so bedeutende 
Ausdehnung des Erbrechtes der unechten Geburt, daß der Jönsbök 
wohl ein noch weiteres Vorgehen in dieser Richtung zuzutrauen 
wäre, wenn auch die Järnsiöa in ihrem engeren Anschlüsse an die 
FrpL. einen anderen Weg geht Entscheiden läßt sich die Frage 
kaum, so lange nicht eine kritische Ausgabe der Jönsbök sowohl als 
der sämtlichen Urkunden und Verordnungen aus den 13. und 14« 
Jahrhundert vorliegt 

Suche ich aber auch hier wieder die für die Erbentafcl be- 
stimmenden Gesichtspunkte klar zu stellen, und zugleich deren Ver- 
gleichung mit den Grundsätzen des älteren Rechtes durchzuführen, 
so ergibt sich vor allem eine ungleich weiter ausgedehnte Berück- 
sichtigung der unechten Geburt Hatten die älteren Provinzial- 
rechte ursprünglich nur die unechten Kinder zur Erbfolge berufen, 
und war diesen dann später in den FrpL. noch der unecht geborene 
Bruder, und wohl auch die unecht geborene Schwester, dann durch 
die Novelle des K. Sigurör Jörsalafari und seiner Brüder auch noch 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 26C 

der unecht geborene Vaterbruder und Brudersohn beigefügt worden, 
so sind jetzt auch noch die unecht geborenen Geschwisterkinder 
wenigstens für den Fall zugelassen, daß sie dem Mannsstamme an- 
gehören. Dabei zeigt sich freilich die Stellung der unecht Geborenen, 
und soweit sie schon früher erbberechtigt gewesen waren, einiger- 
maßen zu ihrem Nachteil verschoben; aber dies ist nur die Folge 
anderweitiger Veränderungen in der Erbfolgeordnung, nicht aber auf 
irgend eine ihnen selbst widerfahrene Ungunst zurückzuführen. So 
steht der uneheliche Sohn, welcher nach den GpL. unmittelbar den 
broeörasynir gefolgt war, und dem nach den FrpL. wenigstens 
nur noch die brceöradcetr vorgegangen waren, jetzt auch noch den 
systkinasynir und systkinadoetr, dann den systrasynir und systradcetr 
nach, falls nur deren Eltern Geschwister vom Vater her waren; die 
uneheliche Tochter aber und die unehelichen Geschwister stehen 
wit alle übrigen unechten Verwandten, die überhaupt noch erbfähig 
sind, erst hinter den ehelich Geborenen des dritten gleichen Grades, 
was für die beiden ersteren zwar nicht den GI)L., aber doch den 
FrI)L. gegenüber allerdings eine Zurücksetzung ist Das isländische 
Gesetzbuch des K. Magnus erweist sich der unechten Geburt sogar 
noch weit günstiger, was sich aus der weiteren Ausdehnung ihres 
Erbrechtes in den letzten Zeiten des Freistaates leicht erklärt, und 
zwar handelt es sich dabei nicht bloß um eine Vervollständigung 
der Erbentafel durch Einschaltung der unehelichen Enkel vor den 
unehelichen Geschwistern, sondern auch um eine Veränderung der- 
selben, indem der uneheliche frater uterinus seine Stelle unmittelbar 
hinter dem unechten frater consanguineus erhält statt erst neben 
dem unehelichen Vaterbruder und Brudersohne, sowie zumal um 
eine Ergänzung derselben, indem der Mutterbruder und Schwester- 
sohn, dann die Mutterschwester und Schwestertochter vor den broeör- 
üngar, dann die systkinabörn und systrabörn gleich hinter diesen 
eingeschoben werden, endlich auch die gesamte unechte Verwandt- 
schaft, welche jenseits des zweiten, aber noch innerhalb des vierten 
gleichen Grades einschließlich liegt, am Schlüsse der ganzen Erben- 
tafel eingereiht wird. Zu beachten ist ferner, daß nach den späteren 
Gesetzbüchern ganz wie nach den FrpL. neben der unechten Geburt 
des Erben selbst auch noch die seines Vaters berücksichtigt wird, 
wobei als Regel gilt, daß ceteris paribus das Kind eines- echtge- 
borenen parens dem eines unecht geborenen um einen Schritt vor- 
geht; ja diese Berücksichtigung der unechten Geburt des Vaters 
wird im neueren Rechte sogar noch viel konsequenter durchgeführt 



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266 Teil II. Das Erbrecht. 

als im älteren. Endlich muß aber auch noch bemerkt werden, daß 
zwar das Landrecht des K. Magnus von einem Erbrechte der Mutter 
gegenüber. ihrem unehelichen Kinde nichts weiß, daß aber eine Ver- 
ordnung des K. Häkon Magnussen vom 2. Mai 131 3 in ihrem § 3 
diesem Mangel abhalf,^) indem sie der Mutter ein Erbrecht am 
Schlüsse der sechsten Klasse unmittelbar hinter dem unehelichen 
Sohne einräumte, vorausgesetzt nur, daß sie das Kind, um dessen 
Beerbung es sich handelt, weder im Ehebruch noch im Inzeste ge- 
wonnen hatte, fiir Island aber führte die Verordnung desselben Königs 
vom 14. Juni 1314*) in ihrem § 14 nicht nur das gleiche Erbrecht 
der außerehelichen Mutter ein, sondern sie wies auch, wie oben 
bereits bemerkt, der unehelich geborenen Tochter unmittelbar hinter 
der außerehelichen Mutter ihre Stelle an. — Was sodann die Weiber 
betrifft, so fehlt es der neuen Gesetzgebung an jedem durchgreifenden 
Prinzipe. Gelegentlich der zehnten und zwölften Klasse \%ird aller- 
dings der Grundsatz ausgesprochen, und gelegentlich der dreizehnten 
bezüglich der unecht geborenen broeörüngar wiederholt, daß bei 
gleicher Gradesnähe stets der Mann das Weib ausschließe; diese 
Regel greift auch wirklich bereits bei den Geschwistern Platz, und 
zwar bei den consanguinei wie bei den uterini, und wird von hier 
ab in der Seitenlinie der entfernteren Grade ausnahmslos beobachtet, 
soweit nicht etwa die oben besprochene Regel ein anderes mit sich 
bringt, daß das Kind eines unecht geborenen parens dem eines echt 
geborenen um einen Schritt nachstehe. Insoweit steht demnach die 
neuere Gesetzgebung wesentlich auf demselben Boden wie die FrI>L 
oder das ältere isländische Recht; aber bezügUch der näheren Grade 
der Verwandtschaft, in der absteigenden sowohl als aufsteigenden 
Linie weicht das gemeine Landrecht mehrfach von dieser Regel ab, 
und wenn zwar bei den FrI)L, dasselbe der Fall war, so bewegen 
sich doch die Abweichungen hier wie dort in verschiedener Richtung. 
Wie nach den älteren Provinzialrechten, so konkurriert die Tochter 
auch jetzt noch mit dem Sohnessohne; aber sie konkurriert jetzt, 
anders als früher, überdies auch noch mit dem Sohne, wenn auch 
nicht zu gleichen Hälften wie mit jenem, so doch zu einem Drittel 
Die Sohnestochter steht ferner, anders als nach den FrI)L., nicht 
nur dem Sohnessohne und dem Vater, sondern auch dem Groß- 
vater nach, der hier, ähnlich wie nach den GI>L., weiter vorgerückt 



*) Norgcs gamle Love, III, Nr. 36, S. loo. 
*) Lagasafn, I, S. 29. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 267 

ist als nach den FrI)L.; dagegen folgt die Tochtertochter wieder 
ganz richtig dem Tochtersohne auf dem Fuße nach. Daß die Tochter 
eines unechten Sohnes oder einer unechten Tochter von den Söhnen 
ron solchen etwas weiter abstehen, ist an sich nur eine Folge des 
Satzes» daß die unechte Geburt des parens das Kind um einen Grad 
berabdrücke, doch bleibt immerhin auffällig, daß solche Enkelinnen 
nicht sofort in der nächsten Klasse an erster Stelle berufen wurden, 
vielmehr erst hmter den consanguinei und der Mutter erben. Ganz 
prinziplos ist femer, daß die unechte Tochter erst in der dreizehnten 
Klasse erbt, während sie ihre richtige Stelle am Schlüsse der sechsten 
Klasse hinter dem unechten Sohne finden müßte, wohin sie denn 
auch, was das isländische Recht betrifft, die Novelle des Jahres 13 14 
versetzte. Lediglich aus den älteren GI)L. herübergenommen ist 
ferner die abnorme Stellung der Mutter hinter den consanguinei, 
statt unmittelbar hinter dem Vater; eine Konsequenz aber einerseits 
dieser regelwidrigen Stellung der Mutter und andererseits der weit 
vorgerückten Stellung des Vatervaters ist die, daß auch die Vater- 
mutter nicht unmittelbar auf diesen letzteren folgen kann, vielmehr 
hinter die Mutter und neben den Muttervater gestellt erscheint — 
Bezüglich des Gegensatzes zwischen dem Mannsstamme und 
Weibsstamme ist die neuere Gesetzgebung ihre sehr durchgreifend 
eigentümlichen Wege gegangen. Von einer scharfen Sonderung 
beider, wie solche in den älteren GI)L. sowohl als FrI)L. bemerkbar 
gewesen war, ist jetzt nicht mehr die Rede, und wenn zwar der 
Mannsstamm auch jetzt noch vor dem Weibsstamme eines Vorzuges 
genießt, so läßt sich dieser doch nicht mehr auf ein festes Prinzip 
zurückführen. Gelegenthch der neunten und zwölften Klasse wird 
allerdings bemerkt, daß bei gleicher Gradesnähe der Mannsstamm 
dem Weibsstamme vorgehen solle, und damit dieselbe Regel aufge- 
stellt, welche auch bereits nach den GI)L. für die entferntere Ver- 
wandtschaft jenseits der tölumenn hatte gelten sollen; aber gleich- 
mäßig durchgeführt wird diese Regel keineswegs. Wenn der Tochter- 
sohn in der zweiten Klasse erbt, der Sohnessohn aber in der ersten, 
wenn der frillusonarsonr in der zweiten, der frilludöttursonr aber in 
der dritten Klasse steht, wenn der Vaterbruder und Brudersohn in 
der vierten, aber Mutterbruder und Schwestersohn in der fünften 
Klasse berufen werden, soferne ihre Stammeshäupter consanguinei, 
dagegen in der siebenten und andererseits achten, falls diese uterini 
sind, so liegt dabei offenbar die Regel zugrunde, daß der Weibsstamm 
um eine Klasse hinter dem Mannsstamme zurückzustehen habe; aber 



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268 Teil II. Das Erbrecht 

demgegenüber erbt der Großvater väterlicherseits in der ersten Klasse, 
der Großvater mütterlicherseits dagegen erst in der dritten, während 
die Großmutter mütterlicherseits in eben dieser 3. Klasse unmittelbar 
auf die Großmutter väterlicherseits folgt, auf die broeöraböm sam- 
feöra und sammoeöra folgen in der 6. und n. Klasse unmittelbar 
die systldnabörn und weiterhin die systraböm, ohne in die folgende 
Klasse herabgedrückt zu werden, und ebenso steht in der 9. und 
12. Klasse das systkinabarn und systrüngsbam gleich hinter dem 
broeörüngsbarn, stehen ferner in der 10. und 12. Klasse die eptir- 
systkinaböm und eptirsystrabörn gleich hinter den eptirbroeöraböm» 
so daß in allen diesen Fällen der Abstand ein geringerer scheint als 
da, wo der Weibsstamm in die folgende Klasse herabsteigen muß, end- 
lich wenn Geschwister als consanguinei in der 3. Klasse, als uterini aber 
erst in der 4. Klasse erben, Oheime und Neffen wenn samfeöra in der 4, 
wenn sammoeöra in der 7. Klasse, Geschwisterkinder wenn samfeöra in 
der 6., wenn sammoeöra in der i f., ebenso bei dem nächsten ungleichen 
Grade die samfeöra in der 9., die sammoeöra in der 12. und beim 3. 
gleichen Grade die samfeöra in der 10., die sammoeöra in der 12. Klasse 
stehen, so ist auch hier wieder der Abstand ein ungleich größerer. 
Man möchte fast vermuten, daß man zwischen den Verwandten von 
der Mutterscite her und dem übrigen Weibsstamme unterschieden 
und die ersteren schlechter gehalten habe als den letzteren; ein 
festes Prinzip läßt sich indessen nicht erkennen, und im alten nef* 
gildi war auch die Verwandtschaft von der Mutterseite her, wenigstens 
teilweise, begriffen gewesen. Beachtenswert ist immerhin, daß sich 
eine ähnliche Scheidung der Vaterseite von der Mutterseite auch in 
der Bestimmung geltend macht, daß das Gut, welches die Mbtter 
ihrem Kinde gegeben hat, nach dessen Tod an sie selbst, oder wenn 
sie selbst bereits verstorben ist, an die germani oder uterini des 
Kindes fallen soll mit Ausschluß des Vaters; beachtenswert auch, 
daß der § i der bereits angeführten Verordnung vom 2. Mai 13 13 
auf derselben Grundlage weitergebaut hat*) Nach ihm soll für den 
Fiill. da ein Kind seine rechtmäßige Mutter beerbt hat, und nun 
selber vor Hinterlassung von Deszendenten stirbt, der Vater und 
die väterliche Verwandtschaft nur die Fahriiabe erben, wogegen 
die liegende Habe nur einem lebenslänglichen Besitz und Nutz- 
nießungsrechte des Vaters unterliegen, nach seinem Tode aber an 
den nächsten Verwandten des Kindes mütterlicherseits fallen soll, 

^' Nordes j^amle Love, HI, S. qq. 



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§ lo. Die Erbfolgeordnung. 269 

vorausgesetzt nur, daß er derselben Linie (aettkind) angehöre, aus 
welcher das Gut dem Kinde zugekommen ist; ebenso soll es auch 
in dem umgekehrten Falle gehalten werden, da das Kind seinen 
Vater beerbt hat, und hinterher von der Mutter oder deren Ver- 
wandtschaft beerbt wird, jedoch soll die ganze Regel nur für die 
gewöhnliche Erbfolge, nicht auch für die Thronerbfolge gelten. — 
Die Berechnung der Verwandtschaft ist durchaus die des 
kanonischen Rechts, dessen neuere Verwandtschaftsgrenze denn auch 
jetzt für das Erbrecht Geltung gewonnen hat. Doch ist wieder einiges 
geändert in Bezug auf das Verhältnis der aufsteigenden und absteigen- 
den Linie unter sich und zu der Seitenlinie. Auch jetzt wird die 
auf- und absteigende Linie nicht über den zweiten Grad aufwärts 
und abwärts verfolgt; dabei wird, wie dies in den GpL. geschehen 
war, beiden Linien ohne Rücksicht auf die Nähe des Grades der 
Vorzug vor der Seitenlinie eingeräumt, sodaß im Mannsstamme der 
Sohnessohn und Vatervater vor den frater consanguineus, im Weibs- 
stamme aber der Tochtersohn und Muttervater vor den frater 
uterinus zu stehen kommen. Aber abweichend von den älteren 
Provinzialrechten wird der absteigenden Lmie auch derselbe Vorzug 
vor der aufsteigenden zugestanden, gleichfalls ohne Rücksicht auf 
die Nähe des Grades, solange nur das weibliche Geschlecht oder 
die unechte Geburt des Deszendenten selbst, oder des sein Erbrecht 
vermittelnden Aszendenten, nicht ein anderes mit sich bringt; aber 
auch dann, wenn weibliches Geschlecht in Mitte liegt, hindert solches 
den Vorgang der Deszendenz vor Vater und Vaterssohn nur teil- 
weise, den Vorgang aber vor Mutter und Muttervater, dann Vaters- 
mutter und Muttermutter gar nicht, und die unechte Geburt des 
die Erbfolge vermittelnden Ascendenten macht sich ebenfalls nur in 
der ersteren, nicht auch in der letzteren Richtung geltend. Von 
einem Repräsentationsrechte ist auch der neueren Gesetz- 
gebung nichts bekannt, wenn man nicht etwa die teilweise Kon- 
kurrenz des Sohnessohnes mit dem Sohne unter diesen Gesichts- 
punkt stellen will; ebensowenig von einer Teilung zwischen der 
Vaterseite und Mutterseite, soweit nicht etwa die oben be- 
reits besprochenen Vorschriften über das Schicksal der von der 
Mutter einem Kinde gemachten Zuwendungen, dann die Vorschriften 
der Novelle von 1313, über die von der Mutterseite her ererbten 
Liegenschaften hierher zu beziehen sind. Dagegen ist allerdings 
eine Teilung nach Stämmen bereits im Aufkommen begriffen. 
Wenn zwar wiederholt bezüglich der 2. und 4. Klasse ausgesprochen 



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270 



Teil II. Das Erbrecht 



wird, daß bei der Teilung der Erbschaft unter die Angehörigen vot 
mehreren in einer Klasse konkurrierenden Kategorien von Verwandteo 
auf die Kopfzahl, durch welche eine jede repräsentiert wird, keine 
Rücksicht genommen, vielmehr der auf jede Kategorie treffende An- 
teil als ein feststehender behandelt werden solle, so ist dabei an 
eine Teilung nach Stämmen noch keineswegs zu denken ; aber wem 
gelegentlich der 4. Klasse sofort beigefügt wird: „ok svä skal hver- 
vitna upp hedan af, at jammikit skal taka einn f sina kvisl, |)ö alt 
allmargir se i aöra kvisl", so ist klar, daß, wenn auch vielleicht aus 
Mißverständnis, für die entfernteren Grade eine Teilung nach Stämmen 
wirklich eingeführt werden sollte. Hinwiederum ist von einer 
Parcntelenordnung auch in der neueren Gesetzgebung keine 
Spur zu finden, und überhaupt erweisen sich die in ihr bemerkbaren 
Neuerungen zumeist nur als weitere Fortschritte auf bereits frliber 
betretenen Bahnen, bezügUch deren sich nur auf diesem Punkte 
ebensowohl wie in anderen Teilen der Legislation des K. Magnus 
ein klares Verfolgen bestimmter Ziele, und ein folgerichtiges Durch- 
führen bewußt aufgestellter Gesichtspunkte sich sehr fühlbar ver- 
missen läßt — Was aber schließlich noch die Stammguts folge 
betrifft, bezüglich deren selbstverständUch weder das Stadtrecht noch 
die Jönsbök in Betracht kommen kann, so fehlt es auch bezüglich 
ihrer an jedem leitenden Prinzipe. Auch noch das gemeine Land- 
recht kennt den Begriff der Weiber, „|)aer sem öölum skolu fylgja", 
und rechnet dazu die Tochter und Sohnestochter, dann die Vaters- 
schwester und Bruderstochter;*) da ihre Aufzählung augenschein- 
lich den Gulat)]ngslög entiehnt ist, wird wohl durch die 5. der 
dort genannten Frauen, nämlich die Schwester, hierher zu ziehen 
sein, und wird sie wohl nur durch einen Schreibverstoß an 
unserer Stelle ausgefallen sein. Die Bezeichnung dieser Weiber 
als ööalskonur findet sich aber nicht mehr gebraucht, und auch 
von baugrV gjar ist nicht mehr die Rede, so daß sich schon von 
hier aus der Zweifel ergibt, daß die Stellung dieser Weiber nun- 
mehr möglicherweise eine veränderte geworden sein könnte. So 
wird denn auch sofort gesagt, daß, wo immer Mann und Weib 
gleich nahe zum ööal berufen sind, das Stammgut sowohl wie das 
übrige Erbe unter sie zu teilen sei, wovon nur bei der ersten Erbcn- 
klasse eine Ausnahme gelte. Die Bedeutung dieses Vorbehaltes er- 
gibt sich sehr einfach aus der oben schon angeführten Regd, *) ^ 



*) Landslög, Landabrigöi, I. *) ErfÖAtal, 7, Nr. I. 

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271 

die Tochter, wenn sie mit Söhnen oder Sohnessöhnen konkurriert, 
diesen das Stammgut lassen, und ihre Erbposition in Fahrhabe oder 
Kaufeigen erhalten soll; ebendamit ist aber gesagt, daß der Regel 
nach den Weibern, „er öörlom skulu fylgja", gegenüber ein solcher 
Vorzug der Männer nicht besteht, und somit ein Einlösungsrecht 
diesen in Bezug auf das ööal nicht mehr wie früher, zusteht. Hier- 
nach sind die früheren ööalskonur nunmehr in die Stellung einge- 
rückt, welche vordem nur die baugr>'gjar eingenommen hatten; ja 
ihre Stellung ist sogar vielleicht eine bessere geworden als die dieser 
letzteren, soferne sie neben den gleich nahe verwandten Männern 
erben, während die baugrygjar vordem erst an einer späteren Stelle 
berufen worden waren. Von hier aus erwächst nun freiUch der 
Auslegung unserer Stelle eine Schwierigkeit eigentümlicher Art» 
Von den aufgezählten vier Weibern nämlich, welche nach Abzug der 
unter die Ausnahme fallenden Tochter übrig bleiben, kann so- 
wohl die Schwester als die Vatersschwester und die Bruders- 
tochter nach der gemeinen Erbfolge niemals mit einem Manne 
konkurrieren, und es bleibt somit nur bezüglich der Sohnestochter,, 
welche allerdings mit dem aettleiöingr, dem Sohne eines unechten 
Sohnes, und dem echt geborenen Sohne einer echt geborenen Tochter 
in Bezug auf Land wie Fahrhabe konkurriert, für die Regel ein Spiel- 
raum übrig, wenn man sich nicht entschließen will, entweder eine 
ganz verschiedene Ordnung der Stammgutsfolge und der gemeinen 
Erbenfolge bei jenen aufgezählten Weibern anzunehmen, oder aber 
unsere Stelle nicht nur auf ein, sondern auch noch auf entfernter 
verwandte Weiber zu beziehen, was doch beides sein Bedenken hat. 
Auf der einen Seite nämlich ist zwar allerdings richtig, daß neben 
den fünf oben genannten Weibern nunmehr auch noch andere zur 
Stammgutsfolge berufen waren, denn es ist gelegentlich von Stamm - 
gutem die Rede, welche die Mutter von ihren Kindern erbt;^) aber 
derartige Güter unterlagen einem Einlösungsrechte seitens der Männer,^) 
und solche Fälle können somit nicht wohl gemeint sein, wenn die 
Regel ausgesprochen wird, daß Stammgut unter zugleich berufene 
Männer und Weiber zu teilen sei wie gemeines Erbe. Andererseits 
ist zwar richtig, daß an einer Stelle der gemeinen Erbentafel auf 
ein Auseinandergehen der Stammgutsfolge und der gemeinen Erb- 
folge hingedeutet wird, soferne nämlich gelegentlich der vierten Erben- 
Wasse bemerkt wird : „en hvervitna |)ar sem ööalsjörö er til i skipti,. 

*) Landabrb. 7. -) ebenda, 7 und 14. 

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2/2 



Teil 11. Das Erbrecht. 



|)ä hafi l)at ööal er til er borit, en hinir lausa aura"; aber in dieser 
Klasse erben primär nebeneinander der Vatersbruder und Bruders- 
sohn, die samfeöra sind, und der brööir sammoeöra, und eventuell, 
wieder nebeneinander, die gleich nahe verwandten Weiber, so daß 
also diese Bestimmung auf unseren Fall sich nicht beziehen kann, 
soferne sie ja gar keine Konkurrenz von Männern und Weibern zeigt, 
und umgekehrt läßt gerade der Umstand, daß an dieser Stelle die 
Möglichkeit der Trennung der Stammgutsfolge von der gemeinen 
Erbfolge ausdrücklich betont wird, um so sicherer darauf schließen, 
daß beide im übrigen zusammenfielen. In der Tat ist uns die aus- 
nahmsweise Behandlung gerade dieses Falles sehr leicht erklärlich, 
<ia hier der Mannsstamm mit uterini konkurrierte, welche letztere 
von der Stammgutsfolge wegzuweisen das neuere Recht ebensogut 
wie das ältere seine Gründe hatte. Hiernach scheint in Bezug auf 
die Stellung der Weiber eine eigentümliche Verschiebung stattge- 
funden zu haben, vermöge deren die sämtlichen früheren ööalskonur 
in die begünstigtere Stellung der baugrygjar, und die bisher unberech- 
tigten Weiber in die Stellung der bisherigen ööalskonur einrückten, 
wobei mit wenigen, speziell vermerkten Ausnahmen die Folgeordnung 
für dieselben hier dieselbe war wie bei der gemeinen Erbfolge. Mag 
sein, daß mit dieser Verbesserung der Stellung der Weiber der Satz 
zusammenhing, daß fortan auch Weiber den Männern, und Männer 
den Weibern ööal zur Ausübung des Einstandsrechtes anbieten sollten, 
und daß dem Einlösungsrechte der Männer, welche sich zu Stamm- 
gut ziehen wollten, welches in die Hand von Weibern gelangt war, 
fortan keine Verjährung schaden solle ;^) mag sein auch, daß eben 
jener Umstand den K. Häkon Magnussen veranlaßte, in seiner oben 
schon angeführten Verordnung auf die Einführung, oder wenn ein 
solches etwa vordem schon in der östüchen Reichshälfte bestanden 
haben soUte, auf die allgemeine Einführung eines Fallrechtes hinzu- 
arbeiten. Übrigens hat die Stammgutsfolge auch abgesehen von 
der Stellung der Weiber noch ihre Eigentümlichkeiten. Es ist bereits 
früher bemerkt worden, daß der Sohnessohn, welcher nunmehr zu 
Va mit dem Sohne bei der Beerbung des Großvaters resp. Vaters 
konkurriert, daneben noch das in den GI)L. ihm bereits zugestandene 
Recht genießt, so viel an Stammgut, als sein Vater mehr erhalten 
hätte, wenn er den Sukzessionsfall erlebt hätte, mit *!^ des Schätzungs- 



*) Landabrb. 7. 



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§ II. Die aufierordentlicbe Erbfolge. 273 

wertes einzulösen. ^) Außerdem kehrt auch jene andere Bestimmung 
der GpL. wieder, nach welcher beim Stammgute Teilung Erbe 
bricht, ^) und soll nach wie vor die Sukzession zunächst in jeder der 
abgeteilten Linien für sich vor sich gehen, und erst beim völligen 
Aussterben der einen Linie deren Anteil am Stammgute auf die 
andere übergehen; nach wie vor soll überdies dieses eventuelle 
Folgerecht erst dann erlöschen, wenn einer des anderen Tochter 
heiraten darf, was freilich nunmehr eine andere Bedeutung hat als 
früher, da inzwischen die kirchlichen Eheverbote auf den vierten 
gleichen Grad beschränkt worden waren. Endlich kommt hier noch 
der Vorzug in Betracht, welcher nunmehr dem ältesten Sohne in 
Bezug auf den Haupthof eingeräumt ist, und von welchem allenfalls 
bezweifelt werden mag, ob in ihm wirklich eine Neuerung, oder 
etwa nur eine Einwirkung des älteren Rechtes der östlichen Reichs- 
hälfte zu erkennen sei; über diesen Punkt ist indessen oben bereits 
das Nötige bemerkt worden. Umfangreichere Abweichungen der 
Stammgutsfolge von der gemeinen Erbfolge scheinen hiernach nicht 
mehr bestanden zu haben; aber freilich läßt sich die Ordnung der 
ersteren nicht in allen Punkten mit voller Sicherheit feststellen. 



§ II. Die außerordentliche Erbfolge. 

Die Blutsfreundschaft ist zwar der regelmäßige und weitaus be- 
deutsamste, aber keineswegs der einzige Titel, auf welchem die Erb- 
folge beruht. Hinter der verwandtschaftlichen Erbfolge steht viel- 
mehr zunächst das Erbrecht, welches dem Freilasser gegenüber 
seinem Freigelassenen, und teilweise sogar noch gegenüber dessen 
Deszendenz zugestanden ist Das isländische Recht') läßt den 
Freilasser seinen Freigelassenen beerben, soferne derselbe stirbt ohne 
eheliche Söhne oder Töchter zu hinterlassen. In gewissem Umfange 
erstreckt sich das Erbrecht des Freilassers sogar* noch auf die Kinder 
des Freigelassenen ; indessen ist es schwer festzustellen, wieweit das- 
sdbe ihnen gegenüber reichte. Einmal nämlich wird gesagt, daß 
der Freilasser, wenn die Kinder der Freigelassenen ohne Hinterlassung 



') Landsl., ErfÖat. 7, Nr. i und Landabrb. 1; vgl. GJ)L. 294. 
*) Landsl., Landabrb. 1; vgl. GJ)L. 282. 
«) Koniingsbök, 119/227—28; Arfa {)., 5/184—85. 
Maurer, Verwanduchafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 18 



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274 



Teil II. Das Erbrecht. 



von Kindern sterben, so viel Gut aus ihrem Nachlasse erhalte, als 
der Freigelassene selbst bei seinem Tode besessen hatte, wogegen 
der übrige Nachlaß an die Verwandtschaft der Kinder des Freige- 
lassenen falle ; auf der anderen Seite aber wird gesagt, daß der Frei- 
gelassene selbst beim Tode seiner Kinder dasjenige erhalte, was er 
diesen als Ausfertigung gelegentlich ihrer Verehelichung oder al^ 
Unterstützung gelegentlich einer Reise gegeben habe, oder was der 
heiratenden Tochter als Widerlage im Hinblicke auf ihre Mitgift ge- 
geben worden sei, falls diese Kinder anders ohne Hinterlassung eigener 
Kinder verstorben waren. Es ist nun schlechterdings nicht ersicht- 
lich, wer im letzteren Falle den etwaigen weiteren Nachlaß des 
Freigelassenen erhalten haben sollte, da an d'^n Freilasser zu denken 
mit der für den ersten Fall gegebenen Vorschrift nicht vereinbar bt, 
und an andere Verwandten des verstorbenen Kindes gleichfalls nicht 
zu denken ist, da nach isländischem Rechte in Ermangelung von 
Deszendenten des Erblassers der Vater dessen nächster Erbe ist 
Es wird hiemach, da bei der Übereinstimmung beider Rechtsbücher 
nicht wohl zu einer Emendation des Textes gegriffen werden kann, 
hier wohl nur die Annahme übrig bleiben, daß hier ein Konflikt 
älteren Rechtes mit neuerem vorliege, und daß somit ursprünglich 
der Freilasser die Kinder seines Freigelassenen auch bei Lebzeiten 
dieses letzteren mit Ausnahme der von dem letzteren selbst üinen 
zugewandten Vermögensstücke beerbt haben werde, wogegen erst 
später der andere Grundsatz aufgekommen wäre, daß der Freige- 
lassene schlechthin seine Kinder beerbe, und ein Erbrecht des Frei- 
lassers diesen gegenüber erst nach seinem Tode, und auch dann nur 
bis zu dem Betrage seiner eigenen Verlassenschaft einzutreten habe. 
Den Enkeln des Freigelassenen gegenüber zessiert übrigens jedes 
Erbrecht des Freilassers ganz, und greift somit ihnen gegenüber nur 
das verwandtschaftliche Erbrecht Platz; dagegen erstreckt sich das- 
selbe auch auf den Freigelassenen des Freigelassenen. Haben mehrere 
Männer gemeinsam einen Unfreien freigelassen, so entscheidet selbst- 
verständlich ihr Anteil an der Freilassung auch über ihren Anteil 
an der Erbschaft des Freigelassenen ; endlich soll das Erbrecht eines 
freigelassenen W^eibes genau ebensoweit reichen wie das eines frei- 
gelassenen Mannes. Von den norwegischen Rechten dagegen 
lassen die GI)L. den Freigelassenen, welcher sein Freilassungsbier 
noch nicht gehalten hat, und welchem dessen Haltung auch nicht 
vertragsweise von seinem Freilasser erlassen worden ist, nur von 
seinem Freilasser und dessen Rechtsnachfolgern beerben, sogar mit 



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§ 11. Die außerordentliche Erbfolge. 27 5 

Ausschluß seiner eigenen Kinder;^) nur die „litla erfö" macht hier- 
von eine scheinbare Ausnahme, indem von zwei Brüdern, welche 
schon vor ihrer Freilassung in Gütergemeinschaft gelebt, und diese 
auch nach ihrer Freilassung fortgesetzt haben, einander mit Aus- 
schluß ihres Freilassers beerben sollen, ^) aber auch nur eine schein- 
bare, da es sich hier im Grunde nicht nur um eine Folge des Erb- 
rechtes, sondern der Gütergemeinschaft handelt Hat dagegen der 
Freigelassene sein Freilassungsbier gehalten, so wird er zunächst von 
seiner Deszendenz, und erst in Ermangelung einer solchen von 
seinem Freilasser und dessen Deszendenz beerbt, und erstreckt sich 
diese „leysings erfö" beiderseits bis zum neunten Grade ausschließ- 
lich, auf Seiten des Freilassers sowohl als des Freigelassenen. *) Die 
FrpL aber lassen den Freigelassenen, der sein Freilassungsbier nicht 
gehalten hat, ebenfalls nur von dem Freilasser beerben, mit Aus- 
schluß seiner eigenen Kinder,*) nur daß sie dessen Ururenkel auch 
ohne Dazwischentreten eines solchen Formalaktes in die höhere 
Klasse der Freigelassenen aufrücken lassen; sie gestehen aber sogar 
der Deszendenz dessen, der sein Bier gehalten, oder von dessen 
Haltung sich freigekauft hat, oder als Ururenkel eines Freigelassenen 
in die höhere Klasse übergetreten ist, nur ein beschränktes Erbrecht 
zu, und zwar soll der in die höhere Klasse Eintretende selbst nur 
seinen Sohn, seine Tochter und seinen eigenen Freigelassenen be- 
erben, wogegen sein Sohn, Enkel und Urenkel sieben Personen be- 
erbt, nämlich Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Bruder und 
Schwester, endlich den eigenen Freigelassenen. Auch nach den 
FrI)L steht aber dem Freigelassenen höherer Ordnung und seiner 
Deszendenz gegenüber dem Freilasser und seiner Deszendenz ein 
subsidiäres Erbrecht noch immer zu, und zwar schließt dieses Erb- 
recht auch nach ihnen beiderseits mit dem neunten Grade, so daß 
der achte beiderseits noch inbegriffen ist. In der späteren Gesetz- 
gebung kann natürlich von diesem Erbrechte nicht mehr die Rede 
seb, da mit der Unfreiheit auch die Freilassung aus ihnen ver- 
schwunden ist 

Man sieht, auch das Erbrecht des Freilassers ist ein gesetzliches, 
wie das auf der Blutsfreundschaft beruhende, und nur darum, weil 
das letztere das regelmäßige, das ersterc aber nur ein ausnahm s- 



») GI>L. 63, 65, 66, 106. 

*) ebenda, 65 und 114. ') ebenda, 106. 

*) Fr|>L. IX, II und 15. 



18* 

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276 



Teil II. Das Erbrecht. 



weises ist, kann von einer völlig ausgestorbenen Erbschaft (aldauöa- 
arfr) bereits gesprochen werden, wenn keine Blutsfreunde vorhanden 
sind, die sich zu dieser ziehen könnten, selbst wenn ein Freilasscr, 
oder der Deszendent eines solchen im Falle ist, dieselbe an sidi 
nehmen zu können.^) Es ist hiemach auch nicht ganz korrekt, wean 
gelegentlich so gesprochen wird, wie wenn in Ermangelung von 
Blutsfreunden die Erbschaft als herrenloses Gut an den König 
fallen würde;-) richtiger wird die Sache anderwärts dahin ausge- 
drückt, daß der Anfall an den König erst dann eintrete, wenn audi 
kein Freilasser oder Deszendent eines solchen sukzessionsberechtigt 
sei, ^) und doch ist selbst dieser Ausspruch noch keineswegs voll- 
kommen richtig. Schon das Weistum über die Privilegien, welche 
K. Ölafr der Heilige den Isländern in Norwegen erteilt habe, kennt 
den Satz,*) daß der Nachlaß eines in Norwegen versterbenden Is- 
länders, wenn geborene Erben desselben nicht zur Stelle sind, von 
dem Hausbesitzer, bei welchem der Verstorbene wohnte, drei Jahre 
lang aufbewahrt werden müßte, um an den geborenen Erben heraus- 
gegeben zu werden, wenn sich ein solcher innerhalb dieser Frist zu 
dem Gute zieht; es wird dabei genau bestimmt, welchen Betrag der 
Hausbesitzer zur Bestreitung der Begräbniskosten u. dgL dem Nach- 
lasse entnehmen dürfe, wie er femer dessen Wert abschätzen lassen 
müsse, wie ferner der sich Meldende den Beweis seiner Verwandt- 
schaft mit dem Verstorbenen zu führen und eidlich zu versprechen 
habe, daß er das Gut auf Island an den nächsten berufenen Erben 
hin ausgeben werde. Ganz entsprechende Vorschriften kennen aber 
auch die GI)I^, und zwar in noch detaillierterer Fassung.*^) Sie 
unterscheiden eine hüskarlserfö, landerfö, skiperfö, felaga- 
erfft und gesterfö, und verstehen darunter das beschränkte Erb- 
recht, welches dem Dienstherrn gegenüber seinem freien Hausdiener 
zusteht, wenn dieser in seinem Hause stirbt, oder dem Grundeigen- 
tümer gegenüber dem Pächter, welcher auf seinem Grunde wohnt, 
oder dem Schiffsherrn gegenüber seinem Schiffsgenossen, der auf 
dem Schiffe stirbt, oder dem Gesellschafter gegenüber dem Genossen, 
der mit ihm gemeinsame Kasse führt, oder endlich dem Gastfreunde 
gegenüber dem Gaste, der in seinem Hause stirbt In allen diesen 
Fällen hat aber der Betreffende den Nachlaß zunächst drei Jahre 



^) GI)L. io6; vgl. 282. *) ebenda, 104. ') ebenda, 106. 

■*) Koniingsbök, 248/195 und 196—97. 
^) G|)L. 109— 113. 



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§ II. Die aufierordenüicbe Erbfolge. 



^// 



lang aufzubewahren, um abzuwarten, ob sich nicht ein gesetzlicher 
Erbe einfinden werde, um denselben anzusprechen; nach Ablauf 
dieser Frist aber darf er der Regel nach denselben ganz für sich 
behalten, wenn dessen Wert nicht über drei Mark beträgt, wogegen 
er ihn mit dem Könige zu gleichen Hälften teilen muß, wenn er 
höheren Wertes ist. Eine Ausnahme von der Regel gilt indessen 
zugunsten des Schiffsherrn, soferne dieser den ganzen Nachlaß ohne 
Rücksicht auf dessen Wert dann für sich allein behalten darf, wenn 
der Todesfall jenseits der halben See von Norwegen aus gerechnet 
sich begeben hat; bezüglich seiner wird andererseits auch bemerkt, 
daß sein Recht dem des Gesellschafters weichen müsse, wenn der 
letztere sich an Bord befinde, und daß, wenn der Todesfall am 
Lande eintrete, während das Schiff landfest sei, der betreffende 
Grundeigentümer bezüglich aller der Vermögensstücke die Vorhand 
habe, die nicht im Schiffe verstaut (i bülka bundit) seien. Weniger 
ausführlich, aber in ähnlichem Sinne, äußern sich die FrI)L.; welchen 
hinwiederum auch die Järnsiöa folgt. ^) Dieselben gehen von dem 
Begriffe des „gestfeöri" aus, und bezeichnet dieser Ausdruck seiner 
Etymologie nach den Sohn eines Gastes, aber nach der ausdrück- 
lichen Definition unserer Stelle auch jeden Norweger, dessen sämt- 
liche erbberechtigte Verwandte gestorben sind; augenscheinlich ist 
eben der letztere nur dem Fremden gleichgestellt worden, der als 
solcher inländische Verwandte nicht wohl haben konnte. Sie lassen 
aber bei dem gestfeöri, der fremdes Land gepachtet hat, den Grund- 
eigentümer, bei dem, der auf einem Schiffe stirbt, den Schiffsherm, 
bei dem, der am Lande stirbt, den Grundherrn, bei dem, der in 
fremdem Dienste stirbt, den Dienstherrn den Nachlaß an sich nehmen 
und ein volles Jahr aufbewahren, um abzuwarten, ob sich ein ge- 
borener Erbe melde, an welchen derselbe hinauszugeben wäre ; meldet 
sich binnen dieser Frist kein solcher, so verbleibt dem Dienstherrn 
der ganze Betrag des Nachlasses, wogegen der Grundherr und Schiffs- 
herr von diesem nur einen Wert von sechs aurar ganz erhält, den 
Überschuß aber mit dem Könige zu gleichen Hälften teilen muß. 
Doch verbleibt dem Grundherrn überdies auch noch das ganze Wirt- 
schaftsinventar, sowie alles, was an Korn, Heu oder Bäumen boden- 
fest ist, und überdies sollen die auf den Schiffsherrn bezüglichen 
Bestimmungen nur unter der Voraussetzung gelten, daß der Todesfall 



*) Fr|>L. IX, 5 — 6; Järns., ErfÖat. 17, welche letztere indessen nur das 
Recht des Grundherrn bespricht. 



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2jS Teil IL Das Erbrecht 

diesseits der halben See von Norwegen aus gerechnet sich ereignet 
hat, während, wenn er jenseits der halben See eingetreten ist, das 
Recht des Bestimmungsortes des Schiffes zu gelten hat Es ist also 
im wesentlichen nur die Wartefrist und andererseits die Wertgrenze, 
welche in den FrI)L. anders und niedriger bestimmt ist als in den 
GI)L., und außerdem kennen die ersteren keine felagaerfö; dagegen 
lassen sie aber auch den Ehemann einer gestfeöra deren Nachlaß an sich 
nehmen und ein volles Jahr lang aufbewahren, wobei sich doch wohl 
von selbst versteht, daß auch ihm dieser definitiv zufällt, wenn diese 
Frist unbenutzt verstreicht Offenbar handelt es sich aber in allen 
hier einschlägigen Fällen im Grunde gar nicht um ein eigentliches 
Erbrecht, sondern nur um das Recht desjenigen, in dessen Detention 
der Nachlaß sich zur 2^it des Todes des Erblassers befand, diesen 
für sich zu behalten, wenn sich niemand rechtzeitig meldete, welcher 
dessen Herausgabe zu fordern berechtigt gewesen wäre, und das 
Eigentümliche der soeben besprochenen Vorschriften liegt somit nicht 
darin, daß dem Detentor das Behalten des Nachlasses verstattet, 
sondern vielmehr umgekehrt darin, daß er genötigt wird, unter Um- 
ständen mit dem Könige zu teilen, welche letztere Vorschrift sich 
indessen aus dem allgemeinen Ansprüche des letzteren auf die 
herrenlosen Erbschaften ebenfalls genügend erklärt Die spätere Ge- 
setzgebung hat übrigens des Königs Recht sehr erweitert Nach 
dem gemeinen Landrechtc und Stadtrechte hat zunächst der Haus- 
herr, in dessen Haus der Erblasser starb, dessen Nachlaß abschätzen 
zu lassen und ein volles Jahr aufzubewahren, um auf den Erben zu 
warten; findet sich aber ein solcher nicht binnen Jahresfrist ein, so 
fällt der Nachlaß nach deren Ablauf sofort ganz an den König, und 
zwar definitiv, wenn es sich um die Beerbung eines Ausländers 
handelt, wogegen sich zum Nachlasse eines Inländers der geborene 
Erbe noch binnen weiteren zehn Jahren ziehen kann.^) Die Jönsbök 
dagegen enthält über den Punkt weit ausführlichere Vorschriften, 
bei denen neben den Grundsätzen des norwegischen Landrechtes 
auch ein Einfluß des älteren isländischen Rechtes sich bemerkbar 
macht, wie denn zumal die Unterscheidung der Ausländer von nord- 
germanischcr und von anderer Nationalität aus dieser letzteren Quelle 
geflossen ist^) — Es enthält aber das ältere isländische Recht 
sehr eingehende Vorschriften über die Behandlung von Erbschaften, 



») Landsl., ErfÖat. Ii; BjarkR. II. 
*) Jönsbuk, Erfftat. 23. 



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§ II. Die aufierordenüicfae Erbfolge. 270 

bezüglich deren wegen Abwesenheit des gesetzlichen Erben einst- 
weilen Fürsorge zu treffen war, ^) und es bezeichnet dabei solche 
Erbschaften technisch als „dänarfe", welcher Ausdruck, mit dem 
schwedischen „dana arver" und dem dänischen „dannefae" sich be- 
rührend, wohl am richtigsten von einem Worte dän, d. h. Tod ab- 
geleitet wird, das nur in der Genitivform dänar in Zusammensetzungen 
wie dänarfe, dänardagr oder dänardcegr, dänardoegn, dann dänarakr 
(vgl. Udäinsakr), dänarbü erhalten ist. ^) Man unterscheidet aber 
zunächst zwischen dem Falle, da die Erbschaft, um die es sich 
handelt, sich im Inlande befindet, und dem anderen, da dieselbe im 
Auslande lag. Befindet sich die Erbschaft auf Island, während der 
zu ihr berufene Erbe außer Landes ist, so hat der nächste im Lande 
befindliche Verwandte des Verstorbenen (nicht seines Erben) den 
Nachlaß an sich zu nehmen ; ') hinterläßt dagegen der Erblasser gar 
keinen im Lande anwesenden Verwandten, was doch wohl nur bei 
Fremden vorzukommen pflegte, so wird, ähnUch wie in Norwegen, 
verschieden verfahren je nach den Umständen, unter welchen der 
Todesfall eingetreten war/) War der Mann zu Schiff gestorben, so 
sollte zunächst dessen Gesellschafter seinen Nachlaß übernehmen; 
hatte er keinen solchen, sein Speisegenosse, hatte er auch keinen 
solchen, sein Schiffsherr, und wenn deren mehrere waren, alle zu- 
sammen je nach Verhältnis ihrer Schiffsparten ; war endlich der Ver- 
storbene selbst der Schiffsherr, so sollte in Ermangelung eines felagi 
und mötunautr derjenige goöi dessen Nachlaß an sich nehmen, dessen 
Dingmann der Eigentümer des Landes ist, an welchem das Schiff 
anlegt, und dessen Mannschaft ihre Buden aufschlägt Ebenso, wie 
wenn der Mann zu Schiff verstorben wäre, wird es auch gehalten, 
wenn derselbe auf der Reise vom Schiffe zu dem Orte stirbt, den 
er sich zum Winteraufenthalt gewählt hat; stirbt er dagegen an 



M vgl. V. Finsen, in den Annalcr, 1849, S. 314 — 21. 

') So schon Oddr Haldörsson Vidalin, De usu linguze islandicoe (1786), 
^.30 — 35 und neuerdings Möbius, h. v., dann Schlytcr, h. v. (S. 117 und 794 
■~95); vgl. auch Svcinbjörn Egilsson, Eirikr Jönsson, GuÖbrandr Vig- 
fdsson, aber auch schon J)örÖr SveinbjÖrnsson, h. v. 

') Konüngsbök, 118/226 und 249/198; Arfa |)., 4/181 und 6/189. 

*) Konüngsbök, 120/228—29 und 249/197—98; Arfa j)., 6/186—87. Die- 
selben Regeln gelten auch bezüglich der vigsböt, Konüngsbök, 97/172—73; Vig- 
slööi, 37/71 — 75, und wir dürfen darum wohl annehmen, dafi auch die Bestimmung, 
Dach welcher zu der Blutklage um einen auf Island verheirateten Norweger, der dort 
^einc Blutsfreunde hat, die Freundschaft seiner Frau berufen sei, Konüngsbök, 
94 '170. im Erbrechte ihr Analogon gehabt haben werde. 



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28o Teil IL Das Erbrecht. 

diesem letzteren Orte, oder auch auf dem Rückwege von diesem 
zum Schiffe, so ist zur Übernahme des NacWasses zwar in erster 
Linie auch wieder der Kompagnon berufen, eventuell aber der Haus- 
herr, welcher ihm Quartier gegeben hat, und auf den äußersten FaJl 
der goöi, zu dessen Dingleuten dieser letztere gehört Hat sich die 
Schiffsmannschaft Buden zu dauerndem Aufenthalte aufgeschlagen, 
also fremde Gastfreundschaft überhaupt nicht in Anspruch genommen, 
so erscheint zunächst wieder der Kompagnon des Verstorbenen zur 
Übernahme seines Nachlasses berufen, eventuell aber der goöi, dessen 
Dingmann der Eigentümer des Grundes ist, auf welchem die Buden 
stehen; hat sich endlich der Verstorbene bleibend auf Island mit 
eigenem Herde niedergelassen, ohne doch hier einen Erben zu haben, 
so nimmt sein eigener goöi dessen Nachlaß in Verwahrung. So ist 
es denn strengstens korrekt, wenn anderwärts gesagt wird, daß 
speziell norwegische Männer auf Island nur als Verwandte oder Ge- 
sellschafter Erbe nehmen können, ^) nur daß man dabei nicht an die 
Beerbung von Leuten denken darf, die zu Schiff oder doch auf der 
Reise vom Schiff zu ihrem Quartier am Lande versterben. Von 
selbst versteht sich übrigens, daß ein Gesellschaftsvertrag nur unter 
der Voraussetzung berücksichtigt wird, daß er ernstlich gemeint war, 
und nicht etwa bloß simuliert wurde, um einen eventuell zur Über- 
nahme des Nachlasses Berufenen um dieses Recht zu bringen ; außer- 
dem wird vermöge einer ausdrücklichen Rechtsvorschrift auch nur 
der Vertrag berücksichtigt, welcher mindestens das gesamte Gut, 
welches der ärmere der beiden Gesellschafter auf der Reise bei sich 
führt, zu einem gemeinsamen macht Andererseits kann vermöge 
eines früher schon erwähnten Grundsatzes derjenige zur Übernahme 
des Nachlasses nicht berechtigt erscheinen, welcher selbst den Tod 
des Erblassers verschuldet hat, auch wenn er im übrigen der zu- 
nächst Berufene wäre ; solchenfalls hat vielmehr der in zweiter Linie 
Berufene in das Recht einzutreten, und wenn ein goöi als an letzter 
Stelle Berufener sich des Vergehens schuldig gemacht hat, fällt der 
Nachlaß statt in seine Hände in die seiner beiden sam|)ingisgoöar. 
Das Recht aber des Übemehmers der Erbschaft ist zunächst wieder 
nur ein provisorisches, d. h. er hat den Nachlaß zunächst nur auf- 
zubewahren und zu verwalten, bis ihn ihm ein besser Berechtigter 
abnimmt; indessen bietet ihm dessen Übernahme schon insoweit 
einen Vorteil, als er in den Früchten des übernommenen Gutes ein 



*) Konüngsbök, 247/195. 

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§ II. Die aufierordentlicbe Erbfolge. 28 1 

reichliches Entgelt für seine Mühewaltung bezieht, und überdies ver- 
wandelt sich sein provisorisches Recht von selbst in ein definitives, 
wenn sich etwa ein besser Berechtigter nicht meldet In der crsteren 
Beziehung liegt aber dem Übemehmer ob, den Nachlaß gleich bei 
dessen Übernahme, oder doch längstens in der siebenten Sommer- 
woche, durch fünf benachbarte Grundeigentümer abschätzen zu 
lassen, soweit derselbe in Fahrhabe besteht, ganz wie dies in Bezug 
auf Mündelgut vorgeschrieben ist; ganz wie Mündelgut hat er ihn 
sodann in freiester Weise zu verwalten, aber freilich auch ganz auf 
eigene Wag und Gefahr. Dem seinerzeit sich meldenden Erben ist 
nämlich nur das übernommene Land in natura, die Fahrhabe da- 
gegen nur ihrem Kapitalwerte nach hinauszugeben, so daß also der 
Übemehmer alle Früchte, welche er aus dem liegenden und fahrenden 
Gute, sowie allen Gewinn, welchen er etwa aus dem Umsätze des 
letzteren gezogen hat, für sich behalten darf, während er freilich auch 
den vollen Aufwand, welchen dessen Bewirtschaftung verursachte, zu 
bestreiten, sowie alle Gefahr des Unterganges oder der Verschlechte- 
ning zu tragen hat;') hat aber der Übernehmer die Schätzung 
nicht in gehöriger Weise vornehmen lassen, so hat er seinerzeit für 
den von ihm übernommenen Kapitalwert die vollen gesetzlichen 
Zinsen mit lo^o zu entrichten, und auch die aus dem Grundbesitze 
gezogenen Früchte herauszugeben. In der zweiten Beziehung ver- 
steht sich hinwiederum von selbst, daß der Übernehmer des Nach- 
lasses diesen dem rechten Erben hinauszugeben hatte, wenn dieser 
sich hinterher einfand, um ihn zu erheben, und es stand eine Geld- 
strafe darauf, wenn er es auf eine Klagestellung ankommen ließ;*) 
nicht minder selbstverständlich ist ferner auch, daß, wenn der rechte 
Erbe etwa inzwischen im Auslande gestorben war, der Nachlaß auch 
dessen Erben hinausgegeben werden mußte, wenn sie nur nach- 
weisen konnten, daß erstens der im Auslande Verstorbene wirklich 
Erbe des von ihnen angesprochenen Nachlasses geworden war, und 
daß zweitens sie ihrerseits wieder dessen rechte Erben seien. ^) Daß 
dabei, soweit die Erben Ausländer waren, die Grenzen ihrer Erb- 



*) Konüngsbök, 118/226—27 ""d 124/236 und 237, dann 120/229 und 
249/198; Arfa 1)., 4/181—82, 182 und 184; 6/188 und 189, sowie 17/221. 

*) Arfa j)., 4/183 — 84, 6/188 und 189—90, 17/220 und 221, 18/224; ferner 
Konüngsbök, 118/227, 120/229 und 125/239, wo indefi bloße Referenzen stehen, 
sowie 120/229 uöd 349/189. 

•) Konüngsbök, II8/227, 124/237 und 249/198; Arfa {j., 4/182 und 1S4 
und 6/189—90. 



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282 Teil IL Das Erbrecht. 

berechtigung verschieden gezogen waren, je nachdem dieselben einem 
der drei Reiche des Nordens angehörten oder nicht, ist bereits bei 
anderer Gelegenheit erwähnt worden, und hat überdies mit der hier 
zu behandelnden Frage nichts zu schaffen; dagegen ist wohl zu be- 
achten, daß ausdrücklich und wiederholt ausgesprochen wird, daß 
der Einheimische den Nachlaß, nachdem er ihn einmal rechtsgültig 
in Besitz genommen hat, nur dem ausländischen Erben selbst, nicht 
aber irgend einem anderen ausländischen Verwandten des Verstor- 
benen auszuantworten verpflichtet sei, auch wenn dieser, wenn von 
Anfang an zur Stelle, den Besitz desselben seinerseits hätte bean- 
spruchen können.^) Man möchte aus dieser Vorschrift, mit Vilh. 
Finsen, *) schließen, daß isländischen Verwandten gegenüber ein 
anderes gegolten habe, und daß somit unter diesen jeder näher Be- 
rufene dem entfernter Berufenen den Nachlaß auch dann abnehmen 
durfte, wenn er selber doch auch noch nicht der nächstberufene 
Erbe selbst war, zumal da eine solche Befugnis auch in anderen 
analogen Fällen anerkannt war. — Für den anderen Fall, da die 
Erbschaft im Auslande lag, deren nächster Erbe aber nicht zur Stelle 
war, gilt als oberste Regel die, daß der nächste anwesende Ver- 
wandte des Erblassers dieselbe zu übernehmen hat, welchem die 
Überfahrt nach Island erlaubt, d. h. der weder geächtet noch des 
Landes verwiesen ist, ') wobei unter gleich nahe Berufenen gleiche 
Teilung gilt;*) doch sollte der Übemehmer nicht entfernter als im 
dritten gleichen Grade verwandt sein, wenn das fragliche Gut „austr*', 
d. h. in Norwegen in Empfang zu nehmen ist Man darf hierin 
nicht, wie Vilh. Finsen will, *) eine besondere Beschränkung des 
Übernahmerechtes sehen, sondern nur eine Konsequenz des ander- 
wärts bereits besprochenen Satzes, daß das Erbrecht der Isländer in 
Norwegen nicht über die Nachgeschwisterkinder hinausreichte und 
somit der entfernter Verwandte erbrechtlich nicht mehr als verwandt 
galt. Übrigens erlitt die obige Regel in zwei Fällen eine Beschrän- 
kung. Einmal nämlich sollte der Gesellschafter des Erblassers, wenn 
der Gesellschaftsvertrag zwischen beiden schon vor der Abreise aus 
Island abgeschlossen worden war, auch nach dessen Tod das gemeine 

') Konüngsbök, 120/229 und 125/239 (Referenz); Arfa |)., 6/188—89, 17I220 
und 18/224. 

2) Annaler, 1849, S. 318. 

•) Konüngsbök, 125/237 und 239; Arfa j)., 13/206— 7 und 208— 9 und 209. 

*) Konüngsbök, 125/241; Arfa J)., 15/212. 

») ang. O., S. 315. 



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§ II. Die auflerordcntlichc Erbfolge. 283 

Gut als solches in seiner Hand behalten und erst beim Zusammen- 
treflfen mit dessen Erben sich mit diesen auseinandersetzen.^) War 
dagegen der Gesellschaftsvertrag erst im Auslande eingegangen 
worden, so soll der überlebende Gesellschafter die Wahl haben, ob 
er es ebenso halten, oder ob er die Auseinandersetzung sofort vor- 
nehmen, den Anteil des Verstorbenen abschätzen lassen und unter 
denselben Bedingungen heimbringen will, wie sie einem Verwandten 
des Verstorbenen zuständen; jedoch muß er letzterenfalls einem 
näher Berufenen weichen, wenn sich ein solcher meldet Sodann 
aber soll, wenn von zwei Eheleuten der eine Teil auswärts stirbt, 
der Überlebende berechtigt sein, dessen Nachlaß in gleicher Weise 
in seiner Hand zu behalten, bis der wirkliche Erbe ihn ihm ab- 
nimmt;-) sterben beide, so sollen die Verwandten eines jeden dessen 
Nachlaß in Empfang nehmen, und wenn sich nicht nachweisen läßt, 
was jedem von beiden gehörte, den Verwandten des Mannes % ^^^ 
denen der Frau ^/j zufallen. Von diesen beiden Fällen abgesehen 
sollen aber nur dann, wenn der Erblasser auf dem Schiffe oder doch 
bei dem Schiffe gestorben ist, d. h. ehe er noch im fremden Lande 
ein Domizil gewonnen, oder nachdem er das gewonnene bereits 
wieder aufgegeben hat, auch unverwandte Leute zur Übernahme 
seines Nachlasses berufen sein, und zwar in derselben Reihenfolge, 
in welcher solche den Nachlaß eines Fremden zu nehmen hätten, 
der ohne Hinterlassung von Verwandten auf Island oder auf der 
Fahrt dahin gestorben wäre, *) so daß also der fälagi, mötunautr, 
skipstjöri, endlich der goöi einander folgen, dessen Dingmann der 
Eigentümer der Landungsstelle ist. Man sieht, der bestimmende 
Grundsatz ist der, daß das isländische Erbe im Auslande ebenso be- 
handelt werden soll wie das fremde Erbe auf Island; hier wie dort 
sollen nur Verwandte und Kompagnons, unter welchen letzteren 
auch die Eheleute mit inbegriffen werden mögen, den Nachlaß in 
Empfang nehmen, während für die Dauer der Reise hier wie dort 
die Berechtigung auch noch auf weitere Kreise erstreckt wird, weil 
hier sozusagen der Bestimmungsort des Schiffes und dessen Land- 
recht noch nicht von der Habe Besitz ergriffen hat. Auch derjenige, 
der im Auslande den Nachlaß eines Isländers übernimmt, hat dem- 
nach vor' allem nur ein provisorisches Besitzrecht, wenn er nicht 



*) Konüngsbök, 125/240; Arfa j)., 14/21 1. 

*) Konüngsbök, 125/240— 41 ; Arfa j)., 15/212. 

') Konüngsbök, 126/243; Arfa J)., 15/215. 



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284 Teil IL Das Erbrecht. 

zufällig gerade dessen nächster Erbe ist. Er hat also vor allem das 
Gut bei der Übernahme abschätzen zu lassen, und zwar wo möglich 
von isländischen Männern und eidlich ; doch wird es nötigenfalls mit 
beiden Erfordernissen nicht streng genommen. Über das Verfahren 
bei der Abschätzung sind sehr genaue Vorschriften gegeben; hier 
mag die Bemerkung genügen, daß der ganze Nachlaß in reinem 
Silber veranschlagt werden muß und daß der Übemehmer desselben 
nach Beendigung der Schätzung vor eigens beigezogenen Zeugen 
die Erklärung abzugeben hat, daß er das Gut um die Taxe auf 
eigene Wag und Gefahr übernimmt. Ist der Nachlaß nicht ganz 
vollständig abgeschätzt worden, so gilt er als gar nicht abgeschätzt; 
dagegen ist für den Fall, da das Gut beim Tode des Erblassers be- 
reits verpackt ist, gestattet, daß die Schätzleute es schätzen, ohne 
es zu sehen, wenn sie anders das verpackte Gut ohnehin schon genau 
genug kennen.^) Weiterhin ist dann der Übernehmer des Nachlasses 
verpflichtet, denselben im nächsten Sommer nach dessen Übernahme 
nach Island zu bringen, es wäre denn, daß er das Gut in Grönland 
übernommen hätte, wesfalls es genügt, wenn er mit dem nächsten 
von dort abgehenden Schiffe fährt ;^) genügt er aber allen diesen 
Verpflichtungen, so verschafft ihm dies den Vorteil, daß er nicht 
nur alle Zinsen und Früchte des Gutes, sowie allen Gewinn, welchen 
er etwa aus dessen Umsatz zu ziehen vermag, für sich zieht, wo- 
gegen er freilich auch die ganze Gefahr für dasselbe zu tragen hat, 
sondern daß er überdies auch nur halb so viel an Kapital heraus- 
zugeben hat, als er übernommen hat.*) Die letztere Regel wird 
auch dahin ausgedrückt, er solle für jede übernommene Unze eine 
halbe Mark zu je sechs Ellen bezahlen, aber eine ganze Mark, wenn 
die Schätzung nicht gehörig vor sich gegangen sei, was freilich das 
reine Silber zu den lögaurar in ein Verhältnis wie 8 : i bringen 
würde, während es nach der uns erhaltenen W^arentaxe nur wie 
7 ^/a : I stand, soferne die" Mark gebrannten Silbers gleich 60 Unzen 
lögaurar gesetzt wird;*) aber es konnte ja wohl der Berechnung ein 
etwas abweichender Silberwert zugrunde gelegt sein, oder auch die 
bestehende Differenz als zu geringfügig außer Ansatz gelassen werden. 
Der Übernehmer des Nachlasses war übrigens berechtigt, von diesem 
so viel vorwegzunehmen, als nötig erschien, um die Leichenkosten 

*) Koniingsbük, 125/237—38; Arfa |)., I3/207 — 9. 
^) Arfa J)., 14/211; Konungsbök, 125/240 (Referenz). 
^) Konungsbök, 125/241 ; Arfa ]»., 15/213 und 13/208. 
*) Konungsbök, 246/193. 



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§ II. Die auJSerordenÜicbe Erbfolge. 285 

für den Verstorbenen zu bestreiten, ^) ganz wie der norwegische 
Gastfreund den gleichen Abzug machen durfte, wenn er dieselben 
ausgelegt hatte ; ^) er darf ferner nach einer ausdrücklich als Novelle 
bezeichneten Bestimmung auch diejenigen Auslagen in Rechnung 
bringen, die er machen mußte, um in den Besitz des Nachlasses zu 
gelangen;^) endlich scheint er auch befugt gewesen zu sein, für die 
Transportkosten einen weiteren Abzug zu machen, da nur unter 
dieser Voraussetzung die Bemerkung einen Sinn hat, daß er nicht 
vor erfolgter Abschätzung des Nachlasses für diesen mehr Raum in 
einem Schiffe mieten solle, als welchen er nötigenfalls wieder ver- 
mieten könne. ^) Überdies wird ihm die an und für sich treffende 
Haftung insoferne erleichtert, als er, wenn ein ans Land gezogenes 
Schiff zum Nachlasse gehörte, für dieses erst von dem Augenblicke 
an einzustehen hatte, da dasselbe, ohne beschädigt zu werden, eine 
volle Schiffslänge weit gezogen worden war. ^) An den bisher er- 
örterten Grundsätzen konnten sich indessen in mehrfacher Weise 
Modifikationen ergeben. Einmal nämlich war der Übernehmer des 
Nachlasses keineswegs gezwungen, diesen auf eigene Wag und Ge- 
fahr zu übernehmen, es stand ihm vielmehr frei, durch eine aus- 
drückliche Erklärung vor den beigezogenen Zeugen die Haftung für 
denselben abzulehnen, wodurch er freilich auch seinen Anspruch auf 
die Früchte, sowie auf den halben Kapital wert des Gutes einbüßte; 
erklärte er sich aber weder für noch gegen die Übernahme der 
Haftung, so mußte er diese übernehmen, ohne doch auf die ihr ent- 
sprechenden Vorteile Anspruch zu haben.®) Es konnte femer vor- 
kommen, daß jemand unverschuldet den Nachlaß unabgeschätzt 
übernahm, z. B. weil derselbe bereits verpackt und verstaut war und 
unbesehen von den Schätzleuten nicht taxiert werden konnte; solchen- 
falls trifft den Übernehmer gleichfalls keine Haftung, aber es entgeht 
ihm auch der Anspruch auf die Früchte, und doch wohl auch der 
auf die Hälfte des Kapitalwertes. ') Wiederum gilt zwar im allge- 
meinen Norwegen, und auch Grönland, *) als genügend sicher, um 

') Konüngsbök, 125/238; Arfa J)., 13/207. 

*) Konüngsbök, 248/196. 

^) Arfa {)., 13/207 und 17/221; Konüngsbök, 125/238 (Referenz). 

*) Konüngsbök, 125/238 — 39; Arfa j)., 13/209. 

*) Konüngsbök, 125/238; Arfa {)., 13/209. 

•) Konüngsbök, 125/239; Arfa j)., 13/209 — 10. 

^ Konüngsbök, 125/238; Arfa J)., 13/209. 

^) Arfa J)., 14/211; Konüngsbök, 125/240 (Referenz) und 127/249. 



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286 Teil II. Das Erbrecht. 

dort den Nachlaß auslegen und abschätzen lassen zu können; aber 
bei einem Nachlasse, der in Deutschland oder noch weiter südlich, 
oder wieder in England, Irland oder den kleineren Inseln des Westens 
anfiel, galt das gleiche Verfahren nicht als rätlich, vielmehr fürchtete 
man Gefahr für Gut und Leben, wenn man im fremden Lande seinen 
Reichtum zeigte, und so galt die Vorschrift, daß man einen der- 
artigen Nachlaß erst am nächsten sicheren Orte, den man berührte, 
also etwa in Dänemark oder gar erst in Norwegen schätzen lassen 
soUe. Das norwegische Gesetz sicherte den Isländern ausdrüddich 
zu, daß ihnen kein anderwärts angefallener Nachlaß, den sie dahin 
brächten, in Norwegen abgenommen werden solle ; ^) aber doch galt 
auch diese Zusicherung nicht für unbedingt verlässig, und man ge- 
stattete darum dem, der einen Nachlaß aus Dänemark oder noch 
ferneren Ländern heimzubringen hatte, auch die direkte Heimfahrt 
ohne vorgängige Abschätzung, wenn er nur auf hoher See die Schififs- 
mannschaft zusammenrief und vor benannten Zeugen ihr bekanntgab, 
wieviel Gut er übernommen hatte. Erklärt er sich zugleich bereit, 
die Haftung für das Gut zu übernehmen, so erwirbt er sogar den 
Anspruch auf den Fruchtgenuß und doch wohl auch die Kapital- 
hälfte, ganz wie wenn er den Nachlaß in völlig regelmäßiger Weise 
übernommen hätte, wenn er nur einen Wahrspruch von Geschwo- 
renen darüber erbringen kann, daß er das Gut in Norwegen hätte 
abschätzen lassen, wenn er dahin gekommen wäre und nicht be- 
fürchtet hätte, daß man es ihm dort abnehmen würde.*) Bezüglich 
der Auslieferung des übernommenen Gutes aber galten folgende 
Regeln: Kommt ein näherer Verwandter als derjenige, welcher den 
Nachlaß übernommen hat, dessen Auslieferung zu verlangen, so kann 
der erste Übernehmer diese nicht verweigern, wenn nur das An- 
suchen in Norwegen oder Grönland gestellt wird, und wenn er selber 
das Gut auf Grund seiner Verwandtschaft mit dem Verstorbenen 
übernommen hatte; hat er dasselbe dagegen als Gesellschafter oder 
Ehegatte des Verstorbenen an sich genommen, so trifft ihn diese 
Verpflichtung nicht, und ebensowenig braucht derjenige, der Gut in 
entfernteren Ländern übernommen hat, dasselbe früher als in Nor- 
wegen herauszugeben. Kommt es zu einer derartigen Abforderung, 
so behält natürlich der Herausgebende allen Gewinn, den ihm das 
Gut bis zum Zeitpunkte der Abforderung abgeworfen hat; aber von 



^) Konüngsbök, 248/196. 

'^) Konüngsbök, 125/239 — 40; Arfa {)., 13/210 — 11. 



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§ II. Die außerordentliche Erbfolge. 28*^ 

einem Rechte, an dem Kapitale einen Abzug zu machen, ist bei ihm 
nicht die Rede und kann auch wohl nicht die Rede sein, da ja 
außerdem der wirkliche Erbe allzusehr verkürzt würde. ^) Entspricht 
aber der Besitzer des Nachlasses der an ihn gerichteten Aufforderung 
nicht, so kann derjenige, welcher dessen Auslieferung verlangt, seiner- 
zeit auf Island Ersatz für alles fordern, was ihm durch diese Weige- 
rung entgangen ist, während die wirklichen Erben sich selbstver- 
ständlich mit ihren Ansprüchen nur an den tatsächlichen Besitzer 
zu halten haben.*) Wer den Nachlaß nach Island hinüberbringt, hat 
aber den Erben den Sachverhalt sofort bekanntzugeben und ihnen 
sodann den Nachlaß auszuliefern, natürlich vorbehaltlich der oben 
erwähnten Abzüge. Dabei gilt als Zeitpunkt der Ablieferung regel- 
mäßig der Donnerstag nach Ablauf der siebenten Sommerwoche im 
nächsten Frühjahre nach der Heimkunft; doch soll dem Besitzer auch 
gestattet sein, wenn er etwa noch in demselben Sommer nach Nor- 
wegen zurückfahren will, von dem Erben auch die sofortige Über- 
nahme des Nachlasses zu fordern und im einen wie im anderen Falle 
hat er diesen bei ihm abzuholen, und sind die Zahlmittel genau an- 
gegeben, in welchen die Zahlung zu erfolgen hat*) Ganz ebenso 
haben auch diejenigen zu verfahren, welche den Nachlaß eines zu 
Schiff Verstorbenen zu übernehmen hatten, nur daß natürlich hier 
wohl weder von einer Haftung für das Gut, noch von einem An- 
spruch auf Früchte oder Kapitalabzug die Rede sein konnte, da eine 
Gutsschätzung nicht möglich gewesen war; wenn aber dabei bemerkt 
wird, daß der Besitzer, wenn der Erbe trotz gehörig erfolgter Auf- 
forderung das Gut nicht abholt, dieses vor seiner Abfahrt dem 
nächsten Grundbesitzer einhändigen solle, so wird diese Vorschrift 
doch wohl eventuell auch für den vorigen Fall gegolten haben.*) 
Erfüllt der Besitzer des Nachlasses die ihm bezüglich seiner Aus- 
lieferung obliegenden Verpflichtungen nicht, so hat der Erbe eine 
Klage auf dessen vollen Kapitalwert, sowie auf dessen inzwischen 
eingetretene Vermehrung, und werden beide Beträge durch den 
Wahrspruch von Geschworenen festgestellt, soferne nicht der Be- 
klagte durch Zeugen oder Geschworene den Beweis seines recht- 
mäßigen Verfahrens bei der Übernahme des Gutes erbringen kann.*) 



*) Konüngsbök, 125/239 — 40; Arfa J)., 13/210. 

*) Konüngsbök, 125/241 und 126,242—43; Arfa |)., 15/212— 13 und 215. 

*) Konüngsbök, 125/241; Arfa J)-! 15/213. 

*) Konüngsbök, 126/243; Arfa J»., 15/215 — 16. 

') Konüngsbök, 125/241 — 42 und 126/242; Arfa J)-. 15/213— 14. 



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288 '^"l '1- Das Erbrecht 

Verheimlicht der Besitzer des Nachlasses bei dessen Ablieferung einen 
Teil desselben, so mag ihn der Erbe, wenn er will, als Dieb be- 
handeln, und hilft jenem auch nicht, wenn dieser sich etwa vorher 
schon ausdrücklich für befriedigt erklärt haben sollte. Nimmt der 
Besitzer den Nachlaß, nachdem er ihn nach Island hinübergebracht 
hat, von dort wieder mit fort, so mag der Erbe nach freier Wahl 
entweder auf Kapital und Früchte klagen wie oben, und den Betrag 
beider durch Geschworene feststellen lassen, oder das Kapital mit 
gesetzlichen, d. h. zehnprozentigen Zinsen einklagen, oder aber wegen 
Unterschlagung auf Landesverweisung klagen. Ebenso mag der 
Erbe auch dann auf Landesverweisung oder auf das Ks^ital samt 
legalen Zinsen klagen, wenn der Besitzer des Nachlasses diesen nicht 
im nächsten Jahre nach der Übernahme heimgebracht hat, und ist 
die Klage in beiden Fällen gegen den zu richten, der das inländische 
Vermögen des Beklagten zu verwalten hat Doch kann dieser, wenn 
die Klage auf das nicht rechtzeitige Überfuhren des Nachlasses be- 
gründet werden will, derselben durch den Nachweis begegnen, daß 
seinen Klienten dabei keine Schuld traf, sei es nun, daß er aus 
irgend welchem Grunde nicht zu Schiff kommen konnte, oder daß 
mächtige Männer ihn an der Verschiffung des Gutes hinderten, oder 
endlich, daß er zu Schiff gegangen, aber verschlagen worden selM 
Handelt es sich aber um den Nachlaß eines zur See Verstorbenen, 
welcher von Unverwandten zu besorgen war, so trifft die Landes- 
verweisung schlechthin alle Schiffsgenossen, wenn sie das Gut wissent- 
lich wieder von Island aus mit fortnehmen;*) es erklärt sich aber 
diese ausnahmsweise Härte doch wohl daraus, daß bei Unver- 
wandten die Gefahr am größten, und zugleich ein Irrtum über das 
Maß der eigenen Berechtigung kaum möglich war. Es versteht sich 
aber von selbst, daß in allen diesen Fällen der Nachlaß in den 
Händen seines Übemehmers blieb, wenn sich kein Erbe einfand, um 
ihm denselben abzunehmen. 

Zum Schlüsse ist noch einiger ganz vereinzelter Vorkommnisse 
zu gedenken, welche sich an das Erbrecht des Freilassers an- 
reihen. Im islandischen Rechte wird demjenigen, der einen Hilf- 
losen um Gotteswillen aufgenommen und verpflegt hat, ohne dazu 
verpflichtet zu sein, mit Ausschluß der geborenen Erben ein Erbrecht 



*) Konungsbok, 126243 — 44; Arfa J)., 15 216— 18. 
'\ Konungsbok» 120243; Arfa J>., I5 216. 



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§ II. Die aufierordentiiche Erbfolge. 289 

auf dessen Nachlaß eingeräumt, *) eine Bestimmung, weiche offenbar 
in der Anschauung wurzelt, daß der Fremde, welcher die von den 
Verwandten unerfüllt gelassenen verwandtschaftlichen Pflichten frei- 
willig erfüllt hat, dafiir auch mit Ausschluß dieser letzteren der ver- 
wandtschaftlichen Rechte genießen solL Das gemeine Landrecht 
und Stadtrecht Norwegens, und ihm folgend auch die Jönsbök, haben 
dafür den gerade umgekehrten Satz, daß zwar deijenige, der kraft 
gesetzlicher Verpflichtung die Verpflegung eines anderen übernommen 
hat, dessen Erbe er doch nicht ist, Ersatz für seine Auslagen bean- 
spruchen dürfe, wenn der Verpflegte hinterher Vermögen erwirbt, 
oder bei seinem Tode etwas hinterläßt, daß dagegen der, der einen 
anderen um Gotteswillen verpflegt hat, lediglich Gotteslohn dafür 
zu erwarten, aber sonst nichts zu erhalten habe.*) In Bezug auf 
Bettler, die in fremdem Hause starben, galt femer auf Island die 
Regel, daß sie von dem Hausherrn vollständig beerbt werden sollten; 
doch konnten die geborenen Erben durch den Nachweis, daß sie 
dem Verstorbenen für genügende Pflege gesorgt hatten, und daß er 
somit wider ihren Willen und ohne Not auf den Bettel gegangen 
sei, sich ihre Ansprüche auf dessen Nachlaß erhalten, mit alleiniger 
Ausnahme der Vermögensstücke, welche er zur Zeit seines Todes 
bei sich trug.') Stirbt ferner ein Bettler oder sonstiger Armer auf 
freiem Felde, so soll der Eigentümer des betreffenden Grundstückes 
alles bekommen, was er bei sich trug, wogegen sein übriger Nach- 
laß an den geborenen Erben fällt*) Für den ersten dieser beiden 
Fälle gilt natürlich wieder ganz die obige Erklärung; für den An- 
spruch aber auf diejenigen Vermögensstücke, welche der Verstorbene 
bei sich trug, mag vielmehr, wie eine der einschlägigen Stellen dies 
andeutet, die Rücksicht auf die den Hausherrn oder Grundherrn 
treffende Begräbnispflicht bestimmend geworden sein,*) indem man 
demjenigen, welchen diese Last traf, eben auch behalten ließ, was 
bei dem Verstorbenen gefunden wurde, soweit nach Bestreitung der 
Leichenkosten davon noch etwas übrig blieb. Endlich soll noch 
von dem Vermögen eines Priesters, welchen der Besitzer einer 



*) Konüngsbök, 121/230; Arfa |)., 18/224; KrR. hinn gamli, 6/32, 
Anm. h. h. 

*) Landsl., Erföat. 23; BjarkR. 21; Jönsbök, Framfoerzlub. 5. 

•) Konüngsbök, 2/9 — 10 und 121/229—30; KrR. hinn gamli, 6/30 und 
Arfa [)., 8/191. 

*) Konüngsbök, 2/11 und 121/230; KrR. 7/34 und Arfa jt^ 8/191 — 92. 

*) vgl. auch Konüngsbök, 2/7—8; KrR. 4/18—20. 
Maurer, Verwandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 19 



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290 Teil II. Das Erbrecht. 

Kirche zum Dienste an dieser hatte erziehen lassen, ein Betrag von 
360 Unzen, zu sechs Ellen jede, an diese Kirche und deren Herrn 
fallen, während der Überrest seinen Verwandten gehört;') der Ersatz 
der im Interesse der Kirche aufgewandten Unterrichtskosten an diese, 
nicht aber ein eigentliches Erbrecht, ist zweifellos der hier maß- 
gebende Gesichtspunkt 



§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. 

Eine der schwierigsten, aber auch der interessantesten Fragen 
des altnordischen Erbrechtes ist die, wie weit dasselbe neben einer 
gesetzlichen Erbfolge auch noch eine solche auf Grund letztwilliger 
Verfügungen gekannt habe ; lösen läßt sich dieselbe nur, wenn man, 
über das Bereich des Erbrechtes hinausgreifend, die Grenzen zu be- 
stimmen sucht, welche überhaupt dem Verfügungsrechte des Be- 
sitzers über sein Vermögen im Interesse seiner gesetzlichen Erben 
gezogen sind. Dabei \iTrd aber wieder das isländische Recht von 
dem norwegischen geschieden werden müssen. 

Das isländische Recht zunächst betrachtet den Anspruch 
des gesetzlichen Elrben als einen wohlerworbenen, durch keine eigen- 
mächtige Verfügung zu schmälernden, wenn es auch gewisse Ein- 
schränkungen dieser Auffassung allerdings zuläßt Es bezeichnet 
demgemäß als arfskot, d. h. Erbschaftsentziehung, oder arfsvik, 
d. h. Elrbschaftsbetrug. *) jede Verfügung, welche dahin abzielt, den 
geborenen Erben um das ihm zukommende Erbe zu bringen; in 
gleichem Sinne wird auch der Ausdruck gebraucht, räöa arf 
undan manni, und 5nden beide Ausdrücke nicht nur dem ge- 
borenen Blutsfreunde, sondern auch dem geborenen Freilasser gegen- 
über Anwendung, wenn dieser etwa als gesetzlicher Erbe in Betracht 
kommt Der präsumptive Erbe ist dabei befugt, jede Verfügung 
welche eine Verkürzung seiner Erbansprüche enthalten würde, an- 
zufechten (ad ripta, ad rjufa); nur muß er, wenn er dies beab- 
sichtigt, längstens am dritten Alldinge von dem Zeitpunkte an 
i^erechnet. in welchem er von der Verfugung Kenntnis erlangt hat, 
seinen Widerspruch gegen dieselbe öftentlich bekanntgeben (segja 

^^ Konungsbok, 4 iS — 10 : KrR. 1300. 

* In der Fyrbygg'a» 5503 r. B. wechseln in den Hs. beide Ausdrücke. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. 2QI 

ösätt sfna ä, segja ösättir ä), und zwar scheint diese Bekannt- 
gabe entweder unter Zuziehung von Zeugen an die beiden Kontra- 
henten selbst gerichtet, oder aber im Beisein des Gesetzsprechers 
vom lögberg aus erlassen worden zu sein.^) Erläßt der präsumptive 
Erbe seinen Protest nicht innerhalb der gesetzlichen Frist, so hat er 
sich an seinem Rechte verschwiegen und kann somit das Geschäft 
nicht weiter anfechten; handelt es sich um die Anfechtung eines 
Alimentationsvertrages (arfsal), so war sogar sofortige Erhebung des 
Widerspruches und Bekanntgabe desselben am nächsten Alldinge er- 
forderlich, um die Anfechtbarkeit desselben zu sichern.^) Auf Grund 
eines rechtzeitig erhobenen Protestes hat der präsumptive Erbe da- 
gegen eine Klage, wobei dann Geschworene durch ihren Spruch 
festzustellen haben, ob eine widerrechtliche Verletzung seiner Erb- 
ansprüche im gegebenen Falle vorliege oder nicht ;^) die Folgen 
seiner Verurteilung scheinen aber für den Beklagten je nach den 
Umständen sehr verschiedener Art gewesen zu sein, wie sich dies 
unten noch des näheren ergeben wird Übrigens konnte der prä- 
sumptive Erbe selbstverständlich auf sein Einsprachsrecht ebensogut 
ausdrücklich als stillschweigend verzichten und hierauf gründet sich 
der Gebrauch, in Fällen, in welchen man die Einsprache eines solchen 
zu befürchten hatte, sich im Voraus seiner Zustimmung zu ver- 
sichern. Oft genug heißt es demgemäß in den Quellen, daß man 
dies oder jenes nicht tun dürfe „fyrir räö skaparfa sins" ^) oder „nema 
erfmgjar leyfi", *^) oder daß etwas nur geschehen dürfe „at erßngja 
leyfi" oder „at erßngja satt"*) oder „ef erffngja segir satt sina ä";') 
ja es läßt sich sogar erkennen, daß man die Willfährigkeit des Erben 
unter Umständen durch Gegenleistungen sich zu erkaufen wußte 
(kaupa arf sinn själfi).*) Indessen konnte der präsumptive Erbe eben 



*) Konüngsbök, 127/249; Arfa {)., 21/226 — 27. Nur der l^sing am lögberg 
gedenken Konüngsbök, 135/17 und Ömagab. 14/267 — 68, wogegen Ömagab. 
13/267 eine ihr vorgängige \f%ing vor fünf bdar gefordert wird. 

•) Konüngsbök, 127/249 und 135/17; Arfa [)., 22/227; Ömagab. 14/267 
—68 und 13/267. 

•) Konüngsbök, 127/247 und 248; Arfa J»., 11/203 und 12/205; femer 
Ömagab. 13/267. 

^) Konüngsbök, 118/223 und 224; 127/246 und 247; Arfa {>., 4/177 und 
178; 11/202 und 203—4. 

*) Konüngsbök, 127/247; Arfa [)., 11/201 — 2, dann 204- 

•) Arfa Ii., 18/223. 

'j Konüngsbök, 127/248; Arfa [)., 12/205. 

*) Arfa I)., 24/228. 

19* 

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2g2 



Teil II. Da» Erbrecht. 



doch nur sich selber verpflichten; trat demnach hinterher durch 
irgendwelche Verkettung von Umständen ein anderer als präsump- 
tiver Erbe ein, der weder konsentiert noch sich verschwiegen hatte, 
so mochte dieser immerhin das Geschäft anfechten, nur daß ihm 
für die Erhebung seines Protestes eine kürzere Frist als die gewöhn- 
liche gesteckt war, soferne er diesen entweder binnen 14 Tagen vor 
seinen fünf heimilisbüar oder aber am nächsten Alldinge erklären 
mußte, beides von dem Zeitpunkte an gerechnet, in welchem er er- 
fahren hat, daß er Erbe geworden seL^) Eine reine Abnormität ist 
es, wenn nach einer späteren, erst in der Staöarhölsbök enthaltenen 
Bestimmung bei Verträgen, welche mit einer Domldrche oder emem 
Kloster abgeschlossen werden, unter Umständen der Konseos des 
jeweiligen präsumptiven Erben für schlechterdings genügend erklärt 
wird, um das Geschäft absolut unanfechtbar zu machen. *) — Ener 
näheren Erörterung bedarf nun aber noch die Frage, unter welchen 
Voraussetzungen eine Verfügung als arfskot oder umgekehrt als 
rechtlich erlaubt gegolten habe, und gerade in dieser Beziehung 
zeigen die Quellen sehr verschiedenartige, sich kreuzende Gesichts- 
punkte berücksichtigt. 

Gelegentlich wird der Satz ausgesprochen, daß zwar jedermann 
die Verwaltung seines eigenen Vermögens haben solle, solange er 
wolle und zu deren Führung geistig befähigt sei, daß aber doch ein 
Greis von mindestens 80 Jahren zur Veräußerung von Grund- 
besitz oder Godorden der Zustimmung seines Erben bedürfe, wenn 
nicht etwa die Veräußerung durch Schulden nötig gemacht werde, 
und daß dasselbe auch von der Veräußerung eines Todkranken 
gelte.*) Man darf dabei auch an die andere Vorschrift: sich erinnern, 
nach welcher ein 80 jähriger Greis, welcher ohne die Zustimmung 
seines geborenen Erben heiratet, seiner Braut nicht mehr als 12 aurar 
als mundr geben darf und von etwaigen Kindern aus einer solchen 
Ehe nicht beerbt werden soll.*) Zwischen entgeltlichen und unent- 
geltlichen Veräußerungen wird insoweit, wie man sieht, nicht unter- 
schieden und ebensowenig darauf Gewicht gelegt, ob der Verfügende 
im einzelnen Falle gegen den geborenen Erben dolos handeln wolle 
oder nicht; allein maßgebend ist vielmehr der Zustand des Ver- 



^) Konüngsbük, 127/249; Arfa |)., 21/226. 

2) Arfa {)., 18/223. 

=*) Koniingsbök, 126/246; Arfa J)., ii/aoi — 2 und 18/224. 

*) Konungsbök, I18/224; Arfa [)., 4/178. 



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g 12. Die Ictztwilligcn . Verfügungen. 2Q^ 

fügenden selbst, welcher zur notwendigen Folge hat, daß seine Ver- 
fügung, wenn auch in die Form einer Verfügung unter Lebenden 
gekleidet, doch materiell wesentlich als eine Verfügung auf den 
Todesfall erscheint und wirkt Wir werden immerhin aus diesen 
Bestimmungen mit großer Wahrscheinlichkeit schließen dürfen, daß 
Verfügungen auf den Todesfall als solche prinzipiell reprobiert waren, 
indem sie jederzeit notwendig eine Verletzung der Ansprüche des 
geborenen Erben in sich schlössen. — Eine zweite Bestimmung faßt 
lediglich Vergabungen ins Auge, also Veräußerungen, welchen 
keine vertragsweisc ausbedungene Gegenleistung gegenüberstand. 
Schlechthin verboten waren diese nicht, vielmehr galt die Regel: 
„hann ä at gefa vingjafir at lifanda ser, ef hann vill";^) aber der in 
ihr gemachte Beisatz schließt doch wenigstens Vergabungen auf den 
Todesfall bereits geradezu aus und eine weitere Beschränkung ergab 
sich aus der Auffassung derartiger Geschenke, wie sie nun einmal 
im Norden allgemein üblich war. Ein freigebiger Austausch von 
Geschenken bei jeder sich darbietenden festlichen Gelegenheit wurde 
geradezu von der Sitte gefordert, aber eben darum auch als etwas 
Selbstverständliches angesehen und nicht weiter beachtet ; im vollsten 
Maße galt vielmehr auch für den Norden, was Tacitus von den Süd- 
germanen berichtet:^) „gaudent muneribus; sed nee data imputant, 
nee acceptis obligantur". Aber in einem ganz anderen Lichte er- 
schienen solche Gaben, welche nicht sofort in gleicher Weise er- 
widert wurden; auf sie muß es bezogen werden, wenn der Spruch 
galt: „ae ser til gildis gjöf," *) oder wenn mit juristischem Witze ge- 
sagt wird: „|)vi er gjöf gjaldi betri, at sina ä hverr ülaunaöa,"*) 
d. h. man nahm geradezu als selbstverständlich an, daß jedes der- 
artige Geschenk durch eine Gegengabe von ungefähr gleichem Werte 
erwidert werden müsse, soferne es nicht etwa seinerseits nur in Be- 
rücksichtigung einer bereits vorher empfangenen Gabe oder Dienst- 
leistung gegeben worden sei. Von hier aus erklärt sich die in den 
Geschichtsquellen vielfach bezeugte Anschauung, daß die Annahme 
von Geschenken, welche wegen ihres höheren Wertes oder auch 
wegen des vornehmeren Standes des Gebers von dem Empfänger 
nicht vergolten werden konnten, diesem letzteren eine Verpflichtung 
gegen den ersteren auferlege, welche ihn in seiner vollen Freiheit 



') Konüngsbök, 127/247; Arfa ))., 11/202. 

^ Germania, cap. 21. 

*) Hävamal, 14$; Gisla s. Sürssonar, S. 28. *} G^L. 129- 



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294 'r^*^ ^^' ^" Erbrecht 

des Handelns beeinträchtige ; ^) von hier aus ergiebt sich aber audi 
unter Umständen die Möglichkeit einer Zurücknahme des Gegebenen, 
wenn die erwartete Gegenleistung ausbleibt. Schon am Schlüsse 
des 9. Jahrhunderts sehen wir die Steinunnr gamla, als ihr der ihr 
verwandte fngölfr Amarson den Bezirk von Rosmhvalanes schenken 
wollte, dafür einen Mantel entgegengeben, damit das Geschäft ein 
Kauf heißen könne, denn „henni |)ötti ^st öhaettara viö riptingum";*) 
um ein Jahrhundert später legt der Gesetzsprecher porkell mäni 
unter Bezugnahme auf diesen Präzedenzfall dieselbe Anschauung 
einem Spruche zugrunde,') und in den Rechtsbüchern finden wir 
dieselbe nicht minder bestimmt anerkannt Einmal nämlich gilt die 
Regel, daß derjenige, welcher einem anderen ein Geschenk im Werte 
von mindestens 12 aurar gemacht hat, ohne damit eine früher em- 
pfangene Gabe oder Hilfe (liö) vergolten zu haben, selbst berechtigt 
sei, das Gegebene beim Tode des Beschenkten zurückzufordern, 
wenn dasselbe von diesem nicht mindestens seinem halben Werte 
nach vergolten worden seL*) Zweitens gilt für den Fall, da der Be- 
schenkte eine Vergeltung für die Gabe ausdrücklich versprochen, 
aber hinterher nicht geleistet hat, die weitere Regel, daß der Geber 
eine klagbare Forderung auf ein Entgelt habe, dessen Wert durch 
den Spruch von fünf Nachbarn zu bestimmen ist;*) ja die Staöar- 
hölsbök räumt ihm dieses Recht sogar für den Fall ein, da eine 
Gegenleistung nicht ausdrücklich versprochen, aber doch als beab- 
sichtigt anzunehmen ist In diesem zweiten Falle handelt es sich 
also nicht um die Rückforderung des Gegebenen, sondern um das 
Einklagen der Gegenleistung; die Klage ist überdies bereits bei Leb- 
zeiten des Beschenkten begründet und wird zudem für den Wert 
des Geschenkes keine Grenze gezogen. Für beiderlei Fälle ist hier- 
nach ein Klagerecht des Schenkers selbst bezeugt, während im 
übrigen immerhin der Grundsatz galt, „engi maör ä at ripta gjöf 
sina";®) für den präsumptiven Erben des Schenkers aber war ein 
solches noch in viel weiterem Umfange zugelassen. Glaubt der Erbe 
nämlich annehmen zu sollen, daß die Schenkung gemacht worden 



^) Vgl. die in meiner Schrift über die Entstehung des isländischen Staates und 
seiner Verfassuag S. 73 — 8i gesammelten Belegstellen, welche sich übrigens leicht 
vermehren ließen. 

*) Landnama, V, 14/319. ') Grettla, 12/20. 

*) Koniingsbök, 127/247; Arfa j)., 11/204. 

*) Konüngsbök, 127/247; Arfa J)., 11/203. 

*») ang. O. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. 2Q5 

sei, um ihn in seinem Erbrechte zu verkürzen, so mag er nach 
eigener Wahl entweder auf Landesverweisung klagen oder fordern, 
daß dem Schenker die Verwaltung seines eigenen Vermögens ent- 
zogen werde, und wird im einen wie im anderen Falle durch den 
W'ahrspruch von neun Nachbarn festgestellt, ob arfskot vorliege oder 
nicht ;^) fällt der Wahrspruch bejahend aus, so wird, wenn der 
Kläger den ersteren Weg gewählt hat, auf Reszission des Schen- 
kungsvertrages und überdies auf Landesverweisung des Schenkers 
sowohl als des Beschenkten erkannt, wenn anders auch dieser letztere 
in bösem Glauben gehandelt hat, wogegen, wenn der Kläger den 
zweiten Weg eingeschlagen hat, das Urteil die ganze Verwaltung 
seines Vermögens dem Beklagten abspricht und dem Kläger zuer- 
kennt, welcher natürlich dafür auch alle auf diesem Vermögen 
ruhenden Lasten zu übernehmen hat, und die Reszission des Schen- 
kungsvertrages versteht sich doch wohl auch hier von selbst Han- 
delte es sich aber um einen Freigelassenen, welcher seinen Freilasser 
um sein Erbrecht zu bringen sucht, so mag dieser letztere oder sein 
Erbe überdies auch noch die Freilassung rückgängig machen und 
zugleich das ganze Vermögen des Mannes an sich ziehen.^ Man 
sieht, das Recht ließ dem Erben die Wahl, ob er annehmen wollte, 
sein Erblasser habe aus Dummheit oder Bosheit gehandelt, und ob 
er demgemäß dessen Stellung unter Kuratel wegen erwiesener 
Geistesschwäche, oder dessen Bestrafung beantragen wollte; im 
übrigen aber kam es, während entgeltliche Veräußerungen unter 
Lebenden schlechthin statthaft, letztwillige Verfügungen dagegen 
schlechthin unstatthaft waren, bei Liberalitäten unter Lebenden dar- 
auf an, ob sie je nach den Umständen des einzelnen Falles als er- 
laubt oder verboten zu gelten hatten. Im allgemeinen war dabei 
die Entscheidung dieser letzteren Frage lediglich dem Gewissen der 
Geschworenen anheimgegeben, und diese werden bei der Fällung 
ihres Wahrspruches zweifellos nicht nur auf den Wert des Geschenkes 
im Vergleiche mit den Vermögensverhältnissen des Schenkers und 
des Beschenkten, sondern auch auf die Beschaffenheit der zwischen 
beiden obwaltenden Beziehungen, sowie zumal darauf Rücksicht ge- 
nommen haben, ob die Schenkung einen remuneratorischen Cha- 
rakter trug oder nicht; andererseits hatten sie wohl auch festzustellen, 
ob nicht etwa im einzelnen Falle die Form einer onerosen Ver- 



*) Konüngsbök, 127/247; Arfa [)., 11/202— 3. 
*) Koniingsbök, 127/247; Arfa {>., 11/203. 



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296 Teil II. Das Erbrecht 

äußerung nur gewählt worden sei, um eine beabsichtigte Beein- 
trächtigung des Erben zu verschleiern. Ausnahmsweise ist indessen 
dem freien Ermessen der Geschworenen durch das Gesetz selbst 
eine Schranke gezogen, und diese Ausnahmsfälle haben hier noch 
in Betracht zu kommen. 

E^ gilt aber zunächst die Vorschrift, daß niemand ohne Zu- 
stimmung seiner Erben seinem unehelichen Kinde mehr als den 
Betrag von zwölf aurar zuwenden dürfe, und selbst dann nur unter 
der Voraussetzung, daß auf keinen der gesetzlichen Erben eine ge- 
ringere Erbportion falle. ^) Damit ist einmal gesagt, daß eine Ver- 
gabung, welche sich innerhalb jener Grenze hält, schlechthin erlaubt 
ist, und somit keinesfalls als arfskot behandelt werden durfte, und 
zweitens, daß jede jene Grenze überschreitende Verfügung schlecht- 
hin unzulässig war, ohne daß der Widerspruch der Greschworenen 
hieran etwas ändern konnte. Der Betrag von zwölf Unzen ist uns 
schon mehrfach als Grenze geringerer Vergabungen begegnet, z. B. 
gelegentlich des dem Schenker selbst zustehenden Rückforderung^- 
rechtes, und wieder des von einem 80jährigen Greise zu gebenden 
Mundschatzes ; das Alter aber der auf die unehelichen Kinder bezüg- 
lichen Bestimmung ist aus einer schon früher angeführten Erzählung 
einer Geschichtsquelle ersichtUch, *) sowie auch aus der Vergleichung 
der einschlägigen Bestimmungen des norwegischen Rechtes. — Eine 
zweite Ausnahme bilden die Vergabungen zu frommen Zwecken.') 
Einmal in seinem Leben darf man „til sälubötar ser", d. h. um seines 
Seelenheilcs willen, den großen Zehnt (hin meiri tfund) von seinem 
Vermögen geben, d. h. über den zehnten Teil seines Kapitalwertes 
zu frommen Zwecken verfügen, und nicht minder darf man, wenn 
hinterher das Vermögen wächst, nachträgUch noch über den zehnten 
Teil dieses Zuwachses in gleicher Weise disponieren; über diesen 
Betrag hinausgehende Vergabungen dagegen, und zumal auch eine 
nochmalige Verzehntung, bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Zustimmung 
des geborenen Erben. Hat aber jemand den großen Zehnt noch 
nicht gegeben, so mag er Seelgaben (sälugjafir) bis zu eben dem Be- 
trage geben, welchen der große 2^hnt erreicht hätte, und gelten als 
solche Secl gaben insbesondere auch alle Zuwendungen an die Armen. 



*) Konüngsbök, 127/247; Arfa {)., 11/203 — 4 und 304. 
*) Laxdcela, 26/102—4. 

») Konüngsbök, 127/246—47; Arfa [)., il/2oa; vgl meine Abhandlung: 
Über den Hauptzehnt einiger nordgermanischer Rechte, S. 221 — 25. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. 207 

Bedenkt man, daß nicht nur der gewöhnliche Ertragszehnt auf Island 
gemäß der Disziplin der römischen Kirche in vier gleiche Teile 
zerlegt wurde, deren je einer dem Bischof, dem Priester, der Kirche 
und den Armen zufiel, sondern daß dieselbe Zerlegung auch bei 
dem großen Zehnt üblich war, so weit er nicht als Seelgabe, son- 
dern als Buße für die Heirat in gewissen relativ verbotenen Ver- 
wandtschaftsgraden vorkam, ') so ist klar, daß die gleiche Verteilungs- 
weise auch bei dem als Oblationszehnt gegebenen großen Zehnt 
stattfand, und daß gerade in ihr das charakteristische Merkmal liegt, 
durch welches dieser sich von anderen Seelgaben unterscheidet, be- 
züglich deren dem Vergabenden ein freieres Verfugungsrecht ge- 
wahrt blieb. Bezüglich dieser freier gestalteten Seelgaben ist femer 
zu bemerken, daß die bereits erwähnte Bestimmung über die Zu- 
wendungen an Arme selbstverständlich nicht dahin zu verstehen ist, 
als ob durch sie der mögliche Inhalt von solchen Vergabungen er- 
schöpfend aufgezählt werden wollte. Gelegentlich der Besprechung 
der Güter, welche nicht verzehntet werden sollen, weil sie „til guös 
))akka" gegeben sind, wird liegende und fahrende Habe erwähnt, 
welche „er til kirkna lagit, eöa til brüa, eöa til saeluskipa", *) und 
man ersieht hieraus, daß nicht nur auch zugunsten von Kirchen 
fromme Stiftungen gemacht zu werden pflegten, wie dies ja aller- 
wärts vorkam und auch durch zahlreiche isländische Urkunden be- 
stätigt wird, sondern auch zugunsten von Brücken und Fähren, 
welche das Reisen in dem unwegsamen Lande bequemer und minder 
gefährlich zu machen bezweckten. Noch eine weitere Stelle unserer 
Rechtsbücher bestätigt die Existenz solcher gestifteter Brücken und 
Fähren, indem sie zugleich erkennen läßt, daß dabei unentgeltliche 
Bedienung der Reisenden vorgesehen zu sein pflegte, *) und ein paar 
Urkunden wissen von einer Brücke über die Hftarä und Grjötä, 
dann über die BUkdalsä, die stiftungsgemäß zu unterhalten waren;*) 
aus anderen Urkunden ersehen wir ferner, daß hin und wieder auch 
wohl ein saelubü gestiftet wurde, d. h. ein Haus, in welchem alle ehr- 

*) Siehe zumal F'esta {)., 55/379 — 8o und vgl. dazu meine angeführte Ab- 
handlung, S. 219—21. 

*) Konüngsbök, 255/205; KrR. 36/142. Vgl. Rosenberg, Nordboemcs 
Aandsliv, I, 137— 38 (1878); StaÖarh ölsb 6k, 36/46: saloscipa; SkälhoUsbök, 
28/44: saluskipa; Belgsdalsbök, 24/134: saluskipa; Arnarbselisbök. 17/183: 
saluskipa. 

*) LandabrigÖisb. 16/267— 68; in der Koniingsbök fehlt die Stelle, wo- 
lie b den ältesten Fragmenten, I, S. 222—23 sich findet. 

*) Diplom, island. I, 67/279 und 102/402. 



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298 



Teil II. Das Erbrecht 



liehen Reisenden beherbergt werden sollten, welche des Weges zogen.^) 
Andererseits ist aber allerdings auch von hilfsbedürftigen Menschen, 
welche „fyrir guös sakir" verpflegt werden, in den Rechtsquellen ge- 
legentlich die Rede,*) und die Urkunden wissen massenhaft von 
Stiftungen zu berichten, vermöge deren auf bestimmten Höfen ein oder 
mehrere „ömagar** zu unterhalten waren, wobei sie zugleich anzu- 
geben pflegen, ob solche „karlgildir'' oder „kvenngildir" sein sollten. 
Da nun für derartige Stiftungen vielfach die Bezeichnung Kristbü 
oder Kristfe vorkommt,') und für saeluskip, saelubü, saeluhüs mehr- 
fach die Variante säluskip, säluhüs, sälustofa sich gebraucht findet, 
auch der große Zehnt ganz unverkennbar auf kirchlichen Enfluß 
zurückweist, so ließ sich allenfalls die Vermutung wagen, daß die 
Sitte, fromme Stiftungen zu machen, lediglich christlichen Ursprunges 
sei; indessen wäre ein solcher Schluß doch wohl vorzeitig. Wir 
wissen, daß auch schon in der heidnischen Zeit Land zu den Tempeln 
gestiftet*) und mancherlei Gut zu denselben gegeben wurde, aus 
dessen Ertrag unter anderen die Kosten der Opferfeste bestritten 
wurden,*) während auch sonst noch mancherlei besondere Weih- 
geschenke den Göttern dargebracht zu werden pflegten. •) Nicht 
minder ist aber auch bekannt, daß schon im Heidentume die Fürsorge 
für Reisende so weit ging, daß angesehene Leute eigene Gebäude 
aufführen ließen, um wegfahrenden Leuten bequeme Verpflegung, 
und zumal an stets bereit stehenden Tischen Speise bieten zu können,') 
und daß schon im Heidentume die Verpflegung hilfsbedürftiger Leute 
als eine edle, den Göttern wohlgefällige Tat galt, ®) während sich das 
Bestehen einer geordneten Armenpflege ftlr die vorchristliche Zeit 
ebenfalls wenigstens dringend wahrscheinlich machen läßt*) So 



^) Diplom, island. I, 24/169; 26/174 ^^^ 32/201; vgl. auch negaüv 30/199; 
31/199; 33/203. ') Konüngsbök, 121/230; Arfa [)., 18/224. 

•) Diplom, island. I, 30/198—99; 31/199— 200; 32/20 1 ; 33/203; 34/*M; 
Laurcntius bps. s., 2/790; eine Urkunde von 1320 (?) bei Finnr Jönsson, I, 

s. 430. 

*) vgl. z. B. Landnäma, IV, 2/24 1 ; V, 2/280 und 3/284. 

*) Kjalnesinga s., 2/403; Melabök, S. 334. 

^) vgl. meine Schrift über: Die Bekehrung des norwegischen Stanunes lum 
Christentume, II, S. 202 — 3. 

') vgl. ebenda, S. 184—85, Anm. 129. 

*) vgl. Vigaskütu s. 7/248; jüngere Olafs s. T ryggvasonar, 226/225 
— 28; Vatnsdoela, 37/59 — 60. 

^) vgl. meine SchriA : Island von seiner ersten Entdeckung bis zum Unterginge 
des Freistaats, S. 316 — 22. 



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§ 13. Die letztwilligen Verfügungen. 200 

möchte denn immerhin als feststehend betrachtet werden dürfen, daß 
Stiftungen zu wohltätigen sowohl als zu speziell religiösen Zwecken 
schon dem Heidentume geläufig waren, und die Formen saeluskip, 
saeluhtis u. dgl. möchten als die älteren, schon in der vorchristlichen 
Zeit üblichen zu gelten haben ; wieweit freihch für derartige Stiftungen 
auch schon im Heidentume eine privilegierte Stellung gegenüber 
den Rechten der gesetzlichen Erben gegolten habe, und in welchem 
Umfange, dürfte sich kaum bestimmen lassen. In der Zeit unserer 
Rechtsbücher durfte man aber über die oben bezeichnete Wertgrenze 
selbst zugunsten der Kirche nur dann hinausgehen, wenn die sämt- 
lichen Erbsinteressenten zustimmen, und der Bischof bei dem Ge- 
schäfte mitgewirkt hat, oder aber, wenn die gesetzgebende Versamm- 
lung dasselbe bestätigt;^) hatte man jedoch dem Erben eine Gegen- 
leistung für seine Konsenserteilung versprochen, und diese nicht 
erfüllt, ehe die Verfügung zu frommen Zwecken getroffen oder der 
Tod des Erblassers eingetreten war, so galt die Verfügung als nichtig, 
und ebenso in dem anderen Falle, da etwa hinterher eine andere 
Person als Präsumptiverbe an die Stelle des Konsentierenden ge- 
treten war.-) Diese letztere Bestimmung scheint übrigens darauf 
hinzudeuten, daß man bereits zur Zeit des Freistaates ganz ebenso 
^vie später auf Island in der Form von Seelgaben auch wohl letzt- 
w-illige Verfügungen zu treffen pflegte, und in der Tat mußte ja das 
allgemeine Recht der Kirche fast mit Notwendigkeit hierzu führen. 
— -Abgesehen von den Vergabungen werden aber auch noch einige 
besonders geartete Fälle von onerosen Veräußerungen ins Auge ge- 
faßt. Dahin gehört vor allem das Geschäft, welches als Verkauf der 
eigenen Erbschaftshoffnung (atseljaarfvänsfna) bezeichnet wird, 
und welches mit unserem pactum de hereditate tertii zusammenfällt. 
Das Geschäft galt schlechthin als verboten, wenn es im Auslande 
über einq Erbschaft abgeschlossen wurde, die man auf Island zu er- 
warten hatte, oder welche zwar daselbst bereits angefallen, aber vom 
Erben noch nicht in eigener Person in Besitz genommen war.^) Die 

*) Arfa |)., 18/223 und 24/228 — 29. 

*) Die von |)örÖr Sveinbjörnsson und Baldvin Einarsson S. 321 der 
letzteren Stelle gegel?enc Deutung, nach welcher die Verfiigung ungültig sein sollte, 
^renn sie nicht wenigstens teilweise zugunsten der Kirche laute, ist von Vilhjälmr 
Finsen, S. 301 — 4 genügend widerlegt worden; des letzteren eigene Annahme, nach 
^welcher gerade für Vergabungen an die Kirche strengere Voraussetzungen als die ge- 
wöhnlichen gelten sollten, ist aber um nichts haltbarer. 

^ Konüngsbök, 125/240 und 249/198; Arfa J)., 14/21 1 und 6/189. 



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300 



Teil II. Das Erbrecht. 



Bestimmung bildet eine Ausnahme von der Regel, daß der im Aus- 
lande über Sachen, die auf Island lagen oder später dahin gelangten, 
abgeschlossene Vertrag ebenso rechtsverbindlich sei wie der im In- 
lande abgeschlossene, und sie wird überdies in der Staöarhölsbök 
ausdrücklich als eine Novelle bezeichnet; besondere Vorkommnisse 
mochten gezeigt haben, wie leicht vorübergehende Geldnot, oder 
auch eine Täuschung über den Wert einer in der Heimat zu er- 
wartenden oder angefallenen Erbschaft den Präsumptiverben zu einer 
ihm selbst nachteiligen Veräußerung bestimmen, und wie leicht 
vollends, wenn dieser sich etwa zu bleibendem Aufenthalte im Aus- 
lande entschloß, das von ihm eingegangene Veräußerungsgeschäft 
die Interessen seiner isländischen Verwandten ernsthaft gefährden 
konnte. Im Inlande ehrlich und ohne Betrug abgeschlossen, ist da- 
gegen das Geschäft an und für sich sowohl fiir die Kontrahenten 
selbst als für deren beiderseitige Erben vollkommen verbindlich, \) 
und kann zwar der Präsumptiverbe des Erbschaftsverkäufers dasselbe 
anfechten, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß dieser letztere 
nicht darzutun vermag, daß dasselbe „jafnmaeU", d. h. unter billigen 
Bedingungen eingegangen sei ; ^) aber freiUch ist dessen beiderseitige 
Erfüllung nur unter der Voraussetzung möglich, daß der Erbschaffe- 
verkäufer den Tod des Erblassers als dessen Präsumptiverbe eriebt^ 
oder daß doch bei diesem Tode seine eigenen Erben, oder aber sein 
Mitkontrahent oder dessen Erben als nächstberufene Erben zu be- 
trachten sind. Ist dies nicht der Fall, und erscheinen somit beim 
Eintritte des Erbfalles Personen zur Erbschaft berufen, die weder 
selbst noch durch ihre eigenen Erblasser beim Vertragsabschlüsse 
beteiligt gewesen waren, so äußert natürlich das unter ganz anderen 
Voraussetzungen abgeschlossene Geschäft in Bezug auf die Beerbung 
des dritten Erblassers keinerlei Wirkung, da ja der nunmehr zur Erb- 
folge Berufene in keiner Weise an dasselbe gebunden ist; aber dafür 
mag auch der Erbschaftskäufer oder dessen Erbe den für die Erb- 
schaft gezahlten Preis samt legalen Zinsen vom Zeitpunkte der Zah- 
lungen zurückfordern. Die Rückforderung ist noch in demselben 
Jahre geltend zu machen, in welchem sich die Unmöglichkeit der 
Vertragserfüllung herausgestellt hat ; hat aber freilich der Erbschafts- 
verkäufer oder dessen Erbe kein Vermögen, so kommt der andere 



') Konüngsbök, 123/236; Arfa |)., 10/200. 

-) Konüngsbök, 122/236; Arfa J)., 10/200 und 24/229. 



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§ 12. Die leUtwilligen Verfügungen. jOI 

Kontrahent, der sich mit ihm eingelassen hat, einfach um das Seinige.^) 
Es liegt dem Geschäfte somit eine emptio rei speratae zugrunde, 
nicht eine emptio spei. — Weiterhin kommt noch der Vertrag in 
Betracht, welcher als arfsal, d. h. E^bschaftsübergabe, bezeichnet 
wird, und welcher sich als ein Verpfandungsvertrag auffassen läßt, 
soferne kraft desselben der eine Teil sich verpflichtete, den anderen 
auf Lebenszeit zu verpflegen, wogegen ihm dieser sein gesamtes der- 
zeitiges Vermögen, öder doch einen bestimmten Teil desselben über- 
ließ. Für den Abschluß des Vertrages braucht man auf Seiten des 
angehenden Pfründners den Ausdruck „at seljast arfsal i", sich 
durch eine Erbschaftsübergabe verkaufen, auf Seiten des Übernehmers 
dagegen den Ausdruck „at taka mann arftaki"; der Pfründner 
aber wird in unseren Rechtsbüchern stets mit dem viel weiter reichen- 
den Ausdrucke „ömagi" bezeichnet, während in den Geschichts- 
quellen für ihn mehrmals die Bezeichnung „arfsalsmaör**, ') für 
den Pfründgeber aber einmal die Bezeichnung „varnaöarmaör", 
d. h. Schutzherr, *) vorkommt. Durch den Vertrag übernimmt aber, 
wie bereits bemerkt, der eine Kontrahent die lebenslängliche Ver- 
pflegung des anderen, und zwar ist die von ihm diesem gegenüber 
übernommene Alimentationspflicht eine ebenso strenge wie die dem 
Präsumptiverben als solchem obliegende Alimentationspflicht;*) sub- 
sidiär wird überdies der Regel nach die Alimentationspflicht dem 
Pfründner gegenüber auch für die gesamte Verwandtschaft des Über- 
nehmers begründet Aller Wahrscheinlichkeit nach galt von jeher 
als eine selbstverständliche Folge des Vertragsabschlusses, daß der 
arfsalsmaör seine eigene Wirtschaft aufgab, und in das Haus seines 
Übemehmers hinüberzog, *) und daß er somit ein flatföring oder gaef- 
|)raell im Sinne des dänischen und schwedischen, ein Austrägler im 
Sinne unseres deutschen Rechtes wurde; aber gesetzlich vorgeschrieben 
scheint diese Folge des Geschäftes ursprünglich nicht gewesen zu 
sein, und die Geschichtsquellen zeigen in der Tat einzelne Fälle, in 
welchen arfsalsmenn nach abgeschlossenem Vertrage dennoch ihr 
eigenes Hauswesen fortführten.®) Derartige Vorkommnisse mußten 



^) Konüngsbök, 123/236; Arfa |)., 10/200 — 201. 

*J JörÖar s. hrcÖu, S. 50 — 51 ; GuOmundar bps. s., 97/550; Sturlünga, 
V, 8/1 19. 

') Eyrbyggja, 31/54. 

*) Konüngsbök, 128/3; Ömagab. 1/232. 

*) So nach der Väpnfiröinga s., S. 13. 

•) Eyrbyggja und {>6rÖar s. hreÖu, ang. O. 



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202 Teil II. Das Erbrecht 

aber einen den gesetzlichen Erben sehr gefährlichen Mißbrauch des 
Geschäftes nahe legen, indem der Charakter eines Verpfändungs- 
vertrages bei demselben dem eines Erbvertrages Platz machen konnte, 
und es mag sein, daß um derartiger Erfahrungen willen hinterher die 
gesetzliche Bestimmung eingeführt wurde, welche nur in der Staöar- 
hölsbök sich findet, und hier ausdrücklich als eine Novelle bezeichnet 
wird, daß der Pfründner sofort nach Eingehung des Vertrages seine 
eigene Wirtschaft aufgeben und zum Pfründgeber ziehen müsse, 
widrigenfalls das Geschäft nicht als arfsal gelten solle.*) Anderen- 
teils hat der angehende Pfründner dem Pfründgeber das Vermögen 
auszuantworten, auf welches der Vertrag lautet In der Regel scheint 
dies sein ganzes derzeitiges Vermögen gewesen zu sein, so daß der 
Vertrag den Pfründner völlig besitzlos machte ; doch konnte ihm auch 
ein Teil seines Vermögens bleiben, und jedenfalls konnte er nach 
abgeschlossenem Vertrage noch solches erben,*) im einen wie im 
anderen Falle aber blieb solches Vermögen durch den Vertrag unbe- 
rührt, so daß von ihm der Pfründner die ihn persönlich treffenden Lei- 
stungen noch selbst zu tragen hatte, nach seinem Tode dessen geborene 
Erben in dasselbe sukzedierten, während der Anteil des Pfründgebers 
dadurch weder vergrößert noch verkleinert wurde. *) Es ist klar, daß 
das Geschäft für die Verwandten der Kontrahenten mehrfach bedenk- 
liche Wirkungen äußern konnte, teils insoferne, als bei aUzu geringer 
Leistung des einen oder anderen Teiles die Erben des anderen in 
der Gegenleistung kein genügendes Entgeld empfingen, teils aber 
insoferne als die von dem Pfründner bisher verpflegten Hilfsbedürf- 
tigen durch den Vertrag zumeist ihren Verpfleger verloren. Nach 
beiden Seiten hin suchte die Gesetzgebung allen beteiligten Interessen 
gerecht zu werden. Einmal nämlich war bei Strafe der Landesver- 
weisung verboten, einen Verpfründungsvertrag abzuschließen, ohne 
daß dabei für die Unterkunft der nächstberechtigten ömagar Fürsorge 
getroffen wurde. *) Als nächstberechtigte galten dabei alle die, welche 
dem Pfründner bereits vor dem Vertragsabschlüsse zur Verpflegung 
zugewiesen worden waren, sowie alle die, für die er nötigenfiaDs in 
Schuldknechtschaft zu gehen hätte, d h. seine Eltern und Kinder, 
oder deren Präsumptiverbe er ist; eine andere Stelle rechnet auch 



*) Arfa [)., 12/206; Ömagab. 14/268. 

*) Koniingsbök, 127/248 — 49; Arfa j)., 12/206. 

') Arfa j)., ang. O. 

*) Koniingsbök, 127/248; Arfa ji., 12/205 — 6. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. 103 

die Geschwister, den Freigelassenen und die arfsalsmenn zu ihnen.*) 
Die Art, wie fiir diese Personen Fürsorge zu treffen ist, wird nicht 
bestimmt; da wir aber erfahren, daß der Pfründner einen Teil seines 
Vermögens zu eigener Verfügung vorbehalten konnte, und daß er 
von diesem vorbehaltenen sowohl als von neu ererbtem Gute ihm 
anfallende ömagar zu verpflegen hatte, '') so ist damit einer der sich 
darbietenden Auswege bezeichnet, während eine zweite in der Über- 
nahme der ömagar des Pfründners durch den Pfründgeber zu suchen 
sein dürfte, auf welche eine unten noch zu besprechende Stelle hin- 
deutet^) Für die beiderseitigen Erben des Kontrahenten aber war 
durch die andere Vorschrift gesorgt, daß das Geschäft ihren Rechten 
nur unter der Voraussetzung präjudizieren solle, daß entweder sie 
ihre Zustimmung zu demselben gegeben hätten, oder nachgewiesen 
werden könnte, daß dasselbe „jafnmaeli", d. h. unter beiderseits gleich- 
mäßig billigen Bedingungen abgeschlossen sei; die letztere Frage 
wurde vorkommendenfalls durch den Wahrspruch von fünf Nach- 
barn entschieden, und galt dabei bereits eine Wertsdifierenz von fünf 
Unzen zwischen den beiderseitigen Leistungen als genügend, um das 
Geschäft als für die Erben beschwerend erscheinen zu lassen.*) Er- 
schien der Vertrag den Erben des Pfründners beschwerend, und er- 
langen sie einen ihren Ansprüchen günstigen Wahrspruch, so wird 
der Vertrag kassiert, und derjenige, welcher nun die Verpflegung 
des Pfründners zu übernehmen hat, hat sofort ein Rückforderungs- 
recht auf alles das Gut, welches dieser auf Grund des Vertrages dem 
Pfründgeber überantwortet hatte, soweit solches durch die ihm ge- 
währte Verpflegung noch nicht aufgezehrt war, worüber wiederum 
der Spruch von fünf Nachbarn zu entscheiden hatte ; *) doch verjährt 
die Klage mit dem nächsten Alldinge. •) Fühlen sich dagegen die 
Erben des Pfründegebers beschwert, und erlangen sie einen ihnen 
günstigen Wahrspruch, so bleibt zwar der Vertrag für die Kontra^ 
henten selbst in Kraft, aber die Alimentationspflicht betrifilt eben 

*) Konüngsbök, 128/3; Ömagab. 1/232. 

') Konüngsbök, 127/248—49; Arfa j)., 12/206. 

») Arfa !>., 18/223. 

*) Konüngsbök, 127/248; Arfa ])., 12/204 — 5. Bei ihrem Spruche hatten 
die Geschworenen natürlich die Zustände zur Zeit des Vertragsabschlusses zugruodc^ 
ZQ legen und deren spätere Veränderungen unberücksichtigt zu lassen, Arfa \t.^ 
22/227. 

*) Konüngsbök, 127/248; Arfa [>., 12/205. 

•) Konüngsbök, 127/249; Arfa ji., 22/227. 



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304 



Teil II. Das Erbrecht 



nur den Pfründegeber selbst, nicht auch seine Erben; ^) überdies haben 
diese Erben auch das Recht, die Aufhebung des Vertrages zu ver- 
langen, wenn sie beweisen können, daß dessen Bedingungen unbillig 
sind, nur daß sie sofort nach erlangter Kenntnis von dessen Ein- 
gehung Protest einlegen, und diesen am lögberg bekannt geben 
müssen. *) Wird der Pfründgeber durch den Vertrag selber der Ver- 
armung ausgesetzt (ef ömagi er seldr til l)rots), so gilt nicht nur 
selbstverständlich der Vertrag für die Erben nicht als verbindlich,') 
sondern es kann auch derjenige, welchem die Alimentation des 
Pfründegebers selbst und seiner ömagar subsidiär obliegt, den Ver- 
trag selbst anfechten. *) Man wird kaum zwischen dieser und der 
vorigen Bestimmung einen Widerspruch annehmen, und in der letz- 
teren neueres Recht erkennen dürfen, wie Vilh. Finsen dies tut;*] 
vielmehr dürften sich beide dahin vereinigen lassen, daß bei dem 
selja tu l)rots die Einsprache des Erben an keinen Termin gebunden 
war und überdies nicht bloß dem Erben eine Einsprache zustand. 
Aus einer Reihe verschiedener Stellen läßt sich aber ersehen, daß 
durch eine spätere Novelle die Voraussetzungen eines gültigen Ver- 
tragsabschlusses beträchthch verschärft werden. •) Fortan sollten fünf 
Nachbarn bei diesem zugezogen, und ihnen eine Mitwirkung bei der 
Feststellung der Vertragsbedingungen eingeräumt werden. Einer der 
beiden Kontrahenten, gleichviel welcher, hatte vor diesen zu be- 
schwören, daß die wirklichen Vertragsbedingungen ihnen ehrlich und 
vollständig mitgeteilt worden seien, ohne alle Retizenz oder Simulation, 
und daß zumal genau angegeben worden sei, wieviel und welches 
Vermögen der Pfründner dem Pfründgeber auszuliefern habe. Darauf- 
hin sollen dann jene Nachbarn den Vertrag mit feststellen (gera mäl- 
daga med ])eim), und darauf sehen, daß dessen Inhalt ein billiger 
sei (gera jafnmaeli meö l)eim); dieselben haben dann ihrerseits zu 
beschwören, daß die Vertragsbestimmungen, so wie sie festgestellt 
seien, ihnen billig scheinen. Sind diese Formen nicht pünktlich ein- 



*) Konüngsbök, 127/248; Arfa {»., 12/205. 

•) Konüngsbök, 135/17; Ömagab. 14/267 — 68. 

*) Konüngsbök, 135/18; Ömagab. 14/268. 

*) Arfa {)., 12/204; 22/227. 

*) Annaler, 1849, S. 307, Anm. 3. 

^) Konüngsbök, 127/247 — 48, mit ausdrücklicher Bezeichnung als afmi^ 
und Arfa {)., 19/225. Ferner Arfa |)., 12/206, wo „nü" ebenfalls die Neuerung a»' 
deutet und Ömagab. 14/268. Sämtliche Stellen gehen swar von demselben Gntnd' 
gedanken aus, ergänzen sich aber; keine bringt also die Novelle wortgetreu. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. ^05 

gehalten worden, so gilt der Vertrag als nichtig; aber auch bei voll- 
ständiger Erfüllung derselben ist er dennoch ungültig, wenn der 
Pfründner nicht sofort seinen eigenen Haushalt aufgegeben, und sich 
in das Haus des Pfründegebers begeben hat, und wenn dieser letztere, 
was nur die Kehrseite desselben Gedankens ist, nicht binnen der 
nächsten zwölf Monate vom Vertragsabschlüsse an gerechnet eigene 
Mühewaltung und Kosten auf dessen Verpflegung verwendet hat 
Mag sein,, daß auf dieselbe Novelle auch noch einige besondere, für 
einen Ausnahmsfall bestimmte Vorschriften zurückzuführen sind ^) 
Will jemand sich zu einer Domkirche oder zu einem Kloster im In- 
lande begeben, so soll er mit Zustimmung seiner Erben soviel Ver- 
mögen mit sich dahin geben als er will, vorausgesetzt nur, daß er 
genügend für die Versorgung seiner ömagar gesorgt hat; der von 
ihm mit der Domkirche oder dem Kloster geschlossene Vertrag kann 
solchenfalls nicht angefochten werden, wenn auch keine Nachbarn 
beigezogen wurden, um ihn eidlich zu bestätigen, und wenn auch 
hinterher andere Personen zur Erbschaft des Verfügenden berufen 
sein sollten, als welche zu dessen Verfügung zugestimmt haben. 
Unter den „menn er til biskupsstöla eör til münklifa vilja räöaz ä 
landi voro, eöa hafa räöiz", wird man 'nicht etwa bloß an Personen 
zu denken haben, die als Bischöfe gewählt oder als Konventualen 
aufgenommen wurden, wie denn zumal auf gewählte Bischöfe die 
Stelle kaum jemals auch nur Anwendung finden konnte, sondern 
auch an Personen, welche einen Verpfründungsvertrag mit einer Dom- 
kirche oder einem Kloster abschlössen, wie dies in späterer Zeit sehr 
häufig vorkam; in Norwegen wenigstens bezeichnet der Ausdruck 
prövenda nicht nur die Präbende eines Mönches, *) sondern auch die 
Pfründe desjenigen, der als pröventumaör durch ein pröventubref 
in ein Domkapitel sich eingekauft hatte,*) und welcher somit ganz 
in der Lage eines isländischen arfsalsmaör ist Im übrigen regu- 
liert die Bestimmung nur eine Ausnahme von den Vorschriften der 
soeben besprochenen Novelle, und kann somit gar nicht viel älter 
sein als diese, aber recht wohl gleichalterig mit ihr, sofeme man sich 
ja recht wohl gleich bei Einführung der Novelle veranlaßt sehen 
mochte, einen derartigen Vorbehalt zugunsten kirchlicher Institute zu 
machen. Übrigens konnte man nicht nur für sich selbst einen Ver- 

>) Arfa I)., 18/223. 

«) Hcimskr. Haralds s. gilla, ia/717; FMS. VII, I5/I96. 
*) Diplom, norveg. VI, 159/179 — 80(1340); vgl. Lange, De aonke Klostres 
Historie i Middclaldercn (cd. a), S. 103 — 4, 123—4 und öfter. 

Maurer, Verwandtschmfta- und Erbrecht nach altnordischem Recht«. ao 



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3o6 '^^^ U* ^^ Erbrecht 

pfründungsvertrag abschließen, sondern auch für seine Kinder;^) aber 
auch andere ömagar, deren Verpflegung man zu übernehmen hatte, 
konnten zum Abschlüsse ähnlicher Verträge Veranlassung geben, in- 
dem man deren Versoi^ung gegen Entgeld anderen übertrug. Auch 
in derartigen Fällen konnten die beiderseitigen Erben den Vertrag 
anfechten, wenn entweder den Erben des Übergebers zu viel, oder 
denen des Übernehmers zu wenig Gut für die Verpflegung des ömagi 
gegeben zu sein schien, nur mußte der unzufriedene Teil sofort vor 
fünf Nachbarn Protest erheben, und am nächsten Alldinge hiervon 
Anzeige machen, worauf dann Geschworene festzustellen hatten, ob 
in dem Vertrage ein „arfskot" enthalten sei, und galt überdies der 
Vertrag, wie es scheint, selbst ohne Einsprache der Erben dann als 
für diese unverbindlich, wenn der Übernehmer des ömagi erweis- 
lichermaßen infolge desselben verarmen mußte. *) Aber freilich wnirde 
auch durch einen solchen Vertrag der Übergeber des ömagi selbst 
von seiner Verpflichtung gegen diesen nicht ohne weiteres frei; viel- 
mehr mußte derselbe, wenn der Übemehmer oder dessen Erbe den 
ömagi nicht gehörig verpflegte, auf Anfordern wieder selber dessen 
Verpflegung übernehmen, wogegen ihm freilich die Klagestellung 
gegen seinen Mitkontrahenten oder dessen Erben unbenommen blieb.*) 
Verboten war die Übergabe von ömagar an im Auslande wohnhafte 
Leute, oder vielmehr nur ausnahmsweise erlaubt, wenn der ömagi 
entweder volljährig und mit schweren Fehlem behaftet, oder aber 
mit dem Alimentationspflichtigen nur entfernt verwandt war;*) 
eigentümlich gestaltete sich aber der Vertrag, wenn es sich um die 
Pflege und Erziehung eines Kindes (föstr) handelte, sofern solchen- 
falls nicht nur das i6. Lebensjahr ein für allemal als Grenze für die 
Dauer der zu leistenden Wartung galt, sondern auch das ganze Ver- 
hältnis der Beteiligten zueinander weniger ausschließlich vermögens- 
rechtlich gestaltet war, wie dent) z. B. der Rücktritt vom Vertrage 
unter gewissen Beschränkungen erlaubt, und dessen Übergang auf 
die Erben nicht schlechthin geboten war. ^) Offenbar war diese freiere 
Gestaltung des Geschäfts eine Folge der richtigen Erkenntnis, daß 
die Kindererziehung noch ungleich weniger als eine fungible Leistung 
gelten könne als die Verpflegung eines anderen ömagi, um so 



^) Arfa J)., 22/227. 

•) Ömagab. 13/266—67; vgl. Konungsbök, 135/18. 

•) Konungsbök, 135/17— 18; Ömagab. 14/268. 

*) Konungsbök, 140/21 — 22; Ömagab. 21/275 — 76. 

'') Konungsbök, 141/22; Ömagab. 21/276—77. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. jO? 

schwerer ist aber festzustellen, wie sich das bloße ,,selja ömaga til 
framfoerzlu" von dem eigentlichen „arfisal" unterschieden habe. Ich 
möchte das unterscheidende Merkmal beider Verträge nicht mit VHh. 
Finsen^) darin sehen, daß das arfsal auf Lebenszeit, jener andere 
Vertrag aber nur auf bestimmte Frist eingegangen worden sei, so- 
feme hierfür die Quellen keinerlei Anhaltspunkt bieten, sondern eher 
darin, daß beim arfsal, worauf dessen Name hinweist, prinzipiell die 
Hingabe des ganzen Vermögens im Spiele war, wenn auch ein Vor- 
behalt einzelner Stücke als zulässig galt, und daß somit dieser Ver- 
trag wesentlich unserem Austragsvertrage entsprach. — Endlich ist 
noch zu erwähnen, daß auch die vertragsweise Eingehung der ehe- 
lichen Gütergemeinschaft gewissen Einsprachsrechten der ge- 
borenen Erben beider Ehegatten unterlegen zu haben scheint. Wenn 
nämlich gesagt wird, die Eingehung der Gütergemeinschaft sei den 
Eheleuten mit rechtlicher Wirksamkeit für sich und ihre Erben ge- 
stattet, „ef meö l)eim er jafnmaeli", d. h. wenn ihre Vermögensver- 
hältnisse sich gegenseitig entsprechen, *) so ist damit doch wohl still- 
schweigend gesagt, daß sowohl die Eheleute selbst als deren Erben 
den Vertrag anzufechten berechtigt seien, wenn es an jener Voraus- 
setzung seiner Gültigkeit fehle, und in der Tat ist dies nur eine 
weitere Konsequenz der Grundsätze, welche in Bezug auf das arfskot 
überhaupt gelten. 

Man sieht, alles in allem genommen duldet das isländische Recht 
letztwillige Verfügungen überhaupt nicht, und auch gegenüber Ver- 
fügungen unter Lebenden wahrt es die Interessen der geborenen 
Erben mit großer Umsicht; jede einigermaßen erhebüche Veräuße- 
mng, welche das Vermögen schmälert, ohne daß eine entsprechende 
Gegenleistung den Entgang decken würde, begründet sofort das 
Recht des Erben, sie anzufechten. Aber nicht nur das Recht der 
gesamten Verwandtschaft, den Gesamtbesitz des Hauses nicht ver- 
ringert zu sehen, wollte in dieser Weise geschützt werden, sondern 
auch das Recht jedes einzelnen Gliedes derselben als 
solchen. Nirgends wird demgemäß unterschieden zwischen Veräuße- 
rungen, welche an Fremde, und solchen, welche an entferntere Ver- 
wandte erfolgten, vielmehr erscheinen diese ganz ebenso anfechtbar 
wie jene, wenn durch sie die Ansprüche der zunächst berufenen 
gesetzlichen Erben gefährdet werden; und es fehlt sogar nicht an 



') Annaler, 1849, S. 308, Anm. 4. 

*) Konungsbök, 153/45; Fcsta {)., 22/334—35. 



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3o8 



Teil II. Das Erbrecht 



einer Reihe von Bestimmungen, welche sich lediglich auf den Schutz 
der geborenen Erben gegen Zuwendungen an entferntere oder auch 
gleichstehende Verwandte beziehen. So sollen Eltern, wenn echt 
geborene Söhne vorhanden sind, ihrer Tochter nicht ohne deren Zu- 
stimmung einen größeren Betrag als Ausstattung oder sonst zu- 
wenden, als welcher noch für jeden der Söhne im Vermögen zurück- 
bleibt *) Die ausdrücklich als Novelle bezeichnete Satzung gestattet 
also zwar Zuwendungen an entferntere Verwandte auf Kosten der 
näheren, also nur innerhalb gewisser gesetzlicher Grenzen, wie dies 
etwa bei den Zuwendungen zugunsten unechter Kinder der Fall war, 
mit welchen sie denn auch die Staöarhölsbök mit gesundem Texte 
zusammenstellt; die Notwendigkeit einer Novelle aber, um sie zu- 
lässig zu machen, zeigt, daß sie nach älterem Rechte unzulässig ge- 
wesen waren. Zweitens findet sich die weitere Vorschrift, *) daß die 
Brüder eines Sohnes, welchem der Vater zur Bestreitung von Reise- 
kosten, oder zur Entrichtung des kvänarmundr Geld gegeben, oder 
seine Schulden bezahlt, oder während seiner Minderjährigkeit die 
Zinsen von seinem eigenen Vermögen zum Kapital geschlagen hat,*) 
bei der Erbteilung ebensoviel von dem Erbe vorabnehmen sollen. 
Zinsen sollen für die zu konferierenden Beträge nicht berechnet 
werden, und soweit diese auf den Nichtbezug von Zinsen durch den 
Vater während der Minderjährigkeit des Sohnes zurückzufuhren sind, 
soll die Höhe des zu konferierenden Betrages sich nach der Ziffer 
berechnen, welche derselbe zu der Zeit erreichte, da dieser Sohn 
i6 Jahre alt wurde; wurden aber derartige Auslagen auf mehrere 
Söhne in verschiedenem Umfange gemacht, oder wurden diesen 
Zinsen in verschiedenem Betrage nachgelassen, so werden diese Be- 
träge zur Abrechnung zu bringen sein, und wenn die von verschie- 
denen Söhnen zu konferierenden Beträge allzu ungleich sind, als daß 
ihre Differenz bei der Erbteilung ausgeglichen werden könnte, so 
mögen die Verkürzten von den übermäßig Bedachten soviel heraus- 



1) Arfa [)., 2/172 und 11/204; die erstcrc Stelle hat die Konüngsbök, 
liS/220 nur als Referenz und als n^seli bezeichnet, die letztere aber gar nicht 

*) Konüngsbök, 118/221; Arfa Jj., 2/173—74. 

®) „ef hann hefir öxt hinom fe fyrr enn hann vaeri 16 vetra gamall." Dis 
2^itwort cexla (aexla) oder oeza (sexa) bezeichnet das Wachsen des Vermögens durch 
Zinsen und Früchte, wie es bei guter Wirtschaft sich ergibt, und wird demnach hier 
der Verzicht auf den Fruchtgenufi gemeint sein, der dem Vater als Vormund des 
Sohnes während dessen Minderjährigkeit gebühren würde; Vilh. Einsen, an|f. 0., 
S. 313 — 14, bezieht dagegen die Worte auf die Ausantwortung von Gut an den Sohn, 
was die Stelle um jeden vernünftigen Sinn bringt. 



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§ 12. Die letztwilligen Verftigungen. ^qo 

fordern, als zur völligen Gleichstellung aller nötig erscheint Ganz 
ebenso soll es auch unter Töchtern gehalten werden, welche ihre 
Eltern beerben, wenn etwa die eine von ihnen bereits zuvor eine 
Mitgift oder sonst eine Zuwendung erhalten haben sollte, die andere 
aber nicht Man sieht, es handelt sich hier um eine Kollationspflicht, 
welche wesentlich anders geartet ist als die des römischen Rechtes. 
Einerseits war sie nämlich schlechthin unabhängig gestellt von dem 
Willen des begünstigten Kindes, und das Empfangene mußte somit 
auf Anfordern der übrigen Geschwister auch dann konferiert werden, 
wenn es nichts zu erben gab, oder der Kollationspflichtige bereit war, 
auf sein Erbrecht zu verzichten. Andererseits war aber die Kolla- 
tionspflicht auch dem Einflüsse des Erblassers völlig entrückt, indem 
dessen übrigen Kindern das Recht, die Beseitigung jeder Ungleich- 
heit zu fordern, ohne alle Einschränkung zugestanden war. Nach 
beiden Richtungen hin sollten eben die gesetzlich begründeten Erb- 
rechte der geborenen Erben selbst zugunsten ihrer geborenen Mit- 
erben durch keine einseitige Verfügrung geschmälert werden dürfen, 
und wenn zwar dieser Satz nur zugunsten der Deszendenten aus- 
drücklich ausgesprochen wird, so muß er doch den entfernteren Ver- 
wandten gegenüber ganz gleichmäßig gegolten haben. 

In den Grundzügen ähnlich, aber doch im einzelnen sehr ab- 
weichend zeigen sich die einschlägigen Fragen nach norwegischem 
Rechte geordnet Zunächst sind auch nach norwegischem Rechte 
die Vergabungen beschränkt Wie auf Island galt auch in Nor- 
wegen die Vergabung nicht als vöUig rechtsbeständig, welche nicht 
durch eine Gegengabe vergolten war, und zwar galt als unvergolten 
jedes Geschenk, dem nicht eine Gabe gleichen Wertes gegenüber- 
stand;*) des bei dieser Gelegenheit erwähnten Sprichwortes „jjvi er 
gjöf gjaldi betri, at sina ä hverr ülaunaöa", ist oben ^) schon gedacht 
worden. Nur ausnahmsweise waren demgegenüber einzelne Arten 
von Vergabungen dahin privilegiert, daß sie ohne Rücksicht auf eine 
Gegengabe aufrecht gehalten werden mußten, und zwar werden als 
solche genannt: die mannfrelsi, d. h. die Freilassung eines Sklaven 
und die „leysfngsaurar" mit sechs Unzen, jedoch die erstere mit der 
Einschränkung, daß der Freilasser im äußersten Notfalle berechtigt 
sein sollte, von einem Freigelassenen, der sich nicht selbst freige- 
kauft hatte, einen Ersatz für den ihm gewährten Unterhalt (föstrlaun) 
zu fordern; ferner barnföstrslaun, d. h. was gegeben wurde, um die 

>) GI)L. 129. «) S. 293. 

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3IO 



Teil II. Das Erbrecht 



dem Geber selbst oder einem Kinde desselben zuteil gewordene 
Pflege zu ersetzen; alle Gaben, welche man dem Könige gegeben 
oder von ihm empfangen hat; der Zehnt, worunter der nachher 
noch des näheren zu besprechende Hauptzehnt zu verstehen ist; 
endlich die Vergabungen an uneheliche Kinder, falls dieselben ein 
gewisses, je nach dem Stande des Vaters abgestuftes Maß nicht 
überstiegen, und überdies keiner der echt geborenen Söhne auf ein 
geringeres Erbteil sich beschränkt sah ; für den gewöhnlichen Bauern 
belief sich die Wertgrenze auf zwölf aurar, ganz wie nach isländi- 
schem Rechte. Die FrpL. dagegen besprechen neben dem Haupt- 
zehnte, der auch ihnen bekannt ist, zunächst ebenfalls die Vergabung 
an den l)yborinn sonr als erlaubt, welcher sie überdies auch noch 
die Vergabung an den Pflegesohn gleichstellen, wobei sie die Grenze 
des Erlaubten für den höldr auf zwölf aurar, für den ärborinn maör 
aber nur auf eine Mark setzen, so daß hier der erstere mit dem is- 
ländischen Bauern gleichgehalten ist*) Als erlaubt besprechen sie 
ferner noch die Bestellung einer Mitgift, wenn sich der Geschlechts- 
vormund dabei an die gesetzlichen Grenzen gehalten hat,*) welche 
letzteren zu erörtern sich später noch Gelegenheit finden wird. Man 
hat neuerdings die Ansicht ausgesprochen,*) daß alle diese Bestim- 
mungen sich lediglich auf letztwillige Verfügungen bezögen, während 
alle Vergabungen unter Lebenden unanfechtbar gewesen seien; in- 
dessen scheint dieselbe nicht stichhaltig. Die Berufung auf die Ge- 
schichtsquellen beweist nichts, da aus der Tatsache, daß vielfach 
Geschenke gegeben und genommen wurden, doch nicht auf die le- 
gale Unanfechtbarkeit aller Vergabungen unter Lebenden geschlossen 
werden kann, und aus den Worten des mehrangeführten Sprich- 
wortes „sina ä hverr ülaunaöa" darf man nicht folgern, daß dasselbe 
von Vergabungen unter Lebenden handle als von solchen, die der 
Geber einstweilen noch in seinem Besitze behalte; es ist nämlich 
rein willkürlich, das „ä" mit „kan beholde" zu übersetzen und den 
Satz auf das Behalten des Besitzes des Objektes der Verfügung zu be- 
ziehen, während man ebensogut die Worte „ä ülaunaöa" verbinden 
und übersetzen kann „unvergolten haben".*) Umgekehrt sind von den 



>) Frl>L. IX, 17. «) ebenda, XI, 2; Järns., Kvennag. I. 

^) Fr. Brandt, Forelaesninger, S. 23 — 34. 

*) Eine Hs., welche zu den Landsl., Erföat. 21 die Stelle der GI>L. 129 
am Rande notiert, gibt ihr dann auch folgende Fassung: „j)vi er gjöf gjaldi bctn, 
at sina ä hvar aptar at taka, ef ekki er mote gefit**, Norges gamlc Love, li, 
S. 90, Anm. 22. 



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§ 12. Die leUtwilligen Vcrfllgungen. 3II 

vorbehaltenen Vergabungen mehrere der Art, daß sie kaum oder 
gar nicht als letztwillige gedacht werden können; wie sollten z. B. 
die leysingsaurar von Todes wegen nachgelassen, oder wie bei einer 
für den Todesfall verfügten Freilassung eine Leistung für den Fall 
der Verarmung des Freilassers vorbehalten werden können ? Außer- 
dem spricht auch die Analogie des isländischen Rechts dafür, daß 
zunächst an Vergabungen unter Lebenden zu denken sei; hier wie 
dort muß wohl ganz gleichmäßig die Regel gegolten haben, daß 
prinzipiell alle Liberalitäten anfechtbar waren, für welche der Geber 
keine entsprechende Gegengabe erhalten hatte, während freilich für 
eine Reihe von Ausnahmefällen ein anderes galt Teils ein remune- 
ratorischer Charakter der Schenkung, wie bei der Freilassung oder 
dem Kinderpflegelohne, teils die Rücksicht auf eine zwischen dem 
Schenker und dem Beschenkten bestehende familienähnliche Ver- 
bindung, wie bei den Gaben an uneheliche Kinder und Pfleglinge, 
dann bei der Mitgift, teils Standesrücksichten, wie bei den Gaben 
des Königs oder an den König, teils endlich kirchliche Gesichts- 
punkte, wie beim Hauptzehnt, sind dabei für die Ausnahmefälle be- 
stimmend geworden. Genauerer Betrachtung bedarf aber unter allen 
diesen privilegierten Gaben nur noch der Hauptzehnt ^) Wir finden 
aber in Norwegen schon in dem ältesten unserer Rechtsbücher eine 
höfuötiund von einer ävaxtartiund unterschieden,^) und ist dabei 
unter dem Hauptzehnt dasselbe zu verstehen, was unter der islän- 
dischen dund hin meiri, unter dem Ertragszehnt dagegen dasselbe, 
was auf Island lögü'und heißt, d. h. der erstere wird vom Kapitale 
gegeben, der letztere dagegen vom Ertrage, möge es sich nun dabei 
um eine akrtiund oder korntiund, viöreldistiund, fiskitiund oder 
kaupeyristiund handeln. In den GpL. und FrI)L. wird dabei der 
Hauptzehnt lediglich als Oblationszehnt erwähnt,*) während wir zu- 
gleich aus den letzteren erfahren, daß der spätere Papst Hadrian IV., 
da er als Kardinal Nikolaus von St Albano in Norwegen war (1152), 
das bezüglich seiner geltende Recht dahin erweitert habe, daß man 
fortan von wohlgewonnenem Gute ein volles Viertel ohne Zustim- 
mung der Erben vergeben durfte, und nur beim ererbten Gute wie 
bisher auf ein Zehntel beschränkt blieb.*) Wir erfahren auch, daß 
diese Neuerung auf einer Reichsversammlung beschlossen und somit 



*) vgl. meine Abhandlung: „Über den Hauptzehnt einiger nordgermanischer 
Rechte", S. 226— 61; [ebenfalls diese Ausgabe II, S. 278— 82, 287—93]- 
3) BJ)L. I, 11; II, 22; III, 17. ») G1>L. 129; Frl>L. II, 17. 

*) Fr>L. III, 17; vgl. IX, 4 und i8. 



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312 



Teil II. Das Erbrecht. 



für das ganze Reich bestimmt, aber doch nur in die FrpL. eingestdlt 
worden war, und darum im Jahre 1224 für Vfkin noch durch ein 
eigenes Gesetz eingeführt wurde;*) daß ferner, während der Haupt- 
zehnt ursprünglich der gewöhnlichen Vierteilung unterlegen hatte, 
und darum bei demselben von einem prestshlutr gesprochen werden 
konnte, durch eben jenes Gesetz diese Vierteilung aufgegeben und 
in das freie Ermessen des Verfugenden gestellt wurde, ob er ge- 
weihte Orte, Verwandte oder unverwandte Leute bedenken wollte, 
so daß also der Charakter eines Zehnts sowohl als einer Seelgabe 
fortan aufgegeben war. In Vfkin und in den Hochlanden war der 
Hauptzehnt dagegen als eine legale Last behandelt worden, -) und 
zwar neben dem Ertragszehnte, und der gleichen Vierteiluag unter- 
liegend wie dieser; bei welcher Gelegenheit der erstere dabei ent- 
richtet werden sollte, wird uns freilich nicht gesagt und die bereits 
erwähnte Verordnung von 1224 läßt darauf schließen, daß man da- 
mals bereits staatlicherseits bemüht war, den Hauptzehnt auch in 
der östlichen Reichshälfte auf die Bedeutung eines Oblationszehntes 
zurückzudrängen. So knüpft denn auch die Gesetzgebung des K. 
Magnus lagaboetir durchaus an die Gestaltung an, welche der Haupt- 
zehnt im Jahre 11 52 erhalten hatte. Schon das sogenannte Christen- 
recht des K. Sverrir und die Jämsiöa haben ein paar einschlägige 
Bestimmungen der FrpL. aufgenonmien, *) und entschiedener noch 
sprechen sich in gleicher Richtung die späteren Gesetzbücher aus; 
indessen muß, ehe auf sie eingegangen werden kann, erst noch 
einiger weiterer Bestimmungen der älteren Rechtsquellen gedacht 
werden. Neben den auf die Vergabungen bezüglichen Vorschriften, 
bei welchen es sich, soviel sich erkennen läßt, um die Anfechtbar- 
keit oder Unanfechtbarkeit der Gabe durch den Geber selbst eben- 
sowohl als durch dessen Erben handelt, kommen nämlich noch an- 
dere Bestimmungen vor, welche sich speziell auf Verfügungen 
auf den Todesfall beziehen. Allerdings sprechen die GpL gc- 
legentiich ihrer Bestimmungen über die aetüeiöing und die für die- 
selbe nötige Mitwirkung der geborenen Erben die Regel aus: „engi 
mä gefa arf undan öörum; velakaup skal at vettugi hafa; engi skal 
öörum arfsvik veita";*) allerdings sprechen ferner die Frl)L ge- 



*) Norges gamle Love, I, S. 447. 

*) BI)L. I, II; II, 32; III, 17; ebenso auch noch neuerer G^KrR. i; 
ferner EI)L. 1, 48; II, 37, sowie Norges gamle Love, I, S. 462 (1263 und 
11, S. 336. 

') Sverris KrR. 34 und 71; Järns., ErfÖat. 17. *) GJL. 58. 



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§ 12. Die letztwilligen Verfügungen. jl^ 

legentlich den Satz aus, daß man nur auf Grund ehelicher Geburt 
oder rechtsgültiger aettleiöfng zur Erbfolge berufen werden könne.') 
Aber absolute Gültigkeit ist beiden Aussprüchen eben doch nicht 
beizulegen, wie dies bezüglich des letzteren bereits das dem unlegi- 
timierten unehelichen Sohne eventuell beigelegte gesetzliche Erbrecht 
zeigt, und in der Tat läßt sich nachweisen, daß das norwegische 
Recht ganz unabhängig von kirchlichen Einflüssen, wie sie beim 
Hauptzehnte vorliegen, in gewissem Umfange zu letztwilligen Zu- 
wendungen gelangt ist, und zwar auf zweifachem Wege. Einmal 
nämlich kommt die gjaferfö, d. h. gabeweise Erbschaft in Be- 
tracht, deren die GpL. erwähnen.*) Dieselben gestatten dem Manne 
einmal, dem Weibe aber zweimal die getroffene Verfügung einseitig 
wieder umzustoßen, so daß dort erst die zweite, hier erst die dritte 
Vergabung unwiderruflich ist; sie fordern ferner, daß wenigstens die 
endgültige Vergabung am Dinge erfolge, sprechen sich dagegen im 
übrigen über die Voraussetzungen ihrer Zulässigkeit nicht aus. Die 
FrpL dagegen gestatten nicht nur gleichfalls dem Manne einmal, 
dem Weibe aber zweimal den Widerruf seiner Gabe und sprechen 
dabei zugleich aus, daß Vergabung und Widerruf nur an drei Orten 
rechtsgültig erfolgen könne, nämlich am Ding, in der Kirche, oder 
in einer GUdenversammlung, *) sondern sie erklären auch volle Ge- 
sundheit des Vergabenden für eine Vorbedingung der Gültigkeit 
seiner Verfügung und bezeichnen für den Fall, daß diese sich auf 
Land beziehe, eine skeytfng, d. h. Auflassung, als erforderlich, soweit 
nicht die für den Hauptzehnt und die ihm gleichgestellte Verfügung 
über ein Viertel des wohlgewonnenen Gutes bewilligte Ausnahme von 
diesem letzteren Erfordernisse ein anderes mit sich bringe. Die FrI)L. 
beschränken aber, und dies ist das wichtigste, die Zulässigkeit derartiger 
Vergabungen auf den gestfeöri, d. h. auf denjenigen, welcher gar keinen 
erbberechtigten Blutsfreund am Leben hat, *) und diese Voraussetzung 
werden wir doch wohl auch bei den Bestimmungen der G1)L. uns 
hinzuzudenken haben ; nach beiden Provinzialrechten stand somit die 
einseitige letztwillige Verfügung nur demjenigen zu, der einen ge- 
setzlichen Erben nicht hatte, und mußte demnach nur der Anspruch 
des Königs auf die vakante Erbschaft, und allenfalls auch das sub- 
sidiäre Erbrecht des Hausherrn, Schiffsherrn, Grundherrn, Gastfreundes 



>) FrJL. III. 13. «) GI)L. 107. 

•) FrI>L. IX, 3—4; JarnsiÖa, ErfÖatal, 17. 

*) FrtL. IX, 5. 



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314 Teil II. IHs Erbrecht 

und Kompagnons vor dem freien Verfügungsrechte des Besitzers 
zurückstehen, nicht aber das Erbrecht des Blutfreundes oder auch 
des Freilassers. Zweitens aber kommt für die GI)L. auch noch die 
brander fö in Betracht*) Nach uraltem Rechte galt nämlich die 
Regel, daß einer den anderen annehmen konnte „at Ijüfu ok at leiöu", 
um ihn zu verpflegen „til brands ok til bäls", d. h. bis derselbe nach 
altheidnischem Brauche als Leiche auf dem Scheiterhaufen verbrannt 
wird; als Gegengeld für diese Verpflichtung mochte man die Erb- 
schaft des Verpflegten nehmen, und das war das Branderbe. Das 
Geschäft hat somit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem isländischen 
arfsal, sofeme hier wie dort ein Verpfründungsvertrag vorliegt; aber 
beide unterscheiden sich sehr bestimmt dadurch, daß beim arfsal das 
gegenwärtige Vermögen des Pfründners sofort auf den Pfründgeber 
übergeht, und nur dieses, bei der branderfö dagegen nur dessen seiner- 
zeitiger Nachlaß die Gegenleistung bildet, und daß also dort ein 
Austragsvertrag, hier aber ein wirklicher Erbvertrag vorliegt — Im 
gemeinen Landrechte des K. Magnus lagaboetir, welchem 
dessen gemeines Stadtrecht wörtlich folgt, werden demgegenüber 
zwar auch noch die Vergabungen aufgezählt, welche unanfechtbar 
sein sollen ; ^) aber es werden zu denselben nur noch die Gaben ge- 
rechnet, welche der König gibt oder empfängt, und darüber hinaus 
die ü'undargjöf von ererbtem, und die fjöröüngsgjöf von wohlge- 
wonnenem Gute, möge es sich nun dabei um Land oder Fahrhabe 
handeln, die Gabe Verwandten oder Unverwandten bestimmt sein, 
von einem Gesunden oder Kranken gegeben werden, endlich von 
den Erben ihr Konsens erklärt oder nicht erklärt sein. Als ,4ög- 
gjafir" werden diese Vergabungen fortan bezeichnet, und galt in Be- 
zug auf sie das Eigene, daß dasjenige, was der Vergebende „gefr 
guöi fyrir säl sina", d. h. für fromme Zwecke bestimmte, jedesmal 
vor allen anderen Vergabungen auszubezahlen war, wem auch diese 
letztere zugute kommen sollten, so daß also, wenn die Gesamtheit 
der Verfugungen etwa die gesetzliche Grenze überschritt, doch jeden- 
falls die Kirche das ihrige erhielt Zunächst scheint somit hier an 
Vergabungen gedacht zu sein, die auf einmal, und somit doch wohl 
zumeist auf den Todesfall gemacht werden ; daneben umfaßt indessen 
der Wortlaut der Vorschrift offenbar auch Vergabungen, die einzeln 
und unter Lebenden gemacht wurden, wie denn die Gaben des 

») GI)L. 108; vgl. 270. 

*) Landsl., Erf^at. 21; BjarkR. 22. 



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§ la. Die letztwüUgen VerfÜguogen. 315 

Königs und an den König doch wohl vorwiegend der letzteren Art 
gewesen sein werden. Die Jönsbök schiebt denn auch, obwohl im 
übrigen ganz dem norwegischen Landrechte folgend, unbedenklich 
die im wesentlichen dem älteren isländischen Rechte entlehnte Be- 
stimmung ein, ^) daß man auch wohl unter Lebenden Freundesgaben 
geben könne, ein Pferd etwa oder einen Ochsen, Waffen, Kleider u. 
dgL, wenn nur der Spruch sechs verständiger Männer darin nicht 
einen Erbenbetrug (arfsvik) finde ; hat der Schenker den Besitz sofort 
auf den Beschenkten übertragen, soll die Schenkung von niemanden 
angefochten werden können, wogegen man aber eine etwa ver- 
sprochene Gegengabe allerdings einfordern mag. An einer anderen 
Stelle, welche ganz gleichlautend in das Stadtrecht und die Jönsbök 
übergegangen ist, sagt ferner das Landrecht, im wesentlichen den 
GI)L. folgend, ^) daß niemand sein Erbe zum Nachteile des geborenen 
Erben einem anderen geben dürfe, mit Ausnahme nur der löggjafir; 
die betrügerische Einkleidung des Geschäftes in einen Kauf (vela- 
kaup) solle hieran nichts ändern, und überhaupt niemand einen anderen 
um sein Erbrecht betrügen (engi skal öörum arfsvik gera). Auch 
diese Vorschrift zeigt wieder, daß man, wo es den Schutz des ge- 
setzlichen Erbrechtes galt, zwischen Verfugungen unter Lebenden 
und auf den Todesfall nicht unterschied; klarer noch spricht sich 
aber derselbe Gesichtspunkt in einer Verordnung des K. Eirfkr 
Magnüsson aus dem Jahre 1280 aus.*) Einerseits nämlich bestimmt 
deren § li, daß Vergabungen, welche jemand macht, ohne sie aus- 
drückUch als löggjafir zu bezeichnen, dennoch bis zu dem für die 
tiundargjöf und fjöröüngsgjöf vorgesehenen Betrage aufrecht erhalten 
werden soUen, wogegen bei Überschreitung dieses Betrages alle ein- 
zelnen Vergabungen mit Ausnahme der „sälugjafir" einen verhältnis- 
mäßigen Abzug erleiden sollen; andererseits erklärt aber auch deren 
§ 12 alle die Vergabungen für rechtsbeständig, welche jemand bei 
guter Gesundheit und unter sofortiger Übertragung des Besitzes ge- 
macht hat, vorausgesetzt nur, daß ein Zeugenbeweis darüber erbracht 
werden kann, und daß nach dem Ausspruche verständiger Leute 
den Erben nicht zu nahe getreten wird (at skynsömum mönnum 
viröist eigi til arfsvika). Ausdrücklich werden demnach hier auch 
die Vergabungen unter Lebenden der Regel unterworfen, daß durch 



») Jönsbök^ ErfÖat. 28. 

«) Landsl., ErfÖat. 12; BjarkR. 12; Jönsbök, 18; vgl. G^U 58. 

') Norges gamle Love, III, S. 6. 



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316 



Teil II. Das Erbrecht 



sie das Interesse der geborenen Erben nicht verletzt werden dürfe, 
und ähnlich wie auf Island wird auch hier die schwierige Bestimmung 
der Grenze des Erlaubten und Unerlaubten dem Ausspruche un- 
parteiischer Leute überlassen; daneben aber wird für Vergabungen, 
welche nicht unter den Begriff der tiundargjöf und fjöröüng^'öf 
fallen, und darum schlechthin erlaubt sind, unbedingt sofortige Besitz- 
übertragung gefordert, und damit jeder Mißbrauch der Form zum 
Zwecke einer letztwilligen Verfügung energisch abgeschnitten. Voll- 
kommen abweichend von den bisher erörterten Grundsätzen sind 
nun freilich die Regeln, welche die Christenrechte des Erzbischofes 
Jon und des Bischofes Ami aufstellen. *) Unter Bezugnahme auf das 
allgemeine Recht der Christenheit wird hier die volle Freiheit der 
letztwilligen Verfügung in Anspruch genommen, wobei nur gewissen 
Klassen von Personen (Unfreien, Geisteskranken; völlig Stummen und 
Tauben; Minderjährigen und Haussöhnen; Klosterleuten) diese Frei- 
heit aus besonderen Gründen entzogen, den übrigen aber die Not- 
wendigkeit auferlegt sein soll, einen gewissen Teil ihres Vermögens 
unbeschwert den gesetzlichen Erben hinterlassen, endlich auch ge- 
wisse Vorschriften über die Form der Testamentserrichtung gegeben 
werden, alles Bestimmungen, welche dem römischen oder kanonischen 
Rechte entlehnt sind.*) Der Erzbischof sowohl als der isländische 
Bischof berufen sich für diese Neuerung, welche die Lehre von den 
letztwilligen Verfügungen auf eine völlig neue Grundlage stellt, aus- 
drücklich auf die Zustimmung des K. Magnus, und wenn wir berück- 
sichtigen, daß sowohl das Björgviner Konkordat von 1273 als das 
Tünsberger von 1277 die „causae testamentorum, maxime cum agitur 
de legatis ecclesiis et piis locis et religiosis" ganz unzweideutig der 
kirchUchen Jurisdiktion anheimgibt,*) und daß wir überdies allen 
Grund zu der Annahme haben, daß das erzbischöfliche Christenrecht 
selbst vom Könige sanktioniert worden sei, *) liegt kein Grund vor, 
die Richtigkeit dieser Angabe zu bezweifeln. Aber andererseits 
wissen wir auch, daß schon bei der Annahme des neuen Christen- 
rechtes auf Island im Jahre 1275 über einige Kapitel desselben keine 



*) Jons KrR. 15 und 16, wobei indessen die Lesart in Anm. 30, S. 349''5 
zu beachten ist; Ar na KrR. 9 und 10. 

*) vgl. meine Abhandlung über den Hauptzehnt, S. 243 — 46. 

'j Norges gamle Love, II, S. 458 und 463; vgl. S. 470. 

*) vgl. meine: Studien über das sogenannte Christcnrecht des K. Svcrnr, ^ 
64 und meinen Artikel : Gulaj)ingslög, m der allgemeinen Enzyklopädie der Wissen- 
schaften und Künste, I. Sektion, Bd. 97, S. 57 — 59. 



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§ 12. Die letztwilligeD Verfügungen. ^jj 

Einigung zu erzielen gewesen war, ^) und daß zu diesen auch die 
auf die Testamente bezüglichen gehört hatten, läßt sich darum an- 
nehmen, weil noch im Jahre 1281 die Bestimmungen über die Testa- 
mente zu den Streitpunkten gerechnet wurden, die gelegentlich der 
Verhandlungen über die Annahme der Jönsbök zur Sprache kamen. ^} 
Wir wissen femer, daß in Norwegen sowohl als auf Island unmittel- 
bar nach, des K. Magnus Tod der Tünsberger Vergleich umgestoßen, 
und den beiden geistlicherseits erlassenen Christenrechten ihre Gel- 
tung abgesprochen wurde; eine dem Jahre 1308 oder 1309 ange- 
hörige Verordnung des K. Häkon Magnüsson bestimmt denn auch 
demgemäß in ihrem zweiten Absätze ausdrücklich, daß letztwillige 
Erklärungen, gleichviel ob sie zugunsten von Kirchen und Klöstern, 
oder zugunsten anderer Personen, ergangen sind, nur innerhalb der 
vom Gesetzbuche gezogenen Schranken Geltung haben sollen, ') und 
auch die oben bereits angeführten Bestimmungen der Verordnung 
von 1280 halten sich lediglich auf der Grundlage des Landrechtes. 
Es begreift sich, daß unter solchen Umständen nicht nur der Zwie- 
spalt zwischen der kirchlichen und der weltlichen Gesetzgebung sich 
auf diesem Punkte wie auf anderen Punkten noch auf lange hinaus 
erhielt, sondern daß auch die Praxis in ein heilloses Schwanken ver- 
fiel, von welchem uns die Urkunden Zeugnisse in Hülle und Fülle 
bieten. *) 

Zweierlei kommt schließlich noch bezüglich des norwegischen 
Rechtes zu erwähnen. Einerseits nämlich war bei allen Veräußerungen, 
deren Gegenstand Stammgut war, selbstverständlich den geborenen 
ööalsnautar die Einlösung vorbehalten, wenn auch die Veräußerung 
im übrigen rechtsgültig war. Das gemeine Landrecht hat sogar 
dieses Einlösungsrecht für unverjährbar erklärt, und zugleich ausge- 
sprochen, daß dasselbe auch dann statthaben solle, wenn die Ver- 
äußerung unter den Begriff der tiundargjöf falle;*) eine Regel, welche 
übrigens der Natur der Sache nach dann nicht zur Anwendung 
kommen konnte, wenn die Veräußerung im gegebenen Falle in die 
Kategorie derjenigen Übertragungen gehörte, welche für den Erwerber 
des Landes sofort Stammgutsqualität entstehen ließen. Nach den 
älteren GpL. trat diese Wirkung nicht nur bei dem Umtausche von 



>) Ärna bps. s., 14/698. ') ebenda, 28/718. 

•) Norges gamle Love, III, S. 82. 

*■) Tgl. meine Abhandlung über den HaupUebnt, S. 250 — 51. 

^) Landslög, Landab r. 7. 



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jlS Teil II. Das Erbrecht 

ööal gegen ööal ein, sowie bei der Hingabe von cSöal gelegentlidi 
einer Wergeidszahlung, sondern auch bei dem Erwerbe von ööal als 
branderfö oder bamföstrslaun, oder auch als heiölaun oder drekku- 
laun, falls anders der König der Geber war;^) nach dem gemeinen 
Landrechte aber konnte wenigstens noch der König Land als Stamm- 
gut geben, wenn er wolle. *) Andererseits ist aber auch zu beachten, 
daß das norwegische Recht ganz ebensogut wie das isländische das 
Recht des geborenen Erben nicht nur Fremden, sondern auch ent- 
fernteren oder gleichnahen Verwandten gegenüber 
schützt Die GpL. bereits bestimmen, *) daß derjenige von mehreren 
Söhnen, welcher bei Lebzeiten des Vaters von diesem mehr erhalten 
hat als seine Brüder, hinterher, wenn es zur Teilung der väterlichen 
Erbschaft kommt, diesem letzteren gegenüber um ebensoviel nach- 
stehen soll, so daß sie von dem ungeteilten Gute soviel im voraus 
bekommen, als jener vorher mehr erhalten hatte, und dann der Über- 
rest gleich zu verteUen ist Ganz ebenso schreibt dasselbe Rechts- 
buch für den Fall, da eine von mehreren Schwestern bereits bei 
Lebzeiten ihres Vaters ausgestattet worden ist, vor, *) daß die übrigen 
Schwestern, wenn sie hinterher mit jener gemeinsam den Vater be- 
erben, von dem ungeteUten Erbe einen ebensogroßen Anteil vorweg 
nehmen sollen, als welchen jene seiner Zeit als Mitgift erhalten hatte. 
Die FrpL. erstrecken diese letztere Bestimmung ausdrücklich auch 
auf die Fälle, in welchen es sich um die Beerbung anderer Ver- 
wandte als des Vaters handelt, oder in welchem zwar die sämtlichen 
konkurrierenden Schwestern verheiratet, aber doch mit ungleichen 
Betragen ausgestattet worden waren ; *) da dabei ausdrücklich gesagt 
wird, daß der Erbe des Mannes, welcher die Mitgift gegeben habe, 
deren Bestellung anfechten dürfe, wenn deren Betrag zu hoch sei, 
so ist überdies klar, daß, wenn der einen Tochter mehr als der Be- 
trag ihres Erbteiles gegeben worden war, dieser Mehrbetrag von 
ihren Schwestern jederzeit angefochten werden konnte.*) So bestimmt 
denn auch das gemeine Landrecht, und ihm folgend das gemeine 
Stadtrecht sowohl als die Jönsbök, ^) daß die Eltern keinem ihrer 
Kinder eine größere Ausfertigung geben sollen, als der ErbteU jedes 
der übrigen Geschwister betragen würde, wenn das Vermögen der 



^) GI)L. 270. *) Landsl., Landabr. 2. 

') GI)L. 129. *) ebenda, 128. 

*) FrJ)L. XI, 2 — 3; vgl. Järns., Kvennag. I. 

*) Dies gegen Fr. Brandt, S. 34. 

') Landsl., ErfÖat. 7, Nr. i; BjarkR. 7, Nr. i; Jönsbök, l. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 9 ig 

Eltern in dem Zeitpunkte zu verteilen käme, in welchem die Aus- 
fertigung gegeben wird ; was hiemach zuviel gegeben worden ist, 
soll, wenn nicht etwa die benachteiligten Geschwister dazu ihre Ein- 
willigung erteilt haben, bei der seinerzeitigen Erbschaftsteilung in 
Abrechnung gebracht, und wenn der Betrag des Nachlasses zur Aus- 
gleichung nicht genügen sollte, von dem betreffenden Kinde wieder 
herausbezahlt werden. Die Kollationspflicht unter Geschwistern ist 
somit im norwegischen Rechte durchaus in derselben Weise geregelt 
wie im isländischen. 



$ 13. Der Anfall der Erbschaft. 

Es galt selbstverständlich, und zwar auf Island sowohl als in 
Norwegen, der Satz, daß „viventis non datur hereditas", daß also, 
wer ein Erbrecht geltend machen wollte, erforderlichenfalls zu be- 
weisen hatte, daß der angebUche Erblasser auch wirklich verstorben 
sei Nicht minder galt auch hier wie dort die andere Regel, daß 
nur derjenige einen anderen beerben konnte, welcher dessen Tod 
auch wirklich seinerseits erlebt hatte; die Anwendung aber von 
beiden Regeln hatte unter Umständen ihre besondere Schwierigkeiten, 
welche zumal vom isländischen Rechte mit vollem Verständnisse ins 
Auge gefaßt wurden. Auf der einen Seite beachtet dieses die Mög- 
lichkeit, daß mehrere Personen durch einen und denselben Unglücks- 
fall ihren gemeinsamen Untergang finden, sei es nun, daß sie zu- 
sanunen ertrinken, von Bergstürzen oder Lavinen verschüttet werden, 
mit Schiffen zugrunde gehen, oder in einem Gefechte fallen;^) ist 
einer der Gefährten davon gekommen, so soll dessen Aussage über 
die Reihenfolge gelten, in welcher die einzelnen ihren Tod gefunden 
haben, läßt sich aber ein derartiger Nachweis nicht erbringen, so 
soll die Sache so angesehen werden, als ob die sämtlichen Kommo- 
rienten gleichzeitig verstorben wären, und soll somit keiner den 
anderen beerben. Daß der Satz wenigstens seiner ersten Hälfte nach 
älteren Rechtes war, erfahren wir aus der bekannten Erzählung über 
das Ende des porsteinn surtr samt Schwiegersohn, Tochter und 
Enkelin (um 960). *) Auf der anderen Seite wird aber auch der Fall 



') Arfa I>M 4/183; 16/219; 18/223—24; Konüngsbök, 126/245—6. 
») Laxdoela, 18/56—60. 



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320 



Teil II. Das Erbrecht. 



der Verschollenheit gehörig berücksichtigt In Bezug auf ihn wird 
zunächst die Regel aufgestellt, daß ein Mensch, von welchem gar- 
nichts mehr zu erfahren steht, insolange als lebend gelten soll, bb 
sein Tod in gehöriger Form erwiesen sei ; ') bei der Bestimmung der 
Form, in welcher dieser Beweis zu erbringen ist, wird aber lediglich 
auf den Fall Rücksicht genommen, da nach Lage der Sache anzu- 
nehmen ist, daß der Tod des Verschollenen im Auslande erfolgt sei, 
doch wohl einfach darum, weil man, wo es galt bei einem im In- 
lande Verschollenen die Frage zu entscheiden, ob er verstorben sei 
oder nicht, ein selbstverständliches Beweismittel an den Nachbar- 
geschworenen hatte, während von diesen die Regel galt „um engi 
mal eigu l}eir aö skilja l)au er erlendis hafa gjörz eöa fyrir austan 
mitt haf, l)ött her se sott", *) also der im Auslande erfolgte Tod ihrer 
Kognition entrückt war. Da galt nun die Regel, es solle der im 
Auslande erfolgte Tod ebenso erwiesen werden, wie wenn es sich 
um den Beweis eines im Auslande begangenen Totschlages (erlendis- 
vfg) handeln würde;*) das bei dem „sanna dauöa manna erlendis" 
einzuhaltende Verfahren ist aber folgendes. Zunächst muß eine Frist 
von drei Jahren abgewartet werden, vom Beginne der Verschollen- 
heit an gerechnet, während welcher drei Jahre doch Nachrichten aus 
dem norwegischen, schwedischen und dänischen Reiche sowohl als 
aus England und den westlichen Inseln, dann aus Grönland und aus 
Hjaltland, sowie aus dem Lande, aus dem der Verschollene abfuhr, 
eingetroffen sind; ist diese Frist abgelaufen, so mag der zur Erb- 
schaft des Verschollenen Berufene im vierten Jahre seinen Beweis 
durch fünf isländische Männer antreten, welche auf ihr Ehrenwort 
versichern, daß während dieser Zeit von dem Verschollenen keinerlei 
Nachricht eingetroffen sei und daß sie ihn ihrerseits für tot halten; 
daraufhin hat dann das Gericht dem Erben das Vermögen des Ver- 
schollenen zuzusprechen.*) Alle fünf Männer sollen dabei in Bezug 
auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Streitteüen unan- 
fechtbar und mindestens zwei von ihnen zu der Zeit, da der Ver- 
schollene verstorben sein soll, oder in einer späteren 2^it in dem 
Reiche gewesen sein, wo derselbe verstorben sein soll ; letzteres eine 



*) Arfa })., 4/182 und 182 — 3; 16/219; Konüngsbök, 126/245. 

*) Konüngsbök, 85/142. 

•) Arfa J)., 4/183; 17/219; Konüngsbök, 126/245. Vgl. VigslöÖi, »<» 
— 102/139 — 43; die Konüngsbök hat hier ihre große Lücke. 

*) Arfa {)., 4/183; 7/190— 91; Konüngsbök, 127/250; Arfa |)., l6/ai8: 
Konüngsbök, 126/244 — 45. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 32 1 

Bestimmung, die nur in der einen der einschlägigen Stellen sich 
findet und die überdies jedenfalls nicht auf alle möglichen Fälle an- 
wendbar sein konnte, z. B. nicht auf den, da das Schiff des Ver- 
schollenen auf hoher See geblieben ist, oder den anderen, da man 
gar keinen Anhaltspunkt für die Annahme hat, daß derselbe gerade 
in diesem oder jenem bestimmten Lande verstorben sein werde. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieselbe lediglich durch ungeschickte 
Benützung der vom erlendisvig geltenden Bestimmungen in jene 
Stelle hineingekommen und bei diesen ist dieselbe denn auch völlig 
am Platze, da hier ein Zweifel über den Ort der Tat selbstverständ- 
lich nicht vorkommen durfte. Ausdrücklich wird gesagt, daß der 
Tod des Verschollenen, wenn die obige Beweisführung gelingt, als 
in dem Zeitpunkte erfolgt gelten solle, in welchem sie gelingt;^) 
doch soll ein anderes fiir den Fall gelten, da etwa Trümmer von 
dem Schiffe antreiben, auf welchem der Verschollene nachweisbar 
zu der Zeit, da seine Verschollenheit begann, sich befunden hatte, 
und in diesem Falle soll auch der Beweis des mutmaßlichen Todes 
bereits vor Ablauf der gewöhnlichen dreijährigen Frist angetreten 
werden dürfen.^ Ausdrücklich wird endlich noch bestimmt, daß 
für den Fall, da der für tot Erklärte hinterher doch wieder zurück- 
kehrt, die „sannaöarmenn" dennoch keine Strafe trifft ; ') vollkommen 
richtig, weil ja ihr Eid ein bloßer Credulitätseid, kein Veritätseid 
war. Eine eigentümliche Anwendung fand aber das Verschollen- 
heitsverfahren noch für den Fall, da sich zu einer auf Island ange- 
fallenen Erbschaft Leute meldeten, mit der Behauptung, daß sie die 
Erben des zu derselben berufenen, aber inzwischen im Auslande 
verstorbenen Erben seien. Hier galt es, abgesehen von dem uns 
hier nicht berührenden zwiefachen verwandtschaftlichen Verhältnisse, 
nicht nur zu konstatieren, ob der angeblich im Auslande Verstorbene 
auch wirklich verstorben, sondern auch noch festzustellen, ob der 
Zeitpunkt seines Todes auch wirklich ein späterer gewesen sei, als 
der, in welchem der im Inlande gestorbene Erblasser seinerseits ge- 
storben war; bei der letzteren Hälfte des Beweisthemas ergab sich 



') vgL Arfa (»m 4/1^3» ebenso 16/219 und Kontingsbök, 126/245: ok skal 
no Vera sem hann lifi, til {>ess er dauÖinn er sannafir, und 182 — 3 : ok skal svo vera 
sem hann se Hfandi, meÖan hann er eigi andaÖr sagÖr; 16/218: enda skal l>ä svo 
mcta, sem Jieir s€ andaÖir, ok eigi fyrr. Die letzte Stelle auch in der Konüngs- 
bök, 126/245. 

*) Arfa [>., 16/218; Konüngsbök, 126/245. 

') Arfa I»., 4/183; 16/218; Konüngsbök, 126/245. 
Maurer, Venrandtschafts- und Erbrecht nach altnordischem Rechte. 21 

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322 



Teil II. Das Erbrecht. 



Überdies die Schwierigkeit, daß es sich um die Vergleichimg einer 
dem Auslande angehörigen Tatsache mit einer dem Inlande ange- 
hörigcn handelte. Da soll nun die erstere Frage in der gewöhn- 
lichen Weise durch sannaöarmenn erledigt werden, die zweite da- 
gegen durch einen tylftarkviör, also durch Geschworene, die doch 
nicht büar und somit auch an die diesen gesetzte Kompetenzbe- 
schränkung nicht gebunden waren. *) Die sämtlichen auf das Ver- 
Schollenheitsverfahren bezüglichen Verhältnisse waren hiemach im 
isländischen Rechte sehr sorgfältig und sachgemäß geordnet; aber 
auch abgesehen von aller Verschollenheit war für eine „cura ab- 
sentis" gesorgt, und zwar in einer Weise, welche auf die Verschollen- 
heit zu rekurrieren wohl nur in den selteneren Fällen nötig werden 
ließ. Es galt nämlich der Satz,*) daß derjenige, welcher außer 
Landes ging, berechtigt sei, die Verwaltung seines Vermögens und 
seine prozessualische Vertretung zu übertragen wem er wolle, daß 
aber eine solche Übertragung in keinem Falle auf länger als drei 
Jahre gültig sei ; nach Ablauf dieser Frist sollten vielmehr die Erben 
des Abwesenden befugt sein, sich der Verwaltung seines Vermögens 
zu unterwinden und zwar auch dann, wenn dieser ausdrücklich auf 
längere Zeit seinen Verwalter bestellt haben sollte. Die Bestimmung 
mußte zur Folge haben, daß der Regel nach bereits vor der Ein- 
leitung des Verschollenheitsverfahrens das Vermögen des Abwesenden 
sich in der Hand eben der Person befand, welche auf Grund dieses 
Verfahrens in dasselbe einzutreten hatte; da überdies- die Analogie 
der Regeln, welche in Bezug auf die Verwaltung von Mündelgut 
und wieder von dänarfe galten, uns zu der Annahme berechtigt, daß 
die Vermögensverwaltung des nächsten Erben auch in diesem Falle 
mit dem Rechte auf den Fruchtgenuß verbunden gewesen sein 
werde, so ist klar, daß der Erbe nur ausnahmsweise sich veranlaßt 
sehen konnte, zur Einleitung eines Verschollenheitsverfahrens zu 
schreiten. — Im norwegischen Rechte finden wir demgegenüber nur 
den Fall der Kommorienz, nicht den der Verschollenheit berück- 
sichtigt Das I)randheimer Recht enthält nämlich die Bestimmung, 
daß, wenn mehrere Leute in einer Schlacht gefallen, oder bei einem 
Brande oder in einer Wassersnot gemeinsam umgekommen sind, alle 
als gleichzeitig verstorben gelten sollen, soweit ihre Beerbung in 



*) Arfa J)., 4/184; 6/189 und Konüngsbök, 249/198 — 99. 
') Konüngsbok, 77/128; Arfa {»., 7/190; 17/221 ;• Konüngsbök, 
125/239. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 323 

Frage kommt ^) Die Bestimmung ist wortwörtlich in die Järnsföa 
übergegangen;*) in dem gemeinen Landrechte, dann in dem ge- 
meinen Stadtrechte und in der Jönsbök ') hat sie dagegen den, üb- 
rigens selbstverständlichen Beisatz erhalten, daß jene Regel nur vor- 
behaltlich einer Beweisführung über das Gegenteil gelten solle, und 
die Jönsbök hat überdies als einen weiteren Fall der Kommorienz 
den der gemeinsamen Verschüttung durch eine Lawine oder einen 
Bergsturz beigefügt 

Nicht ganz leicht zu beantworten ist die Frage, ob und wie 
weit das altnordische Recht einen förmlichen Antritt der Erb- 
schaft gefordert habe, wie ferne demselben also der Unterschied 
zwischen einer delatio und acquisitio hereditatis im Sinne des römi- 
schen Rechtes geläufig war.*) Die isländischen Rechtsquellen gehen 
in Bezug auf diesen Punkt von den norwegischen weit ab. Daß 
dieselben die Transmission der Erbschaft auf einen entfernteren 
Erben nicht von einer vorgängigen Erwerbshandlung des verstorbenen 
näheren abhängig machen, vielmehr schlechthin jede deferierte Erb- 
schaft auch transmittieren lassen, ergibt sich bereits aus den soeben 
besprochenen Bestimmungen über die Kommorienz; auch im übrigen 
ergibt sich aber nicht die geringste Spur, welche auf die Notwendig- 
keit irgend welcher besonderen Handlung für den Erwerb der defe- 
rierten Erbschaft hinweisen würde, und ist hiernach unzweifelhaft 
anzunehmen, daß nach der Grägäs die Akquisition einer solchen 
stets mit deren Delation zusammenfiel. Anders steht dagegen die 
Sache nach dem norwegischen Rechte, und sind es zumal die GpL., 
welche uns über die einschlägigen Rechtssätze Aufschluß geben. 
Dieselben zeigen uns zunächst, daß es auch in der christlichen Zeit 
noch üblich, wenn auch nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben war, 
ein Erbbier zu halten;*) am 7. oder 30. Tage pflegte dasselbe zu- 
meist gehalten zu werden, und regelmäßig schlössen sich auch kirch- 
liche Feierlichkeiten an dasselbe an, so daß es zugleich als Seelbier 
(säluöl) galt und von dem Geistlichen des Ortes bei Strafe besucht 
werden mußte, wenn er zu demselben geladen war. Eine ganz ähn- 
liche Bestimmung kennt auch das Recht der Hochlande;®) wir er- 

*) FrI>L. IX, 2. «) Järns., Erföat. 17. 

*) Landsl., Erföat. 10; BjarkR. 10; Jönsbök, 17. 
*) vgl zumal Homeyer, Der Dreifligste, (Berlin, 1864), S. 117— 1 45. 
') GjiL. 33. Eine kirchliche Notiz über die Entstehung dieser und ähnlicher 
Termine siehe in der St Jörn, S. 237—8. 

•) EiiL. I, 49; n, 38. 

21* 



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324 



Teil IL Das Erbrecht 



sehen aus ihr, daß neben dem Priester auch seine Frau einzuladen 
war, daß er ferner den Hochsitz einzunehmen und Speise und Trank 
zu weihen hatte. Andererseits erfahren wir aber aus den GI)L auch 
noch, daß an der Siebent auf Ladung des Erben die Gläubiger des 
Erblassers, einschließlich seiner Witwe und seiner etwaigen Mündel, 
sich einzufinden hatten, um ihre Ansprüche gegen den Nachlaß 
geltend zu machen ; *) wer dabei ausblieb, konnte allerdings auch 
hinterher noch an den Erben sich halten, aber wenn die Eri)schaft 
nicht zur Bezahlung aller Schulden ausreichte, hatte er solchenfalls 
immerhin zu befurchten, leer ausgehen zu müssen, worüber später 
das Nähere. Ist der Erbe minderjährig, so hat statt seiner sein 
nächster Erbe den Nachlaß zu übernehmen;*) er hat aber diesen an 
der Siebent abschätzen zu lassen, widrigenfalls der Mündel nach er- 
reichter Volljährigkeit von ihm so viel herausverlangen kann, als er 
sich zu beschwören getraut Endlich hat auch der, der ein besseres 
Erbrecht zum Nachlasse zu haben glaubt als der Erbe, der die Zu- 
sammenkunft veranstaltet hat, an der Siebent oder am Dreißigst 
seine Ansprüche geltend zu machen, widrigenfalls er sich an seinem 
Rechte verschweigt, falls er anders' volljährig und durch keine echte 
Not behindert ist;*) selbst der Unmündige soll wenigstens sein Recht 
bekanntgeben oder ein anderer für ihn, wenn er es auch noch nicht 
sofort geltend machen kann. Endlich scheint auch die Erbteilung 
unter gleich nahe Berufenen bei dieser Gelegenheit vorgenommen 
worden zu sein.*) In dem gemeinen Landrechte und Stadtrechte 
wird zwar die Haltung eines Trinkgelages beim erfi verboten, weil 
sie dem Seelenheile des Verstorbenen nichts nütze, wohl aber über- 
flüssige Kosten und hin und wieder sogar Völlerei und Blutvergießen 
veranlasse ; *) aber die Haltung einer kirchlichen Feierlichkeit sowohl 
als einer rechtlichen Verhandlung ist damit nicht ausgeschlossen, 
und wirklich ist die Vorschrift der GI)L. über die Schuldenliquidie- 
rung an der Siebent wie in die Jämsiöa so auch in das gemeine 
Land- und Stadtrecht und die Jönsbök fast wörtlich übergegangen.*) 
Man möchte nun sofort auf den ersten Blick in diesem Erbbiere eine 



*) GI)L. 115. «) ebenda, 115 und 119. ») ebenda, 122. 

*j ebenda, 123. 

*) Lands!., Erföat. 25; BjarkR. 24; der Jönsbök fehlt eine einschligigc 
Vorschrift. 

•) Järns., Erföat. 18—19 und 25; Landsl. 12— 14; BjarkR. 12—14: 
Jönsbök, 18 — 22, wo freilich mancherlei hierher nicht gehörige Abweichtt]ig<eB sieb 
finden. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 325 

Form sehen, welche für den Ett>schaftsantritt gegolten hätte ; indessen 
zeigt sich doch bei näherer Betrachtung eine derartige Annahme 
vollkommen unstichhaltig. Das norwegische Recht behandelt den 
Fall der Kommorienz genau ebenso wie das isländische und läßt 
demnach gleichfalls eine Transmission der zwar deferierten, aber 
noch nicht in Besitz genommenen Erbschaft zu, während doch, wenn 
sich erst an die Haltung des Erbbieres der eigentliche Erwerb des 
Erbrechtes geknüpft hätte, jene Entscheidung kaum in derselben 
Weise hätte ausfallen können; auch ließe sich kaum begreifen, wie 
das isländische Recht die ganze Förmlichkeit hätte fallen lassen 
können, wenn ihr wirklich eine so prinzipielle und tief eingreifende 
Bedeutung für das Recht des Erben von alters her zugekommen 
wäre. Wir werden hiemach kaum irre gehen, wenn wir annehmen, 
daß die Bedeutung des Erbbieres ursprünglich nur die einer feier- 
lichen Ergreifung des Hausregimentes durch den Erben war, bis zu 
welcher die Auseinandersetzung mit den Gläubigem des Erblassers 
sowohl als mit dessen Witwe und sonstigen Angehörigen verschoben 
und bei welcher wohl auch die Erbteilung unter mehreren Miterben 
erst vorgenommen zu werden pflegte, während das Recht des Erben 
an der Erbschaft als solcher allerdings durch diese Förmlichkeit völlig 
unberührt blieb. Kombinieren wir, was sich aus älteren und neueren 
Quellen über die Bedeutung des Erbbieres erbringen läßt, so mögen 
wir etwa zu folgender Entwicklungsgeschichte der einschlägigen Rechts- 
sätze gelangen. Im Heidentume bereits galt die Regel, daß ein Erb- 
bier gehalten wurde für jeden Verstorbenen, und diese Sitte war auf 
Island ebensowohl verbreitet wie in Norwegen ; ihr Alter wird am un- 
zweideutigsten bezeugt durch die Nachricht, daß man noch in der ersten 
christlichen Zeit auf Island des Glaubens lebte, Ertrunkene pflegten ihr 
eigenes Erbbier zu besuchen, wenn sie bei der Ran gute Aufnahme ge- 
funden hätten.*) Handelte es sich um die Beerbung angesehener Männer, 
so nahmen diese Gelage gewaltige Dimensionen an, wie denn auf 
Island sogar von 1200 und 900 Gästen bei solchen Erbmählem die 
Rede ist ; *) wochenlang dauerten sie in solchen Fällen, und da über- 
dies die Sitte forderte, daß die Geladenen nicht unbeschenkt ent- 
lassen wurden, so war der durch sie veranlaßte Aufwand allerdings 
ein sehr bedeutender. Dabei galt in der alten Zeit die Regel, daß 
der zur Erbfolge Berufene bei dem Erbbiere zum ersten Male auf 



») Eyrbyggja, 54/100. 

*) Landndma, III, 10/197; Laxdcela, 27/106 und 79/338. 



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326 



Teil IL Das Erbrecht 



den Sitz des Erblassers sich setzen sollte ; war eine Person fürstlichen 
Ranges zu beerben, so setzte sich der zur Erbfolge Berufene beim 
Erbbiere zunächst auf einen niedrigeren Platz neben dem Hochsitze, 
und wenn dann eine Weile getrunken worden war und ihm der 
Becher gebracht wurde, welcher Bragafull oder Bragarfull genannt 
war, tat er irgend ein Grelübde einer mannhaften Tat, um sodann 
den Hochsitz zu besteigen, ^) Das Trinken des Bragarfull und das 
Ablegen derartiger Gelübde bei demselben war nun freilich dem 
Erbbiere ganz und gar nicht eigentümlich, kam vielmehr ganz gleich- 
mäßig auch bei anderen feierlichen Gelagen vor, wie z. B. beim Jul- 
feste;*) um so erheblicher ist aber das Besteigen des Hochsitzes, 
zumal da wiederholt gerade hieran die Folge geknüpft wird, daß erst 
von da an der Erbe vollkommener Rechtsnachfolger des Erblassers 
geworden sei*) Allerdings darf man nicht unbedingt, was von 
Königen und Jarlen galt, auch auf den gewöhnlichen Bauern herüber 
beziehen, und zumal wird man zugeben müssen, daß die Frist von 
einem Jahre, oder wieder von drei Jahren, welche die Quellen wieder- 
holt als für die Haltung des Erbbieres üblich bezeichnen, möglicher- 
weise nur durch die Weitläufigkeit der Vorbereitungen zu den hier 
erforderlichen kolossalen Gelagen veranlaßt seL Aber wie der König, 
so hat doch auch der gemeine Bauer sein häsaeti oder öndvegi in 
seiner Halle, und auch bei ihm ist dieses der Mittelpunkt seines 
Hauses und die Zentralstelle, von welcher sein Hausregiment aus- 
geht; am öndvegi ergeht die Ladung an den Bauern,*) so lange er 
auf diesem zu sitzen vermag, gilt er als erbfähig zur eigenen Ver- 
waltung seines Vermögens, *) seine öndvegissülur nimmt der Aus- 
wanderer nach Island mit hinüber, um durch deren Auswerfen sich 
den Platz für seine neue Niederlassung anweisen zu lassen. Dazu 
kommt, daß wir auf Island die Ansicht nachweisen können, daß es 
für unzulässig galt den Platz eines Erschlagenen einzunehmen, ehe er 



*) Ynglinga s., 40/31 — 32; Fagrsk. 55/44; Jömsvikinga s., 21/67; 22^69 
und 37 107 — 12; Hcimskr. Olafs s. Tryggvasonar, 39/153 — 54. 

*) Helgakv. Hj ör varössonar, S. 176 und Str. 32; J>. af Ragnars- 
sonum, 1345-6; Hervarar s., 4/417 — 18 und 3,515—16, sowie 10/531— 2 der 
älteren Rezension. 

') Ynglinga s., ang. O. : var hann J)a kominn ül arfs alls cptir bann; Fagr- 
skinna, ang. O. : ok skyldi J)a fullkominn vera ül arfs ok virÖingar epür hinn daaÖa. 
en eigi fyrr; J oms vi kinga s., 22: at Sveinn matü cigi {lykkja güdr konüngr, cf 
hann skyldi eigi erfa fö^ur sinn. 

*) GI)L. 35. '^) FrI)L. IX, 20. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. j27 

gerächt war,*) wie denn auch das Sprichwort galt: „blöönsetr eru 
bräöastar";*) daß ferner die norwegischen Gesetze selbst den Aus- 
druck brauchen: setjaz i arf, ') und den Erben an der Siebent im 
öndvegi sitzen lassen. So werden wir demnach nicht fehl gehen, 
wenn wir annehmen, daß eine feierliche Besteigung des Hochsitzes 
auch beim einfachen Bauern die Form für die Besitzergreifung dem 
Erbe gegenüber gewesen sein werde; nur daß etwa für sie die Fristen 
abgekürzt und die Feierlichkeiten einfachere gewesen sein mögen. 
Welche Fristen ursprünglich gegolten haben mögen, muß zunächst 
unbestimmt bleiben, da die in den Provinziakechten genannten Ter- 
mine der Siebent oder des Dreißigsten kirchlichen Einflüssen ent- 
stammen; die Bedeutung aber der ganzen Handlung bestand, wenn 
wir von deren religiöser Seite absehen, lediglich darin, daß mit der- 
selben eine formelle Ergreifung des Besitzes der Erbschaft nach vor- 
gängiger, freilich nur vorläufiger, Auseinandersetzung mit allen am 
Nachlasse beteiligten Interessenten verbunden war. In Norwegen nun 
hatte der alte Gebrauch sich erhalten, nur daß seine Formen christ- 
licher geworden waren, und hatte derselbe zumal auch seine frühere 
rechtliche Bedeutung behauptet; auf Island dagegen hat er die letz- 
tere völlig verloren, und ist wohl überhaupt schon früh abgekommen, 
doch wohl weil die Geistlichkeit hier überhaupt mit den Überliefe- 
rungen der heidnischen Zeit durchgreifender als in Norwegen aufzu- 
räumen verstanden hatte. Auf Island also ist der Termin für die 
Abschätzung von Mündelgut, welches ein Vormund übernimmt, ganz 
anders bestimmt ; er fällt auf den Donnerstag nach Ablauf der siebenten 
Sommerwoche, ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt, in welchem der 
der Erblasser verstorben ist *) Für die Erbteilung unter mehreren 
Miterben, dann für die Auseinandersetzung der Erben mit der Witwe 
des Erblassers gab es keine besonderen Vorschriften ; wir haben dem- 
nach anzunehmen, daß in dieser Beziehung alles der Einigung der 
Beteiligten, und wenn solche nicht zu erreichen war, der gerichtlichen 
Entscheidung überlassen war, welche auf Klage des nicht im Besitze 
Begriffenen gegen den Besitzer des Nachlasses erging. Bezüglich der 
Gläubiger aber des Erblassers galt die Regel, ^) daß solche ganz durch- 
fielen, falls dessen Nachlaß nicht mindestens einen Wert von einer 



*) Vatnsdcelaf 23/39; Ägrip afHeiftarviga s., 14/314. 

') Vigaglüma, 8/344; Vatnsdoela, 24/39. 

*) G{)L. 119: cf maÖr sezt 1 üvirÖan arf; 115: i virÖan eyri sctjazt u. dgl. m. 

*) Konüngsbök, 122/231; Arfa J)., 9/193. 

*) Kaupab. 8/408; Konüngsbök, 223/148. 



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328 



Teil IL Das Erbrecht. 



Mark hatte, wogegen der Erbe, wenn ein größerer Nachlaß vorhanden 
war und von ihm ohne weitere Förmlichkeiten übernommen wurde, 
für alle Schulden des Erblassers aufzukommen hatte, nicht nur mit 
dem ganzen Betrage der Erbschaft, sondern auch mit seinem ge- 
samten übrigen Vermögen, nur mit der einzigen Beschränkung, daß 
man ihn wegen der Schulden des Erblassers nicht in Schuldknecht« 
Schaft nehmen konnte. Der Gläubiger des Erblassers hatte dabei 
der Regel nach, wenn mehrere Miterben vorhanden waren, von jedem 
nur den seinem Anteile an der Erbschaft entsprechenden Teil der 
Forderung anzusprechen, und galt nur für den Fall, da mehrere 
Brüder ihren Vater gemeinsam beerbt hatten, die Ausnahme, daß er 
die ganze Forderung gegen den ältesten Bruder ungeteilt geltend 
machen konnte, soferne er dieselbe eintrieb, ehe noch die Brüder ihr 
Erbe geteilt hatten ; ^) handelte es sich um eine betagte Schuld (ein- 
dagat fe), so war natürlich an dem paktierten Termine die Zahlung 
zu fordern, wie sie dies dem Erblasser selbst gegenüber gewesen 
wäre, jedoch mit dem Unterschiede, daß dem Erben gegenüber auch 
bei nicht rechtzeitiger Zahlung nicht sofort Verzugszinsen gefordert 
werden konnten:*) der Gesetzsprecher Markus Skeggjason (1084— 
1107) soll den letzteren Satz festgestellt haben. Für die Fälle aber, 
da der Nachlaß kein ganz geringfügiger war, aber der Erbe sich 
doch nicht ganz sicher fühlte, ob er nicht überschuldet sei, bot ihm 
das Recht den Ausweg, ein Schuldgericht (skuldadömr) zu berufen, 
welches die Liquidation zu besorgen hatte.') Die Einladung, bei 
demselben sich einzufinden, war von dem Erben oder, wenn er 
minderjährig ist, seinem Vormunde bei dem nächsten värl)ing des 
Bezirkes zu erlassen, dem der Verstorbene angehört hatte, und nach 
Ablauf einer I4tägigen F^rist von der Einladung ab gerechnet war 
dasselbe am Wohnorte des Verstorbenen zu halten; von irgend 
welchem Zusammenhange mit Siebent oder Dreißigst war demnach 
selbst äußerlich keine Rede. Das Gericht wird sodann halb von dem 
Erben, halb von den erschienenen Gläubigern besetzt und zwar so, 
daß die letzteren einen Vertreter ihrer aller durch das Los zu be- 
stimmen haben, der dann namens aller handelt; kein bei der Sache 



*) Kaupab. 6/402; Konüngsbök, 221/147. Ein n^^seli über die Form des 
Klagsbeweises bat nur die StaÖarbölsbök und das Fragment bei Finscn, An- 
bang II, 2/227. 

*) wie dies dem Erblasser gegenüber zulässig gewesen wäre; Kaupab. 5i395» 
Köniingsb6k, 221/143. 

') Kaupab. 8—9/408—13; Konüngsbök, 223/148 — 52. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 329 

selbst Beteiligter und kein näherer Verwandter und Verschwägerter 
eiües solchen darf in dem Gerichte sitzen. Wie der minderjährige 
Erbe durch seinen Vormund, so werden minderjährige Gläubiger 
durch den ihrigen vertreten, und zwar bei eigener Haftung für jedes 
Versäumnis; in der durch das Los bestimmten Ordnung werden so- 
dann die einzelnen Forderungen geltend gemacht und wird durch 
Zeugen, oder falls solche nicht vorhanden oder nicht beizubringen 
sind, durch fünf Nachbargeschworene der Beweis ihrer Begründung 
geführt, andererseits hat der Erbe alle zum Nachlasse gehörigen Mo- 
bilien zur Stelle zu schaffen und bei Strafe der Landesverweisung 
nichts von ihnen zu verheimlichen, und die ihm bekannten Forde- 
derungen, die zum Nachlasse gehörten, anzugeben, deren Vertrags- 
bedingungen übrigens selbstverständlich durch den Tod des Erb- 
lassers nicht weiter alteriert werden, als etwa insoferne, als der 
Schuldner, solange das Erbrecht bestritten und die Streitfrage nicht 
gerichtlich entschieden ist, die Zahlung zurückzuhalten befugt ist^) 
Gehört Land oder ein goöorö zum Nachlasse, so haben die fünf dem 
Lande zunächst wohnenden Grundeigentümer dieses abzuschätzen 
und ihre Schätzung vor dem Schuldgerichte abzugeben. Hat einer 
der Gläubiger an einer zum Nachlasse gehörigen Sache ein Pfand- 
recht, so mag er diese für sich von vornherein wegnehmen, doch 
gegen Herauszahlung der Hyperocha; ebenso darf die Witwe ihr 
Gut vorab nehmen, und zwar die Mitgift (heimanfylgja) schlechthin, 
den mundr aber nur unter der Voraussetzung, daß zur Zeit der 
Heirat dessen voller Betrag nach Abzug aller Schulden im Vermögen 
des Verstorbenen vorhanden gewesen war; war dies nicht der Fall 
gewesen, so fällt aller Anspruch auf den mundr weg, wenn das 
schuldenfreie Vermögen zur Zeit der Hochzeit weniger als eine Mark 
betragen hatte, oder es muß sich die Witwe wenigstens an dem- 
selben ganz dieselbe Reduktion gefallen lassen, wie solche die übrigen 
Gläubiger betrifft Hatten die Eheleute aber in allgemeiner oder 
partikulärer Gütergemeinschaft gelebt, so stand die Sache begreiflich 
anders; je nach ihrem Anteile am gemeinen Gute hatte solchenfalls 
die Witwe dort alle Schulden, hier die Wirtschaftsschulden mitzu- 
tragen. Nach Befriedigung dieser privilegierten Gläubiger ist sodann 
der übrige Nachlaß unter die nicht privilegierten zu verteilen, und 
zwar in der Art, daß im Falle des Nichtzureichens alle den gleichen 
verhältnismäßigen Abzug sich gefallen zu lassen haben; derjenige 



*) Kaupab. 6/402 — 3; Konüngsbök, 221/146 — 47. 

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330 



Teil II. Das Erbrecht. 



Gläubiger aber, der am meisten zu fordern hatte, genoß, wenn lie- 
gende Güter vorhanden waren, des Vorrechtes, in diesen bezahlt zu 
werden. Wer aber am Schuldgerichte ausblieb, der hat seine For- 
derung verloren, es sei denn, daß er nicht kommen konnte oder von 
der Haltung des Gerichtes nichts erfahren hatte; kann er dies nach- 
weisen, so mag er hinterher noch von denjenigen Gläubigem, die 
bezahlt wurden, die Herausgabe des ihn treffenden verhältnismäßigen 
Betrages fordern. Hatte der Erbe auch nur einen einzigen Gläubiger 
bezahlt, ehe er das Schuldgericht. berufen hatte, so galt es, als hätte 
er dieses gar nicht berufen, d. h. er mußte für alle Schulden auch 
mit seinem eigenen Vermögen aufkommen. Man sieht, mit dem 
alten Erbbiere hatte dieses Schuldgericht nur sehr teilweise die gleiche 
Aufgabe, und insbesondere scheint dasselbe keinerlei präklusive Wir- 
kung für denjenigen gehabt zu haben, der seine Erbrechte geltend 
zu machen hatte. Es wird ausdrücklich bestimmt, daß, wo immer 
jemand im guten Glauben, der berufene Erbe zu sein, sich in den 
Besitz einer Erbschaft gesetzt hat, während sich hinterher herausstellt, 
daß infolge eines Irrtumes über die verwandtschaftlichen Beziehungen 
ein anderer der Berechtigte sei, dieser die Restitution der Erbschaft, 
jedoch ohne Zinsen, zu fordern berechtigt sei;^) von irgend einem 
Präklusivtermine ist aber dabei nicht die Rede, und wenn es heißt, 
das Recht eines Mannes dänischer Zunge, eine auf Island ihm an- 
gefallene Erbschaft daselbst zu reklamieren, verjähre niemals,*) so 
muß doch offenbar auch diese Regel den Isländern selbst nicht 
minder zugute gekommen sein. — In Norwegen dagegen stand die 
Sache allerdings ganz anders. Nach den GpL. galt zunächst die 
Regel, daß derjenige, welcher innerhalb des Volklandes anwesend 
und überdies volljährig war, an der Siebent oder am Dreißigsten, je 
nachdem die Liquidation der Verlassenschaft an diesem oder jenen 
Tage vor sich ging, sein Erbrecht geltend machen mußte, bei Ver- 
lust seines Anspruches auf dasselbe; war er nicht im Volklande an- 
wesend, so muß er binnen Jahresfrist von seiner Rückkehr in das 
fylki, in dem der Nachlaß angefallen war, seine Forderung geltend 
machen, es wäre denn, daß echte Not ihn daran verhindere.') Glaubt 

^) Arfa J), 7/191; Koniingsbök, I18/220 — 21. 

*) Arfa I)., 17/220; Konüngsbök, 125/239. 

*) GI)L. 122. Die Wortfassung der Stelle läßt übrigens vermuten, daß eine 
weitere Frist für den fehlt, der außer Landes war; sie mußte nach dem gelegentlich 
der gesterfÖ usw. Bemerkten drei Jahre betragen haben, und galt diese Frist ur- 
sprünglich auch gegenüber den Isländern, Konüngsbök, 125/239 und 248/195, 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. 33 1 

ein Minderjähriger Erbansprüche zu haben, so soll er diese zwar 
ebenfalls an jenem Termine bekanntgeben oder durch einen anderen 
bekanntgeben lassen ; aber einzuklagen hat er sein Recht erst binnen 
einer fünfjährigen Frist nach erreichter Volljährigkeit, und er ver- 
schweigt sich an seinem Rechte erst, wenn er bis zum erreichten 
20. Jahre die Klagestellung unterlassen hat, ohne durch echte Not 
gehindert zu sein.^) Selbstverständlich konnte und sollte aber schon 
vorher der Vormund für den Minderjährigen sein Erbrecht geltend 
machen, und haben jene Fristbestimmungen demnach nur die 
doppelte Bedeutung, daß sie dem volljährig Gewordenen nachliefen, 
wenn der Vormund seiner Pflicht etwa nicht genügt hatte, und daß 
sie auch für die Klage auf Herausgabe des Ererbten gegen den Vor- 
mund galten, wenn dieser nicht gutwillig das Mündelgut bei been- 
digter Vormundschaft herausgab; ob sich aber an die Unterlassung 
der vorläufigen Anmeldung seines Erbrechtes durch den Mündel 
irgend ein Präjudiz knüpfte, und welches, bleibt ungesagt Anders 
sind die Fristen im prändheimer Landrechte bestimmt Wie dieses 
überhaupt von einer Siebent oder Dreißigst nichts weiß, so ist na- 
türlich auch nicht von der Notwendigkeit sofortiger Geltendmachung 
der Erbrechte an einem solchen Termine die Rede; dagegen wird 
demjenigen Volljährigen, der im Lande anwesend ist, eine zehn- 
jährige Frist vom Momente des Erbanfalles, dem Minderjährigen, 
der im Lande anwesend ist, eine ebensolche vom Momente der 
erreichten Volljährigkeit zur Durchführung seiner Erbschaftsan- 
sprüche gewährt, und dem Abwesenden der Lauf der gleichen 
Frist erst vom Momente der Heimkehr an berechnet, bzw. von 
dem etwa früher schon begonnenen Fristenlaufe die Dauer der 
Abwesenheit abgerechnet^ Doch können diese Fristen nicht die 
ursprünglichen gewesen sein, da bei der subsidiären Beerbung des 
gestfeöri nur ein Jahr auf den geborenen Erben zu warten ist,') und 
die Jämsiöa selbst an unserer Stelle einen Termin von zwölf Monaten 
mit einmischt; mag sein, daß letzterer ursprünglich für den im fyl^i 
oder den )}inglög Anwesenden gegolten hatte, der zehnjährige aber 
nur für den zwar im Lande, aber außerhalb jenes engeren Bezirkes 
Anwesenden. Die spätere Gesetzgebung hat die Fristen der FrpL. 

wogegen später ihre Erbschaftsklagen in Norwegen für unverjährbar erklärt wurden, 
Arfa J)., 13/208-9; 17/221. 

*) G^L. 122 vgl. mit 119. 

«) Fr{>L. IX, 29; Järns., Erföat. 23. 

'j.FrtL. IX, 5; die Järns., ErfÖat. 17 nennt hier keine Frist. 



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332 



Teü II. Das Erbrecht. 



rezipiert ^) In prozessualischer Beziehung galt nach den GI)L die 
Regel, daß jede Anstellung der Erbschaftsklage teim unrechten Ge- 
richte, also bei einem Landgerichte statt beim Stadtgerichte und 
umgekehrt, oder bei einem anderen Landgerichte als dem, in dessen 
Bezirk die Erbschaft lag, den Verlust der Sache nach sich zog;*) 
die Vorschrift ist in die spätere Gesetzgebung übergegangen.*) Das 
Verfahren war ein etwas verschiedenes, je nachdem die Klage auf 
Land oder Fahrhabe ging;*) dieser Punkt gehört indes weiter nicht 
hierher. Die Auseinandersetzung aber an der Siebent oder am 
Dreißigsten vollzog sich folgendermaßen. Nach den GpL. hatte der- 
jenige, der sich als Erbe betrachtete, alle Interessenten zum Termine 
zu laden und hier sich auf den Hochsitz zu setzen, um die Verhand- 
lungen zu leiten.*) Da wird nun zunächst der Nachlaß liquidiert, 
ganz ähnlich wie am isländischen skuldadömr. Die einzelnen Glau- 
biger hatten ihre Forderungen anzumelden und nötigenfalls zu be- 
weisen; der Beweis konnte aber nur durch Zeugen gefuhrt werden, 
„jivfat engi skal vinna eiö fyrir brjöst hins dauöa", und kann höch- 
stens vom Erben verlangt werden, daß es von der Schuld nichts zu 
wissen beschwöre;®) ebenso kann aber auch der Beweis der Zah- 
lungseinrede nur durch Zeugen geführt werden.^) Die erwiesenen 
Schulden werden sofort bezahlt, wenn der Nachlaß zu ihrer aller 
Bezahlung zureicht; wenn nicht, so haben alle Gläubiger einen Abzug 
zu erleiden, dessen Höhe sich nach dem Verhältnisse des Betrages 
ihrer Forderungen zu bemessen hat Derjenige Gläubiger aber, der 
am Termine ausbleibt, kann zwar hinterher sich immerhin noch an 
den Erben halten; aber wenn der Nachlaß jetzt nicht mehr zu seiner 
Befriedigung ausreicht, fällt er durch, ohne sich an die bereits be* 
friedigten Mitgläubiger halten zu können. Auch für das norwegische 
Recht gilt also der Grundsatz, daß der Erbe nicht über den Betrag 
der Erbschaft hinaus haftet, wenn er nur das Liquidationsverfahren 
gehörig eingeleitet hat, und gilt andererseits dem Gläubiger gegen-"^ 
über der für dieses letztere anberaumte Termin als ein in gewissem 
Sinne präklusiver; eine Ausnahme von der ersteren Regel tritt nur 
zu Lasten der eigenen Kinder des Deferierten, Söhne wie Töchter, 
ein, indem diese auch über den Betrag der Erbschaft hinaus mit 
ihrem ganzen übrigen Vermögen (nicht ihrer Person) haften müssen, 

») Landsl., ErfÖat. i8; BjarkR. i8; Jönsbök, 26. *) GJL. 120. 

') Landsl., ErfÖat. i6; BjarkR. 16; Jönsbök, 25, wo nur der fjörÖüngr 
für das fylki eingesetzt ist. *) FrJ>L. X, 30. 

*) GJ)L. 115 •) vgl. ebenda, 38. ') ebenda, 116. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft. ^ji 

„|)viat |)au skulu gegna jafnt Ijüfu sem leiöu". Als privilegierte Gläu- 
biger treten femer auch hier die Pfandgläubiger auf, ferner die Witwe, 
bei welcher aber zwischen ihrer Mitgift einerseits und ihrem mundr 
samt der Widerlage andererseits unterschieden wird^ endlich die 
Mündel, deren Vormund der Verstorbene gewesen war, bezüglich 
ihres Mündelgutes. Der Pfandgläubiger geht dabei in Bezug auf sein 
Pfandobjekt edlen anderen vor; er hat bezüglich desselben ein St- 
parationsrecht, wie denn auch bei nicht rechtzeitiger Zahlung das- 
selbe ihm zu eigen verfiel. ') An zweiter Stelle tritt sodann der 
Mündel mit seiner Forderung des Mündelgutes und die Witwe mit 
ihrem Ansprüche auf ihre Mitgift ein ; beide unter sich konkurrierend 
und somit, wenn der Nachlaß zur vollständigen Befriedigung beider 
unzureichend war, beide gleichmäßig verhältnismäßigen Alxtug er- 
leidend, andererseits aber beide allen anderen Gläubigern unt>edingt 
vorgehend. Mit ihrem Ansprüche aber auf ihren mundr und ihre 
Widerlage muß die W^itwe zunächst hinter dem Mündelgute unlx:- 
dingt zurückstehen; zurückstehen muß sie ferner mit d'u:H4:m ihrem 
Ansprüche gegenüber allen den Gläubigern, die l^reits vor der 
Engehung ihrer Ehe mit dem Verstorbenen dessen Gbiubigf^-r ge- 
wesen Ovaren, ,4yrir |)vi at engi skal ser konu kaupa viA annars UY*, 
mit den übrigen nicht privilegierten Gläubigern al^er konkurriert su:, 
und hat darum vorkommendenfalis wie diese einen vcrh;iltnhma(/igen 
Abzug zu leiden. Hat die Witwe al>er mit dem Ver%tori>enefl in 
Gütei^emeinschaft gelebt, so hat sie nach MaßgaU: ihre^ Ant/rU^'% 
am gemeinen Gute auch für die Schulden aufzukommen, I^ag dem 
Verstorbenen die Ernährung von Hilfsrxrdurftigfm ob, v^ ge^»/:n dw::v: 
neben den anderen Glaubigem pari pa'^su her, ind/:m ri/rrcn Alirn^H' 
tadonsansprücbe kapit2ilisiert werri/^ti; Mind^rjahrij/*: al>^ w*:rfitn 
durch ihre Vormünder vertreten, und h^ d^r Vormtin/i «'\u0v\ mtrui^- 
jährigen Erben gkkh am Termine fi^% von ihm \i\A:t:u^mfUKU^. 
Mündelgut abschätzen zu Us^jer^* S:r-d arj«^r von rfK^hr^r<^n MJj-ri/^i 
einzelne am Termine auigcb'idvtn, »<r,r'rryi ir*n<tn <';> vrr ''>y,r» >*^,' 
kanntgegeben worden w^ar, so lotl die ir^Afr.U*r.;'^ f'i:^HTtv fUx.,^, ntJ/t 
Zuziehung von 2^eiigen, vor ii.:h ^Th.*r,:* h*.^ fU^ ty:fr-rfr\r..'>n V/r- 
Schrift scheint zugleich t>f:r*%n^.vj^,:.&^^ <^ii rt^kt^ lu r>,t Art i*i f/ /u r. 
pfl^;te, daß zuerst ebecrto^ü^'^ Tt.I^ ^^^rju^rjt w *r>,r kU ^A.T^.r^^r, 
vorhanden waren, an<i dann -ti* !>-/* -Ur* /^ ^-^i/^^-^^yr» I.i^, **,;/-. »v ,' 



*) ebenda, C23. 



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334 



Teil II. Das Erbrecht 



Anteil jedem einzelnen Miterben zufallen sollte. Demgegenüber be- 
handelt das prändheimer Landrecht die Lehre von der Erbschafts- 
auseinandersetzung lediglich vom Standpunkte des Vormundschafts- 
rechtes aus, jedoch in einer Weise, welche zeigt, daß auch hier die 
Grundzüge wesentlich dieselben waren. ^) Der Vormund soll hier- 
nach unter Beirat der nächsten Verwandten des Mündels, und zwar 
vom Mannsstamme sowohl als Weibsstamme, die Schulden des Ver- 
storbenen abbezahlen, soweit solche durch Zeugen erwiesen werden 
können, und darf er im Notfalle sogar Grundstücke des Mündels 
veräußern, wenn die Fahrhabe nicht zur Zahlung der sämtlichen 
Schulden ausreichen will; ist in dieser Weise der Aktivbestand des 
Nachlasses liquid gestellt, so soll derselbe, wiederum unter Zuziehung 
der beiderseitigen Verwandtschaft, abgeschätzt und gegen Schätzung 
übernommen werden. Von einem Zusammenhange jener Liquidation 
sowohl als dieser Abschätzung mit der Siebent oder dem Dreißigst 
ist allerdings nicht die Rede, und ebensowenig wird gesagt, wie es 
zu halten sei für den Fall, da der Nachlaß zur vollständigen Befrie- 
digung aller Gläubiger nicht ausreichen wollte ; in der letzteren Hin- 
sicht aber dürfen wir wohl annehmen, daß die in den GpL. aufge- 
stellten Grundsätze auch hier Anwendung fanden. Die Legislation 
des K. Magnus endlich reproduziert im wesentlichen einfach die Vor- 
schriften der GI)L.;-) doch gestattet sie dem Gläubiger, der wegen 
ehehafter Not an der Siebent nicht erschienen ist, von den Mit- 
gläubigern, die hier befriedigt wurden, auch hinterher noch seinen 
verhältnismäßigen Betrag zu fordern, wenn sich der Nachlaß zu seiner 
nachträglichen Befriedigung nicht mehr suffizient erweist; sie erläßt 
ferner auch den eigenen Kindern des Erblassers die Haftung über 
den Betrag der Erbschaft hinaus. Es hatte aber schon vorher die 
Järnsföa an die GI)L. sich angeschlossen;*) aber jene Veränderungen, 
welche die späteren Gesetze in Bezug auf deren Vorschriften durch- 
geführt haben, sind ihr noch fremd. 

Man sieht, darüber ist weder das norwegische noch das islän- 
dische Recht im Zweifel, daß „der Tote den Lebendigen erbt", d. h. 
daß die Erbschaft in demselben Momente deferiert und erworben 
wird, in welchem der Erblasser stirbt Über die Beschaffenheit des 
Erbrechtes und seinen Inhalt spricht sich weder das eine noch das 



») FrI>L. IX, 22. 

*) Landsl., ErfÖat. 12—14; BjarkR. 12— 14; Jönsbök, 18 — 20. 

») Jdrns., ErfÖat. 18-19 und 25. 



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§ 13. Der Anfall der Erbschaft 335 

andere Recht ausdrücklich aus; aber keinem Zweifel kann unter- 
liegen, daß nach beiden mit dem Anfalle der Erbschaft alle bisher 
dem Erblasser zustehenden Rechte auf den Erben übergehen und 
alle dem Erblasser bisher obliegenden Verpflichtungen desgleichen, 
diese jedoch mit der Einschränkung, daß die Verpflichtung des Erben, 
wenn er anders für gehörige Vornahme der Vermögensliquidation 
sorgt, nicht über den Betrag seiner Erbschaft hinausreicht, und daß 
sie, selbst wenn er diese Kautel versäumt hat, wenigstens seine Person 
nicht ergreift. Die GpL. freilich hatten die Kinder des Erblassers 
schlechthin für dessen Schulden auch mit ihrem anderweitigen Ver- 
mögen haften lassen ; aber diese Ausnahme war dem isländischen und 
wohl auch dem prandheimer Rechte von jeher fremd gewesen, und 
wurde durch die Gresetzgebung des K. Magnus lagaboetir auch für das 
Gula{)ing wieder beseitigt Als Termin aber für die Liquidation des 
Nachlasses den Gläubigern gegenüber, und zugleich für die Ausein- 
andersetzung unter den Miterben, sowie die Abschätzung zu über- 
nehmenden Mündelgutes hatte das ältere Recht das Erbbier gekannt, 
für dessen Abhaltung ursprünglich eine einjährige Frist gegolten zu 
haben scheint, und bei welchem volljährige Anwesende bei Vermei- 
dung des Verlustes auch mit ihren Erbansprüchen hervortreten 
mußten; in der christiichen Zeit aber verlor sich der Gebrauch des 
Erbbieres zunächst auf Island völlig, während er in Norwegen noch 
längere Zeit sich erhielt, nur daß an die Stelle der heidnischen Frist 
die christlichen Termine des Siebent oder des Dreißigsten traten, 
und erst durch K. Magnus das Erbbier selbst verboten, die recht- 
liche Bedeutung desselben aber auf die kirchlichen Zusammenkünfte 
an jenen Terminen übertragen wurde. 



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Altnordisches Pfandrecht. 



Maurer« Altnordisches Pfandrecht. 22 

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§ z. Einleitung. 

Ähnlich wie die übrigen germanischen Rechte kennt auch das 
altnordische Recht mehrfache, ganz verschieden gestaltete Geschäfte, 
welche dem Zwecke einer Verpfändung dienen mögen, ohne darum 
doch notwendig in diesem alleinigen Zwecke völlig aufzugehen. All- 
mählich erst tritt b*i allen diesen Geschäften die pfandrechtliche 
Bestimmung einseitiger und durchgreifender zutage, was dann einer- 
seits eine Annäherung der verschiedenen hierher gehörigen Institute 
aneinander, soweit sie einen pfandrechtlichen Zweck verfolgen, zur 
Folge hat, andererseits aber auch wohl zu einer Absonderung und 
eigentümlichen Gestaltung derjenigen Anwendungsweisen derselben 
führen kann, welche anderen als pfandrechtlichen Zwecken dienen. 
Im ganzen lassen sich drei verschiedene Institute unter diesen Gre- 
sichtspunkt stellen, für welche ich die Bezeichnungen veö, mäli 
und tak wählen wilL Jedes von ihnen fordert gesonderte Betrach- 
tung; bei jedem von ihnen ist wieder zwischen den verschiedenen 
Zeiten und Orten angehörigen Quellen zu unterscheiden und nicht 
nur das isländische Recht von dem norwegischen getrennt 
zu halten, sondern auch das ältere Recht beider Länder von der 
Gesetzgebung des K. Magnus lagaboetir für dieselben durchaus 
abzusondern. 

An Literatur stehen für das norwegische Recht zunächst 
einige kürzere Bemerkungen zu Gebote, welche sich in einem Auf- 
satze von Torkel Halvorsen Aschehoug: „Om tinglige Rettig- 
heder efter de gamle norske Love", ^) in Rudolf Keysers nor- 
wegischer Rechtsgeschichte,*) dann inKarlv. Amiras Schrift über 



Norsk Tidsskrift for Videnskab og Literatur, VII, S. 209—49 (1854—55) ; 
Merher zumal S. 217, 223, 225—26, 227, 229, 245 und 247 — 48. 

*) Norgcs Stats- og Retsforfatning i Middelaldercn (1866), S. 343 — 44, 356 
und 397. 

22* 



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340 § ^* Einleitung. 

„Das altnorwegische Vollstreckungsverfahren" ^) niedergelegt finden» 
dann aber auch eine ausführlichere Behandlung des Gegenstandes 
durch Frederik Brandt in seinen „Brudstykker af Forelaesninger 
over den norske Retshistorie" *) und „Forelaesninger over den norske 
Retshistorie", *) dann in dessen Probevorlesung „Om forelöbige Rets- 
midier i den gamle norske Rettergang",*) sowie durch Ludwig 
Mariboe Aubert, in seiner Abhandlung „Kontraktspantets histo- 
riske Udvikling, isa^r i dansk og norsk Ret",*) zu welcher letzteren 
Schrift auch meine Anzeige derselben in der „Kritischen Viertel- 
jahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft"*) verglichen 
werden mag. Für das isländische Recht dagegen sind nur 
dürftige Äußerungen von Johann Friedrich Schlegel, in seiner 
„Commentatio historica et critica de Codicis Gragäs origine, no- 
mine,« fontibus, indole et fatis", ') sowie von Baldvin Einarsson 
in seinen „Bemaerkninger om den gamle islandske Lov Graagaasen",') 
sodann etwa F. C. Dahlmanns Darstellung in seiner „Geschichte 
von Dänemark" •) zu gebrauchen, wogegen die Darstellung des Pfand- 
rechtes, welche Sveinn Sölvason in seinem „Tyxo juris" gibt,^*) 
lediglich das spätere Recht ins Auge faßt und somit für unseren 
Zweck völlig wertios ist Dagegen sind nunmehr die. einschlägigen 
Artikel* in dem Wortregister zu benützen, welches Vilhjälmr 
Finsen dem Schlußbande seiner Ausgaben der Gragäs angehängt 
hat;^^) überdies sind aber auch die Darstellungen des dänischen 
und des schwedischen Pfandrechtes mit großem Vorteile 
zur Vergleichung heranzuziehen , welche einerseits Henning 
Matzen^*) und andererseits Karl v. Amira^') gegeben haben. 



») S. 219-20 und 329—45 (1874). 

*) S. 113 — 25 (aus dem „Ugeblad for Lovkyndighcd" besonders abgedruckt, 1868). 

») Bd. I, 1880, S. 327—38. 

*) 1862; auch in den „Pröve-Forel«sningcr", S. 75— 102 (1863); vgl. jctit auch 
Forelaesninger over den norske Retshistorie, II, 1883, S. 372—75. 

^) zumal S. 49—102 (aus „Norsk Retstidende'* revidiert abgedruckt, 1872). 

•) Bd. XV, S. 237-51 (1873). 

') Vor dem ersten Bande der Amamagnseanischen Ausgabe der Gragäs (1829), 
S. CXXXIII. 

») Juridisk Tidsskrifl, Bd. XXII (1834), S. 346—47- 

») Bd. II (1841), S. 259—61. 

»«) ed. 1 (1754), S. 137—42; ed. 2 (1799), S. 150—55. 
*i) zumal mäli, S. 651, dann veö und veömäli, S. 690 — 91 (1883). 
'*) Den danske Panterets Historie indtil Christian V.s Lov, 1869. 
**) Nordgermanisches Obligationsrecht, Bd. I (1882), S. 193— 231, 664—67 und 
694—98. 



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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. j^I 

sofeme nämlich die verschiedenen nordgermanischen Rechte wenig- 
stens bis auf einen gewissen Grad in ihren Grundzügen und in 
ihrem Entwicklungsgange übereinstimmen. 



Abschnitt I. 

Das vet. 

§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. 

Am nächsten steht unserem Pfandrecht dasjenige Rechtsver- 
hältnis, für welches die norwegischen und isländischen Quellen ebenso 
wie die dänischen und schwedischen die Bezeichnung veö brauchen; 
über dieses geben aber unter den älteren norwegischen Rechtsbüchem 
die Gula))ingslög den eingehendsten Aufschluß.^) Wir ersehen 
aus denselben, daß man ein veö für Forderungen zu bestellen pflegte, 
welche einer an den anderen hatte, und daß man das Geben eines 
solchen als „leg gja veö fyrir einhvern hlut", und das Nehmen 
eines solchen als „taka veö" bezeichnete; daß ferner solches an 
liegender wie an fahrender Habe bestellt werden konnte, jedoch, 
wie es scheint, immer nur an einzelnen Vermögensstücken, nicht 
aber an einem gesamten Vermögen.*) Wir ersehen femer, daß der 
Vertrag, durch welchen das veö bestellt wurde, vor Zeugen einge- 
gangen zu werden pflegte, und daß darum auch die Klage auf das 
veö in den Formen durchzuführen war, welche überhaupt für die 
Klage um vitaf6 üblich waren. Aus später noch darzulegenden 
Gründen scheint zwar allerdings der einmal ausgesprochene Satz: 
„sitt veöfe ä hverr, ef fyrir vättom er veöjat; soeke sem vitafe", •) 
nicht hierher bezogen werden zu dürfen; aber doch setzt unsere 
Hauptstelle augenscheinlich sowohl die .Beiziehung von Zeugen bei 



') Die Hauptstelle ist G|»L. 50, neben welcher noch 41 und 115 und anderer- 
seits 144, 266 und 269 in Betracht kommen. 
*) ebenda, 50. «) ebenda, 144. 



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3J2 Abschnitt I. Das veÖ. 

der Bestellung des veö, als auch die Verfolgung des Rechtes aus 
dem Geschäfte mittels dieser Zeugen voraus,^) und diese letztere 
ergab sich auch aus jener ersteren in der Tat mit Notwendigkeit, 
zufolge der viel weiter reichenden Regel: „l)at er allt vitaf(§, er vättar 
vitu", *) oder: „allt |)at fe er vitni veit, l)at skal allt meö krofii 
soekja".') Es ließe sich allerdings etwa der Zweifel erheben, ob von 
der Beiziehung von Zeugen nur die Geltendmachung des Pfand- 
rechtes Dritten gegenüber abhängig gemacht werden wollte, oder 
ob der ohne Zuziehung von Zeugen abgeschlossene Pfandvertrag 
auch für die Kontrahenten selbst unverbindlich sein sollte. Der 
Wortlaut unserer Hauptstelle bietet keine sichere Entscheidung der 
Frage; indessen dürfte doch das gänzliche Schweigen der norwe- 
gischen Rechtsquellen über eine Unterscheidung zwischen der Wirk- 
samkeit des Vertrages Dritten gegenüber und unter den Kontra- 
henten selbst die letztere Annahme wahrscheinlich machen. Für sie 
spricht überdies auch die Analogie des isländischen Rechtes, wogegen 
allerdings sowohl das dänische Recht*) als das schwedische*) bei 
dem Vertragsabschlüsse, falls es sich nicht um liegendes Gut handelt, 
die Zuziehung von Zeugen zwar als allgemein üblich betrachten, aber 
doch nicht als schlechthin notwendig vorschreiben. — Der Regel 
nach scheint der Besitz der als veö bestellten Sache auf den Gläu- 
biger übertragen worden zu sein;*) indessen konnte derselbe doch 
ebensogut auch dem Schuldner und Verpfänder belassen werden, 
wie denn als etwas ganz alltägliches bezeichnet wird, daß der Ver- 
pächter einer Kuh sich für deren unversehrte Rückgabe eine andere 
Kuh des Pächters als veö bestellen ließ, welche er dann für den 
Fall erhielt, daß jene ersterc beim Pächter zu Schaden kam.') Wenn 
femer eine zweite Stelle der Möglichkeit gedenkt, daß von den 
Gläubigem einer überschuldeten Erbschaft der eine oder andere ein 
veö an einer zur Verlassenschaft gehörigen Sache habe,*) so deutet 
auch dies zwar nicht schlechthin notwendig, aber doch sehr wahr- 
scheinüch ebenfalls wieder auf das Verbleiben des Besitzes am Pfend- 
objekte bei dem Pfandschuldner hin. Wir werden denselben Satz 
auch im isländischen Rechte wiederfinden, wogegen allerdings das 



*) G|>L. 50. *) ebenda, 49; Tgl. 35. •) ebenda, 36. 

*) Matzea, ang. O., S. 225—30. 
*) V. Amira, ang. O., S, 218—20. •) G|>L. 50. 

^) ebenda, 41 : nii er sü k^r dauÖ, en bann itte TeÖ i aosare, ^i sktl hano 
{)d hafa fyrir sina kü, |)Ti at k]^r skal 1 k]^rstaA koma. 
*) ebenda, 115. 



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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. ^az 

schwedische Recht beim Mobiliarpfande schlechthin ^) und beim Im- 
mobiliarpfande wenigstens ursprünglich *) den Übergang des Besitzes 
auf den Pfandgläubiger fordert, und auch im dänischen Rechte dieser 
ursprünglich als notwendig gegolten zu haben scheint*) Zweifeln 
kann man demgegenüber hinsichtlich der Bedeutung des Satzes: 
„nü leggr maör öörom veö firi einhvem lut, l)ä skal sä äbyrgjask 
veö er tekr",*) sofeme der Übergang der Grefahr auf den Pfandgläu- 
biger hiermit möglicherweise allgemein, möglicherweise aber auch 
nur für den regelmäßigen Fall ausgesprochen sein will, da auch der 
Besitz des Pfandobjektes auf denselben übergegangen ist; ich möchte 
indessen das letztere annehmen, und zwar teils aus dem äußeren 
Grunde, weil auch die unmittelbar folgende Bestimmung über die 
Einlösung des veö den Besitz des Pfandgläubigers stillschweigend 
Voraussetzt, teils aber auch, und zumal aus dem inneren Grunde, 
weil in den altnordischen Rechtsquellen meines Wissens sonst nirgends 
auch nur das Schicksal der Pfandschuld, wie dies in anderen ger- 
manischen Rechten allerdings zuweilen vorkommt, schlechthin an 
die Erhaltung des Pfandobjektes geknüpft wird, geschweige denn, 
daß dem Pfandgläubiger schlechthin die volle Grefahr seines Unter- 
ganges oder seiner Beschädigung aufgebürdet würde. Bedenklicher 
noch als dieser erste ist ein zweiter Zweifelspunkt. Es wird nämlich 
bestimmt,*) daß derjenige, welcher ein Pfand hatte (er veö ätte), 
dasselbe binnen Jahresfrist, oder wenn er sich außerhalb des Volk- 
landes befand, binnen Jahresfrist nach seiner Rückkehr in dieses vin- 
dizieren soll, wenn der andere Teil dasselbe an einen Dritten ver- 
äußert habe, widrigenfalls sein Anspruch auf dasselbe erlösche. Da 
aämlich „veö" ebensogut die verpfändete Sache als das Pfandrecht 
selbst bezeichnen, und „eiga" ebensogut auf den bloßen Besitz als 
auf das volle Eigentum gehen kann, können rein sprachlich ge- 
nommen die Worte „sä er veö ätti" ebensowohl auf den Eigentümer 
des Pfandobjektes bezogen werden, als auf den Pfandgläubiger und 

') Y. Amira, S. 216; die Ausnahme, welche das Visbyer StadUrecht macht, 
kommt hier nicht in Betracht. 

*) ebenda, S. 201—9; vgL S. 209 — 12. ') Matzen, S. 243 und fgg, 

*) GJL. 50. 

*) ebenda, 50: nü cf maÖr ä fi6 at heimta at ö&rom, ok tekr hann reÖ f<6ar 
sins 1 einum hreijam grip, hvärt sem I>at er i joröu eöa öÖro f6 ; nü selr hann veÖ 
i brott öörom mtmne, f)a skal sä hafa vätta til veÖrs sins, er veÖ ätte, ä fyrstum 12 
oänaOom, ef hann er innan fylkis; en ef hann er eigi innan fylkis, ^ hafe hann 
brfgt i fyrstam 12 mänaöom er hann beim kemr ( fylki, ellar ä hann {>ess mäls 
alldrigi upreist 

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^AA Abschnitt I. Dai vcÖ. 

Inhaber des Pfandrechtes; je nachdem man nun diese Worte in dem 
einen oder anderen Sinne versteht und je nachdem man zugleich 
an den Fall denkt, da der Besitz der verpfändeten Sache auf den 
Pfandgläubiger übertragen wurde, oder aber an den anderen, da der- 
selbe bei dem Pfandschuldner verblieb, würde als Veräußerer ent- 
weder der Pfandgläubiger oder aber der Pfandschuldner gedacht 
werden müssen, und somit als Vindizent entweder der Pfandschuldner 
auf Grund seines Eigentumes am Pfandobjekte oder aber der Pfand- 
gläubiger auf Grund seines Pfandrechtes erscheinen. Die Auslegung 
wird noch erschwert durch den weiteren Umstand, daß in den der 
fraglichen Bestimmung unmittelbar vorangehenden Worten der Pfand- 
gläubiger als der Handelnde besprochen wird,*) während die auf 
dieselbe unmittelbar folgenden umgekehrt von dem Pfandschuldner 
und Verpfänder reden, *) so daß auch der Zusammenhang der SteDc 
ebensogut für die eine wie fiir die andere Deutung derselben geltend 
gemacht werden kann, je nachdem man nämlich den Blick dabei 
nach vorwärts oder nach rückwärts richten zu sollen glaubt Mit 
voller Sicherheit wird sich die Frage unter solchen Umständen kaum 
entscheiden lassen; alles in allem genommen möchte ich indesseOr 
ganz wie dies Aschehoug, *) RKeyser*) und I)örör Sveinbjömsson') 
getan haben, unter dem „er veö ätti" den Pfandgläubiger ve^ehen, 
und somit an den Fall denken, da der Besitz des Pfandobjektes bei 
dem Verpfänder verblieb und dieses Objekt widerrechtlich durch ihn 
veräußert wurde. Für diese Auslegung der Stelle dürfte nämlich 
zumal die unmittelbar folgende Bestimmung sprechen, vermöge deren, 
wenn jemand ein und dasselbe veö zwei verschiedenen Männern be- 
stellt (selr), derjenige von diesen dasselbe haben soll, welcher das- 
selbe zuerst bestellt erhielt, wenn dafür Zeugen erbracht werden 
können, wogegen der spätere Kontrahent sich wegen der beim Ver- 
tragsabschlüsse erlittenen Übervorteilung (kaupfox) an den Besteller 
zu halten hat Zweifellos kann in diesem letzteren Satze unter dem 
Veräußerer nur der Pfandbesteller verstanden werden und besagt 
dieser Satz somit, wie dies auch Fr. Brandt annimmt,*) daß der 



*) ,,En cf {)eir hafa gorvan eindaga til, ner üt skal leysa, jjä skal hann bj6Öa » 
eindaga, ok hafa vätta viö; en ef |>ä leysir cngi maÖr üt, ])a er |»at forreÖja orÖet 

«) „Nu selr maör Iveim monnum citt vcÖ, I>ä ä sä veÖ, er fyrri tök, ok vitu jiat 
vättar, en {)eim er kaupfox, er siÖarr tök.** 

») ang. O., S. 238-39. *) ang. O., S. 35^^ 

*) in seiner Übersetzung der entsprechenden Stelle der Järns., Kaupab. I^ 

*) Bnidstykker, S. I17; Forelaesninger, I, S. 331. 



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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. %At 

frühere Pfandgläubiger den späteren ausschließt, was denn auch voll- 
kommen der anderwärts aufgestellten Regel entspricht, daß bei mehr- 
maligem Verkaufe einer und derselben Sache der frühere Käufer den 
späteren ausschließt;^) dies vorausgesetzt, wird dann aber auch an 
der unmittelbar vorhergehenden Stelle derjenige, „er selr veö", als 
der Verpfänder, und somit derjenige, „er veö ätti", als der Pfand- 
gläubiger zu denken sein, da denn doch kaum angenommen werden 
darf, daß der Ausdruck „selja veö" unmittelbar nacheinander von 
ganz verschiedenen Personen gebraucht stehen sollte. Beide Bestim- 
mungen setzen, so verstanden, gleichmäßig voraus, daß der Besitz 
des Pfandobjektes bei dem Verpfänder verblieben sei, und beide 
geben gleichmäßig dem Pfandgläubiger Schutz gegen widerrechtliche 
weitere Verfügungen des Verpfänders über das Pfandobjekt; nur be- 
steht diese Verfügung im ersteren Falle in dem Verkauf, im zweiten 
Falle dagegen in der nochmaligen Verpfändung dieses Objektes. Es 
begreift sich dabei recht wohl, daß für den ersteren Fall eine kurze 
Verjährungsfrist für die Geltendmachi^ng der Ansprüche des Pfand- 
gläubigers vorgesehen ist, im zweiten dagegen nicht, da der Ver- 
kauf durch den ihm sofort folgenden Übergang des Besitzes offen- 
kundig zu werden pflegt, während dies bei der Verpfändung keines- 
wegs der Fall zu sein brauchte, und da somit der Pfandgläubiger 
sich dort zur Geltendmachung seiner Rechte sofort veranlaßt sehen 
mußte, während der erste Pfandgläubiger von der zweiten Verpfän- 
dung möglicherweise gar keine Kunde erhielt Demgegenüber hat 
allerdings Aubert *) sowohl als Fr. Brandt ^) in der ersten Hälfte der 
Stelle unter dem „er veö ätti" den Verpfänder als Eigentümer des 
Pfandobjektes verstehen und somit die Bestimmung auf den anderen 
Fall beziehen wollen, da der Pfandgläubiger seinerseits das in seinen 
Besitz übergegangene Pfandobjekt veräußern würde; indessen scheinen 
die für diese Auslegung geltend gemachten Gründe nicht von durch- 
schlagender Bedeutung zu sein und überdies durch Gegengründe 
sich vollständig widerlegen zu lassen. Man hat für jene Deutung 
geltend gemacht, daß sie einen ungezwungenen Anschluß an die 
unmittelbar vorhergehenden Worte: „nü ef maör ä f(6 at heimta at 
öörum, ok tekr hann veö fjärs sins i einum hverjum grip" biete, in- 
dem sie nicht, wie die oben vertretene Auslegung, einen sofortigen 
Wechsel des Subjektes anzunehmen zwinge; ferner, daß eine aus 



*) GfL. 40 und 78. *) ang. a, S. 54. 

■) Brudstykker, S. 117; Forelaesningcr, I, S. 331. 



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^j.6 Abschnitt I. Das veÖ. 

unserer Stelle geschöpfte Bestimmung des gemeinen Landrechtes 
und Stadtrechtes ^) von einem Einlösen des Pfandes binnen Jahres- 
frist spreche, was denn doch nur auf den Verpfänder und nicht auf 
den Pfandgläubiger bezogen werden könne. Aber ein jplötzlicher 
Wechsel des Subjektes ist der altnordischen Sprache allzu geläufig, 
als daß er an unserer Stelle anstößig erscheinen könnte, und in den 
Gesetzbüchern des K. Magnus lagaboetir scheint unsere Stelle, wie 
dies später noch darzulegen sein wird, absichtlich geändert worden 
zu sein, wobei nur, wie dies in denselben so oft vorzukommen pflegt, 
trotz der Veränderung ihres Sinnes der Wortlaut der benützten Vor- 
lagen möglichst unverändert beibehalten wurde. Entscheidendes 
Gewicht dürfte aber folgender Schlußfolgerung beizulegen sein. Zu- 
folge der ganzen Anlage des altnordischen Pfandrechtes konnte dem 
Pfandgläubiger die Veräußerung des Pfandobjektes unmöglich ab- 
solut verboten sein, sondern immer nur relativ, nämlich insoweit, 
als dieselbe noch vor der Verfallzeit erfolgen wollte; diese Verfallzeit 
aber konnte dabei, wie dies unten noch auszuführen sein wird, ent- 
weder im Vertragswege bestimmt sein, oder auch, wenn sie beim 
Vertragsabschlüsse unbestimmt gelassen worden war, auf Grund eines 
im Rechte vorgezeichneten Verfahrens erst hinterher festgestellt 
werden. Wie sollte nun demgegenüber unsere Stelle dem Vcr 
pfänder in Bezug auf das vom Pfandgläubiger veräußerte Pfandobjdrt 
einfach ein Vindikationsrecht einräumen können, ohne dabei iigcnd- 
wie anzudeuten, daß ihm dieses nur in dem Falle zukomme, wenn 
die Veräußerung vor dem Eintritte der Vcrfallzeit erfolgt war, und 
wie sollte, nachdem doch zuvor nur der vertragsmäßigen Bestimmung 
der Verfallzeit gedacht worden war, nunmehr im weiteren Verlaufe 
der Stelle auch der weitere Fall mit umfaßt werden, da die Verfall- 
zeit in Ermangelung einer maßgebenden Verabredung erst hinterher 
durch ein besonderes Verfahren bestimmt worden war? Aubert 
freilich sucht diesen Einwänden dadurch zu begegnen, daß er an- 
nimmt, unsere Stelle beziehe sich nur auf den Fall, da die Verfallzeit 
nicht vertragsweise ausbedungen worden sei; sie lasse femer die ein- 
jährige Frist für die Anstellung der Vindikationsklage nicht von dem 
Zeitpunkte der widerrechtiichen Veräußerung, sondern bereits von 
dem Zeitpunkte der Verpfändung an laufen; sie setze endlich das 
Vorhandensein einer Rechtsregel voraus, vermöge deren jedes Pfand, 
für welches die Verfallzeit nicht vertragsweise festgesetzt worden war. 



*) Landsl., Kaupab. 20; BjarkR. 19. 

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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. 547 

binnen eines Jahres vom Tage der Verpfändung an gerechnet zu 
verfallen habe. Aber, wenn zwar richtig ist, daß unsere Bestimmung 
im gemeinen Landrechte und Stadtrechte des K. Magnus in dieser 
Richtung ausgeprägt vorliegt, so fehlt doch jeder Anhaltspunkt für 
die Annahme, daß auch schon das ältere Provinzialrecht trotz seiner 
sehr erheblich abweichenden Wortfassung in derselben Weise zu 
verstehen seL Nirgends ist in diesem ausgesprochen, daß das Pfand, 
für welches vertragsmäßig keine Verfallzeit ausbedungen ist, binnen 
Jahresfrist verfalle, vielmehr wird sich noch zeigen, daß aller Wahr- 
scheinlichkeit nach unter dieser Voraussetzung die Verfallzeit des- 
selben in ganz anderer Weise festgestellt werden mußte. Die ein- 
jährige Frist für die Verjährung der Vindikationsklage läuft ferner 
nicht nur dem ganzen Zusammenhange der Stelle nach nicht vom 
Zeitpunkte der Verpfändung, sondern erst vom Zeitpunkte der wider- 
rechtlichen Veräußerung ab, sondern es läßt sich auch nur unter 
dieser Voraussetzung befriedigend erklären, warum für den Fall der 
Abwesenheit des Klagsberechtigten diese Verjährungsfrist erst von 
dem Zeitpunkte seiner Heimkehr an zu laufen beginnen soll. End* 
lieh wird auch mit keinem Worte angedeutet, daß sich unsere Stelle 
nur auf den Fall beziehen wolle, daß die Verfallzeit nicht vertrags- 
weise festgestellt sei, während doch, wenn dies die Meinung gewesen 
wäre, eine desfallsige Bemerkung um so nötiger gewesen wäre, weil 
in den ihr vorhergehenden Worten gerade umgekehrt ausdrücklich 
von einer derartigen Bestimmung der Verfallzeit gesprochen worden 
war. So wird es sich demnach empfehlen, bei der oben gegebenen 
Deutung stehen zu bleiben, vermöge deren unsere Stelle einerseits 
dem Pfandgläubiger für den Fall der Veräußerung des Pfandobjektes 
durch den Verpfänder eine Klage wie um anderes vitaf6 einräumt, 
was anderweitig nur noch von einer weiteren Stdle ausgesprochen 
wird, welche kaum als hieriier gehörig betrachtet werden darf,*) 
andererseits aber, was sonst entschieden nirgends bezeugt ist, dieses 
Klagerecht an eine kurze Verjährungsfrist bindet Aus dieser Deu- 
tung ergibt sich aber für uns sofort die weitere Schlußfolgerung, 
daß auch für den Fall, da der Besitz des Pfandobjektes dem Schuldner 
belassen wurde, durch den bloßfen Abschluß des Verpfändungsver- 
trages dem Pfandgläubiger ein sofortiges dingliches Recht erwuchs, 
welches sich je nach Umständen auch dritten Personen gegenüber 
geltend machen ließ. — Im übrigen ist das Rechtsverhältnis, welches 



^ GfL. 144. 

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n 



348 Abschnitt I. Das vcÖ. 

durch den Vertrag begründet wird, einfach folgendes: Ist die Schuld, 
zu deren Gunsten das veö bestellt wurde, eine betagte (eindagat fe), 
so hat der Pfandgläubiger am Zahltage das Pfandobjekt dem Schuldner 
zur Auslösung anzubieten, und gilt dasselbe sofort als verfallen (for- 
veöja), wenn diese daraufhin nicht erfolgt; *) den Fall, da der Besitz 
des Pfandobjektes ausnahmsweise beim Schuldner verblieben ist, be- 
spricht die Stelle nicht und wird sich somit wohl annehmen lassen, 
daß solchenfalls eben nur die Form des Anbietens des Pfandes zur 
Einlösung entsprechend modifiziert worden sein werde. Auch der 
andere Fall wird nicht besprochen, da die Pfandforderung keine be- 
tagte war; indessen läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß solchenfalls 
die unbetagte Forderung eben in der sonst üblichen Weise, nämlich 
durch ein Verfahren mittels krafa,*) vorgängig in eine betagte zu 
verwandeln war. Auf jenen ersteren Fall wäre zunächst die schon 
mehrmals in Bezug genommene Regel: „sitt veöfe ä hverr, ef fyrir 
vättom er veöjat; soeke sem vitafe"*) anzuwenden, wenn sie, wie 
doch kaum anzunehmen, überhaupt auf Pfandverträge mit zu be- 
ziehen wäre, sofeme das bei ihr vorgesehene Einklagen des Pfand- 
objektes notwendig voraussetzt, daß der Pfandgläubiger sich nicht 
ohnehin schon in dessen Besitz befindet; aber auch wenn wir von 
dieser Stelle absehen, wird eben doch als selbstverständlich anzu- 
nehmen sein, daß eben nur das Ausbleiben der Zahlung am Zahl- 
tage rechtsfbrmlich festzustellen war, ganz wie dies bei allen und 
jeden betagten Forderungen zu geschehen pflegte, worauf dann ohne 
weiteres dem Pfandgläubiger eine dingUche Klage auf das als ver- 
fallen geltende Pfand zustand. Aus der dinglichen Natur des Pfand- 
rechtes ergab sich aber für den Pfandgläubiger auch noch der weitere 
Vorteil, daß er sich im Falle der Zahlungsunfähigkeit seines Schuldners 
an das Pfandobjekt halten konnte, ohne sich einen verhältnismäßigen 
Abzug am Betrage seiner Forderung gefallen lassen zu müssen, wie 
solchen die übrigen Gläubiger zu erleiden hatten;*) dasselbe hatte 
sicherlich auch bei der Auseinandersetzung des Vermögens eines 
geächteten Mannes zu gelten, obwohl die Quellen dies nicht aus- 
drücklich aussprechen,*) die überhaupt nur von der Vermögensaus- 
einandersetzung eines überschuldeten Erblassers reden. Beachtens- 
wert ist aber dabei, daß auf den Wert des Pfandobjektes und dessen 



») GI»L. 50. 

•) ebenda, 35. *) ebenda, 144. *) ebenda, I15. 

*) V. Amira, Vollstreckungs verfahren, S. 128. 



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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. ^^g 

Verhältnis zum Betrage der Schuld gar kein Gewicht gelegt wurde; 
dasselbe verfiel im Nichtzahlungsfalle einfach dem Gläubiger, ohne 
daß von einem Verkaufe desselben oder von einer Abschätzung des- 
selben samt Herausgabe der Hyperocha an den Schuldner die Rede 
wäre, und umgekehrt liegt auch kein Grund vor zu bezweifeln, daß 
durch das Verfallen des Pfandes die Schuld schlechthin ihrem ganzen 
Betrage nach als getilgt galt, auch wenn dieselbe zufolge des unzu- 
reichenden Wertes des Pfandobjektes tatsächlich nicht ihrem vollen 
Umfange nach gedeckt war. Die Forderung war also insoweit aus- 
schließlich auf das Pfandobjekt angewiesen, während sie andererseits 
dieses auch seinem vollen Werte nach beanspruchen konnte, wenn 
anders die Zahlung nicht in gehöriger Weise erfolgte ; mit der oben 
ausgesprochenen Vermutung, daß der Pfandgläubiger die Gefahr für 
das Pfandobjekt nur in dem Falle zu tragen gehabt habe, wenn 
dieses in seinen Besitz gelangt war, steht jene Regel selbstverständlich 
nicht im Widerspruche. 

Es muß nun aber noch bemerkt werden, daß unser Rechtsbuch 
neben der Verwendung des veö im pfandrechtlichen Sinne, von 
welcher bisher allein die Rede war, noch eine ganz andere Anwen- 
dung desselben kennt Gelegentlich seiner Darstellung des gericht- 
lichen Verfahrens in Stammgutssachen erwähnt dasselbe nämlich, *) 
wie an dem dritten von drei sich folgenden Privatgerichten die 
Streitteile, welche ihren Rechtsstreit an diesen zu keiner endgültigen 
Entscheidung bringen konnten, in Bezug auf diesen weiter verfahren 
sollten; „|)eir scolo annatt tveggja veö ja, aeöa afläta annarr tveggja 
af sfnu male" heißt es dabei, und werden diese Worte sodann fol- 
gendermaßen des näheren erläutert Von den zwölf Richtern, mit 
welchen das dritte Privatgericht besetzt ist und von welchen je sechs 
von jedem der beiden streitenden Teile ernannt sind, soll jeder zwei 
aurar, also die Gesamtheit der sechs Richter einer jeden Partei 
zwölf aurar = i ^/^ Mark in unparteiische Hand legen (leggja undir 
jamna hond), und über diese ihre „veöjan" sollen sie unparteiische 
Zeugen aufrufen, worauf dann die Streitteile selbst „döme veö- 
jaöom" an das Viertelsding ziehen sollen. Am Viertelsdinge werden 
dann die Zeugen vorgeführt, welche beigezogen worden waren „|)ä 
er |)eir veöjaöo", und spricht hierauf das Ding sein Urteil; ist 
dieses ein einstimmiges, „|)ä ero aörir veöjaöar, ok skrökvättar, ok 
af sokn sinni", wogegen, wenn Einstimmigkeit nicht zu erreichen ist. 



») GI>L. 266. 

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3^0 Abschnitt I. Das veÖ. 

„dorne veöjaöom" an das fylkisl)ing gezogen wird. Von diesem 
geht der Zug, wenn auch an ihm kein einstimmiges Urteil zu er- 
langen ist, an die lögretta, d. h. an das Gula))ing, und findet die 
Sache durch deren Spruch ihre endgültige Erledigung, bezüg^ch 
deren gesagt wird: „nü hafa j)eir döme skotit i lögretto, j)ä veröa 
j)ar aörar veöjaöer, ok af sinu male, l)ä taka hinir veöfe sitt 
undan jamnre hende tvä aura af hverjum l)eirra, er veöjaör var; 
en j)eir skolo boeta aurum 3 hverr {)eirra viö erendreka konongs, 
ok boeta svä aptr misdoeme sitt; nü ero vättar hans skrökvättar, 
J)eir skolo boeta morkom 3 hverr j)eirra viö erendreka konongs, er 
j)at vitni baro, ok bera alldri ööals vitni sföan." An einer weiteren 
Stelle, welche von dem Ungehorsamsverfahren in Stammgutssachen 
handelt,*) wird ferner gesagt, daß der Beklagte, welcher seiner Ver- 
pflichtung nicht gehörig nachkommt, das halbe Privatgericht zu er- 
nennen, leiden müsse, daß der Kläger seine Klage und seine Be- 
weisführung vor dem unvollständig besetzten Gerichte vorbringe, daß 
er überdies das Recht auf die Führung eines Gegenbeweises einbüße 
und „hvergi sinu male skjöta, ne veöjan bjööa" dürfe. Die Sache 
stand also so, daß von dem letzten der drei sich folgenden Privat- 
gerichte der Zug an die Dinggerichte ging und zwar in der Art, 
daß von diesen zunächst das heraös|)fng, eventuell das fylkis|)ing, 
subeventuell endlich das lög|)fng angegangen werden konnte; beim 
Übergange aber an die Dinggerichte hatten die Richter, welche von 
den beiden Parteien in das Privatgericht ernannt worden waren, je 
zwei Unzen zu deponieren, und wurde sodann am Dinggerichte eine 
dreifache Frage entschieden, nämlich einmal, ob die Zeugen der 
einen oder die Zeugen der anderen Partei falsch ausgesagt haben 
und dafür in die gesetzliche Strafe zu nehmen seien, zweitens, ob 
die eine oder die andere Partei sachfällig und darum mit ihrem An- 
sprüche zurückzuweisen sei, endlich drittens, ob die Richter der einen 
oder der anderen Partei wegen falschen Spruches zu bestrafen und 
zugleich zum Verluste der von ihnen deponierten zwölf Unzen zu- 
gunsten des obsiegenden Teües zu verurteüen seien. Man sieht, die 
Deposition einer bestimmten Geldsumme seitens der beiden Richter- 
gruppen gilt als eine wesentliche Formaütät bei dem Zuge an das 
Dinggericht, weshalb denn auch beim Ungehorsamsverfahren die 
Ausschließung des Ungehorsamen von dem Zuge an das Dinggericht 
zugleich als Ausschließung desselben von dem Rechte, die Hinter- 



J) GI)L. 269. 



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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. ^tf 

legung jener Geldsumme zu fordern, bezeichnet werden kann. Die Be- 
zeichnung jener Geldsumme als veöfe, ihrer Hinterlegung als veöjar 
u. dgL m. weist darauf hin, daß man die Hinterlegung der Geld* 
summe als etwas mit der Bestellung eines Pfandes durchaus Gleich- 
artiges ansah, während sie doch in unseren Augen vielmehr dea 
Charakter der Eingehung einer Wette als den einer Verpfändung zu 
tragen scheint Von hier aus erscheint denn auch als zweifelhaft,, 
ob die schon mehrfach angeführten Worte einer weiteren Stelle : ^) 
„sitt veöfe ä hverr, ef firi vättom er veöjat; soeke sem vitaf^,'*^ 
nur auf die Verpfändung, oder nur auf die Wette^ oder auf beide 
Geschäfte zu beziehen seien. Ich behalte mir für einen späteren Ort 
die Untersuchung der Frage vor, wieweit sich in der Tat für Ver- 
pfändung und Wette gemeinsame Gesichtspunkte auffinden lassen,, 
und nicht minder soll erst später erörtert werden, wieweit etwa der 
Sprachgebrauch der Quellen zwischen beiden Instituten einigermaßen 
unterscheide ; indessen mag schon hier vorweg bemerkt werden, daß. 
der Ausdruck veöfe, soviel ich sehe, in den norwegischen Quellen 
stets nur die Wettsumme, dagegen nie das Pfandobjekt bezeichnet,, 
und das Zeitwort veöja immer nur im Sinne von wetten, nicht aber 
im Sinne von verpfänden gebraucht wird, ein Sprachgebrauch, an 
welchem auch die älteren schwedischen Rechtsquellen nach beiden 
Seiten hin festhalten.*) Um dieser Verschiedenheit der Terminologie 
willen dürfte die obige Stelle demnach dem Rechte der Wette und 
nicht dem des Pfandrechtes zuzuweisen sein. 

Ungleich weniger als die GI)L. bieten für das yeö die übrigen 
Rechtsbücher. Die FrostuJ)fngslög zunächst zeigen ganz die- 
selbe Zwiespältigkeit der Gestaltung, wie wir sie in den GpL. kennen 
gelernt haben. Auf der einen Seite nämlich erwähnen sie das veft- 
gelegentlich der Vormundschaft*) Sie fordern, daß der Vormund,, 
welcher unter seiner Verwaltung stehendes Mündelgut aus dem Ding- 
bezirke wegführen will, innerhalb dieses Bezirkes Grundbesitz von 
solchem Werte haben müsse, daß er für den Betrag des Mündel- 
gutes volle Deckung zu bieten geeignet (fullveöja) sei; daß femer 
die Ländereien, welche für das Mündelgut verpfändet wurden (er i 
veö er lögö ümaga fjär), nicht veräußert werden dürfen, ehe der 
Vormund nach beendigter Vormundschaft seinen Mündel vollständig 
befriedigt hat; daß endlich der Mündel, wenn sie dennoch veräußert. 



*) GJL. 144. *) vgl. V. Amira, Obligationsrecht, I, S. 194, 197 und 199^ 

^ FrJL. IX, 28. 



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352 Abschnitt I. Das TeÖ. 

wurden, nach erreichter Volljährigkeit sich zu ihnen ziehen und sie so 
lange in seinem Besitze behalten kann, bis er mit seinen Forderungen 
befriedigt ist. Wir können aus diesen Angaben, so dürftig sie sind, 
doch immerhin entnehmen, daß auch nach diesem Rechtsbuche lie- 
gendes Gut als veö bestellt werden konnte ; daß auch nach ihm die 
Übertragung des Besitzes am Pfandobjekte auf den Pfandgläubiger 
keineswegs erforderlich war; daß endlich auch nach diesem Rechte 
durch die bloße Verpfändung sofort ein dingliches Recht für den 
Gläubiger erwuchs, welches ihm erlaubte, auch dritten Personen 
gegenüber klagweise aufzutreten. Ob freilich im gegebenen Falle 
«in förmlicher Verpfändungsvertrag abzuschUeßen war, oder ob der 
Pfandnexus schon von Rechts wegen und ohne einen solchen ein- 
trat, ob ferner, was der Wortlaut der Stelle nahelegen könnte, die 
Verpfändung im gegebenen Falle dem Gläubiger nur ein Retentions- 
recht an dem Pfandobjekte, oder selbst nur das Recht, seine Ver- 
äußerung zu hindern, gewährt habe, oder ob ebenso wie nach den 
GI)L. bei beharrlicher Zahlungsweigerung des Schuldners auch hier 
•ein Verfall des Pfandes eintrat, ist aus der Stelle nicht ersichtlich, 
wenn auch nach der gesamten Entwicklung des norwegischen Pfand- 
rechtes das letztere als dringend wahrscheinlich bezeichnet werden 
darf. Auf der anderen Seite zeigt aber auch in den FrI)L., ganz wie 
in den GI)L., das gerichtliche Verfahren eine Verwendung des veö, 
und zwar bei zweifacher Gelegenheit Einmal nämlich wird ge- 
legentlich des Verfahrens in Schuldsachen die Berufung eines ersten, 
zweiten und dritten Privatgerichtes (kvööudömr) besprochen und 
dabei bestimmt,*) daß am dritten Gerichte, wenn Einstimmigkeit 
nicht zu erreichen ist, die vom Kläger ernannten Richter den vom 
Beklagten ernannten „veöj an bj öö a" sollen, wobei jeder der Richter 
zwei Unzen Silbers „veöja" soll. Diese Beträge werden zunächst 
in dritte Hand (undir jamnaöar hönd) gelegt; hinterher aber, nach 
gefällter Entscheidung, erhält der obsiegende Teil das „hvärs ))eir 
hafa veöjat". Weiterhin tritt aber nach einer zweiten Stelle*) ein 
ganz ähnliches Verfahren auch bei dem Prozesse in Stammgutssachen 
«in und wird hier wie dort das dritte Gericht als „veöjanardömr" 
oder „V e ö j a ö a r d ö m r**, d. h. verwettetes Gericht bezeichnet Augen- 
scheinlich ist in diesen letzteren Anwendungsfallen wieder ganz 
ebenso entschieden der Charakter einer Wette maßgebend, wie in 
jenem ersteren der Charakter einer Verpfändung, und kennen dem- 

») FrfL. X, 15. *) ebenda, XII, 8. 

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§ 2. Die norwegischen Provinzialrechte. ^c\ 

nach die FrpL. die zwiefache Anwendung des Institutes ganz in der- 
selben Weise, wie dies bei den GpL. der Fall ist — Dagegen kommt 
das veö in den beiden Rechtsbüchern der östlichen Reichshälfte nur 
in seiner pfandrechtlichen Gestaltung vor, wobei aber freilich zu be- 
rücksichtigen ist, daß wir von beiden Rechtsbüchem nur die das 
Christenrecht behandelnden Abschnitte besitzen, in welchen der Natur 
der Sache nach von Verpfändung sowohl als von Wette nur ganz 
zufällig und ausnahmsweise die Rede sein kann. Es enthalten aber 
dieBorgar|)ingslög die Vorschrift, ^) daß derjenige, welcher eine 
Leiche zur Kirche bringt, ohne sofort die Grabgebühr (legkaup) zu 
entrichten, dem Priester „veö 1 egg ja" soll, „eöa vöröslumann fä, 
|)ann er veöjum s^ jafngoör"; die Zusammenstellung des veö mit 
der Bürgschaft läßt in diesem Falle keinen Zweifel über die Bedeu- 
tung des ersteren aufkommen. Ganz ebenso lassen femer auch die 
£iösifa|)f ngslög für das legkaup ein Pfand bestellen (veö 
leggja);*) hier wird aber noch ausdrücklich bestimmt, daß das 
Pfandobjekt doppelt soviel wert sein müsse als der Betrag der Grab- 
gebühr, und daß es verfallen (forveöja) sein solle, wenn es nicht 
vor der Siebent ausgelöst (loeyst üt) werde, während der Priester 
nichtsdestoweniger seine Gebühr zu fordern habe. Diese letztere 
Bestimmung hat selbstverständlich mit der Natur des veö als solchem 
nichts zu tun, trägt vielmehr augenscheinlich einen nur strafweisen 
Charakter und ist auch aus der jüngeren Bearbeitung des Rechts- 
buches verschwunden; dagegen berührt sich, was über das Verhältnis, 
welches zwischen dem Werte des Pfandobjektes und dem Betrage 
der Pfandforderung gesagt ist, mit analogen Bestimmungen des älteren 
idändischen Rechtes, da man doch kaum wird annehmen dürfen, daß 
die neben der Pfandauslösung stehende Gebühr des Priesters durch 
den Wert des Pfandobjektes mit gedeckt werden wollte. Im übrigen 
aber liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß die anderen nor- 
wegischen Provinzialrechte in der Lehre vom veö irgendwie erheblich 
von dem Rechte des Gula))fnges abgewichen seien; vielmehr sprechen 
umgekehrt zwei Umstände sehr bestimmt dafür, daß unter ihnen 
allen auf diesem Gebiete eine grundsätzliche Übereinstimmung ge- 
herrscht haben werde. Einmal nämlich geht, wie dies unten noch 
nachzuweisen sein wird, sowohl das ältere isländische Recht in der 
Hauptsache denselben Weg mit den GI)L., als auch folgen die Ge- 
setzbücher der späteren Zeit in Norwegen noch wesentlich derselben 



>) BJL. I. 12; II. 21; m, 16. «) EJL. I, 48; II, 37. 

Maurer, Altnordisches Pfandrecht. 2$ 



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354 Abschnitt I. Das veÖ. 

Richtung; sodann aber setzen auch die Erzählungen der mytho- 
logischen, geschichtlichen und romantischen Quellen durchaus die- 
selbe Gestaltung des Rechtes voraus, wie sie oben auf Grund der 
GI)L. geschildert wurde. Auf ihren einschlägigen Inhalt ziehe idi 
indessen vor, erst an einem späteren Orte einzugehen, weil bezüglich 
ihrer schwer mit einiger Sicherheit auszuscheiden ist, was dem älteren 
norwegischen und was dem älteren isländischen Rechte zugewiesen 
werden muß. 



§ 3. Das Recht des isländischen Freistaates. 

Auch das ältere isländische Recht kennt ein Rechtsinstitut, für 
welches dasselbe die Bezeichnungen veö, lögveö, veömäli ver- 
wendet, und zwar zeigt dasselbe bei manchen Abweichungen im ein- 
zelnen im großen und ganzen wesentlich denselben Charakter wie das 
veö im altnorwegischen Rechte. Als Gegenstand des Vertrages 
kann zunächst Land vorkommen, und es scheint zumal sehr üblich 
gewesen zu sein, daß sich der Verkäufer von solchem ein Pfandrecht 
an demselben zugunsten seiner Forderung auf den Kaufpreis vorbe- 
hielt, da nicht nur unsere beiden Rechtsbücher mit den Worten: 
„ef maör selr land sitt manne, ok vill hann leggja ä lögmäla eöa 
lögveör" bei der Besprechung des Gegenstandes von diesem Falle 
ihren Ausgangspunkt nehmen, ') sondern auch das eine von ihnen 
mit den Worten: „nu vill maör leggja lögveö i land manns, hvart 
sem hann ätte l)at land äör, eöa er ^at er |)ä selr hann honom" noch 
besonders hervorzuheben sich bemüßigt sieht, *) daß sich der Ver- 
trag ebensogut auf Land beziehen könne, welches dem Verpfänder 
bereits früher gehörte, als auf solches, welches ihm eben erst von 
dem angehenden Pfandgläubiger verkauft wurde. Der Vertrag kann 
aber nicht minder auch auf Fahrhabe Anwendung finden, wie denn 
einmal „i eigine annars manns, hvärt sem er land eöa annat fe'" 
gesagt, ^) oder „1 lande" und „gripir aörir" sich gegenübergestellt 
wurden*) u. dgl. m.; wenn wiederholt „gripir** als Gegenstand der 



*) Konüngsbök, 192/98; StaÖarhölsbök, 401/432. 

') StaÖarhölsbök, 401/433. 

^) Konüngsbök, 192/99; StaÖarhölsbök, 401/433. 

*) Konüngsbök, 192/99—100; StaÖarhölsbök, 401/433. 



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§ 3. I^as Recht des isländischen Freistaates. ^cc 

Verpfändung erwähnt werden, ^) so ist dabei zunächst an bewegliche 
Sachen höheren Wertes zu denken. 

Hinsichtlich der Formen, welche beim Abschlüsse des Ver- 
trages einzuhalten sind, geben unsere Rechtsbücher sehr bestimmte 
Vorschriften, welche man sich freilich an ganz verschiedenen Stellen 
derselben zusammenzusuchen hat. Fest steht zunächst, daß der Ver- 
tragsabschluß durch Handschlag (handsöl) erfolgen muß, wobei 
die sämtlichen Bedingungen, unter welchen er erfolgte, in die Ver- 
tragsformel aufzunehmen waren ; unsere Rechtsbücher stellen nämlich 
ausdrücklich die Regel auf: ^) „ef maör selr land sitt manne, ok vill 
hann leggja ä lögmäla eöa lögveör, ok eiga J3eir at handsalaz j)ann 
mala, sem l)eir ero ä sattir, eöa veö". Bei dem Vertragsabschlüsse 
muß überdies, wenn derselbe rechtsgültig sein soll, das Pfandobjekt, 
auf welches er sich bezieht, den Vertragszeugen vorgewiesen werden, 
es sei denn, daß dasselbe ihnen ohnedies schon so bekannt wäre, 
wie wenn man es ihnen gezeigt hätte; außerdem muß aber der 
Vertrag auch noch vor fünf Nachbarn (büar) des Verpfänders be- 
kanntgegeben werden. Unser älteres Rechtsbuch zeigt diese Vor- 
schrift in die Lehre vom Exekutionsgerichte (feränsdörar) eingestellt, 
und lautet dieselbe hier: ^) „en |)ä er at lögom at farit, er synt er 
vättom veömäle, enda er ^6 rett, ef l}eim er svä kunnt j)at fe, er 
veömaelt er, at l)eir hafa set; en lysa skal veömäla fyrir büom 5, 
))ess manns büum, er fe sitt let veömaela"; in unserem jüngeren 
Rechtsbuche finden sich dagegen dieselben Regeln mit geringfügigen 
Änderungen in ihrer Wortfassung zuerst in die Lehre vom Schulden- 
gerichte*) und dann nochmals in die Lehre vom Grundgüterrechte 
an der Stelle eingeschaltet, welche überhaupt von der Verpfändung 
handelt*) Endlich mußte aber auch noch am nächsten Alldinge 
nach dem Vertragsabschlüsse eine feierliche Bekanntmachung (lysing) 
des Vertrages vom lögberge aus erlassen werden, vermöge der Regel:*) 
»|)ann mala skal lysa at lögbergi eöa J)at veö, sem l)eir höndsöluöuz 
hit naesta al|)ingi eptir kaup |)eirra". Nur für den Fall, da das Pfand- 
objekt bereits im nächsten Frühjahre verfallen und der Vertrag somit 
seine Wirksamkeit gar nicht bis zum nächsten Alldinge erstrecken 

*) vgl. die zuletzt angeführte Stelle ; ferner Kon üngsbök, 62/114 und 223/151, 
sowie Staöarhölsbök, 185/227 und 186/228—29. 

*) Konüngsbök, 192/98; StaÖarhölsbök, 401/432. 

•) Konüngsbök, 62/114 — ^S- 

*) Staöarhölsbök, 186/228—29. *) ebenda, 401/433. 

•) Konüngsbök, 192/98 — 99; Staöarhölsbök, 401/433. 

23* 



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356 Abschnitt I. Das veö. 

sollte, durfte nach unserem jüngeren Rechtsbuche die lysing am lög- 
berge unterbleiben, wogegen jene andere Bekanntmachung innerhalb 
des nächsten Monates nach dem Vertragsabschlüsse zu erfolgen hatte, 
und zwar vor fünf heimilisbüar des Verpfanders, wenn es sich um 
Fahrhabe, dagegen vor fünf landbüar, wenn es sich um Land han- 
delte ; ^) letzteres zwei Vorschriften, welche unbedenklich auch auf 
den regelmäßigen Fall hinüberbezogen werden dürfen, da der Be- 
kanntmachung vor den Nachbarn noch jene zweite am Alldingc 
nachfolgt Es sind demnach drei Förmlichkeiten wohl auseinander 
zu halten, an deren Erfüllung das Zustandekommen eines rechts- 
gültigen Verpfändungsvertrages gebunden ist, nämUch der Abschluß 
dieses Vertrages selbst mittels Handschlages und vor beigezogenen 
Zeugen, dessen nachfolgende Bekanntmachung vor fünf Nachbarn, 
sei es nun d^s Verpfänders selbst oder des verpfändeten Grund- 
stückes, endlich die nochmalige Verkündigung desselben am All- 
dinge, welche letztere freilich in einem bestinmit bezeichneten Aus- 
nahmsfalle auch unterbleiben konnte. Daß an ein paar Stellen nur 
von dem Vertragsabschlüsse und dessen Bekanntmachung vor den 
Nachbarn, ^) und an einer anderen nur von dem Vertragsabschlüsse 
und seiner Bekanntmachung am AUdinge gesprochen wird,*) darf 
uns an der Richtigkeit dieses Satzes nicht irre machen; das crstere 
findet ja darin eine gewisse Berechtigung, daß die Bekanntmachung 
am AUdinge in der Tat nicht unter allen Umständen notwend^ 
war, und das letztere erklärt sich daraus, daß an der einschlägigen 
Stelle gleich hinterher mit den Worten „)jä er lögmäle er lystr eda 
lögveö fyrir büom fyrst, en si}>an at lögbergi" von den beiden Be- 
kanntmachungen nebeneinander gesprochen,*) oder auch der auf die 
Verkündigung vor den Nachbarn bezüglichen Bestimmungen aus- 
führlicher gedacht wird,*) beides in einer Weise, welche deutlich 
erkennen läßt, daß man diese erste Verkündigung gewissermaflen 
als noch zum Vertragsabschlüsse selbst gehörig betrachtete. Wenn 
demnach in unserem jüngeren Rechtsbuche die zusammenfassende 
Regel ausgesprochen wird : •) „ef menn maela svä meö ser, at eigi 
skyli skylt vera at handsalaz, eöa at lysa mälann eöa ved, ok ä |)at 



») StaÖarhölsbök, 401/433—34. 

') Konüngsbök, 62/114— 15; StaÖarböUbök, 186/228—29. 
') Konüngsbök, 192/98 — 99; StaÖarhölsbök, 401/432 — 33. 
*) Konüngsbök, 192/99; in StaÖarhölsbök, 401/434 folgt der SaU aller- 
dings erst etwas später nach. 

*) StaÖarhölsbök, 401/433— 34, «) ebenda, 401/434. 



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§ 3- I^as Recht des isländischen Freistaates. ^cn 

eigi at halda, enda er l)ä hvärtki ä landeno veö ne male, en J)eir 
veröa ütiagir bäöir viö J)ann ^r sott vill hafa; skal stefna heiman, 
ok kvcöja til heimilisbüa 5 ä l)inge l)ess er söttr er", so werden 
wir diese Bestimmung, natürlich vorbehaltlich des oben erwähnten 
Ausnahmsfalles der l3^sing am lögberge, auf die sämtlichen drei Er- 
fordernisse ganz gleichmäßig zu beziehen haben, obwohl nur einer 
einzigen \fsing gedacht ist, und es darf uns an dieser Annahme 
auch der Umstand nicht irre machen, daß an einer zweiten Stelle*) 
die Ungültigkeit einer gesetzwidrigen Abrede dem Zusammenhange 
nach nur in Bezug auf den Ausschluß der l^sing am Alldinge, und 
an einer dritten Stelle ^) umgekehrt nur in Bezug auf den Ausschluß 
der lysing vor den Nachbarn verhängt wird. Wir werden vielmehr 
daran festhalten müssen, daß weder die handsöl noch die lysing vor 
den büar, noch endlich die l)^sing am lögberge durch eine gegen- 
teilige Verabredung der Parteien ausgeschlossen werden konnte, und 
ebenso werden wir anzunehmen haben, daß nicht nur die Rechts- 
beständigkeit des Pfandvertrages von der Einhaltung aller drei Förm- 
lichkeiten abhängig gestellt war, sondern daß die Eingehung eines 
gegenteiligen Vertrages für die Kontrahenten auch eine Geldstrafe 
von drei Mark nach sich zog, welche mittels einer Popularklage ein* 
getrieben werden konnte, obwohl allerdings die beiden zuletzt an- 
geführten Stellen nur jener ersten, nicht auch dieser zweiten Folge 
der widerrechtlichen Abrede Erwähnung tun. Ein paar weitere 
Stellen, welche die Gültigkeit des Verpfändungsvertrages davon ab- 
hängig stellen, daß bei dessen Abschluß den gesetzlichen Vorschriften 
entsprechend verfahren worden sei, sind hiermit wohl vereinbar. 
EHe eine von ihnen ist die oben bereits angeführte, welche als ge- 
gesetzlichen Vertragsabschluß denjenigen bezeichnet, bei welchem 
das Pfandobjekt den Zeugen gezeigt wurde, falls es ihnen nicht 
ohnehin schon genugsam bekannt war, und bei welchem auch die 
l3^8iDg vor den büar erfolgte;*) die andere aber fordert ausdrücklich, 
daß „at lögom veö maelt ok lyst at lögom" sei,*) und nimmt dabei 
auf die oben besprochenen Erfordernisse Bezug, nur freilich ohne sie 
mit vollster Genauigkeit aufzuzählen. Bedenklicher ist eine weitere 
Stelle, welche sich lediglich in unserem jüngeren Rechtsbuche findet, 
und welche folgendermaßen lautet: *) „ef maör leggr veö f land manns, 

^) Konüngsbök, 192/99. *) StaÖarhölsbök, 186/228—29. 

•) Konüngsbök, 62/114—15; StaÖarhölsbök, 186/228. 
*) Konüngsbök, 223/151; StaÖarhölsbök, 185/227. 
*) StaÖarhölsbök, 402/445. 



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Abschnitt I. Das tcÖ. 



sä er hann ä fe at öörom, enda fare hann eigi at lögom meö veö- 
eno, jiä verör enge heimting til landsens, ok svä til fjärens |)ess er 
hann lagöe veö i landet fyrer'', soferne man in derselben nicht nur 
die Ungültigkeit der Verpfändung, sondern überdies auch noch den 
den Verlust des Klagerechtes auf die Schuldforderung an die Nicht- 
einhaltung der formellen Vorschriften über die Eingehung des Ver- 
pfandungsvertrages geknüpft finden könnte. Man müßte solchenfalls 
in der Bestimmung eine spätere, unorganische, weil über die Kon- 
sequenz des Rechtes hinausgehende Entwicklung des älteren Rechtes 
erkennen; richtiger dürfte es indessen sein, die Stelle überhaupt nicht 
auf ein unkorrektes Verfahren beim Abschlüsse des Pfandvertrages 
zu beziehen, sondern auf eine nicht korrekte Behandlung des richtig 
begründeten Pfandrechtes, worauf der Ausdruck „at fara eigi at lögum 
meö veöeno" in der Tat auch besser paßt So verstanden, gehört 
die Stelle gar nicht hierher und werde ich mich später noch mit 
derselben des näheren zu beschäftigen haben. Da, soviel ich sehe, 
des Erfordernisses der handsöl immer nur an Stellen gedacht wird, 
welche von einer Verpfandung von Land sprechen, könnte man sich 
ferner versucht fühlen, dasselbe mit der anderwärts bezeugten Vor- 
schrift in Verbindung zu bringen, daß Verträge über Liegenschaften 
als solche ein für allemal der Zuziehung von Zeugen bedurften, um 
gültig zu sein,^) außer etwa, wenn das verkaufte Land ganz geringen 
Umfanges war, ^) und daß unser älteres Rechtsbuch sogar kurzweg 
die Regel aufstellt:') „handsala skal landkaup, svä er sem ökeypt 
se ella". Indessen scheint doch eine derartige Vermutung durch die 
Tatsache widerlegt zu werden, daß auch bei der Verpfändung von 
Fahrhabe das Pfandobjekt den Zeugen vorzuzeigen war, was denn 
doch zugleich mit der Beiziehung von Zeugen auch den Gebrauch 
der handsöl beim Vertragsabschlüsse vorauszusetzen scheint, wie denn 
auch die doppelte lysing ganz gleichmäßig vorgeschrieben war, 
mochte nun liegende oder fahrende Habe verpfändet werden wollen. 
— An das Gebot einer zweifachen lysing beim Abschlüsse des Ver- 
pfändungsvertrages schließen sich aber noch weitere Vorschriften 
an, welche, obgleich nicht auf die Eingehung des Vertrages be- 
züglich, doch gleich hier zur Sprache gebracht werden sollen, wie 
sie denn auch in den Quellen in diesem Zusammenhange abgehandelt 



*) Konüngsbök, 169/75; ^S\' ^^^h Laxd<£la, 47/aio*r»ia. 
«) Staöarhölsbök, 390/418—19. 
') Konüngsbök, 174/80. 



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§ 3. I^as Recht des isländischen Freistaates. jjC) 

werden,^) Ist nämlich die zweifache Bekanntmachung vor den Nacb- 
bam und am Dinge vorschriftsmäßig erfolgt, so soll zwar insolange 
keine weitere lysfng des Vertrages mehr nötig sein, als die beiden 
Kontrahenten sowohl als die von ihnen bei der lysfng am Ding 
beigezogenen Zeugen noch leben und dem Pfandgläubiger ihrem 
Namen nach bekannt sind; dagegen hat, sobald einer dieser vorbe- 
haltenen Fälle eintritt, eine neue lysfng am lögberge zu er- 
folgen, welche von drei zu drei Jahren zu wiederholen ist, wenn das 
Pfandrecht nicht erlöschen soll Die angeführten Stellen besprechen 
diese Regel in kasuistischer Weise ; deren Abdruck bedarf aber einer 
geringfügigen Berichtigung, um völlig verständlich zu werden. Un- 
sere Texte fordern nämlich zunächst die Erneuerung der lysfng so- 
wohl für den Fall, da die bei der früheren Bekanntmachung beige- 
zogenen Zeugen sterben, als für den anderen, da der Pfandgläubiger 
ihre Namen vergißt, und für den dritten, da der Verpfänder stirbt; 
unmittelbar darauf folgen aber die Worte: „Ef sä deyr er mälan 
atte, |)a scolo erfingiar ens dauöa scipta l)eim mala meö sör. Ef 
J)eir ero fleire en einn, oc scal sä lysa et ))ri])ia hvert sumar at lögbergi, 
er mälann ä eöa veö, ef l)at er", worauf in der Konüngsbök, aber 
nicht in der Staöarhölsbök, noch die weiteren Worte sich anschließen : 
„Rett er at selja öörom manne f hönd at l3^sa veö eöa mala". Da 
ist nun klar, daß beim Tode des Pfandgläubigers die Verpflichtung 
zur Erneuerung der lysfng sich unmöglich nur auf den Fall be- 
schränken kann, da dieser mehrere Miterben hinterläßt und unter 
diesen sein Pfandrecht zu teilen kommt, sondern daß sie ganz gleich- 
mäßig auch in dem anderen Falle eintreten muß, da derselbe nur 
von einer einzigen Person beerbt wird, wie denn auch unmittelbar 
zuvor ausdrücklich gesagt wird: „|)ann mala l)arf eigi optarr at l)^sa, 
me|)an J)eir vättar Ufa, ok hann man vättanna, ok l}eir lifa bä|)ir er 
l)ann mala ättaz viö". Es ist demnach verkehrt, die Worte: „Ef J)eir 
ero fleire en einn" zu dem folgenden Satze: „oc scal sä l3^sa" usw. 
zu ziehen, wie dies ja auch schon daraus hervorgeht, daß der erstere, 
von einer Mehrheit von Personen sprechende Satz nicht wohl den 
Vordersatz zu dem zweiten bilden kann, welcher nur von einer 
redet; jene ersteren Worte sind vielmehr augenscheinlich zu dem 
unmittelbar vorhergehenden Satze zu ziehen : „|)ä skulu erffngjar ens 
dauöa skipta {jeim mala meö s^r", und bedarf somit die Stelle le- 
diglich einer Änderung der Interpunktion, indem vor: „ef |)eir ero 



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